einer ordnungslosen Behaglichkeit dehnen sich über 400 beschindelte
Häuser, häufig nur auf einem Bocke stehend mit Schrotholz, nach
allen Richtungen aus, welche ohngefähr von 4850 Menschen bewohnt
werden. Ursprünglich war der Ort nur ein Dorf, und das kleine im Thal
hinfließende Wasser wird heute noch der Dorfbach geheißen. Erst im Jahr
1546 erhielt dieser Häuserwirrwarr die Stadtgerechtigkeit mit vielen
Befreiungen und Gerechtsamen, damit aber freilich nicht die Form einer
Stadt, vielmehr blieb es der Zukunft vorbehalten, den verschobenen
Verkästelungen der Häuser durch Bauflickwerk und Einschiebsel ein
Ansehen zu verleihen, wie es die Gegenwart beurkundet. Man theilte das
Städtlein in das Krottenseeer-, Ringer-, Rehmer- und Bacherviertel
ein und suchte sich eine Justiz- und Verwaltungsform zu verschaffen,
wie es eben die auftauchenden verschiedenartigen Elemente gestatten
wollten, indem sich ein Bergamt, welches dem damals wichtigen Zinn-
und Eisensteinbergbau vorstand, wenigstens die Concurrenz bei der
Wohlfahrtspolizei vorbehielt: denn das Städtchen bekam das Prädicat
einer freien Bergstadt. Der Rath bekam freilich nur ein Läppchen der
Rechtspflege, weil das Kreisamt Schwarzenberg die volle Jurisdiction
und Obergerichtsbarkeit über die Stadt, so wie über die drei Freihöfe,
welche inmitten derselben liegen, unmittelbar behielt. Die Freihöfe
sind große Güter mit verschiedenen Berechtigungen und Befreiungen,
welche von der Indulgenz der Landesfürsten ausgegangen waren, um,
wenn diese im Obergebirge jagten, ein bequemliches Unterkommen und
Beihilfen zu finden. Dieser Hakemak in der Justizpflege und Verwaltung,
Berechtigungen und Befreiungen zwischen Rath und Bergamt, den Freihöfen
gegenüber, wurde bis in die neuere Zeit herauf die Ursache mancher
Streitigkeiten und Zerwürfniße, besonders da diese, ob sie schon in der
Stadt liegen, sich nicht zur Gemeinde zählen ließen[7]. Die frühern
Beschäftigungsarten des Bürgerthums waren nächst dem Bergbau das
Klempner- und Flaschnerhandwerk, und es gab noch 1827 nicht weniger
als 73 Meister davon im Orte. Die Bereitung von Medicinalwaaren
für den Olitätenhandel, wozu von der Landesregierung Concession
ertheilet wurde, brachte viel Geld ins Land und hob die Fabrikanten
zur Wohlhabenheit empor, gab aber auch zugleich die mannigfaltige
Gelegenheit, daß ein großer Theil von gebrannten Wässern, welche für
die Anfertigung der Arzeneien nöthig waren, unter dem allgemeinen
Prädicat »Schnaps« im Orte selbst vergläselt wurde bis auf den
heutigen Tag, obschon die Medicinalbereitung sehr beschnitten worden
ist und ihrem völligen Erlöschen entgegen geht: denn der Branntwein
oder Schnaps von Eibenstock, besonders der Englischbittere, ist
weit umher von den Trinkbrüdern gekannt. So wie nun die männliche
Einwohnerschaft durch vorgenannte Erwerbsweisen und rühmlichen Fleiß
ihren Hausstand immer flott zu erhalten, sich auch noch hie und
