Gestalten seines »Fiesko«; dieses Werk mußte fertiggestellt sein, wenn
er nach Mannheim wollte, es mußte ihm die Brücke schlagen helfen zur
Freiheit, und während alles still um ihn war -- nur der Schritt der
Wache klang an sein Ohr --, schuf sein Geist unermüdlich, und außer dem
»Fiesko« erwachten noch neue Pläne, und so waren auch diese vierzehn
Tage der Haft für ihn keine verlorenen.
Sobald er seinen Degen wieder erhalten hatte, begab er sich zu
Streicher. Der empfing ihn herzlich und mit Tränen in den Augen, wie
einen Märtyrer. Schiller aber lächelte und war vergnügt. Die Freunde,
denen die Mutter Streichers sich gesellte, die, was das Haus zu
bieten vermochte, herbeigeschafft hatte, saßen lange beisammen und
besprachen, was nun werden sollte. Endlich waren sie darin einig, daß
Schiller einerseits einen dringenden Brief an Dalberg schreiben sollte,
um diesen zu rascherem Eingreifen in den Gang seines Schicksals zu
veranlassen, andererseits aber versuchen sollte, durch eine Eingabe an
den Herzog diesen zur Zurücknahme seiner Verfügungen zu veranlassen.
Der Brief an Dalberg ward geschrieben. In herzbeweglicher Weise
schilderte der Dichter die Verhältnisse, erzählte von seinem Arrest,
sowie von den Befehlen des Herzogs und flehte den Intendanten unter
Hinweis darauf, daß er seinen »Fiesko« bald beendet haben werde und
bereits mit einer neuen Arbeit, dem »Don Carlos«, umgehe, dringend um
sein hilfreiches Eingreifen an.
Mit Spannung erwartete er eine Antwort, als aber zwei Wochen
verstrichen waren, wurde er mutlos und verzagt; er hatte die
Empfindung, daß Dalberg ihn im Stiche lasse, vielleicht aus Furcht,
unangenehme Verwickelungen mit dem Herzog herbeizuführen. Von einer
Eingabe an den letzteren versprach er sich nicht viel, darum verzögerte
er dieselbe von Tag zu Tag.
Längst war der Sommer gekommen, dem Dichter aber wollte seine Sonne
nicht das bange Herz erwärmen; er schlich umher wie ein Träumer, mied
die Gesellschaft der Freunde, war einsilbig, ja wohl auch verbittert,
und sein Aussehen war so, daß man ihn wohl für leidend halten mochte.
So war er eines Tages wieder hinausgekommen nach der Solitüde, um seine
Familie zu besuchen; er traf bei derselben Frau von Wolzogen, und voll
inniger Teilnahme fragte ihn dieselbe, ob er sich nicht wohlfühle. Auch
die Mutter und seine Schwester Christophine, welche zugegen waren,
während der Vater im Garten draußen seinen Geschäften nachging, taten
voll Besorgnis die gleiche Frage, und nun ging ihm das Herz auf.
»Ja, es frißt mir etwas an der Seele, und ich kann's nicht verwinden.
Das Verbot des Herzogs, nichts mehr zu dichten, und nicht mehr mit dem
Auslande zu verkehren, ist mein Tod. Ich ertrag's nicht mehr.«
Er sank auf seinem Sitze zurück, Christophine aber eilte zu ihm und
schlang ihm die Arme um den Hals. »Sei ruhig und mutig, Fritz, ich
kann es dir nachfühlen und könnte Durchlaucht hassen um seiner Härte
willen! Als ob der Genius sich in seine steife Uniform pressen ließe,
gleichwie der Leib -- --«
»Um Gottes willen, Kind!« mahnte besorgt die Mutter; aber Frau von
Wolzogen unterbrach sie: »Christophine hat recht, -- es ist eine Sünde,
die an seinem Genius begangen wird, und wer's gut mit ihm meint, kann's
nicht ruhig mit ansehen. -- Schiller, erinnern Sie sich dessen, was
ich Ihnen von Bauerbach gesagt hatte, -- dort sind Sie willkommen und
geborgen.«
Schiller hob den Kopf und sah die Freundin mit dankbaren Blicken an:
»Sie meinen es gut, verehrte Frau, und ich will's nicht vergessen. Fürs
erste aber steht mein Sinn nach Mannheim, denn ein zweites Werk, ›Die
Verschwörung des Fiesko‹, geht seiner Vollendung entgegen. Auf Mannheim
und seine Bühne steht mein Hoffen.«
»Aber wie soll es möglich sein, bei dem Verbote des Herzogs --« sagte
wieder die besorgte Mutter.
