die Stelle zusteuert, wo die Niederstufe der Vuelta-Abajo-Treppe sich
an das Hügelland von Guanabacoa anlehnt, unterscheiden wir allgemach
freundliche grüne Gelände, die den Eindruck einer wohlangebauten
Kulturlandschaft machen, die wir aber in keiner Weise großartig nennen
können und die füglich auch einer ganz anderen, außertropischen
Erdgegend angehören könnten. Da war das Bild von Santiago und seiner
Umgebung von der See aus zweifellos viel bedeutender. An dem Fuße des
Gehänges und dicht an dem Wasserrande, auf niedriger, brandungbespülter
Klippenwand, hebt sich aber eine stattliche Front von Häusern und
Türmen ab -- Habana nebst seinen Vorstädten Vedado und Carmelo, die
sich an die 5 ~km~ weit dem Meeresstrande entlang ausdehnen --, und
wir können dabei keinen Augenblick im Zweifel darüber sein, daß wir es
hier mit dem weitaus hervorragendsten städtischen Gemeinwesen zu thun
haben, das in Cuba sowie in dem gesamten Westindien erwachsen ist. Dann
tritt auf etwas höherer, wetter- und wogenzerfressener Korallenklippe,
die ziemlich weit gegen Nordwest herausspringt, und die auf diese Weise
zugleich einen wirksamen Schutz gegen den Seegang aus Nordost bietet,
ein ähnliches altertümliches, von einem hohen Leuchtturme überragtes
Festungswerk aus der Häusermasse hervor, wie an dem Eingange in die
Santiagobucht und ebenso wie dort Morro geheißen, und zwischen diesem
Morro und der ihm gegenüber liegenden Hilfsbefestigung der sogenannten
Punta, geht es durch eine enge (nur 340 ~m~ breite) und ziemlich
lange, aber verhältnismäßig gefahrenfreie und gerade Einfahrt (Abb.
62) in die gewaltige Habanabai (vgl. das Übersichtskärtchen, Abb. 61),
die Schiffe aller Größen in jeder denkbaren Zahl aufzunehmen vermag
und die unter den vielen guten Naturhäfen Cubas der beste genannt zu
werden verdient. In ihrer Gestalt und Gliederung den allgemeinen Typus
der handförmig in das Land eingreifenden nordcubanischen Buchten auf
das treueste darstellend, verzweigt sie sich in ihrem Innern in die
drei Teilbuchten von Marimelena oder Regla (im Osten), von Guasabacoa
(im Südosten) und von Atares oder Tallapiedra (im Südwesten), und es
wird dadurch sowohl für die Handels- und Verkehrs- und Wohnanlagen
als auch für die Verteidigungswerke eine große Mannigfaltigkeit
günstiger Positionen geschaffen. Abgesehen von einem kleinen Manglar
an der Guasabacoabucht, ist ja der Baugrund in der Umgebung der Bai
allerwärts ein guter, und während der durch die Marimelenabucht
ausgeschnittene halb halbinselartige Landvorsprung im Nordosten
eine ziemlich hohe (ungefähr 40 ~m~), gegen Regla hin stufenförmig
abfallende Kalksteinmesa (Abb. 62) darstellt, die als Trägerin der
stärksten Bollwerke „gegen inn- und äußeren Feind“ -- des Morro, der
Cabañacitadelle und des Sandiegoforts -- in vorzüglichster Weise
geeignet erscheint, so bildet die ihr gegenüber liegende Halbinsel,
nördlich von der Tallapiedrabucht, eine nur schwach (5-6 ~m~) über
den Wasserspiegel der Bai erhobene Seborucofläche, die für die Bauten
der Stadt sowie für die Entwickelung ihrer Hafenfront (Abb. 63 und
64), und ihrer Landungs- und Ladevorrichtungen hinlänglichen Raum und
jeden denkbaren Vorteil sowie jede mögliche Bequemlichkeit gewährte.
