Wir schreiten sofort durch den großen in den kleinen Zeichensaal, einen
Zwinger von Bärinnen, tappischtänzelnde Weibskörper aus einem
altgermanischen Festzuge; Met fließt unter ihren Fellhäuten. Mein
Begleiter flüchtet in den großen Saal zurück, er ist ein Troubadour; die
Herzogin von Montesqiou Rohan ist lauschender nach seinem Liede als das
Bärenweib auf plumpen Knollensohlen. Denn Treibhauswunder sind
Kokoschkas Prinzessinnen, man kann ihre feinen Staub- und Raubfäden
zählen. Blutsaugende Pflanzlichkeiten alle seine atmenden Schöpfungen;
ihre erschütternde Ähnlichkeitswahrheit verschleiert ein Duft, aus
Höflichkeit gewonnen. Warum denke ich plötzlich an Klimt? Er ist
Botaniker, Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pflückt, gräbt Kokoschka die
Wurzel aus -- wo Klimt den Menschen entfaltet, gedeiht eine Farm
Geschöpfe aus Kokoschkas Farben. Ich schaudere vor den rissig gewordenen
spitzen Fangzähnen dort im bläulichen Fleisch des Greisenmundes, aber
auf dem Bilde der lachende Italiener zerrt gierig am Genuß des
prangenden Lebens. Kokoschka wie Klimt oder Klimt wie Kokoschka sehen
und säen das Tier im Menschen und ernten es nach ihrer Farbe. Liebesmüde
läßt die Dame den schmeichelnden Leib aus grausamen Träumen zur Erde
gleiten, immer wird sie sanft auf ihren rosenweißen Krallen fallen. Das
Gerippe der männlichen Hand gegenüber dem Frauenbilde ist ein zeitloses
Blatt, seine gewaltige Blume ist des Dalai-Lamas Haupt. Auch den
bekannten Wiener Architekten erkenne ich am Lauschen seiner bösen
Gorillenpupillen und seiner stummen Affengeschwindigkeit wieder, ein
Tanz ohne Musik. Mein Begleiter weist mit einer Troubadourgeste auf
meinen blonden Hamlet; in ironischer Kriegshaltung kämpft Herwarth
Walden gegen den kargen argen Geist. Auf allen Bildern Kokoschkas steht
ein Strahl. Aus der Schwermutfarbe des Bethlehemhimmels reichen zwei
Marienhände das Kind. Viele Wolken und Sonnen und Welten nahen, Blau
tritt aus Blau. Der Schnee brennt auf seiner Schneelandschaft. Sie ist
ehrwürdig wie eine Jubiläumsvergangenheit: Dürer, Grünewald.
Oskar Kokoschka ist eine junge Priestergestalt, himmelnd seine
blauerfüllten Augen und zögernd und hochmütig. Er berührt die Menschen
wie Dinge und stellt sie, barmherzige Figürchen, lächelnd auf seine
Hand. Immer sehe ich ihn wie durch eine Lupe, ich glaube, er ist ein
Riese. Breite Schultern ruhen auf seinem schlanken Stamm, seine doppelt
gewölbte Stirn denkt zweifach. Ein schweigender Hindu, erwählt und
geweiht -- seine Zunge ungelöst.