Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
Buches.
Wanderungen
durch die interessantesten Gegenden
des
Sächsischen Obererzgebirges.
Ein Beitrag
zur speciellern Kenntniß desselben, seines Volkslebens, der
Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche
vom
Finanzprocurator +Lindner+
in Schwarzenberg.
Verfasser der »Holzordnung von 1560 und der Gegenwart.«
Zweites Heft.
mit 4 lithographirten Ansichten.
Annaberg,
+Rudolph+ und +Dieterici+.
1845.
Inhalt.
Zweite Wanderung.
Seite
Von Zwickau aus nach dem Obergebirge 1
Kainsdorf (mit Ansicht) 6
Wiesenburg 8
Wildenfels 9
Schloß Stein mit seinem nachbarlichen Schlosse Hartenstein 11
Hartenstein 13
Kirchberg 14
Schneeberg 16
Burkhardtsgrün 21
Unterblauenthal (mit Ansicht) 23
Eibenstock 25
Der Rockenstein (mit Ansicht) 30
Schönheide 31
Karlsfeld 32
Der Auersberg 35
Wildenthal (mit Ansicht) 40
Specification aller Bergtheile und Kuxe etc. 43
Druck der Teubner'schen Officin in Leipzig
Wanderungen durch das Obererzgebirge.
Zweite Wanderung.
Von Zwickau[1] aus nach dem Obergebirge.
Wer etwa vor 15 oder 20 Jahren die alte Schwanenstadt mit ihrem
wunderlichen Dach- und Giebelwerk, den regellosen Fenstern und den
häufig in Stein eingehauenen Schnörkeln zum letzten Male sah und sich
an die menschenleeren, hin und wieder mit Gras bewachsenen Gassen,
sowie an den Gürtel von Mauerwerk, womit Kaiser Heinrich der Vogler
vor Jahrhunderten schon die Häuserschaar mit seiner Menschheit
eingeschnallt hatte, erinnert, und kommt jetzt unvermuthet dahin -- der
wird sich die Augen reiben und ungewiß sein, ob er träume oder wache.
Hohe, Palästen ähnliche Gebäude haben sich in und außer der Stadt
erhoben, und vielen alten unförmlichen Häusern hat man bereits die
Jacke abgezogen, um sie für die Ansprüche der Zeit in ein passenderes
Gewand zu hüllen. Die Organisation eines Appellationsgerichts, einer
Kreisregierung, eines Kreiskrankenhauses u. s. w. hat die Stadt und
die nahe Umgegend ungewöhnlich lebendig gemacht und wird sie in
unglaublicher Eile mit einer seegensvollen Gewerblichkeit beglücken,
wenn die bald vollendete Eisenbahn den Steinkohlenreichthum in weite
Gegenden rastlos verfrachtet. Die Tuchmacherei, das Krempelsetzen,
das Messerschmieden und wie sonst alle die Beschäftigungsarten der
Zwickauer Bürger in der Vorzeit geheißen haben, stellen sich gegen
die Gewerbsweisen der Gegenwart in den Hintergrund, weil es rathsamer
erscheint, nach dem zu greifen, was besser lohnt.
Die Lebensherrlichkeiten in Zwickau sprechen jeden Fremden um so
mehr an, als er sich von dem Personal der Mittel- und Unterbehörden
und vielen andern des Bürgerthums mit Herzlichkeit, Wohlwollen und
fröhlichem Scherz in den Stunden der Erholung umflochten sieht. Hier
wandelt in den Sommerabenden Mancher dem Bergkeller zu und trägt, wenn
auch nicht gerade den letzten, Obolus über den Styx für den finstern
Charon, hier Pippig genannt. Wie leicht söhnt sich hier nicht Jeder
unter dem Schatten der Linden mit den Mühen des Lebens aus, und wie
sehr fühlt sich hier das Herz gestärkt, wenn es Sorge und Kummer
drückt. Nur dann wird das Gemüth zu ernsten Betrachtungen gestimmt,
wenn man das Schloß Osterstein im Innern der Stadt ins Auge faßt.
Einst von Wiprecht Grafen von Groitzsch erbaut, ist es gegenwärtig ein
Landesarbeitshaus für Verbrecher und Taugenichtse, welche es stets
vollzählig, wohl auch übercomplet, zu erhalten wissen: denn wir leben
in der Zeit philanthropischer Maximen und Humanitäts-Hätscheleien,
welche derartige Häuser zu einem Mittelding zwischen Straf- und
Ausfütterungs-Anstalten umgewandelt haben. In der Gegenwart, wo in
dicker Bevölkerung Müßiggang und Genußsucht mit allen ihren Lockungen
an der Entsittlichung rütteln und der Strafrechtspflege in die Hände
arbeiten; wo man ringsumher über Abnahme, Vernachlässigung und
Erkaltung des religiösen Sinnes für Kirche und Schule klagt und aus
einer solchen moralischen Versumpfung die Verbrechen aufsteigen sieht,
wie giftige Schwaden, in einer solchen Periode -- ist das Princip der
Butterbemmen für einen ungezogenen Jungen am unrechten Orte. In einer
solchen Zeit sollte der Untersuchungsarrest, bei erlangter Gewißheit
der Uebelthat, hart, der Aufenthalt in den Strafanstalten aber, nach
Maasgabe der Individualitäten, kurz, jedoch abschreckend sein, ohne
deshalb Leben und Gesundheit zu gefährden. So ist es aber gegenwärtig
umgekehrt: der Sträfling wird zwar zur Arbeit angehalten, auch wohl
angestrengt, was er, ehe er Verbrecher wurde, hätte freiwillig thun
sollen; allein inmitten einer namhaften Kammeradschaft findet er gute
Kost, Reinlichkeit in Wäsche und Betten und, bei einer Gefügigkeit
gegen seine Aufseher und Zuchtmeister, eine nicht unfreundliche
Behandlung. Nach Ablauf der Strafzeit legt er seine eigenen Kleider
wieder an, die gar oft zu enge geworden sind, weil er sich in der
Anstalt fett gefüttert hat, und kehrt zu den Seinigen zurück, wenn
er es nicht vorzieht, unter Wegs wieder zu stehlen oder sonst das
Gleis des frühern Lebensweges zu befahren, um bald in die Arbeits-
und Speisesäle der Anstalt wieder einzutreffen. Es ist thatsächlich
und wir finden es in öffentlichen Blättern überall bestätiget, daß
in den Ländern, wo in den Strafanstalten das Humanitätsprincip
vorwaltet, sich die Verbrecher in denselben von Jahr zu Jahr in der
Art vermehren, daß allenthalben auf Erweiterung und wohl gar auf
ganz neue Localitäten Bedacht genommen werden muß. Ist die Strafzeit
abgelaufen und hat sich der Verbrecher, wie man zu sagen pflegt, mit
dem Gesetz ausgesöhnt: so trifft nun den Entlassenen, im schroffen
Gegensatz zur philanthropischen Hätschelei, eine Art moralische
Vernichtung, +welche in dem Verluste aller politischen Ehrenhaftigkeit+
besteht und bis zum Grabe reicht. Ist er Handwerker -- er kann nicht
mehr bei Innungsversammlungen erscheinen; wäre er zum Soldatenstand
tauglich -- dieser mag ihn nicht; und wollte er in der Ferne Arbeit
suchen -- so verfolgt ihn das Schaamgefühl, wenn er Obrigkeiten und
Polizeidienern seine Legitimation vorlegen soll, denn diese erzählt,
daß er ein Sträfling war. Keine gute Handlung, welcher Art sie auch
sei, kein Fleiß, kein musterhaftes Betragen giebt ihm den Stab zur
Aufrechthaltung in die Hand, um die äußere Ehre wieder zu gewinnen, er
kann nicht Cymbelträger in seiner Gemeinde werden. Wie schmal ist nicht
die Kluft zum Rückfall! Sie füllt kein Besserungsverein aus, weil das
Gebet des Herrn: »+Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern
Schuldigern+« bei der Criminalrechtspflege keine Geltung hat.
