Hörer den Atem anhielt. Die Mitglieder der »Bande« aber warfen sich
verstohlene Blicke zu, denn sie wußten, woher dies Zitat stammte, und
Hoven drückte heimlich dem neben ihm stehenden Petersen warm die Hand.
Auch der Herzog hatte sich straffer zurückgelehnt in seinen Sitz und
sah mit großen, fragenden Augen nach dem kühnen Sprecher. Dieser aber
fuhr in seiner Rede fort, und abermals klangen die Worte Krakes erregt,
leidenschaftlich warm dazwischen: »Da verrammeln sie sich die gesunde
Natur mit abgeschmackten Konventionen, haben das Herz nicht, ein Glas
zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen, -- belecken den
Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen
Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen und
möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich
überboten wird. -- Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in
die Kirche kommt und berechnen ihren Judenzins am Altare, -- fallen auf
die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können, -- wenden kein
Auge von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisiert ist.
-- Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen
in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht ...«
Und wieder suchten sich die Blicke der Eingeweihten, und des Herzogs
Augen hingen unverwandt am Munde Schillers, der nun zum Schlusse seiner
Rede kam und endlich wieder mit den Worten Krakes schloß: »Mein Geist
dürstet nach Taten, -- mein Atem nach Freiheit!«
Als er verstummte, ging eine unverkennbare Erregung durch alle Zuhörer,
Karl Eugen erhob sich mit einer gewissen Hast, winkte den Redner heran
und sagte, während Schiller die Blicke nicht senkte: »Höre Er, dieser
Krake ist ein Revolutionär, und seine Gesinnungen gefallen mir nicht
in allen Punkten; in manchen mag er recht haben, lieb wär' mir's aber,
wenn Er ihn nicht zu seinem Propheten machte. Im übrigen hatte seine
Rede Inhalt und Feuer, und ich habe lange hier nichts Ähnliches gehört.«
Schiller neigte sich mit errötetem Gesicht und trat zurück; die Feier
war zu Ende. An ihn drängten sich jetzt die Freunde heran, und jeder
wollte ihm die Hand drücken. Heideloff aber sagte: »Den Roten hast du
glänzend gewonnen, du brauchst nur zu sagen, wann er getrunken werden
soll!«
Petersen jedoch rieb sich die Hände und sagte zu Hoven: »So ist die
hohe Karlsschule noch niemals geleimt worden! Hätt's nicht gedacht, daß
Schillers Tragödie hier noch so laut an die Wände und selbst an die
Ohren Serenissimi schreien sollte. Er ist doch ein großer Mensch!«
Auch Streicher arbeitete sich durch die umdrängenden Freunde Schillers.
Er umarmte ihn, und auch dieser, bewegt durch die Teilnahme des jungen
Musikers, drückte ihn wärmer an sich.
»Sagen Sie, Schiller, wer ist dieser Krake? Wo kann man seine Tragödie
lesen? -- Das ist groß, das ist einzig, und wie Sie das gesprochen
haben ... ach, was bin ich, daß Sie mich Ihren Freund nennen?«
»Wer dieser Krake ist?« -- Schiller neigte seinen Mund an das Ohr des
andern und flüsterte: »Krake bin ich --, und die Tragödie habe ich
selbst geschrieben!«
Streicher fuhr zurück und sah den Freund mit großen Augen an, dann
streckte er ihm beide Hände entgegen. »Ich hab's geahnt! Das mußte
Geist von Ihrem Geiste sein! Schiller, ich bewundere Sie! Und wann
erfährt die Welt, was ich jetzt erfahren habe?«
»Bald, lieber Freund! -- Und Sie sollen zuerst mehr hören! -- Nun ade,
ich bin zum Intendanten gerufen.«
Mit herzlichem Händedruck schieden die beiden; Schiller aber begab sich
zu Herrn von Seeger. Dieser empfing ihn mit besonderer Freundlichkeit,
beglückwünschte ihn zu seinem Abgange, und indem er ihm seine Zeugnisse
überreichte, übergab er ihm gleichzeitig im Namen des Herzogs ein
verschlossenes Kuvert. Schiller öffnete und las: »Der bisherige Eleve
der hohen Karlsschule Friedrich Schiller wird hierdurch als Medikus
ohne Portepee beim Grenadierregiment General Augé eingestellt mit einem
Monatsgehalte von achtzehn Gulden Reichswährung.«
Er ließ das Blatt sinken und erblaßte, -- er hatte von des Herzogs
Gunst Besseres erhofft.
