Schon bevor der Komet die Erde zum erstenmal gesehen hatte, hatte er

diese Beobachtungen bereits gemacht, und es unterliegt keinem Zweifel,

daß hierin der Grund für seine anfängliche Geringschätzung der Erde

zu suchen ist. Was ihm aber bei seinen Wahrnehmungen am meisten

aufgefallen war und wohl auch dazu beigetragen hatte, sein Vorurteil

gegen die Erde immer mehr zu bestärken, das war die Kleinheit unseres

Planeten im Verhältnis gerade zum Jupiter. Es wollte ihm scheinen,

als sei die Erde nur ein vom Jupiter losgelöster Mond, und er war

lange Zeit nicht geneigt, sich eines Besseren belehren zu lassen. In

der Tat muß ihm ja zugegeben werden, daß der Kontrast zwischen den

Größenverhältnissen des Jupiter und der Erde ungeheuer ist. Nicht

weniger als elfmal ist der Durchmesser des Jupiter größer als der der

Erde, und dementsprechend mißt seine Oberfläche hundertundzwanzigmal

mehr und beträgt sein Körperinhalt dreizehnhundertmal mehr als der der

Erde!

Mars befand sich um jene Zeit in einer ähnlichen Lage wie die

Erde. Obgleich er ihr älterer Bruder ist, war er doch nicht rasch

vorgeschritten, vielmehr war er in seiner Entwicklung aufgehalten

worden. Als später der Komet die Erde zum Gegenstand seiner Forschungen

gemacht hatte, beschränkte er sich nur auf sie, und es wäre ihm schwer

gefallen, seine Aufmerksamkeit zwischen der Erde und einem anderen

Gegenstand zu teilen, wenn ihm dieser nicht etwas weit Interessanteres

dargeboten hätte. Die Erde blieb das Objekt seiner Gedanken.

Der Mond war damals von dem kleinen Volk der Seleniten bewohnt. Man

wird es leicht glauben, daß diese Welt in der Tat zu klein war, um

das Interesse des erhabenen Reisenden für längere Zeit in Anspruch zu

nehmen.

Trotz der unserer Erde in so hohem Maße entgegengebrachten Neigung

des Kometen, hätte doch beinahe ein Ereignis, wie es im Leben eines

jeden eines Tages vorkommen kann, diesen seinen so beharrlichen und

lehrreichen Beobachtungen ein Ende gemacht. Auch bei den Bewohnern des

Weltenraumes gibt es gewisse Vorgänge, die man mit solchen bei den

Erdenbewohnern in Parallele stellen kann. Wir müssen einen Augenblick

bei einem derartigen Ereignis verweilen, denn es kommt ihm immerhin

eine gewisse Bedeutung zu: wir sprechen nämlich von einer Art ehelicher

Verbindung des Kometen.

Schon seit siebenundzwanzigtausend Jahren hatte ein prächtiges

Meteor, das mit schönster Form einen Farbenglanz von reinstem Wasser

verband, von weitem in den Gefilden des Himmelsraumes den Schweifstern

daherziehen sehen. Die Einsamkeit macht nachdenklich, und man wird

es daher glaubhaft finden, daß sich das Meteor in seiner Einsamkeit

zu dem Gestirn mit den langen goldenen Haaren hingezogen fühlte.

Siebenundzwanzigtausend Jahre lang näherte sich, infolge des Gesetzes

der allgemeinen Schwerkraft, die Bahn dieses Meteorsteines, der zu

den größten seiner Gattung gehörte, immer mehr der des Kometen.

Bemerkt sei hierbei, daß diese großen Meteorsteine ganz ebenso wie

die Kometen ihre Bahnen um die Sonne ziehen. Je näher er an den

Kometen herankam, desto rascher flog er auf ihn zu, und zuletzt schoß

er mit einer Geschwindigkeit von viertausend Meilen in weniger als

einer Minute in die Sphäre des Kometen hinein, so daß er, von weitem

gesehen, dessen Kern darzustellen schien. Ob dies vielleicht der Anfang

zur Bildung neuer Kometen war? Darüber schweigt die Geschichte, und

die Philosophen, die bei der Erklärung dieses Umstandes sich durch

nicht passende Analogien haben bestimmen lassen, sind in lächerliche

Übertreibungen verfallen. Auf welche Weise aber auch die Kometen sich

bilden mögen, das eine steht fest, daß es am Himmel so viele gibt

als Fische im Meere; wir berufen uns hierbei auf Kepler und fragen:

