aufforderte, sich am Abend wieder im Krankensaale einzufinden, wo er
indes eine neue Szene fertigzuschreiben gedachte. Er meldete sich
sofort unwohl und motivierte das auch unverhohlen mit der Kränkung, die
ihm widerfahren war, und in der Einsamkeit des Schlafsaals ließ er die
ganze heiße Erregung ausstürmen in sein Werk, und dabei ward ihm wohler.
Als am Abend verstohlen sich die »Bande« zusammenfand, ging ein
Schauer durch aller Seelen, als Schiller das Selbstgespräch Karl Moors
verlas, das er in der Nacht nahe bei dem alten Turm, in welchem, ihm
noch unbewußt, sein Vater schmachtete, hielt, und der junge Dichter
hatte wohl niemals mit solcher Erregung gelesen: »Wer mir Bürge wäre?
-- -- es ist alles so finster -- verworrene Labyrinthe -- kein Ausweg
-- kein leitendes Gestirn -- wenn's _aus_ wäre mit diesem letzten
Odemzug -- _aus_, wie ein schales Marionettenspiel -- aber wofür der
heiße Hunger nach Glückseligkeit? -- wofür das Ideal einer unerreichten
Vollkommenheit -- das Hinausschieben unvollendeter Pläne? -- Wenn der
armselige Druck dieses armseligen Dinges (die Pistole vors Gesicht
haltend) den Weisen dem Toren -- den Feigen dem Tapferen -- den Edeln
dem Schelmen gleich macht? -- Es ist eine so göttliche Harmonie in der
seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der vernünftigen
sein? -- Nein, nein! es ist etwas mehr; denn ich bin noch nicht
glücklich gewesen. -- --
(Er setzt die Pistole an) _Zeit und Ewigkeit_ -- gekettet aneinander
durch ein einzig Moment! -- Grauser Schlüssel, der das Gefängnis des
Lebens hinter mir schließt und vor mir aufriegelt die Behausung der
ewigen Nacht -- sage mir -- o sage mir -- wohin -- wohin wirst du
mich führen? Fremdes, nie umsegeltes Land! -- Siehe, die Menschheit
erschlafft unter _diesem_ Bilde, die Spannkraft des Endlichen läßt
nach, und die Phantasie, der mutwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer
Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor. -- Nein, nein! Ein Mann muß
nicht straucheln ...«
Und weiter, immer weiter ging es im prächtigen dithyrambischen Flusse,
bis der Vorleser sprach: »Soll ich dem Elend den Sieg über mich
einräumen? -- Nein, ich will's dulden. (Er wirft die Pistole weg.) Die
Qual erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden. (Es wird immer
finsterer.)«
Heftiger sang der Sturmwind draußen um die Fenster, und sein Heulen
vermehrte die Schauer der Empfindung. Plötzlich flog ein Fensterflügel
auf, die Lampe verlöschte nach einem hastigen Aufflackern, erschrocken
sprangen alle auf, doch Schiller sagte ruhig: »Es ist nichts -- geht
jetzt -- ich muß allein sein!«
Keiner erwiderte ein Wort, schweigend schlichen sich alle davon;
Schiller aber trat an das Fenster und ließ einen Augenblick den kalten
Wind über seine Stirn streichen, dann schloß er den Flügel, und ohne
noch einmal das Licht zu entzünden, verbarg er sein Manuskript und
legte sich zu Bette, indes er noch einigemal halblaut sagte: »Die Qual
erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden!«
Einige Tage später fand das Stiftungsfest der Akademie statt, welches
alljährlich in besonders feierlicher Weise begangen wurde, und mit
welchem auch eine Preisverteilung an die Schüler verbunden war. Am
Morgen war in der Akademiekirche Festgottesdienst, welchem die Eleven
in Paradeuniform beiwohnten, und nachmittags fanden sie sich in dem
großen Rangiersaal ein, wohl geordnet, und mancher mit erwartungsvoll
klopfendem Herzen.
