der in ihr verborgene Keim entwickeln. Viel Schnee wird den Boden des
Waldes mit seinem weißen Tuche überdecken, viel Tau wird im Frühling
darauf herniedersinken, und durch die dichtbelaubten Wipfel wird oft
die heiße Julisonne ihre wohltuenden Strahlen senden. Und es wird zwar
lange dauern, aber endlich wird sich doch eine junge, grüne Eiche im
Winde schaukeln; noch können die kleinen Vögel, die auf ihr sitzen,
ihren dünnen Stamm zur Seite biegen. Aber wenn die Jahrhunderte an
ihrem sich immer mehr ausbreitenden Gipfel vorüberziehen, dann wird
sich erst die ganze Größe des Baumes in seinem reichen Blätterschmuck
an den vielfach verästelten Zweigen entfalten. Generationen werden
unter seinem Schatten sitzen, und die Zahl seiner Jahre kann kaum noch
gezählt werden. So geht in der Natur jeder Fortschritt nur gemach
vonstatten, und so folgt auch in dem göttlichen Werke der Schöpfung ein
Weltenalter mit gemessenem Schritt auf das andere.
Fußnoten
[7] Parabolische Kometen nennt man diejenigen, die anstatt in
einer geschlossenen Kurve um die Sonne zu kreisen und in gewissen
Perioden stets den nämlichen Punkt zu berühren, sich aus der Ellipse
entfernen, um nicht mehr dahin zurückzukehren. Sie wandern in unfaßbare
Entfernungen, verschwinden aus dem Bereich der Anziehung unserer Sonne,
gehen in andere Systeme über und setzen so ihr vagabundierendes Leben
fort.
Fünftes Kapitel.
Im Orient.
Dem Gestirn, das mit liebevoller Sorgfalt die weitere Entwicklung der
Erde verfolgte, war es nicht entgangen, daß in der letzten Zeit die
einzelnen Stufen rascher aufeinander gefolgt waren. Dreitausend Jahre
sind indessen ein verhältnismäßig so geringer Zeitraum, daß der darin
erreichte Fortschritt von keiner großen Bedeutung sein kann. Nur an der
Zahl seiner Vorübergänge an der Erde vermochte der Komet festzustellen,
welche Fortschritte die Erde in der Zwischenzeit gemacht hatte und
wie weit sie auf ihrem Wege zu vielleicht unendlicher Vervollkommnung
gelangt war.
Mehr als jemals in seinen Hoffnungen bestärkt, machte sich unser
Philosoph mit größtem Eifer daran, die Sitten jener patriarchalischen
Stämme Indiens einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Aber welch
großer Unterschied lag doch zwischen ihnen und denen der Bewohner
anderer Welten, die er vor langer, langer Zeit kennen gelernt hatte!
Wie weit waren diese Völker doch noch von dem wahren Zeitalter der
Humanität entfernt, in dem Poesie, Wissenschaft und Kunst die Bildung
einer Nation ausmachen! Wenn unter dieser flachen Hirnschale der Geist
schon erwacht und sich seiner Kraft bewußt geworden war, dann war er
ganz gewiß noch nicht über jenen halbnächtlichen Zustand, in dem noch
die Traumwelt vorherrscht, hinausgekommen. Er lebt in einer beständigen
Furcht; als höhere Wesen betet er die Elemente, die Naturerscheinungen
an. Aber sein Sinnen ist schon erwacht, und die Poesie führt ihn
bereits zum gemeinsamen Urquell aller Dinge.
