Gute, liebe, unglückliche ~Berta~.
Lange stehe ich da in unsäglicher Traurigkeit.
Mußte das so endigen?
Nun ist es aus. Nun gibt es zwischen dir und mir keine Brücke mehr. Die
hat dein Vater eingerissen.
Vor uns liegt ein tiefer, schwarzer Abgrund. Darin ist alle deine
Lebensfreude begraben.
Warum all dieser Jammer, all dieses Elend, warum?....
Weil dein Vater rückständig ist, vernagelt, borniert....
Elender Berelsvater! Wie wirst du dies verantworten können vor der
Welt, vor deiner Familie, vor deinen Kindern, vor deinem Richter!....
Aergerlich und niedergeschlagen schreite ich durch den Hof.
Aus grauem Himmel fallen schwere, weiße Flocken hernieder. Langsam
legen sie sich über die Erde wie ein Leichentuch.
Durchs Merschertal klingt die Mittagsglocke. Dünn und schwach zittert
sie durch die kalte Luft, wie eine Glocke, die zum Sterben läutet.
Heute habe ich meine letzte Hoffnung begraben. -- -- -- -- -- -- -- --
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Vier Monate sind seitdem ins Land gegangen.
Nun habe ich mein Glück doch gefunden.
Ich habe geheiratet. ~Ketty~ von der Halleschmühle ist meine Frau.
Sechs Wochen lebe ich schon in diesem Glück. Uns fehlt nichts. Wenn wir
gesund bleiben, möchte ich mit keinem Menschen tauschen.
~Ketty~ ist fleißig, haushälterisch, freundlich und zuvorkommend.
Sie versteht es, meinen Eltern jeden Wunsch von den Augen abzulesen.
Sie ist die Sonne des Hauses.
Neues Leben hat sie auf unsern Hof gebracht. Ich habe noch nie so
leicht, so gerne gearbeitet. Erst jetzt hat die Arbeit Lebenszweck.
Ich weiß, für wen ich arbeite.
Merkwürdig. Wie das alles gekommen ist seit diesem Abschiedsbrief von
~Berta~.
Ich habe gekämpft, gestrebt, mich aufgelehnt. Ich trauerte mit
~Berta~ um das verlorene, entrissene Glück. Ich wollte nicht den
neuen Weg zum neuen Glück gehen.
So ging eine Woche um die andere dahin. Meine Herzenswunde vernarbte,
und die Trauer verwandelte sich nach und nach in Entsagung, stilles
Gedenken.
Ich dachte noch oft an ~Berta~. Aber meine Gedanken hafteten nicht
untätig, gelähmt an ihr. Sie flogen weiter, suchten ~Bertas~
Freundin auf. Und die Sehnsucht ging neben uns und flüsterte mir von
Glück und schöner Zukunft. Und ~Berta~ zeigte auf ~Ketty~.
Ich hörte sie sagen: „Greif zu, dort ist dein Glück.“
So gingen meine Gedanken. Zuerst verschwommen, dann stärker,
sehnsuchtsvoller.
Das war keine Untreue. Das war der Wille ~Bertas~.
So schlich sich nach und nach das Bild der blonden ~Ketty~ in mein
Herz.
~Berta~ war nicht daraus verdrängt. Ich kann ~Berta~ nie
vergessen. Eine liebe Schwester ist sie mir geworden.
Halbfastensonntag fuhr ich mit dem Oheim hin.
Andere Besuche folgten.
In der Osterwoche feierten wir Hochzeit.
So fand ich mein Glück. Und mit diesem Glück kam neuer Aufschwung,
neues Leben auf unsern Hof.
Unsere Welt ist wunderschön.
Pfingstsonntag.
Das Merschertal träumt im Sonnenschein der stillen Nachmittagsstunden.
Ueberall Blütenschmuck, wogende Saaten.
Wir gehen über Land, meine Frau und ich. Das tun wir so gerne am
Sonntag.
Ein leichter Wind spielt in den Obstbäumen, liebkost die Blüten und
schüttelt sie tanzend auf den grünen Rasen.
