Herbstabenden wußte er durch sein Klavierspiel oft die Stimmung des
Freundes zu erheitern und, wie David bei Saul, die schlimmen Geister
zu bannen; er ermunterte ihn zum Schaffen mit seiner Kunst. Oft wenn
der Mondenschimmer den kleinen Raum mild erhellte, saß er an seinem
Instrument und ließ seine ganze warme, herrliche Seele ausströmen in
milden, erhebenden Klängen, so daß Schiller oft sich erhob, hin und
her wanderte, das entzückte Antlitz dem freundlichen Himmelsgestirn
zugewendet, und dann wieder selbst schaffensfreudiger an seine Arbeit
ging. Solche Stunden taten ihm freilich auch not; denn im allgemeinen
war der Aufenthalt in Oggersheim nicht angenehm, zumal in den
unfreundlichen Herbsttagen und in einem Hause, dessen Friede oft genug
gestört wurde durch die polternde Stimme des Wirtes, der seiner Familie
gegenüber oft genug den Tyrannen hervorkehrte.
Da war es für den Dichter geradezu Bedürfnis, sich ab und zu nach
Mannheim zu schleichen und dort im Hause Meyers oder Schwans, wo immer
einige verschwiegene Freunde sich zusammenfanden, einige Stunden zu
verleben. Freilich wagte er mit Streicher nur bei eingebrochener
Dämmerung sich in die Stadt zu begeben, in welcher sie, da man die
Festungstore zeitig schloß, genötigt waren zu übernachten.
Indes war der »Fiesko« doch in der neuen Fassung fertiggestellt und an
Dalberg übersendet worden, der keine Ahnung hatte, daß ihm der Dichter
so nahe sei, weil Schillers Korrespondenz durch Meyer vermittelt wurde.
Mit leicht begreiflicher Spannung sah der Dichter der Entscheidung des
Intendanten entgegen, und da diese länger, als er gehofft hatte, auf
sich warten ließ, wollte er Herrn von Dalberg wenigstens um sein Urteil
als Dramaturg über das Werk bitten.
Er schrieb deshalb einen Brief, und am Abend des 16. November wanderten
die beiden Freunde, in ihre Mäntel gehüllt, wieder nach Mannheim,
um das Schreiben bei Meyer abzuliefern. Sie wurden bei diesem in
unverkennbarer Aufregung und Angst empfangen und erfuhren, daß ein
württembergischer Offizier hier gewesen sei und sich nach Schiller
erkundigt habe. Wohl hatte man erklärt, daß man nicht imstande sei,
über diesen Auskunft zu geben; aber unbehaglich blieb die Sache doch,
und auch die Freunde wurden besorgt. Als man noch über den Vorfall
redete, klang die Haustürglocke, und Frau Meyer, welche in der ersten
Bestürzung fürchtete, der unangenehme Besuch könnte zurückkehren,
ja Schiller vielleicht beim Eintritt in das Haus bemerkt haben,
drängte die beiden Freunde in ein etwas abgelegenes Kabinett, das sie
sorgfältig hinter ihnen abschloß.
Aber die Furcht war unnötig gewesen; es war ein guter Bekannter
des Hauses, der freilich auch seinerseits berichtete, daß der
württembergische Offizier in der Stadt genaue Erkundigungen wegen
Schiller eingezogen hatte.
Es war ein recht unbehaglicher Abend. Bei dem traulichen Lampenschimmer
saßen sie beisammen, und da noch einige befreundete Herren und
Damen kamen, brachten auch sie die Kunde von dem Offizier, und nun
schien es hier allen ebenso bedenklich, wenn die Freunde in Mannheim
übernachteten, wie wenn sie nach Oggersheim zurückkehrten. In dieser
Not und Verlegenheit schaffte eine der Damen, Madame Curioni, Rat.
Sie hatte die Aufsicht über das jetzt unbewohnte Palais des Prinzen
von Baden und erklärte, die Freunde daselbst unterbringen und unter
Umständen auch so lange verbergen zu wollen, als es nötig erscheinen
könnte, und mit Dank nahmen diese das Anerbieten an. Im Dunkel der
Nacht gingen sie mit Madame Curioni durch die Gassen nach dem stillen
Palaste, und bald sahen sie sich in geradezu fürstlichen Gemächern
untergebracht mit dem beruhigenden Bewußtsein, daß sie an diesem Orte
niemand suchen und noch weniger verfolgen würde.
