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Buches.
Karlsschüler
und Dichter
Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend
von
Anton Ohorn
[Illustration]
Verlag Jugendhort (Walther Bloch Nachf.)
Berlin ~W.~ 35
Mit vier Bildern. Neue Rechtschreibung. Druck der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig.-R. Alle Rechte vorbehalten
[Illustration]
Inhaltsübersicht
Seite
1. Kapitel. In der Karlsschule 1
2. Kapitel. Wachsender Unmut 31
3. Kapitel. Der Regimentsmedikus 50
4. Kapitel. »Die Räuber« in Mannheim 69
5. Kapitel. Auf der Flucht 92
6. Kapitel. Durch Not und Drang zum Asyl 116
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration: Erstes Kapitel]
In der Karlsschule
Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts lag außerhalb Stuttgart
hinter dem Residenzschlosse des Herzogs Karl Eugen von Württemberg
ein großes, kasernenähnliches Gebäude mit drei Flügeln, aus dessen
Mitte eine Kirche herausragte mit einem niedrigen, bleigedeckten
Turme. Ein ansehnlicher Garten gab dem etwas schwerfälligen Ganzen
ein freundlicheres Gepräge, während die vorhandenen Reitschulen,
Schwimmbassins und Ähnliches auf seinen Zweck einigermaßen hindeuteten.
Das war die hohe Karlsschule, eine von dem Herzog zunächst auf dem
Lustschlosse Solitüde bei Ludwigsburg gestiftete Erziehungsanstalt, die
seit 1775 sich in Stuttgart befand und ihren Zöglingen die Ausbildung
für verschiedene gelehrte Berufe gab. Sie hatte in der Hauptsache einen
militärischen Charakter, und wie ihre Schüler in eine bestimmte Uniform
gesteckt waren, so war auch die ganze innere Einrichtung und Verfassung
nach soldatischem Zuschnitt gemacht. Dem Herzog Karl Eugen aber war die
Anstalt und ihre Zöglinge ganz besonders ans Herz gewachsen, so daß er
sich um die kleinsten Interessen derselben bekümmerte.
Es war ein freundlicher Sommertag. Die Mittagsmahlzeit, welche
gemeinsam eingenommen wurde, war vorüber; die Schüler eilten nach
dem Schlafsaal, um dort die blaue Uniform mit den Kragen und
Ärmelaufschlägen von schwarzem Plüsch und die weißen Beinkleider mit
einem einfacheren Hausanzuge zu vertauschen und sich dann in den
Garten zu begeben. Hier entwickelte sich ein buntes Leben und Treiben.
Einzelne von den Jüngeren zumal beschäftigten sich mit Ballspiel
oder übten ihre Kraft im Ringen, andere arbeiteten an dem Stückchen
Gartenland, das einem jeden von ihnen zur Bestellung zugewiesen war,
wieder andere spazierten unter den schattigen Bäumen im Gespräche hin,
oder hatten sich an einem versteckteren Plätzchen zusammengefunden.
In einer lauschigen Ecke auf einer Steinbank saßen drei beisammen,
prächtige Burschen mit frischen Gesichtern und blitzenden Augen, die
sich ziemlich lebhaft unterhielten. Der eine sprach zu dem zweiten
gewendet: »Und ich sage dir, _Hoven_, der _Haug_ wäre ein prächtiger
Kerl für uns und paßt wie nur irgendeiner in die Bande. Er hat eine
scharfe Zunge und guten Witz, Ingenium und Phantasie --«
»Ich danke, lieber _Scharffenstein_,« sagte der dritte; »aber zum
Henker, dann tut doch nicht so geheim und sagt mir, was es ist mit der
Bande! Es handelt sich doch um keine Räuber.«
Die zwei anderen wechselten einen raschen Blick des Einverständnisses,
dann sagte Hoven: »Wie man's nimmt, und Courage gehört zur Sache.«
»Soviel ihr habt, habe ich auch, Kinder,« sprach Haug; -- »also frisch
heraus! Daß ich ehrlich bin und mich nicht an euch dränge, um zu
spionieren, sondern weil ich euch für Kerls halte, die ihre Freude
haben an allem Schönen und Guten, auch wenn's nicht im Treibhause der
Karlsschule gewachsen ist, wißt ihr! Daß ihr Verse macht, ist mir kein
Geheimnis, ich selber mache solche auch mitunter, und wenn das eure
ganze Sünde ist -- so hol' mich der heilige Nieß, wenn ich nicht zu
euch passe!«
»Ehe wir mit Schiller gesprochen haben, geht's nicht,« sagte wieder
Scharffenstein.
»Der ist wohl der Hauptmann?« fragte Haug, und die beiden anderen
schwiegen wieder einige Augenblicke, ehe Hoven erwiderte: »Wenn man's
so auffassen will. Jedenfalls ist er größer als wir alle, und wenn
er erst die Flügel frei bewegen könnte, er stiege auf wie ein junger
Adler.«
»Hm -- ich weiß, habe ich doch sein Gedicht ›Der Eroberer‹ im
›Schwäbischen Magazin‹ gelesen, und es hat mich in der Seele gepackt
und zusammengeschüttelt, und dann hab' ich ihn hier gesucht; aber er
ist zugeknöpft wie ein alter Wachtkorporal!«
»Wie, zum Henker, weißt du denn, daß das Gedicht von ihm ist? Sein Name
war doch nicht genannt?«
»Hm, von meinem Vater, der das genau weiß, weil er das Poem selber
rezensiert und von dem ihm bekannten Verfasser gesagt hat, daß er mit
der Zeit seinen Platz neben den Größten einnehmen und seinem Vaterlande
Ehre machen dürfte.«
»Hast also ein Herz für Friedrich Schiller?« fragte Hoven erregt.
