Sire, Sie möchten etwas aus unserem Café wissen, aber unser Café ist
schon seit ungefähr Pfingsten nicht mehr unser Café. Gestern las ich in
einer Chicagoer Zeitung, die mir meine Schwester aus Amerika sandte,
schwarz auf weiß, warum unser Café nicht mehr unser Café ist, bitte
hören Sie, Sire. »Früher war das Stelldichein all dieser »Radikalen« das
Café Größenwahn. Aber eines Tages verbot der Besitzer der Dichterin Else
Lasker-Schüler, die zu diesem Kreise gehört, das Lokal, weil sie nicht
genug verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel verzehrt,
überhaupt noch eine Dichterin? Sie empfand das mit Recht als eine
unerhörte Beleidigung, als schimpfliches Mißtrauen gegenüber ihrer
dichterhaften Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verließen sie
empört das Lokal.«
Ob das alles nun wortgetreu wiedergegeben ist, -- jedenfalls begab sich
die Schreckenstat an einem Sonntag, meine Seele wurde Werktag, bäumte
sich auf und sehnte sich nach Revolution. Kein Vers, keine Stimmung,
kein Pathos, nicht der schäumendste Überschwang hatte unsere
Gemeinschaftlichkeit so fädenverstrickt zusammengerollt, wie diese
unerhörte Begebenheit; Herr Café-des-Westens hatte mir, uns allen, das
Betreten seines Cafés ein für allemal untersagt. Ungeheuer! Allerdings,
wenn ich auch nichts verzehrt hätte. Aber dem war nicht so, ich war
gerade im Begriff, meine zweite Bestellung zu entrichten, Schokolade mit
Sieb (da ich die Haut nicht mag), als Herr Café-des-Westens aus einer
Ecke auf mich Lesende losstürmte und rief, es geht nicht, daß Sie hier
sitzen bleiben, ohne etwas zu verzehren!!! Neben mir saß mein
Reichskanzler Bisam O. Er ist feig, aber seine rosa Haare standen Hügel,
wurden brandrot und sprühten Feuer. Dann kamen hintereinander meine
verehrten Freunde, die Paschas, und die Schlacht begann.
Soll ich Ihnen nun noch über die früheren Ereignisse dieses Cafés
erzählen oder genügt es, wenn ich Ihnen sage, Sire, daß wir dort die
schönsten Abende, namentlich zu Zeiten Lublinskis, erlebten; den haben
wir alle kolossal verehrt, und er lachte selbst herzhaft, wenn ihn der
»Blümmner« nachahmte. Unser Zorn liegt nun über dem Café des Westens wie
über einem verlorenen Paradies, in dem wir nicht sündigten, aber das an
uns sündigte. Als wir auf der Straße standen, gedachten wir mit Wehmut
des Gründers unseres verlorenen Cafés. Herr Rocco hatte es sich als
besondere Freude angerechnet, daß wir Künstler in seinen Räumen
verkehrten; wir Künstler haben sozusagen das Café des Westens mit auf
die Welt gebracht, wir Künstler haben ihm das erste Feierkleid
geschenkt, wir Künstler haben es zur Königin aller Cafés erhoben! Einer
von uns hielt diese Rede in die Nacht hinaus, ich glaube, ich war's, und
den Chor gaben meine tiefergriffenen Kameraden und Kameradinnen.
Allerdings war Rocco kein Bär, noch nicht einmal ein Tanzbär,
keinesfalls ein Brummbär. -- -- --
Nur einmal in der Woche treffen wir uns nun im Café Josty am Zoo, wir
wollen keine Kaffern mehr sein. Auf einer Erhöhung sitzen wir an zwei
Tischen, und Sonnabend halten wir Geheimsitzung. (Unter Diskretion
bitte.) Wir wollen Herrn Café-des-Westens zwingen, sich zu entleiben,
ich schlage vor, mit dem Cafélöffel. Bitte, hochverehrter Sire, kommen
Sie doch unverhofft einmal, aber machen Sie sich keine Illusionen. Wir
sind ganz leise und flüstern, scheint's, nur so von Mund zu Mund, lauter
Spielereien. Wäre doch einmal nur einer größenwahnsinnig. Hysterisch
sind nur Dilettanten. Manchmal aber reißt einer unseres Stamms
schnaubend die Türe des Cafés Josty um Mitternacht auf, den Tubutsch im
Gewande. Doch unsere größte Überraschung bleibt, wenn unser Sänger
kommt, der Dresdener Hofopernsänger Franz Lindner. Aus der Liedertafel
holte ihn mein Heimatfreund Paul Zech. Noch sitzt überfließender Tenor
in seiner Kehle, er muß uns den Rest weich über den Tisch herüber
singen. Dann kommt eine innige Freude des Beisammenseins über uns, denn
wir Künstler sind Kinder.