Da legte Rieger ihm die Hand auf die Schulter: »Ihr Wunsch ist erfüllt

-- er steht vor Ihnen.«

Da sprang Schubart auf, tat einen tiefen Atemzug, und mit leuchtenden

Augen und einem Aufjauchzen in der Stimme sagte er: »Sie sind's -- der

Dichter der ›Räuber‹?«

Dann umarmte er ihn, küßte ihn heftig auf die Wangen, und Schiller

fühlte, wie auf sein Gesicht Tränen niedertropften, Tränen der Freude.

Er hat diese Stunde niemals vergessen können.

Als er nach einiger Zeit sich entfernte, trat ihm im Korridor Schubart

noch einmal entgegen und gab ihm eine Papierrolle. »Nehmen Sie das als

Erinnerung an diese Stunden und an einen Unglücklichen, dem Sie ein

Glück gebracht, dessen er stets eingedenk bleiben wird.«

Schiller schlug das Papier auseinander; es enthielt ein Gedicht,

betitelt: »Die Fürstengruft«. Mit einem innigen Händedruck dankte er

und schied, und dieser Tag war kein verlorener in seinem Leben.

Sein Abglanz leuchtete ihm noch nach in die elende Junggesellenstube

in Stuttgart, wohin er zurückkehrte. Am Abend war er heimgekommen und

hatte die Tür verschlossen gefunden. Nun hätte er beim Hauswirt den

Schlüssel holen oder auf seinen Stubengenossen Kapf warten, oder auch

in den »Ochsen« gehen können, wo er gewiß Bekannte traf, -- nichts von

alledem; er nahm nach seiner Gewohnheit eine Prise Tabak, und dann trat

er mit kräftigem Fuße die Tür ein; er hatte das zwingende Bedürfnis,

die Kraft, die er heute in sich fühlte, in irgendeiner Weise äußern zu

können.

Er trat ein und zündete seine Kerze an, dann las er zum andernmal

Schubarts »Fürstengruft«, und noch lange schritt er erregt in dem

kleinen Raume auf und nieder. Endlich trat er wieder an den Tisch, und

jetzt fiel ihm hier erst ein Brief auf, der mit einem großen Siegel

verschlossen war. Verwundert nahm er ihn in die Hand und las die

Adresse -- es war die seine --, dann betrachtete er das Siegel und las

die Umschrift: »Intendanz des Hoftheaters in Mannheim«.

Mit einem kräftigen Ruck hatte er den Brief geöffnet, war an das Licht

herangetreten und las nun beinahe atemlos, während seine Augen sich zu

vergrößern schienen. Jetzt warf er das Schriftstück auf den Tisch und

begann lustig um denselben zu tanzen und laut zu singen.

Da öffnete sich die Tür; in ihrem Rahmen stand eine junge, nicht

unschöne Frau mit blondem Haar und blauen Augen, und sah ihm verwundert

zu, indes sie die Hände ineinander faltete. Es war Schillers

Hauswirtin, eine verwitwete Hauptmann Vischer, die ihm freundlich

zugetan war. Endlich findet sie Worte: »Aber, um des Himmels willen,

sind Sie toll geworden, oder was ist's?«

Nun erst sah sie der Regimentsmedikus; mit einem Sprunge war er bei

ihr, umfaßte sie, gab ihr einen regelrechten und herzhaften Kuß und

wirbelte sie mit sich im Tanze um den großen Eichentisch, dann rief er:

»Laura, ich bin glücklich -- ich bin unendlich glücklich -- da lesen

Sie, lesen Sie!«

Er führte die rascher Atmende, die sich seinen Armen entwand,

zum Tische und reichte ihr das Schreiben, das auch sie mit einer

unverkennbaren Hast durchflog, dann gab sie, indem sie es fallen ließ,

ihm beide Hände und rief: »Herzlichen Glückwunsch! Das ist der wahre

Anfang zum Ruhme -- nun kann es nicht mehr fehlen! Vorwärts, mein

Adler, vorwärts, empor zur Sonnenhöhe!«

»Ja, zur Sonnenhöhe, Laura!« sagte Schiller und hob die Augen voll

Begeisterung empor, dann erfaßte er wieder den Brief. »Und nun

muß ich in den ›Ochsen‹ und muß auch der ganzen Manille noch die

Sensationsnachricht bringen -- die Kerls werden Gesichter machen. Gute

Nacht!«

[Illustration: Schiller liest den Brief des Intendanten Dalberg]

