Unser wanderndes Gestirn war bei allen diesen Schöpfungen zu

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Buches.

Komet und Erde.

Eine astronomische Erzählung

von

Camille Flammarion.

Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen

von

J. Cassirer.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Einleitung.

Was wir hier erzählen wollen, ist kein Phantasiegebilde, das aus den

Gefilden einer oft nur zu schöpferischen Einbildung hervorgegangen ist;

vielmehr haben eingehende Studien das Material hierzu geliefert, und

auf wissenschaftlichem Boden ist unser Bericht gewachsen.

Der Komet, den wir hier vorführen wollen und der uns die Grundlagen

zu unserer Erzählung bieten soll, ist keine Mythe; er existiert, und

Millionen von Menschen haben ihn über ihrem Haupte leuchten sehen, wie

das Ende unserer Erzählung beweisen wird.

Die Daten seiner früheren Erscheinungen sind nicht willkürlich

angenommen, sondern nach elliptischen Elementen berechnet worden; man

kann den Berechnungen getrost Glauben schenken, denn diese Elemente

sind den Astronomen wohlbekannt, und die bei ihnen überhaupt mögliche

Fehlergrenze beträgt nicht mehr als ein Hundertstel.[1]

Auch in der Beschreibung der Gebiete, die unser kühner Reisender

besucht, sind wir nicht planlos vorgegangen, sie beruht vielmehr zum

Teil auf direkten Beobachtungen, zum Teil auf wissenschaftlichen

Folgerungen.

Keine der erwähnten Erscheinungen, auch nicht die kleinste ausgenommen,

ist erfunden. Nicht in das Blaue hinein haben wir unser Wort ergehen

lassen, sondern es ist stets im Dienste der Wissenschaft und ihrer

erhabenen Herrin, der Wahrheit, geblieben.

Aus solch festem Faden ist der Stoff gewebt, den wir jetzt das

Vergnügen haben, vor unseren geneigten Lesern aufzurollen.

Fußnoten

[1] Astronomisch gebildete Leser werden sofort wissen, um welchen

Kometen es sich handelt, wenn wir ihnen nachstehende Elemente nennen:

Τ = 1811, Septbr. 12. 26

π = 75° 1´ 0´´

Ω = 140° 25´ 1´´

~i~ = 73° 2´ 43´´

~q~ = 1.03542.

Als beinahe überflüssig könnten wir noch hinzufügen, daß die Entfernung

des Kometen im Aphelium 421.02, seine halbe große Achse 208, seine

Exzentrizität 0.9951 beträgt und daß seine Bewegung rückläufig ist.

Erstes Kapitel.

Erste Begegnung des Kometen mit der Erde.

Es mag im Jahre Sechshundertelftausendundneunundachtzig vor Christi

Geburt gewesen sein, als der große Komet, der von den Bewohnern des

Saturn schon fast seit hundertundvierzigtausend Jahren beobachtet

worden war, einen winzigen Planeten entdeckte, der gegen achthundertmal

kleiner war als der, den wir soeben genannt haben. Der neue Planet

machte einen recht armseligen Eindruck: eine kleine Kugel, die sich

ziemlich unbeholfen um sich selbst drehte, und die in dicke Rauchwolken

eingehüllt war, welche von furchtbaren geologischen und atmosphärischen

Umwälzungen, die sich in ihrem Inneren vollzogen, Kunde gaben. Für

Menschen war sie gänzlich unbewohnbar.

Der Komet, dessen Schweif nicht weniger als vierzig Millionen Meilen

Länge besaß, dessen noch nicht fester Kern fünftausendvierhundert

Meilen im Durchmesser maß und dessen Strahlen sich auf

vierhundertsechsundachtzigtausend Meilen Ausdehnung in der Breite

erstreckten -- heutzutage sind seine Dimensionen nur halb so groß,

als sie damals waren --, der Komet, der sich bisher höchstens mit

den Monden des Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun befaßt hatte und

der immer nur unter der vornehmsten Gesellschaft des Firmaments

umhergestreift war, sah sich beim Anblick unseres kleinen irdischen

Gestirns seltsam und fast unangenehm überrascht.

Wenn sich auch unser Held der unendlichen Mannigfaltigkeit der

Schöpfung bewußt war, so hatte er sich doch niemals vorstellen können,

daß es auch solch kleine Weltkörper geben könnte. Er mußte unsere Erde

mehrmals ansehen, bevor er seinen Augen glauben wollte, und erst, als

er sich überzeugt hatte, daß jede Täuschung ausgeschlossen sei, ließ er

sich herab, von dem Dasein der neuen Weltkugel Kenntnis zu nehmen. Die

niedrige Stellung, die diese unter den Gestirnen des Himmels einnahm,

erschien in den Augen des Kometen noch geringer. Indem er sich in

seine kometarische Majestät hüllte, flog er stolz an dem kleinen neuen

Sprößling der Schöpfung vorüber, wobei er den Kopf abwandte. Seinen

strahlenden Schweif aufrichtend, nahm er dann seinen alten Weg wieder

auf, um stolz seinen glänzenden Flug durch die Tiefen des Weltalls

fortzusetzen.

So gehen -- leider nur zu oft in der Welt -- die Großen an den Kleinen,

die Mächtigen an den Schwachen vorüber. In ihrem Hochmut erkennen sie

den Wert des Kleinen nicht und ihre Verblendung macht sie ungerecht.

Als ob Geschöpfe, denen Schönheit und Anmut abgeht, nicht auch Kinder

derselben Natur wie sie und Glieder derselben großen Familie wären!

Man muß indessen zugeben, daß unsere Erde für diejenigen, die sich über

ihre Bedeutung in keiner Täuschung befinden, wie wir, eine recht kleine

Welt ist. Unser Patriotismus für unsere »Mutter Erde«, so berechtigt er

auch an sich sein mag, läßt sie uns größer und bedeutender erscheinen,

als sie es in der Tat ist, und die Wanderer, die den Himmelsraum

durchfliegen, mögen es durchaus nicht begreifen können, daß wir davon

so viel Wesens machen.

