»Und was denkst du zu tun?« fragte Reichenbach.

Anstatt der Antwort nahm Schiller den empfangenen Brief, drehte ihn

langsam zusammen, näherte ihn dem Lichte, und wie er aufflammte,

zündete er daran seine ausgegangene Pfeife an, warf das Papier dann zu

Boden und trat die Flamme mit dem Fuße aus.

»So, -- dem Dinge wär' sein Recht geschehen -- und nun ein anderes

Kapitel!« sagte er ruhig, und bald war das Gespräch zu andern Dingen

gelangt. -- --

Wenige Tage später war es, daß Herzog Karl Eugen im Schloßgarten zu

Ludwigsburg lustwandelte. Es war ein schöner Aprilmorgen, die Sonne

leuchtete auf dem grünen Rasen, und die Amseln sangen. Der Fürst

war begleitet von dem Garteninspektor _Walter_, einem Manne, dessen

ganzer Erscheinung man Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, gemischt

mit kriecherischem Wesen, anmerkte. Karl Eugen war wohlgelaunt und

hatte manch freundliches Wort der Anerkennung über die Gartenanlagen

gesprochen, das Walter mit strahlendem Gesichte und gebeugtem Rücken

entgegennahm. Nun fragte der Fürst leutselig: »Weiß Er sonst etwas

Neues zu berichten?«

»Etwas Neues wohl, aber nichts Angenehmes.«

»Hm -- will Er mir den schönen Morgen verderben? -- Was ist's?«

»Es betrifft das Theaterstück ›Die Räuber‹ von dem Regimentsmedikus

Schiller.«

Das Gesicht des Herzogs verfinsterte sich, während ein lauernder Blick

Walters dasselbe streifte. Der Garteninspektor, der in Schillers Vater

einen schlimmen Konkurrenten in der Gunst seines Herrn sah, war kein

Freund der Schillerschen Familie und benutzte die Gelegenheit, seiner

kleinlichen Gesinnung eine Genugtuung zu bieten, als Karl Eugen frug:

»Was ist's wieder damit? -- Diese Komödie spukt ja, wie es scheint,

jetzt überall, und Schiller hätte Besseres tun können, als sie zu

schreiben. Hat jemand Ärgernis daran genommen?«

»Durchlaucht, ich möchte nicht als Angeber erscheinen.«

»Ach, halt Er's Maul! -- Nachdem er einmal soviel gesagt hat, muß das

andere auch heraus. Was weiß Er?«

»Durchlaucht geruhen vielleicht zu wissen, daß ich die Ehre habe,

korrespondierendes Mitglied der Bündner ökonomischen Gesellschaft

zu sein, und darum pflege ich das Hauptblatt von Graubünden, den

›Sammler‹, zu lesen. Darin steht ein Artikel eines ~Dr.~ Amstein, der

Schiller der Ehrenbeleidigung und Verleumdung Graubündens bezichtet,

begangen durch einen Ausdruck in den ›Räubern‹, daß Graubünden das

Athen der heutigen Gauner sei. Amstein verlangt von Schiller eine

öffentliche Ehrenerklärung!«

Das Gesicht des Herzogs färbte sich von zorniger Röte. »Hat Er den

~articulum~ zur Hand? -- Das möcht' ich wohl lesen.«

»Ich habe zufällig die betreffende Nummer bei mir.«

»Wirklich -- zufällig?« fragte Karl Eugen boshaft, indem ein

durchdringender Blick den zusammenknickenden Mann streifte und er

aus dessen Hand das Papier in Empfang nahm. Er entfernte sich mit

demselben raschen Schrittes, während Walter erst nach einiger Zeit

sich aus seiner gebückten Stellung erhob und mit hämischem Lächeln ihm

nachblickte. Nicht lange darauf hörte man das Rasseln eines Wagens --

der Herzog fuhr gegen Stuttgart.

Um Nachmittag des nächsten Tages wurde Schiller nach dem Schlosse

Hohenheim zu seinem Landesherrn befohlen. Kronenbitter hatte ihm seine

Uniform ganz besonders gesäubert und den Zopf, sowie die Ohrenröllchen

mit größter Genauigkeit gedreht, und so stelzte der Regimentsmedikus

zur bestimmten Stunde nach dem Schlosse, ungewiß, was der Herzog von

ihm verlangen würde, aber mit der Seelenruhe eines Philosophen; denn

im Grunde war ihm Karl Eugen immer ein gnädiger Herr gewesen, und er

versah sich deshalb keiner Unannehmlichkeit.