da etwas zu ersparen wußte, so steigerte sich auch fast allgemein
das Familienleben für ein bequemeres Fortkommen dadurch, daß Klara
Angermann, Tochter eines Oberförsters in der byalistocker Gegend,
das Tambouriren 1775 in Eibenstock bekannt machte, als sie ihren
Oheim, den Förster Angermann, aufsuchte, was sie selbst früher in
einem Nonnenkloster zu Thorn erlernt hatte: ein seltenes Beispiel
von etwas Nützlichem, wenn von Klöstern die Rede ist. Dorothee
Nier verbreitete diese Tambourirarbeit über einen großen Theil des
Erzgebirges und Voigtlandes, wodurch, weil sie das Petinetnähen
gleichzeitig mit ausbildete, das Spitzenklöppeln ziemlich in den
Hintergrund gestellt wurde oder mit jenem wechselte, je nachdem dieses
oder jenes periodisch besser lohnte. Doch in eben dem Verhältniß,
wie sich diese Nahrungszweige steigerten und mehr oder weniger zur
Wohlhabenheit und selbst zu Reichthum führten, nistete sich auch Neid
und Misgunst bei denjenigen ein, welche nicht gleichen Schritt zu
halten vermochten. Daher entwickelten sich Entzweiungen im Bürgerthume,
die bald zu Factionen wurden, welche sich im Gemeindewesen kund
gaben. Die eine verwarf Gemeindebeschlüsse blos deshalb, weil sie die
andere unterstützte, und der Rath war immer zu ohnmächtig, mit Kraft
dazwischen zu treten, oder schwach genug, sich selbst auf die Seite
der oder jener Parthei zu stellen, wodurch der Geist des Widerspruchs
noch mehr gesteigert wurde. Deshalb organisirten sich die Partheien
in zwei Branchen, welche Appellanten und Appellaten genannt wurden.
Eine grün montirte Schützencompagnie stellte sich später einer blauen
dergleichen gegenüber, und diese unterhielten einen langen ärgerlichen
Hader blos deshalb mit einander, weil diese blau und jene grün
aussahen, was allerdings an Gellerts Nachtwächter erinnert. Seit 1834
wurde ein Justizamt, welches später in ein Landgericht überging, ebenso
ein Hauptzollamt in Eibenstock errichtet, deren anständige Gebäude,
mit dem neuen Handlungslocale der Kaufleute Gebrüder Dörffel, und dem
Gasthofe zur Stadt Leipzig an der Karlsbader Straße nicht nur einen
freundlichen Eindruck machen, sondern auch der Nahrung und Gesittung
offenbar förderlich sein müssen. Insonderheit versteht es der Herr
Landgerichtsdirector, die Zerrissenheiten unter der Einwohnerschaft
durch Annäherung und Versöhnung auszuglätten und allgemeiner
Verträglichkeit Raum zu verschaffen. Seine Bemühungen sind meist nicht
ohne Erfolg geblieben.
Eibenstock ist eigentlich auch der Sitz eines Oberforstmeisters;
gegenwärtig wohnt ein wohlrenommirter Oberförster hier, dessen
Waldbestände unter die vorzüglichsten gehören sollen. Er ist Inhaber
der goldenen Verdienstmedaille, und dessen Gattin erhielt erst
neuerdings eine Prämie, angeblich wegen ihrer Verdienste um den
Pflanzgarten ihres Ehegatten; wir wissen den Zusammenhang nicht genau.