»Er muß fliehen!« sprach die entschlossene Christophine mit leuchtenden
Augen, und verwundert sahen die andern das Mädchen an, das mit
glühenden Wangen und glänzenden Augen dastand; Schiller aber reichte
ihr beide Hände hin, als wäre damit für ihn die Erlösung gekommen. Daß
auch aus diesem Kreise dies Wort an ihn herantrat, war ihm ein Trost
und eine Freude. Die Mutter aber war geradezu entsetzt bei dem Gedanken
an Flucht.
»Unseliges Kind, bedenkst du auch die Folgen?« fragte sie.
»Die Folgen? Für wen? -- Für Fritz ist die Folge die Freiheit, die sein
Genius braucht, um seine Flügel entfalten zu können, -- was soll es für
andere Folgen haben?«
»Für uns, -- für den Vater, -- er kann seine Stellung verlieren.«
»Dem Vater muß es verborgen bleiben; er muß, wenn die Flucht geglückt
ist, dem Herzog sein Ehrenwort geben können, daß er nicht darum gewußt
hat!«
Schiller zog die Schwester an sich und küßte sie auf die Wange.
Auch die Mutter begann bei dem Zureden der Freundin und der Tochter
sich zu beruhigen; auch sie hatte ja ein Verständnis für das Wesen
ihres Sohnes und konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß
unter den vorliegenden Umständen in der Flucht die einzige Befreiung
lag. Sie selbst war es, welche jetzt auf einen geeigneten Zeitpunkt
aufmerksam machte, wenn es schon sein müßte. Der Hof erwartete hohe
Gäste aus Rußland, den Großfürsten Paul und seine Gemahlin, eine Nichte
des Herzogs Karl Eugen. Schon jetzt -- es war zu Anfang August --
war auf den Schlössern und in den Gärten von Stuttgart, Ludwigsburg,
Hohenheim eine regere Tätigkeit, und überall wurden umfassende
Vorbereitungen zu einem glänzenden Empfange getroffen, um so mehr, als
auch eine große Anzahl benachbarter Fürsten gleichzeitig zum Besuche
einzutreffen gedachte.
In die erste Hälfte des September sollten die großen Hoffeste fallen,
welche die allgemeine Aufmerksamkeit so vollständig in Anspruch nehmen
würden, daß sich dabei am leichtesten die Gelegenheit zur Flucht finden
würde.
Das leuchtete auch Schiller, ebenso wie den Frauen ein, und mit
freierer Seele verließ er die Solitüde in dem Bewußtsein, daß, was auch
kommen möge, er nie ganz allein und verlassen sein, daß er mitfühlende
Seelen und helfende Hände finden würde.
Mit erneuter Schaffenslust ging er an den »Fiesko«; oft brannte seine
Lampe bis tief in die Nacht hinein, und mit brennenden Augenlidern
schrieb er, und wie er einst in der Karlsschule dem Kreise der Genossen
vorgelesen hatte, was er geschaffen, so war es jetzt der treue
Streicher, der mit innigster Teilnahme das Werden und Wachsen des neuen
Werkes verfolgte und mit seinem aufrichtigen Beifall nicht kargte.
In den ersten Septembertagen ward es in Stuttgart belebter als sonst.
Man sah glänzende Hofequipagen mit reichgalonnierten Dienern durch
die Straßen fahren, fremde Fürstlichkeiten hielten mit pomphaftem
Empfang ihren Einzug, zahlreiche Fremde strömten von nah und fern
herbei, um den vielen Schauspielen, die geplant waren, beizuwohnen,
nur Schiller saß zurückgezogen in seiner stillen Klause. Er hatte sich
noch einmal, ehe er den äußersten Schritt wagen wollte, an den Herzog
gewendet mit der inständigen Bitte um Aufhebung der harten Verbote.
