Da schlug draußen dröhnend die zehnte Stunde, und mit dem ersten

Schlage trat der pünktliche Streicher ein. Er schaute verwundert den

Freund an, der auch jetzt sich noch nicht zu besinnen schien, was

er heute vorhatte, und sagte: »Friedrich -- es ist zehn Uhr --, die

letzten Vorbereitungen müssen getroffen werden; wir müssen eilen, wenn

wir nichts versäumen und vergessen wollen.«

»Ach was, Andreas -- ~omnia mea mecum porto~ (ich trage alles meinige

bei mir) -- ich bin erst noch bei dem göttlichen Klopstock zu Gast

gewesen und habe ihm auch ein Gegengeschenk geboten -- das mußt du

anhören.«

Er begann die Ode Klopstocks vorzutragen und im Anschluß daran seine

eigene. Streicher, der voll Ungeduld sich in einen Sitz geworfen

hatte und unruhig darauf hin und her gerückt war, wurde unwillkürlich

ruhiger, ihn fesselte auch in dieser Stunde die Macht der Gedanken, die

Kraft der Worte, die einherrauschten wie ein entfesselter Strom, und

er konnte seine Bewunderung dem Genius nicht versagen, der selbst in

solchen Stunden sich zu erheben vermochte. Nun aber begann er doch aufs

neue zu drängen; er fragte nach hundert Kleinigkeiten und erinnerte

noch an das und jenes, was Schiller wohl vergessen hätte, und endlich

schärfte er dem Freunde dringend ein, sich um neun Uhr abends pünktlich

in seiner Wohnung einzufinden.

Er selbst nahm dann noch manches sogleich mit sich, um es in dem

Koffer unterzubringen, der für Schiller bei ihm bereit stand; aber er

kam nachmittags noch einmal, um sich zu überzeugen, daß auch nichts

vergessen worden sei.

Langsam gingen die Stunden; endlich sank die Dämmerung nieder in

die Gassen der Residenz, die heute stiller war als gewöhnlich, da

alle Welt hinausgeströmt war nach der Solitüde, um die großartige

Beleuchtung derselben zu sehen. Da kam Schiller bei Streicher an --

es hatte eben neun Uhr geschlagen von den Türmen. Unter seinem Rocke

trug er zwei Pistolen. Beide waren nicht viel wert, die eine hatte

zwar einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein, an der anderen war das

Schloß zerbrochen, und Streicher mußte unwillkürlich lächeln, als er

diese Waffen sah, deren erste in den Koffer gelegt wurde, während man

die zweite mit in den Wagen nahm. Dieser, ein großes, schwerfälliges

Fuhrwerk, stand vor der Tür bereit, und man verlud darauf die beiden

Koffer, sowie Streichers kleines Klavier. Schiller legte nun seine

bürgerliche Kleidung an, für die er noch zuletzt ein artiges Sümmchen

ausgelegt hatte, so daß ihm an Barschaft nur dreiundzwanzig Gulden

blieben, während sein Freund über achtundzwanzig Gulden verfügte.

Nun kam der Abschied von Streichers Mutter. Der Dichter kostete noch

einmal die Wehmut desselben durch und dachte an seine Lieben auf

der Solitüde, dann bestiegen beide das ungefüge Gefährt, die Pferde

zogen an, und fort ging es im langsamen Trott durch die stillen,

menschenleeren, dunkeln Gassen. Es war zehn Uhr abends geworden.

Als sie zum Eßlinger Tore kamen, pochten ihnen die Herzen. Der

Wachtposten rief sie an: »Werda? Halt! -- Unteroffizier heraus!« Der

Gerufene kam, und Schiller lehnte sich tiefer in den Wagen zurück,

während Streicher die geforderten Auskünfte erteilte. Auf die Fragen

nach den Namen nannte er den seines Freundes als ~Dr.~ Ritter,

seinen eigenen als ~Dr.~ Wolf; als Reiseziel gab er Eßlingen an. Der

Unteroffizier notierte alles gewissenhaft, rief dann sein »Passiert!«

und nun öffnete sich das Tor. Jetzt erst lehnte sich auch Schiller

einen Augenblick aus dem Wagen und sah hinüber nach den offenen

Fenstern der Wachtstube. Es brannte kein Licht in derselben; aber er

glaubte doch die Umrisse des kommandierenden Wachtoffiziers zu erkennen

und sandte im stillen dem braven Scharffenstein seinen Dank und Gruß

zu.