Durch die großen Fenster fiel freundlicher Sonnenschein und blitzte auf
dem blanken Metall der Uniformen und auf den Orden, welche auf einer
langen Tafel lagen. Das waren zumeist silberne Medaillen mit dem Bilde
des Herzogs, welche als Preise verteilt wurden. Wer acht solcher Preise
in einem Jahre erhalten hatte, bekam ein goldenes, braun emailliertes
Kreuz, das als besondere Auszeichnung auch am Halse hängend getragen
werden durfte.
Trotzdem der Saal beinahe gefüllt war, herrschte ein tiefes Schweigen,
und auch das auf den Galerien anwesende Publikum verhielt sich still.
Von dort herab sah manches Vaterauge besorgt und doch mit Wohlgefallen
nieder auf einen oder den anderen der schmucken Burschen. Dort befand
sich auch der Vater Schillers, der damals Inspektor der Gärten auf
dem herzoglichen Lustschlosse Solitüde war, in seiner Uniform als
württembergischer Hauptmann und schaute mit gutmütigem Ernste in dem
würdigen Gesicht herunter in den Saal, in welchen eben jetzt der Herzog
mit zahlreichem und glänzendem Gefolge eintrat.
Karl Eugen trug die Uniform der akademischen Offiziere und ging
hochaufgerichtet einher. Zu seinen beiden Seiten schritten zwei Fremde;
aber den Zöglingen war es wohl bekannt, wer sie waren: Der zur Rechten
mit dem etwas vollen Gesicht, der kräftig vorspringenden Nase und den
großen lebhaften Augen war der Herzog _Karl August_ von Weimar, der
andere aber war dessen Freund _Wolfgang Goethe_, der schon in seinen
jungen Jahren mit seinen ersten Werken, dem »Götz von Berlichingen«
und den »Leiden des jungen Werther«, hohen Ruhm sich erworben hatte.
Sie kamen von einer Schweizerreise, die sie mitten im Winter in etwas
abenteuerlicher Weise gemacht hatten. Goethe war eine prächtige
Erscheinung, das Musterbild eines schönen Mannes mit wunderbar klaren,
geistvollen Augen, und wie er die allgemeine Aufmerksamkeit erregte,
so vermochte besonders Schiller seine Blicke nicht von ihm zu wenden.
Freilich flüsterte keine Ahnungsstimme ihm zu, daß dieser herrliche
Mann berufen war, dereinst sein bester Freund und er selbst der Genosse
seines Ruhmes zu werden.
In dieser Stunde überkam ihn beinahe ein Gefühl des Neides. Dieser nur
zehn Jahre ältere Mann war vom Schicksal wie auf Rosenwegen geführt
worden, hatte eine glückliche, heitere Jugend hinter sich, hatte in
jungen Jahren den Ruhm und das Glück an seine Spuren geheftet, hatte
eine angesehene Stellung, war der Freund eines trefflichen Fürsten,
indes er selbst sogar in seinem bescheidenen Hoffen, die Karlsschule
verlassen zu können, sich schmerzlich getäuscht sah.
Eine Bitterkeit zog durch seine Seele; aber er konnte doch die Augen
nicht abwenden von dem herrlichen Manne, der dort neben dem Herzog
stand und so frei und sicher und selbstbewußt in die Welt schaute. Er
hörte nicht die Worte des Professors Consbruch, welcher, wie es Brauch
war, die Festrede zu Ehren des Stifters der Schule hielt; sie rauschten
wie ein leerer Schall an seinem Ohre vorüber; aber seine Wangen
brannten, und seine Augen glühten.
Nun trat der Sekretär vor und verlas die Namen der Zöglinge, welche
Preise erhalten sollten, und viermal klang der Name Schiller
durch den Saal, so daß auch Goethe aufmerksam wurde auf den
schmächtig emporgeschossenen Eleven mit dem rötlichen Haar, der
scharfgeschwungenen Nase und den Adlerblicken, der, wie es üblich war,
die ihm zugeteilten Preise aus der Hand des Herzogs empfing und nach
dem gewohnten Brauche dafür dankbar dessen Rock küßte.