Balthasar Cossa, ein neapolitanischer Edelmann, war zu Anfange des
funfzehnten Jahrhunderts ein Seeräuber; um dem Strafrechte zu entgehen,
floh er mit seinen geraubten Schätzen in ein Kloster, verschleierte
sich in scheinbare Tugend, wurde Papst und nannte sich Johann XXIII.
Der ehrlose Schmidt Glöckner in Unterwalden errang mit seiner
anrüchigen Schaar in der Schlacht bei Morgarten 1543 durch Tapferkeit
seine bürgerliche Ehre wieder. Warum soll in unserer sentimentalen Zeit
ein Verbrecher, nach überstandener Strafzeit und wenn er Jahrelang
ein unbescholtenes Leben führte, bis ans Grab aller Ehrenhaftigkeit
verlustig bleiben, und warum sollen Weib und Kinder die Schmach des
Mannes und Vaters tragen helfen, bis sie der Tod abruft? Ach! ihr
braven Besserungsvereiner, euer Schaffen und Thun heißt: -- Bahne
kehren im Schneesturm![2]
Doch, wir verfolgen unsere Wanderung und betrachten nur noch flüchtig
das Krankenstift, welches seine Entstehung dem Herrn Medicinalrath
~Dr.~ Unger in Zwickau verdankt und für das sächsische Gebirge und
Voigtland bestimmt sein soll, wenn chronische Kranke und Gebrechliche
ärztliche Hülfe bedürfen. Die Absicht ehrt allerdings die vielfachen
Bemühungen und die Männer, welche zu der Abführung pecuniär die Hände
boten. Ob aber das »sächsische Erzgebirge« von dieser großartigen
Anstalt für seine Leidende im Allgemeinen Gebrauch machen kann --
wird die Zukunft lehren. Das Gebäude selbst ist palastartig und mit
solchen Verzierungen versehen, die nicht leicht der innern Bestimmung
entsprechen. Es ist ein persischer Shawl, unter welchem Schmerz und
Elend Linderung und Abhülfe finden sollen.
Das Pfahlbürgerthum, welches nicht mehr durch Mauern, Graben und Thore
vom Ringe getrennt ist, freut sich nun der bequemern »Annäherung«,
hobelt und glättet an seinem Häuserwerk und läßt geschmackvolle
Wohnungen an seinen fruchtreichen Gärten aufsteigen, daß die innere
Stadt alle Hände voll nehmen muß, um sich nicht überflügeln zu lassen,
besonders wenn der Eisenbahnhof seine Lebendigkeit entfaltet haben
wird. Und in der That, man geht von dem ehemaligen Schneeberger Thore
an der Mulde hinauf bis nach Silberstraße wie in einem sogenannten
Englischen Park. Hier tritt uns die umfängliche Schaafwollespinnerei
des Herrn Kreisoberforstmeisters von Leipziger entgegen; da breiten
sich stattliche Güter und freundliche Häuser am rechten Ufer der
Mulde aus, welche erstere wohlhabende und reiche Steinkohlenbauern
bewohnen; es ist Schedewitz mit seinem Kirchthurm, welcher im Kleinen
aussieht wie eine verkehrt aufgestellte Möhre, und Bockwa; oben von
einer stattlichen Höhe herab, schaut Oberhohndorf, welches über und
unter der Erde seine geseegneten Ernten hält, ins Thal hernieder. Unten
in der Thalsohle breiten sich lange und breite verangerte Flächen
hin, um welche herum, nah und fern, Dampfmaschinen ihre schwarzen
Rauchsäulen in die Lüfte schieben und den Steinkohlenarbeitern
Wasserlosung verschaffen. Hinter Oberhohndorf zieht sich durch die
Felder hinauf ein Dörflein mit einer Schaar menschenleerer Häuser
-- so scheint es -- es sind alles Kauen über Steinkohlenschächten,
deren Besitzer von früher Zeit her keine gemeinschaftliche Fahrt und
Förderung unter sich haben mochten und lieber ihre Feldbreiten nach
Steinkohlen für sich durchlöcherten. Der größere Kostenaufwand durch
Absenkung so vieler Schächte, die Verschwendung an Schachthölzern und
der Verlust an nutzbarem Boden für Haldenstürze, An- und Abfuhren der
Steinkohlenkäufer, konnte keine nützlichere Gemeinschaft für die Eigner
der Steinkohlenfelder erringen.
Eine lange umbuschte Hügelreihe steigt vom Schlosse Planitz hernieder
und taucht ihre Füße in die gekräuselten Wellen der Mulde. Hier in
Kainsdorf
ist seit einigen Jahren ein großartiges Eisenhüttenwerk entstanden,
welches auch Königl. Marienhütte genannt wird. Die centralisirte Kraft
einer Actiengesellschaft schuf schnell eine Schaar räumlicher Gebäude;
allein wie alle menschliche Unternehmungen ihr Gedeihen erst in
mehrjährigen Erfahrungen und in endlosen Versuchen ihre Lehrer finden,
so ist es auch hier.
[Illustration:
N. d. Nat. v. F. König.
Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.
KÖNIGIN MARIEN-HÜTTE.]
Und da wir nicht zu den Technikern der Eisenwerke selbst gehören, so
bleibt das Schicksal dieses Werks Männern vom Fache überlassen mit dem
Wunsche, daß keiner der Herrn Actionäre Abel heißen möge, wenn sie mit
Kains-Dorf in engere Berührung kommen.
