Bei den Schwierigkeiten, die der Landverkehr in dem Ostteile von

Cuba ganz im allgemeinen findet -- dergestalt, daß sie auch von

den zukünftigen Herren der Insel niemals vollkommen zu überwinden

sein werden --, bei diesen Schwierigkeiten war der Seeverkehr für

die größeren Aufgaben der Verwaltung sowie für die in größere Ferne

reichenden Handelsbeziehungen immer die Hauptsache, und für diesen

bietet die Santiagobai nicht bloß den Vorteil einer genauen Mittellage

an der Südküste (von Kap Maisi sowie von Kap Cruz ungefähr 170 ~km~),

sondern auch den Vorteil einer annähernden Mittellage zwischen den

Häfen der Nordostküste und der Cautomündung oder Manzanillo. Die

eigentlichen Kulturdistrikte Ostcubas liegen beinahe sämtlich unfern

der Küste. Als selbstverständlich dürfen wir es endlich bezeichnen,

daß für die Anfänge der Entwickelung von Santiago auch die bequeme

Verbindung mit San Domingo sowie die verhältnismäßige Nähe des

Mutterlandes von Wichtigkeit war. Dauernd konnte es freilich den

Schwerpunkt des cubanischen Kulturlebens nicht bilden, und ebendeswegen

hätte sich auch das Schicksal von Cuba wohl schwerlich vor seinen

Mauern entschieden, wenn nicht die Herrschaft der Spanier auch in der

Westhälfte der Insel in der geschilderten Weise gründlich untergraben

gewesen wäre.

Was die Kehrseite des schönen Bildes von Santiago betrifft, so ist die

Stadt öfter und stärker als jede andere von den verwüstenden Erdbeben

betroffen worden, die der Gegend charakteristisch sind, und man kann

sagen, daß es geradezu den Hauptherd derselben bilde. Zahlreiche Häuser

und Teile der Kathedrale stürzten dadurch ein in den Jahren 1580, 1678

und 1755, und das letzte größere Beben, welches Schrecken verursachte,

fand 1895 statt. Ferner wüten vor der Bucht, und nicht gerade selten

auch über ihr, in den Monaten August bis Oktober dieselben schlimmen

Orkane wie bei Guantanamo. Und endlich ist das Klima durch die

Bergumschlossenheit der Bucht das heißeste und schwülste von ganz Cuba

(mit einer Minimaltemperatur von 20° und einer Maximaltemperatur von

34° ~C~), was die Akklimatisation der weißen Kulturmenschen an dem Orte

ganz besonders schwer macht und gutenteils auch ihre Thatkraft in einem

besonders hohen Grade lähmt, ganz abgesehen davon, daß der Stumpfsinn

und die Unwissenheit der Regierten sowie der Regierenden die sanitären

Verhältnisse auch sonst sehr im argen liegen gelassen haben. Von der

Bevölkerung, die sich 1895 auf 60000 belief, gehört demgemäß auch die

große Mehrzahl (etwa im Verhältnis von 2 : 1) der farbigen Rasse an.

Zur Zeit Herreras wurde die Zahl ihrer Bürger auf 200 geschätzt, um das

Ende des XVIII. Jahrhunderts betrug ihre Seelenzahl aber 10000, um die

Mitte des XIX. gegen 30000.

Die Kupfergruben des nahen Cobre (4000 Einwohner), die seit 1596 im

Betriebe waren, sind vollständig in Verfall geraten, und der genannte

Ort hat daher heute nicht mehr durch die auszuführenden Erze, sondern

nur noch durch sein weithin berühmtes wunderthätiges Marienbild

Bedeutung für Santiago. Die Ausfuhr der Eisenerze von Jaragua dagegen

findet vorwiegend über Nueva Salamanca statt. Einen hervorragenden

Rang als Handelsplatz wird Santiago aber durch den ungeheuren Reichtum

und die große Vielseitigkeit der pflanzlichen Produktion seines

Hinterlandes jederzeit haben, und es ist keinem Zweifel unterworfen,

daß sowohl die Kulturen des Zuckers, des Kaffees, des Kakaos, des

Tabaks und der tropischen Früchte jeder Art als auch die Viehzucht

und die Gewinnung von tropischen Nutzhölzern (Mahagoni-, Cedrelen-,

Tecoma-, Eisen-, Gelb-, Blauholz u. s. w.) daselbst einer sehr starken

weiteren Steigerung fähig ist. 1890 gab es in dem Distrikte 64

Kaffeepflanzungen (34 Prozent von der Gesamtzahl Cubas), 38 Tabakvegas

und 28 Ingenios.