[Illustration]
[Illustration: Drittes Kapitel]
Der Regimentsmedikus
Zwei Stunden von Stuttgart entfernt liegt das Lustschloß Solitüde,
ein Prachtbau, den ein französischer Baumeister in dem damals
beliebten Rokokostil aufgeführt hatte. Es bildet ein Oval mit zwei
zu beiden Seiten sich anschließenden Pavillons und ist umfriedet von
einem Arkadenbau, auf dem eine breite Galerie ruht, zu welcher zwei
geschweifte Freitreppen führen. Hier war Schillers Vater unter dem
Titel eines Intendanten Inspektor der groß angelegten Gärten und wohnte
in einem der Gebäude, die hinter dem Schlosse gelegen waren (dem
heutigen Revieramte).
Hier saß am Weihnachtstage des Jahres 1780 der junge Regimentsmedikus,
der in seiner neuen Uniform sich seinen Eltern und Geschwistern
vorstellte. Diese war nichts weniger als kleidsam, sondern geradezu
steif und abgeschmackt. Sie war ungemein eng, so daß sie die Figur
überall zusammenpreßte, nur die Beine schienen unnatürlich geschwollen
und waren durch den Filz, welcher den weißen Gamaschen untergelegt war,
anzusehen wie zwei Zylinder, die einen größeren Durchmesser hatten
als die Schenkel. Dazu kam der in eine Roßhaarbinde eingezwängte
lange Hals und endlich die widerwärtige Frisur mit dem dicken, langen
falschen Zopfe, der auf dem Rücken baumelte, und mit den drei starren
vergipsten Rollen, die auf jeder Seite des Gesichts hingen. Seine
beiden älteren Schwestern, Christophine und Luise, sahen ihn fast
verwundert und verdutzt an, bis die letztere geradezu in helles Lachen
ausbrach, und die jüngste, die dreijährige Nanette, kam herbei und hing
sich an die Schöße seines Fracks und lachte, weil Luise lachte.
Auch die Mutter betrachtete den Sohn von allen Seiten, ernst und
mit leisem Kopfschütteln, nur der Vater fand sich mit militärischer
Bestimmtheit in die Sachlage.
»Uniform ist Uniform, und die Hauptsache bleibt, daß man seines Fürsten
Rock mit Ehren trägt, mag er aussehen, wie er will. Und damit basta!
-- Nun mach' dir's bequem in deinem Elternhause, Fritz; ich habe mich
gefreut an deinen Zeugnissen und verhoffe, daß Serenissimus bald einen
besseren Posten für dich finden werde. Ich aber will Höchstdemselben
meinen submissesten Dank schriftlich abstatten. Auf Wiedersehen!«
Damit war der brave Mann in das Nebengemach gegangen an seinen
Schreibtisch, und Schiller war mit den weiblichen Gliedern seiner
Familie zurückgeblieben. Die Mutter drückte ihn jetzt mit sanfter
Gewalt in den Lehnstuhl am Fenster, und während Nanette mit ihrer Puppe
zu seinen Füßen spielte, saßen die beiden Schwestern neben ihm. Ihn
erfüllte ein Gefühl des Behagens, wie er es lange nicht empfunden: Er
war daheim! Im Ofen prasselte vergnüglich das Feuer, und draußen lag
der Sonnenglanz auf der beschneiten Erde. Die Kuppel des Schlosses, das
sich etwa sechshundert Schritt entfernt erhob, glänzte mit der Figur,
die darauf sich zeigte. Der Garten in seinem winterlichen Schmucke
hatte auch seine eigenartige Schönheit, und die Kolossalstatuen unter
den entlaubten Bäumen sahen wunderlich genug drein. Von fern her
zeigten sich verdämmernd einige Höhenketten, die zum Elsaß bereits
gehörten. So saß er, und dabei hielt die Mutter seine Hände und schaute
ihm in die Augen, und der liebevolle Mund redete freundliche Worte:
»Du mußt eben haushalten lernen, Fritz; der Mensch braucht nicht viel,
wenn er genügsam ist, das haben dein Vater und ich am besten erfahren,
und du bist noch jung und hast eine Zukunft vor dir. Vater hat auch