»Und ob ich das habe! -- Darum möchte ich brühwarm seine
Geistesschöpfungen genießen, ehe sie abgestanden sind in einem Journal,
und möcht' es von ihm selber hören, wie er seine Feuerseele ergießt
in dithyrambischem Schwunge. Und sagt, ist's wahr, was man munkelt,
daß er jetzt ein großes Spektakelstück schreibe, wozu ihm der arme
Schubart, der auf dem Asperg gefangen sitzt, den Stoff gegeben haben
soll?«
Wiederum sahen sich die beiden anderen seltsam an, dann sprach
Scharffenstein zu Hoven gewendet: »Ich meine, wir können's mit
ihm wagen!« Und als dieser nickte, fuhr er fort: »Das mit dem
Spektakelstück hat seine Richtigkeit, und ob er's von Schubart hat,
muß dein Vater am besten wissen; denn er schreibt ja das ›Schwäbische
Magazin‹. Darin war im Jahre 1775 eine Geschichte, die ihm zuerst den
Stoff gegeben hat, und die von Schubart stammen soll.«
»Was ist's für eine Geschichte?«
Hoven erzählte: »Eine Begebenheit von einem Edelmann, der zwei Söhne
hat; der eine, Wilhelm, tat sehr fromm und gut und gehorsam und still,
der andere, Karl, war feurig, lustig, unternehmend und zu tollen
Streichen geneigt; aber er war ehrlich, während sein Bruder falsch
war. So waren sie auch beide noch auf der Universität, und Karl, der
etwas leichtsinnig Schulden machte und außerdem eines Duells wegen
fliehen mußte, verlor die Gunst seines Vaters, floh in die Welt hinaus,
wurde Soldat und wendete sich endlich reuig wieder an seinen Vater
und flehte ihn um seine Verzeihung an. Den Brief aber unterschlug die
Kanaille von einem Bruder, der Karl um sein Erbe bringen wollte, und
dieser sah sich gezwungen, um sein Leben zu fristen, Knecht bei einem
Bauern zu werden, nicht weit von seinem Vaterhause. Wilhelm aber strebt
nach seines Vaters Besitz, und da ihm dieser zu lange lebt, dingt er
Meuchelmörder, die ihn im Walde überfallen und töten sollen. Aber
Karl, der herbeieilt, rettet ihn, und einer der Schandgesellen gesteht
nun den ganzen scheußlichen Anschlag. Der Vater ist entsetzt über den
verruchten heuchlerischen Sohn und klagt, daß er nun keinen Sohn mehr
habe. Da stürzt sich Karl ihm zu Füßen und gibt sich ihm zu erkennen,
und der glückliche Alte umarmt ihn unter Thränen, indes er seinen
anderen Sohn der Strafe überliefern will; aber Karl bittet für diesen
und sorgt für seinen weiteren Unterhalt. -- Das ist die Geschichte.«
»Ja, aber was macht Schiller daraus!« rief enthusiastisch
Scharffenstein, doch Hoven winkte bedeutsam und rief zugleich: »Da
kommt er selbst!«
Unter den rauschenden Bäumen kam ein Karlsschüler her, eine
hochgewachsene Gestalt, die zweifellos über alle Genossen hinausragte;
auf dem schlanken, langen Halse saß ein von dunkelrötlichem Haar
umwallter Kopf und zeigte ein Gesicht von auffallend zarter Hautfarbe.
Unter einer breiten, schönen Stirn sahen ein Paar helle Augen, die
zwischen braun und blau schimmerten, klar und kühn in die Welt, und
die scharf gebogene, spitze Nase, das etwas trotzig vorspringende Kinn
gaben den Zügen etwas Energisches und Kühnes. Er kam ziemlich rasch auf
die drei zu und rief mit merkwürdig hochklingender Stimme: »Wieder um
eine halbe Stunde der freien Zeit gebracht!«
»Was hat's gegeben?« fragte Hoven.
»Ach, unser lieber Intendant, Herr von Seeger, teilt mir mit, daß
heute abend Serenissimus mit der Gräfin Franziska im Institut speisen
werden und dann ein kleines Divertissement erwarten, etwas Singsang und
Deklamieren -- und ich muß mit heran -- du auch, Wilhelm!«
»Und was wird aus unserem Abend?« fragte Scharffenstein.
»Pst! Du hast ein lockeres Gehege der Zähne und wirst mit deinem
vorlauten Munde uns allen schaden. Man wittert ohnehin schon in der
Luft, und Nieß trägt seine Stumpfnase verdächtig hoch.«
»Ach, meinst du wegen Haug? -- Der paßt für uns, sag' ich dir,
Schiller, als wenn ihn unser Herrgott expreß für die Bande geschaffen
hätte.«
Ein blitzender Blick aus Schillers Augen flog über denjenigen, von
welchem eben die Rede war.
»Macht Er auch Verse, Haug?« fragte er.
»Und was für Verse -- er ist der gebotene Satiriker, und _das_ Element
fehlt uns so, wie meiner Kehle jetzt ein guter Tropfen; der Hammel
heute mittags war scharf gesalzen.«
»Deine schwache Seite, Scharffenstein!«
»Hat jeder die seine,« replizierte der Getadelte; Schiller aber wandte
sich zu Haug: »Sag' Er, Haug, kann Er ein Epigramm auf den Säufer aus
dem Ärmel schütteln?«
Haug, der bisher schweigend sitzen geblieben war, stand auf, trat einen
Schritt vor und deklamierte mit leichtem Pathos:
»Er hat zu seinem Symbolum
Das Wort sich aus der Passion
›Mich dürstet!‹ ausersehen,
Und hält nach eig'nen Proben
Den Vers für unterschoben:
›Laß diesen Kelch vorübergeh'n!‹«
»Bravo!« sagte Schiller und reichte dem jungen Poeten die Hand; die
beiden andern aber lachten laut und herzlich. In diesem Augenblick kam
eine etwas wunderliche Figur heran. Ein kurzer, schwerer Körper in dem
blauen Futteral der Uniform, auf dem dicken Haupte, von welchem ein
Zöpfchen auf den Rücken niederbaumelte, den üblichen dreispitzigen
Hut, ein rotes Gesicht, das mit seinen kleinen scharfen Augen, die wie
zwei Rosinen aus einem Butterteig hervorschauten, unwillkürlich den
Humor weckte, -- das war der Oberinspektor _Nieß_, gefürchtet um seiner
Strenge und doch die Zielscheibe heimlicher Witzeleien und Neckereien.
Mit kurzen, raschen Schritten kam er angestapft und pflanzte sich
vor den Vieren auf, die in militärischer Haltung sich erhoben und
stillstanden.
Mit ungewöhnlich lauter Stimme, die fast im Widerspruch zu dem kleinen
Körper stand, sagte er: »Sticht euch der Hafer? War das Mittagsbrot zu
üppig, oder was ist's sonst, daß solch lauter Ausbruch der Heiterkeit
die Würde dieser Räume stört? Ja, wo der Schiller ist, geht auch was
Besonderes vor; aber ich will ein Aug' auf euch haben, daß ihr mir die
Stränge nicht durchreißt. Tätet auch besser, mit Spaten und Hacke euch
auszuarbeiten, als mit dem Mundwerk zu dreschen -- kommt nicht viel
Gutes heraus dabei!«
Man wußte nicht recht, ob er im Scherz oder im Ernst rede; denn in
seinem Gesichte und zumal um seine Mundwinkel zuckte es seltsam, und
langsam stapfte er weiter.
