Stufen des großen Treppenbaues, den die Vuelta-Abajo-Landschaft
darstellt -- auf die durch die Züge des Insurgentenführers Maceo
berühmt gewordenen Rubihügel (etwa 200 ~m~), die Lomas de Cuzco (450
~m~), den Monte Pelado (406 ~m~), die Sierra del Rosario, die Sierra
de Cacarajicara (etwa 600 ~m~) und die mächtige Tafelbergmasse des Pan
de Guajabon (795 ~m~), in der das Ganze gipfelt, und mit der es gegen
West wieder zu Stufen von geringerer Erhebung abfällt. Hier breiten
sich unersteigliche Wände, wilde Klüfte, schöne Wasserfälle (der
Rosariofall) und große Höhlen (von Seiba, Sumidero u. s. w.) in großer
Zahl, und man sieht dabei ein, daß auch hier die meteorodynamischen
Agentien, oder wenn man will, die tropischen Berg- und Luftgeister,
gar viel von der ursprünglichen Gestalt der Landschaft zerstört und
beseitigt haben. Der ganze Bau überschaut sich infolgedessen auch
von innen heraus bei weitem nicht so bequem, als von dem Dampfer auf
hoher See aus. Gegen Norden fällt das Gebirge, das wir mit dem in
Deutschland üblich gewordenen Gesamtnamen der Sierra de los Organos
(Orgelgebirge) bezeichnen, in der Gestalt steilhängiger Lomas ziemlich
rasch zu einer schmalen Küstenniederung und mit dieser zur tiefen See
(20 ~km~ nördlich vom Pan de Guajabon, 1000 ~m~) ab. Eine breitere
Zone von Lomas und ein sanfteres allgemeines Gehänge begleitet die
hohen Sierras dagegen im Süden, und erst südlich von der großen
Heerstraße, die von Artemisa noch San Cristobal (als „Fahrstraße
erster Ordnung“ -- „Carretera de primer orden“) führt und von da als
bloßer „Camino Central“ weiter nach Pinar del Rio und Guanes, tritt
eine vollständige Verflachung zum schwachwelligen Tieflande und zur
sumpfigen Küstenniederung ein. Das höhere Bergland (Abb. 96) trägt in
dieser Gegend noch sehr allgemein sein ursprüngliches Weltkleid, und
vor allen Dingen besteht dasselbe aus Pinal oder Pinar (Kiefernwald),
von dem die politische Westprovinz Cubas ihren Namen führt, daneben
hat aber der Palmar (Königspalmenwald) seine hervorragende Stelle
so gut wie in den anderen Landschaften, und ebensowenig fehlt es an
Coabas (Mahagonibäumen), Cedros (Cedrelen), Ceibas (Baumwollbäumen),
Ebanos (Sideroxylon), Guavengesträuch u. s. w. Bei der Unzugänglichkeit
des höheren Gebirges und der Reproduktionskraft der Tropennatur ist
vielleicht auch nicht sehr zu fürchten, daß die etwa in einer nahen
Zukunft vordringenden amerikanischen Terpentinsammler und Holzschläger
dieselben furchtbaren Verwüstungen in diesen schönen Wäldern anrichten
werden wie in ihrem eigenen Lande. Der Tabakbau hat sich an den
Hängen und in den Thälern der südlichen Lomas eine wichtige Stelle
erobert, und zu gewissen Zwecken wird das daselbst erzeugte Blatt hoch
geschätzt, einen großartigen Umfang hat die Kultur aber seit alten
Zeiten auf dem sandigen Lehmboden der Niederung zwischen Artemisa und
Paso Real, behufs Gewinnung des schwersten und kräftigsten cubanischen
Krautes. Der Zuckerrohrbau ist nur in der nördlichen Niederung zwischen
Cabañas und Bahia Honda sehr namhaft, der Kaffeebau aber in der
südlichen Niederung bei Candelaria. Die Viehzucht ist sowohl im Gebirge
als auch im Tieflande schwach entwickelt, und nur in der Savannengegend
südlich von Artemisa ist die Pferdezucht beträchtlich.