Als die Sonne durch die hohen Fenster hereinlachte, erhob sich Schiller
mit einem Gefühle des Behagens. Im Morgenschimmer sieht er erst die
ganze Pracht des Raumes, in dem er sich befindet, und nachdem er sich
angekleidet, und der treue Streicher ausgegangen war, um Erkundigungen
einzuziehen, schritt er langsam an den Wänden hin und besah die
trefflichen Gemälde und die Kunstgegenstände und vergaß darüber die
trübe und sorgenvolle Gegenwart.
Nach einiger Zeit kam der treue, unermüdliche Streicher zurück mit
guter Kunde. Der württembergische Offizier war bereits am vorigen
Abend abgereist, ohne mit dem Kommandanten von Mannheim gesprochen zu
haben. Die Sorgen waren unnötig gewesen; ja später erfuhr Schiller
sogar, daß es einer seiner Stuttgarter Freunde gewesen war, der ihn
hatte aufsuchen wollen.
Nun begaben sich die beiden Freunde wieder zu Meyer, der sich, ebenso
wie seine Frau, herzlich freute, daß diese trübe Wolke vorübergegangen
war, der aber auch nicht verhehlen mochte, daß möglicherweise die
Nachforschung nach dem Dichter fortgesetzt und derselbe zuletzt
doch gefährdet werden könnte. Das wackere, wohlwollende Ehepaar
glaubte deshalb dem Dichter raten zu sollen, daß dieser sich ein mehr
verstecktes und gesichertes Asyl suche, und in diesem Augenblicke
schwebte Schiller die Einladung der Frau von Wolzogen vor, und deren
kleines Besitztum Bauerbach erschien ihm wie der rettende Hafen. Er
beschloß, sogleich an sie zu schreiben.
Mit Streicher ging er nun nach Oggersheim zurück. Im »Viehhof« kam
ihnen der unhöfliche Wirt entgegen, der sie kaum grüßte und sie darauf
aufmerksam machte, daß er seit vierzehn Tagen für sie angekreidet habe
und daß auf seiner Tafel schier kein weiterer Platz sei; auch würde
nach seiner Meinung das Anwachsen der Rechnung nicht dazu beitragen,
die Zahlung leichter zu leisten.
Schiller wurde unmutig und suchte den Mann zu beruhigen mit dem
Hinweis, daß er bei Heller und Pfennig bezahlt werden würde. Schweigend
stieg er mit dem Freunde die Treppe hinan nach ihrem unfreundlichen,
kalten Zimmer, und dort sank er verstimmt und kleinmütig auf einem
Stuhle nieder.
»Andreas, wie ist's? Kannst du noch aushelfen?« fragte er Streicher.
Der aber sah ihn traurig an und erwiderte: »Ich habe nichts mehr
und kann auch nicht daran denken, jetzt von meiner Mutter etwas zu
erbitten; denn sie könnte mir nichts geben, und das Herz mag ich ihr
nicht schwer machen.«
»Oh, du guter, lieber Freund! Und alles hast du mir und meinetwillen
geopfert! Wie kann ich dir jemals genug danken? -- Und was soll ich
tun, um unserer Not abzuhelfen?«
Plötzlich, während Streicher den Aufgeregten zu beruhigen bemüht war,
zog er seine silberne Uhr aus der Tasche: »Hier! -- Was brauche ich
sie! -- Mich drängen ja nicht die Stunden, und was brauche ich zu
sehen, wie träge oder wie schnell die Zeit geht? Das fühle ich ohnedies
-- hier, Andreas, tu' mir die Liebe und verkaufe das Ding!«
»Für dich will ich's tun, für mich nicht --; aber ein anderes will
ich dir vorschlagen: Laß uns auseinandergehen! Ich kann dir jetzt
nichts mehr sein, dir nicht helfen und zehre nur deine kargen Mittel
mit dir auf. Bleibe du in Oggersheim, bis Frau von Wolzogen dir
geantwortet hat; ich aber will nach Mannheim ziehen und hoffe, durch
Musikunterricht meinen Lebensunterhalt zu gewinnen.«
Schiller fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen traten. »Andreas, wenn
ich das jemals vergesse! -- Du hast mir deine Zukunft geopfert; statt
nach Hamburg zu Bach bist du mit mir in die Verbannung gezogen, --
statt dem Ruhme nachzustreben, hast du Entbehrungen auf dich genommen.«
»Aber für dich und mit dir! Das wiegt alles auf. Sprich nicht weiter
davon; mir war es ein Glück, dich begleiten zu dürfen, und es wäre
mir noch ein größeres Glück gewesen, dich hier schon dein hohes Ziel
erreichen zu sehen. Aber du wirst es erreichen, und dann wird auch mein
bescheidener Name nicht ganz vergessen sein.«
Innig drückte Schiller des Freundes Hand, und am nächsten Tage zog
dieser hinein nach der Stadt. Dem einsamen Dichter aber gingen die Tage
noch langsamer und träger, und beinahe jeden Abend zog es ihn hinein
nach Mannheim, um Streicher wenigstens zu sehen. Als er -- es war gegen
Ende November und die Flocken wirbelten um ihn -- den Regisseur Meyer
wieder aufsuchte, empfing ihn dieser mit seltsamem, trübem Ernste.
