„~Mäja. Desen Dâg verdrét eppes Besseres~!“ Er machte eine kleine
Pause, rührte mit dem Löffel im Kaffee und nippte ein wenig an der
Tasse: „~D’aß méglech, dat den Halleschmöller mat der Joffer nach bis
erân kommen. Setz déng Sondeskuk op. A sef e bößchen fröndlech!~“
Ich war ganz erstaunt. Die Zigarre zitterte ein wenig in meiner
Hand. Eine Blutwelle schoß mir ins Gesicht. „~Dât aß en ofgemâcht
Spîll!~“ sagte ich hastig, gereizt.
Der Oheim schüttelte verneinend den Kopf, lächelte sein gewohntes
Lächeln und ging langsam hinaus.
Also darum war er so freundlich! Darum suchte er mich zurückzuhalten.
Ich legte die Zigarre auf den Aschenbecher und rückte unwillig an
meinem Stuhl. Sollte ich bleiben? Nein, das wäre rücksichtslos gegen
~Berta~. Einen Augenblick trommelte ich aufgeregt auf dem Tische,
rief das Serviermädchen und verlangte meine Rechnung.
Da kamen sie.
Der Halleschmüller schritt gleich auf mich zu: „~Bonjour, Här Welsch!
Hud der èr Geschäfte gemâcht?~“ Ganz freundlich klang seine Frage,
und er drückte mir die Hand.
Ich stammelte etwas von Einkäufen, die ich noch zu besorgen hätte....
„~Jé, jé, setz dech nach e Moment~,“ fiel der Oheim gleich
dazwischen, „~mer gin jo geschwön mat~.“
Das blonde Mädchen schaute mich etwas unglücklich an. Auch ihre hellen,
blonden Augen baten darum.
Es ward mir ungemütlich. Ein Unbehagen ergriff mich, eine nervöse
Erregtheit. Laufende Ameisen, kleine, beißende Ameisen, so glitt es
mir über den Körper....
Nein, das war nicht recht vom Oheim, daß er mich so hintergangen, so
überrumpelt hatte.
Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. Er ließ sich nicht beirren. Und
unbekümmert um meine schlechte Laune schob er mir einen Stuhl hin und
überließ mir die Unterhaltung mit der ~Joffer Ketty~.
„~Dann aß d’Frûcht e bößchen gestiegen?~“ wandte er sich mit
erheucheltem Interesse an den Halleschmüller.
„~Jô, fofzéng Sou om Mâler~,“ sagte derselbe in ruhigem,
geschäftlichem Tone.
So sind sie, diese Leute. Schwindeln von Geschäftsinteressen. Und
kommen mit ganz anderen Absichten....
Nein, so läßt er sich nicht fangen. So nicht.
Das Gespräch stockte.
„~Hud dir vleicht nach Frûcht?~“ fragte der Müller. „~Ech géf
éch e schéne Preîs.~“
Jawohl, ich hatte noch Getreide, noch etwa 13 Malter zu verkaufen. Aber
nicht für den Halleschmüller.
„~Nên~,“ log ich, „~eis aß all verkâft~.“
„~Dât aß schuôd!~“
„~Dêd mer léd~,“ fügte ich gleich hinzu, um nicht unhöflich zu
sein, „~ech hätt éch se soß gär verkâft~.“
Wieder suchte mich der Blick des Mädchens; über ihr weiches Gesicht
huschte ein sanftes Lächeln. Das war Dankbarkeit.
„~Zillt der mé Wês bei éch?~“ fragte sie leise. Eine starke
Erregung bedrückte ihre Stimme.
„~Jô, Joffer. An e bößchen Möschler.~“
„~Kê Kâr?~“
„~Ganz sélen, Joffer.~“
Ein stärkeres Rot stieg ihr in die blühenden Wangen. Und ihre Hand
tastete etwas erregt über den Rand des Tisches.
„~Prost!~“ rief der Oheim und warf mir einen schiefen Blick zu.
Wir stießen an.
Ein paar Mal blinzelte er noch herüber, dann spann er das Gespräch mit
dem Halleschmüller weiter.
Ich drehte verlegen an meinem Glase, ganz so, wie der Oheim es vorher
getan hatte.
„~Dir hud och schons Drechefiderong fir d’Schwein?~“ fragte das
Mädchen weiter.
Ich schaute auf.
„~Gewöß, Joffer. Schon zönter zwê Jôr.~“
„~Gelt, d’aß eppes Guddes?~“ Ihre Stimme klang sicherer, heller,
lebenslustiger.