Die vier Eleven blieben noch eine Weile stehen und sahen dem
Fortschreitenden nach, dann sprach Schiller mit komischem Pathos: »Ich
will nächstens unter euch treten und fürchterlich Musterung halten!«
»Spiegelberg, ich kenne dich!« fügte Scharffenstein halblaut lachend
bei; doch Haug sagte: »Da muß ich euch doch erzählen, was ich dieser
Tage für einen närrischen Traum hatte. Mir träumte, es wäre der jüngste
Tag. Die Engel fingen an mit aller Macht zu posaunen, und die Toten
standen allmählich auf. Aber es wollte damit nicht recht vorwärts
gehen, und die Engel posaunten immer stärker. ›Hier müssen noch
weit mehr Tote begraben liegen; aber wie sollen wir sie wecken, wenn
unser ganzes Posaunen nicht hilft?‹ Da kam eben ein Karlsschüler zum
Vorschein und sagte, er wüßte wohl Rat, wenn unter den Auferstandenen
der Oberaufseher Nieß wäre; denn dieser dürfte nur mit der Stimme, mit
welcher er einst in der Akademie zu kommandieren pflegte, jetzt ›zum
Gericht!‹ kommandieren. Nieß wurde auch wirklich gefunden, und wie er
kommandierte, da wimmelte es von Auferstandenen, und die Engel flogen
ganz erfreut zum Himmel, um zu melden, daß jetzt alles zum Gericht
bereit sei.«
»Prächtig, Haug! Ihr seid unser Mann! Den Ton können wir brauchen --
von heut' an duzen wir uns!« rief Schiller, und begeistert schlug der
andere in die dargebotene Hand ein. Schiller aber wendete sich zu
Hoven: »Dir binde ich den Jungen auf die Seele, Wilhelm; weihe ihn ein,
soweit dir's gut deucht, und bringe ihn übermorgen mit in die Höhle!«
»Wie du gebeutst, Hauptmann!« sagte der Angeredete mit einem beinahe
feierlichen Ernst; Scharffenstein aber sprach: »Jetzt laßt uns
auseinandergeh'n! Nieß wendet kein Auge von uns, er wittert die
Verschwörung, und euer Händedruck ist eine absonderlich verfängliche
Sache!«
Und in der Tat kam der kurzbeinige, dicke Herr wieder angestapft;
aber ehe er herangekommen, hatten sich die vier nach verschiedenen
Richtungen verloren, und bald darauf rief auch das Glockenzeichen die
Eleven nach den Lehrsälen. Ruhe herrschte in dem ganzen weitläufigen
Gebäude, nur ab und zu trug der Schall aus einem geöffneten Fenster die
Worte eines besonders warm gewordenen Lehrers, den seine Beredsamkeit
hinriß. Gegen sieben Uhr ward es lebendiger. Die Eleven zogen wieder
die steife Uniform an, was in den Schlafsälen geschah, wo die einzelnen
Abteilungen sich formierten und dann von ihren Aufsehern in den
Rangiersaal geführt wurden, wo die Musterungen stattzufinden pflegten
und wo alle so geordnet wurden, wie sie an der Tafel zu sitzen hatten.
Dann marschierten sie in den eine Treppe höher gelegenen Speisesaal.
Es war ein schöner, weiter Raum. Zweiundachtzig jonische Säulen, die
aus der Wand hervortraten, trugen eine ringsum laufende Galerie, und
zwischen den Säulen waren die Büsten hervorragender Männer aufgestellt.
Den Plafond zierten schöne Gemälde, und auch das Porträt des Herzogs
Karl Eugen fehlte hier so wenig wie in den anderen Sälen. Die breiten
Flügeltüren waren geöffnet, und die Eleven marschierten paarweise ein,
und jeder blieb bei seinem Stuhle stehen. Nieß kommandierte dem einen
Flügel »Rechtsum!« dem anderen »Linksum!« und mit rascher und genauer
Wendung standen alle hinter ihren Sitzen, die Gesichter der Tafel
zugekehrt. Aufs neue erscholl die Stentorstimme des Oberaufsehers:
»Zum Gebet!« und alle falteten die Hände, indes ein Zögling die kleine
Kanzel bestieg, welche sich zwischen den Flügeltüren befand, und mit
monotoner Stimme ein Tischgebet sprach.
Dann pflegte für gewöhnlich das Kommando zum Rücken der Stühle und
zum Niedersetzen zu erfolgen. Es blieb diesmal aus, und der Blick des
Oberinspektors, der seine kurze Gestalt straff aufgerichtet hatte, fiel
nach der Tür, welche aus dem Speisesaal in den sogenannten »Tempel«
führte, ein prächtig ausgestattetes, kuppelgekröntes Gemach, in welchem
der Herzog mit seiner Gemahlin, Gräfin Franziska von Hohenheim,
vielfach die Abendtafel abhielt. Die Augen der Eleven wandten sich
gleichfalls dorthin, und in der Tat stand der Herzog dort, die Gräfin
am Arme. Es war ein schönes Menschenpaar. Der Fürst war eine stattliche
Erscheinung mit einem vornehmen, geistvollen Gesicht, aus welchem die
Augen groß und klar schauten; die Gräfin aber schlank und zierlich,
voll lieblicher Anmut und mit einem freundlichen Lächeln um den schönen
Mund.
Langsam kam der Herzog mit seiner Begleiterin am Arme heran, indes die
Eleven auf ein erneutes Kommando gegen ihn Front machten. Er schritt,
gefolgt von dem Intendanten, Herrn von Seeger, an derselben entlang,
und sah besonders scharf nach den weißen Zetteln, die einer und der
andere der Karlsschüler im Knopfloche trug. Das waren die »Billetts«,
auf welchen die Nachlässigkeiten verzeichnet standen, die sich die
Träger derselben im Laufe des Tages hatten zuschulden kommen lassen.
Karl Eugen las sie aufmerksam, ließ dann seine Augen blitzend über die
Inhaber derselben gleiten, die nicht zu zucken wagten unter seinen
scharfen Blicken, aber er zeigte sich heute bei guter Laune und strafte
meist nur mit Entziehung eines Gerichtes, während er sonst strenges
Fasten anordnete oder bei besonderem Vergehen wohl auch bewies, daß er
eine recht lockere und doch kräftige Hand besaß.
Die Gräfin lachte ihn freilich heute auch so freundlich und herzlich
an, daß es den Eleven warm ums Herz wurde, und daß sie es deutlich
empfanden, daß hier nicht bloß der gute Engel des Württemberger Landes,
wie Gräfin Franziska hieß, sondern auch _ihr_ guter Engel im besonderen
ihnen nahe sei. Vor Schiller blieb der Herzog stehen und legte ihm die
Hand auf die Schulter: »Er macht recht hübsche Poemata. Was Er da auf
die Gräfin Franziska gedichtet hat, hat uns recht gefallen -- brave
Gesinnung und schwungvolle Sprache. Aber vergesse Er nicht die Medizin
über der Dichtung, daß Er mir ein tüchtiger Arzt werde; das nützt der
Menschheit mehr als seine Reimschreibereien.«
Schiller hatte seine schlanke Gestalt hoch aufgerichtet, und aus
seinen Augen leuchtete ein begeistertes Feuer, so daß die schöne
Frau ihn lächelnd ansah und freundlich ihm zunickte, als sie am Arme
des fürstlichen Gatten weiter schritt. Da hielt dieser mit einem
Rucke plötzlich an; er stand vor einem Eleven, dem fast aus allen
Knopflöchern die verhängnisvollen »Billetts« hervorguckten. Der Herzog
ließ den Arm seiner Gefährtin los, und mit beiden Händen zog er
ziemlich hastig die weißen Blätter heraus und las. Der junge Sünder
war ein Graf von Nassau, der manchen lustigen Streich verübte, welcher
freilich gegen die Ordnung, aber im Grunde nicht böswillig war.