Nachdrücklicher als angesichts jeder anderen cubanischen Landschaft

kommt es dem geographischen Reisenden angesichts des mächtigen

Gebirges westlich von der Santiagobai zum Bewußtsein, welch schwere

Unterlassungssünde die spanischen Herren der Insel dadurch auf sich

geladen haben, daß sie die gründliche wissenschaftliche Durchforschung

derselben versäumt haben, und wie sie ihren kostbaren Kolonialbesitz

im Grunde genommen vor allen Dingen dadurch vor der Richterin

Weltgeschichte verwirkten, daß sie die Entdeckerarbeit der Kolumbus und

Ocampo nicht im Geiste der fortschreitenden Zeiten weiter zu führen

verstanden. Und indem er dem jähen seeseitigen Südabsturze des Gebirges

entlang mit seinem Dampfer auf den Wellen dahingleitet, gewinnt er

zugleich auch Muße, darüber nachzudenken, wie die Unterlassungssünde

wohl zu erklären und vielleicht bis zu einem gewissen Grade zu

entschuldigen ist. Dem deutschen Bergsteiger, der mit seinen

Stahlnerven frisch von daheim kommt, erscheint das Erklimmen der Höhen,

die er von der Santiagobucht oder von der offenen See gegen das Kap

Cruz hin überschaut, sicherlich sehr verlockend; sobald er länger in

der Gegend weilt und Erfahrungen sammelt, verschließt er sich aber

schwerlich der Einsicht, daß es mit dem Durchwandern und Besteigen

tropischer Waldberge ein anderes Ding ist, als mit dem Durchwandern

und Besteigen deutscher Wald- und Alpenberge. Es sind eben andere,

und gutenteils viel unheimlichere Berggeister, die hier walten und

die vorhandenen Geheimnisse und Schätze bewachen, als in dem Harz und

Riesengebirge oder in dem Berner Oberlande.

[Illustration: Abb. 45. +Uferlandschaft des Rio San Juan.+]

[Illustration: Abb. 46. +Niederungsstrom mit Zuckerrohrfeld.+]

[Sidenote: Die Sierra Maestra.]

Die Sierra Maestra, um die es sich hier handelt, und der wir vom

physikalisch-geographischen Standpunkte aus auch die mehrfach genannte

Cobre- und Granpiedragruppe zuzurechnen haben, hat insgesamt eine

Längserstreckung von 240 ~km~, entspricht in dieser Beziehung also

ziemlich genau dem schweizerischen Alpenzuge zwischen Martigny und

Rheineck. Ihre Gipfel aber erreichen nach den spärlich vorliegenden

und unzuverlässigen Messungen in der Cobregruppe 1018 ~m~, in dem Pico

Turquino, ziemlich genau mittwegs zwischen Santiago und dem Kap Cruz,

2560 ~m~, und in dem Ojo del Toro, nahe dem Westende des Gebirges, 1582

~m~, und zahlreiche namenlose Spitzen nordöstlich und nordwestlich

von dem Pico Turquino kann man aus der Ferne auf reichlich 2000 ~m~,

verschiedene Berge zwischen dem Pico de Turquino und dem Ojo del Toro,

wie die Silla del Rosario und den Sibon, aber wenigstens auf 1500 ~m~

schätzen. Sind nun diese Höhen dem absoluten Ausmaße nach im Vergleiche

mit den Alpen keine sehr bedeutenden, so sind sie es doch dem relativen

nach, denn das Auge betrachtet sie unmittelbar vom Meeresspiegel aus,

und der Fuß hat so unmittelbar von dort aus zu steigen. Der Pico

Turquino ragt über das Karibische Meer ebenso hoch empor wie der Tödi

über das benachbarte Vorderrheinthal, und der Abstand des Gipfels von

der betreffenden Basis ist bei dem Pico Turquino geringer (7,5 ~km~),

so daß sein allgemeiner Anstieg steiler sein muß.