[Illustration: Abb. 87. +Matanzasbucht und Yumurifluß.+]
An dem Westabsturze des Pan de Guajabon verändert sich der Charakter
der Gebirgslandschaft nicht unwesentlich. Die eigentlichen Hochstufen
sind hier nicht mehr vorhanden, und die Hauptgipfel ragen kaum 300-400
~m~ empor (der Pan de Azucar bei Viñales nur 330 ~m~). Dagegen nimmt
das Bergland einen breiteren Raum ein, und die Zerissenheit und
Wildheit der Ketten und Lomagruppen, die kreuz und quer nebeneinander
liegen, ist eher eine größere als geringere. Namen der Hauptteile,
wie Sierra del Infierno (Höllengebirge) und Los Organos (die Orgeln),
deuten dies verständlich genug an, und an Höhlen ist dieser Teil Cubas
wohl reicher als jeder andere und nicht minder auch an Naturbänken,
die als die stehen gebliebenen Ruinen eingestürzter Höhlengewölbe
aufzufassen sind. Bekannt sind vor allem die Höhlen von Ancon („Del
Indio“) von Isabel Maria, von Mantua und von Resolladero, sowie die
Naturbrücken des Rio de los Portales, der oberhalb Guanes in den
Rio Cuyaguateje mündet. Auch dem westlichen Hauptteile, der Sierra
de Acosta, sind noch eine Reihe jener scharfen, zusammenhängenden
Kämme eigen, die als „Cuchillas“ („Messer“) bezeichnet werden. Die
Thalbildung ist aber in der ganzen Gegend eine vorgeschrittenere
und ausgedehntere, so daß der Verkehr quer über das Gebirge
leichter bewerkstelligt werden kann und daß auch die sonstigen
Kulturmöglichkeiten bessere sind. Die Niederungen, zu denen das
Bergland sich gegen das Karibische Meer und den Mexicanischen Golf hin
abdacht, sind an den meisten Orten stärker wellig, vor allem ist aber
der Lehmboden noch mehr mit Sand gemischt, als weiter östlich. Die
Befruchtung der tiefer gelegenen Thal- und Niederungsböden vollzieht
sich aber durch die Überschwemmungen der Regenzeit, die alljährlich
eine neue kalkhaltige Sedimentschicht herbeiführen, ähnlich wie man es
von dem ägyptischen Nil her kennt.
[Sidenote: Kulturen und Bergketten der Vuelta Abajo.]
[Sidenote: Der Tabakbau und die geologischen Verhältnisse der Vuelta
Abajo.]
In ihrem Urzustande in ausgesprochenerer Weise mit „Pinal“
bestanden als die „Halbvuelta,“ ist diese wirkliche Vuelta Abajo
nur durch die angegebenen natürlichen Vorbedingungen unter der Hand
der eingedrungenen kleinen Pflanzer die Stätte des berühmtesten
Tabakbaues der Erde geworden, die die wahre Wonne der Raucher
erzeugt. Zur künstlichen Zubereitung seiner Vega mit Phosphaten und
anderen Düngmitteln wird der Bauer, der es mit dem feinen Dufte
und dem hohen Rufe seines Blattes ernst und gewissenhaft nimmt,
nicht greifen, sondern er wird die Strecken, die sich erschöpfen,
lieber eine Reihe von Jahren zur Erholung brach liegen lassen und
statt ihrer jungfräulichen Boden aufsuchen, auf dem das bloße
Säen und Pflanzensetzen von seiner Seite genügt, und der Himmel der
Vuelta Abajo die gesamte sonstige Fürsorge für die Ernte übernimmt.
Natürlich wechselt der Ertrag und die Qualität des Erzeugnisses auf
diese Weise sehr beträchtlich von Jahr zu Jahr, das ist aber bei dem
Vuelta-Abajo-Tabak gerade so unvermeidlich wie bei dem Rheinweine.
Die Hügelgehänge sind auch in der hier in Frage stehenden Gegend in
ziemlich umfassender Weise mit in den Bereich der Kultur gezogen, im
allgemeinen hat aber das „Lomablatt“ nicht den Gehalt und das Aroma des
in der Thalniederung gezogenen, und nur in besonders feuchten Jahren,
wenn das letztere mißrät, kann es unter Umständen so wohl gedeihen, daß
es die Stelle desselben einzunehmen vermag. Übrigens erschöpfen sich
die Gehängevegas durch die Wasch- und Auslaugewirkung der warmen Regen
selbstverständlich viel rascher als die Stromufervegas.