Karl Eugen schüttelte beim Lesen unmutig den Kopf, indes der
Eleve schüchtern den Blick nach der Gräfin wendete und aus ihrem
freundlichen, lieben Gesichte einigen Trost suchte. Jetzt wendete sich
der Herzog zu ihm mit gerunzelter Stirn und sprach: »Sage Er, Nassau,
was würde Er wohl machen, wenn er jetzt an meiner Stelle wäre?«
Der junge Graf stutzte einen Augenblick, schaute dann Gräfin Franziska
wie fragend und prüfend an, und einem plötzlichen Entschlusse folgend
reichte er ihr galant den Arm, gab der Überraschten einen herzhaften
Kuß und sagte: »Komm, Fränzel, und laß den dummen Jungen steh'n!«
Die ganze kurze Szene hatte eine verblüffende Wirkung. Während Nieß
in seiner peinlichen Überraschung ganz gegen alle Subordination
einen Luftsprung machte, als gedächte er aus diesem Dasein zu
verschwinden, ehe die Folgen dieser frevelhaften Tat eintreten mußten,
stand Herr von Seeger wie ein Steinbild, und in den Gesichtern der
Karlsschüler spiegelten sich Neugier und Erregung, teilweise auch ein
schlechtverhehltes Behagen. Gräfin Franziska hatte ihren Arm rasch
frei gemacht und sah mit dem erröteten, aber nicht unfreundlichen
Gesicht nach dem Gatten, in welchem das Gefühl des Unmuts mit dem des
Wohlgefallens an dem frischen, kecken Jungen stritt; endlich schien
das letztere zu siegen. Er sah den jungen Grafen mit einem seltsamen
Lächeln an, reichte seiner Gattin wieder den Arm und sagte: »Ja,
Fränzel, lassen wir den dummen Jungen stehen! -- ~Dinez, messieurs!~«
Er schritt mit der Gräfin weiter, ohne sich noch bei einem der Zöglinge
aufzuhalten, und als er in dem »Tempel« verschwunden war, wo das
fürstliche Paar mit Herrn von Seeger das Abendbrot einnahm, erscholl
das Kommando Nieß'; gleichmäßig, mit einem Ruck, bewegten sich die
Stühle, mit einem zweiten Ruck saßen alle, und nun begann das Essen. Es
gab Suppe, Kalbsbraten mit Salat und eine Mehlspeise, und schweigend
wurden die Gerichte eingenommen.
Das Mahl war rasch beendet, und nachdem wieder jede Bewegung auf
Kommando sich vollzogen hatte, marschierten alle nach dem Rangiersaal,
um dort das fürstliche Paar zu dem angesagten Divertissement zu
erwarten.
Der Herzog ließ auch nicht lange auf sich warten. Er ließ sich mit
der Gräfin auf bereitstehenden Polstersitzen nieder, und gleich
darauf begann eine musikalische Aufführung seitens der Zöglinge,
welche Zeugnis dafür ablegte, daß sich unter ihnen nicht bloß gute
musikalische Talente befanden, sondern daß dieser Kunst in den Mauern
der Karlsschule auch ein gewisses Recht eingeräumt war.
Karl Eugen war trotz des Zwischenfalls -- oder vielleicht infolge
desselben -- in besonders guter Laune und sparte nicht mit seinem Lobe.
Nun aber wünschte er, daß einer der Eleven etwas von seinen eigenen
Geistesschöpfungen vortrage, und er nannte dabei ausdrücklich Schiller.
Dieser trat vor, verneigte sich einigermaßen steif vor dem Herzog und
seiner Gemahlin und begann darauf mit etwas singendem Pathos:
Der Flüchtling.
Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch,
Pupurisch zuckt durch düst'rer Tannen Ritzen
Das junge Licht und äugelt aus dem Strauch;
In gold'nen Flammen blitzen
Der Berge Wolkenspitzen.
Mit freudig melodisch gewirbeltem Lied
Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne,
Die schon in lachender Wonne
Jugendlich schön in Auroras Umarmungen glüht.
Sei, Licht, mir gesegnet!
Dein Strahlenguß regnet
Erwärmend hernieder auf Anger und Au.
Wie silberfalb flittern
Die Wiesen, wie zittern
Tausend Sonnen in perlendem Tau!
In säuselnder Kühle
Beginnen die Spiele
Der jungen Natur.
Die Zephyre kosen
Und schmeicheln um Rosen,
Und Düfte beströmen die lachende Flur.
Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen!
Laut wiehern und schnauben und knirschen und stampfen
Die Rosse, die Farren;
Die Wagen erknarren
Ins ächzende Tal.
Die Waldungen leben,
Und Adler und Falken und Habichte schweben
Und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.
Den Frieden zu finden,
Wohin soll ich wenden
Um elenden Stab?
Die lachende Erde
Mit Jünglingsgebärde
Für mich nur ein Grab!
Steig' empor, o Morgenrot, und röte
Mit purpurnem Kusse Hain und Feld!
Säus'le nieder, Abendrot, und flöte
Sanft in Schlummer die erstorb'ne Welt!
Morgen -- ach! du rötest
Eine Totenflur;
Ach, und du, o Abendrot, umflötest
Meinen langen Schlummer nur.
Als Schiller geendet hatte, winkte ihn der Herzog zu sich heran. »Er
hat eine lebhafte Phantasie und versteht die Natur schön zu malen. Wie
kommt Er aber dazu, das gerade einem Flüchtling in den Mund zu legen?«
»Ich habe mich selbst in die Lage hineingedacht, Durchlaucht!«
»Das ist eine wunderliche Idee; hat Er Neigung, ein Durchbrenner zu
werden?«
»Halten zu Gnaden, Durchlaucht -- nein, weil es undankbar wäre gegen
Höchstdero väterliche Huld.«
»Recht, wenn Er das einsieht, Schiller; ja, ich mein' es gut mit meinen
Söhnen von der Karlsschule, wenn ich sie auch manchmal scharf anfasse.«
Er nickte gnädig; auch die Gräfin sprach ein freundliches Wort der
Anerkennung, das eine warme Röte über Schillers bleiches Gesicht
huschen ließ; dann trat dieser mit ehrerbietiger Neigung zurück, und
die Aufführung nahm ihren Fortgang.
Beim Schlag der zehnten Stunde erhob sich der Herzog, langsam ging er
durch die in einer Doppelreihe aufgestellten Eleven, und wie er bei dem
jungen Grafen von Nassau vorüberkam, drohte er diesem mit dem Finger.
»Ein zweites Mal kommt Er so nicht davon!« sagte er mit einem Anflug
von Gutmütigkeit.
Eine halbe Stunde später war es still in dem ganzen weitläufigen
Gebäude, und nur aus den Schlafsälen flimmerte der müde Schein der
Nachtlampen durch die Fenster.
