Sekundärzeit, von der Jura- und Liasperiode bis in die letzten
Abschnitte der Kreidezeit. In einem Zwischenraume von dreitausend zu
dreitausend Jahren konnte er verfolgen, wie die verschiedenen Arten,
sowohl der Tier- als auch der Pflanzenwelt, sich langsam aber stetig
weiter entwickelten. Da der Komet sich allmählich an die Umwälzungen,
unter denen sich neue Ereignisse zu vollziehen pflegten, gewöhnt hatte;
da er Zeuge gewesen war, wie große Fluten von Grund aus einzelne
Teile der Erdoberfläche umgewandelt hatten; da er gesehen hatte, wie
Kämpfe im Innern der Erde sich in Vulkanausbrüchen Luft machten, und
wahrgenommen hatte, wie Gebirgsketten sich aus der Ebene erhoben und
die Erdoberfläche bereits anfing, die Gestalt zu erhalten, die ihr in
Zukunft eigentümlich sein sollte, wurde er auch allmählich ruhiger und
fürchtete für die Erde die Folgen dieser Naturereignisse nicht mehr.
Er glaubte schließlich, daß sie nur Konsequenzen eines unbekannten
Gesetzes wären, und gewissermaßen Prüfungen, die der Erdkugel nur
zum Nutzen gereichen könnten. So verfolgte er von einem seiner Jahre
zum andern, wie sich das kleine irdische Kind in seiner Wiege weiter
entwickelte.
Die Wahrheit zwingt uns jedoch, nicht unerwähnt zu lassen, daß die
liebende Sorgfalt des Kometen für die Erde doch noch einmal eine kleine
Einbuße erlitt. Die Ursache davon war allgemeiner Art, und es lohnt
sich wohl der Mühe, einen Augenblick dabei zu verweilen: Es war die
Tatsache, daß der Umgang mit den Großen unsere Sympathien sehr leicht
zum Nachteil der Kleinen beeinflussen kann. Den schöneren, oder sagen
wir nur den größeren Teil seines Lebens verbrachte der Komet in der
Gesellschaft der Patrizier des Sonnensystems, und ohne daß er es selber
wußte, wurde er von ihrer Gesinnung angesteckt und selbst ein wenig
hochmütig. Sein Interesse für die Erde hielt sich während ungefähr
vierzigtausend Jahren auf derselben Höhe, dann aber geschah es, daß
er, ganz unbewußt, die schöne Jahreszeit mit geringerer Sehnsucht
erwartete. Er hatte sich an den Anblick, den ihm die Erde bot, gewöhnt,
und er teilte seine Aufmerksamkeit jetzt zwischen ihr und den anderen
Planeten. Wenn er an diesen vorüberflog, betrachtete er sie genau,
und von neuem stellte er Vergleiche mit der Erde an, die für diese
nicht vorteilhaft ausfielen. Zwanzigtausend Jahre lang blieb es so,
und schon konnte man befürchten, daß die höheren Weltkörper wieder
die vorherrschende Stellung in seinem Geiste erlangen würden, die
sie früher darin eingenommen hatten. Aber die Erde schritt in ihrer
Entwicklung rascher vor, als jene es taten, denn sie war noch jünger,
und als zur Tertiärzeit die Oberfläche der Erde sich wieder vollkommen
veränderte, wandte ihr der Komet wieder seine ungeteilte Gunst zu,
an der er eine kurze Zeit die anderen planetarischen Welten hatte
teilnehmen lassen.
Fußnoten
[2] Laplace.
[3] Gregory.
[4] Maupertuis.
[5] Es scheint fast so, als ob M. de Maupertuis hier in das Gebiet
des reinen Romans geraten sei, denn wer erinnert sich dabei nicht an
das seltsamste Phantasiegemälde dieser Art, an die »Unterhaltung von
Eiros mit Charmion«, eines der originellsten Gebilde jenes originellen
transatlantischen Erzählers? Die Begegnung des Kometen mit der Erde
hatte zum Glück keinen so schrecklichen Verlauf. Unser Komet war
huldvoll genug, ihre Bewohner nicht zu vergiften, dagegen hätte der von
Edgar Poe ihr Dasein vollständig vernichtet, wie er auch, wenn wir dem
phantastischen Dichter folgen, an jener seltsamen Agonie die Schuld
trägt, in welche die Erde versank.