Der Komet, einer der schönsten, wenn nicht überhaupt der schönste

unseres gesamten Sonnensystems, kommt nicht näher an die Sonne als

die Erde heran: Zwanzig Millionen Meilen. In seiner Bahn beschreibt

er eine Ellipse, und sobald er in die Gegend kommt, in der wir uns

befinden, kehrt er in einem großen Halbkreise wieder um. Mit einer

Schnelligkeit von vierhundert Meilen in der Minute eilt der himmlische

Wanderer zu den Grenzen des Sonnensystems und kreuzt dabei die Bahnen

sämtlicher darin kreisender Welten. Als ob es ihm leid tue, sich von

der Sonne mit ihrer leuchtenden Krone entfernen zu müssen, verlangsamt

er seinen Flug, je weiter er sich von ihr entfernt. Bis auf acht

Milliarden dreihundertundsiebzehn Millionen Meilen Entfernung von der

Sonne führt ihn seine Wanderung; soviel beträgt sein Aphelium, seine

Sonnenferne. In diesen unfaßbaren Tiefen des Weltenraumes hat sich

seine Schnelligkeit sehr verringert, und sie ist nicht mehr größer

als die des Windes, das heißt, einige Meter in der Sekunde. Seine

Kurve schließt sich jetzt von neuem, und er kehrt zu dem leuchtenden

Tagesgestirn zurück, dessen Scheibe in dieser ungeheuren Entfernung

allmählich so an Größe abgenommen hat, daß sie nur noch als ein kleiner

Stern zu erkennen ist. Aus dieser erschreckenden Entfernung noch ruft

ihn die Sonne, und der Komet hört ihre Stimme. Er wendet sich um und

von seinen Polhöhen aus stürzt er sich auf die Sonnenbahn, wobei er

es sorgfältig vermeidet, zu nahe an Jupiter und Saturn heranzukommen.

Seine Schnelligkeit vergrößert sich zusehends, sie wächst und wird

ungeheuer, heiß und gewaltig wie das Verlangen, und von neuem fliegt

er der Sonne zu, die auf alle Planeten solch wunderbare Anziehung

ausübt. Nach einer Reise von fünfzehnhundert Jahren erreicht er wieder

sein Perihelium, seine Sonnennähe. Sein leuchtender Schweif, der immer

blasser geworden war, je weiter sich der Komet von der Sonne entfernte,

und der schließlich vollständig verschwunden war, kommt wieder zum

Vorschein und wächst in dem Maße, in dem sich der Komet dem Mittelpunkt

der Sphäre nähert. Seine Gestalt nimmt an Umfang zu, ebenso sein

Schweif an Pracht und Glanz. Es ist gleichsam so, als ob ein hoher

irdischer Würdenträger vor seinen Herrscher treten soll und zu diesem

Behufe seine mit Gold und Edelsteinen reich geschmückten Festkleider

anlegt. Der Komet hat das Gebiet der Königin des Lichtes betreten, und

vor den erstaunten Augen entfaltet er majestätisch die Reize seiner

Schönheit und seiner prächtigen Gewandung.

Als im Jahre Sechshundertachttausendeinhundertvierundzwanzig vor

Christi Geburt das leuchtende Gestirn auf seiner Wanderung wiederum

in die Gegend kam, in der sich unsere Erde bewegt, wurde seine

Aufmerksamkeit von neuem auf diesen kleinen meergrünen Ball gelenkt,

und es gewann es nicht mehr über sich, ihn unbeachtet zu lassen.

Große Personen interessieren sich ja oft für Kinder, und auch der

Komet hielt es nicht unter seiner Würde, Beobachtungen über die Erde

anzustellen; er wollte gern wissen, bis zu welchem Grade sich auf solch

unscheinbarer Kugel wohl das Leben entwickeln könnte.

Es traf sich insofern recht gut, als gerade damals der Komet ein volles

Jahr lang in Sicht der Erde blieb und eine vorteilhafte Stellung für

ihre Beobachtung einnahm; aber dies vermochte ihn doch nicht von der

entgegengesetzten Richtung seines Umlaufs abwendig zu machen, die ihn

wieder fortführte.

Anstatt wie alle Planeten und fast alle Begleitsterne unseres

Sonnensystems sich von Osten nach Westen zu bewegen, bewegt sich

unser Komet von Westen nach Osten, also gerade entgegengesetzt. Diese

konträre Bewegung machte die Beobachtung zwar schwieriger, aber gerade

dadurch wurde sein Forschungseifer noch mehr angespornt, und während

der zwölf Monate, während deren die Erde in seinem Gesichtsfelde blieb,

ließ er keinen Tag und keine Nacht unbenutzt für seine Beobachtungen

vorübergehen.

Was er bereits vorher geahnt hatte, fand er jetzt bestätigt, nämlich,

daß dieser kleine Sproß von einer Welt für vernunftbegabte Wesen noch

unbewohnbar war. Langsam drehte sich der Weltkörper um sich selbst;

der Wechsel von Tag und Nacht brachte auf ihm keine Wirkung hervor,

denn die ungeheure Hitze, die er aus seinem Innern ausstrahlte, war um

vieles größer als die, die er von der Sonne empfing. Übrigens würden

auch die Nebel, die Gase und die Rauchwolken, die ihn einhüllten, den

Sonnenstrahlen gar keinen Zutritt gewährt haben. Je mehr sich der

Komet der irdischen Welt näherte, desto größere Mühe gab er sich, die

Beschaffenheit ihrer Oberfläche zu erkennen; aber da er eine solch

armselige Welt noch nie gesehen hatte und sich darüber nicht klar zu

werden vermochte, welchem Zwecke ein solch dürftig ausgestatteter

Planet wohl dienen könnte, wartete er, bis ein lichter Punkt in der

Atmosphäre den Sonnenstrahlen erlauben würde, hindurchzudringen, um den

Schauplatz einigermaßen zu beleuchten. Das traf endlich zur Zeit der

Sonnenwende ein. War es aber die Winter- oder die Sommersonnenwende?

Die Geschichte berichtet hierüber um so weniger, als es in jenen

entlegenen Zeiträumen noch keine Jahreszeiten auf der Erde gab, und als

es infolge der großen Eigenhitze der Erde sozusagen im tiefsten Winter

ebenso heiß war wie im vollsten Sommer. Gleichviel an welchem Tage es

gewesen sein mag, der Komet mußte vor Erstaunen fast aufschreien, als

er endlich die Oberfläche der Erde deutlich unterscheiden konnte.

»Eine Welt von Muscheln!« rief er.

Er hatte sich nicht getäuscht. Die Erde befand sich damals

in dem Stadium ihrer Entwicklung, das man als Sekundärzeit

bezeichnet; die Triasformen bildeten sich, und es war die Zeit der

Muschelkalkformation. --

Einige Millionen Jahre vorher hatte sich die Erde, die damals eine

noch ganz flüssige Kugel war, allmählich abgekühlt, und große

Wasserbäche waren auf sie herniedergestürzt; der Rauch, die Gase, die

Wolken, die von der Erde aufstiegen, gingen die verschiedenartigsten

Verbindungen miteinander ein und hinterließen ihre Spuren auf der noch

glühenden und unfesten Kugel. Gewaltige Umwälzungen erschütterten

die in stetem Aufruhr befindlichen Fundamente der neugeschaffenen

Welt, und furchtbares Toben und Brausen ließen das aufgeregte feurige

Erdinnere nicht zur Ruhe kommen. Der Gewalt des in unausgesetzter

Tätigkeit befindlichen Feuerherdes fiel die ganze Erdkugel zum Opfer.

