„~Wât do ze mâchen aß~,“ griff meine Mutter schnell ins Gespräch
ein, „~mä, dât aß einfach. Dei Mononk muß emol mat dène Leiden iwer
dé Sâch schwetzen~.“
Das war das Richtigste. Ich schrieb gleich dem Oheim und lud ihn zu
Weihnachten auf ein Stück „~Gesolpertes~“ ein. Er müsse bestimmt
kommen. Wir hätten Wichtiges zu besprechen.
Den Berelsleuten bedauerte ich, daß das schlechte Wetter den Besuch
unmöglich gemacht habe, und drückte den Wunsch aus, sie an einem der
kommenden Sonntage erwarten zu können.
So gefiel der Brief meinem Vater. Es war nichts zu viel darin. Darunter
setzte ich freundliche Grüße von uns allen an die Berelsleute und ganz
besonders an ~Berta~ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Dann trug ich die beiden Briefe hinunter in den Kasten an der Schule.
~A Mäsch~, neben der Kirche, stand ~d’Sisi~ auf der Haustüre,
die Hände unter die Schürze vergraben.
Ich grüßte.
„~Jämp, héerst du se sangen?~“
Ich lauschte.
„~Jô, Sisi!~“
„~D’sin d’Amerikaner. Sie hun haut d’Karte krit, fir ze foûren. Den
éschte Februar gêht d’Schöff zu Antwerpen fort~,“ sagte sie mit
trauriger Stimme.
„~Soû! Schon den éschte Februar?~“
Wir lauschten.
Traurig, schwermütig klangen die Abschiedslieder in den stillen Abend.
Einen Augenblick verstummte der Gesang. Die Harmonika stimmte eine
neue Weise an, ein neues Lied von unglücklicher Liebe, von unerfüllter
Sehnsucht, von trauriger Verlassenheit.
~Sisi~ stand dicht neben mir. Wir sprachen kein Wort und horchten.
~Sisi~ atmete schwer.
Traurig klang die Weise:
„Hab geliebt dich ohne Ende,
Hab dir nichts zu Leid getan,
Und du drückst mir stumm die Hände
Und du fängst zu weinen an.
Ach weine nicht.... Und geh nicht fort....“
~Sisi~ hatte meine Hand ergriffen und schluchzte.
„~Jämpé, solle mer mat sangen?~“ Sie lehnte sich an mich und
weinte....
„~Sisi! Wât aß dir?~“ Ich drückte ihr fest die Hand und ging
hinunter zu den Kameraden. Was hat heute eigentlich die ~Sisi~?
Was hat sie? -- -- -- -- -- -- -- --
Lange saß ich bei den Kameraden.
Bisweilen blickte ich hinüber nach dem ~Mäsch~-Hause. ~Sisi~
stand noch immer auf der Türe. Was die ~Sisi~ heute hatte....
Am nächsten Tage fuhr ich den Weizen zum Bahnhof.
Ich ließ gleich nach Mittag anspannen, um mit der Nacht wieder zu Hause
zu sein.
Fast geräuschlos rollte der Wagen über den verschneiten Weg.
Als ich bei ~Mäsch~ vorbeifuhr, stand ~Sisi~ auf der
Haustüre, die Schürze zu einer Schoßtasche zusammengeschlagen. Sie
streute Brotkrümchen und Tischreste in den Hof. Spatzen, Goldammern und
Finken flogen heran und flatterten herum bis dicht an ~Sisi~, ohne
Furcht.
Ich blickte hinüber.
„~Moûrgen Sisi! Wé gêt et?~“
Sie schüttelte den Kopf und kam herüber durch den Hof bis an die Straße.
„~Bast de bés, Sisi?~“
„~Jo--o! Iwer dech!~“
„~Oho--o!~“ Ich schaute ihr forschend in die Augen.
„~Du brauchs net esoû ze kuken. Zönter der Kirmes wölls du mech jo
net mé gesinn.~“
„~Zönter der Kirmes!~“ Ich war ganz verwundert.