Erst im Jahre Dreizehntausendfünfhundertundvierzehn vor unserer
Zeitrechnung geschah es, daß der Komet zum erstenmal auf der Erde
etwas zu entdecken glaubte, was einer menschlichen Stadt ähnlich sah;
in Wahrheit war es jedoch nur ein unregelmäßiger Haufen aus Stein
erbauter Hütten. Der Enthusiasmus aber, mit dem er diese Entdeckung
begrüßte, läßt sich nicht in Worten ausdrücken; glücklich war er, nun
endlich einen handgreiflichen Beweis dafür zu haben, daß die Herren
der Erde in ihrer Entwicklung und in ihrem Familienleben Fortschritte
machten. Aus einer ungeheuren flüssigen Ebene, die den größten Teil
der Erdoberfläche gleich einem smaragdenen Tuche überdeckte, hob sich
ein weites unregelmäßiges Dreieck in ockergelber Farbe ab. Dieser
Erdteil schien nicht so fruchtbar zu sein wie der benachbarte, der zu
seiner Rechten angrenzte, und auf dem noch die bereits oben erwähnten
indischen Stämme lebten; in seinem äußersten Norden war aber eine
Landschaft von außerordentlicher Fruchtbarkeit und größter Schönheit
zu erblicken. Es schien fast so, als ob der Mensch imstande gewesen
wäre, das Gebiet der Erde vollständig zu übersehen, die verschiedenen
Gegenden miteinander zu vergleichen, und gerade die fruchtbarste und
schönste zu seiner Niederlassung auserwählt hätte. Inmitten dieser von
der Natur bevorzugten Gegend strömte ein breiter, mächtiger Fluß dahin,
der sich kurz vor seiner Einmündung ins Meer in zwei Arme teilte, und
oberhalb des Deltas war die erste Stadt entstanden. Memphis hieß sie,
die in späteren Jahren ihre königliche Oberherrschaft an This, eine
Stadt Oberägyptens, abgeben sollte, bis noch später Theben die beiden
Städte ablöste und in den Schatten stellte.
Wohl ist es wahr, daß der himmlische Beobachter die weiße Rasse unter
den Menschen noch nicht bemerkt hatte, aber es entging ihm auch nicht,
daß sich in der äußeren Erscheinung der Menschen doch schon ein ganz
gewaltiger Fortschritt kundgab. Er sah, wie zur Ausführung größerer
Arbeiten Menschen sich zu Gruppen zusammenscharten und daß bereits ein
festes Band die einzelnen Familien eines Stammes zusammenhielt. Wenn
des Abends sein feuriger Schweif den Horizont schmückte, konnte er
sehen, wie Menschen ihren Führern an den Nil folgten, an seinen Ufern
niederknieten, um in den stillen Gewässern des Stromes das Bild des
Kometen zu betrachten. Andere, in ihrer Kleidung wesentlich von jenen
unterschieden, stiegen in der Nacht auf hohe Pyramiden und suchten dort
den Stand des Kometen unter den anderen Sternen festzustellen. Es war
dies der Ursprung wissenschaftlicher Forschung, aber auch zu gleicher
Zeit der Anfang der Unterjochung furchtsamer und unwissender Völker
durch tyrannische und rücksichtslose Männer.
Da der Komet die Erde doch nur in langen Zwischenräumen besuchte, wird
man es begreiflich finden, daß er von all dem, was der Mensch in seinem
Hochmut mit der stolzen Bezeichnung »Weltgeschichte« benennt, nur eine
ganz unbestimmte Vorstellung gewann. Nur in großen Zügen konnte er
von seinem Stand am Himmel verfolgen, wie die einzelnen Perioden der
Schöpfung der Erde aufeinander gefolgt waren, er sah sie aber nicht
durch den trügerischen Spiegel, dessen die Menschen sich bedienen,
um alles, was sie betrifft, recht groß zu machen, und das, was ihnen
fremd oder unbegreiflich ist, recht klein erscheinen zu lassen. Der
Komet konnte sich zwar naturgemäß nicht rühmen, alle Einzelheiten der
Geschichte der Erde zu kennen; aber er konnte sich -- und es ist dies
auch mehrmals geschehen -- zum Dolmetscher der Erde bei den anderen
Gestirnen machen und ihnen die Geschichte unseres Planeten mit einer
Klarheit und einer auf eigner Anschauung beruhenden Genauigkeit
erzählen, die allen Täuschungen der Menschen bedeutend überlegen war.
