Loos

Von der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an den Totenschädel eines

Gorillas; wendet mir Loos langsam das Gesicht zu, prüfen mich scharf des

Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gefährlich, greifen aus einem

andern Denken, aus einem fremden, geschwinden Grund. Die Blicke der

Gäste strafen mich für meinen Ausspruch, Loos selbst aber scheint nichts

gehört zu haben. Ist er schwerhörig? Auf mich wirkt sein Unvernehmen

geisterhaft, wundersam wund; für den unverstandenen Sprecher --

unverständlich. Senkt Loos den Kopf, neigen sich seinem Ohre die Lippen

zu; o, wie sanft er die Lider hängen läßt -- man hat ihn dann lieb, die

Lotosseele unter den Gorillen. Schielende, deren Züge etwas Rührendes

erhalten, und Hinkende, die im verlorenen Gleichgang süße

Interessantheit hinschaukeln -- zehnfach tönt Loos das Wort wieder, ruft

man es in ihn hinein. Dann wird er ein reißender Geist, den man im Echo

heraufbeschwor, ein affenböser Künstler, reißt er dem die Perücke vom

Kopf, setzt ihm den Skalp wieder an, daß er mit seiner Person vernarbe.

Ein handgreiflicher Philosoph ist er, dem die Verschnörkelung der

Architektur ein eitler Greuel, ein verwirrtes Knäuel ist, den er

rücksichtslos löst. Loos will Ordnung schaffen in den Welten hier unten,

in der Welt, die sich der von sich abstrebende Mensch erschaffen läßt

vom Architektenmenschen und nicht hineinpaßt. Wie viele sitzen und

schwitzen in fremden vier Häuten, denn die Wände unseres Gemaches sollen

unser passendstes Kleid sein, sie sollen die Schrift unseres Atems

tragen. Die Seuche der Einrichtung hat sich schon in die Schlösser der

Fürsten begeben, auf Altären liegen »stilvolle« Decken, und durch die

Tempel der Künstler flutet das elektrische Licht der Birnen aus

neuerfundenen Kelchen. Wollte man mir sogar auf den Rücken meines

Zigeunerkarrens, meines grünen Holzvogels, die sogenannte aufsteigende

Kurve (ich weiß gar nicht, was das ist) und langweilige kühle Linien

ziehen, die große Klassikerlinie Weimarer Spätgeburt van de Veldisch

architektiert. Man sehnt sich rein nach dem Buckel. Die Wände meiner

Rast sind auch die Wände meiner Last, sind mit mir verwachsen,

aufgewachsen. Meine Behausung gleicht mir auf ein Haar. Darum springe

ich gerne aus meiner Haut mal, am liebsten in das mir vermählte Zimmer.

Ist sein Bewohner auch meist nicht in seiner Hauptperson anwesend, sein

Heim aber spricht für ihn. Kühlritterblau empfängt mich das

Tapetengesicht; ich setze mich vor den Schreibtisch, vor Rhodopes

farbige Statuette, meines auserwählten Zimmers heimliche Liebe. Über den

Flügeldeckel kehren Lieder heim und legen sich auf die Tasten --

schlummern und träumen laut; hingezaubert sitzt ja ihr Schöpfer auf dem

runden Stuhl und spielt. Ich denke an meine Prinzessinnenzeit ... Wer

salbt meine toten Paläste, sie trugen alle die Kronen meiner Väter. --

Ich hasse die Tische, Stühle, Sessel und so weiter, die sich verkuppeln

ließen, mit ihrem Plebejerbesitzer; das sind Mesallianzen, Sessel, deren

Lehne sich beugte immer tiefer ihrem Sitz zu. Ich denke an einen wie ein

Melancholischer. -- Ich helfe dir räumen, Loos, aber wehe dir, wenn ich

nach Wien komme, und du sitzt nicht auf einem australischen Urwaldast

zurückgezogen hinter Gedanken tausendgitterig.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 26 / 87 题