Die Augen des wackern Hauptmanns auf der Galerie glänzten in freudigem
Stolze; aber noch ein anderes Augenpaar folgte wiederholt der Gestalt
Schillers. Das gehörte einem jungen Manne mit frischem Gesicht und
krausen Haaren um die hohe weiße Stirn. Derselbe schien hauptsächlich
hierher gekommen zu sein, um der musikalischen Aufführung zu folgen,
welche sich an die Preisverteilung anschloß, denn sobald diese
begann, stand er meist unbeweglich wie ein Steinbild, oder er wiegte
bei Stellen, die ihm besonders gefielen, wohl auch den Kopf wie in
leisem Takte oder bewegte die Finger, als habe er selbst bei der Sache
mitzuwirken.
Als die Festlichkeit zu Ende war, eilte der Vater Schillers hinab, um
seinen Sohn zu beglückwünschen; aber er fand ihn nicht freundlich,
sondern eigentümlich erregt und trübe. Der Hauptmann suchte ihn zu
beruhigen; aber es wollte wenig helfen, und der brave Mann begleitete
ihn nach dem Speisesaale, wo das Festmahl stattfand, an dem auch die
Väter der Eleven teilnahmen. Der Herzog mit seinen Gästen speiste in
dem »Tempel«, denn er mochte an diesem Tage nicht von seinen »Söhnen«
sich trennen.
Auch während des Mahles blieben Zuschauer auf den Galerien, und unter
ihnen war auch hier wieder der junge, musikfreundliche Mann. Er hatte
sich so gestellt, daß er gerade in das Gesicht Schillers sehen konnte,
der sich jetzt ziemlich lebhaft mit seinem Tischnachbar Wilhelm von
Hoven unterhielt. Hätte der Beobachter auch noch hören können, so hätte
er sich überzeugt, daß Schillers Seele erfüllt war von Goethe, dessen
Bild sich ihr tief eingeprägt hatte. Seine Blicke leuchteten, indes
er sprach, in kühnerem Feuer, und um die Lippen flog ab und zu ein
Lächeln, das dem Gesicht einen eigentümlichen Reiz gab.
»Wilhelm,« sprach er zu dem Freunde, »zu des Herzogs Geburtstage
spielen wir Goethes ›Clavigo‹. Zum Henker mit Herrn Uriots[1]
französischen Komödien und Operetten! Als ob wir hier nicht in
Deutschland lebten und deutsche Dichter hätten! Und Durchlaucht wird
sich freuen über ein Werk, dessen Verfasser er nun kennen gelernt und
ausgezeichnet hat.«
»Und wer soll den Clavigo spielen?« fragte Hoven.
»Ich selbst, Wilhelm; mich lüstet's einmal, Goethesche Worte vor den
erlauchten Ohren zu reden, -- es ist mir so, als müßte ich selber das
geschrieben haben.«
»Aber die Rolle ist schwer, Schiller!«
»Wir tun, was wir können. Sind wir Meister? -- Schon die Absicht und
der gute Wille, Gutes zu bieten, ist anzuerkennen. Mit der Seele
will ich dabei sein, Wilhelm. Fehlt mir das Organ und die gefällige
Bewegung, so mag's der Dichter und der Herzog verzeihen!«
»Du bist auch hier unser Hauptmann!« sagte lächelnd Hoven; Schiller
aber drohte ihm abwehrend mit dem Finger.
Jetzt betrat der Herzog den Saal und ging an den Sitzen der Eleven
entlang; er winkte ihnen, sich nicht stören zu lassen, und nickte einem
und dem andern der Ausgezeichneten auch besonders wohlwollend zu. Bei
Schiller blieb er stehen, und als sich dieser erheben wollte, drückte
er ihn gutmütig auf seinen Sitz zurück. Dann legte er seinen Arm fast
vertraulich auf die Lehne des Stuhles, und während Schiller ihm das
Gesicht zuwendete, unterhielt er sich mit ihm. Der Eleve zeigte dabei
nicht die mindeste Befangenheit.