Es wäre daher sehr unrecht, wenn man sich etwa darüber wundern wollte,
daß unser beobachtender Freund sich nicht besser über die Einzelheiten
des irdischen Lebens zu unterrichten suchte. Seine Art, zu beobachten,
konnte keine andere werden, und das Erscheinen des Menschen auf der
Erde hat ihn auch nicht zu bewegen vermocht, seine Besuche in kürzeren
Zwischenräumen zu wiederholen.
So würde er zwar nicht bestimmen können, ob sein Vorbeigang im Jahre
Zehntausendvierhundertundneunundvierzig in die Periode der Ptah oder
erst in die des Re, des Chons oder des Set fiel, nach denen die
ägyptischen Priester ihre Jahre zählten; er wußte aber ganz genau,
daß eine der unserigen benachbarte Sonne, von der Kometen, die von
dort kamen, ihm glänzende Schilderungen entworfen hatten, der große
und schöne Sirius, es vermocht hatte, die Blicke und Gedanken, die
Bewunderung und Verehrung der Priester von Ober- und Unterägypten auf
sich zu ziehen. Er dürfte wohl auch nicht bestätigen können, daß in
dem entlegenen Zeitabschnitt, von dem der indische Kalender seinen
Ausgang nimmt, die Söhne des Ostens bereits imstande waren, den Punkt
der Sonnenwende festzustellen; ganz zweifellos wußte er aber, daß
die Inder die Sonne verehrten, ebenso Agni, den Gott des Feuers, und
daß sie dagegen Indra, den Gott des Blitzes, fürchteten. Aus eigener
Beobachtung wußte er auch, daß aus dem Orient das Licht der Erkenntnis
hervorgehen würde, das später den Okzident erhellen sollte.
Dem Kometen war es auch vollkommen klar, daß, wenn es der Erde
beschieden sein sollte, ein Wohnort für vernunftbegabte Wesen zu
werden, diese Wandlung nicht in zwei Tagen geschehen könnte, sondern
daß auch die Menschheit zu diesem Ende eine lange Lehrzeit durchmachen
müßte. Es ist ein weiter Weg, der zur Zivilisation einer Welt führt!
Nach seinen Jahren von dreitausend Erdenjahren Länge hatte der Komet
in der Theorie sich ausgerechnet, daß die Erde in vier bis fünf
Jahren die Kinderschuhe werde ausziehen können. Vier Jahre, zu dem
hinzugerechnet, bei dem wir jetzt in unserer Erzählung stehen, ergeben
1811 unserer Zeitrechnung! Hat sich der Komet getäuscht? In der Praxis
freilich, sagte sich der Komet selbst, wird hierzu ein viel längerer
Zeitraum erforderlich sein, da nach allem, was er sehen konnte, die
Menschen durchaus nicht von dem Verlangen, sich zu vervollkommnen,
beseelt zu sein schienen, sondern viel lieber sich gegenseitig zu
schädigen suchten. Eine Beobachtung, die sich ihm aufdrängte, machte
ihn im höchsten Grade betroffen, und er hat sie nie vergessen können.
Noch immer steht er unter dem Eindruck, den er erhielt, als er aus
seinen Himmelshöhen Zeuge einer jener großen und blutigen Schlachten
war, wie sie in der Frühzeit der Geschichte geschlagen wurden, ein
Eindruck, der sich im Laufe der Zeiten nicht verwischte, sondern
sich immer wieder erneuerte, denn, solange es auf der Erde Menschen
gibt, hat unser teilnehmender Freund auch nicht ein einziges Mal die
Erde besucht, ohne daß er nicht irgendwo gesehen hätte, wie diese
Geschöpfe sich gegenseitig totschlugen. Es schien ihm fast so, als
ob sie nur dazu geboren wären, ihre Kräfte aneinander zu messen, und
sobald sie sich stark genug dazu fühlten, ihre Macht gegeneinander zu
gebrauchen. Anstatt, wie auf anderen Welten, eine geeinte, solidarische
Familie zu bilden, lagen die Menschen der Erde fortwährend mit sich
selber im Kampfe. Nach dieser Erfahrung, folgerte er, müsse man die
Zahl der Jahre, die für die Lehrzeit der Menschen erforderlich sei,
vervierfachen.