Südlich und westlich von dieser ebenen Fläche aber erheben sich 30-50
~m~ hoch eine Anzahl gerundete Hügel und Kuppen, die ebenso gut zur
Vervollständigung der kriegerischen Wehr der Stadt -- zur Errichtung
des Atares- und Principekastelles und der Santa-Clara-Batterie --
wie zum Aufbau freundlicher und gesunder Landhäuser und Vororte des
Cerro u. s. w. (Abb. 66) benutzt werden konnten. Die Frage, ob die Bai
in irgend einem Winkel vollkommen sturmsicher sei, ist freilich zu
verneinen, und die Orkane der Jahre 1768, 1810, 1844 und 1845 richteten
unter den im Hafen vor Anker liegenden Schiffen furchtbare Verheerungen
an. Das ist aber in anderen westindischen Häfen auch nicht anders, und
wer in denselben handelt und verkehrt, der hat mit solchen Katastrophen
allenthalben zu rechnen.
[Sidenote: Erste Eindrücke beim Anblick von Habana.]
In dem Anblicke, den Habana und seine Bai dem Beschauer auf dem
Schiffe gewährt, überwiegt das kulturhistorische, bezugsweise das
militär- und wirtschaftsgeographische Moment das naturästhetische
Moment bei weitem -- ganz anders als bei der Santiagobai. Die Hügel-
und Terrassenumrahmung der Bai nennt man freundlich und anziehend,
die hellblaue Wasserfläche wie jede andere große Wasserfläche schön
und herzerquickend, nach der von Cuba erwarteten üppigen tropischen
Pflanzenpracht sieht man sich aber vergebens um, und Königspalmen
erblickt man nur, wenn man sein Auge anstrengt, in weiter Ferne, so
daß man sie als Zierde des Bildes nicht zu würdigen vermag. Wieder
und wieder haftet das Auge aber an dem weit ausgedehnten grauen
Gemäuer, das von der Höhe im Osten herunterdroht und das dem, der seine
stumme Sprache versteht, so viel zu erzählen weiß -- von den alten
französischen Boucanieren, von dem englischen Korsaren Franz Drake
und von einer langen Reihe holländischer und englischer Admirale und
Flotten, die länger als anderthalb Jahrhunderte vergeblich bedrohten;
wie dann die Engländer sich 1762 von der Landseite her nach hartem
Kampfe mit starker Truppenmacht (14000 Mann) in ihm festsetzten, bis
ein großes Sterben über sie kam und sie wieder von dannen zogen; und
von zahllosen Gefangenen und standrechtlich erschossenen Insurgenten
endlich. Wie merkwürdig, daß diese gewaltigen Festungswerke, die
zu einem beträchtlichen Teile auch dem Strategen der Neuzeit als
starke und widerstandsfähige gelten müssen, den Spaniern ohne einen
Schwertstreich haben entwunden werden können, und daß sie nicht
einmal dazu benutzt worden sind, die Amerikaner zur Milderung ihrer
Friedensbedingungen zu veranlassen! Daß die strategische Bedeutung
von Habana in dem spanisch-amerikanischen Kriege überhaupt nicht in
Frage gekommen sei, wird derjenige, der den Zusammenhang der Dinge
überblickt, allerdings schwerlich behaupten, und im Grunde genommen
war es doch in viel hervorragenderer Weise die unblutige Blockade der
Habanabai und die dadurch verursachte Aushungerung des Hauptteiles
der Insel, welche die Entscheidung herbeiführte, als der blutige
Kampf am Westfuße der Gran Piedra. Wie eine Insel von der Ausdehnung
des süddeutschen Staatenkomplexes -- 118833 ~qkm~, die alljährlich
zwei oder drei Maisernten und ebensoviele Bataten-, Kartoffel- und
Bohnenernten von demselben Boden gewährt, ausgehungert werden konnte,
bleibt dabei freilich eine offene Frage.