Rings um die Stadt breitet sich Ackerland aus, was durchschnittlich
gut gepflegt und bearbeitet wird, deshalb aber seine Seegnungen
nicht schuldig bleibt, wenn Abnormitäten der Witterung nicht
dazwischen treten. Auch giebt es daselbst eine musterhafte Viehzucht,
die hauptsächlich durch eine Kunstwässerung großer Wiesenflächen
außerordentlich begünstiget wird. In Gebirgsgegenden, wo man über
Wasser disponiren kann und nur so viel weiß, daß die Bäche nicht bergan
laufen, ist es eine sehr leichte Arbeit, Wässerungen anzulegen. Allein
von dem Gefälle des Wassers die möglichste Höhe der Leitung nach den
Formen des Grundstücks herauszufinden, ohne einem Gleichberechtigten
zu nahe zu treten, und das Wasser selbst gleichmäßig in rieselndem
Zustand auf die mannigfaltigst gestaltete Oberfläche zu vertheilen,
dazu gehört ein genaues Nivellement, aber auch ein Uebereinkommen
mit den Nachbarn, welches in Eibenstock durch wechselseitige Recesse
erreicht wird, nach welchen der Wechsel der Wässerung und die Dauer
derselben bestimmt wird. Der sogenannte Dorfbach und der Grüner Graben,
welcher in Wildenthal an der großen Bockau gefaßt ist und in frühern
Zeiten für bergmännische Zwecke nach Eibenstock geleitet wurde,
deshalb aber auch noch gegenwärtig dem Bergamte Johanngeorgenstadt
zur Disposition geblieben ist, geben das Wasser für die gesammte
Wiesenwässerung, durch welche eine Quantität an Heu und Grummt von
circa 18--20,000 Zentner jährlich erzielet und der Viehzucht ringsumher
außerordentlicher Vorschub geleistet wird.
Erst im Jahre 1579 wurde die Straße von hier über Schönheide nach
Auerbach in der Nähe des Krünitzberges, welcher in Westen mit seiner
Waldung 2300 Fuß Meereshöhe aufsteigt, durchbrochen, während Eibenstock
in seinem Bacher- und Rehmerviertel wegen seiner Häuserverkästelung
nicht ohne Schwierigkeit kaum ordinäres Fuhrwerk durchließ. Deshalb ist
auch seit etwa zwei Jahren eine Chaussee durch das Bacherviertel und
den Gottesacker mit vielem Aufwand und Widerspruch angelegt, dadurch
aber einer Menschen- und Viehqual größtentheils abgeholfen worden.
Von dem Gipfel des Krünitzberges aus übersieht man noch einmal das
dicht zusammengedrängte Budenwerk Eibenstocks mit seinen drei langen
Zipfeln, aus dem die Gebäude der Neuzeit hervorragen und gefallsüchtig
ihre Ueberlegenheit den zwergartigen Häuserlein umher kund thun. Gegen
Mittag dehnt sich eine hohe Bergwand, die Heckleithe und Wintergrün
genannt, nach dem Ellbogen und Zeisiggesang hinauf, allenthalben
mit dem dunkeln Grün von Fichtenwald überdeckt. Dieser giebt der
Landschaft ein ernstes und finsteres Ansehen, was den Flachländern
Gelegenheit zu dem Prädicate »Sächsisches Sibirien« gegeben hat. Wie
oft mag diesem Titel in der freundlichen Auberge bei Meischnern zu
Eibenstock widersprochen worden sein! Wir verlassen den geselligen
und anziehenden Verkehr des Städtchens und wandern nach dem etwa eine
Stunde entfernten Schönheide, wo wir zunächst auf der Hälfte des Weges
den Rockenstein
erreichen. Schüchtern, wie das böse Gewissen, schaut durch mit
Bartflechten behangene Fichten in die Tiefe hernieder ein Granitklumpen
mit einem dergleichen Kegel, den er auf seinen Achseln trägt, und
droht diesen auf den Wanderer herabzuschleudern. Die Mythe sagt, daß
einst ein tugendhaftes Mädchen mit ihrem Spinnrocken dem zudringlichen
Gelüst eines rohen Jünglings entflohen und Sicherheit auf diesem in
Wald gehüllten Granitknoten gesucht, hier aber von ihrem Verfolger
entdeckt und von dem Felsen hinabgestürzt worden, indem nur der Rocken
zurückgeblieben sei.
[Illustration:
N. d. Nat. v. F. König.
Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.
DER ROCKENSTEIN]
Ein jäher Rand läuft vom Rockenstein tief hinab in ein enges felsiges
Thal, wohin ohne Gebrauch der Hände nicht füglich zu gelangen ist.