Durch ein unvorhergesehenes Ereignis, das wir hier nur beiläufig
erwähnen wollen, sollten die Beobachtungen des Kometen zu der Zeit,
in der wir uns jetzt befinden, eine kleine Lücke erhalten. Bei seinem
Vorübergange im Jahre Siebentausenddreihundertundvierundachtzig
wurde seine Aufmerksamkeit ausschließlich durch den Mond in Anspruch
genommen, und die neun Monate, die der Komet angesichts der Erde
verweilte, flossen dahin, ohne daß er Zeit gefunden hätte, seine
Beobachtungen auf unserem Planeten fortzusetzen. Schon im Jahre
Neunundfünfzigtausendvierhundertundneunundachtzig, also siebzehn
seiner Jahre vorher, war dem Kometen auf dem der Erde benachbarten
Gestirn, der sie wie ein treuer Trabant unablässig begleitet, eine
allgemeine Bewegung aufgefallen, die auf der Oberfläche des Mondes
eine ganz ungewohnte Änderung herbeiführte. Zwei voneinander ganz
verschiedene Naturen hatten auf seinen beiden Halbkugeln Platz
gegriffen; Mondbewohner, die von einer der beiden Hemisphären auf die
andere übergingen, glaubten in eine ganz andere Welt zu kommen. Als
ob das Gesetz von dem Gleichgewicht der Kräfte dort nicht existierte,
nahm der reichere Teil den ärmeren Teil unmerklich in sich auf.
Er sog ihm förmlich den Saft des Lebens aus, als ob es sein Wille
gewesen wäre, das Reich der Mondbewohner allein ohne einen Nebenbuhler
beherrschen zu wollen. Sämtliche flüssige Massen sowie alle zu Gasen
verflüchtigten Körper zogen von der der Erde zugewandten Seite auf die
andere hinüber, und gerade zu der Zeit, in der der Komet an der Erde
vorbeiging, fand der Auszug der Seleniten, der Mondbewohner, nach der
Halbkugel ihres Gestirnes statt, die nur noch allein bewohnbar blieb.
Man sah sie überall sich rüsten, und von allen Seiten liefen sie nach
der Grenze des Horizontes, und alles, alt und jung, groß und klein, arm
und reich, wanderte nach der neuen Welt. Die unglückselige Hälfte des
Mondes blieb von der Zeit an vollkommen verödet, und wir sehen heute
ihre erloschenen Krater und die ausgetrockneten Meere, die ewig in ein
grausiges Schweigen gehüllt sind.
Fast hätte noch ein anderes Ereignis den Studien unseres Kometen ein
frühzeitiges Ende gemacht. Bei seinem drittletzten Vorübergange glaubte
er schon alles Leben auf der Erde der Vernichtung preisgegeben zu
sehen. Eine ungeheure Flut hatte sich über sie ergossen, angeschwollene
Ströme hatten Wiesen und Felder verwüstet, Ebenen und Gebirge
schienen unterwühlt zu sein; auch das Meer schien die Grenzen seines
Reiches überschritten zu haben, um die bisherigen Kontinente seiner
todbringenden Herrschaft zu unterwerfen. Als sich aber gegen Abend
die Erde gedreht hatte und dem Kometen ihre andere Hälfte zuwandte,
vermochte er zu erkennen, daß diese Sintflut keine allgemeine war.