Und hinaus war er, während Frau Vischer lächelnd und mit leisem

Kopfschütteln ihm nachsah; ein wunderlicher Mensch war er, aber auch

ein außergewöhnlicher, und manches mußte ihm verziehen werden, auch die

in einer Kraftanwandlung eingebrochene Tür.

Schiller aber eilte nach der Hauptstetterstraße in den »Ochsen«, wo

er gewöhnlich mit seinen Freunden zusammenkam bei einem Schoppen Wein

oder Bier. Die Wirtsstube war leer, nur in einer Ecke fand er Petersen,

Reichenbach und Streicher und grüßte sie mit erregtem Gruße, dann warf

er seinen Brief auf den Tisch. Petersen ergriff ihn und las:

»_Dem Herrn Regimentsmedikus usw._

Durch den Buchhändler und Hofkammerrat Schwan habe ich Kenntnis

von Ihrer Tragödie ›Die Räuber‹. Das Werk ist von packender

Kraft nach Inhalt und Sprache, wie unsere Zeit kaum ein zweites

hervorgebracht hat, und wird bei einigen Änderungen auf der

Bühne von großer Wirkung sein. Es wird mir eine Freude sein,

unter der Voraussetzung einer bühnengerechten Fassung einzelner

Szenen, dasselbe auf der Mannheimer Bühne dem deutschen

Publikum zuerst vorzuführen und eventuell die neue Bearbeitung

in den Verlag der Hofbühne zu nehmen. Ich sehe Ihrer

Gegenäußerung gern entgegen und bin mit Vergnügen geneigt, mit

Ihnen in nähere Verhandlung über diese Sache zu treten.

Ihr wohlgeneigter

_Heribert von Dalberg_.«

Sechs Hände streckten sich dem Dichter entgegen zu herzlichem Drucke;

Streicher konnte sich's nicht versagen, ihn zu umarmen.

»Nun ist die Sache im rechten Fahrwasser!« rief Petersen. »Glück zu!

Aber der Festtag muß gebührend gefeiert werden.«

»Wie sich's geziemt!« sagte Schiller. -- »Heda, holla, bringt vier Maß

Burgunder auf meine Rechnung!«

Der Wein kam, kräftig klangen die Becher, und bis in die Nacht hinein

feierten die Freunde das frohe Ereignis.

[Illustration]

[Illustration: Viertes Kapitel]

»Die Räuber« in Mannheim

An einem Sonntagmorgen -- es war der 13. Januar 1782 -- standen die

Bewohner Mannheims an den Straßenecken und bei den Brunnenröhren und

lasen mit einer gewissen Erregung den Zettel, der dort angeschlagen

war und der es verkündete, daß an diesem Tage »auf der hiesigen

Nationalbühne« aufgeführt werden sollte:

_Die Räuber._

Ein Trauerspiel in sieben Handlungen; für die Mannheimer

Nationalbühne vom Verfasser, Herrn Schiller, neu bearbeitet.

Dem Personenverzeichnis war ein »Avertissement« beigefügt, welches

lautete:

»_Der Verfasser an das Publikum._

Die Räuber -- das Gemälde einer verirrten großen Seele --

ausgerüstet mit allen Gaben zum Fürtrefflichen, und mit

allen Gaben -- verloren -- zügelloses Feuer und schlechte

Kameradschaft verdarben sein Herz, rissen ihn von Laster zu

Laster, bis er zuletzt an der Spitze einer Mordbrennerbande

stand, Greuel auf Greuel häufte, von Abgrund zu Abgrund

stürzte in alle Tiefen der Verzweiflung -- doch erhaben und

ehrwürdig, groß und majestätisch im Unglück, und durch Unglück

gebessert, rückgeführt zum Fürtrefflichen. -- Einen solchen

Mann wird man im Räuber Moor beweinen und hassen, verabscheuen

und lieben ... Man wird auch nicht ohne Entsetzen in die innere

Wirtschaft des Lasters Blicke werfen und wahrnehmen, wie alle

Vergoldungen des Glücks den inneren Gewissenswurm nicht töten

-- und Schrecken, Angst, Reue, Verzweiflung hart hinter seinen

Fersen sind. -- Der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der

zügellosen Ausschweifungen nach, und der Mann gehe nicht ohne

den Unterricht von dem Schauspiel, daß die unsichtbare Hand der

Vorsehung auch den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Absicht und