Erst jetzt musterte ich die ~Joffer Ketty~ genauer. Sie war
wirklich schön, groß, schlank und nett gekleidet. Um den Hals trug sie
ein goldenes Kettchen mit einem kleinen Medaillon. Ganz wie die andern.
Das Gespräch ging weiter. Sie erzählte von ihren Erfahrungen. Und sie
blieb immer die ruhige, ungekünstelte, gleiche Freundlichkeit.
Ich griff bisweilen mit einer Frage ein, weil ich freundlich bleiben
wollte.
Der Oheim bestellte noch eine ~Lanter Grächen. „Dé mecht wârem~,“
bemerkte er schmunzelnd, als er mir eingoß.
Die ~Joffer Ketty~ hielt die Hand über ihr Glas und wollte
abwehren.
„~Jé, jé~,“ bat der Oheim, schob ihre Hand bei Seite und füllte
das Glas. „~Wein brecht d’Eis, Joffer.~“
Sie schmunzelte. Ihre blauen Augen durchsonnten sich.
Wir tranken.
Der Wein goß Feuer in unsere jungen Seelen. Wir wurden immer
redseliger....
„~Dir hud nach evell en dichtigen Diskur~,“ griff ihr Vater in
unser Gespräch ein. Er zog seine Uhr heraus und schaute. Auf seinem
Gesichte lag Befriedigung.
„~Mir musse go’n, Ketty! D’göt Zeit.~“
Der Oheim winkte dem Serviermädchen. Ich wollte zahlen. Auch der
Halleschmüller.
Der Oheim winkte ab. „~Nên, haut aß mein Tour!~“ Er fuhr mit der
Hand über den Tisch: „~Heit, Joffer, mâcht eise Kont. D’aß alles fir
mech!~“
Unter freiem Himmel haben wir Landleute ein freieres Auftreten.
Wir plauderten gemütlicher, ungezwungener.
Ein scharfer Ostwind hatte die Wolken weggefegt. Klar und blau war der
Himmel. Wie ihre Augen.
Der Oheim ging mit dem Halleschmüller voraus. ~Ketty~ und ich
kamen hinterher. So schritten wir langsam die Großstraße hinauf am
Palais vorbei.
Ein Wachtposten Soldaten kam vorüber. Drei stramme Kerle in langen,
schwarzen Mänteln. Auch sie lugten herüber nach der ~Joffer Ketty~
und schmunzelten.
Auf dem Wilhelmsplatz trennten wir uns.
„~Eddé, Här Welsch!~“ sagte sie mit sanfter Stimme. In ihren Augen
lag wieder der aufleuchtende, milde Glanz.
Ich war freundlich zu ihr. Mehr aber auch nicht. Und mehr wollte ich
auch nicht sein.
~Berta~ kann mir keinen Vorwurf machen.
„~Wât sést du nun?~“ meinte der Oheim. „~Gefällt et dir ewell
besser?~“
Ich zog die Schulter. „~Wôufir soll et mir net gefâlen? D’aß en
dichtegt Médchen. D’get eng dichteg Hausfra. Awer d’aß ké Berta!~“
Er wurde ärgerlich.
„~Dû mat déngem Berta!.... Dest aß d’Médchen fir èrt Haus.... An
t’muß an d’Rei go’n.... So dohém, ech kém e Sonndeg. Da schwätze mer
iwert d’Sâch~....“
Er ging und ließ mich allein mit meinen Gedanken.
Zu Hause fand ich wenig Gehör. Ich hätte Unrecht. So meinte der Vater.
So auch sagte die Mutter.
So urteilen alte Leute. Die verstehen nichts mehr von dem Feuer der
ersten Liebe. Das soll man einfach abschütteln, wie man ein Kleid
ablegt.
Wer das kann!
Ich kann das nicht. Und ich will das nicht.
Und ich lasse mich auch nicht verhandeln wie so viele....
Viele werden unglücklich in der Ehe. Ich bedaure die nicht. Sie haben
sich selbst in ihr Unglück treiben lassen.
Es ist ein Fehler der heutigen Welt, daß die jungen Leute nicht mehr
heiraten.
Die meisten werden verheiratet, verhandelt, verkauft.
Sie heiraten einen Hof mit Land und Pferden und Kühen. Die Person ist
Nebensache.
Ich lasse mich nicht verheiraten, nie, nie!
Ich werde heiraten.
Das verstanden meine Eltern nicht.
Weil sie zu alt waren.
So stand ich allein im Kampfe um die Liebe, allein gegen alle.
