Meinem Freund, dem Bildhauer _Georg
Koch_
Ich gehe an Mandelbäumen vorbei, aber die blühen in den Gärten fremder
Häuser, und die Fenster sind noch geschlossen hinter Spitzengeweben. Ich
bin unendlich müde, gewohnheitsmäßig bewegen sich meine Füße vorwärts,
Maschinen sind es, und sie müßten eigentlich unverhüllt in blauen
Sandalen gehen, denn sie sind von goldzagem Wandel, wie die Sonne, die
aufstieg. Ich kenne die Menschen nicht, die mir begegnen, ich weiche
ihrem Dünkel aus, und ich brauche nur meinen grauen Mantel abzulegen, um
König zu sein. Ich bin unendlich müde, ich glaube, ich bin im tiefsten
Leben erkrankt, aber die Vorübergehenden merken es nicht, sie heben auf,
was lärmend auf den Straßen liegt, aber sie hören nicht das schmerzliche
Murmeln, das tödliche Verrauschen einer Seele. Da liegt ein Nachtfalter
vor mir -- er stirbt -- wie dürftig seine Flügel sind, ein Lumpenhändler
war es, ein Vagabund, der sich nachts auf den Straßen herumtrieb und am
Feuerrausch der Lampen endete. Er stirbt -- ich trete ihn tot. Ich denke
an ihn -- wenn es für ihn doch einen Himmel, einen blauen Strand gäbe --
er würde dort ein schöner Schmetterling sein. Ich bin unendlich müde --
wenn ich nun auch eines Morgens so daliege, wie der graubraune Strolch
-- welcher Fuß würde mich zertreten. Es kommen Männer an mir vorbei in
weißen Sportschuhen und Frauen schreiten hastig über den Damm. Ich mag
diese Frauen nicht im Ornat, derbgewordene Philisterinnen sind sie --
was wissen sie von der Knabenzeit. Aber das kleine Mädchen mit der
Bubenbluse, es wird mich übermütig zertreten im Scherzwort, im
Frühlingslachen. Ich bin unendlich müde und es beginnt der
rücksichtslose Tag. Der Mann aus Glas mit der Vollstreckungsmappe unterm
Arm wartet vor der Haustür auf mich, heute klebt er die Siegel. Ich muß
ihn zart am Henkel fassen -- so ganz vorsichtig, liebevoll, daß er nur
keinen Sprung bekommt. Draußen an dem fremden Hause blühen die
Mandelbäume: der Falter ist tot, ich vergaß, ihn vom Weg in einen der
Gärten zu werfen.