In diesem riesigen Laboratorium hat die Natur die chemischen Gemische

vorbereitet, aus denen die feuerspeienden Berge, die Lava-Eruptionen,

die aus der Erde aufsteigenden heißen Quellen usw. hervorgegangen

sind. In derselben Weise, wie man im Schmelztiegel auf geschmolzenem

Blei, das im Begriff ist, zu erkalten, sich ein Häutchen bilden sieht,

bildete sich um den Erdball eine Kruste, und die beständigen Zuckungen

ließen allmählich nach.

Auf diese Entwicklungsperiode -- die Primärzeit -- während der es auf

der Erde noch kein lebendes Wesen, weder Tier noch Pflanze, gab, folgte

eine Übergangszeit, die so weit zurück liegt und so ungeheuer lange

dauerte, daß kein menschlicher Geist sich von ihr eine Vorstellung

machen kann. In dieser Periode war es, daß sich die ersten Keime zur

Bildung lebender Wesen gestalteten, und unter unablässigen Wallungen

und Änderungen der immer noch nicht erstarrten Erdoberfläche erschienen

die ersten Pflanzen: Algen und Seetang, und auch auf dem Grunde des

Meeres zeigten sich die ersten lebenden Gebilde: Korallen und Polypen.

Noch später überzogen sich die Sümpfe der Urzeit mit einer endlosen

Pflanzendecke, und mit ihr hatte das Reich der Pflanzen seine glänzende

und prächtige Herrschaft angetreten. Als erster Regent des Erdballs

entfaltete es all seine Reichtümer und Schätze, und die Erde sah keine

Zeit mehr wiederkehren, in der sie eine solche Fülle pflanzlicher

Formen und Gestalten bevölkerte. Es waren Pflanzen von höchst einfachem

Bau und kunstlosen Formen, solche, die weder Blüten noch Früchte

trugen, aber von gewaltiger Stärke und kolossaler Höhe waren. Mit ihrem

Grün überdeckten sie jede Lagune, jede Bank, jede Landzunge, auf welche

das weite Meer nicht seine Herrschaft ausgedehnt hatte. Die Erde sah

aus wie ein einziger Ozean, der mit grünen Inseln durchsetzt war.

Baumartige Farne, Kalamiten, Sigillarien und zahlreiche andere Arten

stritten sich um den Vorrang auf den Inseln. Aus jener Epoche rührt

die Bildung unserer Steinkohlen her, mit der wir heute unsere Zimmer

heizen, jener ungeheuren, in längst entschwundenen Zeiten abgelagerten

Pflanzenschichten, die wir jetzt ans Tageslicht bringen. Ihre Bildung

geschah etwa eine Million Jahre vor der Zeit, in der unsere Geschichte

anfängt. Von da an hat sich die Entwicklung des irdischen Lebens fort

und fort vervollkommnet, und niemand vermag zu sagen, ob es schon

seinen Gipfel erreicht hat.

Als sich der Komet der Erde näherte, hatte er nur Muscheln wahrnehmen

können. Trotzdem die schaffende Welt es an gutem Willen nicht hatte

fehlen lassen, war es ihm doch nicht möglich gewesen, etwas anderes zu

erkennen. Das Meer nahm noch die gesamte Oberfläche der Erde ein, wie

es ja heutzutage noch drei Viertel von ihr bedeckt. Damals gab es noch

kein Festland, sondern nur Inseln und Sümpfe. König der Schöpfung war

damals eine Art Seeschnecke, ein Kopffüßler, ein ganz harmloses Tier.

Dieses unschuldige Geschöpf, das wohl kaum ahnen mochte, daß es

eines Tages nach Jupiter Ammon getauft werden würde, herrschte also

als unumschränkter Souverän im Königreich des Neptun: »Der Dreizack

des Neptun ist das Zepter der Welt«, sagt Lemierre. Kein Engländer

könnte dieses Zepter mit größerem Rechte in Anspruch nehmen, als

diese kleinen Tiere, von denen wir sprechen. Wie heutzutage jene

Molluskenart, die unter dem Namen »Nautilus« bekannt ist, sah man sie

in ihrem weißen oder vielfarbigen Nachen auf der Oberfläche des Meeres

dahintreiben; große und kleine, in allen Gestalten; ganze Flotten von

ihnen schwammen auf den Wassern, ihrer Beute nachstellend. Man sah

sie rasch und zierlich dahinschießen, sich kreuzen, sich ausweichen,

sich überholen, ganz so, als ob sie eine Regatta aufführten. »Man« sah

sie; dieses »man« bedeutet den Kometen, denn außer ihm gab es keinen

Zuschauer, der sich an diesem urweltlichen Schauspiel hätte ergötzen

können. Überall Einsamkeit und Schweigen ...

Unser Komet, der nicht wenig überrascht war, nur Muscheln zu sehen,

Muscheln im Meer, Muscheln auf der Erde und überall nur Muscheln,

erging sich in Mutmaßungen, wozu denn überhaupt die Erde eigentlich

geschaffen sein mochte. »Es ist und bleibt ein großes Geheimnis,«

sagte er sich, »daß man für derartige Wesen eigens eine Welt geformt

hat.« Er versuchte sich vorzustellen, über welche geistige Kraft

diese Geschöpfe wohl verfügen mochten, wie weit ihre Fähigkeiten

gingen, ob sie wohl denken konnten usw. Trotz der Geringfügigkeit und

Unansehnlichkeit des Erdballs konnte sich sein Geist doch nicht zu dem

Glauben aufschwingen, daß dieser kleine Weltkörper nur dazu geschaffen

sein sollte, um Mollusken zur Wohnung zu dienen. Er sah sich die

verschiedenen Lebewesen genauer an, und es fielen ihm die Geselligkeit

der Miesmuscheln und die Geschicklichkeit der Schildkröten, deren

erste Exemplare gerade zum Leben erwachten, wohl auf. Er ließ die

verschiedenen Arten der Mollusken: die Kopffüßler, die Bauchfüßler,

die Blattkiemer, und wie sie alle heißen mögen, vor seinen Augen

vorbeimarschieren; auch die Rankenfüßler (~Cirripediae~), die weder

Kopf noch Füße noch Arme haben, übersah er nicht. Aber in dieser ganzen

Gesellschaft fand er niemand, dem er die heilige Gabe der Vernunft

zutrauen konnte.

Seiner fruchtlosen Nachforschungen müde geworden, kehrte der Komet um,

und ebenso wie in unendlich späterer Zukunft der ewige Jude, so dachte

er, während er weiterging, und er ging weiter, während er dachte, bis

plötzlich ein furchtbarer Schrei die Luft erzittern machte. »O,« rief

der Komet aus, »da ist er wahrscheinlich, der König der neuen Welt. Ich

danke dem Himmel dafür, daß er mich ihn noch vor meiner Abreise hat

sehen lassen.« Er wandte sich um, und in der Tat -- er war da!

