10 Minuten Pause!

»Wie gefällt es dir!« »Es ist wie ein blühendes Abenteuer. Es ist, als

ob ich brausenden, dunklen Wein trinke, und ich vergesse alles was grau

ist und hinkt. Ich sitze in einem bunten, jauchzenden Schoß, und um ihn

herum wachsen ragende Gefahren, die aber lustige Kleider tragen.« Wir

gehen durch die weiten Korridorhallen. Galawagen auf Goldrädern,

Riesendrachen aus Papiermaché, zusammengeklappte Bretterhäuser, Fässer,

allerlei Gerümpel, Kostüme mit Silberfransen, Steinen und Perlen liegen

in übermütiger Unordnung zwischen dem Mobiliar. Wir treten in die Ställe

ein: da stehen die herrlichen Schimmel mit der silberschimmernden Haut

und den Seidenschweifen, wie helle Rosen des Frühfrühlings. Und dort die

finsteren Rappen mit den großen Feueraugen. Eine kleine Treppe führt uns

abwärts in die Stallungen der Elefanten -- diese grauen, schweren

Gebäude aus Fleisch und Knochen mit den winzigen Guckaugenfensterchen.

Als wir wieder auf unseren Plätzen saßen, war die Manege mit eisernen

Gittern umzäunt. Zwei mächtige Löwen schreiten in den Käfig und hinter

ihnen die anderen Könige der Kraft. »Nero! Herkules! Agamemnon!

Odysseus! Hektor! Kambyses! Hierher! Dorthin! Willst du! _Vite, vite!

Ah, mon cher._« -- und dann wieder im gebrochenen Deutsch: »Aben Sie die

Güte, mein Freund.« Mademoiselle Claire, du grausamste Braut! Mit

erhobenem Arm, mit drohender Liebenswürdigkeit beugt sie den Willen

ihrer grimmigen Sklaven. Ihr weißer Hals lockt wie Süßigkeit, ihr

blendender Hals, das Ideal ihrer brüllenden Verehrer. »_Ah, messieurs!_

Hektor, Agamemnon, Kambyses, _dînez s'il vous plaît_.« Und sie tafelt

ihnen blutende Leckerbissen. Das gierige Brüllen und Knurren dröhnt

durch die weiten Räume des Zirkus in aufwachsender Wildheit. Hastig eilt

der Diener herein und wieder heraus aus dem Käfig, Gerätschaften bringt

er, Kugeln, Stangen, Fässer holend, Stühle und Tische -- aus Gauklern

besteht die gefährliche Truppe. »Genug, Madame Claire!« Nero muß sich

noch auf dem Seil produzieren. Gewandt, wie ein Seiltänzer dreht er

sich, in der Mitte des Seiles angelangt, um sich selbst. »Brav gemacht!«

Seine Brüder sind schon alle gefangen in der kleinen Nacht ihrer

Wagenherberge, und er allein liegt noch ausgestreckt, wie im Sande der

Wüste, und schlummert. »Nero, wache auf! Nero, ich muß bitten« -- aber

Nero rührt sich nicht, er öffnet zwar seine gelben Augen -- und ihn auf

den Schultern nach Hause tragend, wie ein müdes Baby, durchschreitet die

furchtbare Heilige, die heilige Kriegerin, eine Siegerin das Eisentor.

Als der Direktor seine zwei Perserhengste vorführte, sah ich zwischen

den Tönen der tanzenden Musik noch die grimmige Pranke Agamemnons, die

nach seiner Schönen ausholte und das schwärmerische Anschmiegen Neros.

Im Eingang der Manege stehen zwei Riesenelefanten, zwei Schulräte an

Ruhe und Würde. Etliche helle und dunkle Pferdchen springen, fleißige

Schulbuben hinter einigen größeren Apfelschimmeln, die ernst und

gravitätisch in der Mitte des Zirkus haltmachen. Aber in fauler

Gemütsruhe spazieren die kleinen Elefanten herbei, und dann ungeduldig

die mutwilligen Zebras mit den glänzenden Streifen auf der Haut. Und nun

laufen sie allesamt in verschiedenem Tempo, als ob sie kanonartig das

Abc singen.

Tatrata tönen die Trompeten und die Hörner, Reiter und Reiterinnen in

ziegelroten Tuchanzügen, galoppieren auf ihren schlanken Rennern über

Zäune und Hecken, dem Edelwild nach, den Hirschen und leichtfüßigen

Gazellen -- und da läuft ja auch der Aujust in rasender Angst durch den

weiten Manegeraum und hinter ihm ein Wild mit einer vielästigen

Geweihkrone. Die Puste jeht Aujusten aus. Er stöhnt, er schreit und

gestikuliert mit allen Vieren. »Herr Stallmeister, retten Sie mir!!!«

Und zum Schluß: Mr. Bob, _the little gentleman_, mit seiner kleinen

sechsjährigen Dame auf dem Pferde ...

Noch in Hut und Mantel stehen die Zuschauer vor ihren Plätzen. -- Es

kann doch eigentlich noch gar nicht aus sein -- tuuht, tuuht! Über die

Manege des Zirkus senkt sich schwer von der Decke des Zirkus eine

Riesenfeuerglocke. Aujust ist durchgebrannt!! Rotumhüllte Clowns, wie in

Glut gebadet, wandeln knurrend über den Sand, immer auf und ab; die

Anführer tragen Aujustens Herz aus kariertem Zucker auf einem roten

Kattunkissen. Aber da steht er ja oben auf dem Olymp: »Aujust, sollst

mal runter kommen!« schallen tausend Stimmen durcheinander -- aber

Aujust steht drohend aufgerichtet, seine Nase ist weiß und spitz wie

eine Nadel, seine Augen sind wutrot aus den Höhlen getreten. Düstere

Zettel fliegen auf das Publikum. Er streikt, er beansprucht im Namen der

Clowngesellschaft mit beschränkter Haft erhöhten Lohn -- er droht mit

juten Witzen. Und mit einem langen Purzelbaum setzt er über unzählige

Köpfe lachender Hörer hinweg durch eine der Ausgangstüren. -- Die vielen

Lichter werden trübe, wie müde Augen -- ich und mein Begleiter sind die

letzten der Aufbrechenden -- der große Zirkus ist ganz allein.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 68 / 87 题