Interessanter ist für den Wanderer der unterirdische Steinkohlenbrand
ohnfern des vorgedachten Eisenhüttenwerks am Galgen- und Schenkberg
Planitzer Seits. Dieser Brand ist gegen 250 Jahre bekannt und
erwärmt die über ihm liegenden Stein- und Erdschichten so, daß im
Winter sich weder Schnee noch Eis darauf erhalten kann und er daher
bei großer Kälte der Aufenthalt für Hasen und Rebhühner in den
Winternächten wurde. Der Brand selbst ist offenbar durch Zersetzung
des Schwefelkieses bei dem Zutritt atmosphärischer Luft entstanden,
und kann seinem Weitergreifen nur durch Absperrung derselben mit
Erfolg entgegen gearbeitet werden. Der Brand selbst ist wahrscheinlich
nur eine natürliche Verkoksung im Großen. Der Herr ~Dr.~ Geitner in
Schneeberg hat sich das Verdienst erworben, dieses stets erwärmte
Kohlenfeld contractlich vom Eigentümer, Herrn Kammerherrn von Arnim,
an sich zu bringen, um eine Kunstgärtnerei darüber anzulegen, die
Jeder sich zeigen lassen möge, der zum Vergnügen das Gebirge bereist.
Tropische Gewächse gedeihen wunderschön, und für die Küche werden fast
in jeder Jahreszeit Früchte und Gemüse gezogen, die man in andern
Gärtnereien, die einer solchen natürlichen Erdwärme entbehren, nur in
Sommermonaten erhalten kann.
In der Thalebene am rechten Ufer der Mulde hin führt uns der Weg
durch Niederhaßlau, Bogenstein, Oberhaßlau und Silberstraße, zwischen
lachenden Wiesen und Laubholz; hinter und unter Fruchtbäumen schauen
freundliche Wohnungen hervor, gelehnt an einen steilen Bergrücken,
welcher theilweise der Uebergangsformation angehört, und lauschen nach
der stets lebendigen Landstraße. Unterhalb des erstgenannten Dorfes hat
man in der Grauwake Zinnober entdeckt und sich darauf mit Bergarbeit
eingelegt. Wer überhaupt des Sinnes ist, die Steinkohlenformation
von Zwickau mit seiner vergrabenen Flora, welche ihren Untergang in
Zeitperioden fand, die keine Geschichte kennt, näher ins Auge zu
fassen, der vergesse nicht, sich deshalb an den eben so gefälligen als
kenntnißreichen Herrn Hauptmann von Gutbier in Zwickau zu wenden, von
welchem die umfänglichsten und lehrreichsten Nachrichten zu erlangen
sind.
Das Dorf Oberhaßlau, welches nur durch die Mulde von der nachbarlichen
Silberstraße, sonst »Arme Ruh« geheißen,[3] getrennt wird, wird von
einer Menge Häusern überschaut, welche sich an einem mit Kiefern
bewachsenen steilen Gebirge sonnen und an die Villen der Weinberge
bei Dresden erinnern. Das hier herrschende Uebergangsgebirge gruppirt
sich mit Laub- und Nadelgrün in mannigfaltigen Formen, und das
Mühlwehr unter der Brücke staucht das Wasser zurück, damit der kleine
hinter dem Gasthof gelegene Park und die romantischen Partien umher
in seiner Spiegelfläche kokettiren können. Die kleinen anmuthigen
Naturschönheiten, welche, etwa eine Geviertmeile groß, das Thal und
seine Gehänge umflattern, werden mit ihren Dörfchen und ihren herum
gezettelten Häusern mit einer wahren Musterkarte von Justizverwaltung
in der Art umschlungen, daß, wie z. B. in Zschocken, drei verschiedene
Gerichtsbarkeiten bestehen. Es giebt neben der Königl. Sächsischen
auch Fürstlich Schönburgische, Standesherrschaftl. Wildenfelsische,
Adelig Arnimsche, des Raths zu Zwickau Afterlehnsche und andere Herrl.
Patrimonial-Justizpflege, so daß die Gerichtsbefohlenen für ihr Geld
überall mit Gerechtigkeit versorgt werden können, wenn sie es nicht
vorziehen, ihr Geld in die Lade zu legen.
Wiesenburg.
Von Silberstraße aus verläßt man die Mulde und wandert der Chaussee
entlang nach dem eigentlichen Obergebirge und seinen Fernsichten.
Doch wer eben nicht mit der Zeit geizig zu sein braucht, wird sich
auch vielfach belohnt finden, im Muldenthale fort zu schlendern und
die alten Burgen und Schlösser zu Wiesenburg, Wildenfels, Stein und
Hartenstein zu betrachten, die, wie alte willkürlich aufgerichtete
Wachtthürme, wahrscheinlich unter Kaiser Heinrich dem Vogler gegen den
Andrang der rebellischen Wenden zu Ende des neunten Jahrhunderts erbaut
worden sind und später die Bestimmung erhielten, durch Burggrafen
von Reisenden einen Zolltribut oder wohl auch die ganze Baarschaft
einfordern zu lassen.
Die alte Wiesenburg mit ihren Zubehörungen erkaufte den 2. Nov. 1663
der Churfürst Johann Georg II. um 65,000 Thlr. von Philipp Ludwigen
Erben zu Norwegen. Die Ueberbleibsel von der ehemaligen, vielleicht
sehr stattlichen Burg wurden bis vor etlichen Jahren für den Sitz des
Justizamtes benutzt, welches in einem finstern Parterrneste sich im
Sehen übte, wie die Eulen in der Dämmerung. Ein alter unbehülflicher
Thurm und ein niedriges, aber langgestrecktes Mauerwerk konnte
mit einem gummiguttifarbigen Staubmantel, mit dem man denselben
wunderlicher Weise vor mehreren Jahren bekleidete, nur verlieren. Die
Gebäude des fiscalischen oder sogenannten Kammergutes, das ehemalige
von Nostitzische Sommerhaus, so wie daß hier der rühmlich bekannte
Dichter und Defensor Döhnel seine Lieder singt und Vertheidigungen
schreibt -- lassen eine angenehme Erinnerung zurück.