Drei Tage später ging Hoven mit Haug wieder unter den Bäumen des
Gartens hin und sagte: »Also heute abend um die zehnte Stunde im
Krankensaale.«
»Hm, also deshalb ist Schiller unwohl gemeldet -- ich merke! -- Gut,
ich komme!«
»Aber mit aller Heimlichkeit und Vorsicht. Und dort hast du erst
ein Versprechen noch auf Ehrenwort zu geben, ehe du in die ›Bande‹
eintreten kannst.«
»Aber, sage doch ums Himmels willen -- was heißt das: die ›Bande‹?«
»Ich darf dir wohl soviel verraten, nachdem Schiller einverstanden ist:
Er schreibt ein Spektakelstück ›Die Räuber‹, ich sage dir, Haug, daß es
einem die Seele aufwühlt in den tiefsten Tiefen. So etwas von Kraft und
Schwung und Handlung ist noch nicht dagewesen, und wenn's erst einmal
ans Licht kommt, dann sollst du sehen, wie das ganze deutsche Publikum
Mund und Ohren drüber aufsperren wird. Hei, wie der von Freiheit zu
reden weiß -- man sieht förmlich das Feuer aufleuchten, das in seiner
Seele lodert -- und wir, seine Freunde, sehen es werden, Stück um
Stück, und heute wird er wieder einige Szenen uns bieten. Es ist ein
Hochgenuß, Haug!«
»Und das ist die Geschichte aus dem ›Schwäbischen Magazin‹ von den
beiden Brüdern?«
»Ja, aber es ist etwas ganz anderes draus geworden. Karl ist dir ein
Bursche, der Welt und Himmel zusammenschmeißen kann. Schiller hat ihn,
da sein Vater ihn um seines Bruders willen verstoßen hat, Räuber und
Anführer einer Bande werden lassen; aber ich sage dir, kein Räuber
wie die landläufigen Banditen, sondern einer, der sich die Aufgabe
gestellt hat, die Mängel der Gerechtigkeit auszugleichen, den Reichen
und Schlechten zu nehmen und den Armen und Guten zu geben, ein Kerl,
aus dem besten Holze geschnitzt, dem man gut sein muß, wie jeder aus
seiner Bande. Sein Bruder aber -- Franz heißt die Kanaille -- ist ein
Bösewicht bis ins Mark der Knochen, läßt seinen eigenen alten Vater in
einen Hungerturm sperren und gefangen halten, um sein Erbteil früher zu
bekommen. Da sitzt nun der Alte -- und so weit sind wir -- und heute
gibt's mehr. -- Wir leben in dem Stücke, und darum nennen wir uns
selbst die Bande, und Schiller ist unser Hauptmann.«
»Mich habt ihr, wenn ihr mich brauchen könnt -- ich schwöre zu euch!«
»Gut dann, also heute abend um zehn Uhr.«
Die beiden trennten sich, und jeder gesellte sich zu einer anderen
Gruppe.
Der Abend hatte sich niedergesenkt über die Residenz und die hohe
Karlsschule. Um neun Uhr war, wie es gewöhnlich Brauch war, das Zeichen
gegeben worden, sich zu Bett zu legen. Die Lichter erloschen bis auf
die matten Lämpchen in den Schlafsälen, nur im Krankensaale brannte
helleres Licht. Hier saß Schiller an dem großen Tische und schrieb.
Er hatte sich für unwohl ausgegeben und hatte als Kranker manche
Vorrechte, welche die Gesunden entbehren mußten. Einige medizinische
Bücher waren aufgeschlagen zur Seite; aber er kümmerte sich darum
nicht, und seine Feder flog rastlos über das Papier; seine Augen
glänzten und seine Wangen brannten, denn er war mit ganzer Seele bei
der Arbeit.
Jetzt schlug es draußen zehn Uhr, und gleich darauf huschten Gestalten
leise über die Korridore heran und traten ein. Schiller begrüßte sie
mit einem Händedruck, jeden einzelnen, dann schrieb er noch weiter, und
schweigend saßen die andern an dem Tische.
Da kam _Scharffenstein_ und mit ihm _Petersen_, der auch schon Proben
seiner dichterischen Begabung im engern Kreise abgelegt hatte, und
mancher andere, alle in bequemen, leichten Hauskleidern, und endlich
erschien auch Hoven mit Haug.
Jetzt legte Schiller die Feder weg, lehnte sich aufatmend in seinen
Sitz zurück und begrüßte die beiden. Dann sprach er: »Brüder, ich
stelle euch ein neues Mitglied unserer ›Bande‹ vor: Christoph Friedrich
Haug, voll guten Ingeniums für die Poesie, zumal begabt mit witziger
Satire und in seiner Gesinnung verbürgt von Hoven und Scharffenstein.
Wollt ihr ihn aufnehmen?«
Ein allgemeines, halblautes »Ja« erfolgte -- denn das laute Sprechen
war verpönt --, und Schiller trat an Haug heran: »Wohl denn, so gelobe
mir in die Hand bei deiner Ehre, daß du schweigen willst von dem, was
hier vorgeht, gegen jedermann, wohingegen ich dir in unserm Namen
gelobe, daß es nichts ist gegen Ehre und Recht!«
Haug schlug in die dargebotene Hand ein und sprach: »Ich gelobe.« Dann
reichte ihm ein jeder die Rechte, und Schiller fragte wieder: »Wer hat
heute die Wache?«
»Petersen!«
»So walte deines Amtes, Petersen!«
Der Genannte trat an die Tür des Saales und lehnte sein rechtes Ohr
daran; er mußte darauf achten, daß kein Störer nahe. Die andern aber
hatten sich an dem Tische niedergelassen.
Schiller fragte: »Hat einer Geschäftliches zu berichten? Etwa von
›Sünden‹ zu bekennen?«
Unter »Sünden« aber verstand man Dinge, die verstohlenerweise in die
Akademie eingeschmuggelt wurden, wie Würste, Brezeln, Tabak und auch
verpönte Bücher.
Einer erhob sich: »Es sind sechs Pfund Tobak eingebracht und von der
bekannten Quelle zu beziehen.«
Ein Zweiter sprach: »Ich habe Wielands Roman ›Agathon‹ durch einen
Vetter erhalten und lege ihn hier nieder, damit er gemeinsam gelesen
werde.«
»Brav!« sagte Schiller. »Unser letztes Exemplar hat Nieß aufgestöbert
und weggenommen. -- Wollen wir gleich heute lesen?«
»Nein,« sagte Petersen, »wir brennen alle auf die ›Räuber‹; Schiller
soll uns das Neueste bieten, was er geschrieben hat!«
»Ja, Schiller soll lesen!« riefen alle.
[Illustration: Schiller liest seinen Freunden die »Räuber« vor.]
»Gut denn, wenn ihr's wollt!« sagte dieser nicht ohne ein zufriedenes
Behagen und nahm das Papier zur Hand, auf welchem er geschrieben
hatte. Die andern lehnten sich mit dem Gefühl der Spannung in ihren
Sitzen zurück und sahen dem jungen Dichter in das erregte Gesicht.
Dieser aber begann zu lesen, mit etwas verhaltener Stimme, und man
merkte es ihm an, wie schwer es ihm bei einzelnen Wendungen wurde,
sich zu beherrschen. Er verstand eben nicht recht, »sanft zu brüllen«,
wie Scharffenstein mit einem klassischen Worte sich ausdrückte; aber
verständlich war es, wie er las, und dem an der Tür postierten Petersen
entging kein Wort.
Gegend an der Donau.
(Die Räuber gelagert auf einer Anhöhe unter Bäumen, die Pferde
weiden am Hügel hinunter.)
_Karl Moor_: Hier muß ich liegen bleiben. (Wirft sich auf die
Erde.) Meine Glieder wie abgeschlagen. Meine Zunge trocken
wie eine Scherbe. (Schweizer verliert sich unbemerkt.) Ich
wollt' euch bitten, mir eine Handvoll Wassers aus diesem
Strome zu holen; aber ihr seid alle matt bis in den Tod.
_Schwarz_: Auch ist der Wein all' in unsern Schläuchen.