Ein mißgestaltetes Ungeheuer von schwärzlicher Farbe, kolossalem

Bau, höckrichter Haut, mit einem sehr langen Krokodilsrachen, der am

Halse eines Nilpferdes befestigt zu sein schien, ein Ungetüm, dessen

Vorderbeine anscheinend verkürzt waren, während seine Hinterbeine

ebenso lang wie die eines Kamels waren, schleppte sich unbeholfen zu

dem Rande eines Sumpfes hin.

»Schön ist er zwar nicht,« sagte der Komet zu sich, »aber Schönheit ist

ja nur Geschmackssache, ein bedingter Begriff, der nichts Absolutes

an sich hat. Das also soll der Herr der Erde sein -- im Reiche der

Blinden ist ja der Einäugige König -- und die Ammoniten sind dann die

Fürstinnen des Meeres. Er scheint im allgemeinen auf dem Lande zu

leben und auf gute Sitten nicht viel Wert zu legen. Er ist einfältig,

bescheiden und häßlich, mit einem Wort, für die Welt, in der er lebt,

vollkommen passend. Gleichviel, ich hätte es mir niemals träumen lassen

mögen, daß es auch solche Schöpfungen geben kann, aber es nutzt nichts,

es noch weiter leugnen zu wollen. Das Labyrinthodon ist das einzige

Tier, welches die Macht hat, auf dieser Welt das Zepter zu führen, also

ist es auch ihr König. Das also ist das erste Auftreten der Majestät!

Macht geht vor Recht!« Er erging sich in seinem Selbstgespräch noch des

weiteren in Betrachtungen im Sinne etwa der Darwinschen Lehre von der

geschlechtlichen Zuchtwahl, aus der folgert, daß der Beweisgrund des

Stärkeren auch immer der bessere ist.

Durch das Erscheinen dieses irdischen Ungeheuers war unser Komet doch

einigermaßen aus seiner gewohnten Ruhe gebracht worden, und noch immer

träumend setzte er seine Rückreise fort, die ihn bis an die Grenzen

des Sonnensystems führte. Weder bemerkte er hierbei, mit welcher

Schnelligkeit er selber dahinschoß, noch auch, wie rasch sich die

Weltkörper, die er unterwegs traf, fortbewegten. Erst als er sich in

der Nähe des Saturn befand, kam er wieder recht zum Bewußtsein.

Die glänzende Pracht und der Reichtum einer Zivilisation, die

Jahrhunderte voller Arbeit hervorgerufen hatten, umgaben dieses

strahlende Gestirn. Auf ihm wohnten die Fruchtbarkeit und der Friede.

Schon wenn man näher an diese Welt herankam, fühlte man, daß hier das

Leben wogte. Es war schon unendlich lange her, daß der Saturn aus den

Finsternissen des Chaos emporgestiegen war und allmählich sich immer

mehr vervollkommnet hatte. Wie einige jener glücklichen Sterblichen,

die es wohl verdienten, daß sie den Geist der Natur begriffen und

in ihre erhabenen Geheimnisse eindrangen, gelehrt haben, steht die

Entfernung der Planeten von der Sonne mit ihrem Alter in einem

ursächlichen Zusammenhange. Die entferntesten sind gleichzeitig die

ältesten und die in ihrer Entwicklung am weitesten vorgeschrittenen.

Neptun, der sechshundertundfünf Millionen Meilen von der Sonne

entfernt ist, ist vor Milliarden von Jahrhunderten zuerst aus dem

Sonnennebel hervorgegangen -- Uranus, der sich in einer Entfernung

von dreihundertsechsundachtzig Millionen Meilen um den gemeinsamen

Mittelpunkt aller Planeten bewegt, zählt ein Alter von mehreren

hundert Millionen von Jahrhunderten -- Saturn, dessen Entfernung von

der Sonne hundertzweiundneunzig Millionen Meilen beträgt, hat an

seinem ehrwürdigen Haupte auch schon mehr als hundert Millionen von

Jahrhunderten vorbeiziehen sehen -- Jupiter, dessen ungeheure Masse in

einer Entfernung von hundertundfünf Millionen Meilen um die Sonne ihre

Bahnen zieht, ist siebzig Millionen von Jahrhunderten alt. Mars zählt

tausend Millionen von Jahren; von der Sonne ist er dreißig und eine

halbe Million Meilen entfernt. Unsere Erde wandert in einem Abstand von

zwanzig Millionen Meilen um die Sonne und ist aus ihrem glühenden Schoß

vor hundert Millionen Jahren hervorgegangen. -- Erst fünfzig Millionen

Jahre mögen es her sein, daß Venus sich von der Sonne getrennt hat;

in einem Kreise von vierzehn und einer halben Million Meilen bewegt

sie sich um die Sonne. Nur ein Alter von zehn Millionen Jahren zählt

Merkur, dessen Entfernung von der Sonne gegen acht Millionen Meilen

beträgt. Auch er hat in der Sonne seinen Ursprung genommen, dagegen ist

der Mond ein Kind der Erde.

Unser wanderndes Gestirn war bei allen diesen Schöpfungen zugegen

gewesen, und besser als jeder andere kannte es die himmlische

Genealogie, aber wie es ja Personen von großem Wissen immer tun,

suchte auch es stets, seine Kenntnisse zu vermehren, und sein ganzes

Leben verbrachte es damit, Beobachtungen anzustellen. Saturn also,

dessen Bahn der Komet jetzt entlang fuhr, befand sich in voller Blüte.

Der Segen, den eine unter begünstigenden Umständen vorgenommene Arbeit

gewährte, machte sich überall bemerkbar. Da sah man Binnenmeere,

die mit zahlreichen Fahrzeugen bedeckt waren, die, in keiner Weise

durch das flüssige Element behindert, rasch dahinfuhren; da gab es

Häfen, in denen die Schätze aller Länder zur Schau gestellt waren.

Kleinere Schiffe bevölkerten die Flüsse, und das Land war von einem

engen Netz von Straßen durchzogen, auf denen hohe, prächtige Gefährte

dahinrollten. In den blauen Lüften sah man eine ganze Flotte segeln,

und hoch oben von Türmen stiegen weitere Luftschiffe empor, um ihren

Weg nach den Gipfeln steil abfallender Berge zu nehmen. Hier hatte

in der Tat der Geist die Materie überwunden, und das Reich der

Saturnbewohner erstreckte sich von tief unten, vom Boden der Abgründe,

bis hoch hinauf auf die Gipfel der Berge. Wie in einem unsichtbaren

Gewebe vereinigten sich die Fäden dieses Organismus an einer einzigen

Stelle. Betrachtete man diesen Weltkörper von seinen Polen aus, so

bemerkte man ein ungeheuer großes System von Ringen, die über ihm

in unermeßlicher Höhe ausgespannt waren, und bis zu denen doch die

Luftschiffe emporstiegen. Außer der »inneren« Welt auf dem Saturn, wie

wir sie nennen wollen, gab es noch eine andere, eine »äußere« Welt,

die von der ersten vierundeinhalbtausend Meilen entfernt war und sich

fünfundvierzigtausend Meilen weit erstreckte. Nur durch die Luft, die

Atmosphäre, stand sie mit der »inneren« Welt in Verbindung. Jenseits

dieser zweiten Welt, die einem Ringe gleich Saturn umschloß, konnte man

noch acht andere Ringe erkennen, die Kreisen von orange oder grünlicher

Farbe glichen und sich umeinander drehten. Der Geist und Scharfsinn

der Saturnbewohner hatte diesen Weltkörper vollständig unter seine

Herrschaft gebracht, und von seiner »inneren« Welt aus strahlte ihre

Macht aus, um sich auf ihre »äußeren« Welten zu verbreiten.