schon daran gedacht, Durchlaucht zu bitten, daß er dir erlaube, eine
Privatpraxis als Arzt auszuüben und Zivilkleider zu tragen, -- ja, er
hat dir heimlich schon einen Anzug in Stuttgart bestellt!«
»Das wäre freilich etwas wert; denn diese steife Uniform drückt mich
nicht bloß auf dem Leibe, sie spannt mir auch die Seele ein. Und daß
ich, nachdem ich die Akademie mit so gutem Erfolg verlassen und immer
meine Pflicht getan habe, nicht einmal den Offiziersrang besitze, ist
eigentlich eine Kränkung.«
Die Schwestern stimmten dem zu; aber die Mutter beruhigte: »Vater ist
auch Feldscher gewesen und hat's zum Offizier gebracht.«
»Na, mag's sein, -- ich hab' auch noch etwas, worauf ich vertraue!«
sagte Schiller beinahe geheimnisvoll, und die drei andern rückten näher
herbei und sahen ihn fragend an. »Ich hab' eine Komödie geschrieben --«
»Eine Komödie?« klang es wie aus einem Munde, und besonders
Christophine erkundigte sich lebhaft nach Titel und Inhalt.
»Ein Spektakelstück sage ich euch, wie die deutsche Schaubühne kaum
eins gesehen hat. Das muß einschlagen wie ein Wetter Gottes und muß
die Geister des ganzen Jahrhunderts aufrütteln. Himmel noch einmal, ich
hab's geschrieben mit meiner Seele und mit meinem Herzblut -- es heißt
›Die Räuber‹.«
Der Titel entsetzte die Frauen; aber mit beinahe atemloser Spannung
hörten sie zu, als er ihnen den Inhalt erzählte, und noch mehr, als
er das Heft, welches er bei sich trug, hervorzog und zu lesen begann,
freilich erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Vater die
Wohnung verlassen hatte. Nachdem er zwei Akte vorgetragen, saßen alle
mit glühenden Wangen da, und Christophine fiel dem Bruder um den Hals,
indem sie sagte: »Ja, das ist groß -- das wird seinen Weg machen! Aber
fünf Akte auf einmal hören -- das ist zuviel! Laßt uns jetzt eine
kleine Pause machen und einmal durch den Garten gehen!«
Schiller war einverstanden und erhob sich; die Mutter aber sagte: »Wenn
aber Serenissimus davon erfährt? -- Das ist der Ton, den er nicht
verträgt!«
»Er wird ihn vertragen müssen, Mutter!«
»Denk' an den unglücklichen Schubart und an den Hohenasperg!«
»Aber Mutter,« fiel Luise ein, »wer wird gleich an so schlimme Sachen
denken! Das nächste ist, daß seine Komödie gedruckt wird, und zuerst
ohne seinen Namen, damit erst der Erfolg sich findet. Und wenn dieser
da ist, so ist Durchlaucht zuletzt noch stolz auf seinen Karlsschüler!«
»Das Kind hat recht!« sagte Schiller lächelnd und streichelte der
Schwester die blühende Wange, -- »aber da Druckenlassen, da sitzt der
Haken. Wo finde ich einen Verleger, der ein Werk von einem unbekannten
Dichter druckt --«
»Und ein Werk, das in solcher Tonart geschrieben ist? Dazu gehört Mut!«
sagte die Mutter.
»Das alles können wir im Garten erwägen, -- ich muß hinaus, mir
brennt die Seele und die Wange!« rief Christophine und hatte bereits
ein Tuch um die Schultern gelegt. Nicht lange darauf ging der junge
Dichter zwischen den zwei Schwestern, die traulich ihre Arme in die
seinen schlangen, unter den kahlen Bäumen hin auf dem knirschenden
verschneiten Wege, und sie plauderten weiter.
Da wo drei riesenhafte Eichen aus einer Wurzel aufragen, deren jede
etwa fünf Fuß im Durchmesser hatte -- ein majestätisches Bild der in
der Natur waltenden Kraft --, kam ihnen der Herzog, begleitet von dem
Obersten Rieger, entgegen. Schiller ließ seine Schwestern los, welche
ehrfurchtsvoll zurücktraten, und stellte sich in militärische Positur.