Gerichte brauchen und den verworrensten Knoten des Geschicks

zum Erstaunen auflösen könne.«

Der Anfang der Vorstellung war auf »präzise fünf Uhr« angesetzt.

Ganz Mannheim geriet in Bewegung; die Jungen erzählten sich auf den

Gassen, die Erwachsenen am Mittagstische nur von dem neuen Stücke,

und die allgemeine Erwartung und Erregung steigerte sich noch, als

bereits im Laufe des Vormittags zahlreiche Wagen aus Darmstadt, Mainz,

Frankfurt, Worms und anderen Städten kamen, welche zahlreiche fremde

Neugierige brachten. Alles suchte sich Theaterkarten zu verschaffen,

und da die Logenplätze schnell genug vergriffen waren, und jeder noch

einen möglichst guten Sitz zu erlangen suchte, begann bereits um ein

Uhr mittags der Zudrang zum Theater, das lange vor der fünften Stunde

völlig gefüllt war.

Der Dichter des Stückes aber war mit den zahlreichen Fremden ebenfalls

eingetroffen, begleitet von seinem Freunde Petersen. Viele sahen den

schmächtigen jungen Mann mit dem blassen Gesicht; aber wohl keiner

beachtete ihn, und ihm selbst lag nicht daran, erkannt zu werden; denn

heimlich und ohne einen Urlaub einzuholen, der ihm doch wohl verweigert

worden wäre, war er aus Stuttgart abgereist.

Um fünf Uhr saß er mit klopfendem Herzen in der kleinen Loge, welche

der Intendant ihm aufbehalten hatte. Seine Stimmung war eine gehobene

und vertrauensvolle, so daß er zu seinem Freunde äußerte: »Ich freue

mich wie ein Kind; ich glaube, meine ganze dramatische Welt wird dabei

aufwachen und mir im ganzen einen größeren Schwung geben; denn es ist

das erstemal in meinem Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges

hören werde.«

Das letzte, einigermaßen selbstbewußte Wort mochte wohl auch mit Bezug

auf die tüchtigen schauspielerischen Kräfte gesprochen sein, über

welche die Mannheimer Bühne verfügte, wie Boek, welcher den Karl, und

vor allem Iffland, welcher den Franz Moor spielen sollte.

Draußen vor dem Theater standen viele, welche keinen Einlaß mehr hatten

finden können, voll Unmut und Neugier, während drinnen jetzt ein tiefes

Schweigen sich über die dichtgedrängte Menge lagerte und der Vorhang

emporrauschte. Aber das Publikum schien sich erst an all das, was es

sah und hörte, gewöhnen zu müssen. Der Intendant hatte neue malerische

Kostüme anfertigen lassen, die szenische Ausstattung stand auf der Höhe

der Zeit, und der häufige Wechsel des Schauplatzes gab Veranlassung,

auch in dieser Hinsicht die Schaulust zu befriedigen, und dazu dröhnte

und klang die Sprache des Dichters mit einem neuen, fremden Schwunge

und griff an die Phantasie und das Herz der Hörer. Trotzdem gingen die

ersten drei Akte ohne besondere Beifallskundgebungen hin.