Die Mulde polirt allenthalben Granitbrocken für Straßenpflaster,
ohne Abnahme zu finden. Am linken Ufer derselben thürmen sich
amphitheatralisch riesenhafte Gestalten von Granitkegeln auf und
erinnern an Liebethal in der sächsischen Schweiz. Bald reihen sie
sich wie Zähne zusammen, bald lassen sie Zwischenräume und locken
zu der Vorstellung hin, daß die ganze Parthie ein Bruchstück von
der Kinnlade des fabelhaften Drachen sein möge. Der grünsammten
Wiesenstreif, welcher diesem wunderlichen Felsenkabinet zur Einfassung
dient, das Herumklettern dürftiger Nadelhölzer an den Seitenflächen
und das muntere Waldgeflügel, welches in den Rissen und Spalten sein
Eldorado für seine Nachkommenschaft gefunden hat, machen aus dieser
Einsamkeit ein liebliches Bild, über welches nur ein dünner Schleier
von Schauerlichkeit gewoben ist.
Von dem Hammerwerk
Schönheide,
welches sich wie eine freundliche Villa an einem gegen Morgen gelegenen
Bergabhange sonnet und wegen seiner Eisengießerei einen Namen erworben
hat, ist kaum eine halbe Stunde Wegs nach dem großen, bevölkerten Dorfe
gleichen Namens[8]. In frühern Zeiten besaßen die Edlen von Planitz
Schönheide, Stützengrün und Neustädtel bei Schneeberg, welche Gegenden
mit ungeheuren Waldungen bedeckt waren. Diese Ortschaften mit ihrem
Areal erkaufte daher am 23. December 1563 Churfürst August für 28,300
Mfl., um dem blühenden Bergbau einen nachhaltigen Vorschub zu leisten.
Aus einer tiefen Schlucht, die Ziegenleithe geheißen, steigt gegen
Mittag ein muldiges Thal empor, welches von mehr als 6500 Menschen
bewohnt wird, deren Gewerbsarten im Handel mit Petinetwaaren, Spitzen-,
Eisen-, Flaschner-, Klempner- und Bürstenbinderwaaren bestehen, womit
im erstern das Ausland und die Messen bezogen, letztere hingegen auf
Jahrmärkten und Hausirhandel verstrichen werden. Die Namen Gehrischer,
Oschatz, Leistner, Unger und einige andere haben in Ansehung der
Umfänglichkeit ihres Handelsgeschäftes im In- und Ausland einen
guten Klang von der Vorzeit auf die Gegenwart übergeführt. Selbst
die Menge von großen Wohngebäuden, wenn sie auch der Form nach des
architektonischen Geschmacks der Neuzeit entbehren, zeugen von der
frühzeitigen Wohlhabenheit ihrer Besitzer. Der Glanz der Morgensonne
spiegelt sich in dem Fensterreichthum, welchen die Giebelseiten der
Häuser ihr entgegenhalten, welche Erscheinung wohlgeeignet ist, den
Fremden glauben zu machen, daß es ein umfängliches Schadenfeuer sein
dürfte, da Schönheide aus meilenlanger Ferne gesehen werden kann.
Der obere Theil des Ortes trägt einige enge und tiefe Einschnitte
in dem Granite, welche wasserleer mit kleinen Häusern bebauet sind
und Winkel genannt werden. Daher Fuchs-, Ascher- und Markerswinkel.