Dieser aber empfing ihn mit finsterem Gesicht. »Da hat Er sich und mir

wieder eine saubere Suppe eingerührt mit seiner verfl... Komödie! --

Kennt Er den Artikel?« Der Herzog reichte ihm die Nummer des »Sammler«

mit Amsteins Aufsatz.

»Zu Befehl, Durchlaucht!«

»Und was gedenkt Er zu tun?«

»Nichts, Durchlaucht; denn der Wisch ist keine Antwort wert, und die

Ehre einer literarischen Fehde tue ich seinem Verfasser nicht an.«

Karl Eugen schaute den Sprecher groß an: »Auf Reputation hält Er, das

gefällt mir; aber das schafft die Geschichte nicht aus der Welt. Wie,

zum Donnerwetter, kommt Er denn zu seiner Äußerung über Graubünden?«

»Halten zu Gnaden, Durchlaucht, die Äußerung ist ja nicht meine

persönliche Meinung, also gar keine Behauptung, die erst eine

Widerlegung braucht, sondern sie wird von einem Räuber so hingeworfen

und noch dazu von dem schlechtesten Burschen der ganzen Bande, und

nur ein Dummkopf kann sich darüber mokieren. Auch ist's wohl eine

Volkssage, was mir dabei vorgeschwebt hat.«

»Aber bedenkt Er denn nicht, wie unangenehm mir die ganze Sache ist?

In der Graubündner Republik ist man uns in Württemberg ohnehin nicht

gewogen und erzählt von uns die schlechtesten Dinge. Und nun kommt da

ein Württembergischer Regimentsmedikus und bohrt in das Wespennest.

Vergißt Er denn, daß er Eleve der Karlsschule war, und daß man mit

Fingern auf die Akademie zeigen und mich selber verlästern wird, daß

ich nicht besser Zucht zu halten verstehe in derselben. Wer zum Teufel

heißt Ihn denn überhaupt Komödien schreiben?«

»Der innere Drang, Serenissime --!«

»Ach was -- schwätze Er nicht! Er hat keinen anderen Drang aufkommen

zu lassen als den für seine medizinische Wissenschaft. Ich will nicht,

daß das Ausland eine wenn auch nur scheinbare Berechtigung findet zu

öffentlichen Anklagen. Die ganze Poeterei ist zwecklos, und Er kann

keinen Hund damit vom Ofen locken. Es gefällt mir auch nicht, daß

Er seine Komödie im Ausland hat aufführen lassen; Er hat wohl viel

Beifall, wie ich höre, aber auch anständigen und braven Leuten viel

Ärgernis gegeben.«

»Das mögen beschränkte Naturen sein, die nicht den hohen Flug des

Dichters und seine tiefere Absicht begreifen -- --«

»Maul gehalten!« donnerte der Herzog, der sich immer mehr in Erregung

und Zorn hineinredete. »Ich will mich nicht weiter mit Ihm darüber

auseinandersetzen, -- ich sage Ihm nur das, daß es Ihm von Stund' ab

verboten ist, etwas anderes als medizinische Schriften drucken zu

lassen, und daß Er sich nicht unterstehe, irgendeine weitere Verbindung

mit dem Auslande zu unterhalten.«

Schiller fühlte, wie ein heißer Schmerz ihm die Seele zusammenzog; dies

Verbot hieß seinen Geist in Fesseln legen und ihn zum Sklaven machen;

es brach seine schönsten Hoffnungen, und mit bebenden Lippen wagte er

zu sagen: »Halten zu Gnaden, Durchlaucht, -- das ist so viel, als dem

Vogel das Fliegen und Singen, dem Fische das Schwimmen zu verbieten.