_Moor_: Seht doch, wie schön das Getreide steht! -- Die Bäume
brechen fast unter ihrem Segen. -- Der Weinstock voller
Hoffnung.
_Grimm_: Es gibt ein fruchtbares Jahr.
_Moor_: Meinst du? Und so würde doch _ein_ Schweiß in der Welt
bezahlt. _Einer?_ -- -- Aber es kann ja über Nacht ein Hagel
fallen und alles zugrunde schlagen.
_Schwarz_: Das ist leicht möglich. Es kann alles zugrunde
gehen, wenige Stunden vorm Schneiden.
_Moor_: Das sag' ich ja. Es wird alles zugrunde geh'n. Warum
soll dem Menschen das gelingen, was er von der Ameise hat,
wenn ihm das fehlschlägt, was ihn den Göttern gleichmacht? --
Oder ist hier die Mark seiner Bestimmung?
_Schwarz_: Ich kenne sie nicht.
_Moor_: Du hast gut gesagt und noch besser getan, wenn du sie
nie zu kennen verlangtest! -- Bruder -- ich habe die Menschen
geseh'n, ihre Bienensorgen und ihre Riesenprojekte -- ihre
Götterpläne und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame
Wettrennen nach Glückseligkeit; -- dieser dem Schwung seines
Rosses anvertraut -- ein anderer der Nase seines Esels --
ein dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des
Lebens, worein so mancher seine Unschuld und -- seinen
Himmel setzt, einen Treffer zu erhaschen, und -- Nullen sind
der Auszug --, am Ende war kein Treffer darin. Es ist ein
Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es
dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.
_Schwarz_: Wie herrlich die Sonne dort untergeht!
_Moor_ (in den Anblick versenkt): So stirbt ein Held! --
Anbetungswürdig!
_Grimm_: Du scheinst tief gerührt.
_Moor_: Da ich noch ein Bube war, war's mein Lieblingsgedanke,
wie sie zu leben, zu sterben wie sie. -- (Mit verbissenem
Schmerze) Es war ein Bubengedanke!
_Grimm_: Das will ich hoffen.
_Moor_ (drückt den Hut übers Gesicht): Es war eine Zeit -- laßt
mich allein, Kameraden!
_Schwarz_: Moor! Moor! Was zum Henker! -- Wie er seine Farbe
verändert!
_Grimm_: Alle Teufel! Was hat er? Wird ihm übel?
Moor: Es war eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich
mein Nachtgebet vergessen hatte. --
_Grimm_: Bist du wahnsinnig? -- Willst du von deinen
Bubenjahren dich hofmeistern lassen?
_Moor_ (legt sein Haupt an Grimms Brust): Bruder, Bruder!
_Grimm_: Wie? -- sei doch kein Kind -- ich bitte dich. --
_Moor_: Wär' ich's -- wär' ich's wieder!
_Grimm_: Pfui, pfui!
_Schwarz_: Heit're dich auf. Sieh' diese malerische Landschaft
-- den lieblichen Abend.
_Moor_: Ja, Freunde! Diese Welt ist so schön.
_Schwarz_: Nun, das war wohlgesprochen.
_Moor_: Diese Erde so herrlich.
_Grimm_: Recht, recht -- so hör' ich's gern.
_Moor_ (zurückgesunken): Und ich so häßlich auf dieser schönen
Welt --, und ich ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde.
_Grimm_: O weh, o weh!
_Moor_: Meine Unschuld, meine Unschuld! -- Seht, es ist alles
hinausgegangen, sich im friedlichen Strahle des Frühlings zu
sonnen, -- warum ich allein die Hölle saugen aus den Freuden
des Himmels? -- Daß alles so glücklich ist, durch den Geist
des Friedens alles so verschwistert! -- Die ganze Welt _eine_
Familie und ein Vater dort oben. -- _Mein_ Vater nicht; --
ich allein der Verstoßene, ich allein ausgemustert aus den
Reihen der Reinen, -- mir nicht der süße Name Kind, -- nimmer
mir der Geliebten schmachtender Blick, -- nimmer, nimmer des
Busenfreunds Umarmung. (Wild zurückfahrend) Umlagert von
Mördern, -- von Nattern umzischt, -- angeschmiedet an das
Laster mit eisernen Banden, -- hinausschwindelnd ins Grab des
Verderbens auf des Lasters schwankendem Rohr, -- mitten in
den Blumen der glücklichen Welt ein heulender Abaddona. -- --
In diesem Augenblicke, da alle mit größter Spannung und angehaltenem
Atem lauschend nach Schiller hinsahen, erscholl vom Eingange ein
warnendes »Pst!« und gleich darauf sprang Petersen von der Tür heran.
In wenigen Sekunden war das ganze Bild verändert. Die Stühle, bis
auf jenen, auf welchem Schiller saß, waren plötzlich leer und die
»Bande« wie mit einem Zauberschlage verschwunden, als ob sie in den
Boden versunken wäre. Schiller selbst saß über ein medizinisches Werk
gebückt, seine Dichtung aber hatte wohl einer der Genossen an sich
genommen.
Jetzt öffnete sich die Tür, und in ihrem Rahmen erschien Herzog Karl
Eugen, begleitet von Herrn von Seeger und einem Diener, der einen
Armleuchter mit brennenden Kerzen trug. Der hohe Herr kam nicht zum
erstenmal zu dieser Zeit in den Krankensaal; denn er liebte es, seine
»Söhne« zu jeder Tag- und Nachtstunde zu »visitieren« und sich von
ihrem Tun und Treiben zu überzeugen. Schiller hatte sich ehrerbietig
grüßend erhoben. Der Herzog aber trat ganz nahe an ihn heran, sah in
das Buch, das vor ihm auf dem Tische lag, und da er merkte, daß es
ein medizinisches Werk war, sprach er sich anerkennend über den Fleiß
und den Eifer, den Schiller für sein Fachstudium bekundete, aus. Dann
winkte er diesem, sich niederzusetzen, und setzte sich selbst beinahe
vertraulich an seine Seite: »Ein Kranker soll nicht stehen. -- Wo
fehlt's Ihm denn eigentlich? -- Es kommt mir vor, als wenn Er schon
öfter im Krankensaale gewesen wäre -- hm?«
»Ich leide viel an katarrhalischen Affektionen, Durchlaucht,« erwiderte
Schiller einigermaßen befangen -- »die zwar nicht bedenklich sind, aber
Schonung der Atmungsorgane verlangen.«
»Das mag sein! Hoffentlich schont Er aber auch seine Organe und hält
sich vor allem fern von dem verderblichen Rauchkraut, so für die Jugend
Gift ist. Ich möchte nicht gern hören, daß meine Karlsschüler dem
Rauchlaster verfielen. Ich habe meinen Verdacht auf den Nassau -- wie
ist's, Seeger!«
»Ich habe nichts Gravierendes erfahren, Durchlaucht!«
»Hm, Nieß hat mir so Andeutungen gemacht! -- Na Gott befohlen,
Schiller, -- sehe Er zu, daß es bald wieder gut geht mit ihm, -- ich
freue mich an seinem Fleiße!«
Der Herzog erhob sich, klopfte seinem Günstling wohlwollend auf die
Schulter und ging mit dem Intendanten. Schiller aber atmete auf; er
hatte in den letzten Minuten wirkliche Brustbeklemmungen gespürt bei
dem Gedanken, daß auch unter dem Tische, nur durch die Decke verborgen,
einer oder zwei seiner Freunde steckten, und daß es leicht möglich war,
daß der Herzog mit seinem Fuße an dieselben stieß; dann konnte alles
entdeckt und verraten sein.