Ein langer kräftiger Menschenschlag, worunter Mädchen und Frauen ein
wohlgenährtes Ansehen haben, hübsch geformte Gesichterchen tragen und
beiderlei Geschlechter in ihrer Sprachweise die Nachbarschaft des
Voigtlandes verrathen, bewohnt dies interessante, großartige Dorf,
dessen Häuser sich gefallsüchtig an dem sanftern Gelände zu beiden
Seiten hinaufgelagert, in der Thalung aber sich in dicke Massen
zusammengeschoben haben. Am obern Ende des Ortes überschaut das
Auge eine Meilen lange und breite Fichtenwaldung gegen Südost; eine
Reihe Granitberge von untergeordneter Höhe tragen dieselbe auf ihren
Schultern, sie bildet einen See mit dunkelgrünem Wasser, dessen Wellen
erstarret sind. In den Thälern und Schluchten gedachter Waldungen sind
Eisenhüttenwerke und kleine Oekonomien mit gewässerten Wiesenrändern
eingeklemmt, was aus größerer Entfernung nicht beobachtet werden
kann, wenn man nicht etwa die Lichtblicke der Hohöfen zur Nachtzeit
veranschlagen will.
Wenn man seinen Wanderstab von Schönheide nach dem Lattermannschen
Eisenhüttenwerk Rautenkranz über die Mulde fortsetzt, so kommt man etwa
in 2 Stunden von Süden her nach
Karlsfeld.
Frostig und anmuthlos liegen etwa 80 Häuser, in welche ohngefähr
1000 meist mittellose Leute eingepackt sind, wie Schwalben auf einem
Blitzableiter, mager und kalt an einem Bächlein hin, welches sein
Dasein Moorboden und Torflagern verdankt und die Wilzsch genannt
wird. Das Auge findet ringsumher keinen Punkt, auf welchem es mit
Wohlgefallen ruhen könnte; dunkles Nadelholz umringt das kärgliche
Eigenthum und das undankbare Areal der Einwohnerschaft, welches vor
etlichen und dreißig Jahren noch keine Furche Feld hatte, die der
Dürftigkeit Kartoffeln für den Hunger liefern konnte. Diese bezog man
von Eibenstock und der Nachbarschaft. Für die ersten Ansiedler mußte es
daher eine Art Verwegenheit sein, Nahrung hier zu suchen und sich in
das Dunkel der Fichten einzuhüllen, welche mit keinem Laubholz wechseln
und so der Einförmigkeit einen wohlthuenden Anstrich verliehen.
In der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts erhielt der in der
obergebirgischen Geschichte eben so rühmlich bekannte als reiche Veit
Hans Schnorr zu Schneeberg durch Cession von Herrn von Carlowitz auf
Alten-Schönfels die Gerechtsame zu Anlegung eines Eisenhüttenwerks
und bekam dafür 1679 ein landesherrliches Privilegium. Schnorr soll
zu Ehren des frühern Grundbesitzers und Cedenten von Carlowitz seinem
neuen Anbau den Namen Karlsfeld gegeben haben. Ein Eisenhüttenwerk
bedarf viel fleißige Hände und zu allen Zeiten eine Schaar Wagen
für die An- und Abfuhre der Materialien und der fertigen Waare;
daher bauten sich sehr bald eine Menge Menschen in hölzernen
Hütten an, eben groß genug für den einfachen Hausstand, der noch
gegenwärtig allenthalben sichtbar ist. Besonders mehrten sich auch
die Nagelschmiede, weil sie sich das Eisen auf der Achsel an ihren
Schmiedstock tragen konnten. Die Volksvermehrung bestimmte den Besitzer
des Hammerwerks, eine Kirche zu erbauen, die den einzigen Gegenstand
der Ueberraschung im Orte ausmacht, weil sie eine wohlgefällige Rotunde
bildet, die man in einem solchen verkümmerten Orte nicht vermuthet.
Gedachter Schnorr hatte im Obergebirge viele Besitzungen, besonders
von Hammerwerken und andern entopischen Fabriken, und fabelhaft würde
seine Theilnahme an dem vaterländischen Bergbau genannt werden müssen,
wenn er nicht die Anzahl Gruben und Grubenantheile selbst genannt und
aufgezählt hätte, die er gleichzeitig baute. Der Seltenheit halber
mag das von ihm gefertigte Verzeichniß diesem Schriftchen als Beilage
dienen.