Die Poesie ist meine Lebensluft, und wenn ich ihr entsagen muß, geht es

mir ans Leben!«

»Das ist Firlefanz -- weibische Einbildung! Selbstzucht muß Er üben,

das hab' ich Ihm schon vordem gesagt, und darum wiederhole ich Ihm: Bei

Strafe der Kassation schreibt Er mir keine Komödien mehr!«

Der Herzog wandte sich ab, Schiller war entlassen, und langsam ging

er die Treppe hinab. Aber da er vor dem Schloßtor stand, streckte er

seine hohe Gestalt und atmete tief, als wolle er die Luft der Freiheit

einsaugen, und seine Lippen murmelten: »~Frangor, non flector~ --

lieber gebrochen, als gebogen werden!«

Dann ging er mit weitausgreifenden Schritten durch die Gassen der

Hauptstadt und wandte sich nach dem »Ochsen«. Dort traf er die Freunde

beim Kegeln, und sie sahen einigermaßen verwundert auf, als sie ihn in

der steifen Paradeuniform kommen sahen.

»Was feierst du denn heute für einen Festtag?« fragte der eine.

»Ich komme von Serenissimus.«

»Nun, wozu kann man dir gratulieren?«

»Wenn du's tun willst, Petersen, Durchlaucht geruhten, mir den Kopf zu

waschen.«

Das Kegelspiel kam ins Stocken, alle drängten sich an Schiller.

»Ja, nun seid ihr neugierig wie die Elstern, und ich hätte beinahe

Lust, euch in eurer Neugier schmoren zu lassen; aber ich bin nicht

grausam: Serenissimus hat mir Kassation in Aussicht gestellt, wenn ich

noch eine Komödie schreibe.«

Auf allen Gesichtern stand lebhafte Teilnahme, und im ersten Augenblick

fand keiner ein geeignetes Wort. Endlich trat Streicher heran, reichte

dem Freunde die Hand und fragte: »Und wie willst du's damit halten?«

»Sei ruhig, Andreas, ich werde Komödien schreiben, und wenn mir's gehen

sollte wie dem armen Schubart; mich schreckt nicht der Hohenasperg.

Aber nun, Freunde, laßt euch die Gemütlichkeit nicht stören, -- wir

sind noch nicht so weit, trotz dem Herzog von Württemberg. -- -- Kann

ich hier mit von der Partie sein?«

Bald rollten die Kugeln aufs neue, und Schiller beteiligte sich

ohne Erregung, ja beinahe mit Heiterkeit an dem Spiele, bis die

vorgeschrittene Zeit zur Heimkehr mahnte. Mit Streicher ging er durch

die stillen, von spärlichem Lampenschimmer nur matt erhellten Gassen.

Anfangs waren beide schweigend, endlich sprach der junge Musiker,

indem er den Gedankenfaden, der ihn still bewegte, anscheinend laut

weiterspann: »Da gibt's nur eins, Freund, du mußt fliehen.«

Schiller blieb stehen. »Ist das nicht wundersam, wie unsere Gedanken

in diesem Augenblick sich begegnen? Eben habe auch ich an die Flucht

gedacht. Mannheim ist meine Zuflucht, der Intendant von Dalberg will

mir wohl, -- im schlimmsten Falle glaub' ich's wagen zu können.«

»Warum willst du erst warten, bis der schlimmste Fall eintritt? Und was

nennst du den schlimmsten Fall? Des Herzogs Hand ist manchmal rasch und

kräftig, und hat dich erst der Hohenasperg, so ist's mit dem Entrinnen

vorbei.«

»So schlimm ist's noch nicht, -- -- auch würden mir die Mittel fehlen

zur Flucht.«

»Was mein ist, ist auch dein. Hast du vergessen, daß ich dich einst

bat, mir den Vorzug zu lassen, wenn du einen Freundesdienst brauchst?