»Es freut mich, daß Er wieder seine Sache brav gemacht und wie in der
praktischen Medizin und Chirurgie und ~materia medica~ so auch in der
deutschen Sprache und Schreibart einen Preis erworben hat. Er hat
Phantasie und groß Geschick in der Redeweise -- das kann Ihm einmal
nutzen; aber die Hauptsache ist doch sein Fachstudium. Ja -- ich habe
Ihm die Preise mit viel Vergnügen gegeben.«
»Durchlaucht sind sehr gnädig zu mir!«
»Ich glaube, daß Er in diesen Tagen das Gegenteil davon gedacht hat.
Sei Er ehrlich!«
»Ich will's nicht leugnen, Durchlaucht, daß ich gehofft hatte, mit
meiner Arbeit, an die ich meine ganze Kraft und meinen Fleiß gesetzt
hatte, Eurer Durchlaucht huldvolle Entlassung aus der Akademie zu
erreichen.«
»Ja, sieht Er, auch darin meine ich's gut mit Ihm. Respekt vor
Autoritäten muß sein, und den hat Er nicht bewiesen in seiner
Dissertation!«
»Auch Autoritäten sind Menschen und können irren, Durchlaucht!«
»Da hat Er recht; -- aber es sind ältere und in ihrem Fach erfahrene
Männer, die Er mit seiner Meinung tuschieren wollte, -- das darf
nicht sein; das ist eine geistige Insubordination, und kann ich
solche ebensowenig wie eine dienstliche hingehen lassen. Ich bin
verantwortlich dafür vor Gott. Also glaub' Er, daß ich's gut meine.«
»Ich bin davon überzeugt, Serenissime.«
»So ist's recht, -- und arbeite Er brav weiter, -- ein Jahr ist in
seinem Alter rasch verflogen.«
Der Herzog legte Schiller die Hand auf die Schulter, nickte ihm
besonders freundlich zu und schritt weiter. Dieser aber fühlte sich
wieder hingezogen zu dem seltsamen Manne, den er manchmal vermeinte
hassen zu müssen, und dem er doch wieder mit einer Art kindlicher
Pietät ergeben war.
Der junge Mann auf der Galerie aber hatte kein Auge abgewendet bei
diesem Vorgang, und das Interesse für den Karlsschüler da unten mehrte
sich. Er fragte einen älteren Herrn, der neben ihm stand: »Verzeihen
Sie, mein Herr, kennen Sie vielleicht einzelne von den Eleven?«
»Gewiß, ich habe selber einen Neffen dabei, Heideloff, der auch in
der Kunst der Malerei sich versucht; sehen Sie, es ist der dritte von
Schiller rechts aufwärts.«
»Ja, welcher ist Schiller, werter Herr?«
»Ach, Sie kennen auch Schiller nicht, den alle jetzt schon für einen
guten Dichter halten; auch mein Freund, Professor Haug, hat ihn recht
gelobt im ›Schwäbischen Magazin‹. Das ist der mit der Adlernase und dem
rötlichen Haar, mit dem Serenissimus soeben gesprochen haben.«
Der junge Mann fuhr lebhaft auf: »Also Schiller heißt dieser?«
»Ja, sein Vater war Feldscher; aber Durchlaucht haben an dem
anstelligen Manne Wohlgefallen gefunden, ihn zum Offizier gemacht und
zum Garteninspektor in der Solitüde; seine Frau ist eine geborene
Kodweiß, eine Wirtstochter aus dem kleinen Orte Marbach. Der Junge
sollte einmal Pastor werden; aber als Serenissimus die Karlsschule
stiftete und Schüler suchte zumeist in Offizierskreisen, da wurde
auch Schiller aufgefordert, seinen Sohn in die Schule zu geben. Er
mußte es als besonderen Huldbeweis ansehen, wenn es ihm vielleicht
auch nicht angenehm war, und da es im Lehrplan der Karlsschule