Doch nicht weniger Aufmerksamkeit als der Cabañafestung und dem durch
gedeckte Gänge damit verbundenen Morro wenden wir dem Stadtbilde auf
der Westseite der Bai sowie dem bunten Wasserleben rund um uns herum
zu -- dem alten Zollhause, das ursprünglich eine Kirche war, das aber
nach seiner Entweihung durch die Engländer (1762) seiner gegenwärtigen
unheiligen Bestimmung übergeben wurde, dem Hafenhauptmannsgebäude,
dem Statthalterpalaste, den Türmen der Kathedrale, den weitläufigen
Zeughausbauten, den Landungs- und Lagerhallen, den Gast- und
Kaufhäusern, den Schiffen, die mit dem unsrigen im Hafen vor Anker
liegen und unter denen auch ein paar spanische Kriegsschiffe nicht
fehlen, und den Scharen der kleinen blauen, gegen Sonnenbrand und
Regenguß (Abb. 67) mit niedrigem Zeltdach versehenen Leichterbooten,
die uns und sie umspielen. Und auch angesichts dieses Bildes können wir
uns gewisse kulturgeographische Reflexionen nicht ersparen. Wie ist
es zugegangen, daß ein solches Zusammenstehen und Zusammenspielen der
Dinge gerade an dieser Stelle statt hat und sonst an keiner anderen in
Cuba oder Westindien? Warum hat Santiago seine Rolle als Hauptstadt
Cubas schließlich ebenso an Habana abtreten müssen, wie Baracoa die
seinige vorher an Santiago? Die alte Stadt San Cristobal de la Habana,
die der cubanische Städteerbauer Velasquez als die erste von Westcuba
im Jahre 1515 in der Gegend des heutigen Batabano, also an der Südküste
der Insel, anlegte, wollte ja in keiner Weise vorwärts kommen. Wie
glänzend ist aber ihr Aufschwung gewesen, nachdem man sie im Jahre 1519
an ihren heutigen Ort -- an das Ufer des Puerto de Carenas Ocampos --
verlegt hat!
[Illustration: Abb. 73. +Der Prado von Habana mit Ausblick auf das
Meer.+]
[Illustration: Abb. 74. +Die Plaza de Armas von Habana.+]
[Sidenote: Wichtigkeit der Lage Habanas.]
Die angegebene Beschaffenheit der Habanabucht ist für das Aufblühen
der Stadt selbstverständlich von höchster Wichtigkeit gewesen. Füglich
sind die Vorzüge, welche dieselbe vor der Santiagobucht und einigen
anderen voraus hat, aber keine so gewaltigen, und die Überlegenheit
der Befähigung Habanas, als Regierungssitz und Hauptstützpunkt der
spanischen Herrschaft zu dienen, sowie den Hauptvereinigungspunkt aller
inneren und äußeren Handels- und Verkehrsbeziehungen Cubas zu bilden,
kann damit in jedem Falle nicht vollkommen erklärt werden. Ist doch die
Lage der Bucht auf der Insel auch kaum weniger excentrisch, als bei der
Santiagobucht, und würde doch namentlich die Cienfuegosbucht in dieser
Hinsicht vor der einen wie vor der anderen vorzuziehen sein.
[Illustration: Abb. 75. +Ärmere Vorstadt-Straße.+]
[Sidenote: Strategische Lage Habanas.]