»Der gefürchtete Komet kam immer näher, seine rote Scheibe wurde
zusehends größer und nahm auch an Glanz zu. Bei seinem Herannahen
erblaßte der Geist der Menschheit und alles menschliche Tun und Treiben
hatte sein Ende erreicht.
Auch dem Tapfersten unseres Geschlechtes schlug das Herz heftig in der
Brust. Dieses _neue_ Meteor war keine astronomische Erscheinung mehr,
sondern es war vielmehr ein Alp, der allen auf der Brust lag, ein
Schatten, der das Gehirn verfinsterte. Mit einer Schnelligkeit, die das
menschliche Fassungsvermögen übersteigt, hatte er das Aussehen eines
ungeheuren leuchtenden Flammenmantels angenommen, der in seiner ganzen
Länge am Himmel ausgespannt war.
Noch einen Tag -- und die Menschheit atmete viel freier. Es war
zweifellos, sagt der Augenzeuge, daß wir bereits unter dem Einflusse
des Kometen standen, und doch lebten wir immer noch. Ja, wir erfreuten
uns sogar einer viel größeren Elastizität der Glieder und einer ganz
außergewöhnlichen geistigen Spannkraft. Aber auch die Vegetation
hatte sich zur selben Zeit ganz merkwürdig verändert. Alle Pflanzen
entfalteten wie durch einen Zauberspruch eine so wunderbare Blüten- und
Blätterpracht, wie sie vorher noch nie gesehen worden war.
Aber auch noch eine andere, höchst seltsame Erscheinung griff bei
allen Menschen Platz: die erste Empfindung des _Schmerzes_ gab das
Zeichen zu allgemeinem Wehklagen und Schrecken. Dieser Schmerz äußerte
sich in einer heftigen Zusammenziehung der Brust und der Lungen und
in einer fast unerträglichen Trockenheit der Haut. Es ließ sich
nicht mehr leugnen, daß die Luft ganz und gar infiziert war. Als die
wissenschaftliche Forschung dies bestätigte, ging mit Blitzesschnelle
ein Schaudern, das sich bald in furchtbarsten Schreck verwandelte,
durch das Herz jedes fühlenden Menschen.
Die Luft verlor ihren Gehalt an Stickstoff ... Dagegen vermehrte
sich in ganz auffallender Weise ihr Gehalt an Sauerstoff, dem
Haupterfordernis zum Atmen und zum Leben. Der Komet war da und das war
seine Wirkung. Die Überreizung der Lebensgeister und die Pracht, die
die Pflanzenwelt entfaltete, waren die ersten Symptome. Wenn aller
Stickstoff der Luft entzogen war, dann mußte eine unabänderliche, alles
sofort vernichtende Verbrennung aller Dinge auf Erden stattfinden, der
auf keine Weise zu entrinnen war.
Der letzte Tag des Lebens ... Wir atmen eine Luft, die sich zusehends
ändert. Das Blut strömt ungestüm in seinen engen Gefäßen. Eine
wahnsinnige Wut bemächtigt sich aller Lebenden, die geballte Faust
strecken sie dem zürnenden Himmel entgegen und vor Angst zittern sie
und schreien heftig ... Einen Augenblick lang erscheint plötzlich
ein seltsames, unheimliches Licht, das überallhin dringt und alles
beleuchtet ... Dann läßt sich ein schriller, durchdringender Donner
vernehmen, als ob der Herr selbst gesprochen hätte -- und die ganze
gewaltige Menge der Luft, die uns umgibt, in der wir lebten, hatte sich
mit einem Schlage in ein furchtbares Feuermeer verwandelt ...«
So Edgar Poe. Schon die bloße Erzählung einer derartigen Katastrophe
macht uns schaudern. Aber unser Komet ist nicht so gefährlich. Er ist
ein ehrsamer Reisender, der nur Land und Leute sehen will und der uns
in seiner Begleitung eine wirkliche »Reise um die Welt« machen läßt,
gegen die eine Reise um die irdische Welt ein wahres Kinderspiel ist.