Durch den Torbogen polterte der Wagen hinaus in die Nacht; aber die

beiden Reisenden waren noch so ergriffen, daß sie beinahe kein Wort

wechselten, während sie um die schweigende Residenz herumfuhren, um

die gegen Ludwigsburg führende Straße zu erreichen. Nun stieg dieselbe

bergan, und auf der Höhe sahen beide noch einmal zurück; dann versank

die Stadt hinter ihnen, wie der Weg sich senkte, und jetzt erst, einer

instinktmäßigen Bewegung folgend, reichten sie sich die Hände und

sprachen ihre Freude aus, daß alles soweit geglückt war.

Nach etwa zweistündiger Fahrt sahen sie zur Linken den Himmel gerötet

wie von Feuerschein. Sie erschraken anfangs; aber da sie weiterfuhren,

erblickten sie mit einem Male das Lustschloß Solitüde, das in einer

wundersamen Beleuchtung von seiner Höhe niederstrahlte. Die Luft war so

rein, daß sie das herrliche Schauspiel völlig genießen konnten. Alle

Linien der Gebäude traten deutlich und scharf hervor aus dem Dunkel der

Nacht, und Schiller erkannte die Wohnung seiner Eltern. Er wußte, daß

dort mitten in dem Festgewühl zwei Herzen um ihn bangten und seiner

dachten, und während sein Gefährte stumm das prächtige Schauspiel

genoß, sagte er wehmütig vor sich hin: »O, meine Mutter!«

Streicher hatte Mühe, die trübe Stimmung zu bannen; aber das Gefühl der

erlangten Freiheit tat mehr, als Worte vermocht hätten. In dem Orte

Enzweihingen stiegen die Reisenden aus, um ein wenig zu rasten. Sie

bestellten sich einen Kaffee, und während sie so in der matt erhellten,

dumpfigen Wirtsstube saßen, in nächtlicher Einsamkeit, zog Schiller ein

Papier hervor.

»Sieh, was mich hier auf meiner Fahrt begleitet«, sagte er, -- »das

Vermächtnis Schubarts, das Gedicht, das er mir in die Hand drückte,

als ich ihn auf dem Asperg sah. Ich hab's bewahrt wie ein Heiligtum,

nun aber sollst du es mitgenießen, Genosse meiner Leiden und meiner

Erhebung.«

Und nun las er mit seinem schwäbischen Pathos die gewaltige Dichtung

»Die Fürstengruft«, und verwundert blickte Streicher zu dem Freunde

auf, den die Poesie alles vergessen ließ, was ihn bedrängte, und der

in der Enge einer elenden Wirtsstube sich in diesen Augenblicken

hinausgehoben fühlte in eine andere Welt.

Am anderen Tage morgens acht Uhr passierten die Reisenden die

blauweißen Grenzpfähle von Kurpfalz, und nun erst war ihnen, als sei

alles gewonnen. An diesem Tage wurde in Schwetzingen übernachtet, und

endlich am Morgen des 19. September rollte der Wagen ohne jeden Anstand

durch das Tor von Mannheim.

[Illustration]

[Illustration: Sechstes Kapitel]

Durch Not und Drang zum Asyl

Es war einige Tage später. Im Hause des Regisseurs Meyer hatte sich

eine Unzahl Schauspieler zusammengefunden, und Schiller wollte ihnen

seinen »Fiesko« vorlesen. Bis jetzt war der Dichter noch voll Mut und

Vertrauen. Meyer hatte ihn freundlich aufgenommen, ihm und Streicher

eine bescheidene, aber saubere Wohnung besorgt, und wenn auch Frau

Meyer bei ihrer Rückkehr aus Stuttgart mancherlei zu berichten wußte

von den Gerüchten, die dort wegen Schillers Flucht und einer Verfolgung

seitens des Herzogs umgingen, der Dichter glaubte Karl Eugen besser

zu kennen und hatte sogar den Mut gehabt, an denselben zu schreiben,

um unter günstigen Bedingungen von ihm die Erlaubnis zur Heimkehr zu

erbitten.