Gegenwärtig ist das Hammerwerk Karlsfeld eingegangen, weshalb die
Einwohnerschaft zum größern Theil in eine Verkümmerung der Mittel zur
Forthilfe gerathen ist, welche schon lange her zum ernsten Gegenstand
der Berathung Seiten der Verwaltungsbehörden erhoben worden sind, ohne
daß der Nothstand nur genüglich und beharrlich abgedämmt werden konnte.
Denn wenn schon für den Kartoffelbau durch Urbarmachung von Waldboden,
welchen das Finanzministerium unter billigen Bedingungen an die
Einwohnerschaft seit einigen Jahren überlassen hat, nicht ungünstige
Resultate erlangt worden sind, sich auch eine Wanduhrenfabrik durch
wohlwollende Unterstützung des Herrn Kammerrath Anger in Leipzig
organisirt und unter Aufsicht des Herrn Oberförster Thiersch und des
Herrn Kaufmann Friedrich Dörffel in Eibenstock entfaltet hat: so wird
der Erfolg des Ackerbaues immerhin nur von günstigen Jahrgängen in
dieser rauhen Gegend abhängig bleiben und letztere, wenn sie auch jetzt
gegen 40 Personen beschäftigt, in den Versuchen zum größern Aufschwunge
in der Concurrenz mit den Schwarzwäldern um so leichter verkümmern, als
sie bei aller Sorgfalt ihrer Vorsteher Mangel an hinlänglichen Buchen
und Ahorn oder den für ihr Geschäft tauglichen Hölzern leidet und die
Zufuhre aus entfernten Gegenden nicht füglich gestattet.
Nicht uninteressant ist das Vorkommen von Haselnüssen und Resten von
Laubhölzern in den Torflagern unmittelbar bei Karlsfeld, wo gegenwärtig
außer den kümmerlichen Vogelbeerbäumen (~Sorbus aucuparia~) jene
Holzarten kein Gedeihen finden. Es scheint das dortige Klima vor vielen
Jahrhunderten jenen Hölzern günstiger gewesen zu sein.
Ohnfern des tristen Karlsfeld, wo es keinem Sperling gefällt, liegt
die sogenannte Weitersglashütte, wo aus Mangel an tauglichem Material
für die Fabrikation des Krystallglases nur Hohlglas und Flaschen
gefertiget werden. Ihre Lage ist der von Karlsfeld gleich; rings
umher eine dichte Verschanzung von Schwarzwald, gestattet sie durch
Hinzukommen von Waldhutung eine eben nicht sehr lohnende Viehzucht;
nur Preißel- und Heidelbeere gedeihen im Ueberfluß und werden in
dortiger Gegend häufig für den häuslichen Gebrauch als für den Handel
eingesammelt.
Wendet man sich von hier aus gegen Nordost, so kommt man allmälig
oberhalb Rehhübel, wo sich ein Eisensteinbergbau befindet, nach einem
anderweiten Torfstich, der den prosaischen Namen »Sauschwemme« trägt,
und von hier aus bequem auf den
Auersberg,
welcher, mit dem Riesenberge verwachsen, 3175 Fuß über das Meer
emporsteigt. Er hat sich wie alle seine Nachbarn, der Riesen-,
Esels- und andere Berge, bis über den Scheitel in einen Mantel von
Fichtengrün[9] gehüllt und würde die Fernsichten verkümmern, wenn nicht
schnurgerade Schneußen von seinem Fuße an bis zu seinem Gipfel gehauen
wären, welche oben nach einem hölzernen Thürmlein hin zusammen laufen.