Nun kam der vierte Akt Und brachte eine fortwährende Steigerung der

Erregung: Der Räuber Moor unerkannt im Schlosse seiner Väter, wo

er erfährt, wie er schmachvoll betrogen worden um sein Erbteil, um

das Herz seines Vaters und um seine Braut ... dann die Szene der

lagernden Räuber im nächtlichen Walde bei dem einsamen Turme, dem

Gefängnis des alten Moor, der, abgemagert zum Skelett, hervorgeholt

und von seinem verstoßenen Sohne erkannt wird -- -- wie das die Seelen

durchrüttelte, und als Karl seinen getreuen Schweizer abgeschickt, um

den unnatürlichen Sohn und Bruder »ganz und lebendig« herbeizubringen

... »Du sollst eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem

König mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frei ausgehen wie

die weite Luft« -- da brach mit dem Fallen des Vorhangs der stürmische,

immer wiederkehrende Beifall los.

Und doch war der Höhepunkt noch nicht erreicht. Das geschah erst, als

die Zuhörer die Schauer des Gerichtes hereinbrechen sahen über den

verzweifelnden Verbrecher. Dunkel liegt die Nacht in den Gemächern

seines Schlosses; aus der Dämmerung hebt sich das bleiche Gesicht

Iffland-Moors ab, das so scharf und zutreffend alle Regungen der

Seele wiedergibt. Es ist so grauenhaft und doch so erschütternd und

packend, wie er mit seiner angstgequälten Seele, mit den verzerrten

Zügen dasteht und die bleichen Lippen dem alten Diener Daniel den Traum

erzählen, der ihn aufgescheucht hat -- den Traum von dem jüngsten

Gericht: »Plötzlich traf ein ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr;

ich taumelte behende auf, und siehe, mir war's, als sähe ich aufflammen

den ganzen Horizont in feuriger Lohe, und Berge und Städte und Wälder

wie Wachs im Ofen zerschmelzen, und eine heilende Windsbraut fegte von

hinnen Meer, Himmel und Erde -- da erscholl's wie aus ehernen Posaunen:

Erde, gib deine Toten! Gib deine Toten, Meer! Und das nackte Gefild

begann zu kreißen und aufzuwerfen Schädel und Rippen und Kinnbacken und

Beine, die sich zusammenzogen in menschliche Leiber und daherströmten

unübersehlich, ein lebendiger Sturm. Damals sah ich aufwärts, und

siehe, ich stand am Fuß des donnernden Sinai, und über mir Gewimmel und

unter mir, und oben auf der Höhe des Berges auf drei rauchenden Stühlen

drei Männer, vor deren Blicke floh die Kreatur ...«

So ging es weiter, und atemlos, regungslos, bleich saßen die Zuschauer.

Von der Bühne her aber klang es mit einer Stimme, in der das ganze

Grauen wirklichen Empfindens nachzitterte: »Schneebleich standen alle,

ängstlich klopfte die Erwartung in jeder Brust. Da war mir's, als hörte

ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und mein

innerstes Mark gefror in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell

begann die Wage zu klingen in der Hand eines, der sie hielt zwischen

Aufgang und Niedergang, zu donnern begann der Fels, und die Stunden

zogen vorüber, eine nach der andern an der links hängenden Schale, und

eine nach der andern warf eine Todsünde hinein ... die Schale wuchs zu

einem Gebirge; aber die andere, voll vom Blute der Versöhnung, hielt

sie noch immer hoch in den Lüften, -- zuletzt kam ein alter Mann,

schwer gebeugt von Gram, angebissen den Arm von wütendem Hunger, aller

Augen wandten sich scheu von dem Mann; ich kannte den Mann, er schnitt

eine Locke von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in die

Schale der Sünden, und siehe, sie sank, sank plötzlich zum Abgrund, und

die Schale der Versöhnung flatterte hoch auf! -- Da hört' ich eine

Stimme schallen aus dem Bauche des Felsen: Gnade, Gnade jedem Sünder

der Erde und des Abgrunds! Du allein bist verworfen! ...«

Und nun bricht der Räubertumult heran, von draußen schallt das wütende:

Stürmt! Schlagt tot! Brecht ein! und der zitternde Schurke sinkt in

die Knie und will beten: »Höre mich beten, Gott im Himmel! -- Es ist

das erstemal -- soll auch gewiß nimmer geschehen -- erhöre mich,

Gott im Himmel!« ... und während den zitternden Zuschauern das Blut

erstarrt und die Haare sich sträuben, hören sie statt des Gebetes die

Gotteslästerung: »Ich bin kein gemeiner Mörder gewesen, mein Herrgott

-- hab' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott -- --«

und nun lodert der Feuerschein des brennenden Schlosses auf, und wie

Schweizer mit den Seinen eindringt, findet er Franz, der mit seiner

goldenen Hutschnur sich erdrosselt hat.