Es war etwa vier Uhr nachmittags. Um den runden, freundlich gedeckten

Tisch, der mit einigen Erfrischungen besetzt war, saßen neben Schiller

und Streicher Meyer und seine Frau, Boek, Iffland, Beil, Frank und

einige andere der bekanntesten Mannheimer Künstler und sahen mit großen

Erwartungen dem neuen Werke des Dichters der »Räuber« entgegen.

Schiller begann mit seinem wenig angenehmen Organ die Vorlesung, und

da er den ersten Akt zu Ende gelesen, legte er das Manuskript einen

Augenblick beiseite und sah im Kreise umher. Aber umsonst erwartete er

ein Zeichen des Beifalls. Man sprach über das Gehörte, aber auch über

ganz andere Dinge, gewöhnlichen Tagesklatsch, und mit einem Gefühl

der Verstimmung, das auch in den Zügen des treuen Streicher sich

wiederspiegelte, begann er mit dem zweiten Akt. Auch nach diesem aber

kam kein Wort des Lobes oder der Anerkennung aus dem Munde der Zuhörer.

Frau Meyer reichte Erfrischungen herum, das Gespräch wurde lebhafter,

man ging hin und her, und zuletzt machte Frank den Vorschlag, man

wolle in den Garten gehen und Bolzen schießen. Beil hatte sich bereits

entfernt, andere gingen jetzt ebenfalls, und nach einer Viertelstunde

saßen außer den beiden Freunden nur der Hausherr und die Hausfrau sowie

Iffland an dem Tische.

Der Dichter fühlte eine Kälte in seinem Herzen und ein großes

Unbehagen; aber er konnte sich nicht überzeugt halten, daß sein

neuestes Werk schuld sei. Frau Meyer zog ihn in ein Gespräch ziemlich

gleichgültiger Art, und man merkte es der braven Frau an, wie

unbehaglich ihr selbst in dieser Stunde zumute war. Streicher war

erbittert auf die Schauspieler, die nach seiner Meinung wahrhaft Großes

nicht zu schätzen wußten, die von kleinlichem Neide gegen Schiller

erfüllt sein müßten, und er beschloß, das nicht ruhig hinzunehmen. Als

Meyer sich erhob, folgte er ihm ins Vorgemach, dort aber nahm ihn der

Regisseur selbst unter den Arm und zog ihn in ein Nebenzimmer. Dort

fragte er: »Sagen Sie mir ganz aufrichtig: Wissen Sie gewiß, daß es

Schiller ist, der die ›Räuber‹ geschrieben hat?«

Streicher stand starr und verdutzt bei dieser Frage. »Zuverlässig; wie

vermögen Sie daran zu zweifeln?«

»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer das Stück geschrieben und es