Droben auf der Höhe dreht sich schläfrig die Windmühle. Einförmig singt
sie den ganzen Tag ihr zirpendes Lied. Wie die Grillen.
Dorthin setzen wir uns, ins Gras, in die blühende Weide.
Lange sitzen wir da und lauschen auf die tausend kleinen Geräusche
des stäubenden Sommers und fühlen uns so behaglich und glücklich, als
gehörte die ganze Welt uns, uns allein. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Drunten im Tal zieht eine Schar singender Studenten vorüber:
„~Vu mengem Durf gong ech hier,
Dat frösch am Grënge leit,
Dohannen iw’rem große Miér
So’ weit vu mir, so’ weit~ -- -- -- -- --
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Mit der bitteren Wehmut eines Unglücklichen rufen diese Lebensfrohen
die Sehnsuchtsklänge nach einer verlorenen Heimat in den goldigen
Ferientag.
„~Gett mir mein Dach vu Stré
A mengem Durf erem,
Ech gin iéch alles drem!~“ -- -- -- -- --
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So würde auch ich vielleicht jetzt flehen, wenn ich damals mit über das
große Meer ausgewandert wäre. So jammern auch jetzt vielleicht meine
Kameraden....
Schon so viele sind voller Hoffnung ins Dollarland gegangen und haben
dort nur schwere Enttäuschungen erfahren.
„~Eisen Haff leît awer schén~,“ unterbricht meine Frau die
Träumerei.
Ihre Augen leuchten.
Ich nicke zustimmend.
„~Gefällt déng nei Hémècht der dann grad esoû gut wé dé âl?~“
frage ich lächelnd.
„~Jô, vill besser.~“ Es klang Glück aus ihren Worten, reines Glück.
Wir haben beide das Glück gefunden.
Und doch fiel ein Schatten auf unser junges Glück.
Die ~Mäsch Sisi~.
Meine Gedanken gingen rückwärts, über drei Monate, zu der Zeit, wo
meine Freierei mit der ~Ketty~ im Dorfe bekannt wurde. ~Sisi~
war untröstlich. Sie hatte immer noch damit gerechnet, daß wir uns
heiraten könnten. So sind die Mädchen. Die glauben an das Unmögliche.
Auch ~Sisi~ konnte sich nicht mit dem Gedanken abfinden, daß
unsere Wege sich trennten, seit jenem Unglückstage, an dem ihr Bruder
starb. Die Weiterführung des Hofes steht doch über der Liebe. Ich
konnte ja unsern Hof nicht aufgeben. Und auch sie durfte den ihrigen
nicht verlassen. Das Opfer mußte sie bringen können.
Sie wußte es nicht zu bringen, weil sie in ihrer Liebe nur ihr Herz
reden ließ. So ergeht es vielen.
Auch ich war zuerst in dieser Verfassung auf Brautschau gegangen.
Dadurch habe ich viel gelitten. Dadurch kommt viel Unglück in die Welt.
Wenn man auf Brautschau geht, soll man das Herz zu Hause lassen und nur
den Verstand mitnehmen.
So hatte der Vater mir oft gepredigt. Damals wollte ich es nie glauben.
„~Domt Geschwätz~“, hatte ich jedesmal gedacht. Und jedesmal hatte ich
mich sehr geärgert.
Jetzt urteile ich anders. Heute weiß ich, daß der Vater recht hatte.
Der Verstand muß die Bremse des Herzens sein, muß, muß. Sonst wird man
sein Leben lang unglücklich.
Leider sehen die meisten das zu spät ein. Oder sie wissen nicht zu
bremsen.
So geht ~Wonesch Henriette~ ins Unglück.
So auch leidet ~Mäsch Sisi~.
Und das bricht auch der guten ~Berta~ das Herz.
Wie traurig, daß bei der Erreichung meines Glückes das Glück anderer in
Scherben gehen mußte, wie traurig! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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„~Komm Jämp, mir mussen hém gôn, d’aß Zeit. Wann dem Bérelsédem
sei Bruder mat desem Zug könt, dann aß hién gleich hei. Hién könt
vleicht nach bis erân, éer hién a Mäsch geht~,“ sagte meine Frau in
sorgendem Tone. Sie schlang ihre Hand in meinen Arm.
