Meiner teuren Mutter in Liebe und
Ehrfurcht
»Es dauert höchstens zwanzig Minuten, Peter!« Er nickte lächelnd -- aber
er vergaß auch sofort wieder, daß er den Kopf nicht hin- und
zurückbiegen durfte, von der Zeitung auf und nieder, und so kam 's, daß
ich entweder das rechte oder das linke Auge nicht an seinem Platz oder
die Nase zu lang im Verhältnis zur Stirn zeichnete. Und manchmal nahm er
noch seinen Bleistift und beschrieb andächtig den weißen Rand des
Zeitungsblattes.
»Du kannst gleich weiterzeichnen, schrecklicher Tyrann du!« sagte er und
las mühsam entziffernd sein eigenes Schreiben.
Es waren einige steinige Einfälle, die er seinem Myrdin und seiner
Viviane ferner vermachen wollte. Und er zog die große vergilbte
Papierrolle aus seiner Manteltasche und las von den beiden Menschen, die
älter waren als Adam und Eva, von seinem Menschenpaar Myrdin und
Viviane. Die sprachen eine Sprache, mit der am ersten Schöpfungstage
sich Himmel und Erde erzählten -- -- sie waren mit der Erde zugleich
erschaffen -- gewachsen mit der Erde -- aus der Erde; ja, das fand auch
Peter ...
»Da magst du recht haben!«
Und er saß, den Kopf herabgesenkt auf den großen Lehnstuhl nahe dem Ofen
in seinem olivenfarbigen Mantel, als ob er die Wärme mit sich nach Hause
nehmen wollte.
* * * * *
Eines Abends klingelte es um halber Mitternacht -- das sah Peter
ähnlich. Seine Augen lachten mutwillig wie Knabenaugen, die einen
Streich hinter sich hatten. »Der Verleger hat mir Vorschuß gegeben --
Tino, toller Kerl, komm mit! Wir sitzen alle in der Weinrebe.«
Und Peter sah aus wie ein Bacchus, seine Seele war aufgeblüht wie einer
der Weinberge in Alt-Athen. Und wir saßen um ihn im Kreise und sangen:
fahrende Schüler, wie die Jünger des Weins aus der bacchantischen Szene
seines Werkes »Des Platonikers Sohn«. Wir waren der Most, der Lenz des
Weines, das Leben, das wildsüße Auf- und Niederbrausen.
»O Wein, du lieber, dummer Wein,
Was willst du da im Kerker sein?
Hervor du rieselnde Sonne,
Und laß die alberne Tonne.
Weißt du denn nicht, du dummer Wein,
Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,
Ein Kenner erlesener Tropfen,
So laß mich nicht harren und klopfen!«
Am Morgen in meinem Halbschlaf sah ich Peter; durch seinen langen Bart
guckten blaue und gelbe Weinaugen mutwilliger kleiner Dionysinnen mit
roten Pausbäckchen und kecker Faunbuben mit frechen Schwänzchen. Und die
neckten ihn und zupften ihn an seinen langen Kraushaaren, jauchzten und
sprangen um den großen Bacchus, und ein ganz kleines, ängstliches
Bacchüschen kroch in seine weite, weite Ohrmuschel. Und wir alle saßen
zu seinen Füßen, und er erzählte von seiner Frühjugend, von seinen
vielen Liebchen -- ja, ja, Bacchus mußte verliebt sein.
* * * * *
Einmal an einem Wintermorgen kam Hugo, der Landsknecht, wie ihn Peter
seines rauhen Organs und seiner kecken Launen wegen nannte. »Kommen Sie
mit, Prinzessin! Peter ist krank, wir wollen ihn besuchen!« »Und wissen
Sie auch, Hugo, daß heute sein Geburtstag ist?«
Davon wußte er nichts, der Ungläubige. Und wir zogen gen Norden, und als
wir durch das Tor seines Hauses traten, lagen vor uns Treppen, zu
besteigen wie künstliche Gebirge aus Brettern. »Na, det is man scheene,
dat Se sich bis her verstiegen han -- -- denken Se so wat, er is mir
jestern dot in de Arme jeblieben! ...« Und Peters gemütliche Wirtin
drückte mich an ihren Busen, aus dem der dicke Atem jammerte. Und sie
geleitete uns durch die Küche bis an Peters Kammertür, drückte diese
behutsam auf und blickte zunächst vorsichtig durch die Spalte. »Nu
kommen Se sachte rin!« -- -- Und da lag der Peter wirklich in seinem
Nest halb aufgerichtet: ein kranker grimmiger Geier. Der Kragen seines
Mantels hing wie ein dunkler Fittich über dem Bettgestell, und einer der
Füße, mit dem Stiefel angetan, scharrte ungeduldig an der senfgelben
tapezierten Wand. Als er uns sah, war es, als ob er uns nach und nach
erst erkannte, und er fuhr durch seinen Bart wie ein reißender
Herbststurm. »Setzt euch, wenn ihr Platz findet, ihr Einbrecher, ihr
Störenfriede, setzt euch!« Aber nicht allein der Boden, sondern auch das
tausendjährige Sofa waren begraben unter großen, gelben Papierflocken.
