_Paul Zech_, meinem Wupperfreund
»Lott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es god, dat
es god, gäwt et wat tu erwen!« Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte
Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt mir, denn ich bin ihr
Kind, die flatternden Fahnen auf den Dächern, aus den Fenstern winken
mir zu, lange Rotschwarzweiß-Arme, die mich umfangen wollen. Ich soll
überall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt
der Schieferdächer. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen
herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mußten wir
einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe
Arzeneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel.
Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche
fließt die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt
in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen,
unvermutet in einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres
Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten nicht -- wer aber war die
Urpatrizierin des Rokokohauses aus der friderizianischen Zeit? Es lebt
noch einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen Fabrikanten- und
Doktorhäusern. Denn jeder etwas wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein
Wohnhaus, worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht,
frech gewordene Sklaven, die nach Belieben ein- und herauslassen. Selbst
viele Arbeiter leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert hat die
Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und
Beingeschwüre. Und das berühmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der
sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt, und der hat es
wieder dem Sohn anvertraut, und nun weiß es der Enkel, der
wahrscheinlich seiner gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam.
Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; -- immer
träumte ich davon auf dem Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch
graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir kamen schauerliche
Männer mit einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen
mußte ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, »ewwer en
doller Gesell wors gewäsen.« Oft ließ ich vor Angst die Bücher fallen
oder der Ranzen hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt nicht
mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen Häuser; kein
Schulkind kann mehr auf dem Wege zur Schule träumen, jedes Fenster zur
Rechten und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor
Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine rauchte, aber vor
Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt in meine Stadt und bin stolz auf
seine Schwebebahn, ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und
legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und sprühenden Augen über den
schwarzgefärbten Fluß. Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff
durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen durch Elberfeld,
weiter über Barmen zurück nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen
Garten vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen mit mir dorthin gehen,
der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im
Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns zu heiraten. -- Ich muß
an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus;
unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall' ihm
um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich
weine -- sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig
erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja
das kleine Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich
in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die
Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der
vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines
Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. »Wat wollt
öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.« Das rettet mich vor der schon
erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte
Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von
neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das
Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und
Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin
verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht
mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber
ich muß noch einige Male Karussell fahren. »Lott es doot, Lott es doot«,
ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am
fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen
Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline, Alma,
Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich -- sie beginnen mich zu
lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei' ich ganz laut
auf, das überzeugt das rohe, arme Gesindel. Den Härrn Schüler haben
viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern. --
Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor »dreihundert« Jahren. Mina
singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen
Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt
ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer
ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung
einzuflößen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zu guter Letzt
erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln
bekommt in der Stadt, wie die ihren sind. »Die sinn ut Engeland bei
Paris.« -- Nun hinein ins Kölner Hännesken! Gewaltsam zerre ich den
Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. »Sie werden
noch gestochen werden, wie Ihr Vater einmal.« Durch seine Uhr ging die
Spitze des Metzgermessers. Am anderen Morgen führten die jammernden
Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er
wußte, daß sie kommen würden, und drei Gläser und eine Flasche Rotwein
standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz,
namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et där wackere Här
Schüler verzeehen mödd ... Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon
muß ich Abschied nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit
lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt
nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner für mich herbeischaffen
mußte am Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr in meine
Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin
lange nach mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften morsch
und grün nach der Seele des Wuppertals.