keine Gottesgelahrtheit gibt, hat der junge Schiller anfangs
Rechtsgelehrsamkeit und später das Studium der Medizin ergriffen; aber
die Hauptsache scheint ihm die Verskunst zu sein, wenn ich meinem
Neffen glauben darf, der mir oft wunderliche Andeutungen macht. --
Haben Sie auch jemanden in der Karlsschule?«
»Nein; aber ich interessiere mich besonders für die musikalischen
Bestrebungen in derselben. Mein Name ist _Andreas Streicher_, und ich
bin selber Musiker und Tonsetzer.« -- --
Im Saale unten ward die Tafel aufgehoben. Man sah Schiller zu seinem
Vater treten und lebhaft mit ihm sprechen, dann blickte er herauf
nach der Galerie und nickte dem Vetter Heideloffs zu. Nicht lange
darauf erschien er selber, um ihn zu begrüßen und dessen Glückwünsche
entgegenzunehmen. Streicher stand in der Nähe, und der alte Herr nahm
die Gelegenheit wahr, ihn vorzustellen. Schiller sah mit hellen, großen
Augen dem andern ins Gesicht, dann reichte er ihm die Hand: »Sie haben
einen ehrlichen Blick -- das liebe ich!« sagte er.
Streicher aber erwiderte: »Mein Blick hat sich an dem Ihren entzündet,
und wenn es wahr ist, daß oft ein Augenblick über ein lebenslanges
Empfinden entscheidet, so sage ich Ihnen nur das: Wenn Sie einmal einer
rechten Freundestat bedürfen, so lassen Sie mir den Vorzug, dieselbe zu
tun!«
Verwundert sah Schiller den jungen Mann an, dessen Wange erglühte, und
er erwiderte: »Gute Freunde sind selten, und ich will Ihr Wort merken.
Auch ich hoffe, wir haben uns heute nicht zum letztenmal gesehen und
gesprochen. Ich behalte Sie im Andenken.«
Noch einmal gab er Streicher die Hand, dann ging er weiter zu einem
anderen Bekannten; der junge Musiker aber stand und sah ihm noch lange
mit leuchtenden Augen nach.
Die Idee der Ausführung des Goetheschen Trauerspiels »Clavigo« verließ
Schiller nicht, und schon am nächsten Tage ging er als anerkannter
Theaterdirektor im Kreise der Karlsschüler an seine Tätigkeit. Die
Rollen wurden verteilt, und es begann ein eifriges Lernen. Der Herzog
selbst, der von der Sache unterrichtet war, sah der Aufführung mit
Spannung entgegen, und an seinem Geburtstage -- es war der 11. Februar
-- fand sich denn auch ein auserlesenes Publikum in der Karlsschule
zusammen. Im Rangiersaale war die Bühne aufgeschlagen. Vor derselben
standen die Polstersitze für den Herzog und seine Gemahlin, und
Staatsmänner und hohe Offiziere nahmen die anderen Plätze ein. Auch der
Kommandant des Hohenasperg, des württembergschen Staatsgefängnisses,
Oberst _Rieger_, war zugegen.
Das Spiel begann, und Schiller agierte mit Feuer und Leidenschaft,
deklamierte mit seiner in der Erregung hohen und beinahe kreischenden
Stimme, aber die Bewegungen seiner hohen Gestalt waren schlenkerig und
wenig anmutig, und der Herzog begann immer bedenklicher den Kopf zu
schütteln. Endlich rief er lustig lachend mitten ins Spiel hinein: »Das
ist ein Hampelmann, aber kein Clavigo!«
Und nachdem Serenissimus erst gleichsam das Zeichen und die Erlaubnis
gegeben, brach das verhaltene Lachen auch bei den andern hervor.
