~Johann Baptist Berels~.
Stürmisch peitschte der Wind nassen Schnee gegen die Fenster.
Im Zimmer war es einen Augenblick still.
Schwermütig tickte die alte Wanduhr.
„~Wèrd woûl ên eppes gént eis geschriewen hun!~“ sagte der Vater
mit ziemlicher Ruhe. Er verstand es sich zu beherrschen.
Die Mutter sah mich groß, fragend an.
„~Wât mengst du, Jämpé?~“
Was sollte ich meinen?... Mir war es elend und erbärmlich... Die ganze
Welt hätte ich in Stücke schlagen können...
Ich ging hinaus in den Stall zu den Knechten. Die waren mit Ausmisten
beschäftigt. Ich musterte die Arbeit und schimpfte. Ich fand den Dünger
schlecht ausgebreitet. Und die Türe der Ställe stand zu groß auf. Das
gäbe Zugluft, schimpfte ich. Darüber wetterte ich aus voller Lunge.
Die Knechte sagten nichts, stießen die Türe zu und arbeiteten weiter
wie Tiere.
Nachmittags gingen wir in den Wald. Dort fällten wir Bäume, bis der
Abend kam.
Wald, Einsamkeit, Kälte, harte Arbeit, das alles brauchte ich.
So starb der unselige Tag dahin.
So kam der Abend.
Ich haßte diesen Abend. Weil wieder von dem Briefe gesprochen wurde.
Weil ich nichts für das Herzeleid meiner Eltern hatte, keinen Trost,
keine Aussicht.
Eltern denken mehr an unsere Zukunft als wir.
Dieser verfluchte Brief!
Warum hat der Berelsvater den geschrieben? Warum?
Die Mutter saß am Tisch über dem Nähzeug gebückt. Schweigend reihte
sie einen Stich an den andern. Und mit jedem Stich reihte sie einen
schmerzlichen Gedanken zum andern.
Der Vater sog mißgestimmt an der Pfeife.
Schwermütig schleppte sich das Gespräch durch die Abendstunden.
Schwermütig tickte die Uhr.
Schwermütig rasselte der Wind.
Ich trug in die Buchführung ein, um eine Beschäftigung zu haben. Und
ich blätterte rückwärts, vorwärts, stellte Konten auf, erdrosselte den
Abend.
Ich ging bald schlafen, früher als sonst.
Lange stand ich noch am Fenster und schaute hinunter in das winterliche
Alzettetal.
Warum schrieben sie diesen Brief? Warum?
Es kam eine stürmische Nacht, ohne Sterne, ohne Mond.
Dunkel war es draußen und dunkel in meinem Herzen.
Ich schlief schlecht.
Wirre Träume jagten mir durch den Kopf. Träume von Liebe und Glück. Ich
wachte auf. Die Bilder zerbrachen. Andere folgten. Zerbrochene....
„~Berta! Berta!~“ Wir haben uns doch so lieb!
Warum dieser Brief? Warum?....
Sonst freute ich mich immer auf den Sonntag.
Heute haßte ich ihn. Weil er mir zu viel Zeit zum Nachgrübeln brachte.
Lange Stunden, die ich nicht in Arbeit ersticken konnte.
Ich war aufgeregt, streitsüchtig. Das machte die schlechte Laune. Die
mußten die Knechte austrinken. Bei der Morgenfütterung blieb ich in den
Ställen, bis sie mit der Arbeit fertig waren.
Als ich zur Kirche ging, hatte es schon abgeläutet. Ich kam später als
sonst. Keinen Kameraden wollte ich treffen. Keinen Menschen wollte ich
lachen sehen.
Neben mir, in der zweiten Reihe, saßen ~Mäsch Sisi~ und ~Wônesch
Henriette~.
Als ich nach ihnen umschaute, gingen meine Gedanken weit fort, über den
Grünewald, hinüber ins Syrtal.
Nein, wie ~Berta~, gab es kein zweites Mädchen. Wie ein blankes
Goldstück unter altem Kupfergeld, so stach ~Berta~ unter allen
hervor....
Der Pfarrer stieg auf die Kanzel.
Der Gesang verstummte.
Die Männer murmelten mit tiefer Stimme:
„Unser tägliches Brot gib uns heute!“
„Unser tägliches Brot....“
Ich stand da, murmelte mit und grämte mich....
Nicht vom Brote allein lebt der Mensch....
„Vergib uns unsere Schuld!“
War es meine Schuld?....
War ich schuldig?....
Ich sann, sann....
Der Pfarrer verlas das Evangelium.
Ich schenkte ihm wenig Beachtung, ich grübelte weiter, sann,
suchte...., bis auf einmal das Geräusch mich aufrüttelte....
Wir setzten uns....
In den Stühlen ward es ruhig. Das Husten ließ nach, schwieg. Man
fühlte, wie die Leute aufmerksam wurden.