„~Jô, zönter der Kirmes!~“ Ich hörte ihren tiefen Atem. Sie sprach
schnell, aufgeregt, mit hoher Stimme. „~De lèschte Sonndég, no der
Maß, baß du lanscht mech gedauscht. An e Méndeg den Owend hâst du
knapps Zeit mat mir ze schwetzen.~“
Ein Zucken ging um ihren Mund.
Ich rieb mir die kalten Hände, in leichter Befangenheit.
„~Sisi, sef dach kê Kand!~“
Ich ließ die Peitsche knallen. Die Pferde zogen kräftig an. Der Wagen
rollte weiter, über die Schneestraße am ~Mäsch~-Hause vorbei,
hinunter in das weite, tote Tal.
Auf den hohen Pappeln saßen ein paar Krähen. Sie schielten hinauf nach
dem grauen Winterhimmel, hinunter auf die schneebedeckten Wiesen,
hinüber in den öden, toten Wald.
Als ich näher kam, flogen sie krächzend fort. Und sie riefen einander
heisere Worte zu von Elend und Kummer....
Der Abend kam früher als sonst.
Als ich das Dorf erreichte, lag schon mattes, rotes Licht hinter den
halbverhüllten Fenstern. Dort sah man die gekochten Kartoffeln dampfen.
Es roch angenehm nach ~Grévefett~.
Was die ~Sisi~ wohl jetzt machte?
Ich blickte hinüber. Im Hof war kein Mensch. In der Küche war Licht.
Und aus den Ställen klang dünn, klagend ein Lied:
„Der Mensch soll nicht lieben, wenn’s Ernst ihm nicht ist,
Denn schwer ist zu heilen, was Liebesgram frißt....“
Wie die ~Sisi~ das so traurig sang.
Traurig wirkt ein solches Lied aus einem jungen Munde.
Ich knallte mit der Peitsche; der Wagen rollte geräuschvoll weiter.
Aber immer noch klagte das Lied:
„Gar mancher hat gebrochen ein Herz lieb und wert,
Das endlich erst Ruhe fand, tief unter der Erd.
Das endlich erst Ruhe fand....“
* * * * *
Der Wagen rollte weiter. Das Lied verstummte....
Nach dem Essen trug ich in die Buchführungshefte ein. Ich stellte die
Konten für die Knechte, Tagelöhner und die Handwerker auf.
Immer wieder klang mir die Melodie von ~Sisi’s~ Lied im Kopf. Und
immer wieder dachte ich an die ernsten Worte der schwermütigen Weise.
Eine Ermüdung kam über mich, wie nach einer langen Anstrengung.
Ja, die ~Sisi~ hatte ich früher geliebt, in reiner, ernster
Absicht, mit treuer Liebe.
Ich hing diesen Gedanken nach. Die flogen rückwärts, acht Jahre, zu
meiner ersten Liebe.
An einem schönen Sonntagabend war es, Ende Mai. Wir kamen vom letzten
Abendzuge. Die Bäume standen in der Blüte. Die Feldgrillen zirpten. Und
die Luft war durchsetzt vom süßen Hauch der Frühlingsblumen....
~Sisi~ und ich kamen zuletzt. Einen Steinwurf vor uns gingen
die andern, ~Sisi’s~ Eltern und mein Vater. Sie diskutierten
über landwirtschaftliche Fragen, über den Stand der Saaten und die
Geldaussichten des Jahres.
Wir blickten weiter, viel weiter in die Zukunft. Die schien uns schön,
wie der Abend, wie unsere Jugend.
Ich nahm ~Sisi~ leise bei der Hand und schritt mit ihr glücklich
durch die schöne Frühlingsnacht.
Beim alten Birnbaum vor dem Dorfe zog ich sie fest an mich und gab ihr
einen Kuß, einen langen Kuß....
Es war unser erster Kuß.
Die Bäume dufteten. Ein frischer Wind strich leise durch die Kronen und
schüttelte Blüten auf uns. Weiße Blüten.
Damals hatte ich ~Sisi~ ein silbernes Herzchen versprochen.
