Den kleinen Schiffchen, welche die Pinossee durchfahren haben, bereitet

das Einlaufen in die breiten und verhältnismäßig tiefen Mündungen des

Rio de Casas, des Rio de Malpais und des Rio de Santafé keinerlei

Schwierigkeiten, und die Hauptorte von Pinos -- Nueva Gerona (900

Einw.), Santa Rosalia und Santafé können auf die Weise bequem zu Wasser

erreicht werden. Zur Entfaltung eines stärkeren Verkehrslebens haben

diese Zugänge aber weder an den genannten Örtchen noch anderweit auf

der Insel beigetragen, und die Landesprodukte, welche von ihnen aus

verschifft werden, bestehen im wesentlichen nur aus geringfügigen

Mengen von Vieh, Holz, Früchten und Marmor. Beherbergt doch die Insel

insgesamt nur etwa 2000 Einwohner, während Guadeloupe auf einer

annähernd ebenso großen Landfläche deren 165000 enthält. Man erkennt

hieraus wohl ohne weiteres, daß man es auf Pinos mit dem hintersten

Hinterlande Habanas zu thun hat, und daß die kolonisatorische Kraft

Spaniens bei der Nutzbarmachung seiner Hilfsquellen in einem noch

viel höheren Maße unzureichend gewesen ist, als an gewissen Stellen

Cubas. Erfreute sich nicht die Heilkraft der heißen Alkaliquellen von

Santafé eines hohen Rufes bei der cubanischen Bevölkerung und hätte

die spanische Kolonialregierung Pinos nicht als Deportationsort --

als eine Art cubanisches Sibirien, wenn auch mit sehr unsibirischem

Klima -- benutzt, so wäre seine Volkszahl wahrscheinlich eine noch

geringere. Dabei ist die Fruchtbarkeit seiner Ebenen und Thäler ebenso

groß als auf Cuba, und sowohl dem Tabak- und Zuckerbaue als auch der

Fruchtkultur wären daselbst wohl ansehnliche Strecken zu gewinnen. Wird

die neue Ära in dieser Beziehung einen günstigeren Einfluß auf das

Wirtschaftsleben der Nebeninsel Cubas geltend machen als die alte? Und

wird sie die schönen Kiefernbestände, von welchen die Insel ihren Namen

hat, weise benutzen, ohne sie zu verwüsten? Daß die letzteren trotz

allem, was wir über die Pinossee gesagt haben, leichter zugänglich

sind, als in den Gebirgen der Vuelta Abajo, kann man nicht bestreiten.

[Illustration: Abb. 95. +Guanajay.+]

[Sidenote: Physisch-geographischer Rückblick.]

In einem höheren Grade als die wirtschaftsgeographischen Fähigkeiten

von Pinos beanspruchen aber seine physikalisch-geographischen

Eigentümlichkeiten unsere Aufmerksamkeit. In dieser Beziehung

erhellt aus der oberflächlichsten Betrachtung ihrer palmen- und

kiefernbestandenen Rot- und Schwarzerdeebenen und ihrer ostwestlich

streichenden Bergzüge eine sehr vollkommene Übereinstimmung mit Cuba.

Die Bergzüge -- die Sierra de Caballos (300 ~m~) über Nueva Gerona, die

Gruppe des Pico de la Daguila (413 ~m~) über Santafé und die Sierra

de la Cañada (464 ~m~), gegen die Siguaneabucht hin -- zeigen ganz

ähnliche Gipfel- und Thalformen wie in der Vuelta Arriba und in der

westlichen Vuelta Abajo, nur sind sie zum Teil beträchtlich höher,

steilwandiger und malerischer, und durch ihre Gesteinszusammensetzung

erinnern sie füglich am allermeisten an die Bergzüge von Trinidad und

Sancti-Spiritus. Wie bei diesen so sind auch bei ihnen die älteren

geologischen Formationen verhältnismäßig vollständig vertreten und man

darf füglich schon bei der dermaligen lückenhaften Durchforschung von

Pinos annehmen, daß dasselbe in seinem Nordteile ein außer Verband

geratenes Stück von Alt-Cuba, d. i. von dem vortertiären Cuba sei. Daß

es aber zugleich auch ein außer Verband geratenes Stück von Neu-Cuba

-- von dem spät-tertiären und nachtertiären Cuba -- sei, und daß seine

Trennung von der Hauptinsel, geologisch gesprochen, erst neuerdings

erfolgt sein kann, bezeugt seine gesamte Organismenwelt, die sich in

keinem wesentlichen Punkte von derjenigen der benachbarten cubanischen

Landschaften unterscheidet. Nicht bloß das bunte Gemisch hochstämmiger

Königspalmen, Kiefern, Mahagoni-, Cedrelen-, Ebenholz- und Kerbsbäume

ist dasselbe wie dort, sondern auch das Gewirr der Lianen, der Wuchs

der Farne und Orchideen u. s. w., und nicht minder sind es dieselben

Hutias, Iguanas, Schlangen, Krokodile, Insekten und Mollusken wie dort,

die in den schönen Wäldern ihr Wesen treiben.