Der Pfarrer sprach mit schöner, voller Stimme, mit heiligem Feuer, mit
himmlischer Begeisterung.
Es ging eine Kraft von ihm aus, die alle erfaßte. Und sie saßen da,
gespannt, hingerissen.
In mir war Trauer....
Ich war ohne Trost, ohne Hoffnung seit diesem verfluchten Brief.
Was konnten die schönen Verheißungen des Pfarrers nutzen? All die
großen Seligkeiten, die er versprach, was konnten die mir helfen?
Verlorene Liebe ist doch immer verlorener Glaube....
Seine Stimme wuchs. Und sie beherrschte die ganze Kirche. „Arbeiten und
hoffen und nie verzweifeln!“ In seinen Worten lag Klang, metallischer,
alles überwältigender Klang.
In mir blieb Trauer....
„Wirken müssen wir, so lange es Tag ist. Wirken und hoffen und nie
verzweifeln.“
Er liebte es, seine Predigt an Naturbilder des Tages anzuknüpfen. In
feierlichem Tone sprach er von der winterlichen Erde, die unter Schnee
und Eis erstorben ist und von der trauernden, kränkelnden Sonne, die
über uns steht, matt und altersschwach, wie eine Sterbende.
„Sollen wir verzweifeln! Sollen wir nicht mehr auf einen neuen Frühling
hoffen!“
Dann redete er von Job und seinem Elende und seiner Ergebung. Und er
feierte Job’s Vertrauen und Job’s Belohnung.
„Darum glaubet, darum hoffet, darum liebet wie Job!“ Seine Stimme klang
prophetisch, versprechend, gnadenspendend.
Wie Weihwasser, wie segnendes Weihwasser flutete sein Schlußsatz:
„Des Glaubens Stärke ist die Hoffnung! Des Glaubens Krone ist die
Liebe! Und keine Seele, die liebet, verzweifelt an göttlicher Liebe!
Amen....“
Der Chor stimmte ein Adventslied an....
Es liegt eine unendliche Sehnsucht in den Adventsliedern, eine
Sehnsucht nach einem fernen Glück....
Dieser Sehnsucht gingen meine Gedanken nach.... Sie suchten nach
freudiger Erfüllung. Aber sie fanden keinen Weg.
Die Kerzen brannten, schimmerten. Der Weihrauch stieg empor, erfüllte
die Kirche mit weihevollem Duft. Ein Sonnenstrahl drang durch die hohen
Fenster und malte rote, grüne und blaue Flecken an die Wand....
Meine Gedanken hingen sich an dieses Durcheinander, flogen hinaus durch
die bunten Fenster und suchten nach Licht und Wärme....
Eine quälende Sehnsucht trieb mich immer wieder zu der, auf die ich
meine Zukunft aufgebaut hatte.
„Dem Job gab der Herr alles wieder. All seine Kamele und Esel und
Rinder gab er ihm wieder. In doppelter Zahl schenkte ihm der Herr
alles, weil Job geglaubt und gehofft hatte.“ So hatte der Pfarrer
gepredigt.
Warum sollte ich nicht hoffen? Warum?
Meine Gedanken sammelten sich. Ich wurde ruhiger.
Warum sollte ich nicht hoffen? Wer ist gegen mich? -- Nur der
Berelsvater. Nur der.
Und wer ist für mich? -- ~Berta~. Und die Mutter. Und die
Schwester. Und der Eidam. Die alle, alle Vier. Nur einer nicht.
Also brauchte ich nicht zu verzagen.
Dieser lumpige Brief kann doch nicht mein Glück zerstören, kann doch
nicht die Entscheidung bringen.
So grübelte ich, als ich heimging.
Ich schloß mich keinem an. Ich wollte allein bleiben mit meinen
Gedanken.
~Henriette~ schielte nach mir herüber. Ich sah nicht nach ihr.
Die konnte mich nicht glücklich machen, die nicht.
Nur die eine! Nur die eine!....
Im Schnee pipste ein Distelfink. Zwei Schritte vor mir hüpfte er,
streckte das Köpfchen zutraulich zur Seite und suchte nach Nahrung.
Dann flog er zu dem alten, kahlen Birnbaum. Dort stand noch sein Nest
vom letzten Jahr.
Das war verschneit, zerfallen.
Auch er hofft auf den Frühling, auf Sonne und Glück....
„~Hé, Här Welsch!~“
Ich wandte mich rasch um. Wer rief?
Unten kam der Briefträger.
„~Houd der eppes?~“
„~Ei, natirlech!~“
Er lachte. „~E Bréf mat enger feiner Schröft. D’Freiesch werd éch
woûl geschriewen hun.~“
„~Merci!~“
Von ~Berta~. Ich erkannte sofort die Schrift. Ein plötzliches Rot
überflog mein Gesicht. Als wäre ich auf einer bösen Tat ertappt worden,
so wurde mir.
Ich riß den Brief auf.... Mein Herz klopfte....