Am folgenden Sonntag war ich nach Mersch gefahren. Irgend einen Grund
hatte ich meinen Eltern angegeben. Und ich kaufte ein silbernes
Herzchen mit einer silbernen Kette. Fünf Franken und acht Sous hatte es
mich gekostet, fast den ganzen Bestand meiner Barschaft.
Um Abend, vor der Andacht, suchte ich ~Sisi~ auf. Ich traf sie im
Stalle, ganz allein. Schüchtern legte ich ihr das dünne Kettchen mit
dem silbernen Herzchen um den Hals. Hastig, aufgeregt, fürchtend, es
könnte jemand uns sehen.
Und am folgenden Tage, als ich das Vieh zur Weide trieb, schnitt
ich ein Herz mit einem ~S~ und einem ~J~ in die Rinde der
Grenzbuche.
So war unser Bündnis besiegelt....
„~Drêmst de?~“ Meine Mutter blickte von der Handarbeit herüber.
„~Nê, Mamm! Ech iwerléen, wé mer eis Buchführung am nächste Johr nach
besser mâche können~.“
„~Esoû!~“ Sie ließ mich weiter träumen.
.... So war unser Bündnis besiegelt.
Seit dem Tage traf ich die ~Sisi~ oft. Fast täglich.
Unsere Eltern sahen es gern und waren ganz damit einverstanden.
Dann kam der Tod im vorletzten Winter. Der riß ~Sisi’s~ einzigen
Bruder hinweg, im Alter von 25 Jahren.
Nun war ~Sisi~ einzige Tochter.... Sie mußte in ihr Elternhaus
einheiraten.
Ich aber konnte nicht fort von Hause, weil meine beiden Schwestern
ausverheiratet waren.
So wurden meine Pläne vernichtet. Ich trug meine Hoffnungen zu Grabe.
Aber ich fügte mich in das Schicksal. Wir sahen uns trotzdem noch oft;
denn ~Sisi~ war ein gutes Mädchen.
Ich hatte sie wirklich vernachlässigt, seit unserer letzten Kirmes. Das
merkte ich jetzt.
Aber daß ~Sisi~ meinte, wir könnten uns heiraten, war mir ganz
unverständlich.
Das war doch unmöglich, ganz unmöglich, seit dem Tode ihres Bruders.
Wie konnte ~Sisi~ dieser Hoffnung immer noch nachhängen?....
„~Wé aß et mat der Schloßrechnong vum Jôr?~“ Der Vater blickte
über die Zeitung. „~Bast de bâl ferdig mat denger Buchführung?~“
„~Nach net, Papp!~“
Jahresabschlußrechnung....
Auch mit ~Sisi~ muß ich jetzt abschließen....
Sie muß doch wissen, daß wir uns nicht heiraten können.
Ich kann doch nicht von unserm Hof fortgehen....
Und ~Sisi~ will ja auch ihr Elternhaus nicht verlassen.
Ich muß mit ihr sprechen, muß ihr die Sache klar machen. Dann ziehen
wir einen Strich durch die ganze Rechnung. Und damit Punktum....
Die ~Sisi~ kann mir doch keinen Vorwurf machen....
In meinem Kopfe klang immer wieder das traurige Lied von der
unglücklichen Liebe.
Nein, die ~Sisi~ kann mir keinen Vorwurf machen, kann nicht.
„Man liebt auch Mädchen bei frohen Zeiten“.... das soll sie auch mal
singen. So hatten wir ja noch auf der letzten Kirmes gesungen....
An den folgenden Tagen hatten wir in der Scheune zu tun.
Nachmittags schroteten wir auf Vorrat für die Christtage, bis es Zeit
zur Abendfütterung wurde.
Das war die Stunde, wo ~Sisi~ gestern so traurig gesungen hatte.
Ich wurde unruhig.
Es hielt mich nicht mehr länger in unserm Hause....
Ich will mit dem Mädchen sprechen. ~Sisi~ muß sich den dummen
Gedanken aus dem Kopfe schlagen.