Karl Eugen hatte ihn erkannt und schien guter Laune. Er schritt rasch
gegen ihn heran: »Ah, mein junger Regimentsmedikus! Nun, wie gefällt es
Ihm in der neuen Uniform?«
»Sie ist nicht bequem; aber es ist ein Kleid, das Eure Durchlaucht mir
gegeben.«
Im Auge des Herzogs zeigte sich ein wohlwollender Schein. »So hör'
ich's gern. -- Hat Er etwa einen Wunsch, den ich Ihm erfüllen könnte?«
Schiller glaubte den günstigen Zeitpunkt benützen zu sollen, und so
bat er submissest, daß Durchlaucht ihm gestatten möge, Privatpraxis
auszuüben. Das hatte Karl Eugen nicht erwartet. Eine Falte trat auf
seine Stirn.
»Da hat Er keine glückliche Bitte getan. Was soll's damit! Kuriere Er
mir erst die Invaliden im Regiment Augé, da hat Er gerade genug zu tun,
und wenn Er gezeigt hat, daß Er seine Sache versteht, dann wollen wir
überlegen, ob wir auch andere Menschen Ihm anvertrauen können.«
Der Herzog nickte ziemlich förmlich -- er war offenbar ungnädig
geworden -- und ging weiter. Erst nach einiger Zeit gab Schiller seine
noch immer militärische Haltung auf und wendete sich wieder zu seinen
Schwestern. Auf seiner Stirn war eine finstere Falte, in seinen Augen
wetterleuchtete es.
»Er ist doch ein Tyrann, und mein Werk geht in ~tyrannos~ -- gegen
die Tyrannen! Jetzt _müssen_ die Räuber heraus, und wenn ich sie im
Selbstverlag auf eigene Kosten müßte drucken lassen!«
»Um des Himmels willen keine Unvorsichtigkeit -- schon um des Vaters
willen nicht!« rief Christophine; aber er erwiderte: »Wenn ich meinen
Namen nicht nenne, kann's ihm nicht schaden; ein anderes ist es aber,
woher ich die Mittel nehme und wer für mich Bürgschaft tut!«
»Das laß uns gemeinsam und mit der Mutter überlegen!« rief Luise,
und bald schritten die drei wieder durch den verschneiten Garten der
Wohnung zu. Was nützte alles Abmahnen der Mutter, das Rad war im Rollen
-- die »Räuber« mußten heraus.
Der Frühling kam. In den ersten Maitagen 1781 war es, als in Schillers
Zimmer, das im Erdgeschoß eines Hauses auf dem Langen Graben lag,
sich eine fröhliche Gesellschaft zusammengefunden hatte. Der Raum war
weder besonders freundlich noch das, was man behaglich nennt; es war
eine etwas verlotterte Junggesellenwirtschaft. An der Wand hing neben
einigen alten Bildern ein Teil der Garderobe des Regimentsmedikus,
frisch angestrichene Beinkleider und schäbige Röcke; die Einrichtung
bestand in der Hauptsache aus einem großen, roh angestrichenen Tische
und zwei Bänken. In einer Ecke lag ein Haufe Kartoffeln und verbreitete
einen etwas muffigen Geruch, der sich unangenehm mit versessenem
Tabaksqualm mischte; in einer anderen Ecke standen Weinflaschen,
Gläser, Teller mit Speiseresten, ein seltsames, aber keineswegs
anmutiges Stillleben, und in einer dritten lagen heute große Ballen
aufgestapelt, deren einer geöffnet war und zeigte, daß der Inhalt aus
Büchern bestand.
Die Gesellschaft aber, welche um den langen Tisch saß, war
außerordentlich vergnügt. Man trank »den Roten«, welchen Heideloff bei
seiner Wette verloren hatte. Da saßen die alten Freunde, die »Bande«
aus der Karlsschule beisammen: da war Scharffenstein, welcher Offizier
beim Gablenzschen Regiment war, Petersen, der als Bibliothekar in
Stuttgart lebte, Hoven, der als Arzt sich in Ludwigsburg niedergelassen
hatte, Haug, Heideloff, Wilhelm von Wolzogen und der Stubengenosse
Schillers, der Leutnant Kapf, ein leichtlebiger, genußsüchtiger Mensch,
der vielleicht nicht der beste Kamerad für Schiller war.