Was müßte geschehen, wenn sich ihre Zahl willkürlich ins Ungeheure

vermehrte? Es bedarf einer gewissen Entschlossenheit, um mit kaltem

Blute die zahllose Masse jener Gestirne zu betrachten, die in raschem

Fluge ihre Bahnen gegenseitig kreuzen, und man muß staunen, daß ihre

vielfältigen Bahnen, welche die Bahn der Erde nach allen Richtungen hin

kreuzen, nicht häufige Zusammenstöße zwischen den Planeten und Kometen

herbeiführen.

Wir wollen uns jedoch hierbei nicht länger aufhalten. Für uns bleibt

der Komet, was er war, die handelnde Person unserer Erzählung. Das

Meteor ist in ihm aufgegangen und seine Persönlichkeit existiert nicht

mehr.

Inzwischen war das Meer von jener Ebene, auf der sich Paris erheben

sollte, zurückgetreten; ein gewaltiger Strom, weit größer als die

heutige Seine, nahm deren Flußbett ein, sowie einen breiten Saum längs

desselben, und warf sich nicht weit von ihrer heutigen berühmten

Mündung bei Havre, aber etwas oberhalb derselben, in der Gegend von

Caudebec, ins Meer; dagegen war das Cap de la Hève weiter in den

Ozean vorgeschoben. Bekanntlich rücken die Ufer eines Flusses infolge

des Sandes, den das Wasser mit sich führt, einander immer näher, und

auch die Mündung versandet allmählich, während das Meer hingegen die

vorspringenden felsigen Gestade nach und nach abrundet. So ist die

Gestalt der Küste in fortwährender Umwandlung begriffen.

Die Natur ging ihrem jetzigen Aussehen entgegen. Vögel sangen bereits

in den Wäldern, die wohl das ganze heutige Frankreich bedeckten.

Murmeltiere, Eichhörnchen, Feldmäuse, Biber, Pferde, Hunde usw. waren

die ersten Vertreter jener harmloseren Tierwelt, die dann, nachdem

der Mensch erschaffen worden war, bestehen bleiben sollte. In den

geschmeidigen Zweigen der Liane kletterten bereits die ersten Affen und

schnitten ihre Grimassen, auch sie, von allen Geschöpfen am meisten den

Menschen ähnlich, waren Vorläufer des »Herrn der Schöpfung«.

Fußnoten

[6] Die Ellipse einiger Kometen ist so lang, daß sie zur Zeit ihres

Apheliums eine Kälte zu ertragen haben, von der wir uns keine

Vorstellung machen können, während sie zur Zeit ihres Periheliums

so nahe an der Sonne vorbeigehen, daß sie einer ebenso unfaßbaren

Hitze ausgesetzt sind. Newton schätzt das Wärmequantum, welches der

Komet von 1680 bei seinem Vorbeigange an der Sonne in sich aufnehmen

mußte, achtundzwanzigtausendmal so groß als die Wärme, die wir zur

Zeit der Sommer-Sonnenwende von der Sonne empfangen, und setzt seine

Temperatur zweitausendmal größer an als die von rotglühendem Eisen.

Newton fügt hinzu, daß es die Bestimmung der Kometen sei, dereinst in

die Sonne zu fallen, um deren Glühen zu unterhalten. Hierauf wollte

wahrscheinlich der Verfasser der »Briefe aus dem Grabe« anspielen, als

er folgendes schrieb: »Ein kolossaler Komet, größer noch als Jupiter,

hatte noch dadurch an Umfang zugenommen, daß er unterwegs verschiedene

kleinere Kometen, die bereits in der Auflösung begriffen waren, in sich

aufgenommen hatte. So durch verschiedene kleine Erschütterungen einmal

aus seiner Bahn gebracht, konnte er sich nicht mehr in seine Ellipse

hineinfinden, und dieser Unglückliche stürzte in die verzehrende Glut

der Sonne ... Man will wissen, daß der arme Komet, der so bei Lebzeiten

verbrannt wurde, schrecklich geschrien haben soll.«

Viertes Kapitel.