Zu der Menge von Burgen und Schlössern, welche sich an den Ufern der
Mulde erheben, gehört auch
Wildenfels
mit nicht viel mehr als 1200 Einwohnern in 145 Häusern. Wer und wenn
das Schloß erbauet -- ist nicht genau bekannt. Lehmann in seiner
Chronik sagt, daß dasselbe im Jahr 1410 Konrad von Tettau besessen
habe. Die Bauart der Schlösser an der Mulde läßt wohl vermuthen, daß
sie damals eine andere Bestimmung hatten, als den Reisenden aufzulauern
und denselben Hab und Gut abzunehmen, wie mehrere Geschichtschreiber
glauben. Im 4. Jahrhundert haben offenbar die Hermunduren das
Schönburgische Gebiet bewohnt, und nach ihnen sind die Thüringer
aufgetreten, bis auch sie von den Slaven vertrieben wurden, welche
beinahe ein ganzes Jahrhundert die Schönburgischen Gaue cultivirten und
unter fränkischer Herrschaft gegen einen Tribut gesichert fanden, bis
die Sorben, welche man zur Annahme der christlichen Religion zu zwingen
gedachte, gar böse Händel gegen die Franken, Sachsen und Thüringer
anfingen, welche zu rohen Aufständen ausarteten und so lange blutige
Kämpfe mit abwechselndem Glücke herbeiführten, bis Heinrich I., Herzog
von Sachsen, gegen sie auftrat und ihre Selbständigkeit bald ganz
vernichtete. Dabei ließ er es aber nicht bewenden, die Sorben für die
Gegenwart unterjocht zu haben, sie sollten es auch für die Zukunft
bleiben. Deshalb führte er überall zu ihrer Bewachung Burgen auf und
legte deutsche Kolonien unter ihnen an. Darum sind die alten Burgen und
Schlösser als Denkmäler der rohen Vorzeit zu betrachten, insoweit sie
nicht im baulichen Wesen und für die Wohnlichkeiten der Fürsten, Grafen
und Adeligen in der Gegenwart erhalten worden sind. Die neuere Zeit hat
es auch möglich gemacht, daß bürgerliche Geldaristokratie derartige
Schlösser und Burgen erwerben kann, und man will wissen, daß hier und
da der Tribut von den Dingpflichtigen auf gleiche Weise eingebracht
wird, wie die ehemaligen Burggrafen zu thun gewohnt waren.
Wildenfels oder vielmehr das benachbarte Kalkgrün ist übrigens noch
bekannt wegen des schwarz- und weißgeaderten und bunten Marmors,
welcher für Bildhauer hier gebrochen, der Abgang hingegen zu Kalk
gebrannt wird, wodurch die Gegend umher an Lebendigkeit und Erwerb
gewinnt. Wildenfels hat einen Lehnshof, bei welchem hin und wieder
solche alte Lehnsschnörkel noch bestehen, welche der neuern Zeit nicht
zusagen. So muß z. B. der Lehnträger des sogenannten Gotteswald in
Lößnitz Jahr für Jahr Tags vor Michaelis früh vor Sonnenaufgang im
Lehnshof Wildenfels erscheinen und mit vier weißen Pfennigen die Lehn
am Gotteswald erneuern.
Das
Schloß Stein mit seinem nachbarlichen Schlosse Hartenstein,
welches erstere kaum ein Stunde Weges von Wildenfels entfernt liegt,
macht einen interessanten Eindruck, der mehr der Ueberraschung
angehört, wenn man in das Innere der Burg eintritt und sich in einen
in Felsen gehauenen Speisesaal versetzt sieht, welcher in heißen
Sommertagen ehemaliger herrischer Größe Kühlung zum Gelage darbot.
Gegenwärtig wird ein Theil der innern Räumlichkeiten für ökonomische
Zwecke benutzt, während die dem Verfalle entgegengehenden übrigen
Parzellen Marder und Ratten, zum Schrecken des Federviehes und zum
Nachtheil aller freß- und eßbaren Dinge, als würdige Repräsentanten
längst vermoderter Herrlichkeiten bewohnen.
Hier führt eine eiserne Brücke über die Mulde, welche die Gegenwart
hervorgerufen hat. Von den Passanten wird ein mäßiger Brückenzoll
erhoben, welcher aber mehr für den beträgt, der das am linken Ufer
gelegene Schweizerhäuschen nicht umgehen kann; denn es ist keine
Sennerei, wo man Molkenkur, wohl aber Wein, Schnaps und Bier, öfters
auch Concert und Schmäuse findet. Die Herrschaft Stein war ehedem nur
ein Schloß und Rittergut, welches zur Grafschaft Hartenstein gehörte.
Von den Besitzern der letztern wurde gedachtes Schloß Stein unter
andern an die Herrn Trützschler von Eichelberg verafterlehnt. Als
aber dieses Geschlecht ausgestorben war, fiel dasselbe als eröffnetes
Lehn nebst Oelsnitz den Herrn von Schönburg anheim. Im Jahre 1632
übernahmen dasselbe Otto, Veit und Albrecht der obern Linie um 23,000
fl.
Nach Veits Absterben ward Otto Albrecht einziger Besitzer und
vererbte es an seinen einzigen Sohn Ludwig. Nach dessen Tode im Jahre
1701 sollte jeder von seinen vier Söhnen eine Herrschaft bekommen,
gleichwohl waren deren nur drei vorhanden. Es wurde daher ein Theil
von der Grafschaft Hartenstein abgerissen, zu dem Rittergute Stein
geschlagen und zu einer Herrschaft erhoben, -- so ohngefähr wie
sich heut zu Tage kleine Dynasten den Rang »Königl. Hoheit« selbst
ertheilen, -- welche Ludwig Friedrich erhielt, bei dessen Nachkommen
sie sich noch gegenwärtig befindet.
Nur durch die mannigfaltigen Besitzveränderungen lassen sich die
wunderlichen Jurisdictionsverhältnisse der Schönburgischen Besitzungen
erklären, welche den Unterthanen zugewiesen sind. Ohngefähr 1702 ist
das Amt Stein nach Lößnitz verlegt worden.
Die Prinzenhöhle am rechten Ufer der Mulde ist aus der Geschichte des
sächsischen Prinzenraubes 1455 und daß sich Wilhelm von Mosen und
Schönfels mit dem Prinzen Ernst sich in derselben bis zur Ablieferung
verborgen hielten, hinlänglich bekannt; auch hat man von derselben,
sowie vom Schlosse Stein und Hartenstein, Bilder mancherlei Art.
Zwischen Stein und der Prinzenhöhle zieht sich ein enges Thal hinauf
nach Hartenstein und Thierfeld, welches sich in der Nachbarschaft des
Oertchens Raum ausmündet. Es wird das Tiefthal genannt und ist in
demselben seiner Erstreckung nach periodisch auf Quecksilber gebaut
worden, ohne auf nachhaltige Anbrüche zu kommen, die dem Aufwand
entsprochen hätten. Die Spuren von vorkommendem Zinnober sind daselbst
seit 1566 schon bekannt, und da das bergmännische Sprüchwort: Erz führt
wieder zu Erz -- nicht ohne Bedeutung ist, so läßt sich vermuthen, daß
später geregelter Bergbau seine Seegnungen mit sich bringen wird.
Auf einem gegen 1300 Fuß hohen, aus Thon- und Chlorit-Schiefer
bestehenden Berge, welcher der Baslerberg heißen soll, ruht die alte
weitläufige Burg
Hartenstein
und schaut hernieder auf seine Wälder und schöne Wildstände, von
welchen ersteren sich die Mehltheuer mit ihren herrlichen Buchen, unter
welchen Botaniker interessante Pflanzen finden sollen, auszeichnet.