Bald darauf hatte der General Augé ihn zu sich rufen lassen und ihm
ziemlich strenge mitgeteilt, daß Durchlaucht verfügt hätten, der
Regimentsmedikus Schiller habe sich aller Eingaben an ihn zu enthalten
bei Strafe strengen Arrests.
So war der Würfel gefallen; was blieb nun noch anderes übrig als die
Flucht? -- Die Stirne in beide Hände gestützt, saß er an dem Tische
und sann; draußen fuhren durch den hellen Sonnenschein goldflimmernde
Karossen, -- was kümmerte es ihn? -- Da kam Streicher, und der Dichter
reichte dem treuen Freunde in tiefer Bewegung beide Hände. »Es muß
sein, Andreas, -- ich habe keinen Ausweg mehr«, sagte er trübe.
»Wie? Hat der Herzog dein Schreiben -- --«
»Nicht einmal gelesen und streng verboten, ihm nochmals zu schreiben.«
Streicher setzte sich neben Schiller und legte ihm die Hand auf die
Schulter. »Nun gut, dann kann dein Herz dich freisprechen von jedem
Vorwurf. Du gehst nach Mannheim, und ich gehe mit dir.«
»Wie, Andreas, das wolltest du wirklich?«
»Hast du je daran zweifeln können? -- Meinst du, ich verließe dich, den
unpraktischen Idealisten, der zwar in der Welt der Geister heimisch
ist, aber fremd in der Welt der Wirklichkeit? Ich habe meiner Mutter
Erlaubnis bereits ausgewirkt dazu. Ich wollte doch im nächsten Frühjahr
nach Hamburg reisen zu Emanuel Bach, dem großen Musiker, statt dessen
gehe ich schon jetzt mit dir mit Sack und Pack, und hab' ich dich
glücklich in Mannheim untergebracht, so setze ich meinen Stab weiter.«
»Du Guter, Trefflicher, -- wie danke ich dir!«
»Deine Freundschaft ist mein Lohn; sieh', dein Name ist an die Sterne
geknüpft, das glaube ich bestimmt, und Höheres kann es nicht geben als
die Freundschaft eines Unsterblichen.«
»Du bist ein Schwärmer.«
»Nicht so ganz; ich habe den Blick auch auf das Praktische gerichtet
und sehe manches, was du nicht siehst. Was gilt's, du hast es nicht
gesehen und weißt es nicht, daß unter den Fremden auch Herr von Dalberg
nach Stuttgart gekommen ist.«
Schiller fuhr empor von seinem Sitze: »Wie, Dalberg hier? -- Sollte er
darum mir nicht geantwortet haben, weil er gedachte, mich persönlich
hier zu treffen, mir mündlich Bescheid zu sagen? -- Andreas, das Wort
läßt neue Hoffnungen in mir erwachen. Vielleicht will er selbst beim
Herzog eine Fürsprache für mich einlegen?«
»Hoffe nicht zuviel, Friedrich! Dalberg ist ein vorsichtiger Hofmann,
der sich nicht leicht die Finger verbrennt um einen, der in Mißgunst
gefallen ist; auch glaube ich nicht, daß seine Fürsprache viel nützen
werde, du kennst ja unsere Durchlaucht!«
»Aber sprechen muß ich ihn, sobald als möglich!« --
Schon am andern Tage suchte er Dalberg auf. Dieser empfing ihn ohne
Überraschung, freundlich und höflich wie immer; scheinbar teilnehmend
hörte er Schiller an, der seine bedrängte Lage schilderte, ohne die
Absicht seiner Flucht zu verraten, und ihn endlich dringend bat, eine
Wendung in seinem Schicksal herbeiführen zu helfen.
Der Intendant versicherte ihn aufs neue seines Wohlwollens, seiner
Bereitwilligkeit, ihm beizustehen, hatte auch wieder warme Worte
des Lobes für seinen Genius; aber glatt und gewandt wußte er den
eigentlichen Kernpunkt der Sache zu umgehen und hielt seine Bedenken
aufrecht, wie man Schiller aus württembergischen Diensten losmachen
könnte. Er verabschiedete seinen Besucher mit Freundlichkeit; Schiller
aber kehrte ziemlich verstimmt zu dem daheim seiner harrenden Streicher
zurück.