Die vorpariserischen Pariser.

Bei den ständigen Beobachtungen, welche die Kometen auf ihren

Wanderungen anstellen, haben sie die sehr lobenswerte Angewohnheit

angenommen, sich niemals auf ihr jeweiliges Urteil allein, so scharf

und unparteiisch es auch sein mag, zu verlassen. Sie sind von jeder

Voreingenommenheit frei, und man kann ihnen nicht den Vorwurf machen,

daß sie etwa irgendeinem Machthaber zu Gefallen etwas nicht sagten,

was sie dächten, oder etwas sagten, was sie nicht dächten. Nach jeder

Richtung hin unabhängige Reisende, wie sie es sind, verbringen sie

ihre Zeit damit, vergleichende Beobachtungen anzustellen, und sie sind

vielleicht die weisesten von allen Himmelskindern. Um ein Beispiel

von der Klugheit, die sie bei keiner ihrer Handlungen vermissen

lassen, anzuführen, wollen wir nur erwähnen, daß unser Komet bei

allem Wohlwollen, das er der Erde entgegenbrachte, und trotz des

vorgeschrittenen Zustandes, in dem sich der Planet zurzeit befand,

doch das Vergnügen herbeisehnte, auf dieser so zur Freude geschaffenen

Welt ein mit Vernunft begabtes Wesen begrüßen zu können. Gegen das

Ende der Tertiärperiode, das heißt vor vierzig Kometenjahren oder

gegen das Jahr hundertundviertausendvierhundertundneunzig vor Beginn

unserer Zeitrechnung, suchte er dieses Wesen auf der Erde, denn er

folgerte sehr richtig, daß, da auf den anderen Planeten vernunftbegabte

Geschöpfe vorhanden waren, solche auch auf der Erde erscheinen müßten.

Da er aber von derartigen Wesen noch keine Spur entdecken konnte, so

beruhigte er sich damit, daß die Erde für diese neue Schöpfung, die

doch einst kommen müsse, noch nicht reif wäre, und daß all ihre Pracht

und Herrlichkeit zunächst noch für eine vernunftlose Lebewelt da sei.

Frankreich war eben aus den Wassern emporgestiegen. Wie es ja vorkommt,

daß hervorragende Geister die Zukunft ganzer Reiche im Geiste vor

sich sehen, so ahnte der Komet die künftige Bedeutung dieses Teiles

der Erde und wandte ihm sein Interesse zu. Zweimal hatte sich bereits

das Meer von neuem über den herrlichen Landstrich ergossen, bevor

sein Gestade diejenige Gliederung annahm, deren Charakter ihm auch

für die Zukunft bleiben sollte. Eine Bevölkerung, die sich aus den

verschiedensten Elementen zusammensetzte, bewohnte das Land. Dort, wo

einst Paris stehen sollte, sah der Komet sehr merkwürdige Vorfahren der

zukünftigen Großstädter. Im Schlamme der Moräste brüllten Nilpferde und

Megatherien; Kamele und andere Wiederkäuer zogen ihres Weges einher.

Hirsche mit riesigen Geweihen und flinke Hirschkühe suchten und flohen

einander in den tiefen Gründen des Waldes. An den Ufern der Seine,

auf deren schönen Promenaden später Stutzer ihre elegante Erscheinung

bewundern lassen sollten, waren schon Pfauen als erste Vertreter der

Eitelkeit zu erblicken und in ihrer Nähe stolzierten Störche mit

gravitätischen Schritten.

Wie heutzutage war auch damals die Fauna bunt gemischt. Hasen liefen

Schildkröten in den Weg, und Hunde blickten auf Katzen mit Verachtung

herab; die kleinen Gänse liefen hinter den großen einher, aber die

Raben hatten es noch nicht gelernt, sich mit fremden Federn zu

schmücken. In voller Freiheit sprangen die Pferde auf den weiten Wiesen

umher und ließen ihre Mähne lustig im Winde flattern. Die Rinderarten

lebten in Herden gesellig beisammen und man sah sie in Gruppen mit den

jungen Tieren zur Tränke wandern und von einer Weide zur andern ziehen.