nur unter seinem Namen herausgegeben hat? Oder hat ihm jemand anderes

daran geholfen?«

»Ich kenne Schiller schon lange und will mit meinem Leben dafür bürgen,

daß er die ›Räuber‹ ganz allein geschrieben hat. Aber warum fragen Sie

mich das alles?«

»Weil der ›Fiesko‹ das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem

Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die

›Räuber‹ geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«

Streicher war entsetzt, er suchte des Freundes Werk nach Kräften zu

verteidigen und wies vor allem darauf hin, daß Meyer dasselbe erst

vollständig kennen müsse. Dieser aber erwiderte: »Als alter und

erfahrener Schauspieler darf ich mir doch wohl erlauben, schon aus

einzelnen Szenen einen Schluß auf das Ganze zu machen, und darum kann

ich nur sagen: Wenn Schiller wirklich die ›Räuber‹ und den ›Fiesko‹

geschrieben hat, so hat er seine ganze Kraft an dem ersten Stücke

erschöpft und kann nun nichts mehr, als erbärmliches, schwulstiges und

unsinniges Zeug hervorbringen.«

Streicher schwieg, und tief niedergedrückt kehrte er mit Meyer zu den

anderen zurück. Es war ein trübes Beisammensein; von dem ›Fiesko‹

sprach niemand, und mit Mühe ward eine Unterhaltung geführt, bis

Schiller mit seinem Freunde aufbrach. Da tat es Meyer leid um den

Dichter, und mit einer Regung der Höflichkeit bat er ihn, ihm sein

Manuskript über Nacht zu lassen, damit er den Ausgang des Stückes

kennen lerne.

Trübe Wolken zogen am herbstlichen Himmel hin, und trübe waren auch

die beiden, die jetzt schweigsam durch die Gassen von Mannheim

hinschritten. In ihrer Wohnung angelangt, warf Schiller seine

Kopfbedeckung beiseite, trat an das Fenster und preßte die heiße Stirn

an die Scheiben. Streicher, von Mitleid erfaßt, stellte sich zu ihm

und legte die Hand auf seine Schulter. Da wendete sich der Dichter um

und sah ihm voll ins Auge: »Ja, du bist gut und treu, Andreas! -- die

andern alle sind falsch und gehässig und neidisch --, oder sie sind

zu dumm, um wirklich Großes zu begreifen. Ich seh's kommen, -- der

›Fiesko‹ wird verworfen wie ein wertloser Lappen, und was wird dann

mit mir? -- Bin ich denn wirklich ein Dichter, oder darf ich's nicht

mehr glauben? -- Nun, dann will ich Komödiant werden, das Deklamieren

versteh' ich wohl wie irgendeiner.«

Streicher dachte an die verunglückte Aufführung des »Clavigo« in der

Karlsschule; aber er widersprach nicht. »Werde ruhig, Freund, und sieh

die Dinge nicht zu schlimm an; noch hat Dalberg nicht gesprochen, und

er hat Verständnis für echtes Gold der Dichtung. -- Zum Schauspieler

werden bleibt noch immer Zeit; aber deiner Familie wegen wirst du auch

das noch einmal überlegen. Heute nichts mehr, -- du bist zu aufgeregt.«

Er führte langsam Schiller zu einem Sitze und setzte sich selbst an

sein Klavier. Er begann leise, weich und innig zu spielen, wie man wohl

ein krankes Kind in Schlummer singt, und die milden Töne, die ruhigen

Weisen begannen den Dichter zu besänftigen. Als Streicher schloß,

drückte er mit stummem Danke ihm die Hand und begab sich zur Ruhe.

Der junge Musiker stand zeitig auf; er kleidete sich geräuschlos an,

und mit einem wehmütigen Blick auf den schlafenden Freund, verließ

er das Gemach. Er hatte keine Ruhe, ihn drohten die engen Mauern zu

ersticken. In tiefen Zügen atmete er draußen die frische Morgenluft,

und sobald es ihm nur irgend erlaubt schien, begab er sich in die

Wohnung Meyers. Dieser kam ihm in sichtlicher Aufregung entgegen und

rief: »Sie haben recht, ›Fiesko‹ ist ein Meisterstück und weit besser

bearbeitet als die ›Räuber‹. Aber wissen Sie auch, was schuld daran

ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten?

Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte Art, wie er alles

deklamiert. Er sagt alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es

heißt: ›Er macht die Tür zu‹, oder ob es eine Hauptstelle des Helden

ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß kommen, da wollen wir es

vorlesen und alles in Bewegung setzen, um es bald auf das Theater zu

bringen.«

Streicher war es, als ob eine Bergeslast von ihm genommen sei, und

ohne Aufenthalt eilte er zu dem Freunde. Dieser hatte sich eben erst

erhoben, seine Stimmung aber war trübe.