Eröffnet sich damit aber nicht für uns auf Pinos eine Art

physisch-geographischer Rückblick auf Cuba und seine kleineren

und größeren Nebeninseln? Wenn Pinos noch vor kurzem fest mit der

Hauptinsel verbunden war, so versteht es sich von selbst, daß dies

auch der Fall war mit den sämtlichen Hauptkeys der Pinossee. Wenn

es aber die Keys der Pinossee waren, wie sollte es anders gewesen

sein mit den Keys der Laberintoflur, mit denen der Romanoflur

und mit denen der Coloradosflur, bei denen die morphologischen

und geologischen Verhältnisse durchaus ähnlich lagen? Derselbe

Korallenkalkstein jungen (tertiären und quartären) Alters setzt die

Inselchen zusammen, die größeren ragen zum Teil zu ansehnlichen Höhen

auf, und daß der Schichtenbau ihres Untergrundes mit demjenigen der

Hauptinsel zusammenhängt, läßt sich aus den darauf zu Tage tretenden

Süßwasserquellen schließen.

Ganz so lazertenhaft schmächtig und graziös, wie er heute auf der Karte

erscheint, war also der Inselkörper Cubas bei seinem Auftauchen auf

dem Tertiärmeere aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, und sowohl seine

allgemeine Gliederung durch die beschriebenen Randmeere und Golfe, als

auch seinen großartigen Reichtum an Naturhäfen und seine Umgürtung mit

dem vielgliederigen Kranze von Nebeninseln erhielt derselbe erst durch

nachfolgende Einbrüche und Senkungen.

Der ungeheure Grabeneinbruch der Bartletttiefe, der sich von der

Windwarddurchfahrt zum innersten Winkel der Hondurasbai zieht,

und der sich unter häufigen Erd- und Seebodenerschütterungen noch

beständig erweitert und vertieft, zog die ganze Südostküste in starke

Mitleidenschaft. Ähnliches bewirkt in etwas abgeschwächtem Maße auch

der Einbruch der Yucatantiefe betreffs der Südküste in der Gegend von

Cienfuegos und Trinidad, derjenige des Mexicanischen Golfes betreffs

der Nordwestküste und derjenige des Alten Bahamakanales betreffs der

Nordostküste. In der Gegend der vier großen Korallenkeyfluren war die

Senkung dagegen in der unmittelbaren Nachbarschaft der Hauptinsel nur

eine geringfügige. Weitaus am besten zugänglich für den Verkehr von

außen sind aber die Küstenstrecken von der zuerst angegebenen Art.

Daß alle die angegebenen tiefen Grabeneinbrüche in ihrer ganzen

Ausdehnung jungen geologischen Alters sind und daß Cuba sowohl in

der mesozoischen Zeit als auch in der späteren Tertiärzeit in fester

Verbindung mit Jamaica, Haiti, Puertorico und den Jungferninseln

gestanden hat, ist wahrscheinlich. Ebenso spricht auch mancherlei

dafür, daß die Bahamainseln und Südflorida sowie Yukatan und Honduras

seiner Zeit damit verwachsen gewesen sind. Mit Sicherheit läßt sich

in dieser Beziehung aber nichts behaupten, und ein haltbares Gebäude

von Schlußfolgerungen hinsichtlich der Entstehungsgeschichte der Insel

sowie hinsichtlich ihrer natürlichen Beziehungen zu den Nachbarinseln

und zu den Nachbarerdteilen wird sich erst aufbauen lassen, wenn ihre

Durchforschung sowie die Durchforschung von Haiti und Puertorico

weitere Fortschritte gemacht haben wird. Von der neuen Ära, welche über

Cuba hereingebrochen ist, wird man vielleicht in dieser Hinsicht am

ehesten eine wirkliche Wendung zum Besseren erwarten dürfen.

[Illustration: Abb. 96. +In der Sierra de los Organos.+]

[Sidenote: Die Zukunft Cubas.]

Erwägen wir die Aussichten für die Zukunft der schönen Insel Cuba,

so müssen wir die politischen Verhältnisse und die Verwaltung erst

gefestigt wissen, da erst dann eine wirksame Wiedergeburt auf

wirtschaftlichem Gebiete erfolgen kann. Cuba ist ein altbesiedeltes

Land, wo der größte Teil des Bodens in festen Händen ruht, so daß

eine Zuwanderung im großen ausgeschlossen ist, wenn auch zugegeben

werden muß, daß das Land eine um vieles zahlreichere Bevölkerung zu

ernähren vermöchte, als dies heute der Fall ist. Hierzu kommen auch

noch die oben erwähnten ungünstigen Einwirkungen des Klimas. Aber die

Erweiterung des Landbaues könnte gefördert werden einerseits durch

weitere Trennung von Anbau und Fabrikation, anderseits durch Anlage von

kleineren Farmen; diese hätten gewissermaßen einen Übergang zu bilden

von den jetzigen Riesenfarmen zu den elenden halbverfallenen Ranchos.