Die Geschichte weist zurück auf ihre ehemaligen Besitzer bis auf die
Burggrafen von Meißen aus dem Wolfersbach-Hartensteiner Stamm, Meinher
oder Meinhard I. u. s. w. bis auf Alfred Fürsten von Schönburg, welcher
in diplomatischem Beruf für das Kaiserhaus Oesterreich in Stuttgart
lebte, vor einigen Jahren starb und seine Grafschaft Hartenstein
an seinen Bruder, den Fürsten Victor zu Schönburg-Waldenburg,
wahrscheinlich durch Vergleich mit den Gleichberechtigten,
vererbfällte. Die rühmliche Baulust des Letztern wird hoffentlich das
hier und da defect gewordene Schloß nach seiner geschmackvollen Weise
in der Architectur wieder stattlich herstellen.
Die Schönburgischen Receßherrschaften mit Wildenfels zählten mit
Schluß des Jahres 1837 eine Bevölkerung von 201,480 Köpfen, deren
professioneller Verkehr hauptsächlich in Weberei und Strumpfwürkerei,
mithin in periodischem Wohlleben und Darben besteht, wogegen Landbau
und Viehzucht ihre Seegnungen nie ganz versagen.
Der Wanderer, dem es hauptsächlich darum zu thun ist, die Anmuth der
Natur zu genießen und die Ueberbleibsel der Bauwerke längst verronnener
Jahrhunderte zu betrachten, wird es nicht übel aufnehmen, wenn ihn
der kundige Führer über Wildenfels zurück bringt und die Chaussee von
Zwickau nach Schneeberg zu erreichen strebt, welche durch das obere
Ende des Wildenfelser Dorfes Weisbach führt. Hier liegen sieben
Gasthöfe auf einem engen Raum zusammen, wie Schiffe auf der Rhede, und
legen ihre Schröpfköpfe an die oft magern Geldkatzen der Fuhrleute, was
wenigstens für die aufwärts fahrenden Frachtwagen nicht zu vermeiden
ist, weil Alles Vorspann haben muß und die Wirthe dafür sorgen.
Von hier aus genießt man eine weitgedehnte Aussicht nach Nord und West
und übersieht die Dörfer Härtensdorf, Grüna, Schönau, Zschocken und
mehrere andere mit ihren weitgestreckten Fluren, welche ringsumher eine
auffallende mordorérothe Farbe haben, wie sich der Kobaltinspector
Beyer in seinen Beiträgen für Bergbaukunde ausdrückt, was theilweise
von dem dort häufig vorkommenden purpurrothen Mandelstein und
Eisenthontrümmern herrühren mag. Hinter dem sogenannten Kuchenhäuschen
an der Chaussee, wo Kaffee, Kuchen und Windbeutel zu haben sind, zieht
sich ein mit Wald bedecktes Gebirge, der kleine Hirschstein genannt,
empor, von dessen Gipfel aus sich eine Fernsicht nach Leipzig, in das
Voigtland und nach den Reußischen Länderchen eröffnet, welche, wenn es
die Klarheit der Atmosphäre gestattet, nicht unbeschaut und unbewundert
bleiben darf. Fast ringsumher eine endlose Ebene, ein trocknes Meer,
auf welchem in größerer Entfernung Städte und Dörfer, Laubhölzer und
lange Zeilen von Alleen, vielleicht an Kunststraßen, in kürzern oder
längern Streifen wie Seetang erscheinen und an dem entferntesten Saum
des Himmels verschwimmen. Nicht fern vom Standpunkte des Beobachtet
steigt ein dicker, riesenhafter Mast aus seiner Hafenstadt empor und
überschaut das Küstenland rund umher; es ist -- der 268 Fuß hohe
Marienthurm von Zwickau. Wir steigen an dem südwestlichen Abhange
hernieder und machen einen Abstecher nach
Kirchberg.
Ein in enge Granitschluchten zerrissenes Terrain zwischen dem Geiers
und Borsberg bewohnen etwa 3940 Menschen in circa 430 Häusern.
Der Haupttheil des Städtchens dehnt sich ziemlich steil auf einem
Granitkegel hinauf und hat sich mit Thor und Mauern gesichert,
gegen wen? weiß Niemand, während die übrigen Wohnungen bald enge,
bald wunderlich verzettelt in den kleinen Thälern mit herkömmlicher
Behaglichkeit in mancherlei Baugeschmack umhergeschoben sind. Ein Stück
draußen im freien Feld hat sich seit einigen Jahren ein stattliches
Gebäude erhoben, in welchem das Königl. Landgericht seinen Sitz hat. Es
ist Schade, daß die erforderlichen Räumlichkeiten für diese wichtige
Justizpflege nicht in der Stadt ermittelt werden konnten. Wer Kirchberg
zum ersten Male sieht, wird geneigt zu glauben, daß es ein großartiges
Schießhaus für den Ort sei, oder zwischen der Stadt und dem Landgericht
die Heimathsangehörigkeit noch streitig ist. Für die Einwohnerschaft
Kirchbergs wäre auch das Landgericht in conversioneller Beziehung
offenbar nützlich gewesen, wenn es inmitten ihrer Häusergruppen
Platz fand, da derselben bei aller ihrer Gemütlichkeit von frühern
Zeiten her manche Gelegenheit abgehen mußte, gleichen Schritt mit den
Richtungen des Volkssinnes zu halten. Die Menge von Tuchrahmen, welche
überall an sonnigen Stellen errichtet sind, lehret schon von weitem,
daß Tuchmacherei und Färberei die Hauptnahrung im Orte ist und eine
hervorragende Wohlhabenheit im Verhältniß zu dem gesammten Bürgerthum
errungen hat. Das Weißbier Kirchbergs ist eben so weit und breit
berühmt, als es verschroten und schon lange Reihen von Jahren nach
Leipzig verführt wird. Deshalb findet man auch die weißbierdurstige
Einwohnerschaft zu Kirchberg im Arbeitsnegligee sehr fleißig in
ihren Schenkstätten, wo sie die Lebendigkeit ihrer Unterhaltung in
Cigarrendampf hüllen und gerne dem eintretenden Fremden das schaumige
Glas präsentiren. Doch wir eilen weiter und nehmen den Weg nach
Grießbach und der goldenen Höhe, von wo aus ein ganz anderes Panorama
nach dem Obergebirge ausgebreitet liegt, welches mit der Fernsicht
nach Zwickau nichts gemein hat. Zunächst im Vorgrunde liegt
Schneeberg
mit seiner etwa aus 6700 Köpfen bestehenden Einwohnerschaft. Was über
diese Stadt, seinen Bergbau, Gewerbsweisen und politischen Zustände
gesagt werden kann, findet sich umständlicher in Karl Lehmanns
Chronik der freien Bergstadt Schneeberg vom Jahre 1837, als der Zweck
vorstehender kleinen Schrift es zu wiederholen gestattet. Die Stadt
Schneeberg fand ihre Entstehung theils in dem nachbarlichen, theils
in dem Reichthum der erschürften Silbererze in dem Stadtberge und am
Fuße desselben, eben so wie fast alle Bergstädte des Obererzgebirges.