Der Südfuß der Sierra Maestra, den das Gebirge hineintaucht in das

herrliche Azurblau der tiefen Cubasee, offenbart sich bei näherer

Betrachtung westlich von Santiago als ein noch viel ungastlicheres

Gestade als östlich davon. Allerorten steigen steile Hänge und

Wände empor, die ersteren dicht bebuscht, die letzteren aber das

nackte weiße oder braune Gestein zeigend -- die offenbare Wirkung

neuerlicher Bergstürze, da das feuchtwarme Tropenklima dergleichen

Wände niemals lange duldet und sie rasch wieder mit Grün bekleidet. An

verschiedenen Orten verraten Höhlenöffnungen auch hier den Kalkstein,

ein ursprünglicher Terrassenbau des Gebirges ist aber im allgemeinen

nicht zu erkennen, und nur bei dem Kap Cruz können ein paar mauergleich

verlaufende Stufen unterschieden werden. Auch dort zeigen die Schichten

aber mehrfach starke Störung und zum Teil vollkommen senkrechte

Aufrichtung. Jungkorallene Bildungen treten ebenfalls nur stellenweise

auf -- namentlich um den Cayo Damas, südöstlich vom Turquinopik, und

in der Gegend des Kap Cruz. Die Buchten aber, die die Steilküste

gliedern, sind ausnahmslos dort gegen die See aufgerissen, und Schutz

gegen südliche Winde oder Orkane gewähren nur einige wenige durch

vorgelagerte Inselchen, so besonders der kleine Nothafen Portillo

unter dem Meridian von Manzanillo. Wir haben nach dem früher Gesagten

kaum nötig, hervorzuheben, daß uns alle diese Eigentümlichkeiten

des seeseitigen Absturzes der Sierra Maestra in merkwürdiger

Übereinstimmung zu bezeugen scheinen, wie auch hier weite Striche des

tertiären Kalksteinvorlandes sowie vielleicht in beträchtlichem Umfange

zugleich spätere Bildungen (namentlich koralline) von dem blauen Meere

verschlungen worden sind. Die orkanbewegten Wogen stürmen nun wütend

genug gegen den Gebirgsfuß an, und sie reißen dabei wohl manche Klippe

fort. Den ganzen Betrag der Zerstörung vermögen sie aber nicht zu

erklären, und man hat dabei vielmehr zurückzudenken an die heftigen

Erdbeben, die die Gegend so oft betreffen und deren Bedeutung für

die Bildungsgeschichte der Sierra Maestra erst voll gewürdigt werden

wird, wenn man in Südostcuba gelernt haben wird, genaue seismologische

Beobachtungen anzustellen. Auf die ungeheuren Tiefen der Cubasee, die

bis reichlich 5000 ~m~ hinabsinken und die unter dem Meridian des

Turquinopiks 7,5 ~km~ südlich von der Küste ungefähr dasselbe Ausmaß

haben wie der Pik ebenso weit nördlich davon, können nur durch einen

großen Dislokationsprozeß begriffen werden, der seit der späteren

Tertiärzeit vor sich gegangen und noch beständig im Fortschreiten

begriffen ist, wenn auch vielleicht gegen früher sehr verlangsamt.

Die Orkane und Gewitterböen, welche so überaus häufig gegen den Südfuß

der Sierra Maestra heran und über ihre Berge hinwegbrausen, machen

unserer Meinung nach daselbst eine gewisse Dauerwirkung namentlich

darin geltend, daß sie hochstämmigen Baumwuchs bloß in geschützten

Rillen und Thalungen dulden, während sie an den offen liegenden Hängen,

ebenso auf den Gipfeln im allgemeinen nur ein undurchdringliches

Gewirr von Sträuchern und Schlingpflanzen, sowie eine üppige

Epiphytenvegetation aufkommen lassen.

[Illustration: Abb. 47. +Rancho.+]

[Sidenote: Geologische Verhältnisse.]