Drittes Kapitel.
Morgenröte der Erde.
Wie klein der Erdball auch immer war und welch bescheidene Stellung er
auch in der unendlichen Schöpfung einnehmen mochte, so zeigte er sich
doch recht wohl der Beachtung würdig, mit der ihn unser Komet beehrte.
Nicht immer machen Gestalt und Größe den Wert eines Geschöpfes aus,
sondern das Geschöpf selbst als Erzeugnis einer unendlichen Macht
trägt an der Stirn das Siegel seines göttlichen Urhebers. Der kleinste
Gegenstand, den die Natur geschaffen hat, ist so wunderbar wie der
größte; die Allmacht, die ihn ins Leben gerufen, hat ihn für immer
gezeichnet, und so sehen wir auch, daß sich in einem Wassertropfen
das Sonnenlicht ebenso leuchtend spiegelt wie in dem großen Ozean.
Auf seinen langen Wanderungen hatte sich unserem Weltreisenden diese
Beobachtung schon längst aufgedrängt, und wenn er sich seinen Gedanken
überließ und die auf seiner Reise gewonnenen Eindrücke geistig
verarbeitete, dann konnte er nicht umhin, auch der Erde den Platz
anzuweisen, der ihr durch den Adel ihrer Geburt zukam.
Was die Erde betrifft, so zeigte auch sie allmählich, von welch
vornehmer Herkunft sie war. Ganz unmerklich zog sie ihre Kinderschuhe
aus und entledigte sich ihrer ungestalteten Formen, um schönere dafür
einzutauschen. Sie strebte nach Zierlichkeit der Erscheinung. Früher
zeigten Pflanzen und Tiere ein rohes, unförmliches Aussehen und boten
dem Auge wenig Reiz; die Bäume, von schwermütigem Charakter, hatten
weder Blüten noch Blätter, die Tiere mußten des wärmenden Pelzes, der
schützenden Wolle, des Federkleides entbehren, und auch sie hatten
noch keinen Schmuck angelegt. Aber zu der Zeit, die wir jetzt erreicht
haben, konnte man bei den Pflanzen bereits Blüten und Blätter, bei den
Tieren schon prächtig gefärbte Bekleidungen erkennen. Die Familie der
Proteazeen wies in den verschiedenen Banksia-Arten bereits großartige
Pflanzen mit schöngestalteten fruchttragenden Zweigen auf.
Unter den Mimosoideen gab es schon Akazien und andere Pflanzen, die
man heute nur noch im fernen Australien findet, dessen Pflanzen-
und Tierwelt ja noch vielfach an die der Urwelt erinnert. Birken,
Buchen, Nußbäume, Erlen erhoben sich neben Palmen, Tannen, Zypressen
und Eibenbäumen, und die Arten waren nicht wie heutzutage durch
die Schranken geographischer Verbreitung voneinander getrennt.
In den Sümpfen, auf den Teichen und in den Flüssen sah man noch
Schachtelhalme und Wasserkastanien; aber die riesigen Blumen aus der
Familie der Nymphäazeen bedeckten bereits die Oberfläche der stehenden
Gewässer mit ihren schönen Blüten.
Für welches Auge waren diese Schönheiten der Erde in ihrer Jugendblüte
geschaffen? Für welche Ohren war der Wohlklang, der die Natur im
Brausen der Wellen und im Rauschen der Blätter erfüllte, bestimmt?
Für wen boten die schattigen Wälder lauschige Schlupfwinkel, für wen
eröffneten sich die herrlichen Ausblicke, für wen breiteten sich diese
Pflanzenteppiche, die ein wechselvolles Licht mit schönen Mustern
verzierte, aus? Wer erfreute sich an der Sternenpracht der stillen
Nächte, die der Mond mit seinem ruhigen, silbernen Schein erleuchtete?
Für wen diese erhabene Pracht? Für wen dieser strahlende Himmel,
diese grünenden Ebenen, das Flüstern des sich zu natürlichen Lauben
verdichtenden Blätterwerkes, diese prächtigen Schauspiele, die Wasser
und Land unausgesetzt boten? Für wen die Sonne am Tage und die Sterne
in der Nacht, der blaue Himmel, die vielfarbigen Wetterwolken, die
goldene Pracht der Dämmerung, das Hervorbrechen des Regenbogens und der
Fall der Meteore? ... Für wen schuf die Natur diese ungeheure Arbeit?