»Meyer ist entzückt vom ›Fiesko‹,« rief der Musikus, »es muß auf die

Bühne kommen, und dann ist ja die Wendung da, auf die wir hoffen; denn

von der Bühne muß das Werk seine Schuldigkeit tun.«

Schiller umarmte den Freund, und während er bereits wieder heitere

Luftschlösser baute, machte er sich rasch fertig, um selbst zu Meyer

zu gehen und aus dessen Munde die Bestätigung der frohen Kunde zu

vernehmen. Da ward ihm, eben da er die Wohnung verlassen wollte, ein

Schreiben gebracht aus Stuttgart. Es war von dem Intendanten von Seeger

und enthielt die Antwort auf Schillers Brief an den Herzog. Sie lautete

wohlwollend und gnädig und enthielt die Aufforderung zur Rückkehr und

Zusicherung der Verzeihung. Aber, was Schiller zumeist erhofft und

erbeten hatte, die Zurücknahme der harten Verbote, suchte er vergebens

in den Zeilen, und sein Entschluß war gefaßt: die Brücke mit Stuttgart

mußte für immer abgebrochen werden, von dort war nichts zu hoffen, --

seine Hoffnung blieb Mannheim und der »Fiesko«.

Meyer floß über von Anerkennung seines Werkes, und er wie seine Frau

bemühten sich, dem Dichter den vorhergegangenen Abend vergessen zu

machen. Frau Meyer aber kam dabei wieder auf ihre Wahrnehmungen und

Beobachtungen in Stuttgart zurück, und mit der Ängstlichkeit der

besorgten Frau riet sie Schiller, für einige Zeit, wenigstens bis zur

Wiederkehr Dalbergs und dessen Entscheidung über den »Fiesko« Mannheim

zu verlassen und sich in etwas mehr gesicherter Ferne von Herzog Karl

Eugen zu halten, dem es doch einfallen könnte, von der befreundeten

kurpfälzischen Regierung die Auslieferung seines desertierten

Regimentsmedikus zu verlangen. Diese Befürchtung hegte auch Meyer,

und da außerdem der Aufenthalt für die beschränkten Mittel der beiden

Freunde in Mannheim zu kostspielig war, beschlossen sie, sich gegen

Frankfurt am Main zu wenden und in einem Vorort der alten freien

Reichsstadt sich bis auf weiteres vor dem Württemberger Herzog zu

verbergen.

Die Freunde -- denn der treue Streicher wollte seinen Genossen nicht

verlassen -- hielten Übersicht über ihre sehr zusammengeschrumpften

Geldbestände und fanden, daß sie bei aller Sparsamkeit höchstens noch

zehn bis zwölf Tage aushalten konnten. Sie wollten darum zu Fuß ihre

Reise antreten, und Streicher wollte sich überdies von seiner Mutter

ein Sümmchen von dreißig Gulden erbitten.

Nachdem sie von Herrn und Frau Meyer warmen Abschied genommen,

wanderten sie selbander über Darmstadt, wo sie Nachtrast gehalten

hatten, ihrem neuen Ziele entgegen. Aber die Aufregung der letzten

Zeit, wohl auch die Entbehrungen, die man notgedrungen sich auferlegte,

machten, daß Schiller auf dem Wege bedenklich ermüdete, und der

Kirschengeist, den er zur Erregung seiner Nerven nahm, war wenig

geeignet, ihn zu kräftigen. So konnte die herrliche Gegend, die an

Naturschönheiten so reiche Bergstraße, fast gar nicht genossen werden.

Nicht allzu fern mehr von Frankfurt, in einem Wäldchen, brach der

Dichter endlich zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf. Auf einem

Baumstumpf in seiner Nähe saß Streicher und sah mit wehmutsvoller

Teilnahme nach dem bleichen Gesicht, den verhärmten Zügen. So vergingen

zwei Stunden.

Da ward ein Schritt vernehmbar auf dem nahen Fußpfade, und aus dem

Gebüsch trat ein Offizier in hellblauer Uniform mit gelben Aufschlägen.