Wenn man, unter dem Schatten einer Palme gelagert, die üppige, in

Farbenpracht erglühende Landschaft Afrikas betrachtet, mag es wohl

vorkommen, daß man einschlummert und dann plötzlich aus einem düstern

Traum aufschreckt, um sich inmitten der fruchtbarsten Landschaft zu

sehen. Ganz ebenso erging es unserem Kometen, als er nach dem Abschied

von der unansehnlichen Erde von Träumen umfangen, erst in der Nähe des

prächtigen Saturn erwachte. Er verlangsamte seinen Weg und mit größerer

Aufmerksamkeit als je vorher betrachtete er diese wunderbare Welt --

die dadurch entstandene Verzögerung in seiner Umlaufszeit verzeichnen

die Astronomen des Neptun als »saturnale Störung« --. Und als er an

diesem großen und schönen Weltkörper vorbeifuhr, da glaubte er wirklich

aus einem bösen Alpdrücken erwacht zu sein.

Was war die Erde neben diesem prächtigen Stern? Die Erde! Eine winzige,

unscheinbare Kugel, auf der das Leben sich gerade zu regen begann und

sich in Formen kleidete, von denen zu reden kaum erfreulich war; eine

chaotische Masse, deren verschiedene Elemente untereinander vermischt

blieben, kurz -- ein reines Nichts. Denn als der Komet sich umwandte,

konnte er bei der ungeheuer großen Entfernung die Erde nur noch

als einen schwarzen Fleck vor der Sonne erkennen. Das mag es auch

entschuldigen, daß die Erde bei dem Kometen ins Vergessen geriet und

daß ihm eine geringfügige Schöpfung, wie es unser Planet damals noch

war, gleichgültig blieb.

Zweites Kapitel.

Umwälzungen auf der Erde.

Die Gleichgültigkeit, die der Komet der Erde gegenüber bewahrte, war

so stark und andauernd, daß er dreiundzwanzigmal in seine Sonnennähe

kam, ohne daß er es sich einfallen ließ, auch nur einen einzigen Blick

auf den kleinen Erdball zu werfen. Und wäre nicht ein ganz merkwürdiges

Ereignis eingetreten, das ihn ganz ohne seine Absicht zwang, der Erde

ein wenig Aufmerksamkeit zuzuwenden, so würde er sie wohl noch länger

unbeachtet gelassen haben.

Als der Komet zum vierundzwanzigsten Male in

ihre Nähe kam -- es war dies gegen das Jahr

Fünfhundertvierunddreißigtausendfünfhundertundvierundsechzig vor

Christi Geburt -- führte ihn sein Weg sehr dicht an der Erde vorbei,

denn die beiden Gestirne kreuzten sich auf ihren Wegen, und zwar

so nahe, daß die Erde während fünf Tagen und fünf Nächten in dem

neblichten Schweife des Kometen blieb. Der Schweif gab dem Kometen

eine Ausdehnung von achtunddreißig Millionen Meilen, vom Kopfe bis zur

äußersten Spitze gemessen, und er bildete eine ungeheure Nebelfläche,

die einige hunderttausend Meilen in der Breite maß. Im allgemeinen

ist dies die Gestalt des Schweifes der Kometen; die Fläche ist mehr

oder weniger ausgeweitet und nähert sich bisweilen auch der Fächerform.

Infolge der großen Abstoßungskraft des Sonnenlichtes ist die Atmosphäre

von einer außerordentlichen Dünne. Die Hitze löst alle Teile des

Kometen, die dafür empfänglich sind, und was sich während der langen

Entfernung des Kometen von dem Feuerherde der Sonne verdichtet hatte,

verflüchtigt sich. Diese verflüchtigten Teile, die von nur sehr

geringem Gewichte sind, nehmen aber sehr viel Raum ein und suchen sich

vom Kern des Kometen, der auf sie eine nur schwache Anziehung ausübt,

zu entfernen. Wie groß auch ihre Ausdehnung sein mag, ihr Gewicht

beträgt nicht viel, und man könnte ganz gut ein Stück von der Größe der

Notre-Dame-Kirche oder der Pariser Sternwarte aus ihnen herausschneiden

und es wie eine Luftblase verschlucken.

Wir sagten, daß die Erde fünf Tage und fünf Nächte lang in dieser

Dunsthülle blieb. Man wird vielleicht erstaunt sein, daß nach einer

solchen Begegnung unser Planet noch existiert, aber noch mehr wird man

wohl erstaunen, wenn wir erwähnen, daß die zu jener Zeit lebenden Wesen

von dieser Begegnung gar nichts merkten. Es hätte also wenig Zweck, bei

diesem Kapitel von der Möglichkeit eines Zusammenstoßes der Erde mit

einem Kometen lange zu verweilen; wir wollen indessen hören, welcher

Meinung namhafte Astronomen hierüber sind.