Sehr bedeutsam ist es aber für Habana gewesen, daß die Bucht gerade
dort in den Inselkörper einschneidet, wo die beiden verschiedenartig
gebildeten Landschaften der Vuelta Arriba und Vuelta Abajo, die sich
als die kulturfähigsten von ganz Cuba erwiesen haben und die auf einem
Vierteile der Inselfläche die größere Hälfte der Inselbevölkerung
beherbergen und ernähren, in der beschriebenen Weise aneinander
stoßen. Die Produktionskraft und der Reichtum beider Landschaften
hatte Habana solchergestalt einen gewissen Tribut zu zollen, und es
mußte dies in einem um so höheren Maße der Fall sein, als es sonst
um die seeseitigen Verkehrspforten im Westen Cubas nicht in jeder
Beziehung wohlbestellt war. Ein noch größerer Vorteil war es aber,
daß der schöne Naturhafen Habanas zugleich auch an der stärksten
Verschmälerung Cubas -- wo der Fisch- oder Eidechsenschweif der
Insel sich dem langgestreckten Rumpfe anfügt -- und daß es auf der
Südseite des betreffenden Isthmus bei Batabano eine brauchbare Reede
für größere Küstenfahrer sowie für kleinere Hochseeschiffe gibt. Der
Isthmus ist zwischen der Habanabai und der Küste von Batabano nur 42
~km~ breit, zwischen der Bucht von Mariel und der Bucht von Majana aber
sogar nur 27 ~km~, und derselbe entspricht ebenso wie der mehrfach
erwähnte Isthmus von Moron einer starken allgemeinen Verflachung und
Erniedrigung des Inselbodens, so daß seine höchste Höhe über dem
Meeresspiegel (bei Bejucal, Abb. 68) bloß 92 ~m~ beträgt. Schon am
Ende des vorigen Jahrhunderts konnte man auf diese Weise das Projekt
einer Kanaldurchstechung an den Isthmus knüpfen, und während es seiner
Zeit der Volante und dem Reit- oder Lasttiere nicht mehr als eine
kleine Tagereise nahm, auf der Landstraße von einem Meere zum anderen
zu gelangen, so ist dies heute dem Eisenbahnzuge in einer oder in ein
paar Stunden möglich. Standen die beiden Landschaften östlich und
westlich von der Habanabucht nun schon zu Lande in einem gewissen
Abhängigkeitsverhältnisse von der daselbst begründeten Stadt, so wurde
dieses Verhältnis ein noch viel strengeres dadurch, daß sie auch auf
ihrer ganzen Seeseite von deren Verkehrsfäden umsponnen wurden. Sehr
bezeichnend werden die beiden Landschaften daher auch einfach nach
ihrem Verhältnisse zu Habana benannt -- die Vuelta Arriba als die
Seite, von welcher der Wind (der Passat) für die Habanesen kommt, und
die Vuelta Abajo als die, nach welcher er von ihnen aus weht. Was
aber die ferner liegenden cubanischen Landschaften angeht, so gilt
das über Santiago Gesagte natürlich auch von Habana: bei dem gesamten
interprovinzialen Verkehr der Insel -- bei dem Verkehre der Verwaltung
und der Truppenkörper ebenso wie bei dem Verkehr der Handelsgüter
und Reisenden -- stand immer in erster Linie der Seeverkehr entlang
der Küste in Frage, und dadurch, daß Habana besser als Santiago und
besser als jede andere cubanische Stadt in der Lage war, die Nord-
und Südküste gleichzeitig mit seinen Beziehungen zu umspannen, war
es sozusagen die prädestinierte Hauptstadt der Insel in politischer
ebenso wie in wirtschaftlicher und allgemein kulturgeographischer
Hinsicht. Übrigens ist es hierbei sehr selbstverständlich, daß
von einer strengen Centralisation der cubanischen Angelegenheiten
in einem Punkte bei der weiten Auseinandergezogenheit der Insel
niemals die Rede sein konnte, und die Rolle einer Nebenhauptstadt
hat Santiago daher recht wohl weiter fortspielen können, wie es ja
bis zu einem gewissen Grade auch mit Puerto Principe und Santa Clara
der Fall war. Endlich liegt aber die Habanabai auch in der Gegend
der stärksten Annäherung Cubas an das Gebiet der Nordamerikanischen
Union und an deren Schnellverkehrsplätze Key West und Tampa, sowie
in der Konvergenz dreier wichtiger Meerstraßen -- die Floridastraße,
des Bahamakanales (hier Nicolaskanal genannt) und der Yucatanstraße
--, und hieraus hat sich die hohe Bedeutung ergeben, die Habana als
„Llave del Nuevo Mundo“ sowie als ein Hauptzielpunkt des europäischen
und nordamerikanischen Dampfschiffverkehrs gehabt hat. Darüber haben
wir uns aber bereits ausgesprochen, und wir betonen daher hier nur
noch, daß die strategische Wichtigkeit von Habana in dieser Beziehung
leicht überschätzt werden kann. In dem Sinne, in welchem Gibraltar den
Eingang in das Mittelländische Meer oder Aden-Perim den Eingang in das
Rote Meer beherrscht, kann Habana die bezeichneten Eingänge in den
Mexicanischen Golf und in das Karibische Meer unmöglich beherrschen.