... Verständige oder mit Vernunft begabte Wesen waren auf der Erde noch
nicht erschienen.
Das Land, das heute von der Zivilisation beherrscht wird, die Gegend,
in der Frankreichs glänzende Hauptstadt sich erhebt, war damals noch
mit Wasser bedeckt. Noch nichts ließ die Gestalt erkennen, in der sich
Frankreich heute unserem Auge darbietet. Nur große Seen und Halbinseln
nahmen seine Stelle ein. Das Meer erstreckte sich über Paris hinaus,
bis nach Bourges; von Valenciennes bis nach Saint-Lô konnte man an
seinen Ufern entlang die unregelmäßige Kette der Kreideformation
verfolgen. Während der Juraformation hatte sich bereits die Hochebene
von Langres gebildet und beherrschte das eben genannte Meer. Die Berge,
die sich mit ihren schwarzen Zinnen über Langres erheben, dieselben,
auf denen Cäsar seine Wachtfeuer entzündete, die Bergeshöhlen, in
denen sich Sabinus vor dem Zorn des römischen Adlers verbarg, diese
ehrwürdigen Gipfel wachten schon über den Wogen des vorsintflutlichen
Meeres. Die alte Auvergne und Bretagne zur Linken und die Alpen zur
Rechten sind in den fernen Jahrhunderten der Primärzeit aus den Wassern
entstanden. Dagegen schlief zu der Zeit, von der wir sprechen, die
Gegend von Lyon, Tours, Dünkirchen noch auf dem Grunde des Meeres, und
erst während der Tertiärzeit erhob sich das Land, auf dem die genannten
Städte stehen, wenn auch nicht zu ewiger, so doch wohl zu einer recht
langen Dauer.
Nach der Reihenfolge ihres Erscheinens auf der Erde traten die
Vorfahren der verschiedenen Arten unserer heutigen Tierwelt in deutlich
zu erkennenden Entwicklungsstufen hervor. Auf die ausschließlich im
Wasser lebenden Tiere waren die im Wasser und auf dem Lande lebenden
Amphibien gefolgt, nach diesen kamen Geschöpfe, die nur für das
feste Land bestimmt waren; wieder ein Hinweis darauf, daß es in der
Natur keinen Zufall gibt, und daß die Reihenfolge und Entwicklung
der Arten durch ewige, unabänderliche Gesetze bestimmt wird. Von
den vierfüßigen Säugetieren erschienen zuerst die Dickhäuter: das
Palaeotherium, das Anoplotherium, das Xiphodon, Geschöpfe, die ihrer
Gestalt nach eine Zwischenstufe zwischen dem Rhinozeros, dem Pferde
und dem Tapir einnahmen. Das erstgenannte, das etwa so groß wie ein
Pferd sein mochte, hatte vom Tapir den Kopf, der in einen fleischigen
Rüssel auslief, kleine, ausdruckslose Augen und kurze, plumpe Beine.
Im Gegensatz zum Palaeotherium hatte das Anoplotherium lange Beine
und dazu noch einen mehr als einen Meter langen Schwanz, der ihm beim
Durchschwimmen von Seen oder Flüssen als Ruder diente. Das Xiphodon
endlich ähnelte mehr unserer heutigen Gemse und war, wie diese,
zierlich gebaut, furchtsam und schnellfüßig. Neben ihnen tummelten
sich noch andere Arten, so das Lophiodon, das in seinen verschiedenen
Abarten auch die verschiedensten Formen zeigte und in seinen Maßen
von der Größe des Kaninchens bis zu der des Rhinozeros variierte, der
Chiropotamus, der die Flüsse bewohnte. Das Meer, über dessen Wellen von
Zeit zu Zeit der Mosasaurus sein furchtbares, drei Fuß langes Gebiß
fletschte, bevölkerten friedliche Wale, die Delphine waren seine Könige.