[Illustration: Abb. 88. +Innerster Teil der Matanzasbucht nebst
Ausblick auf das Hügelland von Limonar.+]
Daß die cubanische Tabakernte in der Vuelta Abajo so gut wie in den
Bergländern von Santiago und Baracoa eine Winterernte ist und daß die
verhältnismäßig strenge und anhaltende Trockenzeit der „wirklichen
Vuelta“ für die Tugenden ihres Krautes ebenso bedeutsam ist wie die
Eigenart des Bodens und der Naturdüngung, dürfen wir als bekannt
voraussetzen.
Auf der Halbinsel Guanahacabibes, dem merkwürdigen südwestlichen
Anhängsel der Landschaft, sind die klimatischen Vorbedingungen des
Tabakbaues annähernd die gleichen wie in der „wirklichen Vuelta“, die
Boden- und Bewässerungsverhältnisse sind aber andere, und nur die von
zahlreichen Lagunen bedeckte Gegend, an der die Halbinsel mit dem
Hauptlande verwachsen ist, enthält eine beträchtliche Zahl von Vegas,
welche die den Lomatabaken verwandten Rematestabake (von dem Hauptorte)
hervorbringen. Der größere Teil der Halbinsel ist von Mangrovesumpf und
von vorwiegend kahler, oberflächlich arg zerrissener Korallenkalkfläche
-- sogenanntem Pedregal oder Seborucal -- eingenommen, und außer
dem Leuchtturm des sanddünenbesetzten niedrigen Kap San Antonio
ermöglicht die letztere durch den spärlichen Weidewuchs, den sie
neben Heiligendisteln, Opuntien, niedrigen Fächerpalmen und anderem
Gestrüpp trägt, nur einigen kleinen Hatos ihr Dasein. In den großen
Savannen, welche in der eigentlichen Vuelta den Übergang von den
Tabakdistrikten zu dem Mangrovesumpfgürtel der Küste bilden, ist
die Viehzucht dagegen ebenso hoch im Schwunge, wie in der Camaguey-
und Cinco-Villas-Landschaft, und Ähnliches ist auch der Fall in dem
westlichen Berg- und Hügellande.
Unter den geologischen Formationen, welche an dem Aufbau der
Vuelta-Abajo-Landschaft beteiligt sind, steht natürlich immer wieder
der tertiäre Kalkstein im Vordergrunde. In der ganzen Randgegend des
Berglandes treten aber außer Diorit und Serpentin auch Bildungen
der Kreidezeit, sowie vielleicht älterer mesozoischer Zeiten auf,
und ganz im Westen, nördlich von Mantua liegt sogar ein ähnliches
paläozoisches Gebiet wie bei Trinidad und Sancti-Spiritus. Sobald
die Lagerungsverhältnisse dieser Formationen genauer untersucht sein
werden, wird sich auch die Frage besser beantworten lassen, warum
der tertiäre Stufenbau Cubas in der Vuelta Abajo so wohl erhalten
geblieben ist, während er in der Vuelta Arriba sowie in den Las Villas
und in dem Camaguey größtenteils zerstört wurde. Einstweilen wagen
wir in dieser Beziehung nur daraus hinzuweisen, daß die betreffende
Thatsache aller Wahrscheinlichkeit nach sowohl mit der veränderten
Längsachseneinrichtung der Insel im Zusammenhange steht, als auch mit
den vergleichsweise geringeren Niederschlagsmengen, die die Landschaft
seit der Zeit ihres Emportauchens aus dem Meere empfangen hat. Als der
ganze Stufenbau in der Vuelta Arriba noch erhalten war, bezugsweise
als sich daselbst viel höhere Gebirge emportürmten, als heute, da lag
die Vuelta Abajo natürlich in einem sehr bedeutenden Grade „in dem
Regenschatten“ derselben.
[Sidenote: Die Mittelpunkte des Tabakbaues.]