Ich fuhr auf aus meiner Träumerei. Ganz richtig, der sollte heute
kommen, um im ~Mäsch~-Hause vorzusprechen. Es wäre mir eine
Erleichterung, wenn ich diese Heirat zustande brächte. ~Sisi~
verdient einen guten Mann. Und sie weiß auch einen Mann glücklich zu
machen. Auch dem Berelseidam würde ich es gut gönnen, wenn sein Bruder
das Mädchen heimführen könnte.
Dann würde ~Sisi~ ja auch noch sein Glück finden.
Aber ~Berta~?....
Herbstzeitlosen blühen in den Dorfwiesen. Der Sommer geht zur Neige.
Die Ernte ist eingebracht.
Wir sind bei meinen Schwiegereltern auf Besuch.
Verträumt liegt die Mühle in der tiefen Stille des Sonntagnachmittags.
Verträumt klingen die Glocken droben im Dorf. Sie läuten zur Vesper.
Dort wird Berta wohl jetzt beten.
Wir sitzen vor der Mühle in der lauen Sonne und plaudern.
Von allerhand geht das Gespräch. Von den Viehweiden, von der Ernte, von
den Berelsleuten.
„~An dât Haus aß emol vill Onglèck komm~,“ meinte mein
Schwiegervater.
Dann erzählte er von ~Berta~.
Ich stützte den Kopf schwer in die Hand. Schläfrig fuhr der Wind durch
die Bäume.
„~Do oûwen könt et!~“ Ich blickte auf. Wirklich, da kam
~Berta~ langsam den Weg herunter, gebückt, schleppenden Schrittes.
Meine Frau sprang auf, eilte ihr entgegen.
Auch ich ging hinüber.
~Berta~ lächelte. Krank lag das Lächeln auf dem eingefallenen
Gesichte.
Meine Frau küßte sie auf die Wange.
Ich drückte ihr die Hand. Schlaff und kalt lag ihre Hand in der meinen.
Sie atmete tief und war ganz erschöpft. Ihre Stirne stand voll
Schweißtropfen.
„~Dât mecht eis Fréd, daß du könns, Berta~,“ sagte meine Frau
tröstend.
~Berta~ lächelte wieder das kalte, fremde Lächeln.
„~Ech hun héren, daß dir hei wärd. An dû wollt ech iech zwé nach emol
gesinn.~“
Sie war ganz erregt und konnte kaum sprechen.
„~Dât aß schén!~“ Meine Frau legte den Arm um ihre Schulter. Eng
aneinandergeschmiegt standen sie da.
„~A wé geht et dann, Berta? Du wars krank?~“ fragte ich
teilnahmsvoll.
„~Jô, ech war krank, mä -- d’géht -- erem -- besser.~“
Ihre Brust keuchte. Sie hielt den Atem an und gab sich Mühe, nicht zu
husten. Und die Erregung malte noch einmal jugendfrische Farbe auf ihr
Gesicht.
„~Du geseîs gut aus~,“ tröstete meine Frau. ~Berta~ lächelte
wieder das kranke Lächeln.
Ich sah das blühende Rot ihrer Wangen.
Kirchhofsrosen....
Wir setzten uns auf die Bank am großen Mühlenweiher.
Die Wellen spiegelten das welke Gesicht noch durchsichtiger,
verfallener. Frühling und Sommer waren daraus verschwunden. In ihren
Augen lag der trübe Schein des freudlosen Winters.
Eine Weile saßen wir stille.
„~Ech sin froû, daß dîr zwê esoû glèckléch set.~“ Sie hatte ihren
Arm in den meiner Frau geschlungen und drückte ihr leidenschaftlich die
Hand, als wollte sie damit ihre tiefe Freundschaft bezeugen.
Meine Frau hatte ein paar Blumen gepflückt und reichte ihr das
Sträußchen hin.