-- Mein kleiner Besitz, meine ganze Person, sie stehen dir zur

Verfügung, -- nur versäume die rechte Stunde nicht.«

»Ich danke dir, Andreas, und will dir's nicht vergessen. Wir wollen den

Gedanken im Auge behalten, und ist's soweit, dann komm' ich zu dir.«

Sie standen vor der Wohnung Schillers, drückten sich noch einmal warm

die Hände, und dann schieden sie. Der Schritt Streichers verhallte

in der stillen Gasse; der Dichter selbst aber ging noch eine Weile

unruhig in dem engen, dumpfigen Gemache auf und nieder. Kapf, sein

Stubengenosse, war nicht daheim, nichts störte ihn in seinen Gedanken,

und die waren nicht bei Herzog Karl Eugen, auch nicht mehr bei seiner

Flucht, sondern bei dem neuen Werke, dem »Fiesko«. Die ganze Welt

versank dem schaffenden Geiste, den keine Drohung, kein Zwang hindern

konnte, die Schwingen auszubreiten und sich zu erheben über die engen

Schranken der Alltagswelt. -- --

Der Mai war ins Land gekommen und hatte seinen Blütenschimmer weithin

ausgestreut. Im herzoglichen Lustgarten unter den leuchtenden Bäumen

spazierte Schiller mit Frau von Wolzogen und Frau Laura Vischer. Die

beiden waren erfüllt von wärmster Teilnahme für ihn und für sein

Schicksal, und beide hatten den Glauben, daß er zu Großem bestimmt

sei. Frau von Wolzogen hatte durch Bekannte in Mannheim den Erfolg der

»Räuber« schildern hören, und es erfaßte sie geradezu eine Sehnsucht,

das Stück selbst zu sehen. Das war es, was sie nun aussprach, und Frau

Vischer stimmte ihr lebhaft bei.

»Was den Genuß freilich noch mehr erhöhen würde, wäre, es mit Schiller

zusammen zu sehen,« sagte die Hauptmannswitwe, und das Wort fiel wie

ein zündender Funke in die Seele des Dichters. Nur zu gern hätte er

selbst sein Werk noch einmal auf den Brettern geschaut, aber er hatte

den Gedanken daran niedergekämpft; jetzt aber, in den Maitagen, in

welchen das Herz zu kühnerem Wagen geneigt und von sonnigen Hoffnungen

mehr erfüllt ist, kam er wieder.

»Ja, wenn ich es wagen dürfte! -- Wie gerne ginge ich mit Ihnen, meine

Freundinnen, nach meinem Eldorado, wie wollte ich doppelt genießen

in Ihrem Genusse, und den Eindruck meines Werkes sich widerspiegeln

sehen in zwei so lieben Seelen --; aber Sie wissen, über mir hängt ein

Damoklesschwert ...«

»Wissen Sie auch, daß Durchlaucht demnächst auf einige Zeit verreist?«

fragte Frau von Wolzogen, und Schiller horchte hoch auf.

»Wenn das ist, wäre viel gewonnen ... Und die Fahrt nach Mannheim hätte

für mich vielleicht den Vorteil, mir meinen ferneren Weg zu ebnen, ich

könnte mit Herrn von Dalberg persönlich verhandeln ... Wohl, ich will's

zum guten Zeichen nehmen, daß Sie mich begleiten wollen! Seien Sie mir

die schützenden Genien, meine Freundinnen! Ich will es wagen!«

Er reichte den beiden die Hände, die sie herzlich erfaßten, und langsam

schritten alle drei weiter.

In den nächsten Tagen verreiste der Herzog wirklich. Sogleich schrieb

Schiller einen Brief an Dalberg, in welchem er ihm sein Verlangen

vortrug, sein Stück noch einmal zu sehen, und er wolle die Abwesenheit

seines Landesherrn benutzen, um mit einigen Damen, welche begierig

seien, die »Räuber« auf der Mannheimer Bühne an sich vorübergehen zu

lassen, dahin zu kommen.

Der Intendant kam bereitwillig seinem Wunsche wegen der Aufführung

entgegen, und nachdem Schiller sich bei seinem Vorgesetzten, dem

Leibmedikus Elwert, hatte krank melden lassen, sich außerdem aber bei

dem Obersten von Rau, der ihm wohlwollend war, einen Urlaub erwirkt

hatte gegen das Versprechen, ihn bei einer etwaigen Entdeckung

aus dem Spiele zu lassen, fuhr an einem schönen Maiennachmittag

ein viersitziger Wagen, in welchem der Dichter mit seinen beiden

Freundinnen saß, zum Tor von Stuttgart hinaus.

Es war eine herrliche Fahrt durch das frühlingsschöne Württemberger

Land; freundliche, kleine Städte, friedliche Dörfer waren

hineingebettet zwischen Wald und Anger, und fernher blaute die Kette

der Vogesen. Die Seele des Dichters nahm einen freieren Flug; der Mund

strömte ihm über, und die Teilnehmer der Fahrt freuten sich seiner

lebhaften, warmen Beredsamkeit und wurden selbst angenehm erregt. Es

waren schöne Stunden!