Er stutzte, als er die beiden jungen Männer sah, und auch Streicher

ward es einigermaßen unbehaglich, dann kam er näher, indem er die

Freunde anhaltend fixierte: »Oh, hier ruht man sich aus!« rief er

ziemlich laut. »Wer sind die Herren?«

»Reisende«, erwiderte kurz und wenig höflich der junge Musikus, und in

diesem Augenblicke erwachte auch Schiller. Einen Moment sah er verwirrt

umher, dann aber schaute er fest und durchdringend den Offizier an,

der wohl daran gedacht haben mochte, die beiden anwerben zu können,

nun aber zur Erkenntnis kam, daß er sich geirrt hatte. Er entfernte

sich ohne Gruß; Schiller aber erhob sich und erklärte dem angenehm

überraschten Freunde, daß er sich kräftig genug fühle, um den Weg

fortsetzen zu können.

Sie beschleunigten nun einigermaßen die Schritte, und wie sie aus

dem Wäldchen heraustraten, sahen sie die alte freie Reichsstadt im

Abendschimmer vor sich liegen mit ihren Mauern und Türmen. Als die

Dämmerung einsank, hatten sie dieselbe erreicht, und in der Vorstadt

Sachsenhausen, der Mainbrücke gegenüber, nahmen sie bei einem Wirte

Wohnung.

[Illustration: Schiller und Streicher auf der Mainbrücke bei Frankfurt]

Um anderen Tage schon schrieb Schiller an Dalberg, legte ihm seine Lage

vor und bat, ihm auf den »Fiesko« einen Vorschuß zu gewähren. Jetzt

erst wurde dem Dichter wieder freier und wohler um das Herz, und in

Begleitung des treuen Freundes streifte er über die Mainbrücke hinüber

und wanderte durch die alte, merkwürdige Stadt mit ihren reichen

geschichtlichen Erinnerungen, mit ihren interessanten Bauwerken,

mit ihrem regen Verkehr. Das war doch noch anders als Stuttgart und

Mannheim, und das Neue drängte sich immer wieder in reicher Fülle vor

das Auge.

Die Läden der Buchhändler lockten ihn besonders, und er konnte nicht

der Versuchung widerstehen, in einen derselben einzutreten und sich zu

erkundigen, ob das berüchtigte Schauspiel »Die Räuber« guten Absatz

finde. Der Buchhändler bestätigte dies nicht nur, sondern stimmte auch

aus freien Stücken eine so warme Lobeshymne auf das Werk und seinen

Verfasser an, daß das Gesicht Schillers freudig aufleuchtete und er

zuletzt dem überraschten Manne sagte: »Nun, es freut mich, Ihnen sagen

zu können, daß der Dichter vor Ihnen steht.«

Verwundert und verdutzt starrte ihn der Buchhändler an; aber wenn er

vielleicht auch einen gelinden Zweifel in die Wahrheit dieser Angabe

setzte, er überbot sich doch jetzt erst recht im Lobe des Werkes, und

als Schiller mit Streicher den Laden verlassen hatte, drückte er innig

die Hand des Freundes und sagte: »Andreas, das entschädigt mich für

vieles. Mein Name geht nicht mehr verloren, und ich nehme den ersten

Erfolg zum guten Zeichen für die weiteren.«

»Das darfst du, und wie die Sonne durch trübe Wolken, so wird auch dein

Stern durch die jetzige Bedrängnis siegreich sich hindurchdrängen.«

Als ein glücklicher Mensch wanderte der Dichter weiter, und die ganze

Welt schien ihn wieder mit anderen Augen anzusehen. Als sie am Abend

nach Sachsenhausen zurückgingen, blieb er auf der Mainbrücke stehen und

sah hinein in den vom Abendlicht beschienenen Strom, der die Bläue des

Himmels wiederspiegelte, und auf die bewegten, fleißigen Menschen und

die dahingleitenden Fahrzeuge.