»Ich habe eigentlich nichts anderes erwartet,« sagte dieser; »denn
sieh, selbst wenn er noch so wohl es mit dir meint, er kann dir nichts
bieten, solange du württembergischer Regimentsmedikus und nicht in
Mannheim bist; zur Flucht kann er von seinem Standpunkte aus ebenfalls
nicht raten. Aber bist du einmal in Mannheim, dann wird er wohl mit der
Tatsache rechnen --«
»Und der ›Fiesko‹ fällt wohl auch ins Gewicht,« sprach Schiller mit
auflebender Hoffnung; »ich meine, Gutes geschaffen zu haben, ja
Besseres als in den ›Räubern‹; denn meine Anschauungen von Freiheit
haben sich geläutert, und der wilde Sturm und Drang meiner Seele hat
ausgetobt. Meine ›Räuber‹ mögen untergehen, mein ›Fiesko‹ soll bleiben.
Ja, Freund, nun erst ist die Flucht mir beschlossene Sache.«
»Und die Vorbereitungen dazu überlasse mir; möge ein guter Stern mit
uns sein!«
»Er wird es, -- es ist der Stern der Freundschaft!« sagte mit einer
gewissen Feierlichkeit Schiller, und dann hielt er Streicher einige
Augenblicke innig und fest umschlungen.
Einige Tage später gingen die Freunde, begleitet von einer Dame,
hinaus nach der Solitüde. Es war die Frau des Regisseurs Meyer vom
Mannheimer Theater, die ebenso wie ihr Mann dem Dichter freundlich und
wohlwollend gesinnt war. Sie war aus Stuttgart und hatte jetzt ihre
Familie aufgesucht, um gleichfalls den geplanten großen Festlichkeiten
beizuwohnen, und da sie Schillers Mutter kannte, ging sie mit nach der
Solitüde.
Der Nachmittag war schön; ein blauer Himmel spannte sich weit über
das Land, das im vollen Reize des Sommers vor den Blicken lag. Die
Felder waren bereits kahl, aber die Wiesen grünten, die Bäume in den
Gärten bogen sich unter der Last ihrer fruchtschweren Äste, und um die
fernen Höhen lag ein goldiger Schimmer. Das Herz des Dichters war von
einer stillen Wehmut erfüllt bei dem Gedanken, daß er alles das heute
vielleicht zum letztenmal sehe; aber er bezwang sich und begann mit
Frau Meyer ein Gespräch über die Theaterverhältnisse in Mannheim, und
aus ihren Worten suchte er freundliche Hoffnungen für sich abzuleiten,
ohne daß er seinen Plan preisgab.
Endlich sah man den stattlichen Schloßbau aus seinen herrlichen grünen
Gartenanlagen herauswinken, und nicht lange danach war auch die
Wohnung von Schillers Eltern erreicht. Auch diesmal war nur die Mutter
und die älteste Tochter anwesend, und sie begrüßten die Besucher mit
Herzlichkeit. In den Augen der Mutter aber lag ein feuchter Schimmer,
so oft sie ihren Sohn anblickte; denn auch sie wußte ja, weshalb er
gekommen war, und so sehr sie sich auch Mühe gab, sich zu beherrschen,
das Gespräch kam doch manchmal beinahe peinlich ins Stocken. Streicher
begrüßte es darum wie eine Erlösung, als Schillers Vater eintrat.
In seiner behäbigen und dabei doch lebhaften Art begrüßte er die
Besucher und begann dann von den Vorbereitungen zu erzählen, die man
auch hier für die fürstlichen Gäste traf.