Die Gläser klangen, und lustige Reden gingen hin und her. »'s ist doch
hübscher als in der Karlsschule; aber nichtsdestoweniger soll sie leben
und ihr durchlauchtiger Stifter auch,« rief Scharffenstein. »Vivat!«
»Kronenbitter, lange Er einmal die Sünden herum!« rief Schiller
jetzt seinem Faktotum zu, das in einer Ecke des Zimmers stand und
mit einem stumpfen Lächeln dem Treiben zuschaute. Es war ein langer,
schlottriger Kerl mit einem gutmütigen Gesicht, aus dem eine große rote
Nase mit verräterischem Schimmer herausleuchtete; er steckte in einer
verschlissenen und geflickten Uniform, und wie er jetzt mit seinen
langen Beinen in den Winkel stelzte, wo das erwähnte »Stillleben«
zu sehen war, schauten ihm alle nach, und Hoven sagte lachend: »Ein
Musterexemplar von Augés Grenadieren!«
»Das muß wahr sein,« fügte der satirische Haug bei, »zum schönsten
Regiment hat dich unser lieber Vater nicht gesteckt, Schiller. Die
Kerle haben mehr Flicken auf der Montur als heile Stellen, und wenn
mich auf der Straße einer anbettelt, an dessen Kamisol man nicht mehr
die Farbe erkennt, und dessen Beinkleider durchgeschabt sind, daß
die nackten Waden herausschauen, dann meine ich immer, das müßte ein
Deserteur von Augé sein.«
Kronenbitter lächelte süßsauer, indem er den linken breiten Mundwinkel
in die Höhe zog, und stellte nun die »Sünden« auf den Tisch in Gestalt
von Knackwürsten, die man noch nach der Gewohnheit der Schule so
bezeichnete.
»So, nun langt zu, Kerls,« sagte Schiller, »ist's nicht eine üppige
Schlamperei? Donner noch einmal, arme Schlucker sind wir allesamt
geblieben, und Schande ist's nicht, jeden Tag Kartoffelsalat zu essen.
-- Und jetzt noch die Pfeifen! Kronenbitter!«
»Lauter Sünden!« knurrte das Faktotum mit dem grinsenden Munde, und
aus einem anderen Winkel holte er die langrohrigen Pfeifen und setzte
ein Kästchen mit Tabak auf den Tisch. Bald darauf begann ein lustiges
Qualmen, und die kleine Gesellschaft hüllte sich in dichte blaugraue
Wolken, bis einer anstimmte:
Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne,
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bei Sturm und Wind hantieren wir,
Der Mond ist uns're Sonne.
Es war das Lied der »Räuber« aus Schillers Theaterstück, und die
ehemaligen Mitglieder der »Bande« kannten es alle und sangen es im
Chor. Als sie zu Ende waren, rief Petersen: »Die ›Räuber‹ sollen leben
und ihr Dichter dazu!«
»Hurra, die Räuber!« schrien alle, und Kronenbitter stand wie in
blassem Entsetzen da und faltete die Hände, indes ihm die Knie
schlotterten. Schiller aber erhob sich: »Freunde, ich danke euch und
freue mich zugleich, in dieser Stunde euch ein Zeichen der Erinnerung
an unsere Heimlichkeit auf der Akademie überreichen zu können. Nehmt's
freundlich auf!«
Er schritt nach dem Winkel, wo die Ballen lagen, und kehrte mit einem
halben Dutzend kleiner Bücher in den Händen zurück; er warf sie auf die
Tischplatte unter die Genossen: »Langt zu -- es sind Gastgeschenke,
Kinder!«
Alle Hände griffen nach den Spenden, und aus mehr als einem Munde
scholl es verwundert: »Die ›Räuber‹! Und ohne Namen des Verfassers,
gedruckt in Tobolsk!«
»So, da ist also der Kram in Gottes Namen und ohne alle Kundschaft
veranstaltet,« rief Scharffenstein, »und wir alle wollen Buchhändler
sein und das Zeug unter die Leute zu bringen suchen, denn der Druck
sieht mir nicht aus, wie wenn er bezahlt wäre!«
»Er hat eine feine Nase, der Scharffenstein, -- als ob ich bei achtzehn
Gulden Monatsgage auch noch Bücher für mein Geld könnte drucken lassen!