Schönere noch waren es, als sie nebeneinander in der Loge des Theaters

saßen und nun am Auge vorüberziehen, am Ohre vorüberrauschen ließen,

was Schiller geschaffen. Der Eindruck des Werkes war bei den Frauen

ein tiefer, und in aufwallendem Enthusiasmus wollte Frau Vischer die

Hand des Dichters küssen, die so Herrliches geschrieben hatte, während

auch Frau von Wolzogen, der älteren Dame, die Wangen brannten und die

Augen leuchteten. Sie sprach tiefbewegt: »Schiller, ich danke Ihnen

für diese erhebenden Stunden und will sie nie vergessen. Was müßten

Sie erst schaffen mit dem vollen Fluge des Geistes, wenn dies Werk in

den Fesseln entstand! Schiller, wenn Sie einmal eine Zufluchtstätte

brauchen, erinnern Sie sich, daß ich im Meiningschen ein kleines,

stilles Asyl habe im Dorfe Bauerbach; das biete ich Ihnen an als

Zufluchtsort, wenn Sie nicht wissen, wohin Sie sich wenden sollen, und

es soll mir zur Freude gereichen, wenn dies schlichte Fleckchen Erde

die Weihe Ihres Genius erhält.«

»Ich danke Ihnen, verehrte Frau, und vielleicht früher, als Sie meinen,

kann die Stunde kommen, da ich Gebrauch machen muß von Ihrer Güte.«

»Sie sind zu jeder Zeit willkommen!«

Dies Gespräch erfüllte den Dichter mit Ruhe und Zuversicht, und in

solcher Stimmung erbat er sich eine Besprechung mit dem Freiherrn von

Dalberg, um diesem seine Not in der Heimat zu klagen und ihm sein

Schicksal ans Herz zu legen. Der Intendant empfing ihn freundlich und

zuvorkommend und hörte ihn scheinbar mit ruhiger Teilnahme an, da

er von der Verfügung des Herzogs Karl Eugen berichtete und von dem

Drange seines Herzens. Schiller sprach warm und herzlich, wie zu einem

Freunde, denn ihn ermunterte der wohlwollende Blick des andern. Er

schloß: »Ich lege mein Geschick vertrauensvoll in Ihre Hände, und ich

weiß nicht, an wen ich mich besser wenden könnte. Sie haben mir den

Weg des Ruhms geöffnet und mir ein großes Ziel gezeigt; ziehen Sie

Ihre Hände nicht von mir ab, damit meine heiße Seele nicht erstarren

muß unter einem kalten und verhaßten Zwange. Ihre Großmut und Ihr

Scharfblick werden die Stelle finden, die ich auszufüllen vermag im

Dienste der Kunst, der -- das fühle ich -- mein Leben gehört.«

Dalberg war bewegt. Er reichte Schiller die Hand und erwiderte: »Was

ich tun kann für Sie, will ich gern tun. Die Art, Sie hier in Mannheim

zu employieren, dürfte keine Schwierigkeiten bieten, wenn wir Sie nur

erst einmal aus dem Württembergischen herüber hätten. So glatt wird das

mit Ihrer Durchlaucht nicht gehen, der uns einen seiner Karlsschüler

und wohlbestallten Regimentsmedikus nicht ohne weiteres überlassen

wird. Hier heißt es in Geduld abwarten und nicht den Mut verlieren. Ich

behalte Ihre Sache im Auge.«

Schiller ging, aber er war nicht befriedigt. Das waren halbe

Zusicherungen, und er brauchte -- das fühlte er -- eine rasche,

rettende Tat. Mit einiger Verstimmung bestieg er wieder den Wagen,

um gegen Stuttgart zurückzufahren. Er war einsilbig, so sehr auch

die Freunde sich bemühten, ihn aufzuheitern, und da er an das Tor

der Residenz herankam, sagte er niedergeschlagen: »Da geht's wieder