»Solche Feste hat die Solitüde noch niemals gesehen und wird sie
vielleicht nie wieder erleben«, sagte er. »Am 17. September werden die
höchsten Herrschaften hierher kommen zur Hirschjagd. Eine Hirschjagd,
wie es noch keine gegeben hat. In unserem Walde werden bei sechstausend
Hirsche zusammengetrieben, die von einer dichten Treiberkette
zusammengehalten werden, damit keiner durchbrechen kann. Dann werden
sie die Anhöhe über dem See hinaufgejagt und gezwungen, sich von
derselben in das Gewässer hinabzustürzen. Im Lusthause aber, das
jenseit des Sees jetzt errichtet worden, werden die fürstlichen Jäger
Platz nehmen und aus den Fenstern die Tiere niederschießen.«
Schiller hatte nur mit halbem Ohr hingehört; jetzt hob er aber doch
den bisher gesenkten Kopf mit dem unmutig geröteten Gesicht und sagte
halblaut: »Ein Vergnügen für Henker, -- und Edleres weiß man den Gästen
nicht zu bieten?«
Fast erschrocken sah ihn der Vater an: »Uns steht kein Urteil zu, wie
wir auch keine Verantwortung dafür haben!«
»Gottlob, daß ich menschlich fühlen darf auch mit dem gehetzten Tier!«
war die bittere Antwort, dann senkte sich wieder der schöne Kopf mit
den rötlichen Haaren, der Vater aber fuhr fort: »Auch ein Schauspiel
ist für den Abend in Aussicht genommen und eine großartige Illumination
des Schlosses; das wird gewiß das prächtigste. Taghell soll die Nacht
erleuchtet werden von tausend Lichtern und Feuerzeichen.« -- --
Aber während sich der Vater in lebhaften Schilderungen erging, ruhte
der Blick der Mutter unausgesetzt auf dem Sohne, und es wollte ihr
beinahe das Herz abdrücken, daß sie nicht reden durfte von dem, was
ihre Seele erfüllte. Leise erhob sie sich endlich und schlich hinaus;
Schiller aber verstand sie und folgte ihr nach. In einem abgelegenen
Nebengemache fanden sie sich zusammen, und schweigend hielt die Frau
ihren einzigen Sohn an ihrem Herzen, während ihr die Tränen über die
Wangen strömten und seine Hand liebkosend über ihren Scheitel strich.
»Muß es denn wirklich sein, Fritz? -- Ist das der letzte Abschied?«
»Es _muß_ sein! Sei ruhig und stark, Mutter, ich fühle in mir eine
wunderbare Kraft und das Bewußtsein, daß es der richtige Weg ist, den
ich gehe.«
»Ach, ich fürchte, daß deine Hoffnungen sich nicht erfüllen, und dann
hast du die Gunst unseres Herzogs verscherzt und dort nichts gewonnen,
-- was dann?«
»Dann kann ich immer noch eine Tätigkeit als Arzt beginnen. Wenn ich
nur über die ersten Anfänge hinauskomme.«
»Ach, und ich vermag dir so gut wie gar nichts mitzugeben, du weißt
ja, von des Vaters Gehalt ist nur knapp auszukommen --, ich hab' ja
nicht einmal das Reisegeld völlig für dich beisammen, obwohl auch
Christophine mit daran gespart hat; wir haben nicht vermeint, daß es so
schnell kommen würde.«
»Wenn irgendeine Gelegenheit günstig ist, so ist es diese bei den
Festlichkeiten. In der Nacht, in welcher die Solitüde im Feierglanze
strahlen wird, soll's geschehen. Denk' an mich, Mutter!«
»O immer, immer! Gott segne dich, mein Sohn, und gebe deinem Hoffen das
Gelingen!«
Noch einige Zeit sprachen die beiden von der Zukunft, die Mutter trübe
und mit Bangen, der Sohn mit freundlicher Tröstung, dann hielten sie
noch einmal sich umschlungen, küßten sich heiß und innig und kehrten
zu den anderen zurück. Die Mutter hielt die Hand des Sohnes fest, bis
sie in das Gesellschaftszimmer eintraten. Christophine sowie Streicher
sahen sie beide an; sie verstanden, was die feuchten, geröteten Augen
beider, was das bleiche Gesicht der Frau und die zuckenden Lippen des
Sohnes erzählten. Streicher drängte zur Heimkehr; er wußte, daß er
damit dem Freunde einen Gefallen tue.