Es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Bergbau in und um dem ältern
Nachbarörtchen -- Neustädtel -- früher im regen Aufschwunge war, als
Schneeberg zur Stadt wurde, die 1517 Fuß über dem Meer liegt.
Die Geschichte hat ein seltenes Beispiel von reichem Seegen des
Bergbaues auf der Grube St. Georg in Schneeberg aufbewahrt, welches
wohl kaum seines gleichen wieder gefunden hat. Auf gedachter Grube, in
der Nachbarschaft der jetzigen Stadtkirche nehmlich, kam man im Jahre
1477 auf eine Masse gediegenen Silbers, 1 Lachter (3½ Elle) lang und
breit und ½ Lachter hoch, welche 400 Centner wog. Herzog Albert speiste
auf dieser riesenhaften Erzstuffe, welche nothdürftig zum Sitzen
vorgerichtet worden war, und äußerte dabei: »Unser Kaiser Friedrich
ist zwar gewaltig und reich, ich weiß aber doch, daß er jetzt keinen
solchen stattlichen Tisch hat.«
Es konnte nicht fehlen, daß, durch solche Seegnungen des Bergbaus
aufgefordert, sich die Gegend sehr bald bevölkerte und eine Stadt
entstehen ließ, welche an Gewerblichkeit in eben dem Verhältnisse
gewann, als die Bereitung des Kobalt zur blauen Farbe entdeckt und für
Jahrhunderte hinaus den Bergbau in freudigem Umtriebe und dem Bergvolk
selbst ein stabiles Auskommen versprach. Hatten früher die reichen
Silberbrüche den raschen Betrieb des Bergbaues ins Leben gerufen, so
mußte dieser allmählig erschlaffen, wenn die Bergleute fast allerwärts
statt auf Silber auf Kobalt trafen, den doch Niemand zu benutzen wußte;
sie nannten ihn deshalb: Silberräuber, verweßtes Silber u. s. w. und
ließen sogar in der Kirche zu Neustädtel Gott bitten, daß er sie vor
Kobalt bewahren möge. Und wenn der Bergmann traurig von der Grube kam,
sagte man: »er hat den Kobalt gesehen,« weshalb derselbe in jener Zeit
für ein Gespenst oder sonst für eine unheimliche Vision gehalten wurde.
Jetzt ist es anders; denn wenn auch das Ausbringen an Silbererzen nur
periodisch auftritt, so sind die Reichthümer an guten Kobalten doch für
späte Zeiten hinaus um so beharrlicher, als sich fast kein europäisches
Land in Ansehung der Qualität und Quantität mit Sachsen messen kann.
Daher erklären sich die vielen Kobaltpaschereien nach dem benachbarten
Böhmen, wo er in schlechterer Beschaffenheit zwar vorkommt, aber durch
sächsischen erst zu einer guten Waare verarbeitet werden kann[4].
Die Ergiebigkeit des jugendlichen Bergbaues und die Vermehrung des
Bergvolkes wurden zur Ursache für die Erbauung und Erweiterung der
Stadt Schneeberg, für Anlegung und Ausbreitung des Handels und Wandels,
sowie für die Gewerblichkeit des Bürgerthums, um dem Bedarf ringsumher
zu gnügen, wozu sich sehr frühzeitig eine Art luxuriösen Lebens in
Kleidung und Haushalt gesellte; denn Melzer in seiner Beschreibung von
Schneeberg sagt schon im Jahre 1684:
»Eine andere Nahrung hatte man auch weyland von Schleierwirken, davon
auch mancher zu guten Mitteln kam, massen denn sonsten anderswo in
keiner Stadt dergleichen Gattung mehr, als hier gemachet und ausgenehet
worden sind. Aber nunmehro ist an dieser Stadt das Klippeln und der
Spitzenhandel kommen.«
Noch jetzt ist die Stadt an Nahrungsquellen geseegnet und übt ihre
Ueberlegenheit über einen weiten Umkreis hier mehr dort weniger
gedeihlich aus, so daß inmitten des Reichthums und der Wohlhabenheit
eine namhafte Schaar Arme wie Fliegen an einem Milchgeschirre kleben,
um wenigstens den Geruch vom Inhalte einzuziehen. Es ist überall eine
traurige Folge, daß, je größer und wohlhabender eine gewerbliche Stadt
oder Ort ist, in welchem ein üppiges Leben in luxuriösen Gebäuden
geführt, Kleiderpracht und Möbelwesen zur Schau getragen und kokettirt
wird, der Pauperismus wie Schmarotzerpflanzen in gleichem Schritte
wuchert. Die Macht des Beispiels und der Drang zur Nachahmung in
Kleidung und Kost, sowie die Sucht in rauschenden Vergnügungen, häufig
auf Kosten der Gesittung, machen den Boden aus, auf welchem die
Mittellosigkeit um sich greift, die Arbeitslust verkümmert und den
kleinen, aber doch zufriedenen Hausstand für ein Siechthum erzieht,
aus welchem keine Hoffnung für Genesung hervorgeht. Und wenn die
dicke Bevölkerung des Obererzgebirges in den Fabriken, Manufacturen
und eigentümlichen Gewerbsweisen, die man fast allerwärts antrifft,
ihren Grund hat, mithin viele fleißige Hände, bei magerem Verdienst,
in Anspruch genommen werden, auf welche der wohlhabende und mit allen
Lebensbequemlichkeiten ausstattete Principal herabschaut und daneben
sich in Speisen und Getränken aus allen Zonen der Erde mit den Seinigen
ein Gütliches thut: so kann es nicht fehlen, daß die Arbeiter beiderlei
Geschlechts, die, wie ihre Altvordern, bis zum Grabe im Schweiß des
Angesichts ihr Brod essen und Cichorienkaffee trinken, auch bei der
Langsamkeit des Fortrückens auf den Stufen der Cultur, ebenfalls von
einer Sehnsucht nach Lebensgenüssen ergriffen werden, der sie sehr
bald, wenn auch nur in vermindertem Maaßstabe, zum Opfer verfallen.
Aus diesen Zuständen geht der eigentliche Pauperismus hervor, der
unheilvoll sich mehrt und allen Behörden Sorge und Noth bereitet,
Verbrechen brütet, gegen welche keine Strafanstalt schirmt und kein
Besserungsverein die Rückfälle mindert.