Einer starken Verdichtung der Bevölkerung und dem Gedeihen größerer
Städte ist der dem Kleinbetriebe anheimgegebene Tabakbau beinahe
ebensowenig günstig gewesen wie die Viehzucht, der Abbau der Kupfer-,
Eisen- und Manganerzlagerstätten, die die erwähnten älteren Formationen
enthalten, ist aber durch die politischen Wirren und die allgemeine
Unsicherheit auf der Insel niemals in hohen Schwung gekommen. Als
die hauptsächlichsten Ortschaften des Inneren haben wir daher nur
zu verzeichnen: Artemisa (5000 Einw.), das den Mittelpunkt einer
wichtigen Zuckerrohrbau- und Viehzuchtgegend bildet und das als der
stärkste Punkt der während der letzten Insurrektion von der spanischen
Heeresleitung gezogenen „Trocha“ von Mariel-Majana viel genannt und
umkämpft wurde; Candelaria (1200 Einw.), das außer durch seinen
vorzüglichen Kaffee auch durch seine Heilquellen namhaft ist; San
Cristobal (3500 Einw.), den Hauptmarkt für den „Semi-Vuelta-Tabak“;
San Diego de los Baños (1200 Einw.), durch heiße Schwefelquellen
berühmt und gleich Viñales (1000 Einw.) ein Hauptübergangspunkte über
das höhere Gebirge; und Consolacion del Sur (3000 Einw.), an einem
Zuflusse des Rio Hondo, Pinar del Rio (5500 Einw.), San Luis (1000
Einw.) und Guane (1000 Einw.), am Cuyaguateje, die Hauptmittelpunkte
und Märkte des Vuelta-Abajo-Tabakbaues. Pinar del Rio ist gleichzeitig
die Regierungshauptstadt der nach ihm benannten politischen Provinz,
die den größten Teil der Vuelta-Abajo-Landschaft umfaßt, sowie auch der
Endpunkt der Eisenbahn, welche die Osthälfte der Landschaft mit Habana
in bequeme Verkehrsverbindung setzt.
[Illustration: Abb. 89. +Der Rio San Juan in Matanzas.+]
[Sidenote: Die Küstengebiete der Vuelta Abajo.]
Um die Zugänglichkeit der Vuelta Abajo von der Seeseite her ist es nur
im Nordosten wohl bestellt. Dort sind die tiefen und weiten Buchten
von Mariel, von Cabañas und von Bahia Honda der Habanabucht in einem
hohen Grade ähnlich, und bei der zuerst- und der zuletztgenannten
ist nur die Einfahrt viel enger und schwieriger. Die Verbindung mit
ihrem ferneren Hinterlande und namentlich mit den Haupttabakdistrikten
sperren diesen Buchten aber die beschriebenen hohen Gebirgsstufen,
über die, abgesehen von der Fahrstraße zwischen Mariel und Guanajay,
nur schlechte Reitwege führen. Der Ausfuhrhandel der betreffenden Orte
Mariel (2000 Einw.), Cabañas (1200 Einw.) und Bahia Honda (2000 Einw.),
beschränkt sich also auf die der Zucker- und Tabakproduktion der
unmittelbar anstoßenden Küstengegend. Von der Cabañasbucht an begleitet
die Küste dann ein Korallenriff -- das sogenannte Coloradoriff --,
und von der Bahiabucht an gesellen sich diesem Riff in der von ihm
begrenzten Flachsee eine beträchtliche Zahl von Korallenkeys zu --
der Cayo Ines de Sato, der Cayo Rapado, der Cayo de Buenavista und
andere. Die betreffende Flachsee ist zwar im allgemeinen genügend tief
für die Schiffahrt (2-20 ~m~), und das Riff sowie die Keys lassen eine
Reihe von Durchfahrten offen, im allgemeinen liegen die Verhältnisse
aber bei dieser Colorados-Key-Flur ebenso wie bei den anderen Fluren,
und die Küstenstrecke gilt durch ihr Barriereriff mit gutem Grunde für
die gefährlichste von ganz Cuba. Es sind also auch an ihr nur einige
sehr unbedeutende Landungsplätze für den Küstenverkehr entstanden --
Coyetano für die Kupfererzverladung des Bergbaurevieres bei Viñales,
Arroyos für die Tabak- und Rinderverschiffung von Mantua und Puerto
Guadiana für die ähnlich beschaffene Ausfuhr von Guanes. An der
Südseite der Vuelta Abajo liegt dann die gewaltigste der cubanischen
Riff- und Keyfluren, die man Jardinillos- oder Pinosflur nennen kann.