Schiller küßte noch einmal Mutter und Schwester, dann drückte er warm
und innig die Hand des Vaters und sah ihm lange tief in die Augen, als
ob er die teueren Züge sich recht fest einprägen wolle. Der alte Mann
merkte es mit einiger Verwunderung; aber er war so erfüllt von seinem
Festberichte, daß er nichts Besonderes im Wesen seines Sohnes suchte.
Durch den sinkenden Abend und die hereinbrechende Dämmerung schritten
die Freunde gegen Stuttgart zurück und besprachen dabei noch manche
Einzelheiten der Flucht. Es mußte ein Tag gewählt werden, an dem
Schillers Regiment nicht die Wache an den Toren besetzte, und Streicher
hatte zufällig erfahren, daß in der Festeswoche das Regiment, welchem
Scharffenstein angehörte, den Dienst haben würde. Schiller nahm das zum
guten Zeichen. So wurde denn der 17. September als der Tag der Flucht
festgehalten.
Streicher entfaltete in den nächsten Tagen eine unermüdliche Tätigkeit.
Er versorgte den Reisewagen, er brachte die bürgerliche Kleidung,
in welcher Schiller reisen sollte, nach seiner Wohnung, er holte
allmählich auch dessen Wäsche, sowie dessen Lieblingsbücher, die Werke
von Shakespeare, Haller und anderen dahin, so daß am 16. September
alles bereit war. Am nächsten Vormittage um 10 Uhr wollte er noch
einmal sich bei Schiller einfinden, und dieser sollte, was er sonst
noch mitzunehmen beabsichtigte, bereitlegen.
Am Vorabend der Flucht ging der Dichter noch einmal durch Stuttgarts
Gassen. Ihm war zumute, als sollte er von jedem Hause, von jedem
Menschen Abschied nehmen. Der Himmel war trübe, und er vermochte sich
einer Wehmut nicht zu erwehren. Als er an der Wache vorüberkam, sah er
seinen Freund, den Leutnant Scharffenstein zum Fenster der Wachtstube
herauslehnen, offenbar gelangweilt; er hatte wohl den Dienst hier für
die Nacht. Einer augenblicklichen Regung folgend, wendete Schiller
sich ihm zu und trat ein in den unfreundlichen Raum, um dem Freunde
Gesellschaft zu leisten, worüber dieser augenscheinlich sehr erfreut
war. Er wischte mit der Hand über den rohen Tisch hin und fegte
rücksichtslos von der Tischplatte hinweg, was darauf lag, dann befahl
er einem Soldaten, einen Krug Wein zu holen, brachte Pfeifen und Tabak
herbei, zündete die trübe und qualmende Lampe an, und bald saßen die
beiden im traulichen Gespräche.
Nachdem Scharffenstein zunächst weidlich auf den langweiligen Dienst
gescholten, suchte er einen heiteren Ton anzuschlagen; aber Schiller
war nicht in der Stimmung, darauf einzugehen, und jener sah ihm endlich
tiefer in die Augen, und sprach fast verwundert: »Du bist mir heute so
elegisch -- was ist's mit dir?«
»Ich hab' ein Recht dazu, Scharffenstein, ich stehe an einem Wendepunkt
meines Schicksals.«
Befremdet starrte ihn der Leutnant an. »Was hast du vor?« fragte er
endlich teilnehmend, und Schiller erwiderte: »Georg -- du wirst es für
dich behalten, wenigstens bis übermorgen -- ich will aus Stuttgart
fliehen und mir eine freie Bahn suchen für meinen Geist.«
Scharffenstein reichte ihm in stummer Bewegung beide Hände hin,
Schiller aber fuhr fort: »Ich kann's nicht mehr ertragen, wenn ich
nicht zugrunde gehen soll. Sieh, ich freue mich, daß ich gerade heute
noch einmal mit dir zusammen sein kann. Es weckt mir Erinnerungen an
die Tage, da meine ›Räuber‹ entstanden und heimlich im Kreise der
›Bande‹ bruchstückweise verlesen wurden. Mein ganzes Leben in der
Karlsschule taucht vor mir empor, mit den wenigen stillen Freuden und