Denn einmal sind dieselben ungleich weiter -- die Floridastraße
zwischen dem cubanischen Hicacoskap und dem floridanischen Kap Sable
195 ~km~, der Nicolaskanal zwischen dem Bahia-Cadiz-Key und dem Salt
Key der Bahamas 46 ~km~, und die Yucatanstraße zwischen Kap San Antonio
und Mugeres 185 ~km~ --, und sodann lassen sie sich in der Richtung auf
das Karibische Meer und den daselbst zu eröffnenden interoceanischen
Kanal auch leicht umgehen.
[Illustration: Abb. 76. +Im Botanischen Garten von Habana.+]
[Illustration: Abb. 77. +Im Botanischen Garten von Habana.+]
[Sidenote: Die Straßen Habanas.]
Doch wir können uns mit dem allgemeinen Übersichtsbilde, das uns
Habana vom Hafen aus darbietet, nicht begnügen, sondern wir haben
uns in einem der kleinen blauen Boote ans Land zu begeben und unsere
kulturgeographischen Betrachtungen bei unseren Streifzügen in der
Stadt und ihrer näheren und ferneren Umgebung weiter fortzusetzen
und auf allerlei Einzelheiten zu erstrecken. Dem Stadtteile in der
Nachbarschaft des Hafens sind durchgängig sehr enge Straßen mit kaum
anderthalb Fuß breiten Bürgersteigen eigentümlich (Abb. 69), und
es ist weder den Fuhrwerken noch den Fußgängern darin möglich, ohne
vielfache Zusammenstöße aneinander vorüber zu kommen, während sie im
übrigen die Luftzirkulation behindern, üble Dünste festhalten und
zum Teil dadurch wahre Pestherde bilden -- Brutstätten des Gelb- und
Malariafiebers sowie der Blattern- und Typhusepidemien. Eine gewisse
Annehmlichkeit bieten sie nur insofern, als sie ein Wesentliches
dazu beitragen, ihren Bewohnern lange Wanderungen in der Tropensonne
zu ersparen, als sie die in sie einfallende Strahlenmenge auf ein
Mindestmaß beschränken, und als sie es einem möglich machen, sie mit
ein paar Schritten oder Sprüngen zu queren, wenn sie sich durch die
Güsse der Regenzeit alltäglich zu wiederholtenmalen in fußtiefe Bäche
verwandeln. Alles in allem hat man sie aber als ein Erbe aus alten
Zeiten oder sozusagen als ein historisches Überlebsel zu betrachten,
das für andere Bedürfnisse als die heutigen berechnet war, und das
man nicht ohne weiteres beseitigen kann. Als diese Straßen und die
sie einrahmenden festungsartigen Häuser mit ihren eisenvergitterten
glaslosen Fenstern und ihren schwer beschlagenen starken Holzthüren
entstanden, drohten noch die Einfälle der Korsaren und Boucaniere sowie
der Holländer und Engländer, und es war nötig, das ganze Gemeinwesen
in eine Ringmauer einzuschließen. Dabei galt es aber Raum zu sparen,
und da in den Straßen beinahe ausschließlich Lasttiere und Reiter sowie
Fußgänger verkehrten und selbst Ochsenkarren Ausnahmserscheinungen
waren, während sich die Sanierung in der noch kleinen Stadt von
selbst bewirkte, -- wie in mancher europäischen Kleinstadt wohl auch
-- durfte man diese Rücksicht ohne weiteres walten lassen. Heute ist
der Verkehr der Wagen und Personen in einzelnen von diesen Straßen,
wie namentlich in der Calle Obispo und Calle O’Reilly, sowohl in den
Morgen- als auch in den späten Nachmittagsstunden ein sehr starker, und
der nicht an das Schauspiel Gewöhnte kann sich dabei nicht enthalten,
das Geschick zu bewundern, mit dem die Rosselenker ebenso wie die
Wanderer auf den Bürgersteigen die vorhandenen großen Schwierigkeiten
zu überwinden wissen. Übrigens begegnet man natürlich auch unter den
Formen des Verkehres manchem historischen Überlebsel, das vor zwei-