Aber wenn's glückt, Kerls, so sag' ich euch, ich zahl' euch ein
lukullisches Festmahl, und die ganze Manille[2] soll im Burgunder toll
und voll werden!«
»Soll gelten!« rief Scharffenstein, und als ob man schon so weit wäre,
klangen lustiger die Becher, und die Rauchwolken wurden dichter. -- --
Ja, die »Räuber« waren erschienen, und jeden Morgen sah der
Regimentsmedikus sich die bedeutsamen Ballen an, welche gar nicht
abnehmen wollten, und der Gedanke, daß er mit dem Selbstverlage ein
schlechtes Geschäft gemacht haben werde, drängte sich ihm immer mehr
auf. Und doch hatte er auch manche Freude. Die Mutter seines Freundes
Wilhelm von Wolzogen faßte für ihn ein lebhaftes Interesse und lud ihn
zum Besuche in ihr Haus, und hier verlebte der junge Dichter im Verkehr
mit der liebenswürdigen, herzensguten Dame, der Witwe eines Geheimen
Legationsrats, und mit deren Tochter Charlotte manche angenehme Stunde;
ja, er hatte die Freude, die Damen auch mit seiner Mutter und seinen
Schwestern bekannt machen zu können, und so entspann sich zwischen
Stuttgart und der Solitüde ein freundlicher Verkehr.
Die Wohnung des Intendanten Schiller sah in jenen Tagen überhaupt
häufig lustige Gäste, und die Mutter des Dichters war glücklich,
wenn sie ihren Sohn und einige seiner Freunde bei sich sehen und
mit dem bewirten konnte, was das Haus zu liefern imstande war. Da
flogen die Stunden nur zu rasch dahin, und nur mit Unbehagen ging
der Regimentsmedikus aus dem heitern, freundlichen Kreise in seine
Junggesellenwohnung nach Stuttgart zurück.
Eines Tages war auch Hoven in der Solitüde erschienen. Wie er mit dem
Freunde in der prächtigen Allee lustwandelte, welche die Orangerie
durchschnitt, sagte er: »Höre, Fritz, ich habe dir eine Einladung zu
überbringen von dem Obersten Rieger auf dem Asperg, der ganz begeistert
ist von deinen ›Räubern‹ und außerdem noch ganz stolz hervorhebt, daß
du sein Patenkind seiest. Ich weiß nicht, ob das wahr ist; aber das
hab' ich ihm versprechen müssen, daß ich dich hinausbringe.«
»Wie, geschehen denn Wunder und Zeichen? Oder soll das eine Falle sein?«
»Sei unbesorgt, der alte Kerkermeister Schubarts meint es diesmal
ehrlich; ja er hat sogar diesem armen Teufel die ›Räuber‹ zu lesen
gegeben und ihn veranlaßt, eine Rezension darüber zu schreiben. Er hat
sich nun eine ganz besondere Komödie ausgedacht und will dich unter
einem falschen Namen bei Schubart einführen und diesen so zu einer
offenen Aussprache über dein Werk veranlassen.«
»Wenn's so liegt, Wilhelm, komme ich; ich komme Schubarts wegen, den
ich kennen lernen muß, denn ich spüre in meiner Seele etwas von der
seinen ... Aber Riegers Verhalten begreife ich nicht! Er, der als der
Peiniger seines armen Gefangenen verschrien ist, wäre einer besseren
Regung fähig?«
»Tu' ihm nicht ganz unrecht, Fritz! Vergiß nicht, daß er selber in den
Kerkern des Asperg gesteckt hat und ein wenig weiß, wie es Gefangenen
zumute ist. So kommt's, daß er Anwandlungen hat von Weichmütigkeit;
dann behandelt er besonders Schubart beinahe rücksichtsvoll. Und dieser
ist klug genug geworden, sich die Schwäche seines Kerkermeisters
nutzbar zu machen; er preist manchmal in einem Gedichte dessen gute
Seiten, und dafür ist Rieger außerordentlich empfänglich, wie er
überhaupt für einen Freund der Poesie gelten will.«
»Und ihm hast du die ›Räuber‹ gegeben und mich als den Verfasser
genannt?«
»Ja doch. Ich hatte Gelegenheit, einer Theatervorstellung auf dem
Asperg beizuwohnen, welche er veranstaltet hatte. Das Stück wimmelte
von Schmeicheleien auf ihn, und da alle bei solchen Stellen Beifall
klatschten, tat auch ich es, und zwar mit ironischer Heftigkeit. Aber
er nahm's als pure Münze und lud mich in schmeichelhafter Weise schon
für den nächsten Tag in sein Haus, und dabei brachte ich ihm dein Werk.