mit dem bitteren Druck, der uns manchmal die Herzen zerpressen wollte,
und alles ist wie ein Traum. Du kennst mich, Georg, du weißt, daß ich
nicht bin wie hundert andere, daß ich ein anderes Leben lebe, und weißt
auch, daß der Herzog dafür niemals ein Verständnis gewinnen wird, --
darum aber weißt du auch, daß ich nicht anders kann.«
»Ich weiß, Freund, -- und meine besten Wünsche begleiten dich. Kann
ich dir in etwas behiflich sein, so tu' ich's gern. Ich habe morgen
abend die Wache am Eßlinger Tor, -- ich will wenigstens sorgen, daß du
glücklich hinauskommst. Du gehst allein?«
»Streicher geht mit.«
»Der brave Streicher! -- Wohl dir, Friedrich! Du gehst deinem Ruhm
entgegen, der aufsteigenden Sonne; wir bleiben hier in der Niederung
des Lebens und warten, bis wir wieder ein Stückchen vorwärts geschoben
werden. Wenn es einem von uns beiden wehmütig zumute werden kann, bin
ich es. Von dir werden wir hören -- denn dein Name kann nicht verloren
gehen -- ob du noch einmal von uns hier hörst, wer weiß es!«
»Aber vergessen werde ich euch nicht -- keinen, der mir einmal Liebe
und Treue bewiesen hat. Du aber, ich bitte, nimm zum Andenken an mich
die Bücher, die ich in meiner Wohnung zurücklasse; sie sind dein.«
»Sie sollen mir von größtem Werte bleiben!«
Die Freunde aber besprachen noch vieles in dieser Nacht. Das müde
Licht warf einen dämmerigen Schein durch den Raum, nebenan hörte man
das laute Reden der Soldaten; die beiden jedoch saßen verloren in
Erinnerungen, und Glück und Leid der gemeinsam verlebten Vergangenheit
zog an ihren Seelen vorüber. Es begann bereits der Morgen zu grauen,
als Schiller sich erhob.
»Den letzten Tropfen auf dein gutes Glück!« sagte der Leutnant und hob
seinen Becher; sie stießen an, der Dichter aber goß den Rest aus seinem
Trinkgefäß auf den Boden der Wachtstube -- »eine Libation für die
Götter der Unterwelt, daß sie nicht unheimliche Mächte entfesseln.«
Dann schritt er durch die stillen Gassen. Da und dort begegnete er
einem verschlafenen Wächter, sonst war alles in Ruhe. Die Luft ging
kühl, daß ihn fröstelte, aber sie versprach einen schönen Morgen, und
er wünschte, daß ihm die Sonne glückverheißend aufgehe.
Schiller schlief wenig in dieser letzten Nacht, die er in Stuttgart
verlebte. Schon um sechs Uhr weckte Kronenbitter ihn auf, und er
machte sich fertig, um seiner Pflicht gemäß, nachdem er sein einfaches
Frühmahl genossen, nach dem Lazarett zu gehen. Sorglicher als sonst
verkehrte er mit seinen Kranken, als müßte er jedem derselben noch
etwas Liebes tun, und um die achte Stunde kehrte er in seine Wohnung
zurück. Hier begann er noch zusammenzutragen, was er als Letztes
mitzunehmen gedachte, und besonders Bücher waren es, die er nur ungern
zurückließ. Wie er noch unter diesen herumsuchte, fiel ihm ein Bändchen
Oden von Klopstock in die Hand. Er schlug es auf, und der Zufall
wollte, daß er auf eine Ode stieß, die ihn allezeit ganz besonders
gefesselt hatte. Er vergaß die Zeit und seine eigene Absicht; in einen
Stuhl gelehnt, stützte er das Haupt in die Hand, und seine Seele
trank voll Begeisterung die Worte des Dichters des »Messias«, die ihn
mächtig erregten. Er zog ein Blatt Papier heran, ergriff die Feder und
begann nun selbst, gleichwie eine Antwort auf Klopstocks Poesie, eine
Gegenode zu dichten. Mit den Fingern skandierte er den Rhythmus auf der
Tischplatte, murmelte die Verse vor sich hin, und dann flog die Feder.
Was kümmerte ihn der fortschreitende Zeiger der Uhr!