Von diesem aus und durch die in den Mantel gerissenen Schlitze schweift
der Blick wonnetrunken weit hinab in die Gauen des Voigtlandes, die
reußischen Metzflecklein, mit monarchischer Wasserfarbe überstrichen,
und bewundert die Täuschungen, wie Städte, Dörfer und Fluren ganz
andere Richtungen angenommen zu haben scheinen, als diejenigen sind,
die man anzunehmen pflegt, welche Geschäftsreisen nöthig machen. Hier
spähet das Auge nach einem befreundeten Dörflein vergeblich, denn
es liegt mehr links oder rechts als man wähnte, wenn es nicht ein
bekannter Berg, ein Kirchthurm von sonderbarer Bauart eher erkennen
läßt. Dort verschwimmen zwischen Feld und Wiesen, Hainen und Fluren,
in dünne Schleier gehüllt, fern vom Fuße des Hügellandes oder an den
Zehen der Gebirge die Gegenstände der Erdfläche und verklären sich beim
Niedergang der Sonne in der Abendröthe, über welche allmälig die Nacht
ihren Vorhang niederfallen läßt.
Auf den Kulmen des Auersberges errichtete vor einigen Jahren
die dankbare Jägerei ihren heimgegangenen Vorgesetzten der
Kreisoberforstmeisterei ein Denkmal. Es besteht aus einem großen
Granitwürfel, sinnig genug für eine durchlebte herrliche Zeit,
die sich in bequemliche Verhältnisse gewickelt hatte und welche
Cotta's systematische Forstwirthschaftslehre verwischte, wie den
Schweiß vom Fensterglas, um heller zu sehen. So rüttelt die Zeit
des Fortschritte an veraltetem Bauwerke; es sinkt zusammen und ein
zweckmäßigeres tritt an seine Stelle, ohne daß der Bauherr eine
fernere Zukunft fürchtet, in welcher das Menschengeschlecht auch
dieses tadeln kann: denn der Würfel hat -- sechs Flächen. Aus dem
faltenreichen Mantel von Fichtengrün, welches eine kaum übersehbare
Fläche einnimmt, steigen hier und dort Rauchsäulen auf, ohne ihren
Platz zu verändern, es sind Meiler oder Zechenhäuser, denen hier und
da Zinn- und Eisensteinbergbau ihre Entstehung gab, oft an Stellen,
wohin kein Sonnenstrahl fällt. Ein Theil solcher versteckt liegender
und gebrechlicher Wohnungen, wo kein Bergbau mehr getrieben wird, ist
den nähern Ortschaften, als Heimathsbezirk, zugewiesen und bildet
mit diesen monströse Figuren, wie z. B. Steinheidel mit den Häusern
am Fellbach, Erlabrunn, dem Teumerhaus u. s. w. Und dennoch können
diese verzettelten Nester eines sogenannten Wanderschulmeisters nicht
entbehren, weil es immerhin gefährlich für die Kinder bleiben würde,
im Sommer durch dicke Waldungen und Säuern Stundenweit nach einer
Schule zu laufen, was außer der bessern Jahreszeit, im Winter, nicht
immer für Erwachsene rathsam sein möchte. Daher trifft man in diesen
einsamen Zechenhäusern oft mehrere Familien mit einer namhaften Schaar
Kinder von jedem Alter, dürftig und kaum halbbekleidet in einer Stube
eingedrückt beisammen, in welcher Tag und Nacht ein wunderlich zusammen
gestoppelter Kasten geheitzt wird, der Ofen heißt und eine Röhre
führt von nicht selten 1½ Quadratelle Größe, für Kartoffelgebäck, was
Götzen, nackete Mahd, rauche Mahd, Bröckelgötzen, Brändeln u. s. w.