oder dreihundert Jahren von Spanien nach Cuba verpflanzt worden ist
und das heute in seiner ursprünglichen Heimat kaum noch zu erblicken
sein dürfte, das aber hier unter der Tropensonne noch kräftig weiter
blüht. Die alte Volante zwar sucht man heute vergebens in Habana, und
statt ihrer jagen Wagen von derselben Art wie in den europäischen
Hauptstädten hin und her, und dazu auch Omnibusse, Pferdebahnwagen
und Dampfstraßenbahnzüge. Ein guter Teil der Verkaufsgegenstände,
die für den täglichen Gebrauch der Stadtbevölkerung vom Lande her
nötig sind, wird aber immer noch auf den Rücken von Pferden, Eseln
und Maultieren herbei gebracht und in den Straßen oder auf dem großen
und wohleingerichteten Taconmarkte feilgeboten (Abb. 70 und 71).
Größere und schwerere Transporte vom Lande in die Stadt vollziehen
sich aber vorwiegend in roh gebauten, zelttuchüberspannten und nach
dem Tandemprincip von Maultieren gezogenen Karren (Abb. 72), denn die
Landstraßen sind auch in der Nähe der Hauptstadt der Mehrzahl nach
schlecht -- wenigstens in der Zeit der Regen --, und nicht weniger
schlecht ist auch das Steinpflaster in der Stadt selbst. Wird die
neue Ära, die über Cuba hereingebrochen ist, dies alles von Grund aus
ändern? Und werden die Amerikaner, die sich anschicken, die Führung
in dieser Ära zu übernehmen, den Stumpfsinn und den Schlendergeist zu
bannen verstehen, der bei diesen Zuständen zweifellos mit im Spiele
ist? Im eigenen Lande haben dieselben sich als Straßenbauer bisher
nicht sonderlich bewährt, und ihre Stadtverwaltungen erfreuen sich
ebenfalls beinahe durchgängig nicht eines sehr guten Rufes. Füglich
fegt aber mancher Besen in der Welt weitaus am besten und wirksamsten
vor der Thür des Nachbarn. Daß sowohl der Landstraßenbau als auch das
Imstandehalten des Straßenpflasters in dem Tropenklima Cubas noch
erheblich größere Anstrengungen erforderlich machen wird, als in dem
Klima Nordamerikas, ist wohl sicher.
[Illustration: Abb. 78. +Die Kathedrale von Habana.+]
Das neuzeitliche Habana liegt außerhalb der alten Ringmauern, und
hier bieten die breiten, von westindischen Lorbeerbäumen beschatteten
und von stattlichen Häusern und Bogengängen begleiteten Straßen (Abb.
73) zahlreiche Bilder vornehmen Glanzes, und in einem noch höheren
Grade die mit Palmen, Hibiscus und Rosen sowie mit Bildsäulen und
Springbrunnen schön geschmückten und von Kaffee-, Gast-, Schauspiel-
und Klubhäusern umrahmten Plazas (Abb. 74) -- die letzteren vor allem
am Abende, wenn sie von elektrischen Lichtern erhellt und von Scharen
von Lustwandelnden sowie von den Klängen von Musikbanden belebt
sind. Noch weiter draußen stoßen wir freilich zum Teil wieder auf
sehr ärmliche Straßen, in denen das Elend daheim ist (Abb. 75), und
die große Zahl zerlumpter Bettler bringt auch einen schlimmen Mißton
in das heitere Leben der Plazas. Übrigens sondern sich aber Arme und
Reiche, Schwarze, Weiße und Gelbe in Habana keineswegs nach derselben
strengen Regel wie in den Städten der Union in besonderen Stadtvierteln
voneinander ab, sondern es herrscht in dieser Beziehung ein ziemlich
buntes und regelloses Durcheinander, und unmittelbar neben dem Palaste
oder der Quinta eines Großkaufmanns oder Granden, an dem Marmorsäulen
und sonstiger Zierat nicht gespart worden sind, stoßen wir vielfach auf
recht bescheidene Häuschen oder Hütten.