Nachdenklich nahm sie eine Blume nach der andern, legte sie gleichmäßig
zusammen, blickte wehmütig auf dieselben und riß zerstreut einige
Blüten ab.
Wie tote Schmetterlinge sanken die Blätter in ihren Schoß und fielen
zur Erde.
„~Fir mech bléen keng Blumen mé!~“ Langsam sagte sie das, leise
und kummervoll. Langsam band sie Wort an Wort, wie sie die Blumen
zusammengelegt hatte. Ich dachte an das alte, traurige Lied von der
unerfüllten Liebe und dem frühen Sterben, das die Mädchen auf den
Feldern singen, wenn die Kartoffeln ausgehoben werden und der rauhe
Herbstwind über die kahlen Stoppeln treibt.
Ich suchte sie zu trösten, aufzumuntern. Sie schaute mich groß an wie
eine, für die es keine Hoffnung mehr gibt.
„~Nê, Jämpi.~“ Sie schüttelte den Kopf. Eine unendliche Wehmut
klang aus der gebrochenen Stimme.
Sie fröstelte ein wenig, zuckte mit den Schultern und wickelte die
Hände in die Schürze.
„~Jämp, du wars den Enzigen, mat dém ech froû war.~“ Ein tiefes Keuchen
drang aus ihrer Brust. Ihr Atem ging erregt, hastig. Eine dunkle Glut
schoß ihr in die Wangen. Sie hustete tief. „~D’Huôt net könne sin. Ech
hu mech drân ergin.~“ Sie preßte die Hand auf die Brust, als ob das
Atemholen ihr wehe täte. „~An ech sin dach froû, Ketty, daß du fir mech
glèckléch baß.~“
Gern hätte ich ihr jetzt eine tröstende Zärtlichkeit gesagt. Es fiel
mir nichts ein. Nichts Passendes, womit ich dem guten Mädchen hätte
Freude machen können. Da legte ich ihr leicht die Hand auf die Schulter.
„~A wé gét et dann mat déngem Papp?~“ Meine Frage rührte an eine alte
Herzwunde. ~Berta~ schlang den Arm um den meiner Frau und zog sie mit
sich fort hinunter am Mühlenteich vorbei in die Einsamkeit.
Ich stand auf und schritt langsam hinüber in den Garten. Dort sah
ich sie am äußersten Ende stehen. ~Berta~ hatte sich an eine Pappel
gelehnt, rieb sich die Augen mit dem Taschentuche und schluchzte,
schluchzte bitterlich. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Langsam, geräuschlos ging ich zurück zur Mühle, sank auf die Bank und
stützte mich müde an die Lehne.
So viel Elend hat der Berelsvater über sein Haus gebracht.
So unglücklich hat er sein Kind gemacht.
Leise wanderte der Wind in den herbstlichen Bäumen. Bisweilen raschelte
ein Blatt herunter; ein gelbliches, fahles Blatt. Einen Augenblick
wirbelte es in der Herbstsonne, dann sank es tot in den großen Weiher.
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Droben am Wege kamen Schritte.
Ich schaute auf. Heinrich Holmer und seine Frau.
„~Aß d’Berta net hei?~“ fragte die junge Frau sorgenvoll.
„~Dach! D’aß mat ménger Fra e böschen spazéeren.~“ Ich bemühte
mich ruhig zu sprechen.
Wir setzten uns. Ich lenkte das Gespräch auf seinen Bruder und auf
~Mäsch Sisi~. Holmer dankte für meine Bemühungen. Er freute sich,
daß die Sache so weit geregelt war. Schon nach dem Winter sollte die
Hochzeit sein.
Meine Schwägerin trat zu uns. Die Frauen sprachen von der Obsternte und
schritten hinüber in den Garten.
So blieb ich mit Holmer allein.
„~Aß d’Berta wirkléch esoû krank?~“
„~Jô, den Dokter get et verspielt. D’hät nach spétestens bis nôm
Wanter.~“
Eine tiefe Stille. Ein drückendes Schweigen.
Ich atmete beklommen.
„~Nömme bis nôm Wanter~,“ wiederholte ich.