Dieselbe erstreckt sich aber ostwärts weit über das Küstengebiet der
Vuelta Abajo hinaus, und wir widmen ihr daher eine kurze Besprechung
erst in dem nachfolgenden Abschnitte. Hier betonen wir nur, daß
die ganze Südküste der Vuelta Abajo durch diese Flur und die damit
verbundene Seichtsee bloß für kleine Küstenfahrzeuge nahbar ist. Der
einzige Punkt, der an ihr einen nennenswerten Seeverkehr -- besonders
nach Batabano und Pinos -- unterhält, ist demgemäß Coloma, das
Hafendorf von Pinar del Rio, mit dem es durch eine verhältnismäßig gute
Landstraße verbunden ist.
[Illustration: Abb. 90. +Straßenbild aus Matanzas.+]
Der Außenverkehr der Vuelta Abajo ist nach diesen Ausführungen in noch
viel zwingenderer Weise auf die Habanabai hingewiesen, als derjenige
der Vuelta Arriba, und mit vollem Rechte benennt die Welt das kostbare
Erzeugnis derselben also auch mit dem Namen „Habana“.
XI.
[Sidenote: Ansegelung von Pinos.]
Wer die Insel Pinos, die größte unter den zahllosen Nebeninseln Cubas
(2100 ~qkm~), von dem Karibischen Meere her erblickt -- etwa auf
einer Fahrt von Veracruz oder Progreso nach Cienfuegos --, dem stellt
sich dieselbe anfangs nur in der Gestalt von drei Bergmassen dar, von
denen jede für sich allein von den Wogen umspült zu sein scheint.
Die am weitesten links stehende ist ein gewöhnlicher Brotlaibberg,
bezugsweise ein an den Kanten abgeschliffener und abgestumpfter
Tafelberg, der am weitesten rechts stehende ein schwach eingekerbter
Sattelberg, und der mittlere, höchste, ein gekrümmter Rücken mit
einer aufgesetzten scharfen Spitze -- ein regelrechter „~Pico~“ --,
Bergformen, die uns aus Cuba zur Genüge vertraut sind, alle drei
übrigens mit einem etwas steileren Abfalle gegen West. Man kann sich
bei dem seltsamen Anblicke des Gedankens nicht erwehren, daß um diese
Höhen herum ein ausgedehntes Land ertrunken sein müsse.
Kommt man näher, so gesellt sich der Dreizahl der Berge eine Mehrzahl
anderer, teils ferner liegender, teils niedrigerer, zu. Der Eindruck,
als ob man nur die Gipfelteile eines im Meere versunkenen Berglandes
vor sich habe, ändert sich aber auch dann nicht, und ebenso bleibt er
in voller Stärke bestehen, wenn man endlich das niedrige und ebene
koralline Vorland der Berge gewahr wird. Abgesehen von ein paar
Zufluchtsstätten für sturmbedrohte Fischerboote und andere kleine
Fahrzeuge, sowie von einem Nothafen für größere Schiffe unmittelbar
an der Westspitze (Puerto Frances), ist ein Landen an der dem offenen
Meere zugekehrten Südküste aber nicht möglich, denn obwohl man 5 ~km~
von derselben über 1000 ~m~ lotet, so zieht sich ein gefährliches
Korallenriff ihr entlang, und die ganze Südhälfte der Insel ist von
ähnlicher Naturbeschaffenheit wie die Halbinsel Guanahacabibes,
teils niedrige Sanddüne, teils Mangrovesumpf, teils bienenwabenartig
zerfressene und zerrissene, kahle Korallenkalksteinfläche Eine
vom Westen her eindringende lagunenartige Verlängerung der weiten
Siguaneabucht, in der sich große Scharen von Krokodilen und
Schildkröten ziemlich ungestört ihres Daseins freuen, trennt den
Südteil überdies beinahe vollständig von dem Nordteile ab, und ein
Sinken der verbindenden Landenge um weniger als 1 m würde hinreichen,
zwei selbständige Inseln aus ihnen zu machen -- einen großen südlichen
Key von der Art des Cayo Romano und eine nördliche Berginsel. Wir
können hierbei nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß ein sehr
geringfügiges Sinken der lagunenübersäten Niederung zwischen der
Guadiana- und Cortezbai ebenso die Guanahacabibeshalbinsel als
einen Key von der Vuelta Abajo abtrennen würde, wenn auch als einen
verhältnismäßig hohen Key.
[Illustration: Abb. 91. +Die Plaza von Matanzas.+]
[Illustration: Abb. 92. +Der Rio de San Antonio.+]
[Sidenote: Das Korallenmeer.]
[Sidenote: Schiffsverbindungen mit Pinos.]