Ich las:
Mein lieber Herr ~Welsch~!
Ich schreibe Ihnen heimlich, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie immer
herzlich liebe und ich sehr bedaure, daß mein Vater gegen unsern
Willen gestern den Brief an Sie....
Warm sandte die Sonne ihre Strahlen auf die kalte Erde. Oben im Baum
trillerte der Fink wie im Frühjahr.
Mir war, als hätte ich eine schwere Last abgeworfen.
Ich las den Brief noch einmal....
Und ich faßte ihn fester, aus Furcht, ich könnte ihn verlieren....
Der Pfarrer hatte Recht.
Hoffen! Hoffen! Und nie verzweifeln!
~Berta~, ich hoffe auf dich! ~Berta~, ich liebe dich. Dich
allein, einzig und immer und ewig....
Dieser Tag mußte kommen, mußte kommen .....................
~Berta!~ Könnten wir uns jetzt sehen!
Dann würde ich einen Kuß auf deinen rosigen Mund drücken und wir würden
„Du“ zu einander sagen. Denn wir gehören zusammen. Und wir müssen uns
finden, müssen, müssen.
Heimlich hast du mir geschrieben, heimlich, aus Sehnsucht, aus Liebe.
Dein Vater weiß nichts von deinem Brief, darf auch nichts davon wissen.
Du hast mir das Herz erleichtert und du hast mir Hoffnung und
Zuversicht gegeben. Weil du mir schreibst, daß deine Mutter und deine
Schwester von deinem Briefe wissen. Und weil sie auf unserer Seite
stehen, gegen den Vater.
Wir siegen, schreibst du; der Vater muß in einigen Monaten einwilligen,
muß.
Wie schön ist deine Zuversicht, ~Berta~, wie schön und tröstlich!
Gerade so groß ist meine Liebe.
Einen Besuch soll ich einstweilen nicht machen. Weil ich hierdurch
deinen Vater nicht besser stimmen würde. Und weil du meinen letzten
Besuch bis jetzt nicht erwidern konntest.
Meine liebe ~Berta~! Ich füge mich deinem Rate, weil ich Vertrauen
in dich habe.
Aber, wenn es sein müßte, würde ich tausendmal zu dir kommen.
Tausendmal würde ich den Weg zu Fuß machen, wenn ich dich damit erobern
könnte.
~Berta~, ich füge mich, weil dein Vorschlag in mir neue Hoffnung
weckt. Denn du schreibst, daß du mich auf dem Neumarkt[A] in Luxemburg
wiedersehen willst, um mir noch vieles zu sagen, um mir dein Herz
auszuschütten.
Bis dahin sind es noch dreiundzwanzig Tage. Aber ich warte. Weil du es
willst...
Etwas hast du mir nicht geschrieben. Warum ist dein Vater gegen mich,
gegen uns? Warum?....
[A] „Neumarkt“ ist der erste Jahrmarkt im Monat Januar.
Eine Erlösung brachte der Brief in unser Haus. Und eine erlösende
Freude legte sich auf die alternden, still leidenden Herzen meiner
Eltern, wie heilendes Oel auf eine schmerzende Brandwunde.
Einen Korb hatte ich nicht bekommen. Das war ihnen ein Trost.
Als die Mutter den Brief las, traten ihr Tränen in die Augen. Es
war ihr eine große Genugtuung, daß dieser Brief auf den des alten
Berelsvaters gefolgt war.
Der Vater verstand es, sich zu beherrschen.
„~D’aß e sonderbare Bréf~,“ meinte er, „~d’Médchen schéngt ganz
an dech verschossen ze sin~.“
Er schüttelte den Kopf und lachte.
„~An d’Mamm schéngt jo och ganz derfir ze sin~,“ ergänzte die
Mutter. „~Ower wofir aß de Papp dergént? Wofir?~“
Die Sonne lächelte durchs Fenster und streute Gold über den Tisch und
auf den Brief.
Bisweilen schleppte sich eine Schneewolke über die Sonne und stahl das
Gold.
Ja, warum ist der Berelsvater dagegen? Ich wußte es nicht. Ich konnte
mir es nicht erklären.
„Alte Leute sind oft eigensinnig,“ meinte der Vater.
„... und kneckig,“ ergänzte die Mutter.
Ja, kneckig ist der Berelsvater. Das hatte ich bei meinen Besuchen
überall gemerkt. Das hatte auch der Eidam gesagt.
Die Schatten huschten vorüber. Hell schimmerte die Sonne.
Der Vater erzählte von den alten, kneckigen Bauern.... Die möchten oft
gern die Kinder verheiraten, wenn sie ihnen nichts mitzugeben brauchten.
Sie bretzen sich mit dem ~Helligsgut~. Und wenn sie damit
herausrücken sollen, winden sie sich wie ein Wurm, auf den man tritt.
Zu der Sorte gehörte vielleicht auch der Berelsvater.