Marie Böhm

Ecke Französische und Charlotten-Straße lachen aus einem der Glaskästen

schöne, weiße Zähne, zwischen frischen Lippen in Mädchengesichtern.

Manche von den jungen Schauspielerinnen offenbaren ihre ureigene

Begabung, denn ihre Perlmutterhecken sind gar nicht erschaffen, am Abend

hinter zuckenden Lippen versteckt zu schimmern. Über dem Atelier von

Marie Böhm scheint auch der Himmel zu heiter; die wundervolle

Photographin kann nicht genug Vorhänge über die Sonne ziehen, die macht

immerfort ein freundliches Gesicht. Marie Böhm ist die Eigentümerin des

kunstphotographischen Ateliers Becker und Maaß. Man kann sich ohne

Gefahr vor Entstellung vor ihren Apparat begeben. Marie Böhm weiß im

richtigen Augenblick den Blick vom Auge zu nehmen. »Der nichtssagendste,

ausdrucksloseste Mensch hat einen Augenblick, den muß man eben

festhalten.« Ihre lieben, blauen Augen strahlen, als sie das antwortet.

Ich verstecke mich unter einem Tisch hinter langen Laubgewächsen, um aus

meiner Froschperspektive einige Aufnahmen zu beobachten. Daß das nicht

angehe, meint Fräulein Böhm -- schon naht das Brautpaar, ich rufe ihr

aus meiner Lage zerstreut zu, sie soll sagen -- im Fall -- ich bin Arzt

und interessiere mich für neuartige Operationen. Diese Ideenverwirrung

stammt von meinem Vater her, er verwechselte immer das Zahnziehen mit

dem Photographierenlassen. Beides hat so was mit dem Herausholen zu tun

-- und -- »der eine Augenblick«. Marie Böhm aber hat keine Zange in der

Hand. Bräutigamundbrautumschlungen sitzen die beiden auf der Bank und

drehen ihr den Rücken zu; ihre Gesichter blicken sich auf einmal nach

etwas um. Ob sie mich quaken hören! -- »Danke!« Zweite Aufnahme. -- Für

die Photographien müßte es auch eine Welt geben aus gediegenem

Silberoxyd im Krinolin. Das Album ist aus der Mode gekommen, darin sich

das photographierte Onkeltantengeschlecht zum Aufblättern befand; es

stirbt nicht aus. In Schalen liegen all die Pietäten, Frauen, die sich

auch schon Löckchen drehten. Nun sind unsere Kleidersäcke zugebunden.

Auf den spätverwandten Bildern stehen die Röcke weit in Runden. Ihre

Augen aufgetan in Todesangst -- den Augenblick zu greifen, heute hascht

ihn die Photographie wie einen Schmetterling vom zwanglosen

Sichgehenlassen. Und gerade meine liebe Marie Böhm ist eine so große

Photographin -- sie photographiert auch ohne Apparat gerade mitten in

der Sonne mit geschlossenen Augen, wie der Maler malt ohne Pinsel im

Spazierengehen, im Anblick, im Nachsinnen. Wenn ich ihr gegenüber sitze,

wartet sie auf die Falte zwischen meinen Brauen.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 52 / 87 题