»Schiller, lieber Freund, ich habe keine gute Nachricht für Sie!«
»Was ist's? -- Von Herrn von Dalberg?«
»Ja«, erwiderte kurz der Regisseur und überreichte dem Dichter ein
Päckchen. Schiller öffnete, er hielt die Handschrift seines »Fiesko« in
der Rechten und hätte nicht erst nötig gehabt, den beigefügten Brief
zu lesen, in welchem der Intendant bedauerte, das Stück auch in seiner
neuen Fassung nicht zur Aufführung annehmen zu können. Ein unsägliches
Gefühl der Bitterkeit erfaßte den Dichter: Zwei Monate hatte er
gearbeitet, seine kargen Mittel hatte er aufgebraucht, und nun erfuhr
er nicht einmal, weshalb sein Werk abgelehnt wurde; er mochte es wohl
ahnen, daß es nicht so sehr dieses selbst war, als der Umstand, daß der
Intendant es nicht mit dem württembergischen Hofe verderben mochte, was
dies Ergebnis herbeigeführt hatte.
Einige Augenblicke stand er bleich und fassungslos; als aber Meyer ihm
tröstlich und freundlich zuzusprechen begann -- denn ihn jammerte des
trefflichen und begabten Mannes --, da richtete er sich auf und sagte
mit ruhigem, würdevollem Ernst: »Nun, dann beklage ich nur das eine,
daß ich nicht schon von Frankfurt aus nach Meiningen gereist bin.«
Seines Bleibens konnte nun nicht länger sein; nur eines quälte ihn:
Er wußte nicht, woher er die Mittel zur Weiterreise, ja zur völligen
Bezahlung seines Wirtes und zur Beschaffung von dringend nötigen
Winterkleidern nehmen sollte. Von Meyer oder anderen Stuttgarter
Freunden zu borgen, dazu war er zu stolz. Da dachte er an den
Buchhändler Schwan und beschloß, diesem den »Fiesko« zum Verlage
anzubieten.
Der Hofkammerrat empfing ihn in seinem schön ausgestatteten und
behaglich durchwärmten Arbeitsgemach mit einer gewissen herablassenden
Freundlichkeit. Er hörte den Antrag des Dichters ruhig an, dann kniff
er, wie klug und überlegend, die Augen zusammen, strich einigemal
nachsinnend über die Stirn und sprach: »Ihre Dichtung ist jedenfalls
vortrefflich, lieber Freund; wenigstens hat Iffland das versichert,
und Iffland hat ein Urteil trotz dem Herrn von Dalberg. Ich nehme Ihr
Anerbieten gern an, aber muß bemerken, daß ich nicht mehr als einen
Louisdor für den Druckbogen zahlen kann.«
Als Schiller unmutig die Brauen zusammenzog, fuhr er fort: »Ja, ich tue
damit noch ein Übriges; denn sehen Sie, sobald Ihr Werk heraus ist,
kommt der Nachdruck; ein Dutzend Buchhändler zieht seine Vorteile aus
Ihrem Werke, und mir bleibt nichts, als was ich etwa aus dem ersten
Verkauf ziehe. Sie sehen, ich kann nicht anders.«
Schiller willigte ein; er erhielt von Schwan einen entsprechenden
Vorschuß, zahlte damit seinem unangenehmen Wirt, beschaffte sich, was
er für den Winter nötig hatte, und nun war er so weit, daß er den Staub
von Mannheim von den Füßen schütteln konnte.