Einer der bedeutendsten[2] unter ihnen glaubte, daß die Kometen viel

schwerer seien, als man auf Grund früherer Hypothesen bis dahin

anzunehmen wagte. »Die Meere ergießen sich aus ihren bisherigen

Becken,« sagte er, »um auf einen neuen Äquator zuzuströmen. Eine

große Zahl von Menschen und Tieren wird in dieser neuen allgemeinen

Sintflut ertrinken oder infolge des heftigen Stoßes, dem der Erdball

ausgesetzt ist, umkommen. Ganze Arten von Tieren werden vollständig

vernichtet werden. Alle Denkmäler menschlichen Fleißes werden zugrunde

gehen. Solche unheilvolle Folgen müßte der Zusammenstoß mit einem

Kometen nach sich ziehen.« -- »Wenn der Schweif eines Kometen mit

der Erde zusammenträfe«, urteilt ein anderer,[3] »oder wenn ein Teil

des Stoffes, aus dem sich dieser zusammensetzt, in den Tiefen des

Weltalls auseinanderginge und infolge seiner Schwerkraft auf die Erde

herniederfiele, dann würden die damit verbundenen Ausdünstungen bei

Tieren und Pflanzen recht empfindliche Wirkungen hervorbringen. Denn

es ist sehr wahrscheinlich, daß Gase, die aus so weit entfernten und

so seltsam beschaffenen Welten zu uns kommen, die überdies noch im

höchsten Grade erhitzt sind, für alles, was sich auf der Erde befindet,

verhängnisvoll werden und dort die größten Verheerungen anrichten

müßten«. Und ein Dritter[4] meint: »Schon bei der gegenseitigen

Annäherung zweier solcher Körper müßten sich ohne Zweifel große

Änderungen in ihrem Laufe vollziehen, sei es, daß diese Änderungen

durch die gegenseitige Anziehung herbeigeführt würden, sei es, daß die

Gase, die sich zwischen ihnen befänden, unter zu hohen Druck kämen. Das

mindeste, was eine derartige Annäherung zuwege bringen müßte, wäre

eine Verschiebung der Achse und der Pole der Erde. -- Ohne Zweifel

stellen die Schweife der Kometen ungeheure Ströme von Ausdünstungen und

Gasen dar, die infolge der Wirkung der Sonnenhitze aus dem festen Kern

des Kometen entwichen sind. Ein Komet könnte mit seinem Schweif so nahe

an der Erde vorbeigehen, daß wir in dem feurigen Strom, den er mit sich

schleppt, ertrinken, oder in der Atmosphäre, die ihn umgibt und die von

derselben Beschaffenheit ist, umkommen müßten. Bei ihrem Herannahen

an die Sonne haben einige Kometen einen so hohen Hitzegrad erreicht,

daß sie erst in fünfzigtausend Jahren sich abkühlen können. Welche

Wirkung würde diese Hitze nun auf die Erde ausüben? Sie würde in Asche

zerfallen oder in eine glasige Masse verwandelt werden. Der Schweif

allein würde die Erde mit einem feurigen Strom überschwemmen und ihre

sämtlichen Bewohner vernichten, genau so wie ein Haufen Ameisen in

kochendem Wasser umkommt, das man über ihn gießt.«[5]

Der Engländer Whiston war der erste, der den verschiedenen Kometen

bestimmte verhängnisvolle Einwirkungen auf unsere Erde zugeschrieben

hat. Den Kometen von 1680 sah er als die Ursache der Sintflut an

und er behauptet, daß dieser Komet auf seinem Rückweg von der Sonne

eines schönen Tages die Erde mit seinen feurigen und todbringenden

Ausdünstungen überschütten werde und so ihren Bewohnern all das Unheil

bringen würde, das ihnen für den Jüngsten Tag prophezeit ist; zu guter

Letzt würde er den allgemeinen Weltenbrand entzünden, der unseren

Planeten aufzehren müßte.

Anderseits versichert uns Newton, daß ein Komet ohne Kern, wenn er auch

so groß wäre, daß er von der Erde bis zum Saturn reichte, doch in einem

Würfel von fünfundzwanzig Millimeter Seitenlänge Platz finden könnte,

wenn er auf denselben Grad verdichtet würde wie die atmosphärische

Luft, die wir atmen. Neuere Forschungen über die Masse der Kometen

haben ein Resultat ergeben, das auch die geringste Beunruhigung

schwinden läßt. Wenn der größte Komet auf unsere Erde stürzen würde,

könnte er keine andere Wirkung hervorrufen als etwa eine Mücke, die

eine Lokomotive aufhalten will, und auch seine Gase können unsere

Atmosphäre in keiner Weise beeinflussen.

Die Bewohner unserer vorsintflutlichen Welt brauchten aber die

Begegnung, die ihnen drohte, um so weniger zu fürchten, als sie damals

noch vollkommen im Wasser lebten und dort ihr Dasein fristeten. Die nur

unter dem Mikroskop wahrnehmbaren Infusorien, die Fische und Amphibien

merkten nichts von dem Vorgang.

Für unsere Erde war das Ereignis vielmehr von Vorteil, insofern als

die Begegnung unseren erhabenen Reisenden aus seiner jahrtausendelang

dauernden Gleichgültigkeit gegen sie riß. Der Durchgang des Erdballs,

der nicht weit von seinem Kopfe erfolgte, übte auf seinen Geist,

wenigstens vom irdischen Gesichtspunkte aus betrachtet, einen recht

günstigen Einfluß aus. Er geruhte von der Kugel Kenntnis zu nehmen,

die durch seinen Schweif hindurchpassierte. Man wird es gewiß glauben,

daß die Erde, der ihre lange Einsamkeit wohl nicht kurzweilig gewesen

sein mochte, den Augenblick des Durchgangs nicht verschlafen hat; und

ein seltsameres Schauspiel als jetzt hatte sich dem Auge des Kometen

noch nie geboten. Zwei steil abfallende Felsen schützten die Einfahrt

zu einer Halbinsel, und auf diesen, hoch in die Wolken ragenden Felsen

saßen als bizarre Gruppe zwei wunderlich aussehende, ungewöhnlich

gebaute Geschöpfe, die sich, ohne eine Miene zu verziehen, unausgesetzt

scharf ansahen.

Es waren dies der Pterodaktylus und der Ramphorynchus, zwei Arten

von Fledermäusen in der ungefähren Größe eines Hammels, zwei lebende

Sphinxe, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln Bäumen mit lang

herabhängenden Blättern glichen. Von diesem Anblick betroffen, rief

der Komet seine Erinnerungen wach, und es fiel ihm ein, daß er schon

vor dreiundsiebzigtausendfünfhundertundsechzig Jahren Gelegenheit

gehabt hatte, diese kleine Kugel und ihre höchst sonderbare Bevölkerung

wahrzunehmen.

Und er ging nun ernstlich ans Werk, sich die Erde recht genau

anzusehen. Auf den ersten Blick erkannte er, daß die äußere Gestaltung

der Oberfläche sich ganz auffallend verändert hatte, daß sich in dem

großen Ozean, der vorher die ganze Erde bedeckte, nunmehr bereits

kleine Kontinente gebildet hatten, und daß eine noch immer sehr üppige

Vegetation ihre Herrschaft über den Erdball jetzt mit einem schon

ziemlich bedeutenden Tierreich zu teilen hatte. Auch die Gestalt, die

diesem Tierreich eigentümlich war, fiel ihm sofort auf, und er war

darüber in nicht geringem Grade erstaunt. Bei seinem letzten Besuche

hatte er in der Hauptsache nur Muscheln entdecken können, und jetzt

erregten seine Aufmerksamkeit -- Krokodile, aber Krokodile von jeder

Gestalt, von jeder Farbe, von jeder Größe. Auf dem Festlande, im Meere,

hoch in den Lüften, waren Krokodile, Eidechsen und andere Reptilien zu

sehen, hier solche mit Flossen, dort andere mit Flügeln, kurz, eine

Unmasse von Krokodilen.