Wenn wir uns in die damalige Zeit zu versetzen suchen, so wird uns die
eigenartige Formenwelt wundernehmen, die unsere Erde in jener Epoche
noch zeigte; sie bewahrte noch viel von dem fremdartigen Charakter,
der uns bei der Betrachtung der früheren Perioden so sehr in Staunen
gesetzt hat.
Es war gerade zur Zeit des Beginnes der letztgeschilderten Periode, der
Eozän-Zeit, als der Komet wieder die Erde erreicht hatte, und es bot
sich ihm jetzt Gelegenheit, die irdische Landschaft in der Fülle ihrer
Entwicklung und ihrer Fortschritte zu betrachten. In diesem Schauspiel
offenbarte sich ihm das Gesetz der Bestimmung, und er mutmaßte, daß
ein höherer, unbekannter Wille die Bildung dieser kleinen Welt leite
und sie zum Aufenthalt für irgendein neues Wesen, das würdig sei, das
Zepter einer Welt zu führen, vorbereite.
Die reine Luft erlaubte es der Sonne, ihre fruchtspendenden Strahlen
mit vollen Händen über die Erde auszuschütten; aus den stillen und
friedlichen Gewässern leuchtete der blaue Himmel; Tausende von
Pflanzen schaukelten ihren grünenden Stengel in den Lüften und die
ersten Blumen, die am Rande der Gewässer standen, spiegelten sich in
ihren Wellen wieder. Zahlreiche Herden weideten auf dem Lande und
die fröhlichen Bewohner der Luft nahmen zu höheren Regionen ihren
Aufschwung. Überall lachte das Leben. Schon traten die Unterschiede
der verschiedenen Jahreszeiten deutlich hervor, und der Komet erkannte
bereits, daß die Einrichtungen der Erde sich allmählich denen höher
organisierter Welten näherten. Wie alle Kometen hatte auch er in
seiner Bahn die größtmöglichste Hitze und die alleräußerste Kälte zu
ertragen. Kam er in seinem glühenden Sommer ganz nahe an die Sonne
heran, so entfernte er sich in seinem Winter so weit von ihr, daß
dieser tausendmal kälter war als der Winter auf der Erde. In seiner
Selbstlosigkeit war er daher stets erfreut, wenn er Welten begegnete,
die es in dieser Beziehung besser als er hatten.[6] Die Erde befand
sich in der glücklichen Lage der Planeten. Das war ein Umstand, der
sie in den Augen des Kometen an die andern, höher organisierten Welten
näher heranrückte, und mit einem gewissen freudigen Gefühl merkte er,
daß sein Interesse für die Erde noch immer wuchs. Die Stellung, die er
in seinem Geiste ihr einzuräumen hatte, wurde ihm immer deutlicher.
Die zwar langsamen, aber doch recht merklichen Fortschritte, welche
die Erde in ihrer Entwicklung machte, gewährten unserem reisenden
Gestirn Freuden, die ihm bis dahin unbekannt geblieben waren. Als der
Komet einmal auf seinem Fluge durch die Welt wieder der Sonne sehr
nahegekommen war, entdeckte er, daß zwischen Erde und Sonne noch zwei
andere Planeten schwebten, nämlich Venus und Merkur. Er wollte seine
Aufmerksamkeit nicht durch diese neuen Welten ablenken lassen und sich
lieber das Vergnügen, das die Beobachtung der ersten Stufen ihrer
Entwicklung ohne Zweifel gewähren mußte, versagen, als ihretwegen die
ihm liebgewordene Erde vergessen; er zog es vor, die neuen Welten ganz
zu übersehen, wie sie ja auch früher für ihn nicht vorhanden waren.
Als er ein anderes Mal nahe an Mars vorbeizog, fiel ihm auf dieser
Weltkugel eine ganz ähnliche Schöpfung, wie er sie auf der Erde gesehen
hatte, auf, was einem Touristen eigentlich denselben Grund zur Neugier
hätte bieten müssen. Aber wie er es mit Venus und Merkur gemacht hatte,
so hielt er es auch mit Mars: er ließ ihn unbeachtet einsam seines
Weges ziehen. Nur mit dem Erdball beschäftigte er sich, wenn ihn seine
Bahn in die Gegenden führte, in denen sich unsere Erde bewegt. Aus
dieser beiläufigen Bemerkung mag man erkennen, wie sehr er von seiner
früheren Gleichgültigkeit gegen uns zurückgekommen war, und daß er in
Zukunft alles sehr aufmerksam verfolgte, was die Erde betraf.