Die zahllosen Ströme und Bäche, welche in engen Schluchten von dem

Kamme des Gebirges herabkommen, sind sämtlich kurzläufig, und ihre

Wasserführung schwankt nicht bloß mit der Jahreszeit, zwischen weit

auseinander liegenden Extremen, sondern in vielen Fällen von Tag zu Tag

oder von Stunde zu Stunde, je nach den Wolkenbrüchen und Regengüssen,

die in ihren Quellgebieten niedergehen. Einmal versagen sie in solcher

Weise dem Wanderer in der Sonnenglut den erfrischenden Trunk, und das

andere Mal wehren sie ihm gebieterisch jedes Vordringen, den Straßen-

und Eisenbahnbauern aber mag bei ihrem Anblick von vornherein der

Mut entfallen. Von der Höhe herab bringen sie gewaltige Massen roten

Schlammes, sowie zugleich auch groben Gerölles und Schuttes, und

aus dem letzteren läßt sich schließen, daß die Hochsierra zu einem

großen Teile aus Felsarten zusammengesetzt ist, die älter sind als

das Tertiär, was mit den Beobachtungen, welche an den Bergwerken des

Cobredistriktes gemacht worden sind, gut übereinstimmt. Namentlich

die Hauptkerne des Gebirges in der Gegend des Rico Turquino und

bei dem Ojo del Toro sind offenbar archäisch und im wesentlichen

aus Diabas, Diorit und Syenit zusammengesetzt. Auch an Porphyren,

Doleriten und Basalten scheint es aber nicht zu fehlen und ebensowenig

an kretaceischen Schichtgesteinen, so daß das Gebirge westlich von

Santiago genetisch in keiner Weise von der Granpiedragruppe getrennt

werden kann. Wahrscheinlich bildeten die Hauptteile der Sierra Maestra

zusammen mit anderen noch zu erwähnenden Teilen von Cuba und vereint

mit Jamaica, sowie mit Haiti und Puertorico nebst den Jungferninseln in

der mesozoischen Zeit einen größeren Landraum. Gegen das Ende dieser

Zeit und in dem größten Teile der Tertiärzeit wurde derselbe aber bis

auf eine Reihe kleiner Reste vom Meere überflutet, und erst im späten

Tertiär tauchte die Insel in der bereits berührten Weise wieder aus den

Wellen empor, im allgemeinen viel breiter als heute, und vorübergehend

nochmals mit den anderen Großen Antillen verbunden. Die Einzelheiten

darüber bedürfen aber noch der Feststellung, und bei der weiteren

Erforschung der Sierra wäre es recht wohl möglich, daß man daselbst

noch auf verschiedene Mineralschätze stieße.

An der Nordseite löst sich die Sierra in verhältnismäßig sanfter

allgemeiner Abdachung allmählich in einzelne Züge und Gruppen von

Brotlaib- und Tafelbergen auf, zwischen denen die tief eingeschnittenen

Thäler der Quell- und Zuflüsse des Rio Cauto liegen. Die namhaftesten

derselben sind die Lomas von Palma Soriano und Santa Rita am Cauto

selbst, die Lomas von La Guira und Las Piedras am Rio Contramaestre und

die Lomas von Horneros, Jiguë und Yagua am Rio Cautillo. Tertiärkalk

ist auch hier das verbreitetste Gestein, an vielen Orten, namentlich

aber im Quellgebiete des Cautillo, finden sich große Höhlen (die Cuevas

de Torrelado), und der allgemeine Charakter der Landschaftsformen ist

Schroffheit und wilde Zerklüftung -- die Wirkung einer gewaltigen

tropischen Erosion seit den jungtertiären Zeiten, die in der Regenzeit

von Tag zu Tag noch weitere große Fortschritte macht.

[Illustration: Abb. 48. +Cubanische Landleute.+]

Das Pflanzenkleid der Sierra Maestra ist nach seiner genaueren

Zusammensetzung und Verbreitung wissenschaftlich noch ebensowenig

bekannt wie das Gestein, man weiß aber, daß namentlich Kiefern und

Farnbäume stark in ihr vertreten sind, und daß ihre reichen Bestände

der mehrfach genannten tropischen Nutzhölzer an den meisten Orten noch

vollkommen unberührt geblieben sind. Die schwere Zugänglichkeit des

Gebirges sowie von dem Lande her macht wenigstens letzteres begreiflich.

[Illustration: Abb. 49. +Eine Volante.+]

[Sidenote: Menschenarmut des Gebirges.]