Frau von Wolzogen hatte ihre Einladung in der freundlichsten Weise
wiederholt, und so gedachte er am letzten November sich auf den Weg
nach Meiningen, beziehentlich nach Bauerbach, zu machen. Da er sich
nicht in Mannheim zeigen konnte und mochte, wollte er in Worms den
Postwagen besteigen.
Eben als er in seinem unfreundlichen Gemache in Oggersheim damit
beschäftigt war, sein geringes Hab und Gut in einen Mantelsack zu
packen, kamen Meyer, Streicher und einige Mannheimer Freunde, um ihm
das Geleite zu geben. Schiller ließ eine Flasche Wein bringen, und
noch einmal saßen sie zusammen um den Tisch und suchten Schiller Mut
einzusprechen für die Zukunft. Er sah ernst und ruhig drein und sprach:
»Seid unbesorgt! Eine vernichtete Hoffnung ist noch kein vernichtetes
Leben, und in meiner Seele lebt die feste Zuversicht auf meine Kraft
und damit auch auf eine bessere Zukunft. Was kann mir mehr geschehen?
Ich habe keine Heimat, ich habe keinen Besitz, mein »Fiesko« ist als
unbrauchbar erklärt, und doch, ihr Freunde, ich spreche mit Karl Moor:
Die Qual erlahme an meinem Stolz. Als ~Dr.~ Ritter gehe ich von euch --
und unter diesem Namen denke ich in Bauerbach mich zu verbergen und zu
vergraben, um als Friedrich Schiller wieder aufzuerstehen!«
»Auf deine Zukunft!« rief begeistert Streicher, und die Gläser klangen
zusammen; Schiller aber warf nach dem letzten Trunk das seine gegen
die Wand, daß es in kleine Splitter zerschellte, und sagte: »Scherben
bedeuten Glück! Wohlan, -- mit diesem Glase zerbreche ich meine
Vergangenheit, nun hebt ein neues Leben an. -- Auf, nach Bauerbach!«
Er ergriff seinen Mantelsack, schweigend folgten ihm die Freunde, und
bald rollte der Wagen durch den kalten Wintertag mit knirschenden
Rädern hin gegen Worms. Im Posthause ward abgestiegen. Es war Abend
geworden, und da sie eben sich zum Imbiß setzten, erzählte ihnen
der geschwätzige Posthalter, daß in seinem Saale heute von einer
umherziehenden Gesellschaft das Stück »Ariadne auf Naxos« aufgeführt
würde. Das konnte über die Wehmut der Abschiedsstunden einigermaßen
hinweghelfen, und die Freunde gingen denn gemeinsam, um dem Schauspiel
beizuwohnen.
Bei demselben war alles erbärmlich, und das Schicksal der verlassenen
Ariadne reizte zur Heiterkeit, um so mehr, als Theseus auf einem
Schiffe davongefahren war, an dessen Bord zwei Kanonen gemalt waren,
und als man gar nicht im Zweifel sein konnte, daß der grollende Donner
des Gewitters, das Ariadne von dem Felsen schleudert, hervorgebracht
war durch einen Sack mit Kartoffeln, welche in ein Blechgefäß
geschüttet wurden.
Lustige Bemerkungen gingen hin und her, nur Schiller saß still, in sich
versunken. Er hörte wohl ebensowenig die Worte des Melodramas, als
die Witze seiner Gefährten; seine Blicke waren in die Vergangenheit
gerichtet und in die Zukunft, der er entgegenging. Er dachte wohl auch
daran, wie man seine »Räuber« in ähnlicher Weise da und dort aufführen
mochte, und wie man sich vielleicht bei dem gewaltigen Pathos Karl
Moors, das mit der Szenerie nicht im Einklang stand, belustigen mochte,
und eine trübe Bitterkeit wollte ihn erfassen. Aber mannhaft zwang er
dies Gefühl nieder, doch war er froh, als die Aufführung zu Ende war.