[Illustration: Abb. 79. +Guanabacoa.+]
[Sidenote: Gesundheitsverhältnisse Habanas.]
Wer in Habana echte Tropenbilder schauen will, -- schöne Reihen und
Gruppen von Königs- und Kokospalmen, mächtige Bambusen, vollkronige
Mango- und Aguacatebäume, saftgrüne hohe Bananenstöcke und dergleichen
-- den müssen wir nach dem Parke bei der Quinta des Generalstatthalters
führen oder nach dem Botanischen Garten am Fuße des Castello del
Principe (Abb. 76 u. 77). Haben wir aber, um unsere Anschauungen
betreffs der Stadt zu thunlichst vollständigen zu machen, nicht unsere
Schritte schließlich auch noch über dieses Festungswerk hinaus nach
dem großen Kirchhofe zu lenken und dort die zahlreichen prunkvollen
Denkmäler in Augenschein zu nehmen, sowie daneben die zahlreichen
frisch und flüchtig zugescharrten Gräber von den Opfern der letzten
Blattern- und Gelbfieberepidemie? Der Tod arbeitet in Habana zu Zeiten
so rasch, daß der Totengräber nicht gleichen Schritt mit ihm halten
kann, und besonders ist dies in den Zeiten der letzten Insurrektion
der Fall gewesen. In normalen Jahren ist die Sterblichkeitsziffer von
Habana zwar eine hohe (34,1 auf das Tausend), bei weitem aber nicht die
höchste, welche von den größeren Städten zu verzeichnen ist (Madrid
41,6 und Mexico 45 auf das Tausend), und wenn das in mancher Beziehung
sehr im argen liegende Sanitätswesen der Stadt reformiert würde, so
würde dieselbe vielleicht den gesündesten Städten der Erde zuzuzählen
sein. Gegenwärtig ist außer den engen Straßen der Geschäftsstadt
namentlich das unzweckmäßig angelegte Abzugskanalsystem, das
unmittelbar an dem Hafeneingange in das Meer mündet, ein schreiender
Uebelstand. Von den Sterbefällen sind aber in gewöhnlichen Zeiten nicht
ganz 8 Prozent dem Gelben Fieber, 22 Prozent dagegen den Erkrankungen
der Atmungsorgane, und reichlich 12 Prozent Unterleibsentzündungen
zuzuschreiben.
Eine eigentliche Industriestadt hat Habana so wenig werden können
als irgend eine andere Koloniestadt in den Tropen. Kein Besucher der
Stadt sollte es aber versäumen, einen Einblick in eine von den vierzig
großen Cigarrenfabriken zu nehmen, die daselbst im Werke sind, die
Welt mit dem köstlichen Genußmittel zu versorgen, durch das Habana in
allererster Linie berühmt ist.
Ein kurzer besonderer Besuch gilt dann noch der im Jahre 1724 erbauten
Kathedrale (Abb. 78) nebst der darin angebrachten Gedächtnistafel
von Christoph Kolumbus (Abb. 2) sowie dem kleinen besonderen
Gedächtnistempel nahe dabei (Abb. 3), der dem großen Entdecker
errichtet worden ist. Ob die Asche desselben im Jahre 1795 thatsächlich
von Santo Domingo nach Habana übergeführt wurde und demgemäß im Jahre
1898 wieder von Habana zurück nach Spanien, muß freilich als sehr
fragwürdig gelten.
[Sidenote: Bevölkerung Habanas.]