Wenn ich jetzt hinuntergehe, treffe ich ~Sisi~ vielleicht allein.
Ihr Vater wird wohl noch nicht von seiner Reise zurück sein.
Ich gehe jetzt, jetzt gleich. Eine gute Ursache habe ich, um in
ihr Haus zu kommen. Ich frage nach der Arnikaflasche, die ich dem
Mäschvater vor acht Tagen geliehen hatte, um der ~Bleß~ die
eiternde Wunde am Fuße zu heilen.
Ich ging hinunter....
Aus dem Stalle klagte wieder das schwermütige Lied. Ich trat in die
Küche. Kein Mensch. Die Lampe wachte allein bei der Kochmaschine. Dort
brodelten die Kartoffeln. Ich schritt leise durch den Gang in den
Stall.
„~Jesses, baß dû dât!~“ Sisi war erschrocken.
„~Jô, Sisi! A wé gêt et mat der Koû?~“
„~Gut, Jêmp!~“
„~Dât frèt mech. Dann hoût d’Möttel awer geholef?~“
„~Jô, Jêmp! d’aß e séer gut Möttel!~“
Ich trat heran an die schöne, schwarzweiße Kuh, streichelte über den
glatten, geraden Rücken und besah den Fuß. „~D’aß ganz hêl.~“ Dann
erzählte ich von unserm alten ~Fox~, der sich am ~Kéler~ wund
gerieben hatte, und bei dem ich jetzt die Flasche brauchte.
~Sisi~ war vom Stuhl aufgestanden und hatte den Milcheimer in die
Mitte des Ganges gestellt.
Ich hustete ein paarmal. Einen Augenblick war es ruhig. Man hörte das
Reiben der kauenden Kühe.
Dann kam ich auf die eigentliche Ursache meines Besuches.
~Sisi~ stand dicht neben mir und schaute mich groß an. Sie ließ
mich aussprechen.
Noch nie war sie mir so tüchtig vorgekommen, wie an diesem Abend.
Sie schien gefaßt, sehr ruhig. Nur ihr Atem ging schwerer und stärker
als sonst.
„~Nê, Jämp, kên âneren! A wann ech och eng âl Joffer mîßt gin. An
t’brauch kên mir en âneren ze bréngen. Meî Papp net, a kê Mensch!~“
Das Weinen war ihr nahe. Müde lehnte sie sich an den eisernen Träger.
Ein tiefer Seufzer straffte die flanellene Bluse.
„~Sisi, sef dach verstäneg! Dû muß dach âgesinn, dat et net ka
sinn!~“
Sie schwieg und schaute mich groß, sehnsüchtig an.
Dann griff sie an den Hals und zog unter der Wolljacke ein dünnes
Kettchen hervor: „~Kennst et nach?~“
Am Kettchen hing das silberne Herzchen.
„~Zönter dêr Zeit hun ech et nach ömmer gedrô’en.~“
In ihren Augen lag ein feuchter Glanz. Eine lange Pause folgte. Eine
große, andächtige Stille. Wir atmeten tief in dieser wehen und doch so
schönen Erinnerung...
~Sisi~ lehnte den Kopf an meine Schulter, schloß halb die Augen und
erzählte mit flüsternder, schluchzender Stimme, wie das Herzchen ihr
stets ein Unterpfand unserer Liebe gewesen. Und wie treu und aufrichtig
und ergeben sie mich liebte. Nur mich, mich allein. Und daß sie alles
für mich täte, alles....
Ihre Stimme klang klagend, flehend. Die Aufregung machte ihr das Atmen
schwer und hatte ihre jugendlichen Wangen rot gefärbt.
Ich ergriff ihre Hand. ~Sisi~ ließ es ruhig geschehen. Ich hielt die
warme Mädchenhand in der meinen wie etwas Liebes, das man nur gezwungen
fortgibt.
„~Sisi, mer gin dach net bés ausenâner?~“
Eine Träne leuchtete in den blauen Augen, perlte über die roten Wangen
und fiel brennend auf meine Hand.
