Der lieblichen Fürstin _Helle von
Sontzo_
Der Tempel der Pferde ist der Zirkus, ich meine, jedes Pferd will
spielen, und das heißt auf die Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere
wollen spielen, aber welche Tieraugen brennen vor Begeisterung so tief
wie die des Rappen; die Schimmel sind fromme Pilger oder Heilige.
Päpstinnen, wie Santa Anna, Leo ritt auf ihren unbefleckten, weißen
Rücken zwischen frommen Hecken seiner päpstlichen Gärten. Ich gehe jeden
Monat in den großen Zirkustempel Busch, zu jedem Feiertag der Pferde, zu
ihrem Galadienst. Am liebsten sind mir ihre Feiern ohne vielerlei
Äußerlichkeiten, wenn sie ungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen sich
tanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes Blut feiern nach Herzenslust.
Gefallen lasse ich mir die drei Geschwister Fillis im Zirkus Busch, des
berühmten, französischen Reiters Reitlinge. Die stören den Rhythmus des
Pferdespiels nicht; ihre Gestalten sind selbst schlankgeweiht dem Ritt.
Mademoiselle Fillis, die Schwester der beiden jungen Chevaliers ist
verwachsen, wie ihre Brüder, mit dem Rücken ihres wiehernden Priesters.
-- Mein Vater und meine Mutter ritten durch die Akazienchausseen meiner
Heimat; meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft durch meine Erinnerung
und trägt mir dichterische Gedanken zu, und meines Vaters Hengst setzt
über mein Blut und läßt es aufschäumen. Ich liebe euch, ihr Pferde mit
den langen Seidenschweifen, Atlas ist eure Haut und feuerfarbener Samt
eure Augen. Solche Schönheit ist die Frömmigkeit der Pferde, gezüchtet,
spielfähig und buntgebenedeit. Ich wüßte keine andere Stätte, die den
Namen Tempel der Pferde verdiente, wie den Zirkus. Etwa der Rennstall?
Prostituiertes Pferdepriestertum. »Beten« heißt »Spielen« der Pferde und
gibt es einen lustigeren, weihevolleren Sandtempel, als den Zirkus. --
Hochmütig ihrer Zucht bewußt, schütteln die Herrenpferde ihre Mähnen,
kehren verächtlich dem Liebesäugeln einer dreisten Lastpferdin oder
einer brünstigen Dickschenkelin ihres Pferdevolkes den Rücken. Sie gehen
keine Mesalliance ein. Glücklich macht mich der Anblick eines Reiters,
paßt er sich dem Denken seines Trägers an. Wie denkt sein Pferd, sein
wohlgepflegtes Pferd? Trabweise, sprungweise, gallopierend, immer in
Gedanken, treu seiner Bewegung. Und das überträgt sich dem Kavalier und
seiner Dame, Halbpriester der da oben, Halbpriesterin, die auf des
Pferdes Rücken. Voll Spiellust sind die Füllen; jeden Morgen wartete
ungeduldig so ein Nimmermüdes auf mich und meine Schulkameradin. Über
den Zaun auf seine Wiese sprangen wir schulvergessend -- wer von uns
drei wohl am liebsten Zeck spielte! Darum empfinde ich schmerzlich jede
Mißhandlung der Karrenpferde. Bang wie Regen fließen die dunklen Lider
über ihre trüben Augen. Wie denkt so ein Pferd? Kummer bedrückt sein
Herz und beugt seinen verhärmten Kopf. Manchmal tröstet der Braune den
Schwarzen oder der Apfelschimmel die müde Apfelschimmelin. -- Wie
futterfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken die markigen
Erntepferde; an den Seiten des Kopfes tragen sie den blanken
Messingschmuck. Zwei, vier Kinderhände, vom reichen Schulzen die Buben,
halten sich an den Strähnen der Mähne des schnaubenden vierbeinigen
Bauern fest, und einige Plumssäcke liegen auf dem Hinterviertel seines
stampfenden, drallen Pferdeweibs. Ich liebe euch alle, ihr Pferde, auch
die Zwergpferdchen aus Gullivers Zwerglande im Zirkus Busch.