Die gesetzten Schrittes daherschreitenden Elefanten, die ältesten

Glieder dieser Periode, betrachteten sich als Herren dieses friedlichen

Reiches. Um diesem schönen Gemälde, das nur die Gegenwart des Menschen

noch vermissen ließ, noch den letzten Pinselstrich zu geben, sah man

in der Ferne die schneebedeckten Gipfel hoher Berge sich in den Wolken

verlieren. Näher heran konnte man dunkle Wälder erkennen, die in ihrem

überwiegenden Teile mit schwarzen Tannen bestanden waren. Am Rande der

Wälder erhoben sich dichtbelaubte Erlen und Eichen in Abwechslung mit

saftigen grünen Linden; in der Ebene waren hochaufstrebende Pappeln

zu schauen und über den Ufern der murmelnden Quellen wiegten sich die

Büsche der Weiden.

Die Verschiedenheit, die zwischen den Gebilden zweier Welten herrscht,

ist ganz ungeheuer, und die Geschöpfe eines Weltkörpers ähneln in

keiner Weise denen eines anderen. Der Stoff, aus dem die Gebilde

bestehen, ist durchaus passiver Natur; er fügt sich gehorsam der Kraft,

die ihn leitet, und diese allein herrscht unumschränkt. Daher kommt es

denn auch, daß die Naturkraft, welche auf den verschiedenen Weltkörpern

an Intensität nicht gleich ist, auf ihnen Wesen hervorgebracht hat, die

voneinander so bedeutend abweichen. Trotz der Verschiedenheit aller

Bedingungen konnte der Komet doch bereits erkennen, daß auch die Erde

sich jenem bleibenden Zustande näherte, in dem sich ihre Gefährten

im Weltenraum bereits befanden, jenem Zustande, in dem ein Herrscher

endlich von seinem Reiche Besitz ergreift. Es war deutlich zu sehen,

daß sie sich für ihren Gebieter einrichtete, wobei freilich alle

Entwicklungsformen einen ganz eigenen Charakter aufwiesen. So konnte

ein aufmerksames Auge ohne Mühe erkennen, daß die Erde mannigfache

Wohnungen vorbereitet hatte, die -- von denen anderer Planeten freilich

sehr abweichend ausgestattet -- darauf warteten, ihren Benutzer

demnächst einziehen zu sehen.

Sollte man es jedoch wohl glauben, daß der Komet noch gegen dreißig

seiner Jahre, von denen jedes mehr als dreitausend Erdenjahre

umfaßt, warten mußte, bevor seine Hoffnungen sich zu verwirklichen

schienen? Oft machte er trügerische Entdeckungen, und zuweilen

glaubte er menschliche Spuren zu erkennen. In der großen Entfernung,

in der er sich immerhin von der Erdoberfläche hielt, erblickte

er oft Scharen neuer Wesen: Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans,

die ihm das so sehr gesuchte Wesen zu sein schienen, aber immer

wieder mußte er seinen Irrtum erkennen. Zu gewissen Zeiten, nämlich

in den Jahren Vierundvierzigtausendundhundertvierundsechzig,

Einundvierzigtausendundneunundneunzig,

Achtunddreißigtausendundvierunddreißig und

Vierunddreißigtausendneunhundertundneunundsechzig hatten seine

Hoffnungen ihren Höhepunkt erreicht. Wie uns gelegentlich im

Monat April schöne Sommertage, an denen vom Erdboden Licht,

Wärme und Blumenduft in die weichen Lüfte aufsteigen, durch ihr

frühzeitiges Erscheinen erfreuen, so gab es auch in diesem April der

Entwicklungsgeschichte der Erde einen verfrühten Sommer. Ein neues

Wesen, das ganz dazu angetan schien, die Herrschaft über die Erde an

sich zu nehmen, war in den lachenden Fluren eines großen Erdteils,

der inzwischen bereits wieder verschwunden ist, aufgetaucht. Schon

gesellten sich die Viehherden zu ihm, als wollten sie ganz von selbst

dem neuen Wesen untertänig werden, schon schienen die Elemente dem

Einzuge des Königs und der Errichtung seiner Herrschaft geneigt zu

sein, aber es handelte sich auch hier um eine frühzeitige Frucht, und

der Komet erkannte bald, daß es noch keine Menschen waren.