Sie beschränkte sich nur auf die uralten Gegenden Asiens, während
die beiden ungeheuren Dreiecke Amerikas im schönsten Sonnenschein
dalagen. Die üppigste Vegetation herrschte hier, die Tierwelt befand
sich auf der Höhe ihrer Blüte, und die Menschen, die dort wohnten,
freuten sich ihres Lebens und beteten ihre schöne Natur an. Es waren
die Vorfahren der Tolteken, auf die zuerst die Chichimeken und dann
die Azteken folgten. Diesen war es auch beschieden, das Reich der
Tapaneken, Akolhuaner usw. in das ihrige einzuverleiben. Sie gründeten
die berühmte Stadt Tenochtitlan auf den Inseln des Tezcuco-Sees,
die sie später zu einer einzigen Insel umschufen, um eine feste
Grundlage für die Hauptstadt Mexikos zu gewinnen. Man sah auch die
Berge, auf denen Manco-Capac eines Tages die Republik der Inkas,
die Sonnenanbeter waren, gründen sollte. In ihr Reich zog später
Pizarro ein, um es zu erobern und dann das Vize-Königreich Peru zu
gründen. In den beiden Amerika lagen viele voneinander getrennte
kleine Staaten. Nicht mit Unrecht dachte der Komet, daß, wenn durch
ein plötzlich hereinbrechendes Unglück die asiatische Kultur auf dem
Grunde des Meeres verschwände, Amerika sie recht wohl ersetzen könnte.
Bald aber hatte er die Gewißheit, daß die Menschheit doch nicht in
Gefahr stand, vom Erdboden zu verschwinden. Während die »neue Welt«
zum Leben erwachte, wuchs die »alte« immer mehr und schuf so Ersatz
für den kleinen Teil, den sie tatsächlich der großen Flut hatte zum
Opfer bringen müssen. Ägypten besaß auch schon eine wirkliche Stadt,
in der man bereits Paläste und Türme unterscheiden und die Anfänge
einer einförmigen Skulptur erkennen konnte. Hohe Pyramiden bildeten
Wahrzeichen der dortigen Kultur, und in Indien entstanden ebenfalls
große Städte. Auch Europa machte sich schon bemerkbar; erwachend,
erkannte es, daß es bereits Tag geworden war, und fühlte das Verlangen
aufzustehen und an der Kultur mitzuarbeiten. Nur in Australien konnte
unser Komet noch keine höher gearteten Wesen, als große Affen,
erkennen, die einander Grimassen schnitten.
In Gesellschaft der so verschiedenartig gestalteten menschlichen Rassen
entdeckte der Komet auch seltsam geartete Tierformen, die heute nicht
mehr vorhanden sind: Da war der ~Elephas primigenius~ oder das Mammut,
ein ungeheurer Elefant, der 15--18 Fuß hoch war und mit gekrümmten
Stoßzähnen, die wenigstens 12 Fuß in der Länge maßen, bewaffnet war.
Als man in späteren Zeitaltern fossile Knochen dieses Mammut zusammen
mit menschlichen Gebeinen fand, hielt man sie irrtümlich für Überreste
von Riesen, die 20 Fuß groß gewesen sein sollten! Da sah man das
~Rhinoceros tichorhinus~, ein über und über mit Haaren bedecktes
Ungeheuer, in dem wir wohl das Urbild des die Höhle bewachenden
Drachen der Sage zu erblicken haben; auf der Höhe des Montmartre
hauste der Höhlenbär in Gesellschaft riesenhafter Tiger; der Wisent
und der Auerochs, welcher in Gallien von Cäsar auf dessen Rückwege von
Bibracte noch gesehen wurde, bevölkerten die Wälder, ebenso der ~Cervus
megaceros~, eine Hirschart, die mit einem kolossalen Geweih von 10--12
Fuß Breite geziert war; diese Hirsche fielen den ersten menschlichen
Jägern, die mit Pfeil und Bogen schossen, als Beute zu. Auch prächtige
Vögel, wie man sie heute nicht mehr sieht, gab es, wie der Dinornis
oder Epiornis, dessen Eier 25 Zentimeter lang waren. Sie gehörten zu
der Familie der Strauße und gaben in der damaligen Fauna eine sehr gute
Figur ab.