Schon einige Tage später äußerte er sich entzückt darüber und bat, ihm
den Verfasser zu nennen, und als ich's tat, beschwor er mich, dich
persönlich bei ihm einzuführen. Und soweit sind wir.«
»Gut, ich komme -- Schubarts wegen.«
Damit war die Sache abgemacht, und bereits in der nächsten Zeit finden
wir Schiller mit Hoven auf dem Asperg, wo Rieger diesen Besuch geradezu
zu einem kleinen Feste gestaltete. Dazu wurde Schubart herbeigeholt.
Dieser saß damals das dritte Jahr auf der Festung, auf welcher er noch
sieben Jahre verweilen sollte. Er war dahin gekommen, weil er sich den
Zorn des Herzogs durch einige beißende Artikel und Epigramme zugezogen
hatte, und man hatte seinerzeit den Unglücklichen, der in der freien
Reichsstadt Ulm wohnte und dort durchaus sicher war, in hinterlistiger
Weise auf das benachbarte württembergische Gebiet gelockt und ihn dort
verhaftet. In der ersten Zeit seiner Haft war er geradezu unmenschlich
behandelt worden, so daß der kräftige, geistig außerordentlich rege
Mann ein gebrochener Mensch geworden war. Aber der heilige Funke des
Genius war noch in seiner Seele vorhanden, und ab und zu zuckte die
Flamme heller wieder empor, und in machtvollen und wehmütigen Klängen
strömte sein Empfinden aus.
Er kannte Schiller nicht, und dieser hatte ihn nicht gesehen. Nun sah
er ihn, bleich, aufgedunsen, mit matten Augen und schlottrigem Gange,
und dem Regimentsmedikus tat das Herz weh, -- er wußte, welch ein
Feuergeist hier in langsamer Pein gemordet wurde.
Rieger stellte Schiller als ~Dr.~ Fischer aus Stuttgart vor, und es war
diesem eine schmerzliche Wonne, sich mit dem armen Gefangenen über
literarische Dinge zu unterhalten. Da brachen die leuchtenden Funken
mitunter hervor aus den müden Augen, und die fahlen Lippen fingen an,
beredt zu werden. Er selber brachte das Gespräch auf die ›Räuber‹, und
nun war es, als sei Schubart ein völlig anderer geworden. Seine Gestalt
hob sich, in das Gesicht kam Wärme und in die Augen Leben.
»Das ist ein Werk, von dem die Zukunft noch reden wird; es ist mit
einer flammenden Feder geschrieben und wird einen Feuerbrand in die
Welt werfen.«
»Sie haben ja eine Rezension der ›Räuber‹ geschrieben; wollen Sie
dieselbe nicht dem Herrn Doktor vorlesen?« fragte jetzt Rieger, und
Schubart erhob sich rasch, um die Handschrift zu holen.
Er begann zu lesen, und dabei vergaß er alles, was ihm widerfahren war;
man merkte, sein Lob kam aus dem Herzen. Seine Stimme hatte den alten,
vollen Klang, den man vordem an ihr bewundert hatte, und der ganze
Aufsatz zeigte die Spannkraft und Geistesschärfe, die dem Verfasser
vordem eigen gewesen war. Schiller fühlte sich tief bewegt und atmete
schwer, als der Vorleser zu Ende war. Es trat eine Pause ein, die
niemand unterbrach, denn alle Anwesenden waren seltsam ergriffen.
Schubart hatte das Haupt gesenkt; jetzt hob er es wieder.
»Nur einen Wunsch hätte ich, -- dem Dichter, der das geschrieben hat,
einmal ins Auge sehen zu können.«