Schiller ward es unbehaglich; aber er hielt tapfer aus, nur als zuletzt
der Vorhang gefallen war, stand er einige Augenblicke finster, starr,
fast trotzig, so daß seine Genossen ihm auswichen. Dann schüttelte er
sich wie einer, der etwas Unbehagliches abwirft, und sagte zu Hoven,
der in seiner Nähe war: »Und wir haben doch den ›Clavigo‹ gespielt und
keine französische Komödie.«
Jetzt erschien der Herzog selbst auf der Bühne hinter dem
niedergelassenen Vorhang und trat auf Schiller zu: »Sage Er mir in
Kuckucks Namen, wie Er dazu kommt, Komödie zu spielen? Er wirft ja
seine Gliedmaßen, als ob Er sie aus den Gelenken werfen wollte. Wo zum
Geier hat Er einen solchen Spanier gesehen wie seinen ›Clavigo‹? Und
dann schreit und kreischt Er zu sehr und kommt aus dem Affekt gar nicht
heraus.«
»Halten zu Gnaden, Durchlaucht, -- man darf sich doch ein hohes Ziel
auch dann stecken, wenn man mit seinen Kräften dahinter zurückbleibt.«
»Das ist's -- da hat Er seine Selbstüberhebung; vor nichts Respekt!
Sieht Er, wie notwendig es ist, daß Er noch ein Jahr unter der Zucht
der Akademie bleibt? -- Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung -- das
ist das Wahre; die tollen Feuerköpfe, die alles besser wissen und alles
selber machen wollen, zerschellen an den Mauern, die -- dem Himmel
sei Dank -- von der Autorität gezogen sind! -- Na, nehm' Er sich's
nicht zu Herzen, Er ist sonst ein braver, brauchbarer Mensch, aus dem
dermaleinst noch etwas Rechtes werden wird.«
Der Herzog ging weiter, in Schillers Seele aber überwog wieder die
alte Bitterkeit, die ihn manchmal schon während seines Aufenthalts in
der Karlsschule erfaßt hatte; er hatte die Empfindung, als ob sein
Geist sich erheben und fliegen wolle, und als ob er von den kalten,
strengen Satzungen der Schule und von den Verfügungen des Herzogs immer
wieder heruntergezogen würde. Da tat es ihm not, daß er das, was in
seiner Seele brannte, aussprechen konnte, und er flüchtete sich in sein
innerstes Heiligtum, zur Poesie, und ließ seine »Räuber« reden, was
er selbst nicht sagen durfte. In jenen Tagen schrieb er eifriger als
vorher an seinem Werke, das fertiggestellt werden mußte, ehe er die
Karlsschule verließ.
Und er vollendete es; auf einem Spaziergang, in einem versteckten
Waldwinkel, fand er Gelegenheit, den Freunden den Abschluß vorzutragen,
und alle waren durchdrungen von Begeisterung für den Genius, welchen
das Geschick unter sie gestellt hatte, und auf dessen Freundschaft sie
stolz waren.
»Daß doch bald die ganze Welt widerhallte von dem Donnerton solcher
Worte!« rief Petersen begeistert, und Heideloff fügte bei: »Wenn sie
nur erst den Leitern der Karlsschule in die Ohren klängen und ihnen die
Herzen erzittern machten vor dem Geisteshauch einer kommenden bessern,
freien Zeit!«
Schiller fühlte sich gehoben. »Seid ruhig, ich werde ihnen meine Worte
in die Ohren schreien, noch ehe ich die Akademie verlasse, und ich
versichere euch, Kerls, sie werden dazu schweigen, selbst Serenissimus
wird sie anhören.«
»Das bringst du nicht fertig, Schiller!« rief ein anderer.