Vieles würde auch gebessert werden durch eine allmähliche Umwandelung

des Pächters zum selbständigen Grundbesitzer, was die Schaffung

eines thätigen Mittelstandes bedeuten würde. Dazu würde noch eine

genaue Aufnahme des Bodens und im Zusammenhange eine richtigere und

gerechtere Festlegung der Besteuerungsverhältnisse kommen. Zur weiteren

Erschließung gehört aber auch das Einströmen von Kapital zur Errichtung

großer öffentlicher Unternehmungen, zum Ausbau der Eisenbahnen und der

Straßen, zur Verbesserung bestehender Landkulturen und Fabrikbetriebe.

Mit der thätigeren Anteilnahme der Vereinigten Staaten am Geschicke

Cubas werden die zuletzt genannten Punkte hoffentlich in allernächster

Zeit ihre Verwirklichung finden.

Statistische Übersicht.

+Übersicht der politischen Provinzen Cubas nach Flächeninhalt,

Volkszahl und Wirtschaftsverhältnissen.+

============+=======+===========+=========+=========+=========+========

| | Einwohner-| Einw. | Ingenios| Tabak- | Kaffee-

zahl auf | vegas | gärten

| ~qkm~ | 1887 | 1 ~qkm~ | 1890 | 1890 | 1890

------------+-------+-----------+---------+---------+---------+--------

1. Pinar | | | | | |

del Rio | 14510 | 225891 | 15,6 | 71 | 5411 | 33

2. Habana | 8345 | 451928 | 54,1 | 156 | 2 | 22

3. Matanzas | 8225 | 259578 | 31,7 | 467 | -- | 3

4. Santa

Clara | 22380 | 354122 | 15,8 | 332 | 816 | 46

------------+-------+-----------+---------+---------+---------+--------

Westcuba | 53460 | 1,291519 | 24,1 | 1026 | 6229 | 104

insgesamt | | | | | |

| | | | | |

5. Puerto | | | | | |

Principe | 31345 | 67789 | 2,2 | 5 | -- | --

6. Santiago | 34028 | 272379 | 8 | 88 | 2256 | 84

------------+-------+-----------+---------+---------+---------+--------

Ostcuba | | | | | |

insgesamt | 65373 | 340168 | 5,2 | 93 | 2256 | 84

------------+-------+-----------+---------+---------+---------+--------

Die ganze | | | | | |

Insel |118833 | 1,631687 | 13,7 | 1119 | 8485 | 188

[Illustration: Kulturkarte von Cuba

Geogr. Anstalt von Velhagen & Klasing in Leipzig.

Karte zu Deckert, Cuba.

Verlag von Velhagen & Klasing in Bielefeld u. Leipzig.

]

FOOTNOTES:

[1] In Humboldts Fußstapfen gingen dann andere einher: ein Ramon de la

Sagra mit seiner ausführlichen ~Historia fisica, politica y natural~

(Madrid 1849), ein Felipe Poey mit seiner ~Historia natural~ (Madrid

1851), ein Estéban Pichardo mit seiner ~Geografia~ (Habana 1854), ein

José Maria de la Torre mit seinem ~Elementos de Geografia~ (Habana

1856), ein José de Pezuela mit seinem ~Diccionario geografico~ (Madrid

1863) -- nicht zu vergessen der mühevollen kartographischen Leistungen

eines Estéban Pichardo (21 Blätter) und Francisco Coëllo. Eine von der

spanischen Kolonialregierung geplante geologische Landesaufnahme (1844)

scheiterte freilich an den unzureichenden Mitteln.

[2] Das meiste thaten in neuerer Zeit zur Förderung der

wissenschaftlichen Landeskunde Ausländer, Deutsche und Amerikaner: J.

Gundlach, der die Insel 54 Jahre lang in den verschiedensten Teilen

und Richtungen durchstreifte, um vor allem ihre tiergeographischen

Verhältnisse in umfassender Weise klar zu legen, A. Grisebach, der

auf Grund der von dem Amerikaner C. Wright gemachten Sammlungen

seinen „~Catalogus plantarum Cubensium~“ (1866) zusammenstellte, und

Alexander Agassiz, R. T. Hill und J. W. Spencer, die die Grundzüge

der geologischen Entwickelungsgeschichte der Insel und den Anteil der

Korallentierchen an ihrem Aufbau festzustellen suchten.

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