Die Einwohnerzahl von Habana betrug im Jahre 1827: 94023, im Jahre
1877: 198721 und im Jahre 1887: 200448, und die beiden letzten Ziffern
lassen auf einen gewissen Stillstand der Entwickelung schließen, was
bei der beschriebenen allgemeinen Lage, in der sich die ganze Insel
in den letzten Jahrzehnten befunden hat, nicht zu verwundern ist. Das
Verhältnis der Männer zu den Frauen stand 1887 wie 112 : 88, ähnlich
wie in anderen Kolonialstädten, das Verhältnis der weißen Rasse zu der
farbigen aber wie 74 : 26, in bemerkenswertem Gegensatze zu Santiago,
und die Zahl der weißen Nichtspanier war im ganzen nur 6500.
[Illustration: Abb. 80. +Der Almendaresdurchbruch bei Puentes Grandes.+]
IX.
[Sidenote: Guanabacoa.]
Die Vuelta Arriba ist durch den bunten Wechsel ihrer Bodenformen und
die davon abhängige Pflanzenbekleidung eine der reizvollsten und
schönsten sowie auch zugleich der reichsten von ganz Cuba. Zu dem
kleinen Hügelgebirge von Guanabacoa, das sich bis 170 ~m~ über dem
Meeresspiegel erhebt, ist der Anstieg von Regla (10000 Einw.), dem
Fähr- und Eisenbahnvororte Habanas östlich der Bai, ziemlich steil.
Auf seinen Höhen -- dem Monte Blanco, dem Monte Villareal, der Sierra
de San Martin -- angekommen, darf sich der Bürger der Großstadt aber
im Vollgenusse aller Herrlichkeiten fühlen, die die „~isla la mas
hermosa~“ des Kolumbus dem Auge zu bieten vermag, des Rückblickes auf
die Häusermenge und das Festungsgemäuer Habanas sowie auf seine von
Schiffen und Booten belebte Bai, des Überblickes über die Palmenthäler
und Palmenhänge sowie über die bebuschten und begrasten Cerro- und
Lomagipfel mit ihren weidenden Rindern rings umher, und des Ausblickes
auf das weite Meer im Norden, zu dem das Gebirge jäh genug abstürzt.
Dazu umweht ihn die frische, kräftige Passatbrise, und er kann von
der niederdrückenden Schwüle und Enge und von den Anstrengungen und
Schweißtropfen der Geschäftsstraßen frei aufatmen. Mit gutem Grunde
ist Guanabacoa (12000 Einw.) daher seit langem ein beliebter Landhaus-
und Wohnvorort von Habana gewesen (Abb. 79), und der Personenverkehr
auf der Eisenbahn zwischen den beiden Städten ist ein sehr reger. Für
größere Kulturen lassen die engen Thäler und die steinschuttbedeckten
Hänge des kleinen Gebirges aber im allgemeinen keinen Raum, und so
blüht in der Gegend nur etwas Gartenbau zur Versorgung der Hauptstadt
sowie daneben die Viehzucht. Gegen Süd und Ost verflacht sich das
Guanabacoagebirge allmählich, und während die namhaft gemachten
höheren Teile aus Tertiärkalk bestehen, so tritt hier seine Diorit-
und Serpentinfelsgrundlage an den Tag, bei Las Minas mit eingebetteten
Eisen- und Kupfererzlagern. Der oberflächliche graue Boden ist von
zahlreichen großen Steinblöcken überstreut, die ausgewittert sind,
und die spärliche Vegetation der Espartillograsbüschel (~Kylingia
filiformis~), der gelben Heiligendisteln („~Cardio Santo~“) und der
Opuntien, die in ihm wurzelt, und die kaum für einige Esel und Ziegen
hinreichende Nahrung bietet, bekundet seine Unfruchtbarkeit. Den
Eisenbahnbau zwischen Habana und Matanzas hat diese flachwellige und
nur von einigen kleinen Flüßchen durchschnittene Thalgegend aber sehr
wesentlich erleichtert.
[Illustration: Abb. 81. +Cubanischer Orangenhain.+]