Ganz leise weinte sie vor sich hin -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- --
Aus der Küche kamen Tritte.
„~Meng Mamm!~“ ~Sisi~ fuhr erschrocken auf und hielt erregt
den Atem an.
„~Meng Mamm!~“
Hastig fuhr sie mit der Schürze über das Gesicht, trocknete die Tränen,
ergriff den Eimer und den Melkstuhl und setzte sich zu einer Kuh, das
Gesicht nach der Wand gekehrt.
In schnellem Takte folgte das Zischen der Milchstriche. Bisweilen
rasselte eine Kuh an der Kette. Sonst war es ruhig.
Die Tritte kamen näher....
Es war ihre Mutter.
Ich stand bei der kranken Kuh, strich ihr über den Rücken und besah den
Fuß.
Die alte Frau trat freundlich zu mir und bedankte sich für das gute
Mittel. Sie wolle sich auch mal erkenntlich weisen. „~É Gefâlen aß
enges ânere wèrt~,“ sagte sie in treumütterlichem Tone.
~Sisi~ sah nicht um, drückte den Kopf fest an die Flanke der Kuh
und melkte weiter....
Wir gingen in die Küche. Die alte Frau gab mir die Arnikaflasche und
begleitete mich hinaus bis auf die Haustüre.
Der Himmel stand voll funkelnder Sterne. Drüben im Walde klagte ein
Käuzchen.
Schaurig drang sein wimmernder Schrei in die große, kalte Einsamkeit.
„~Den Doûdevull~,“ sagte kurz die alte Frau. „~Erem ên, dé
stiérven muß~....“
„Stille Nacht, heilige Nacht,
Alles schläft....“
Anheimelnd klang die liebe Weise aus der Schule herüber. Dort übten die
Kinder ihr Weihnachtslied für das morgige Fest.
Es war schon lange über die Schulzeit hinaus, bereits halb fünf, als
die kleinen Sänger entlassen wurden. Geräuschvoll ergoß sich der
Schwarm ins Freie. Es kam Leben, jugendliches, rasch pulsierendes Leben
auf die neubeschneite, stille Straße. Die Knaben tummelten sich herum,
machten Schneebälle, johlten, warfen nach den Mädchen. Die standen noch
ganz unter dem Einfluß des heiligen Liedes. Sittsam, ruhig, in kleinen
Gruppen, gingen sie nach Hause. Nur wenn die Jungen ihnen zu arg mit
den Schneeballen zusetzten, liefen sie schreiend fort.
„~Ob d’Kreschtköndchen och mûr könnt?~“ meinte traurig eine der
Kleinen.
Die andern blickten besorgt auf.
„~A woûfir soll d’Kreschtköndchen dan net kommen?~“ Fast
gleichzeitig kam die Frage von allen Seiten.
„~Well ze vill Schné fällt. Wan et net dran stéchen bleiwt.~“
„~Nên, et dârf net dran stéchen bleîwen~,“ sagte flehend ein
kleines, blondes Ding. „~Mîr béden, dat den Hergott deß Nûcht ké
Schné mé herofschitt, da könt d’Kreschtköndchen secher.~“
„~A mîr sin och ömmer brav gewescht, da werd et dach bei eis
kommen~,“ ergänzte schüchtern ein kleines Schwarzhaariges.
„~Hähähä!~“ fiel lachend ein Junge, der sich herangeschlichen
hatte, ins Gespräch. „~Kreschtköndchen! Hähähä!~.... ~D’könt
gewéß e Kreschtköndchen!~.... ~D’Mamm aß d’Kreschtköndchen! An
d’Sâche kèft se bei Gudekâfs Nékel oder beim Schoûlklos~....“
Die Mädchen blickten den frechen Jungen erstaunt, bös an, stießen ihn
von sich und liefen weg, so rasch sie konnten.
Nein, mit dem wollten sie keine Gemeinschaft halten....
Ich ging gerade vorüber, hinunter zur Station.