Von Menschen bewohnt war die Sierra zu keiner Zeit, und auch die

Indianer suchten in ihren Schluchten und Thälern, die ohne Aufhören

von Wolkenbrüchen, Überflutungen, Stürmen, Erdbeben und Bergrutschen

heimgesucht werden, immer nur ihre letzte Zuflucht. Die entlaufenen

Negersklaven späterer Tage, sowie auch die schwarzen und weißen

Räuberbanden, die die Sierragegend jederzeit unsicher gemacht

haben, und in den Zeiten des Aufruhrs die Insurgenten, fanden

inmitten der niedrigeren und wirtlicheren Lomas weiter nördlich

allerwärts Verstecke, die ihren Verfolgern zur Genüge unnahbar waren.

Pflanzungskultur, vor allem Tabak- und Kaffeekultur, ist in größerem

Maßstabe nur in die nördlichen Thalgegenden eingedrungen, und zu

einem beträchtlichen Teile ist ihr Aufschwung auch hier aus Haiti

vertriebenen Franzosen zu verdanken. An dem Südhange ist lediglich auf

einige zerstreute Hütten (Ranchos), von denen etwas Viehzucht betrieben

wird (Abb. 47), sowie auf eine Ochsenschlachtstätte (Asserardero) und

zwei oder drei Tabakvegas hinzuweisen. Als Verkehrsstraßen von einem

Hange zum anderen mußten aber bislang auch selbst in der Nähe von

Santiago und Kap Cruz beschwerliche Reit- und Fußwege genügen, und die

mittlere Hochsierra ist gänzlich pfadlos. Der weitaus vorwiegende Teil

der eigentlichen Gebirgsbevölkerung besteht aber selbstverständlich

aus Mulatten und Negern. Fremde durfte das Gebirge in solcher Weise

sicherlich von dem Eindringen abschrecken, und einheimische Cubaner

fühlten sich um so weniger dazu berufen, als ihre geistigen Führer --

die Priester -- sie zum Ersteigen von Bergen, die höher emporragen als

der Wallfahrtsberg von Cobre, in keiner Weise anspornen.

[Illustration: Abb. 50. +Trinidad und der Pico de Potrerillo.+]

[Sidenote: Das Cauto-Thal.]