Das gemeine Bergvolk (versteht sich, im bessern Sinne des Wortes) macht
die Handlanger zwischen dem Seegen der Erde und den Gewerkschaften
der Blaufarbenwerke, ohne je eine Aussicht zu haben, für sich und
ihre meist zahlreichen Familien im Verlauf einer Woche ein Pfund
Fleisch in dem Topf zu sehen[5]. Ob es nicht ein gegen den Erz- und
Kolbaltpasch sehr heilsames Mittel wäre, wenn der gemeine Bergmann
einen Groschen mehr Schichtlohn bekäme, um sich dadurch vor Noth und
Sorge zu schützen, mögen wir nicht entscheiden. Und wenn die Klöppel-
und Nähmädchen im gleichen Verhältnisse zu ihren wohlhabenden, oft
reichen Spitzenherrn, Factoren und Verkäufern stehen, wie die gemeinen
Bergleute zu den Seegnungen ihrer Reviere, und jene täglich mit einem
wohlbesetzten Tische versorgt sehen: so stellt sich die Sehnsucht
heraus, wenn auch unter sehr modificirten Formen, ebenfalls ein
genußreicheres Leben zu führen, und sollte es mit gänzlicher Zerrüttung
des Hausstandes und auf Kosten der Gesittung verbunden sein.
Zwar kann Schneeberg der Sinn für Wohlthätigkeit und die Sorgfalt der
obrigkeitlichen Armenpflege nicht abgesprochen werden; allein für
die immer noch im Wachsen begriffene Schaar von Mittellosen -- aber
Genußsüchtigen -- kann von namhaften Summen aus dem Armenfonds doch nur
eine kleine Dividende ausfallen, wie überall im Obergebirge, wo sich
die Bevölkerung um diese oder jene Gewerbsweise dicht zusammengedrängt
hat. Der sogenannte Mittelstand, d. h. solche Familien, welche bei
mäßiger Regsamkeit ihren Hausstand aufrecht erhalten, ohne Schulden
zu machen, ihr Glas Bier trinken und zum Sonntag »ein Huhn im Topfe«
haben, ist im Verhältniß zu denen, welche bei aller Thätigkeit
doch kaum das liebe Leben hinbringen, viel zu selten, als daß er
einen erquicklichen Uebergang von Reichthum und Wohlhabenheit zu
dem Pauperismus bilden könnte, vielmehr erscheint ersterer immer in
schroffen Gegensätzen zu letzterm und nöthiget dem Unpartheiischen die
Wünsche zur Abhülfe ab, ob er schon nicht weiß, wie dies anzufangen ist.
Wir verlassen die sonst freundliche Stadt, wo jeder Fremde eine
fidele Aufnahme findet, und gehen auf der südlichen Seite des
Schneeberges nach dem ausgedehnten Neustädtel hinab. Blicken wir
zurück, so sehen wir, daß Schneeberg am südlichen Abhange seine Häuser
reichlicher ausgebreitet hat, als am nördlichen Abfalle; denn wie ein
Kurzwaarenhändler in der Jahrmarktsbude feine Nürnberger Häuserchen in
schiefer Richtung aufterrassirt hat, um das Bunterlei den Kauflustigen
entgegen zu stellen, ebenso haben sich in ordnungsloser Bequemlichkeit
zwischen Baumgruppen und Blumengesträuch eine Menge Wohnungen auf- und
übereinander gekästelt, um die Wärme der Sonne und die Aussicht auf das
sogenannte Gebirge zu genießen, wo hauptsächlich ihr Silber-, Kobalt-
und Wismuthreichthum im Abbaue begriffen ist.
Kaum eine Viertelstunde Wegs von Schneeberg hat Neustädtel seine 268
Häuser, welche ohngefähr 2500 Menschen bewohnen, in eine lange etwas
unregelmäßige Haye aufgestellt und läßt Jahr für Jahr In- und Ausländer
in den mannigfaltigsten Verrichtungen auf der zwischen hinlaufenden
Chaussee die Revue passiren. Rings um das Städtchen erheben sich
Zechenhäuser, Kauen und Göpel mit hoch aufgestürzten Halden und
gewähren eine wohlansprechende Lebendigkeit.
Von hier aus nach Eibenstock erhebt sich das Gebirge, welches unter
dem Namen der »Zschorlauerhöhe« bekannt ist, und bald gelangt man
in ein flachmuldiges Thal, welches die Abfallwasser von dem großen
und tiefen Filzteiche hinab nach Zschorlau führt. Dieser Teich,
welcher hauptsächlich die Wasser für Künste, Pochwerke und Wäschen im
Bergwerksreviere liefert, richtete am 4. Februar 1784 durch seinen
Dammbruch ein großes Unglück zu Zschorlau und Auerhammer an. Nicht
genug, daß die Fluth in beiden Orten 7 Häuser mit Vieh und Habe von
Grund aus wegriß und 30 beschädigte: es fanden auch 18 Menschen den
Tod. Diese ungeheuere Wassermasse spürte man noch, als die damit
bereicherte Mulde die Elbe bei Dessau erreichte.
Kaum ist dies flache Thal, durch welches das Gewässer des Filzteiches
seinen verderblichen Weg genommen hatte, überschritten, so beginnt der
grobkörnige Granit, welcher den ganzen Landgerichtsbezirk Eibenstock
einnimmt und häufig noch weit hinaus sich erstreckt. Daher kommt es
auch, daß die Chausseen durchgängig in einem vortrefflichen Zustande
sind und zur Unterhaltung den Aufwand bei weitem nicht so steigern,
wie es in dem Schieferterrain ganz unvermeidlich ist. In diesen
Granitbezirken ist die Natur ernster und rauher, als alle die Gegenden,
die wir von Zwickau durchwandert haben. Wie ungeheure Ladschober in
der Heuerndte, reihen sich die Granitberge, meist in Kegelabschnitten,
dicht aneinander und lassen ihre Mäntel, von Fichtengrün, hinab auf
ihre verschränkten Füße rollen, welche Forellengewässer bespült. Von
Burkhardtsgrün
aus hat man bei der Chausseegeldereinnahme eine Fernsicht auf das
sogenannte sächsische Sibirien, welches diese Benennung in keinerlei
Weise verdient. Hier und ringsumher ist der Vogelfang üblich und, wie
in andern Gebirgsländern, zu einer Leidenschaftlichkeit ausgebildet,
daß der Fang eines Stiglitz, Hänfling, Buchfinken u. s. w. gegen halb
oder ganz erfrorne Hände und Füße viel höher steht. Nicht leicht wird
es in der Gegend umher, und namentlich in Schönheide, Stützengrün,
Hundshübel und mehreren Orten, eine bewohnte Stube geben, wo nicht
eine Schaar Vögel in engen Käfigen gefangen gehalten werden. Besonders
ist den Hammerschmieden der Krinitz oder Kreuzschnabel von hoher
Wichtigkeit, und sie glauben, daß er, wie in andern Gegenden das
Meerschweinchen, den Krankheitsstoff von siechen Kindern in sich
aufnimmt, weshalb sie diesen Vogel mit seinem engen Häuschen, in
welchem er sich kaum drehen kann, unter die Wiegen derselben stellen.