Noch ein Stündchen saßen die Freunde beisammen und tranken den Abschied
in einem Glase Liebfrauenmilch, -- dann hieß es auseinandergehen. Die
Mannheimer wollten noch in der Nacht nach der Heimat zurück, und nun
ging es an ein Umarmen und Küssen. Meyer und andere sprachen viel
und gezwungen heiter, nur Streicher war ernst und stumm. Er hatte
dem Freunde am meisten an Liebe getan und fühlte am herbsten seinen
Verlust. Schiller mochte von einem gleichen Empfinden beseelt sein, und
so standen die beiden Menschen, sahen sich lange und tief in die Augen,
drückten sich die Hände, aber über die Lippen kam kein Wort, -- jeder
wußte, daß er das Bild des andern im Herzen mit sich fortnehme.
Durch die Winternacht fuhren die einen nach Mannheim zurück, der
andere, Einsame, hinein in die fremde Welt. Er hatte eine Reise von
etwa sechzig Stunden vor sich, in bitterer Kälte, ohne besonders warme
Kleidung, und verfügte nur über geringe Mittel; aber der starke Geist
war ungebeugt und ließ sich nicht niederdrücken durch leibliche Mühsale.
Glücklich, wenn auch tüchtig durchfroren, langte er in Meiningen an und
suchte zunächst den herzoglichen Bibliothekar Reinwald auf, an welchen
Frau von Wolzogen ihn empfohlen hatte. Er fand einen trefflichen,
herzlichen Menschen, der ihn aufnahm wie einen lieben, alten Bekannten,
und Schiller ward es wohl zumute bei dem Gedanken, daß ihm hier ein
gütiges Geschick vielleicht einen Ersatz für seinen Streicher geschickt
habe. In gehobener Stimmung, mit freudiger Zuversicht brach er am
Spätnachmittage aus Meiningen auf, um seine Reise nach Bauerbach
fortzusetzen. Die Dunkelheit war hereingebrochen, als er daselbst ankam
und aus den zerstreuten Hütten die Lichter schimmern sah, die ihre
Grüße ihm entgegenwinkten, und nicht lange währte es, so hielt er vor
dem schlichten Hause, das Frau von Wolzogen gehörte.
Der Gutsverwalter Vogt empfing ihn freundlich; in der
wohldurchgewärmten Stube erwartete ihn ein ländlich kräftiges Mahl,
und mit unendlichem Behagen sah er sich in dem Raume um, der jetzt
seine Wohnung sein sollte. Der Tisch mit seinem gedrehten Fuß, der alte
Lehnstuhl am Fenster, die Bilder von Fürstlichkeiten in geschwärzten
Rahmen an der Wand, die kleinen Fenster, die niedrige Decke, der
mächtige Kachelofen -- alles heimelte ihn an, und er schlief den Schlaf
des Gerechten in der ersten Nacht.
Beim Morgensonnenschimmer aber trat er an sein Fenster und sah hinaus.
Er sah in den tiefverschneiten Obstgarten, auf die schneebedeckten
Hütten des Dorfes, auf die ferner sich hinziehenden weißblinkenden
Höhen, von denen dunkel sich die Ruinen eines verfallenen Bergschlosses
abhoben, und es war ihm, als sei er in einer fremden, verzauberten
Welt. Alles war tiefstille, nur Krähen kreischten um den baufälligen
Kirchturm; jetzt aber begann ein Glöcklein durch die Morgenfrühe zu
läuten. Das ging mit reinen, klaren Schlägen durch das Tal, über dem
sich ein tiefblauer Himmel wölbte, und den einsamen Dichter überkam
eine wundersame Rührung. Fern der Welt, herausgehoben über die Welt
stand er da, frei von allen Fesseln, erfüllt von der Kraft des Genius,
und er segnete das Asyl, das er gefunden, und segnete die edle Frau,
die es ihm geboten, und seine Seele hob sich mit den schwingenden Tönen
des Dorfglöckleins empor und fühlte aufs neue den Hauch kommender
Unsterblichkeit.
[Illustration]
Fußnoten
[1] Der Lehrer des Französischen
[2] Manille ist ein Kartenspiel, das Schiller gern mit seinen Freunden
spielte; er nannte wohl auch den Kreis derselben gelegentlich mit
dieser Bezeichnung.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Korrekturen:
S. 56: Scharfenstein → Scharffenstein
rief {Scharffenstein}. »Vivat!«