Einen Augenblick blieb alles still; keiner der Karlsschüler wagte noch
sein Versteck zu verlassen, solange nicht der gefürchtete Herr sich
wieder völlig zurückgezogen hatte. Aber dessen Schritt wollte draußen
nicht verklingen, ja bald hörte man seine, wie es schien, zornige
Stimme. In der Tat hatte Karl Eugen vor der Tür einen Augenblick still
gestanden und mit emporgehobener Nase die Luft eingezogen, dann hatte
er sich zu dem Intendanten gewendet: »Seeger, riecht Er nichts?«
Der Gefragte gab sich Mühe, etwas Besonderes zu riechen; aber es wollte
sich nichts finden, und beinahe verlegen erklärte er, er finde nichts
Außergewöhnliches.
»So will ich's ihm sagen: Es riecht nach Tabaksrauch -- ganz genau. Wo
kann das herkommen?«
Er sah sich um und erblickte eine kleine, dichtanliegende Tür, welche
in einen niedrigen, vorspringenden Raum führte.
»Was ist das hier?« fragte der Herzog.
»Der Vorkamin des Schlafsaals, Durchlaucht!« war die Antwort, und
Serenissimus trat näher und befahl zu öffnen. Der Intendant versuchte
es, aber vergebens, -- die Tür gab nicht nach.
»Das ist ja recht seltsam -- findet Er nicht auch? -- Das kann doch von
außen nicht verschlossen werden, das Hindernis kommt von innen. Wenk!«
rief er dem Diener, »versuche Er es einmal, und wenn es nicht geht, so
hole Er Sprengwerkzeuge, -- das Hindernis muß ich kennen lernen!«
Der Intendant nahm den Leuchter aus der Hand des Lakaien, und dieser
begann nun, an dem eisernen Ringe, der außen an dem Türchen war, zu
ziehen. Er öffnete es ein wenig, aber gleich darauf schnappte es wieder
zu; doch noch kräftiger faßte der Mann an und zog mit der ganzen
Wucht seines Körpers, so daß die Tür plötzlich nachgab und er selbst
zurückgeschleudert wurde, daß er seinem Herrn zu Füßen fiel. Aus dem
geöffneten Eingange quoll ein bläulicher Dampf, und der Herzog rief,
indem er dem Intendanten den Armleuchter entriß und in den engen,
dunkeln Raum hineinleuchtete: »Nun, Seeger, riecht Er noch nichts? --
Und sieht Er auch nichts? -- Heraus, Unglücksmensch, wenn es nicht ein
Malheur geben soll!«
Auf diesen Befehl ward es in dem Vorkamin lebendig, und gleich darauf
kroch eine Gestalt heraus im bequemen Hausrocke und richtete sich, die
verhängnisvolle Pfeife noch in der Hand, stramm vor dem Fürsten auf: es
war der junge Graf von Nassau.
Beinahe verblüfft schaute ihm der Herzog in das halb verlegene, halb
schelmische Gesicht und schien nicht gleich ein Wort zu finden;
er leuchtete ihm nur ganz nahe unter die Augen, dann gab er den
Armleuchter dem Diener und erfaßte mit der Rechten das linke Ohr des
Schuldigen und zog ihn hinter sich her wieder hinein in den Schlafsaal,
wo Schiller noch immer vor dem Tische saß, während die andern
Mitglieder der »Bande« regungslos in ihren nichts weniger als bequemen
Lagen verharrten. Dabei räsonierte er unaufhörlich: »Und das ist einer
von den Kavaliers, die mit gutem Beispiel vorangehen sollten; statt
dessen treibt er allen Unfug und alle gotteslästerlichen, schädlichen
Allotria. Hier, nehme Er sich ein Exempel an Friedrich Schiller, der
nur eine bürgerliche Qualifikation hat, und der alles tut zu seiner
Erudition, so daß aus ihm etwas werden wird; -- aber Er, Nassau, trotz
seiner vornehmen Abkunft ist ein Haselant, ein Hansnarr, ein Filou!«
Der Herzog hielt noch immer das Ohr des Schuldigen fest, der alle
Bewegungen mitmachte, die sein Peiniger in der Erregung seiner Rede
ausführte; jetzt ließ die kräftige Hand los, und wiederum stand der
junge Graf in aufrecht straffer, militärischer Haltung da. Er war ein
hübscher Bursche mit einem frischen, gutmütigen Gesicht, das auch jetzt
im Grunde nicht gerade ängstlich dreinschaute, so daß der Herzog, da er
ihn anblickte, eine Regung des Wohlgefallens nicht unterdrücken konnte.
»'s ist schade um Ihn, Nassau, wenn Er so weiter macht! Fühlt Er denn
nicht, daß ich's gut mit Ihm meine, hm?«
»Ich anerkenne dankbar Eurer Durchlaucht gnädige Huld, so
Höchstdieselben erst heute wieder mir so sichtbarlich erzeigt ...«
»Er täte besser, mich nicht daran zu erinnern -- Er Filou! -- Aber zum
zweitenmal geht's nicht mit Keckheit und Frechheit, daß Er's weiß. Wie
kommt Er denn zu dem infamen Rauchzeug?«
»Ein Vetter hat mir's beim Besuch mitgebracht!«
»Seine Vettern werden nicht mehr vorgelassen, oder am Eingang
genauestens visitiert, nehme Er das zur Kenntnis, Seeger!«
Der Herzog nahm dem Schuldigen die Pfeife aus der Hand und besah sie
halb widerwillig, halb neugierig.
»Und wie das übel riecht! ~Fi donc!~«
Er schlug mit dem Pfeifenkopf an die Tischkante, daß er in kleine
Scherben zersplitterte, und auch Schiller, der sich erhoben hatte und
als stummer Zuschauer dastand, erschrocken zurückfuhr.
»Und jetzt hätt' ich Lust, das Rohr an Ihm selber zu probieren!« sagte
Karl Eugen, indem er das bedrohliche Instrument schwang und einigemal
durch die Luft sausen ließ; der junge Graf, in dessen Antlitz nichts
zuckte, ward bleich, seine Lippen bissen sich aufeinander, und seine
Augen funkelten seltsam, so daß der Herzog unwillkürlich einen Schritt
zurücktrat.
»Sehe Er mich nicht an, wie ein gereizter Löwe -- das lieb' ich nicht
bei meinen Karlsschülern. Und sei Er ruhig, -- ich will Ihm nicht
an die Reputation gehen; aber Strafe muß sein! Drei Tage Karzer,
verschärft durch entsprechendes Fasten!«
Der Intendant verneigte sich zustimmend; Karl Eugen aber kommandierte:
»Rechts um -- marsch!« und der junge Graf, der ihm zuvor noch die Hand
geküßt hatte, bewegte sich genau nach dem Kommando und verschwand im
Paradeschritt durch die Tür.