Vielleicht darf man diesen ursprünglichen Wesen, von denen ich eben

sprach, den Namen »Troglodyten« geben, weil sie natürliche Höhlen,

die sich entweder an den Seiten von Bergen oder in der Einsamkeit der

Wälder befanden, bewohnten. Niemals legten sie Steine aufeinander,

um einen größeren Bau aufzuführen. Möglich, daß sie die Ahnen des

Menschengeschlechtes und das verbindende Glied zwischen dem Menschen

und den früheren Tierarten waren, denn ~natura non facit saltum~.

Unser aufmerksamer Reisender konnte dieses große Rätsel jedoch nicht

lösen. Während der vier Jahre, die wir genannt haben, beobachtete

er sie unausgesetzt, ohne daß er über ihre wahre Natur mit sich ins

Reine kam, und als im Jahre Einunddreißigtausendneunhundertundvier vor

unserer Zeitrechnung der Komet wieder in sein Perihelium trat, waren

sie wieder verschwunden, und vergeblich suchte er auf der Erde ihre

Spuren oder ihre Nachfolger.

In den Lichtungen der jungfräulichen Wälder sah man bisweilen auch

große Affen herumspazieren, einen Stock in der Hand schleppend, und

manchmal konnte man auch zwei große Parteien, die sich mit abgerissenen

Baumzweigen bewaffnet hatten, erkennen, wie sie am Rande eines Gehölzes

aufeinander losschlugen. Tote und Verwundete blieben auf dem Platze,

und man ließ sie liegen, ohne sich weiter um sie zu bekümmern. Andere

Affen, die miteinander harmlos und zutraulich spielten, zeigten sich

hinterlistig, sobald sich ihnen Gelegenheit zu losen Streichen bot, was

immerhin auf eine gewisse Intelligenz schließen ließ. Mehrere dieser

gespieligen Geschöpfe taten sich bisweilen zusammen, um ein träges

Krokodil aus dem Schlummer aufzuschrecken. Fuhr dieses nun plötzlich

aus dem Schlafe auf, so liefen sie eiligst davon, und das Krokodil

vergnügte sich nun seinerseits damit, unversehens zuzuschnappen und den

Kleinsten oder Ungeschicktesten, den es greifen konnte, zu verspeisen.

Auch vereinigten sich ganze Scharen zu fröhlichen Gelagen, bei denen

vermutlich die Hochzeit irgendeines hervorragenden Mitgliedes ihres

Kreises gefeiert wurde. Um die Wahrheit zu gestehen, waren dies die

einzigen irdischen Wesen, die damals den Kometen interessierten.

Fünfzigtausend Jahre lang sah er sie immer wieder, ohne daß sie ihn

langweilten. Die anderen auf der Erde lebenden Geschöpfe schienen auch

noch nicht den vierten Teil ihres Verstandes zu besitzen. Pferde,

Elefanten, Hunde und Katzen schienen wohl gelehriger, und es war wohl

möglich, daß ihre Erziehung durch den Menschen sie einst in ferner

Zukunft auf eine höhere geistige Stufe bringen und sie verständiger als

die Affen machen würde; für jetzt aber nahmen unbestreitbar die Affen

den ersten Rang in der Schöpfung ein.

In den heißen Gegenden des Äquators entdeckte der Komet später andere

Geschöpfe, die mit den eben geschilderten die größte Ähnlichkeit

hatten. Sie waren genau so wie diese behaart, lebten ebenso wie diese

in kleinen Familien in Schluchten oder Wäldern, schlugen sich von Zeit

zu Zeit tot, machten auf die Vögel des Himmels Jagd und hielten sich

während der Nacht verborgen. Nur in zwei Punkten unterschieden sie sich

unwesentlich von den vorher geschilderten Geschöpfen, und zwar einmal

darin, daß, während jene viel miteinander spielten, diese von wilderem

Charakter zu sein schienen, und daß sie zweitens bisweilen Stämme zu

Scheiterhaufen aufeinander schichteten und verbrannten, was die früher

Beobachteten niemals versucht hatten. Davon abgesehen, glichen sie sich

fast wie zwei Wassertropfen einander.

