Drüben auf der Neutorstraße spielte wieder die Drehorgel wie damals:
„Jeder Druck der Hände deutlich mir’s beschrieb,
Und der sagt, s’ist wahr, s’ist wahr, ich hab Dich lieb!“
Verwirrt schaute ich an ~Holmers~ Schulter vorbei hinüber nach der
Straße. Und meine Gedanken flogen mit den Tönen fort, weit fort....
„~Zönter dèr Zeit aß eist Haus wé op d’Kopp gekéert~,“ unterbrach
~Holmer~ meine Träumerei.
Ich fuhr mit der Hand übers Gesicht, als wollte ich traurige Gedanken
wegwischen, und blickte ihn zerstreut an.
„~Soll dann neischt mé ze mâchen sinn?~“
~Holmer~ schüttelte den Kopf. In seinen Augen las ich Trauer und
Teilnahme an meinem Kummer.
„~Schwéerlech!~“
Langsam gingen wir zwischen den kahlen Bäumen weiter.
~Holmer~ fuchtelte nachlässig mit dem Stocke durch den Schnee.
„~D’wor alles esoû fein. Dir hât dem Berta gleich esoû gutt gefall.
An der Mamm och~.... ~Awer~....“
Er vollendete den Satz nicht. Und er fuchtelte zerstreut mit dem Stock
weiter, als wollte er den halbausgesprochenen Gedanken abhauen.
„~Jo, awer?~“ fragte ich erregt.
„.... ~awer d’aß neischt ze mâchen. Mei Schwéerpapp aß ganz dergént.
Dém aß neischt auszechwätzen.~“
Fröstelnd lief es mir über den Rücken. Ich fühlte mich bedrückt,
beklommen. Und eine plötzliche Erregung, die vom Herzen, von der Brust
ausging, trieb mir den Schweiß auf die Stirne.
„~Neischt?~“ Eine unendliche Trauer lag in meiner Frage.
~Holmer~ schüttelte wieder den Kopf. „~Nê, Frönd, neischt!~“
Und er erzählte mir, wie sich der Schwiegervater in der letzten
Zeit geändert hatte. Sonst hätte er nie ein Glas zu viel getrunken.
Aber seit dem letzten Markttage wäre er schon öfters betrunken und
schlechter Laune nach Hause gekommen. Dann hätte er in einem fort wegen
dieser Freierei geschimpft. Und über alle wäre er hergefallen, und
~Berta~ hätte es kaum im Hause aushalten können. Meistens wäre
sie fortgeschlichen und hätte sich dann heimlich ausgeweint.
„~Dât âremt Kand!~“ Mir war das Herz wie zugeschnürt.
Eine Weile gingen wir schweigsam neben einander.
„~Soll vleicht ê mech ugeschwärtzt hun?~“
~Holmer~ runzelte die Stirne: „~D’aß méglech!~“
Eine lange Pause folgte. Ich strich mit der Hand über die feuchte
Stirne.
„~Soll den Halleschmöller mech vleicht ugeschwärzt hun?~“
~Holmer~ verneinte dies.
Dann erzählte ich von meiner Begegnung mit dem Halleschmüller und
seiner Tochter.
~Holmer~ lauschte ruhig. „~Nên~,“ fügte er hinzu, „~dât sen
gutt Leit. An Hallesch Ketty aß och e séer gutt Médchen~....“
Wieder stockte das Gespräch.
„~Nên, d’Halleschleit sin éerlech a brav. Dé hun net gestöppelt. Awer
t’könt an de lèschte Wochen e jonge Borscht aus der Stâd. Dén hoût
mei Schwéerpapp gestöppelt. Hé wèrd schons um Hypothékenamt an nach
soss nogefrot hun, wé et bei eis mam Mommes stêt. Dé wöllt ech d’Berta
wegschwätzen, an~....“
„~Dén niderträchtegen Kérel!~“
„.... ~an dén wöllt sech nach iwert èrt Bauerewésen an èr Wandmillen
löschteg mâchen.~“
„~Dén niderträchtegen Hond! Mä dé kritt et awer sénger Léwen
net!~“ Ich fuhr mit dem Arm durch die Luft, als wollte ich zwischen
dem und mir eine große Scheidewand aufrichten.
„~Nên, hién kritt et net. Duôfir suôrgt séng Mamm. An d’Berta wöllt
dé Wandjang och nie!~“
Ich atmete etwas erleichtert auf.
~Hollmer~ wollte sich verabschieden.
„~Hoûlt dem Berta a sénger Mamm e schéne Bonjour mat. A sot hinnen,
ech bléf him trei. An ech géf nach e ganzt Johr wârden, wann et mißt
sin.~“
Der Eidam drückte mir die Hand. „~Frönd, wann d’Berta nach e Johr
esoû eng Hell wé elo bei séngem Papp aushâlen muß, dann drôen mer et op
de Kîrféch.~“
Drüben in der Straße spielte der Orgelmann eine kummervolle Weise.
Ich war müde. Und ich spürte ein Stechen in den Hüften, wie nach einem
langen, arbeitsschweren Tage.
Ein starker Wind wehte herüber, riß die Töne mit sich fort und trug sie
in die leeren Baumkronen. Und die Bäume wiegten sich traurig hin und
her und klagten leise.
Ein Schneeschauer ging über den Park. Wie kleine, weiße Schmetterlinge
tanzten die Flocken um die stillen Bäume und sanken tot zur Erde.
Langsam ging ich hinunter zum „~Wintersdorf~“. Allerlei Gedanken
stürmten auf mich ein, gingen wirr durcheinander wie die Schneeflocken,
blieben unklar und erstarben.
Ich fand den Oheim allein an einem Tische über eine Zeitung gebückt.
Er legte das Blatt bei Seite und rückte mir einen Stuhl zurecht.
„~Komm, setz dech!~... ~Hoûs du der d’Sâch iwerluôgt?~“
Und gleich redete er von der ausgezeichneten Partie, von den tüchtigen
Halleschleuten und dem guten Mädchen. Dabei blieb er ganz ruhig und
sprach nur halblaut, wie zu sich selbst, ohne die Pfeife aus dem Munde
zu nehmen.