»Ob ich's fertig bringe? -- Wer will mit mir wetten, daß ich öffentlich
im Rangiersaal bei der Entlassung die Kraftstellen meiner ›Räuber‹
ihnen allen ins Gesicht werfe?«
»Ich, -- und wäre es auch nur des köstlichen Spaßes halber,« sagte
Heideloff; »um was soll's gelten?«
»Ein Dutzend Flaschen Roten für die ›Bande‹,« rief Schiller, »die
getrunken werden auf meiner Wohnung, wenn ich erst heraus bin aus der
Akademie.«
»Abgemacht, gilt -- ihr alle seid Zeugen!« rief Heideloff, und mit
vergnügtem Lachen bestätigten das die andern. --
Langsam gingen die Tage. Die ›Bande‹ kam seltener zusammen; denn
die Zeit der Prüfungen war erschienen, und es gab, besonders für
die Abgehenden, viel Arbeit. Schiller hatte für seine schriftliche
Dissertation das Thema Ȇber den Zusammenhang der tierischen Natur
des Menschen mit der geistigen« gewählt, und behandelte es in einer
vorsichtigen aber genial übermütigen Weise, so daß, zumal wegen »sehr
erbaulichen Bemerkungen« über den berühmten Albrecht von Haller die
Arbeit Anerkennung fand und für den Druck bestimmt wurde.
So war es wiederum Winter geworden, und die Zeit der Entlassung der
Eleven erschien. Die alljährlichen Zurüstungen wurden getroffen in
der üblichen Weise, bis der 14. Dezember gekommen war. Im Rangiersaal
entwickelte sich das gewohnte Leben; die Galerien waren gefüllt von
Neugierigen, und die Sonne blinkte auch diesmal auf den silbernen
Medaillen, die auf dem langen Tische lagen. Auch diesmal sah von oben
das geistvolle Gesicht Andreas Streichers herab, und seine Augen
suchten den Freund.
Dieser sah heute in die Welt wie ein ganz anderer. Nur noch wenige
Stunden, und er atmete die Luft der Freiheit. Als hätte er bereits eine
Vorahnung davon, so gehoben trug er sein Haupt, und die Augen schienen
in eine schöne Zukunft zu schauen.
Der Herzog kam mit seinem glänzenden Gefolge; die übliche Rede auf
denselben wurde gesprochen, die Preise wurden verteilt, und auch
diesmal ging Schiller nicht leer aus; dann aber trat derselbe vor, um
seine Abgangsworte zu sprechen. Er begann mit einem Lobe und Danke für
seinen fürstlichen Gönner, und seine Stimme klang ruhig und maßvoll;
allmählich aber schwoll sie an zu jenem hohen, fast kreischenden Tone,
der nicht gerade angenehm wirkte; aber die Hörer vergaßen das bei der
Wucht der Gedanken, die an ihnen vorüberging, und bei dem gewaltigen,
packenden Pathos des Ausdrucks. Von der Menschenwürde und der wahren
sittlichen Freiheit sprach er, und man meinte weniger den angehenden
Arzt als den Philosophen zu hören, und wie glänzende Brillanten fügten
sich seiner Rede Stellen aus seinen Lieblingsdichtern Shakespeare,
Klopstock, Gerstenberg u. a. ein. Da nannte er mit einem Male einen
bis dahin unbekannten Namen, einen englischen Schriftsteller, Krake,
und angeblich aus einer Tragödie desselben: »~Life of Moor~« (»Moors
Leben«) begann er zu zitieren. Die Unfreiheit, der geistige Zwang
erzieht Heuchler, das war es, was er eben noch behauptet, und nun brach
mit einem seltsamen Pathos das Zitat von seinen Lippen: »O über euch
Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit!
Ihr scheut euch nicht, vor Kreuz und Altären zu knieen, zerfleischt
eure Rücken mit Riemen und foltert euer Fleisch mit Fasten; ihr
wähnt mit diesen erbärmlichen Gaukeleien demjenigen einen blauen
Dunst vorzumachen, den ihr Toren doch den Allwissenden nennt, nicht
anders, als wie man der Großen am bittersten spottet, wenn man ihnen
schmeichelt, daß sie Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichkeit und
exemplarischen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchschaut, würde
wider den Schöpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der wäre, der das
Ungeheuer am Nilus (das Krokodil als Sinnbild der Heuchelei) erschaffen
hat.«