Ich wollte ein Schmerzen rege sich
Und stürze mich grausam nieder
Und riß mich je an mich!
Und es lege eine Schöpferlust
Mich wieder in meine Heimat
Unter der Mutterbrust.
Ein sorglos abgetanes Urteil las ich dieser Tage über die ungeheure
Schöpfung: Die schwere Stunde von Charlotte Berend. Die Wirkung des
Bildes auf den Kritiker hat mich zwar nicht überrascht; viele seiner
kritisierenden Vorfahren verwechselten schon die Erzkraft eines
Kunstwerks mit der entblößten Brutalität. Es gehört schon ein
Jahrtausendblick dazu, gerade den Wert dieses gottalten Bildes der
Charlotte Berend zu erkennen -- sein Allvatername heißt das Gesetz. Ich
hoffe nicht, daß die Künstlerin aus Bescheidenheit den königlichen Namen
fälschte. Sie hat ihre Schöpfung aus dem Mark aller Farben erschaffen.
Es nahte ihre selige, schwere Stunde selbst. Das Wunder der Inspiration
schlug sie zur Riesin.
Ich sehe zunächst kühl und sachlich eine Mutter, die ein Kind zur Welt
bringt. Die weise Frau am Fußende des Bettes wartet hilfebereit. »Herr,
gestehen Sie es, und auch Sie, Frau Ehegattin. Sie vermißten den
besorgten Hausvater zwischen dem Spalt der Türe vorsichtig lauschend.
Das wäre wenigstens noch gefühlvoll gewesen« ... gerade das
Nichtfamiliäre verleiht dem Bild das Unpersönliche, baut das Werk mit
kosmischen Knochen auf. -- Was soll das kleine Mädchen am Bett der
Mutter? »Es ist ja erst zwölf Jahre alt.« Es ist vielleicht noch jünger,
und es tat mir wirklich furchtbar leid, wenn beim Betrachten der kleinen
Gegenwart des unschuldigen Wesens, gefühlvollen Damen eine schmerzhafte
Entrüstung anging, aber ich sage: die Kleine gehört zu der ungeheuren
Landschaft des Leibes; auf dem Rand des Lebenskelches sitzt sie, das
schwebende Auge zurückgelehnt, voll Grauen und Wunder gelähmt. Ein
Seraph -- aber gleich wird er seine Lippen öffnen und die ernste Melodie
der Dichtung über den sich bäumenden, felsgeöffneten Leib der Mutter
singen. -- Und die Vorsehung, wie man die Wartende am Fußende des Lagers
nennen könnte, wendet die letzte Nüchternheit des Vorganges mit einem
Tuch, wie mit einer Wolke ab. -- Eine Heilige hätte nicht keuscher
gedichtet, das Problem des Odems gestaltet. Ich habe nie in Wirklichkeit
ein kindtragendes Weib mit solcher Ehrfurcht betrachtet, wie diese
Riesenmutter, von einer Riesin gemalt, auf ihrem Riesenbilde. Sie
hauchte nicht nur über den lebengeöffneten Vorgang die Scham, sie nahm
dem Prangen auch jede Fessel der Sklaverei, die mich anwidert beim
Anblick einer begnadeten Frau.
Charlotte Berend hat ein Historienbild des Naturgesetzes gemalt; es
müßte neben Michelangelos Moses im Tempel der Galerien hängen.