Die Ureinwohner Frankreichs, die Kelten, die ein Glied der
indogermanischen Völkerfamilie waren, kannten diese würdigen
Nachkommen vorsintflutlicher Tiergeschlechter noch ganz gut. Der
Komet beobachtete die Kelten mit Interesse, und sie verdienten es
auch, daß er ihnen seine Aufmerksamkeit zuwandte, die hunderttausend
Jahre vorher die Riesen der Vorwelt auf sich gezogen hatten; übrigens
eine bedeutungsvolle Perspektive, daß dasselbe Gestirn, zu dem wir
aufblicken, schon Geschlechtern, die seit Jahrhunderten erloschen, und
Völkern, die bereits für immer in den Abgrund der Zeiten verschwunden
sind, leuchtete. So vergehen wie Eintagsfliegen die Wesen, die für
uns alles Dasein darstellen, während die Natur, die wir als etwas
Selbstverständliches hinnehmen, ewig in ihrer erhabenen Größe bestehen
bleibt.
Es war im Jahre 1254 vor Christi Geburt, als unser ehrwürdiger
Reisender zum vorletztenmal an der Erde vorüberging. Damals führten
unsere Ahnen noch ihr einförmiges Naturleben inmitten der dunklen
Wälder, die zu jener Zeit noch das Land bedeckten. Ihr Ehrgeiz ging
über die Scholle, auf der sie geboren waren, nicht hinaus, und sie
genossen in Frieden das Licht des Himmels und die Güter der Erde.
Ihre Großonkel, die wir bereits vor einigen tausend Jahren im fernen
Orient kennen gelernt haben, führten noch immer dasselbe frohgemute
Leben. Aber im Gegensatz zu den Kelten, die friedlich in den Wäldern
ihres Landes wohnten, suchten sie weitere Eroberungen zu machen. Doch
die Zeit ist nicht mehr fern, in der auch die Kelten nach dem Süden
wandern und hinter sich die Kimmerier, Scordisken, Taurisker, Boier
und Zimbern lassen werden; jetzt aber erfreuen sie sich noch des
Glückes ihrer Kindheit, aber auch sie werden groß und mächtig werden.
Anderseits jedoch sind die Völker, die wir bereits betrachtet haben,
von ihrer Höhe zurückgegangen. Ägypten schläft, Memphis ist tot, This
träumt und Theben, das hunderttorige, erwacht. Aber es dauert nicht
mehr lange, und der Wüstensturm wird alle diese Städte hinwegfegen. Ach
wieviel verschwundene Kulturen! Babylon, das vor fünfzehnhundert Jahren
gegründet wurde, ist bereits gesunken, und Ninive, das ihm folgte,
liegt in Trümmern. Ecbatana taucht auf, aber nur um später Persepolis
Platz zu machen, das auch seinerseits wieder fallen wird. Assyrer,
Meder, Perser, Chaldäer waren nichts weiter als abgestoßene Glieder
einer großen Völkerfamilie. Auf der anderen Halbkugel schritt Amerika
nur langsam vorwärts. Im östlichen Asien waren in China die Keime der
Kultur aufgegangen; und überallhin sandte die Sonne ihre befruchtenden
Strahlen und hüllte Länder und Meere in ihr friedliches Licht. Vor
kurzem erst war ein kleines Volk aus Ägypten ausgezogen, jetzt setzte
es sich längs des Meeres fest, aber es hatte sich noch keine Könige
gewählt. Schließlich ist noch im Süden Europas eine kleine Halbinsel
zu erwähnen, deren Bewohner, die erst vor achthundert Jahren dorthin
gekommen waren, älter als der Mond sein wollten und behaupteten, der
Grille gleich, die von ihren Frauen als Wahrzeichen im Haare getragen
wurde, aus dem Boden der Erde entstanden zu sein. Damals beschäftigte
eine wichtige Begebenheit die Bewohner dieses Landes. Ein gewisser
Paris hatte eine sehr schöne Dame, namens Helena, die rechtmäßige
Gattin des Königs Menelaus, entführt und nach einer einige Grade
entfernten Stadt Kleinasiens gebracht. Das ganze Volk geriet dadurch
in Aufregung. Überall wurden Waffen hergestellt, Pferde gezäumt,
Säbel geschärft, Harnische geglättet, Panzerhemden gewebt, Schilde
geschmiedet, Beinschienen gefertigt, Lanzenspitzen befestigt, Stöcke
mit Eisen beschlagen, das Gepäck gepackt. Solch große Vorbereitungen
hatte der Komet noch nie gesehen. Zu seinem Unglück, oder besser
gesagt, zu seinem Glück, konnte er das Ende des Krieges nicht abwarten,
denn die Belagerung der Stadt dauerte nicht weniger als zehn Jahre,
und in diesen zehn Jahren hatte der Komet viele Millionen Meilen
durchflogen; das hinderte ihn aber nicht, sich darüber klar zu werden,
daß man einer Kleinigkeit wegen sehr viel Lärm mache, und sich zu
sagen, daß er den Bewohnern der Erde, wenn sie fortfahren sollten, sich
um Nichtigkeiten so hinzumorden, schließlich nicht mehr die Ehre seiner
Beachtung würde zuteil werden lassen.
