Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Wer den Kulissenmantel des Alpenkönigs trug, vernahm ich beim ersten Ton

der Rauschestimme. Albert Heine, der Herodes, ist zu viel für diese

Papiermaché-Rolle. Ich habe vergessen, mir einen Theaterzettel zu

kaufen, außerdem sitze ich vor einer Säule und vor dieser pflanzt sich

wild ein Herr auf mit einem Wasserkopf. Aber auch die übergroße

Vegetation, die mir den Blick zur Bühne hemmt, vermag keineswegs meine

Stimmung zu trüben, ich kam, um von dem romantisch-komischen Märchen

Honig aus goldgeblümter Heiterkeit zu naschen. An meine Nachbarin mit

dem künstlichen Busen wende ich mich mit behutsamer Frage, ich erfahre:

Hinter den ältlichen Stirnfalten des Menschenfeindes verbirgt sich der

Direktor selbst -- Carl Meinhard. Es ist fast nicht zu glauben, gestern

hörte ich ihn noch lachen im Café des Westens wie ein Achtzehnjähriger,

und vorigen Winter trug er eine Knabenpelzmütze, die stand ihm (es

gehört zwar nicht hierher) hervorragend. Nun steigt er aus dem

Altbrunnen, ein greiser, grotesker Wolf (Bastard) -- man erkennt ihn

nicht wieder; und doch ist es Carl Meinhard, der Fagottspieler unter den

Darstellern, er spielt heute abend die grimmige Polka seiner Rolle mit

Meisterfertigkeit. -- In der Reihenfolge den Inhalt des

romantisch-komischen Märchens zu erzählen, möchte ich dem Leser

vorenthalten; selbst hören und sehen! Selbst ins Berliner Theater gehen.

Ich hole nur die Hauptgestalten, die mir so sehr gefallen haben, hinter

dem Vorhang hervor und stelle sie auf meine Hand, eine Miniaturbühne,

ich, die Regisseurin aus Privatvergnügen. Rappelkopf, der reiche

Gutsbesitzer (Carl Meinhard), sein Bedienter Habakuk (Oskar Sabo) und

du, Josefine Dora, wo steckst du? Mögen die Leute denken, was sie

wollen. Du singst ja selbst: Aber er denkt ... Habakuk, der Bediente des

Herrn Rappelkopf, erinnert mich leise daran, daß er zwei Jahre in Paris

gewesen ist, nichtsdestoweniger verleugnet sein Radieschengesicht

»Läutemichels« berühmte Gemüsegärten. Er, ein dienernder Ungeschickter,

ein tragischer August im allerkünstlerischsten Unsinn. Zwei Jahre war er

in Paris gewesen. Das hebt ihn in den Augen des Personals vom Souterrain

bis in den Salon der Herrschaft. Dieser soll das bedeutungsvolle Motto

eine zarte Mahnung sein, für ihn selbst wird es zum Schild seines

untergebenen Joches. Er war zwei Jahre in Paris gewesen, das macht

Habakuk keck und überlegen und bringt wie eine Zauberformel einigen

Glanz über seinen Dieneralltag. Jäh wird ihm der Spruch vor der

dürftigen Kammer seines Herzens gestrichen, er darf nicht mehr seinen

Lippen hochmütig entschlüpfen, sein menschenfeindlicher Herr, zweiter

Teil, hat es ihm verboten. Der Alpenkönig nämlich hat sich, um den

Menschenfeind von seinem Wahn zu befreien, in dessen Gestalt und

Wutausbrüche verwandelt. Und heimlich vertraut sich der stumme Bediente

dem gemütlichen Onkel an, arglos dem wirklichen menschenfeindlichen

Rappelkopf, der in seinem eigenen Hause im verträglichen Wesen des

Onkels porträttreu zu Gast weilen muß. In keinem üblichen Brief, keiner

knisternden Zeitung, in keiner unerwarteten Depesche steht es

geschrieben, aber auf dem riesengroßen Taschentuch Habakuks,

ehrfurchtsvoll seiner Hosentasche entzogen. Wir lesen es alle: er war

zwei Jahre in Paris gewesen -- und der mitleidige Onkel gestattet es

ihm, herauszuschreien -- endlos -- endlich. Es kommt der erlösende

Augenblick: Ich war zwei Jahre in Paris gewesen! Das macht ihm niemand

nach, ich kann den Humor nicht schildern, es ist nicht nachzulachen.

Tröste dich Habakuk, beraubte Dienerseele, ich war auch gewesen, ich war

sechs Jahre in »Konstantinopel« gewesen -- ich möchte es jedem an den

glorreichen Kopf werfen, jedem in seine dicke Stirn schneiden -- wer's

glaubt wird selig. Um Himmels willen, Liesl (Josefine Dora) hörst du

denn nicht, dein Herr ruft nach dir. Rappelkopf hat sämtliche Möbel

zerschmettert. Das Liesl wagt sich mit Todesverachtung, wackelnd mit dem

allerwertesten Vollmond in des Menschenfeinds Gemach -- »aber er denkt«

-- Sie muß immer wieder das Lied singen mit dem Refrain: Bassab, »aber

er denkt« -- und immer bassiger und spaßiger: aber er denkt ...

Der Beifall will nicht enden. Ich stürme noch einmal in Mantel und Hut

auf meinen Platz zurück.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 53 / 87 题