Nun brach der entfesselte Sturm des Beifalls los, der alle Schranken

überschritt. -- Schiller aber lehnte sich zurück in seinem Sitz und

hielt beide Hände vor das Gesicht, als habe ihn ein Schwindel erfaßt,

während seine Seele vermeinte, Flügel zu haben, und sich hinausgetragen

wähnte über die Welt der Wirklichkeit. Dann fühlte er, wie die Rechte

des Freundes die seine erfaßte und mit innigem Drucke festhielt. Als

der Vorhang zum letztenmal fiel, tobte der Beifall aufs neue, und

während das Haus anfing leerer zu werden und die hundertköpfige Menge

sich draußen zerschlug, um den Ruhm des Stückes und seines Dichters

weiterzutragen, nahm dieser den Glückwunsch Dalbergs entgegen, der in

seine Loge eingetreten war, sowie jenen des Kammerrates Schwan, der ihn

endlich mit sich fortzog.

Die Nacht lag in den Gassen Mannheims, als die Männer durch dieselben

schritten; begeistert redeten Schwan und Petersen, Schiller aber

schwieg, -- was er heute erlebt hatte, übertraf seine kühnsten

Erwartungen, und in seiner Seele lebte das Bewußtsein seines

eigentlichen Berufes. Schwan führte ihn nach einem Gasthause, wo die

Schauspieler sich eingefunden hatten, um den Dichter zu feiern.

In einem hellerleuchteten, behaglich warmen Zimmer saßen sie

beisammen, und da Schiller eintrat, klangen ihm begeisterte Hochrufe

entgegen, Hände streckten sich aus, um die seine zu drücken, und die

Schauspielerin Toscani, welche die Amalia gespielt hatte, setzte einen

Kranz auf das Haupt des Dichters. Dann setzten sich alle und aßen und

tranken gemeinsam, und bis tief in den Morgen hinein floß der Strom

geistvoller und heiterer Gespräche. Endlich erhob sich Schiller, dem

Schwan vier Goldstücke als Reisevergütung überreichte, um nach dem

ereignisreichen Tage noch einige Stunden zu ruhen.

Mit Unbehagen kehrte er nach Stuttgart in seine steife Uniform zurück;

aber der Schimmer, welcher seine Seele durchleuchtet hatte, konnte

nicht verlöscht werden im Alltagstreiben, um so mehr, als teilnehmende

Freunde immer wieder von seinem Erfolge zu hören wünschten und er

nur zu gern erzählte. So hatte er im »Ochsen« einen begeisterten und

aufrichtigen Kreis gefunden -- zumal die Genossen von der Karlsschule,

die alte »Bande«, freute sich seines Erfolges --, hatte die aufrichtige

Umarmung Streichers sich gefallen lassen, hatte in der Solitüde draußen

die Glückwünsche von Mutter und Schwestern entgegengenommen und

freundlichste Teilnahme im Hause der Frau von Wolzogen gefunden.

Auch der Schaffensdrang war im Wachsen, und er begann mit einem neuen

großen Stücke: »Die Verschwörung des Fiesko«, um so mehr, da er hörte,

daß »Die Räuber« auch an anderen Orten mit vielem Beifall aufgenommen

wurden, wie in Hamburg und in Leipzig; hier war zuletzt die Aufführung

des Stückes untersagt worden, weil man meinte, daß die ungewöhnlich

zahlreichen Diebstähle während der Meßzeit vielleicht durch dasselbe

veranlaßt sein könnten.

Der Winter war indes vergangen; langsam, mit Regenschauern und

Sturmessausen nahte der Frühling. Die Knospen trieben an Strauch und

Baum, und in den Gärten schimmerte es grün; aber man suchte am Morgen

und Abend zumal den wärmenden Ofen.