Das war doch etwas ganz Eigentümliches, dieser kindliche Glaubensstreit.
Kaum zehn Jahre hatten die Mädels. Und der Junge war auch nicht älter.
Wie die Mädchen sich gegen die Lästerung wehrten! Ihren heiligen
Glauben wollten sie sich nicht rauben lassen, nicht von diesem dummen,
naseweisen Jungen, dem sie in der Schule weit überlegen waren.
So sind die Mädels. Den Puppen geben sie eine Seele. Und das
Christkindchen lassen sie in kalter Winternacht durch den Schnee
kommen....
So bleiben sie auch später. Und so ist ~Mäsch Sisi~ noch heute....
Vor mir reckte der alte Birnbaum seine dürren Aeste breit in den
nebligen Abend.
Damals stand er in weißer Blüte, als ich ~Sisi~ das kleine
Herzchen geschenkt hatte. An diesem Herzchen hängt ~Sisi~ noch
heute mit ganzer Seele.
Kinder waren wir damals. Große Kinder mit kindlichem Glauben an eine
gemeinsame, glückliche Zukunft. Die hatte der Tod geraubt, als er
~Sisi’s~ Bruder mit fortriß. Das war hart. Ich fügte mich in das
Schicksal. Aber ~Sisi~ hängt noch immer an dem erstorbenen Glauben.
So sind die Mädchen. Sie können die rauhe Wirklichkeit nicht leicht
fassen. Und sie wollen sich nie von den goldigen Jugendträumen
trennen....
Drunten durchs Tal rasselte der Zug. Ich griff erschrocken nach der
Uhr.... Nein, es war noch Zeit, noch eine halbe Stunde....
Der Zug eilte vorüber. Ein fahler Lichtstreifen jagte dahin, verlor
sich im Nebel....
Diesem Lichtstreifen gingen meine Gedanken nach, von Station zu
Station, über die hohen Brücken, nach Luxemburg.
Dort mußte jetzt der Oheim abfahren.... Dort sollte ich in drei Wochen
mein Liebchen sehen....
Vielleicht weiß der Oheim etwas Neues über die Freierei. Vielleicht
hat der alte Berelsvater ihm etwas geschrieben....
Der Zug hatte über eine Viertelstunde Verspätung. „~Wè’nt dé ville
Leiten, dé elo résen~,“ meinte der Oheim. Er war der Einzige, der
mit mir ins Dorf ging. So war es ganz recht. Da konnten wir ungestört
mit einander plaudern.
„~A wé stömmt et dann?~“ Er blickte mich fragend, neugierig an.
Ich erzählte meine Erlebnisse.
Der Oheim lauschte, stellte Fragen, lauschte.
„~D’aß dach koriés~,“ meinte er. Dabei schüttelte er den Kopf.
Eine Weile schritten wir still durch den Schnee. Er zog seine kurze
Holzpfeife aus der Tasche, stopfte auf, blieb stehen, zündete an.
„~Da wären sî jo all derfir, bis op den âlen Berels?~“ Er blinzelte
durch die Rauchwolke und schaute mich fragend an.
„~Jô, all~!“
„~A wofir soll dén dergént sin?~“ Er faßte mich am Arm.
„~Mononk, ech hun keng Ahnong. Aß et fleicht aus Knéckigkét?~“....
„~Mengst de?~.... ~Dan erziél mer emol gené, wé et op dengem leschte
Besuch gângen aß~.“
Ich erzählte.
„~Soû, vun èrem Doûref hut der geschwât~.... ~A vun denge Pîrchen~....
~A vun dengem Motor~.... ~An denger Schroûtmillen~....“
Der Oheim nickte gewichtig bei jedem Wort.
„~A wât sot du den âle Berelspapp?~“
„~Pô! En âle Mann. Hé kennt ze wéneg derfun. An hién aß~....“
Der Oheim ließ mich nicht aussprechen. Er faßte mich am Arm.
„~Kuck, Jämp, hoûl mer et net iwel. Ech mengen, du häß dech fleicht ze
vill gebrätzt.~“