geheißen wird. Es kann nicht anders kommen, daß, da ein derartiger
Genuß für alle Stubenbewohner und die männliche Angehörigkeit, wenn
diese von ihren Meilerstätten und Gruben heimkehren, für eine Mahlzeit
ausreichen und unmittelbar darauf der Kaffee, d. h. Zichoriengetränk
mit Ziegenmilch angehaucht, aufgetragen werden muß, wobei der Zucker
nur in sehr seltenen Fällen vorkommt, eine fast unausstehliche
Wärme um so mehr unterhält, als diese Mahlzeiten und das gefärbte
Getränk sich immerfort wiederholen. Dies macht auch zugleich eine
warme Bekleidung und gar häufig die Betten im Winter entbehrlich,
wo oft Kinder und Erwachsene, auch wohl die nützliche Ziege, auf
eingetragenem Waldgras gemeinschaftlich in der Nachbarschaft des
Ofens, wie an einem Krater, schlafen. Nicht selten trifft man es, daß
die Thür zum Innern des Hauses gar nicht verschlossen oder verriegelt
ist; was wollten auch Diebe wegtragen? Die Fenster zur Stube sind
gewöhnlich großen Theils mit flachen Spänen und Papier verklebt
und noch Basilicum und Muscatenstöckchen, sorgsam in den Scherben
abgebrochener Kaffeetöpfe gepflegt, vor die Spalten geschoben, damit
der Luftzug die Klöpplerinnen nicht stört. Die in diesem Dachsbau
befindlichen Knaben, denen das Klöppeln selten zusagt, laufen in der
bessern Jahreszeit im Walde umher, schleppen Brennholz herbei, suchen
Futter für die Ziege, sammeln Schwämme und leben, wie Krammtsvögel,
von Erd-, Heidel-, Preißel- und Brommbeeren. Und wie zufrieden lebt
gleichwohl eine Schaar Menschen in einem solchen Neste! Sie Alle kennen
die höhern Lebensgenüsse nicht, haben mithin kein Verlangen darnach,
weil eine überwarme Stube, hinlängliche Kartoffeln, Kaffee und Milch
die Summe der Gegenstände ausmachen, die ihre Zufriedenheit bedingt,
unter welcher sie sich auch im Winter einschneien lassen und einander
in Krankheits- und Entbindungsfällen beistehen, so gut als es möglich
sein kann. Man muß es selbst sehen, wenn der Familienvater von der
Grube oder von dem Kohlengehau kommt, das schmutzige Gewand von sich
wirft und sich bequemlich an den reinlichen, oft selbst gebauten Tisch
setzt, wo die Hausfrau das für ihn aufbewahrte Futter aufgetragen hat,
weil die Tischzeit vorüber war. Kinder von diversem Alter strecken sich
um ihn her auf den Bauch, das Kinn unterstützt mit beiden Armen, und
bewundern den Appetit des Vaters; abwechselnd hält er ihnen den vollen
Löffel vor den Mund und sie sperren auf wie junge Staare, wenn die
Alten die Atzung bringen. Nach dieser Abfütterung wird die Tabakspfeife
angezündet und der Länge nach von der breiten Ofenbank Besitz genommen,
von wo aus sich die Bewegung des Vogelviehes auf ihren Sprunghölzern
so lange am besten beobachten läßt, bis der Schlaf eintritt, der sich
durch das Herabfallen der Pfeife anzukündigen pflegt.
Vor mehrern Jahren, als mich bei einer mineralogischen
Exkursion zwischen Oberwiesenthal und Rittersgrün in den späten
Nachmittagsstunden ein Gewitter überraschte, zog ich es vor, in einem
alten Zechenhause zu übernachten; die guten kinderreichen Leute konnten
mir nichts bieten, als Kartoffeln und Milch, sowie Waldgras zum Lager,
womit ich schon deshalb zufrieden war, weil es nichts Besseres gab. Ein
Knabe von ohngefähr zwei Jahren schlief, halbnackend, zwischen zwei
jungen Ziegen, die die sogenannte Stube mit bewohnten, ich möchte sagen
-- wie ein Prinz -- wenn ich nicht wüßte, daß diese nicht oft so zu
ruhen pflegten.