Sechstes Kapitel.
Von der Sintflut bis zum Jahre 1811.
»Welche Veränderung seit vorigem Jahr!« rief der Stern mit dem
leuchtenden Schweif, als er bei seinem letzten Erscheinen, von dem die
Geschichte berichtet, zur Erde zurückkam. »Ist das dieselbe Welt, die
ich vor ganz kurzer Zeit noch in ihrer Kindheit sah? Ist dies dasselbe
Volk, das vordem so gering an Wert und klein an Zahl, so furchtsam
und schwach war? Ist denn nichts mehr von dem vorhanden, was ich hier
gesehen und gehört habe? Menschen, Völker, Städte, Länder -- alles
hat sich geändert! Wo sind die alten Barden, die mich zum Zeugen für
keltisches Gesetz und Recht anriefen? Wo ihre Altäre und Druidensteine?
Wie viele Umwälzungen seit meinem Weggange! Ich sehe hier weder die
Kelten noch die Kimrier, und dort unten weder Griechen noch die Völker
Mediens. Was für eine Stadt ist dies hier? Unmöglich, das kann nicht
die Erde sein!« ... Vor Staunen konnte der Komet sich kaum fassen.
Seit seinem letzten Besuch hatte die Erde sich tatsächlich sehr
verändert, denn man zählte das Jahr des Heils 1811, und in vollem
Glanze leuchtete der Komet über Paris.[8]
Für die Sterne im allgemeinen und für die großen Kometen im besonderen
wollen dreitausend Jahre nicht gerade viel sagen: Im Kalender der
Ewigkeit sind sie weniger als eine Sekunde. Aber für den Menschen --
das wissen wir alle sehr gut -- sind dreitausend Jahre viel, sehr viel!
Wie viele Generationen hat die Welt gesehen seit 1254 vor Christi
Geburt! Griechenland, Latium und seine Könige, die römische Republik,
Karthago, das römische Kaiserreich und sein Sturz, die Barbaren,
das west-römische Reich, die Gründung von fränkischen, deutschen,
angelsächsischen, heidnischen, christlichen, mohammedanischen Reichen,
das Aufkommen und der Verfall des Lehnswesens in Frankreich, das dann
die Monarchie, die Republik und das Kaiserreich erlebte! Alle diese
Veränderungen hatten sich langsam vollzogen, und für den Kometen waren
sie nicht vorhanden. Und was müßte sich erst ergeben, wenn wir, anstatt
uns auf ein einziges Land zu beschränken, den ganzen Erdball in den
Kreis unserer Darstellung zögen? Die ganze Geschichte der Menschheit
könnte in dem Zeitraum von 1254 v. Chr. bis 1811 n. Chr. eingeschlossen
werden, der für den Kometen doch nur ein einziges Jahr bedeutet. Seine
Überraschung war daher ganz gerechtfertigt und zu verzeihen. Ohne
es zu merken, war er von heute auf morgen von Agamemnon zu Napoleon
übergegangen, und man wird zugeben müssen, daß es einen größeren Sprung
nicht gut geben kann.