Es war zur Zeit seiner hundertsten Reise -- wenn man die, die wir zu
Beginn unserer Erzählung erwähnt haben, als erste zählt -- das heißt
um das Jahr Dreihundertundviertausendsechshundertneunundachtzig, als
er Zeuge des Vorspiels war, mit dem sich die große geologische Epoche
einführte, die derjenigen, in der wir uns befinden, vorangegangen ist.
Fünfzigtausend Jahre später konnte er sehen, wie jener Abschnitt in
der Entwicklungsgeschichte der Erde -- die Eozänformation -- sein Ende
erreichte. Zweihunderttausend Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung
nahm dann die Periode, der man den Namen Miozänformation beigelegt hat,
ihren Anfang.
Aurora! Morgen des Lebens! Leuchtender Anfang! Später mögen die Formen
des Erschaffenen wohl eine ausgesuchtere Eleganz, eine vollkommenere
Schönheit angenommen haben, aber in dieser Frühlingszeit fühlt man
es fast, wie in den Pflanzen der Saft aus der Wurzel emporsteigt und
bis in die Spitze des Stengels dringt. Später wird der nie ruhende
Fortschritt sein Werk vollenden: jetzt aber stehen alle Kräfte der
Natur in ihrer größten Fülle und erwecken so viel frohe Hoffnungen für
die Zukunft, wie dies keine spätere Zeit mehr tun kann.
Wenn man sich das Weltgebäude als eine riesenhafte Uhr vorstellt,
auf der eine Sekunde ein Erden-Jahrhundert bedeutet, und wenn man
sich vergegenwärtigt, daß ein _Tag_ der Erde, im astronomischen Sinne
gedacht, Tausende von Jahrhunderten umfaßt, dann wird man nicht mehr
erstaunen, daß die Morgenröte eines solchen Tages nach gleichem Maße
zu messen ist und daß sie sich über eine lange Reihe von Jahrhunderten
erstreckt haben muß. Die Zeiten, nach denen wir die einzelnen
Abschnitte unseres geschichtlichen Lebens rechnen, sind im Leben der
Natur ein reines Nichts. Ein Jahrhundert geht an ihrer ewigen Jugend
spurlos vorüber, und zehn, auch hundert Jahrhunderte rufen auf ihrer
Stirn noch keine Altersfalte hervor.
Wie die Kometen im allgemeinen, so befand sich auch unser Komet in
einer viel günstigeren Lage, die ersten Jahre eines Weltkörpers,
die nach Jahrtausenden zählen, zu messen, als es uns Erdenbewohnern
vergönnt ist. Das Jahr unseres Kometen ist ja mehr als dreitausendmal
so lang als eines von unseren Jahren, und dadurch hat er einen immerhin
recht brauchbaren Anhalt, der ihm als Maßstab für die Dauer der
verschiedenen Entwicklungsperioden der Erde dienen kann.
Trotz dieser langen Intervalle zwischen seinen Reisen, die zwar
unseren Augen ungeheuer groß erscheinen, bei der unendlichen Dauer
der himmlischen Körper aber recht klein sind, kam es doch vor, daß
der Komet bei einem neuen Besuche die Änderungen, die sich auf der
Erde seit seiner letzten Anwesenheit vollzogen hatten, nicht wahrnahm,
denn die Umwälzungen auf der Erde gingen, wie gesagt, langsam vor
sich; oft wollte es ihm scheinen, als sähe er dieselben Gegenden,
dieselben Landschaften, dieselben Pflanzen und Tiere, die er schon
vor dreitausend Jahren und früher gesehen hatte, ja er mochte sogar
glauben, daß er dieselben Individuen, die er damals erblickt, noch in
vollster Kraft und in demselben Alter vor sich habe. Wenn das schon bei
der langen Dauer seines Jahres so war, wie würde es erst gewesen sein,
wenn er eine kürzere Umlaufszeit gehabt hätte? Bei aller Anstrengung
würde es ihm wohl niemals möglich geworden sein, sich ein genaues Bild
von den verschiedenen Stadien der Schöpfung zu machen.