Er ließ seinen Blick forschend auf die Ebene und das Gebirge schweifen

und die ungeheure Menge der riesenhaften Saurier an seinem Auge

vorbeiziehen. Da waren die verschiedenen Ichthyosaurusarten, der

~I. communis~, der ~I. intermedius~, der ~I. platyodon~, der ~I.

tenuirostris~ usw. usw. Einige maßen dreißig Fuß in der Länge. Ganze

Herden dieser Reptilien schwammen im offenen Meer wie heutzutage die

Walfische; oben, an ihrem Kopfe, und zwar wagerecht liegend, trugen sie

Augen, die einen Fuß lang und so gebaut waren, daß sie nach Belieben

entweder als Fernrohr oder als Mikroskop benutzt werden konnten.

Bewaffnet waren sie mit einem vorzüglichen Gebiß, und wenn sich das

Maul auftat, maß die Öffnung des Rachens mehr als drei Fuß, und es

zeigten sich zwei Reihen von hundertundachtzig Zähnen. Die Wirbelsäule

setzte sich bei ihnen aus hundert Wirbeln zusammen und ermöglichte

ihnen die gelenkigsten und biegsamsten Gliederbewegungen. Er sah ganze

Scharen von Plesiosauriern sich vom Ufer ins Meer stürzen. Es waren

dies mit den geschilderten Arten verwandte Reptilien, die aber zu

gleicher Zeit von der Schlange den unverhältnismäßig langgestreckten,

dünnen Hals, von den Vierfüßlern den Rumpf und von den Walfischen

die Flossen hatten. Er sah in gefährlichen Zusammenrottungen die

furchtbaren Poekilopleurusarten mit ihren gewaltigen Krallen und

ihren spitzen Zähnen, ferner die Hyleosaurier, die Cetiosaurier,

die Stenosaurier und die Streptospondylen. Auch die Teleosaurier,

jene Freibeuter der vorsintflutlichen Meere, bemerkte er. Er sah

ganze Scharen von Pterodaktylen in die Lüfte aufsteigen, jener

riesigen Fledermäuse, deren entsetzlicher Rachen sechzig drohende

Zähne zeigte, und die ihr Leben damit verbrachten, daß sie von einem

Baum zum anderen, von einem Felsen zum anderen flogen. Auch die mit

Pflanzen bewachsenen Höhen setzten durch ihr düster-ernstes Aussehen

den Kometen in recht große Verwunderung. Da waren dicke Stämme von

großen Schachtelhalmen, langes Schilfrohr, riesenhafte Farnkräuter,

Nadelhölzer, die unserer Tanne ziemlich ähnlich waren, und schlanke

Pandangen (~Pandanus~) mit ihren hoch über den Boden aufragenden

Luftwurzeln.

Beim Anblick dieses mehr unheimlich als schön wirkenden Panoramas

wurde der Komet nachdenklich. Dreihundertfünfundsechzigmal sah

er vor seinen Augen die Erde sich um sich selbst drehen, und

dreihundertfünfundsechzigmal hatte er Gelegenheit, die gesamte

Erdoberfläche zu überschauen. Da, plötzlich, ertönte ein furchtbares

Krachen. Auf dem Grunde des Meeres hatte sich die Rinde der

Erdoberfläche gespalten, und während aus den im Aufruhr befindlichen

Eingeweiden der Erde wütende Flammen emporschossen, ergoß sich mit

grauenhaftem Getöse das Meer in einen Abgrund, der sich plötzlich

aufgetan hatte. Die oben geschilderten Ungetüme wurden von den Wogen

der mit furchtbarer Gewalt daherströmenden Wasserfluten fortgerissen,

und wütende Schreie ausstoßend, kamen sie darin um, während die

geflügelten Reptilien mit unheilverkündendem Gekrächze so rasch als

möglich durch die Luft zu entkommen suchten. Die Gestade entvölkerten

sich, und die mit Elektrizität überladene Atmosphäre entlud sich in

heftigen Blitzschlägen, die die Luft durchzuckten. Bald vermischte sich

auch das dumpfe Rollen eines bisher noch nie gehörten Donners mit dem

Toben und Brausen des Unwetters, und es schien, als ob eine ungeheure

Umwälzung die gesamte Erdoberfläche zerrissen und gespalten hätte.

Unser Komet hatte leider seine Geringschätzung gegen unsere Erde noch

immer nicht überwunden und er dachte gar nicht daran, unseren Planeten

ernst zu nehmen. Seit Tausenden von Jahrhunderten war er gewohnt, an

seinen Augen Welten vorbeiziehen zu sehen, die auf den Pfaden der

Zivilisation schon weit vorgeschritten waren, wie das mit Neptun und

Uranus der Fall war, andere, wie Saturn, waren eben auf der Höhe ihrer

Entwicklung angelangt, und er konnte sie in ihrer ganzen Pracht und

Herrlichkeit überschauen; wieder andere -- Jupiter gehörte zu diesen

-- bereiteten sich zu einer großartigen Entfaltung vor, und noch andere

schließlich -- zu diesen zählte Mars -- befanden sich noch im Frühling

ihres Lebens. Der Verkehr mit diesen der Erde überlegenen Planeten

hinderte ihn vorläufig daran, dem Erdball eine gerechte Würdigung

zuteil werden zu lassen, und so beharrte er in seinem Vorurteil und

verfiel auch bald wieder in seine frühere Gleichgültigkeit.

Während er noch in seinen Träumereien befangen war, nahm die gewaltige

Erdrevolution ihren Fortgang. Es erstand die Juraformation; bei ihrer

Bildung wurden die Fundamente des Erdballs von Grund aus erschüttert,

und die Erde bebte, als ob sie von einem heftigen Taumel befallen

worden wäre. Die Meere ergossen sich in die brennenden Tiefen oder

überströmten Gegenden, die durch die geologische Umwälzung eingesunken

waren. Aus Quellen, die plötzlich im Schoße der Erde entsprangen,

stiegen neue Meere auf, und Ebenen krümmten sich empor, ähnlich, wie

man auf der Oberfläche des im Schmelzen befindlichen Metalls sich

Luftblasen bilden sieht. Das flache Land machte neuen Gebirgen Platz,

und dort, wo sich früher Berge und Hügel erhoben, dehnte sich jetzt

eine kahle oder durch mannigfache Erhebungen unterbrochene Ebene aus.

So hatte die Oberfläche des Erdballs sich ganz und gar geändert. Der

Komet hatte auf seinem Fluge durch das Weltall die Erde noch nicht aus

seiner Sehweite verloren, als ihm klar wurde, daß die Umwälzungen,

deren Vorspiel für einen Augenblick seine Gedanken abgelenkt hatte, mit

unvermindertem Ungestüm fortdauerten, und daß für die Erde eine neue

Schöpfungsperiode begonnen hatte.