Durch einen jener glücklichen Zufälle, wie sie sonst nur in Romanen

vorkommen, begegnete unser Komet in demselben Jahre, in dem er

die eben geschilderte Beobachtung machte, einem anderen großen,

»parabolischen«[7] Kometen, der vom Stern α im Zentauren heranzog,

unserem Nachbarn, der uns bekanntlich jedoch nur auf fünf und eine

halbe Billion Meilen nahe kommt. Die beiden Kometen freuten sich der

so selten vorkommenden Gelegenheit einer Begegnung, und der aus dem

Zentauren begleitete unseren Helden, bis sie an die Bahn des Neptun

kamen. Sie plauderten zwar nur einen kurzen Kometenaugenblick zusammen,

das heißt nur dreihundertundneunzig Jahre lang, aber diese Zeit genügte

vollkommen, um unseren Kometen in gute Laune zu versetzen, denn sein

Kollege, der viel Scharfsinn besaß, hatte ihn versichert, daß er ohne

Zweifel, wenn er auf der Erde habe Feuer anzünden sehen, auch Grund zu

der Annahme hätte, daß dort ein mit Vernunft begabtes Geschlecht leben

müsse.

Sie hatten sich von den weiten Reichen unterhalten, die jenseit des

Neptun sich erstreckten, und der parabolische Komet hatte dabei von

einer großen Bildung und bedeutender Erfahrung Zeugnis abgelegt. Sein

Gefährte war lebhaft interessiert, denn um uns über Wert und Eigenart

verschiedener Gebiete zu unterrichten, gibt es kein besseres Mittel als

die Berichte zuverlässiger Reisender. Aber anderseits stimmen diese

Berichte oft nicht mit unseren Anschauungen über gewisse feststehende

Wahrheiten, die z. B. mit Volksangehörigkeit nichts zu tun haben,

überein, und auch der Komet aus dem Zentauren geriet in große

Widersprüche, wenn auf derartige Wahrheiten die Rede kam. Aus diesem

Grunde entschloß sich unser Held, allen Lockungen unbekannter Fernen

gegenüber fest zu bleiben und niemals parabolisch zu werden. Von ihrer

weiteren Unterhaltung will ich nichts erzählen, denn wir würden davon

doch nichts verstehen. Selbst mit unseren schärfsten Fernrohren können

wir kein Bild des Lebens auf dem Neptun erhalten, und um diesen Punkt

drehte sich ihr Gespräch.

Als auf seinem Rückwege sich unser unerschrockener Wanderer wiederum

der Erde näherte, erwartete ihn Gutes. Seine geliebte Erde zeigte

sich ihm bei Sonnenaufgang und bot ihm einen solch sinnberückenden

und wunderbar schönen Anblick, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Bei

dem blauen Himmel strahlte sie förmlich von Jugend und Schönheit.

Die Wiesen prangten in frischem, taubenetztem Grün, die Knospen der

Blumen entfalteten sich, und am Hagedorn blühten die wilden Rosen. Ganz

zweifellos war die letzte Periode in der Entwicklungsgeschichte der

Erde herangenaht -- die Quartärzeit hatte begonnen.

Freilich, wenn noch zahlreiche Vulkane inmitten der Gebirgsketten

rauchten und der rötliche Qualm wirbelnd zum Himmel stieg, wenn

die Erde noch zitterte und ihre trägen Glieder gewaltsam zu dehnen

suchte; wenn noch plumpe Dickhäuter den grünen, saftigen Schmuck der

Wiesen zerstampften, während in den Wüsten Löwen und Tiger brüllten;

wenn die großen geflügelten Jäger aus den Lüften sich auf kleine

furchtsame Geschöpfe stürzten, um sie zu verschlingen, wenn in der

salzigen Meeresflut noch unerbittliche Ungeheuer lauerten -- dann

konnte die Erde noch keine vollkommene Schöpfung sein, dann mußte sie

eine untergeordnete Welt bleiben, in der das Gesetz der Vernichtung

herrschen sollte, das ja, leider, über dem Gesetz des Lebens steht. Auf

der anderen Seite war auch nicht zu verkennen, daß die ursprünglichen

unförmlichen Gestalten bereits verschwunden waren, um neuen Formen

Platz zu machen, die sicherlich eine bleibende Stätte finden sollten.

