Eine Indianergeschichte gestaltet von Slevogt

Dem hochverehrten, feinen Professor

_Walther Otto_

Mein Junge trägt einen Indianerschmuck in den Haaren, grüne, gelbe,

blaue, lila und rote Federn, und um seine Lenden einen Gurt aus

Vogelbeeren und harten Muscheln. Aber er weiß nichts von den Menschen in

Wild-West. Ich kaufe ihm aus Furcht, er könne eines Tages nach drüben

durchbrennen, keine Indianergeschichten. Der kupferrote Gott ist der

Fanatismus der Knaben. Seine Legenden sind gefährlich, sie kommen über

einen, ihre Bilder machen Mut, stählern. Grüngelbblaulilarot! Meine

Brüder machten sich in nächtlicher Frühe mit ihren Freunden auf und

davon -- der Skalpgott rief sie aus dem Elternhaus. Sie hatten sich

schon Wochen vorher für ihr Sonntagsgeld Pfeifchen, Tabak, Zigarren und

dergleichen mehr für den Tausch am Lande besorgt. Manche von ihnen

stahlen ihren Schwestern Ohrringe, Broschen, Ketten für die

Häuptlingsfrauen und Indianermädchen. Aber die Reise ging nur bis

Bremen, die strafenden Väter ließen die Durchbrenner grausam wieder in

die Heimat transportieren. Mein Vater jedoch war im Grunde seines

Herzens stolz darauf; er ließ meinen Brüdern im Garten ein Indianerzelt

aufschlagen, kaufte Speere und andere Mordwaffen und Gürtel, deren

Skalpflachshaare fast bis zur Erde reichten ... Es ist schon lange,

lange her, ich habe seit Indianerjahren kein Indianerbuch mehr

aufgeschlagen. Nun liegt ein großes in den Farben der Kupferhaut auf

meinem Schoß. Slevogt hat gezaubert, als er die Gestalten des Werkes

erschuf nächtlich auf weißer Prärie; seine schwarze Feder zeichnete

kupferrotes Leben. Ich muß die wilden Wildwestmenschen festhalten, sie

laufen, galoppieren meinen Blick entlang, über meine Hände hinweg in die

Freiheit. Tänze, Kämpfe, Ritte führen sie auf, ich vernehme

Pferdegetrampel, höre Kriegsrufe, werde eingehüllt vom aufwirbelnden

Nebel flüchtender, feindlicher Stämme. Mich ergreift die Sehnsucht

meiner Brüder.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 22 / 87 题