Um diesen hatten sich an einem Märzabend auch die Mitglieder der

Tafelrunde im »Ochsen« eingefunden: Scharffenstein, Petersen,

Reichenbach, Schiller, und der letztere lehnte behaglich in seinem

Sitze und ließ vergnügt die blaugrauen Wolken aus seiner Pfeife steigen.

»Nun, wie steht's mit deiner Promotion zum Doktor der Medizin?« fragte

Reichenbach, »man munkelt, daß du scharf an deiner Dissertation dazu

arbeitest.«

Schillers behaglich-vergnügtes Gesicht verfinsterte sich. »Wer zum

Henker heißt dich heute daran rütteln? -- Warum willst du mir die gute

Stunde verderben? Zum Kuckuck mit allen Dissertationen der Welt!«

»Ja, willst du denn nicht promovieren, nachdem es so bequem gemacht

ist, seit Kaiser Joseph die Karlsschule zum Range einer Universität

erhoben hat und du hier den Doktorgrad zu erlangen vermagst? -- Hoven

ist schon tüchtig an der Arbeit!«

»Ich gönn' ihm sein Vergnügen und seine Ehre. -- Was tu' ich mit dem

Doktor der Medizin? -- Ich praktiziere auch ohne den Titel recht

und schlecht weiter, und wenn ich's rundum besehe, bin ich zum Arzte

verdorben. Dafür dürft' ich meine Patienten fragen, für die's ein Segen

wäre, wenn ich's Kurieren aufgeben könnte. Meine Mittel sind alle

zu kräftig -- biegen oder brechen. Das ist so mein System, und das

paßt nicht in die alte Theorie, weshalb mein teurer Vorgesetzter, der

Leibmedikus Elwert, auch jedes meiner Rezepte erst gründlich darauf

prüft, ob der Patient meine Mixtur auch vertragen kann. Hab' da just

ein Wischlein zur Hand, eine Selbstrezension über die ›Räuber‹, und

damit die ganze Welt weiß, woran sie ist, habe ich es eigenhändig hier

niedergeschrieben, was ich von meiner Medizin halte. Da!«

Er warf ein Heft auf den Tisch, das Petersen ergriff und aus welchem

er vorlas: »Der Verfasser der ›Räuber‹ -- er soll ein Arzt bei einem

württembergischen Grenadierbataillon sein, und wenn das ist, macht

es dem Scharfsinn seines Landesherrn Ehre. So gewiß ich sein Werk

verstehe, so muß er starke Dosen in ~Emeticis~ ebenso lieben, als in

~Aestheticis~, und ich möchte ihm lieber zehn Pferde, als meine Frau

zur Kur geben.«

»Ja, Kinder, und wenn ich euch sage, daß der ›Almanach für Apotheker

auf das Jahr 1781‹ das einzige medizinische Buch ist, das ich bisher

gekauft habe, könnt ihr ungefähr erkennen, wie weit ich mit meiner

Dissertation sein muß. -- Pah, von etwas anderem!«

Er brannte sich von neuem seine Pfeife an. »Wo bleibt heute Streicher?

Der Junge hat mir mit seiner Musik jüngst eine trübe Stunde aus der

Seele getrieben; er hat Herz in den Fingern, sag' ich euch -- --«

»Und Durst in der Kehle!« rief eine lustige Stimme, und der junge

Musiker trat an den Tisch, warf seinen feuchten Mantel ab und setzte

sich mit heiterem Gruße zu den anderen.

»Einen Schoppen Roten und eine Pfeife!« herrschte er dem Schenkburschen

zu, sah dann mit vergnügten Augen im Kreise herum, als ob er sehen

wollte, was es Neues gebe, und nachdem er seinen Tabak in Brand

gebracht, sprach er: »Was gebt ihr, wenn ich euch etwas Lustiges

berichte? -- 's ist zwar an sich nichts Neues; aber ihr wißt es doch

noch nicht!«

»Ohne Präambula!« rief Scharffenstein -- »los mit dem vollen Orchester!«

»Schiller, die Sache trifft dich oder vielmehr ›Die Räuber‹, -- ja, wer

Komödien schreibt, muß fürsichtig sein.«

»Na, wem zum Henker hab' ich denn wieder unrecht getan? Wenn's nur

ein Kritiker ist, so laß ihn stecken, Andreas, über die Sorte bin ich

hinaus.«

»Die Sache hat aber den Reiz der Neuheit; denn diesmal ist Spiegelberg

in den ›Räubern‹ der schuldige Teil. Wie sagt der Kerl doch? --

›Zu einem Spitzbuben will's Grütz -- auch gehört dazu ein eigenes

Nationalgenie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbubenklima, und