Der Herzog aber wendete sich zu Schiller: »Es tut mir leid, daß ich Ihn
noch einmal gestört habe; -- aber ich meine, Er geht jetzt auch zur
Ruhe, -- für einen Kranken ist's besonders an der Zeit!«
»Zu Befehl, Durchlaucht!« war Schillers Antwort, und mit einem gnädigen
Nicken entfernte sich der Herzog mit seinen Begleitern. Als die
Schritte auf dem Korridor draußen verhallt waren, begann es sich unter
dem Tische und unter den Betten zu regen, und die jungen Verschwörer
krochen hervor und reckten und dehnten die Glieder.
»Er geht jetzt auch zur Ruhe!« sagte Scharffenstein zu Schiller, indem
er den Herzog parodierte; Hoven aber sprach: »Lange hätt' ich's nicht
ausgehalten; denn ich glaube, ich habe in Wirklichkeit den Katarrh, um
dessentwillen Schiller hier sitzt. Na, gute Nacht, Hauptmann!«
»Na, dein erstes Auftreten in der Bande war doch nicht übel?« sprach
Petersen zu Haug; dieser aber erwiderte: »Es hat sich wenigstens recht
dramatisch gemacht, obgleich ich eine etwas bequemere Rolle vorgezogen
hätte.«
»Dafür aber hast du den besten Platz gehabt, um die komische Szene ›Der
arme Sünder‹ oder ›Der Filou im Vorkamin‹ anzusehen.«
Die andern lachten halblaut, dann huschten sie davon, unhörbar, leise,
und als eine halbe Stunde später Nieß noch einmal den Schlafsaal
inspizierte, fand er auch Schiller bereits in ruhigem Schlummer.
Am vierten Tage nach diesen Vorgängen traf Nassau, der seine Strafe
hinter sich hatte, mit Schiller zusammen. »Höre Er, Hauptmann -- ich
hatte da vor vier Tagen seine ganze ›Bande‹ in der Hand --; doch, bei
Gott, ich hätt' mir die Zunge ausschneiden lassen, eh' ich's verraten
hätte. Aber andermal seht doch erst in den Vorkamin -- es könnt' auch
einmal ein anderer drin sitzen -- vielleicht sogar der dicke Nieß. --
Aber alle Achtung, Schiller, über den Rücken ist mir's ganz wohlig und
gruselig hinunter gelaufen, wie Er deklamierte: Umlagert von Mördern
-- angeschmiedet an das Laster ... Er hat wirklich das Zeug zu einem
großen Dichter, und wenn sein Stück fertig ist, vergesse Er nicht,
mich's ganz genießen zu lassen, -- ich hab's um die ›Bande‹ verdient.«
Schiller schüttelte dem lustigen Burschen freundlich dankend die Hand,
dann gingen sie auseinander.
[Illustration]
[Illustration: Zweites Kapitel]
Wachsender Unmut
Es war im Dezember 1779. Die Schneeflocken tanzten um die Karlsschule,
der Garten lag unter einer weißen Decke, und Schiller stand an einem
Fenster seines Schlafsaals und blickte zerstreut hinaus. Wunderliche
Gedanken gingen ihm durch die Seele und freundliche Hoffnungen. Er
hatte seine Studien eigentlich absolviert, hatte die vorschriftsmäßige
schriftliche Arbeit abgegeben und harrte nun mit Spannung auf das
Ergebnis. Die Entscheidung lag in der Hand des Herzogs; er hoffte aber
auf dessen Gewogenheit und sah sich darum im Geiste schon außerhalb
dieser Mauern, die ihn jahrelang umschlossen und ihm die freie Bewegung
der Seele eingeengt hatten. Da draußen lag eine Welt, die er so gut
wie gar nicht kannte, und die er, weil sie ihm fremd war, sich mit
den leuchtendsten Farben ausmalte. Wie wollte er das Dasein genießen,
wie wollte er leben, schaffen, nach Berühmtheit streben und der Welt
zum Dank für ihre Gaben auch sein Bestes, das herrlichste Teil seines
Geistes geben.
Ein Diener trat ein und rief ihn zu dem Intendanten. Mit hochklopfendem
Herzen folgte Schiller, und mit gerötetem Angesicht trat er bei Herrn
von Seeger ein. Der empfing ihn ungewöhnlich freundlich und sprach:
»Mein lieber Freund, ich möchte Ihnen gern eine angenehme Mitteilung
machen. Sie wissen, daß wir alle Sie schätzen Ihres Ingeniums wegen,
und daß auch Serenissimus es wohlmeint mit Ihnen. Wir haben allzusammen
Ihre Abhandlung mit großem Interesse gelesen und uns über den Geist
derselben und den Schwung des Ausdrucks gefreut. Seine Durchlaucht
aber kann sich doch nicht entschließen, dieselbe in Druck legen zu
lassen, soviel Anerkennung auch Höchstderselbe dafür hat. Hören Sie,
was er schreibt: Die Disputation von dem Eleven Schiller soll nicht
gedruckt werden, obschon ich gestehen muß, daß der junge Mensch viel
Schönes darin gesagt -- und besonders viel Feuer gezeigt hat. Eben
deswegen aber und weilen solches wirklich noch zu stark ist, denke ich,
kann sie noch nicht öffentlich an die Welt ausgegeben werden. Dahero
glaube ich, wird es auch noch recht gut vor ihm sein, wenn er noch ein
Jahr in der Akademie bleibt, wo inmittelst sein Feuer noch ein wenig
gedämpft werden kann, so daß er alsdann einmal, wenn er fleißig zu sein
fortfährt, gewiß ein recht großes Subjektum werden kann.«
Der Intendant ließ das Schreiben, das er in der Hand hielt, sinken und
sah Schiller wohlwollend an; dieser aber stand bleich da, und seine
Lippen stießen das Wort hervor: »So ist es ein Vergehen, eine eigene
Meinung haben, und einen eigenen Geistesweg gehen zu wollen? Dann ist
diese ganze Anstalt -- --«
»Halt -- nicht weiter! Ich darf solches nicht hören. Werden Sie ruhig,
und Sie werden auch darin das väterliche Wohlwollen Serenissimi
erkennen!«
»Väterliches Wohlwollen, wenn ich gezüchtigt werde ohne Schuld -- --«
»Keine Insubordination!« sagte der Intendant jetzt strenge, und
Schiller biß sich auf die Lippen, indes jener fortfuhr: »Ein Jahr ist
keine lange Frist! Lassen Sie Ihren Geist ruhiger werden und reifen, --
Sie beweisen durch diese Hitze, daß Ihnen vor allem Selbstbeherrschung
fehlt. Gehen Sie mit Gott und halten Sie brav aus!«
Schiller ging; aber in seiner Seele lebte eine Welt von Unmut, er hätte
in diesem Augenblick die Erde aus ihren Angeln heben und zertrümmern
mögen, und lebhafter dachte er in dieser Stunde seines Helden Karl
Moor, dem er die Entrüstung seiner Seele über das nach seiner Meinung
ihm zugefügte Unrecht in den Mund legen wollte. Die Welt sollte es
dereinst hören, und dem Herzog sollten darüber die Ohren klingen.