Mit einer Schnelligkeit von ungefähr vierzigtausend Meilen in der

Stunde, oder neunhundertsechzigtausend Meilen an einem Tage, setzte

der Komet seine Reise fort. Diese Schnelligkeit, mit der er seine

Reise angetreten hatte, verminderte sich, je weiter er sich von

seinem Ausgangspunkte entfernte, und drei Monate, nachdem er aus dem

Bannkreise der Erde entschwunden war, bot sich dem himmlischen Wanderer

eines der seltsamsten Schauspiele dar. Zu damaliger Zeit kreisten

zwischen der Umlaufsbahn, die der Mars beschreibt, und derjenigen des

Jupiter verschiedene Planeten, die ursprünglich einen Ring gebildet

hatten, der sich in der Zwischenzeit, die zwischen dem Entstehen des

Jupiter und dem des Mars liegt, von der gemeinschaftlichen Mutter

aller Planeten, der Sonne, losgelöst hatte. Anstatt nun, wie es bei

allen anderen Planeten der Fall gewesen war, sich in _eine_ Weltkugel

umzuwandeln, hatte dieser sonderbare Weltenring eine ganze Menge neuer

Weltkörper aus sich heraus entstehen lassen, die sämtlich so eigenartig

und zerbrechlich wie er selbst waren. Wie alle anderen Planeten drehten

sich auch diese Weltkugeln um die Sonne, wie diese hatten auch sie

ihre Jahre, ihre Jahreszeiten und ihren Wechsel von Tag und Nacht. Als

nun der Komet, der über die gewaltsamen Veränderungen auf der Erde

noch in Nachdenken versunken war und gerade darüber philosophierte,

welches Geschick wohl einst dem ganzen Weltenall bevorstehen werde,

sich der Bahn des größten unter diesen kleineren Planeten näherte, kam

diese immerhin gewaltige Kugel, die sich mit einer Geschwindigkeit von

neuntausend Meilen in der Stunde vorwärts bewegte, in gerader Linie auf

ihn losgestürzt; sie mußte auf den Kometen an dem Punkte auftreffen,

an welchem er ihre Bahn zu kreuzen im Begriffe stand. Ein Zusammenstoß

schien ganz unvermeidlich -- da, wenige Augenblicke vor der drohenden

Katastrophe explodierte dieser Himmelskörper wie eine Bombe. Gase

stiegen auf und verbanden sich mit den im Schweife des Kometen

vorhandenen, und man konnte sehen, wie etwa zehn einzelne Teile sich

loslösten und selbständig ihre Reise durch den Weltenraum fortsetzen.

Es ereignete sich hier ein Weltuntergang, und zwar hatte der zerstörte

Himmelskörper zweifellos ein frühzeitiges Ende gefunden, das schon

lange Zeit in seinem Innern wirkende Kräfte mußten hervorgerufen haben.

Die Katastrophe fand in einer Entfernung von achtundsechzig Millionen

zweihundertundsechzehntausend Meilen von der Sonne statt. Vielleicht

haben wir hier den Ursprung jener kleinen, nur durch den Refraktor

wahrnehmbaren Planeten Ceres, Daphne, Thisbe, Sirona und Arduina zu

suchen, welche sämtlich 2.77 von der Sonne entfernt sind, wenn man die

Entfernung der Erde von der Sonne als Einheit nimmt. Es sieht fast

so aus, als ob diese kleinen Gestirne Jahr für Jahr einmal den Ort

wiedersehen müssen, an dem jenes furchtbare Naturereignis stattfand,

das sie für immer trennen sollte.

Hier fand unser Komet seinen Weg nach Damaskus und hier vollzog sich

in seinem Geiste eine dauernde Wandlung. Hier war es, wo er für die

Erde jene Sympathie faßte, von der er seitdem stets beseelt geblieben

ist. Es ist wohl möglich, daß er ohne diese erschütternde Katastrophe

noch lange in seiner Gleichgültigkeit gegen die Erde verharrt hätte.

Aber auch bei ihm zeigte sich, was man schon so vielfach beobachtet

hat: es bedarf nur eines plötzlichen Anlasses, um selbst starke

Charaktere umzuwandeln. Das Gefühl wohlwollender Anteilnahme, wie es

im allgemeinen die Mächtigen der Welt den Kleinen entgegenbringen, war

es, das angesichts dieser Katastrophe schmerzliche Erinnerungen an die

Erde in ihm wachrief. Einen Augenblick lang fürchtete er auch für das

Dasein der Erde! Arme Erde! Wenn die furchtbare Umwälzung, die auf ihr

vor kurzem begonnen hatte, ihr verhängnisvoll werden und sie daran

zugrunde gehen sollte, bevor sie überhaupt noch geboren war! Wie würde

sie sich in den schweren Kämpfen behaupten können, die sie noch zu

bestehen hatte? Ob sie Kraft genug besaß, die Krisis zu überwinden und

ihr Dasein zu verteidigen? Ob es ihr wirklich beschieden sein mochte,

für immer solch wilden und grausamen Geschöpfen ungastlichen Aufenthalt

zu gewähren?

Von diesem Tage an interessierte er sich für die Erde, und ihr

Schicksal ging ihm um so mehr zu Herzen, je unvollkommener sie in

ihrer Entwicklung noch war. Oft überraschte er sich dabei, wie sich

ganz unwillkürlich seine Gedanken mit dieser bescheidenen Schöpfung

befaßten, und oft zog er, in seinen Gedanken tief bekümmert, an den

glänzendsten Welten vorbei, ohne diese auch nur eines Blickes zu

würdigen. Ja, es kam so weit mit ihm, daß ihm seine Reise durch den

Weltenraum zu lang wurde. Dreitausendunddreiundsechzig und ein halbes

Jahr von der Erde entfernt zu bleiben und nur höchstens achtzehn Monate

in ihrer Nähe verweilen zu dürfen, schien ihm ganz außer Verhältnis zu

stehen. Der kleine Erdball faßte schließlich in seinen Gedanken Platz

und schien sich dort immer mehr befestigen zu wollen.

Mit Ungeduld erwartete der Komet das Herannahen des Sommers. Der

Sommer-Sonnenstillstand bedeutet für die Kometen den Zeitabschnitt, in

dem sie ihren Flug nach ihrem Perihelium richten, d. h. sich wieder

der Sonne zuwenden und somit auch der Erde wieder nähern. Sobald er

merkte, daß die Strahlen der Sonne immer wärmer wurden, und sehen

konnte, wie ihre Scheibe sich mehr und mehr vergrößerte, wußte er

auch, daß das Ende des Frühlings gekommen war. Kaum wurde er der

Erde wieder ansichtig -- und zwar sah er sie bald vor der Sonne in

Gestalt eines schwarzen, runden Fleckes, in Form einer Mondsichel oder

eines Halbmondes, bald auf der rechten, bald auf der linken Seite des

leuchtenden Gestirns -- als er auch mit Wohlbehagen merkte, wie seine

Geschwindigkeit zunahm und er seinem sehnsüchtig erstrebten Ziele immer

näher kam. In seinem schnellen Laufe erreichte er endlich die Erde,

die er immer mehr liebgewinnen sollte, und schon am ersten Tage seiner

Ankunft unterzog er seine kleine Welt einer genauen Betrachtung.

Komet und Erde: Eine astronomische Erzählung · 第 1 / 6 段