da rat' ich dir: Reis' ins Graubündner Land, das ist das Athen der

heutigen Gauner.‹ Das ist die Stelle, hinter der ein gewisser Wredow

eine Ehrenbeleidigung Graubündens wittert, der in den ›Hamburger

Adreßcomptoir-Nachrichten‹ einen geharnischten Aufsatz losläßt, um

die fürchterliche Anklage zu entkräften. Hier ist das Schriftstück!«

Streicher legte ein Heft auf den Tisch.

»Vorlesen!« erscholl es im Kreise, und während die Pfeifen dichter

qualmten, las der junge Musiker mit gemachtem Pathos den hochtönenden

Artikel, nach dessen Beendigung der ganze Kreis in ein fröhliches

Lachen ausbrach. Schiller saugte behaglich an seinem Rohre und sprach

gutgelaunt: »Daß auch noch der Spitzbube Spiegelberg sich an mir rächen

und in edelmütiger Weise für meine Berühmtheit sorgen würde, hätt' ich

nicht vermeint. Na, legen wir's ~ad acta~!«

Man redete aber trotzdem noch weiter über die Sache und war eben im

besten Zuge, als Leutnant Kapf, Schillers Stubengenosse, kam. Er rief

sogleich: »Der Herr Regimentsmedikus ist ja niemals zu Hause, wenn die

Post kommt. Hier ein Brief und ein Päckchen, -- dran gerochen hab' ich

bereits, hab' aber nichts herausschnüffeln können, als daß beides aus

Chur kommt.«

Schiller nahm das Schreiben und las es, während die andern schweigend

und neugierig ihn betrachteten. Um seine Lippen zuckte es mehrmals wie

ein Lächeln, bis er das Papier weglegte und sagte: »Kinder, die Zeit

treibt wunderliche Blasen in Menschenköpfen. Da leistet sich einer

die Fortsetzung der famosen Spiegelberggeschichte. Ein ~Dr.~ Amstein

in Chur teilt mir mit, daß er in dem ›Sammler‹ eine Anklageschrift

veröffentlicht habe unter dem schönen Titel ›Apologie für Bünden gegen

die Beschuldigung eines auswärtigen Komödienschreibers‹, und daß er mir

anbei das Schriftstück, das mich als einen böswilligen Verleumder eines

Staates hinstellt, übersende; gleichzeitig aber verlangt er von mir

eine öffentliche Ehrenerklärung für Graubünden. Wer noch etwas Dümmeres

vorbringen kann, erhält von mir einen Taler.«

»Laß doch den kostbaren ›Sammler‹ sehen!« rief Petersen, und

gleichgültig warf Schiller ihm das Päckchen hin. Der andere öffnete und

hatte bald genug den Artikel gefunden.

»Soll ich's zum Vortrag bringen oder wollen wir zuerst Schillern den

Genuß allein lassen?«

»Mir schmeckt alles besser in Gesellschaft -- also vorwärts mit der

Sudelei. Zuvor noch einen Schoppen Roten!« rief dieser.

Der »Rote« kam und die Vorlesung begann, nicht ohne durch witzige und

manchmal auch derbe Zwischenrufe unterbrochen zu werden, bis Schiller

endlich auf den Tisch klopfte: »Ich dächte, wir hätten genug von dem

Gewäsche; 's ist, als ob jemand einem Wasser in den Wein gösse -- brr!

Was einem so hingeworfenen Worte für eine Wichtigkeit gegeben werden

kann! Strebertum und kein Ende! Der Kerl will eine Fehde mit mir, um

auch sein Stückchen Berühmtheit zu haben!«

Karlsschüler und Dichter: Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend · 第 4 / 8 段