zurück in den Käfig. Es ist, als ob mir der Gedanke auf alle Glieder

geschlagen wäre, und mein Körper ist wie Blei, meine Pulse brennen --

ich glaube, ich habe Fieber.«

Besorgt sahen die Freunde ihn an und sahen in ein unnatürlich gerötetes

Gesicht und flimmernde Augen. Am andern Morgen mußte er zu Bette

bleiben, und der treue Streicher, welcher gekommen war, um sich von

dem Mannheimer Aufenthalte berichten zu lassen, war erschrocken und

entsetzt, als er ihn umarmte. Er fühlte selbst ein Frösteln und ein

Unbehagen, doch setzte er sich an das Lager des kranken Freundes,

der nun mit etwas matter Stimme, aber doch lebhaft erzählte, daß er

im Grunde so gut wie nichts erreicht habe, und daß die auf Dalberg

gesetzten Hoffnungen wohl trügerische seien.

Streicher tröstete und beruhigte: »Wenn er nur eine Stellung hat für

dich, -- aus Württemberg wollen wir schon fortkommen, dafür laß mich

mit sorgen. Die Flucht bleibt dir noch immer, und bist du erst über die

Grenze, so wird das weitere sich wohl finden. Den Kopf hoch, Freund!«

»Das kann ich heute nicht, Andreas!« sagte Schiller mit einem Anfluge

von Scherz und lächelnd, »der Kopf ist mir zu schwer.«

Die beiden Freunde trennten sich; Streicher aber fühlte, da er auf die

Straße kam, einen dumpfen Schmerz im Kopfe, ein Brennen in den Augen,

und es war ihm kein Zweifel, daß er den Keim einer Erkrankung von dem

Freunde mit fortgenommen hatte. Daheim mußte er auch sich zu Bette

legen, und die Mutter geriet in nicht geringe Besorgnis um den einzigen

Sohn. Dieser selbst aber lebte in seinen Gedanken bei Schiller und tat

sich selbst immer wieder das Gelöbnis, ihn nicht zu verlassen und in

der Stunde der Not ihm getreulich zur Seite zu stehen.

Nach etwa vierzehn Tagen hatten beide Freunde sich wieder erholt,

und da sie zum erstenmal sich begegneten und umarmten, wiederholte

Streicher sein Gelöbnis. Solche Treue aber tat Schiller ungemein wohl,

und bald genug sollte er sie auch brauchen.

[Illustration: Fünftes Kapitel]

Auf der Flucht

Frau von Wolzogen wie Frau Vischer standen noch lange unter der

Nachwirkung des Eindrucks der »Räuber«. Das Herz war ihnen voll davon,

daß sie Zeugen des Triumphes des geliebten Dichters sein und in seiner

Gegenwart sein Werk genießen konnten, und es ist begreiflich, daß ihnen

auch der Mund davon überging. Zunächst erzählten sie von der Aufführung

im engsten Bekanntenkreise, und erst als ihnen die Mitteilung

entschlüpft war, daß sie mit Schiller zusammen in Mannheim gewesen,

wurden sie der Gefahr sich bewußt, in welche sie mit ihrer Redseligkeit

den Dichter bringen konnten, und versuchten, ihren Freunden Schweigen

darüber aufzuerlegen.

Aber unter dem Siegel der Verschwiegenheit ging die Kunde doch still

immer weiter, und so kam es, daß auch der General Auge davon erfuhr.

Der alte Soldat aber hielt es für seine Pflicht, auch den Herzog davon

zu verständigen, und berichtete peinlich genau mit allen Einzelheiten,

die ihm selber zu Ohren gekommen waren. Karl Eugen geriet in Zorn; So

hatte dieser Regimentsmedikus gewagt, seinem strengen Befehle zum Trotz

ins Ausland zu gehen -- das durfte nicht ungestraft bleiben!