Wollten wir es versuchen, in einem flach gehenden Küstenfahrzeuge von
Cienfuegos aus thunlichst gerade gegen Pinos vorzudringen, so würden
wir uns von neuem in den Bahnen von Christoph Kolumbus befinden. Sehr
wahrscheinlich würden wir aber in dem Meeresraume, der die Insel in
dieser Richtung umgibt, auch ähnliche Erfahrungen sammeln, wie sie
der Entdecker der Neuen Welt mit seinen kleinen Karavelen vierhundert
Jahre vor uns (1494) sammelte. Das offene Fahrwasser mit seiner
tiefblauen Farbe und seinen zu weißen Schaumköpfchen emporgetriebenen,
bewegten Wellen, wäre rasch durchmessen. Hiernach würden wir uns
aber allenthalben jenem Heere von zierlichen Astraeen, Maeandrinen,
Poriten und Madreporen gegenüber sehen, das die Tausende von kleinen
Nebeninseln Cubas sowie auch einen guten Teil von Pinos und Cuba selbst
aufgebaut hat und das an dieser wie anderen Stellen noch rastlos am
Werke ist. Und hätten wir glücklich eine Durchfahrt zwischen den
Korallenriffen gefunden, so würden wir uns abermals in einem Meere
befinden, das für gewöhnlich so ruhig und sanft ist, „wie der Strom
von Sevilla“, und wir würden angesichts des Mangrovenwuchses der
darin liegenden Keys, in den sich hier und da Kohl- und Fächerpalmen
(~Oreodoxa oleracea~ und ~Thrinax argentea~), sowie Opuntien und
anderes Gebüsch beimischt, wohl mannigfaltige Veranlassung finden,
uns geradeso wie Kolumbus schwärmerischer Naturbetrachtung hinzugeben
und zu würdigen, wie treffend und feinsinnig derselbe die Korallen-
und Key-Flur der großen Isabella zu Ehren Jardinillo de la Reyna --
Gärtchen der Königin -- nannte. An vielen Orten würde sich das Meer
aber wunderlich entfärben -- weiß, gelb, grün, braun, grau --, und
auch das kleinste Schiffchen würde es nicht vermeiden können, wieder
und wieder den Schlammgrund aufzuwühlen und wieder und wieder auf
diesem Grunde festzusitzen. Bräche sodann, wie es in den Sommermonaten
beinahe täglich der Fall ist, eine schlimme Gewitterböe oder wohl
gar ein Orkan los, so wäre die Gefahr für das Fahrzeug innerhalb der
angegebenen natürlichen Wogenbrecher sicherlich eine viel größere als
außerhalb derselben. In jedem Falle hätten die Schiffsführer und die
Schiffsmannschaft unsägliche Mühe und Anstrengung in dem Gewässer.
Kolumbus und seine Begleiter hatten davon ein volles Maß zu genießen,
ganz besonders auch von den Gewitterstürmen, da sie die Gegend im
Frühsommer erreichten, sie arbeiteten sich aber bis Pinos, dessen
Bergspitzen ihnen aus weiter Ferne entgegenwinkten, tapfer hindurch,
und der Admiral nannte sie zum Dank gegenüber den Mächten, die ihn bis
dahin hatten gelangen lassen, Evangelista. Als die See im Norden und
Westen von Pinos aber weit und breit den gleichen Charakter bekundete
wie im Osten und als das so ungeheuer in die Länge erstreckte Cuba
auch dort noch kein Ende nahm -- kaum eine gute Tagesfahrt vom Kap San
Antonio, wenn das Meer ein offenes gewesen wäre --, da stand er von dem
Bemühen ab, und er ließ nur noch von seinen Genossen urkundlich und
unter hochnotpeinlichem Eide feststellen und bestätigen, daß Cuba keine
Insel, sondern ein Teil von dem festländischen Asien sei. Man weiß,
daß Kolumbus in diesem guten mittelalterlichen Glauben gestorben ist,
niemand, der die Pinos-Key-Flur und die Pinosseichtsee in ihrer Tücke
kennen gelernt hat, wird ihn aber feige oder kleinmütig dafür schelten,
daß er die Fahrt in derselben nicht weiter fortsetzte. Ferdinand Cortez
erlitt in derselben See westlich von Pinos traurigen Schiffbruch, und
er rettete sein Leben dabei nur durch sein besonderes Glück.