Es war ganz augenscheinlich, daß für die Berge auf dem festen Lande und

für die Wälder am Meere die Zeit, in der ein Wesen kommen sollte, das

ihren Wert wohl zu würdigen verstände, in der Gegenwart und nicht mehr

in der fernen Zukunft lag.

Im höchsten Grade begierig, endlich auf der Erde Wesen erscheinen zu

sehen, die fähig wären, die Schönheit ihrer großartigen Landschaften

zu bewundern, edle und kräftige Geschöpfe, in deren Kopfe die

heilige Flamme des göttlichen Gedankens Platz gegriffen hätte, blieb

dem aufmerksamen Kometen nichts übrig, als abzuwarten. Vor sechs

Kometenjahren hatte er gesehen, wie unbehaarte Zweifüßler von Höhle

zu Höhle liefen und sich leidenschaftlich der Jagd ergaben. Das Jahr

darauf hatte er Wesen entdeckt, die mit Pfeil und Bogen, mit steinernen

Messern und Äxten bewaffnet waren und sich bisweilen auch in kleinen,

von Sümpfen geschützten Behausungen zusammentaten, ja sogar nach Art

der Biber ihre Wohnungen in die Seen bauten. Aber es wollte dem Kometen

nicht einleuchten, daß das menschliche Geschlecht nicht höher geartete

Vertreter als diese haben sollte. Bei jedem Vorbeigange nach seinem

Perihelium war er auf das eifrigste bemüht, die gesamte Oberfläche

der Erde mit seinen Blicken zu durchmustern, und sein Herz zitterte

dabei vor Erregung, jeden Augenblick eine neue Enttäuschung erleben

zu müssen. Seit fünfzigtausend Jahren, ganz besonders aber seit den

letzten zehntausend Jahren wartete er auf das Erscheinen des Menschen,

und sein Eifer verdiente es wohl, von Erfolg gekrönt zu werden.

In den fruchtbaren Tälern, welche die oberen Zuflüsse des Indus

bewässern, am Fuße der Riesenketten des Himalaja, herrscht ein

ewiger Frühling, der seinen wohltätigen Einfluß weithin verbreitet.

Hier war es auch, wo der iranische Tierkreis entstand, der von

einem Punkte am Himmel, welcher die Sonnenwende des Jahres

Neunzehntausenddreihundertsiebenunddreißig vor unserer Zeitrechnung

bezeichnet, seinen Ausgang nimmt. Nach diesem ersten astronomischen

Kalender richteten später zwei große Völkerrassen ihr Leben ein. Zur

Zeit, als der Komet vorbeiging, waren sie noch vereint, es waren

die Arier, ein Hirtenvolk, das, wie der Komet auf den ersten Blick

erkannte, den Völkern, die bisher auf der Erde gelebt hatten, überlegen

war. Abgesehen von einer mehr entwickelten äußeren Gestalt, gaben sie

durch untrügliche Zeichen von ihrer geistigen Regsamkeit Kunde. Die

einzelnen Familien hatten sich zu Stämmen zusammengetan und schlugen

bald hier, bald dort ihre Zelte auf, wobei sie sich stets nach der

Sonne richteten. Der Orient erwachte, und vielleicht sollte in ihm

die Wiege des Geistes entstehen. Hatte vielleicht Gott schon auf sein

letzterschaffenes Wesen seine Hand gelegt, um seine Stirn mit dem für

alle Zeiten unvergänglichen Zeichen seines Geistes zu schmücken? Oder

hatte er die gebrechliche Stirn dieses noch zu jungen Geschöpfes noch

nicht berührt? ... Nicht gleich am ersten Tage nach seiner Geburt kann

das Kind von seiner Vernunft Gebrauch machen.

Komet und Erde: Eine astronomische Erzählung · 第 3 / 6 段