Wer versichern will, daß er bei einem Hammerschmied gewesen sei, ohne
einen Krinitz bei ihm gesehen zu haben, wird immer den Verdacht einer
Lüge auf sich laden.
Das einsilbige Wörtchen »Grün« bezeichnet allezeit den geebneten und
ovalrund zubereiteten Platz, auf welchem ein Vogelheerd eingerichtet
ist oder werden soll, und da das Obergebirge und das Voigtland
eine sehr bedeutende Menge von Ortschaften zählt, die sich mit
-- grün -- endigen, so liegt es sehr nahe, daß in frühern Zeiten
die vorgerichteten Stellen, welche man mit Wohnungen zu bebauen
gedachte, ebenfalls das »Grün« geheißen, wie wir es von den Harzer und
Fränkischen Uebersiedlern wissen, welche ihre Bauplätze ausrodeten,
Steingerölle ausreutheten und dann die Namen Alberode, Wernigerode,
Freireuth, Berreuth u. s. f. in Gebrauch setzten, wie es schon früher
die Sorben und Wenden gethan hatten.
Doch wir verlassen dieses Dörflein mit seinem Läppchen
Patrimonialgerichtsbarkeit und dem nachbarlichen Steinberg, welcher
sich 2102 Fuß über das Meer erhebt, und steigen der Chaussee entlang
hinab in das Thal der Mulde, wo wir noch einige Häuser als Ueberreste
des ehemaligen Hammerwerks Wolfsgrün oder Rothenhammer treffen. Die
Chaussee, welche in gerader und steiler Linie herabführt, hat
mehrmals dem Fuhrwesen Unglück zugefügt, was die Straßenbaucommission
bewog, sie theilweise an beiden Thalgehängen abzuwerfen und in
sanfte Krümmungen zu bringen. Leider giebt es noch viele solche
Straßenschnitzer, die hoffentlich nach und nach ausradirt werden, wie
wir wegen der Thierquälerei hoffen dürfen.
Es ist der Mühe werth, wenn wir einen kleinen Abstecher machen und das
kaum eine Viertelstunde von hier entfernte
Unterblauenthal
besuchen, welches ein gewisser ~D.~ Plawe aus Leipzig vor Jahrhunderten
zu einem Hammerwerk erbaute.
[Illustration:
N. d. Nat. v. F. König.
Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.
BLAUENTHAL]
Es kann sein, daß damals dieses zwischen schroffe Granitberge
eingebettete wunderliebliche Thal grausenhaft wild und wenig einladend
für eine Ansiedelung gewesen ist; allein die damalige Zeit hatte auch
die Erziehungsweisen nicht, durch welche der Sinn für Naturschönheiten
angeregt und dafür empfänglich gemacht wird. Dieses Hammerwerk besitzt
gegenwärtig Herr Reichel aus Leipzig, von welchem wir den Reichelschen
Garten kennen, und unser Blauenthal ist somit in die rechten Hände
gekommen, welche das Nützliche mit dem Schönen zu vereinigen wissen.
Um die hübsche Villa -- hier das Herrnhaus genannt, wie auf allen
Hammerwerken -- liegen anmuthige Gärten und Gewächshäuser, fleißig
bearbeitete Felder dehnen sich über hohe Berge hinauf, und nützliche
Bäume schießen an Wegen, Ecken und Winkeln empor, die Parthien
annehmlicher zu machen.
Die große Bockau eilt rauschend aus ihrer Felsenschlucht heraus,
dreht hastig an dem Räderwerk des Hohofens und der Mühle und eilt der
Mulde zu, an deren Gewand sie sich hängt und mit ihr, anständigen
Wandels, kosend und sorgenlos dahin wallet, wie ein Sterblicher, der
die Schicksale seiner Zukunft nicht kennt. Kleine Tagewässer und
Quellen steigen von hohen Bergen hernieder, wässern den Blumenschmelz
der Wiesen und Berggehänge, wachsen unterwegs, bis sie die Ufer der
Bockau und Mulde erreicht haben, über welche sie sich überkugelnd
werfen, um ihr Fortun frühzeitig in der Welt zu suchen. Noch andere
kristallhelle Gewässer, in Verhätschelei herangezogen, weichen nicht
leicht von ihrer Heimath, und sollten sie zu Bockbier gekocht werden.
Die Nacht verwandelt dieses herrliche Eisenwerk in ein Feenreich: In
Finsterniß gehüllte Gegenstände werden durch das pausenartige Aufzucken
der Gichtflamme erhellet, wie von fernem Wetterleuchten; den weit
aufragenden Schornsteinen auf den Frisch- und Zainhütten entströmt
garbenförmig glühende Lösche zum Spiel der Winde, und die riesigen
Hämmer tosen durch die Nacht unter Heulen und Pfeifen des Gebläses.
Dem Unkundigen ist es zu verzeihen, wenn er in nächtlichen Stunden
derartige Erscheinungen aus der Ferne sieht, wenn er solche für die
Wehen einer im Anzuge begriffenen Eruption oder eines brennenden
Schwefellagers in der Solfatara bei Neapel zu erklären gemeinet ist.
Am östlichen Abhange der Spitzleithe, welcher aus schönen Granit
zusammengesetzt ist, dessen fleischrother Feldspath ein herrliches
Gemenge bildet, welches für architektonische Zwecke benutzt werden
sollte, liegt ein sehr alter Eisensteinbergbau, welcher noch im
Umtriebe steht; die Mulde fließt an seinem Fuße hin und hat sich ihr
Bette tiefer in die Gebirgsmassen eingegraben, als bei Blauenthal. An
beiden Ufern hat sich der Granit in dicken Ballen aufgespeichert, als
sollten diese verladen und zu Wasser verfrachtet werden; besonders
nimmt sich der Weinstock (eigentlich der Windischknok) wunderschön
aus. Alles ist in dunkles Fichtengrün gehüllt, in und auf welchem die
Sänger des Waldes ihre Lieder der Einsamkeit flöten. Inmitten dieser
Thalung liegt das Schindlersche Blaufarbenwerk, wozu Erasmus Schindler
am 7. September 1650 landesherrliche Concession erhielt und das von
ihm den Namen trägt. Hier giebt es keine menschliche Nachbarschaft,
als die, welche zum Umtriebe des Werkes gehören, und der Rechenwärter
an der Mulde da, wo der Schneeberger Flößgraben seinen Anfang nimmt.
Hier schwebt auch eine überbaute hölzerne Brücke hoch über dem Fluß,
durch dessen Felsen am rechten Ufer ein Weg zur Durchfuhre nach Bockau
gesprengt werden mußte , was eben keine leichte Aufgabe gewesen sein
mag. Von hier aus, etwa 1½ Stunde Wegs rückwärts über Unterblauenthal
erreicht man
Eibenstock[6]