»Die Erde ist doch schön, und Mensch zu sein eine Freude«, sprach

er im Weitergehen. In seiner Wohnung aber begann er hin und her zu

wandern, sinnend und schaffend; nur ab und zu setzte er sich an den

Tisch und schrieb. Streicher hatte in einem stillen Winkel Platz

genommen und beobachtete ihn, ohne ihn zu fragen oder zu stören.

Endlich nahm Schiller selbst das Wort: »Mich faßt ein wunderlicher

Drang zu schaffen, Andreas. Der Gedanke an ein bürgerliches Trauerspiel

schwebt mir schon seit einigen Tagen vor, heute fängt es an Gestalt

zu gewinnen. Ich sehe alles werden vor meinem Geiste, das Haus eines

armen Stadtmusikus mit seinem schönen, schlichten Kinde, den Sohn des

vornehmen Präsidenten, der es liebt, den Gegensatz der bürgerlichen und

der adligen Sphäre ... oh, welche Fülle lebensvoller Züge läßt sich

hier anbringen. ›Luise Millerin‹ soll die Heldin heißen und das Stück

selber ...«

Er erzählte dem Freunde von den Einzelheiten des Planes, und es war

tief in der Nacht, als sie beide einschliefen.

Auf diesen angenehmen Tag folgte ein trüber, als sie von der Post die

Briefe holten, die für ~Dr.~ Ritter angekommen waren. Sie waren zum

Teil von Stuttgarter Freunden, voll von Besorgnissen und Warnungen,

zum Teil von Mannheimer Bekannten; aber am meisten Interesse hatte ein

Schreiben Dalbergs. Schiller öffnete es erst, als sie daheim in ihrer

Wohnung waren. Er stand am Fenster und las, und gespannt beobachtete

ihn Streicher. Da sah dieser, wie des Freundes Züge sich verfärbten,

wie die Hand mit dem Briefe niedersank und der Blick des Dichters durch

das Fenster hinausstarrte wie in eine öde, trostlose Weite. Er eilte

zu ihm und faßte seine Hand. Schiller wendete sich und reichte ihm

stumm den Brief, und der junge Musikus las, daß Dalberg keinen Vorschuß

geben wolle, weil der »Fiesko« in der vorliegenden Form für die Bühne

unbrauchbar sei.

Streicher versuchte wie immer zu trösten; aber Schiller blieb gedrückt,

und da am nächsten Tage die dreißig Gulden von Streichers Mutter

eintrafen, machte dieser selbst den Vorschlag, einen stillen Ort nahe

bei Mannheim aufzusuchen, wo man billig lebe, den Mannheimer Freunden

nahe sei und wo Schiller in Ruhe den »Fiesko« umarbeiten könne. Der

Dichter war mit allem einverstanden, und schon am anderen Morgen fuhren

die Freunde mit dem Marktschiffe den Main entlang nach Mainz, wo sie

beim nächsten Morgensonnenschein den Main in den Rhein münden sahen

und weiter wanderten gegen Worms. In Nierstein stärkten sie sich an

einem Glase alten Weins, und am Abend um neun Uhr zogen sie in der

alten Lutherstadt Worms ein. Hier fanden sie einen Brief von Meyer,

der ihnen das kleine Städtchen Oggersheim zum Aufenthalt empfahl, und

so ließen sich denn auch die Freunde in dem Gasthause zum »Viehhof«

nieder, doch hatte Schiller seinen Namen ~Dr.~ Ritter in ~Dr.~ Schmidt

vertauscht, um etwaige Nachspürungen zu täuschen. Mannheimer Freunde

hatten sie dort empfangen, und Meyer suchte Dalbergs Ablehnung in einem

freundlicheren Lichte erscheinen zu lassen.

Trotzdem war die Freude am »Fiesko« dem Dichter verdorben, und er mußte

sich beinahe zwingen, an die verlangte Umarbeitung zu gehen; viel

lieber saß er über dem neu geplanten Werke, der »Luise Millerin« oder

wie es später nach Ifflands Vorschlage hieß: »Kabale und Liebe«.

Karlsschüler und Dichter: Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend · 第 7 / 8 段