Zu diesen, der Natur des Kometen eigentümlichen Vorzügen traten aber
für unseren Helden noch andere, nicht minder wichtige hinzu: nämlich
die ihm gegebene Möglichkeit, fortwährende Vergleiche zwischen der Erde
und den anderen Planeten anzustellen.
Die Entfernung der Planeten von der Sonne steht ja im Verhältnis zu
ihrem Alter. Die älteste Welt unseres Systems ist Neptun, die jüngste
Merkur. Als der Komet zum erstenmal in unserem Sonnensystem erschien,
waren die älteren Planeten bereits bewohnt; es war ihm nicht vergönnt,
Zeuge zu sein, wie sich auf ihnen das Leben bildete.
Neptun, der älteste und von uns am weitesten entfernte Planet, hatte
bereits die Höhe seiner Entwicklung überschritten. In den entlegenen
Gegenden des Weltenraumes, in denen er seine Bahn wandelt, würde unsere
Erde rasch erstarren und zu Eis erkalten; nicht so Neptun, den, wie
alle anderen Welten, die gütige Natur so geschaffen hat, daß seine
Eigenschaften in vollster Harmonie mit seinen Daseinsbedingungen
stehen. Er zieht seine Kreise um die Sonne in Jahren, von denen eines
so groß ist wie hundertvierundsechzig Erdenjahre.
Uranus, der jüngeren Datums ist, befand sich gerade im Mittag seines
Lebenstages. Dort herrschte ein anderes Leben unter anderen Formen
und nach anderen Gesetzen -- ein Leben, das mit dem auf dem Neptun
vorhandenen gar keine Ähnlichkeit hatte und auch von dem auf den
anderen Planeten grundverschieden war. Uns hiervon eine Vorstellung
zu machen, ist ganz unmöglich, denn selbst unsere kühnste Phantasie
ist nicht imstande, sich mit Vernunft begabte Wesen vorzustellen, die
anders als wir organisiert sein sollen, sie vermag es nicht, sich
unbekannte Formen vorzustellen. Um die Welt des Uranus kreisten in
rückläufiger Bewegung vier Monde, die, gleich ihrem Regenten, ihre
erste Jugend schon lange als vergangene Zeiten betrachten durften. Ein
Jahr des Uranus umfaßt vierundachtzig Erdenjahre.
Wie wir früher bereits gesehen haben, stand Saturn in seiner schönsten
Blüte und vervollkommnete sich immer mehr. Damit soll aber keineswegs
gesagt sein, daß seine Bewohner mit großen Schritten der Höhe
entgegeneilten, auf der die Bewohner des Uranus bereits angekommen
waren. Dies würde in keiner Weise das Richtige treffen; denn was
für eine Welt die Vollendung darstellt, ist es noch keineswegs für
eine andere, und in der langen Geschichte der Gestirne gibt es keine
Epoche, in der man etwa die verschiedenen Welten in eine bestimmte
Reihe gliedern und jeder Welt eine bestimmte Nummer in dieser Reihe
anweisen könnte. Jede Welt hat ihre eigene Bestimmung und verfolgt
ihr eigentümliche Mittel, um diese Bestimmung zu erreichen. Bei den
Bewohnern des Saturn ist ein Jahr dreißigmal so lang als bei uns, und
ihr Kalender hat die Umlaufszeit von zehn Monden mit zu berücksichtigen.
Jupiter befand sich noch in vollster Jugend und strotzte von Kraft
und Leben. Man konnte ohne große Mühe erkennen, daß er das Stadium
der Entwicklung, in dem sich die Erde gerade jetzt befand, schon seit
langer Zeit durchgemacht hatte, daß aber seine Lebensäußerungen mit
einer immer noch ziemlich beträchtlichen Langsamkeit vor sich gingen.
Während die Erde zwölf Jahre zurücklegte, vollendete er erst ein Jahr,
und noch immer herrschte auf ihm beständiger Frühling, obwohl die
verschiedenen Jahreszeiten auf seiner Oberfläche bereits ihr Erscheinen
zu erkennen gegeben hatten; acht Monde drehten sich rasch um ihn.