[Illustration: Abb. 93. +Vega am Ariguanabosee.+]
Dank den genannten und anderen großen Bahnbrechern in der Neuen Welt,
die die Spanier entsandt haben, und um deren Willen dieselben wohl ein
besseres Geschick mit ihrem daselbst aufgerichteten Reiche verdient
hätten, als es ihnen thatsächlich zu teil geworden ist, steht uns
heute ein bequemerer und gefahrenfreierer Weg nach Pinos offen. Um
auf ihm einher zu dampfen, müssen wir uns aber erst zurückbegeben
nach Batabano oder nach Coloma, und weil die große Nebeninsel Cubas
für den allgemeinen Verkehr nur von diesen Punkten aus erreichbar
ist, so wundert es uns nicht, daß auch sie Habana in strenger Weise
tributpflichtig ist, sowie sie politisch zu der Provinz Habana
gerechnet wird. Ein Auffurchen des Schlammgrundes kann der kleine
Dampfer (von kaum 1,5 ~m~ Tiefgang) an verschiedenen Stellen auch auf
diesen betretenen Pfaden nicht vermeiden, und es bedarf der ganzen
Behutsamkeit und Vorsicht des ortskundigen Piloten, ihn langsam und
sicher an den drohenden Gefahren vorüber zu führen.
[Sidenote: Die Keys nördlich von Pinos.]
Den Eindruck, als ob es aus einer Anzahl einzelner Inselberge bestände
und als ob der zusammenhängende Sockel dieser Berge unter den Wellen
gesucht werden müsse, macht Pinos auch von Norden aus. Von vornherein
wird dieser Eindruck hier aber dadurch etwas verdunkelt und maskiert,
daß die vorgelagerten Keys das Auge fesseln und abziehen, und später
bemerkt man zu deutlich, daß ein gemeinsamer Unterbau der Berge
allerdings auch über dem Meeresspiegel vorhanden ist. Als eine eng
geschlossene Keygruppe liegen an diesem Wege besonders die Islas de
Mangles (die „Mangroveinseln“ schlechthin), die nur eine einzige
Durchfahrt von mehr als 0,5 ~m~ Tiefe zwischen sich lassen und die
zusammen mit der Cayos de Dios und der Cayos de los Indios einen
eigentümlichen Inselgürtel um die ganze Nordhälfte von Pinos herum
bilden, der von physikalisch-geographischem Standpunkte aus Beachtung
verdient. Eine Hebung von weniger als 2 ~m~ würde die Mangle- und
Dioskeys in landfeste Verbindung mit Pinos bringen, und dasselbe
würde dadurch im Nordosten ein ähnliches halbinselartiges Anhängsel
erhalten, wie es im Südwesten thatsächlich besitzt -- eine interessante
geographische Homologie. Die Insel würde gewissermaßen zwei lange Arme
in der Richtung auf die Vuelta Abajo ausstrecken. Fände aber eine
weitere Hebung um 4 oder 5 ~m~ statt und nähme die ganze Pinos-Key-Flur
an der betreffenden Bewegung teil, so würden sich die beiden Arme
nicht bloß zusammenschließen, sondern es würden in ihrer Verlängerung
auch zwei andere, längere wachsen, und es würden durch diese neuen
Arme in der Richtung auf das Kap Frances der Guanahacabibeshalbinsel
und auf die Batabanolandenge landfeste Verbindungen zwischen Pinos
und der Vuelta Abajo hergestellt werden. Überdies würde der gegen
Norden gerichtete Arm einen Nebenarm bis zur Halbinsel der Cienaga de
Zapata von sich abzweigen, und im Osten würde sich die Jardinillosbank
einerseits an Pinos und andererseits (über die Cazones- oder
Canarreosbank) an die Zapatahalbinsel anfügen. Pinos wäre also dann
auch mit der Vuelta Arriba fest verwachsen, und was von der ganzen
Pinossee übrigbliebe, wäre nichts als eine Anzahl seichter Lagunen --
ein paar größere namentlich an der Stelle der heutigen Broabucht und
nördlich von den Cayos de San Felipe, d. i. in der Verlängerung des
flachen Längsthales, in dem der Rio Gonsalo dem Matamanogolfe zufließt.
[Illustration: Abb. 94. +Hauptstraße von San Antonio de los Baños.+]
[Sidenote: Kulturen auf Pinos.]