[Illustration: Schiller vor dem Herzog Karl Eugen von Württemberg]

Schiller erhielt sofort Ordre, vor ihm zu erscheinen. Er ahnte nichts

Gutes bei der Kunde, um so mehr, als ihm zugleich die höchste Eile

anbefohlen war, so daß er sich kaum Zeit nehmen konnte, sich in seine

Paradeuniform zu werfen. So rasch als möglich begab er sich nach dem

Schlosse Hohenheim und wurde sogleich nach dem Garten gewiesen, wo der

Herzog ihn erwartet zu haben schien. Dieser schien zunächst freundlich

und huldvoll, daß Schiller fast irre an ihm wurde; er schritt mit ihm

in den schattigen Alleen hin, machte ihn auf besondere Schönheiten der

Anlagen aufmerksam und redete von ganz gleichgültigen Dingen. Plötzlich

blieb er stehen, richtete sich hoch auf und indem er seinen Begleiter

durchdringend anschaute, sagte er: »Er ist in Mannheim gewesen! Ich

weiß alles! Ich sage, Sein Oberster weiß darum.«

Schiller stand im ersten Augenblick verblüfft und fühlte, wie ihm

das Blut aus den Wangen wich; dann nahm er eine stramme militärische

Stellung ein und erwiderte: »Durchlaucht, ich bitte untertänigst um

Verzeihung -- ja, ich war in Mannheim, aber Oberst von Rau hat keine

Schuld dabei; ich bin ohne Urlaub gegangen und hatte mich krank

gemeldet.«

»Ihn soll doch gleich ein Blitz in den Boden wettern! Er ist ja ein

ganz verlogenes Subjekt, ein ungehorsamer Windhund, mit dem ich Ernst

machen muß. -- Wie kommt Er denn dazu, meinem bestimmten Befehle

sich zu widersetzen? -- Meint Er, mein Wohlwollen für Ihn habe keine

Grenzen?«

»Darauf habe ich allerdings gesündigt -- halten zu Gnaden, Durchlaucht!

Es war zu verlockend, in guter Gesellschaft noch einmal mein Stück

sehen zu können, und da Serenissimus abwesend waren und ich nicht

persönlich um die Gnade eines Urlaubs bitten konnte -- --«

»So ist Er einfach mit einem Paar Weibsleuten durchgebrannt. Ist das

Subordination? Ist das Achtung vor seinem Landesherrn? Und den Rau

werde ich mir auch zur Rechenschaft ziehen -- --«

»Ich bitte untertänigst, Durchlaucht -- Oberst von Rau hat von einem

Urlaub nichts wissen wollen -- ich wäre ein Schurke, wenn ich anderes

behauptete --«

»Mag sein, ich will's vom Rau glauben; -- aber das vergrößert nur seine

eigene Schuld. Himmelelement, wohin soll's denn kommen, wenn schon ein

simpler Medikus glaubt, unsere Befehle mit Füßen treten zu dürfen -- --«

»Halten zu Gnaden -- --«

»Still! Kein Wort! Er hat meine Befehle mit Füßen getreten und

verdiente eigentlich die Kassation und den Hohenasperg dazu, ich will's

aber noch einmal glimpflich mit Ihm machen, obwohl Er ein Deserteur,

ein Filou ist. Gehe Er auf die Hauptwache und melde Er sich zu einem

vierzehntägigen Arrest -- damit mag's vorläufig abgetan sein; aber das

sage ich Ihm, so wie ich der Herzog von Württemberg bin, wenn Er seinen

Verkehr mit dem Auslande fortsetzt, oder wenn Er etwas anderes als

Medizinisches schreibt, so setze ich Ihn hinter Schloß und Riegel in

ein Loch, wo weder Sonne noch Mond Ihm hineinscheinen soll.«

Schiller überlief ein Schauer, er dachte an den armen Schubart; ein

bittend Wort wollte sich über seine Lippen drängen, aber er preßte es

hinab und dankte für die gnädige Strafe.

Nun ging er nach der Hauptwache und gab seinen Degen ab, und gleich

darauf befand er sich in einer engen, unfreundlichen Zelle, durch deren

Gitterfenster nur ein schmaler Streifen des Sonnenlichts hereingrüßte.

Seine Seele war voll unsäglicher Bitterkeit. Was sollte nun werden?

-- Er fühlte nur das eine, daß er niemals dem Befehl des Herzogs

sich unterwerfen könne, daß er darüber zugrunde gehen müßte. In dem

schmalen Raume schritt er auf und nieder, und wiederum mußte er an den

Gefangenen von Hohenasperg denken, dessen ganzes Verbrechen ja auch nur

in dem freien Aufflug seines Geistes bestand, und wieder kam ihm der

Gedanke an Flucht.

Karlsschüler und Dichter: Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend · 第 5 / 8 段