Am folgenden Sonntag kam etwas ganz Unerwartetes. Ein unglückseliger
Brief.
Erregt öffne ich ihn. Ich schaue, schlage um. Vier lange Seiten in
kleiner, dünner Schrift.
Ich lese... Meine Augen leuchten... Ich lese weiter... Aerger überläuft
mich... Ich fluche... stampfe mit dem Fuß auf den Boden... und atme
schwer...
Ich lege den Brief zusammen, gehe in den Garten, lese noch einmal Wort
für Wort, langsam, bis ich alles gut verstanden habe, bis ich klar in
ihr Herz sehe....
~Berta~, auch mich drückt dein Kummer. Auch ich spüre den Groll,
den dein Vater auf dich häuft....
Aber ich spüre auch deine Liebe.
Diese Liebe willst du opfern; mußt du opfern, schreibst du. Dem Hause
mußt du sie opfern, dem Hausfrieden, deinem Vater....
Diesem Elenden....
~Berta~, verzeihe mir, wenn ich deinem Vater zürne. Verzeihe mir,
wenn ich den hasse, der unser Glück vernichtet....
Verfluchen möchte ich auch den Stadtjunker, diesen gemeinen Menschen.
Der hat gestöbert, geschnüffelt, gehetzt, schreibst du.
Der hat mich angeschwärzt bei deinem Vater, hat sich über mich, über
meine Wirtschaftsweise lustig gemacht, hat mich als einen überspannten
Bauer hingestellt....
Der Elende....
~Berta~, ich teile deinen tiefen Haß. Ich verstehe deine bitteren
Worte, und ich leide mit dir....
Also der hat deinen Vater umgarnt, im Wirtshaus geködert mit Wein und
Kognak, mit hohlen Redensarten....
Der hat uns von einander gerissen, hat alles zertrümmert, was wir in
reiner Liebe so schön aufgebaut hatten. Dieser....!
Und den will dein Vater dir aufbürden gegen deinen Willen, gegen den
Willen deiner Mutter....
Unglückliches Kind!
Ich lese zwischen deinen Zeilen. Und ich sehe deinen Kummer und ich
spüre dein Elend und ich empfinde deine Trostlosigkeit.
Eine Märtyrin bist du, ~Berta~. Und du hast Willensstärke genug,
um den abzuweisen, den dein Vater dir aufbürden will.
Es ist mir eine Genugtuung und eine innere Freude, daß du diesen
abweisest, daß du dein Leben nicht vertrauern willst an der Seite
dieses in öder Schreiberfron und ohne alle Selbständigkeit dienernden
Menschen, der kein Verständnis hat für deinen Wirkungskreis, der dich
nur heiraten will wegen .... wegen deines Geldes....
~Berta~, ich leide mit dir.
Ich leide mit dir, weil ich dich aus tiefstem Herzen liebe und weil ich
dich nicht aus dem Unglücke reißen kann.
Ich leide mit dir, weil ich deine edle Gesinnung sehe.
~Berta~, du bist zu gut! Du bist unendlich unglücklich, und doch
willst du mir zum Lebensglück verhelfen. In diesem Briefe deines
tiefsten Jammers schreibst du mir süße Worte von ~Hallesch Ketty~,
deiner Freundin.
~Ketty~ ist deine Jugendfreundin, deine Kameradin aus der
Haushaltungsschule, deine Herzensfreundin, ein gutes, braves Mädchen.
~Ketty~ würde eine tüchtige, fleißige Hausfrau, meinst du.
~Ketty~ würde mich sicherlich glücklich machen.
Du willst leiden und sterben, aber du willst, daß ich glücklich werde!
~Berta~, du bist edel und erhaben über viele, erhaben über alle.
Könnte ich mit dir den Weg durchs Leben gehen.... könnte ich.... könnte
ich!....
Ich drücke den Brief fest in die Hand, lehne mich an die Mauer,
schließe die Augen.
Und ich stehe da wie vor einem Sarge, der etwas verschließt, was mir
teuer war -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Ich öffne noch einmal den Brief, lese noch einmal die letzten Worte:
„.... und mit jedem Tag spüre ich mehr, daß der Schmerz um Liebe
unheilbar ist. Und doch müssen wir uns zu vergessen suchen, als ob wir
uns nie gesehen, nie gekannt hätten. Werden Sie glücklich!
~Berta Berels.~“
Unleserlich steht der Name unter dem Briefe. Etwas verwischt. Die Tinte
auseinandergelaufen. Dahin war wohl eine Träne gefallen....
Eine Träne der Liebe.