Wir setzten uns auf das kleine Fensterbrett und stellten unsere Füße
sündhaft auf die großen Säcke, die, wie wir später hörten, die
Manuskripte der Dramen Peters enthielten. »Du, Peter, ich will dir den
Doktor holen,« sagte der Landsknecht besorgt. Oh, und das klang so
lächerlich, und die dicke Wirtin hatte et ooch jewollt, »er will aber
nich.« »Der Doktor soll mir wohl Sonne oder Mairegen für meinen Katarrh
verschreiben?« Und Peter lächelte wieder wie Frühlingsanfang, und auf
einmal begann er laut zu reden: »Heute abend muß ich noch ins Theater.«
Da fiel seine alte dicke Wirtin vor Schreck auf das tausendjährige Sofa.
»Sie wollen im Thiater jehn, Sie?« »Na gewiß,« antwortete Peter und
machte die Bewegung, aus dem Nest zu fliegen. In der Küche seufzte die
Gute und meinte: »Na, so nötig hat er det Schreiben doch ooch nich, wo
er bei uns is!« Und sie brachte ihm zur Fürsorge die dampfende
Hafergrütze und zwei Schmalzstullen ins Zimmer. Und dann sich vor uns
entschuldigend, sagte sie: »Er ist so reene wie eene Jungfer, ick seh
schon, wie se ihm später in de Kirche uffbahren als Heiligen.«
* * * * *
Es war ein kalter Nachmittag; der Mond blähte sich auf zwischen seinen
Sternen wie ein goldener Bauch, ein wohlbeleibter Dukatenmillionär.
Peter und ich wanderten wohl schon stundenlang durch die Straßen
Berlins, durch die Bleiluftgegenden mit den kahlen, grauen Häusern, in
denen der Hunger mit seinen tausenden Kindern wohnt. Und über dieser
Gegend spazierte behaglich durch das weite Land der Wolken der fette
Mond, der satt an Gold getrunkene Mond. »Aber, Tino, ich wußte ja gar
nicht, daß du ein kleiner Bebel bist.« »Ja, ich denke an die armen,
blassen Kinder, die nie in die Sonne sehen, und an dich, Peter, an dich,
dem die Welt ihr jubelndstes, tiefstes Spiel schenkte und das Leben eine
Stiefmutter ist.« »O du Fromme,« sagte Peter leise zu mir. Nach einer
Weile blieb er unter einer Laterne stehen, nahm ein kleines schwarzes
Heftchen aus der großen Manteltasche und schrieb.
Das tat er oft, und ich ging gemächlich des Weges weiter.
Wir kamen über einen großen Platz. Vielleicht gaben die schloßartigen
Bauten mit den gegossenen Toren, die eisernen Hüter der königlichen
Gärten, Peter den Anlaß, mir zu erzählen, daß sein Vater der Fürst S.
aus Westfalen sei und seine Mutter eine Leibeigene. Ich war gar nicht
verwundert darüber, als ich seine schlanken Hände betrachtete.
»Meine Mutter«, erzählte er weiter, »war eine stille, blasse Frau. Ich
kann mich kaum an den Ton ihrer Stimme erinnern; aber als ich meine
>Brautseele< dichtete, hörte ich ihr Blut aus meinem Herzen singen,
sanft und dann sehnsuchtswild, wie eine einsame Spätherbstblume.« Wir
schwiegen beide lange Zeit, über Erinnerungen wandelnd, bis es Abend
läutete und die Glocken uns erweckten.
Wir fragten einen Mann, der an uns vorübereilte: »Wie kommen wir aus dem
Tiergarten wieder auf die Straße?«
Und wir bogen und wendeten uns, bis wir glücklich den Weg wiederfanden.
»Sieh, Tino, hier tief im Dickicht habe ich Wochen zugebracht und
Dunkelheiten getrunken! Oh, das waren einzige Gottnächte!«
Aber ich sah schmerzlich auf seine eingefallenen Wangen.
* * * * *
Ich ging, meiner Ahnung vertrauend, voraus. Peter studierte indessen
noch die Hausnummern gegenüber dem großen Gebäude, in das ich eintrat.
Und wirklich, hier wohnte Gerhart Hauptmann. Er kam mir schon im
Treppenflur entgegen, ja, er war es. »Herr Hauptmann, ich bringe Ihnen
den Peter Hille lebendig hier; er hätte sicherlich wieder die
verabredete Stunde versäumt.« »Sah ihn schon von meinem Fenster aus,«
rief Gerhart Hauptmann, er war nämlich schon unten, den Peter selbst
heraufzuholen. Als die beiden kamen, sagte der Herrliche zu Hauptmann,
mir schelmisch zunickend, »Dies ist mein Kamerad, Tino nenne ich sie. Es
ist der Name ihres Blutes, die grünrote Ausstrahlung ihrer Seele.« Wir
setzten uns, nachdem Hauptmann zärtlich den Mantel von Peter Hilles
Schulter genommen hatte. Auf den Tischen lagen überall Journale, die
meines Propheten Dichtungen enthielten, auch des Platonikers Sohn fehlte
nicht, das wundergroße Schauspiel. Hauptmann schwang es triumphierend in
die Höhe. Und ich hörte lauter Melodien; der Dichter Worte wurden
Lieder. Und Hauptmanns stolzes Gesicht neigte sich seinem hohen Gaste
zu, die Quelle seines Herzens zu erreichen, denn wie aus Leben gehauen
saß Peter Hille in dem weiten, klaren Raum, sein Bart wallte ungeheuer.