Wenn die Sierra Maestra gegen Süden in das tiefste Meer hinabstürzt,

das Cuba bespült, so fällt sie gegen Norden mit ihren letzten

steilwandigen Lomas in die ausgedehnteste Stromniederung hinein,

die die Insel besitzt. Die ausgesprochensten Gegensätze berühren

sich also an beiden Seiten. Diese Niederung, die sich auch in ihren

innersten Teilen nur wenige Meter über den Meeresspiegel erhebt, und

die in ostwestlicher Richtung von dem größten cubanischen Strom --

dem mehrfach erwähnten Rio Cauto (mit 330 ~km~ Lauflänge und 11000

~qkm~ Gebiet) -- durchströmt wird, ist in der Hauptsache ein junges

Schwemmland, das seinen Ursprung vor allen Dingen den ungeheuren

Schlamm- und Schuttmassen verdankt, die die nördlichen Abflüsse der

Sierra Maestra in der Regenzeit fortwälzen und schwebend seewärts

führen. In einer nahen erdgeschichtlichen Vergangenheit griff

der große Golf von Guacanayabo viel tiefer in die Insel ein, den

Hals, der ihren Kopfteil an dem Rumpfe hält, zu einem längeren und

schmächtigeren machend, und die Schuttkegel und Deltas des Cauto sowie

auch des Rio Jicotea, Rio Yara und Rio Jibacoa schieben sich noch

beständig weiter vor, an der Vergrößerung der Schwemmlandniederung und

an der Auffüllung des seichten, von großen Sand- und Schlammbänken

erfüllten Meerbusens rüstig weiter arbeitend. An den Rändern, wie

bei Yara und Jiguani (2000 Einw.), ist der Boden beinahe durchgängig

fruchtbare Roterde, auf der ein vorzüglicher Tabak gedeiht, nach der

Mitte und nach der Küste zu, wie bei Bayamo und Manzanillo, breiten

sich weite Strecken von noch fruchtbarerer Schwarzerde aus, und auf

ihnen hat der Zucker- und Reisbau eine gute Stätte gefunden. Sehr

bedrohlich und oft verhängnisvoll sind für diese Kulturen aber die

großen Überschwemmungen, die die genannten Ströme sowie auch der von

dem Hügellande in Holguin herkommende Rio Salado in der Regenzeit

verursachen, und an diesen Überschwemmungen liegt auch der Hauptgrund

davon, daß die Niederung auf weiten Strecken dauernd versumpft ist

(besonders in der Ciénaga del Ruey), im übrigen aber noch immer zum

allergrößten Teile als Savanne und Bruchwald wild brach liegt. Der

Cauto ist auf einer Strecke von 120 ~km~ (bis zur Vereinigung mit dem

Cautillo) gut schiffbar, und ursprünglich konnten auch Seeschiffe

in seine Mündung gelangen, eine furchtbare Überschwemmung im Jahre

1616 schloß die Mündung aber durch die herbeigeführten Schuttmassen

dergestalt, daß die in dem Flusse befindlichen zahlreichen Fahrzeuge

denselben niemals wieder verlassen konnten. Die so geschaffene Barre

künstlich zu beseitigen, ist aber unter den obwaltenden Verhältnissen

nicht thunlich gewesen. Die gleiche Überschwemmung zerstörte übrigens

auch das bereits im Jahre 1513 von Santiago begründete Bayamo (9000

Einw.), so daß dasselbe größtenteils neu aufgebaut werden mußte.

Der Abzug der Produktion und der Verkehr nach außen wurde durch die

Sperrung der Cautomündung für die ganze Niederung schwer behindert,

und auch die Anlagen von Manzanillo (10000 Einw.), das in seinen Hafen

mittelgroße Seeschiffe zuläßt, hat nur für einen beschränkten Teil der

Gegend eine erhebliche Verbesserung mit sich gebracht. Die Landstraßen

sind ja in der Cautoebene während der Regenzeit noch grundloser als

im Berg- und Hügellande, und eine Eisenbahn von Manzanillo nach

Bayamo ist zwar seit langem geplant, zur Stunde aber noch nicht in

Angriff genommen worden. Infolge der angegebenen Eigenschaften hat

sich die Cautoniederung und besonders ihre Randgegend jederzeit als

der eigentliche Hauptherd der Insurrektion bewährt. Der Reichtum der

Ebene bot den Aufständischen die beste Gelegenheit, ihre Kräfte zu

konzentrieren, die Berge nahe dabei sowie die Sumpfwaldungen boten

ihnen vorzügliche Deckung, und die spanischen Heerkörper bewegten sich

bei den mangelnden Verkehrsvorrichtungen schwerfälliger als irgendwo

sonst. So nahm der zehnjährige Aufstand von 1868 bis 1878 seinen

Anfang in Yara, und die ersten wirklichen Kämpfe der Gomez und Maceo

im Jahre 1895 fanden dicht bei Bayamo statt, sowie bald danach in der

Gegend von Victoria de las Tauas (3000 Einw.), das in dem nördlich

an die Cautoniederung anstoßenden Hügellande von Holguin liegt und

noch dem Cautogebiet angehört -- als die Hauptausgangspforte aus dem

Kopfteile Cubas in den anstoßenden Rumpfteil, bezugsweise aus den

Gebirgslandschaften von Baracoa und Santiago nach der weiten Hügel-

und Flachlandschaft, die der cubanische Volksmund als das Camaguey zu

bezeichnen pflegt.

[Illustration: Abb. 51. +Vorberge der Sierra de Trinidad.+]

VI.

Die Natur der cubanischen Küste und des Meeresraumes, der sie

begleitet, ändert sich, wenn man das Kap Cruz hinter sich hat, in

geradezu überraschender Weise. Niemand hat dies wohl lebhafter

empfunden, als Christoph Kolumbus, und weil derselbe ohne weiteres

erkannte, daß von hier ab gegen West ganz andere und weit schwierigere

Probleme seiner harrten, als zwischen Baracoa und Nuevitao und zwischen

Kap Maisi und Kap Cruz, so wendete er sich auf seiner zweiten Reise

alsbald von dem fraglichen Punkte weg gegen Süd und hinüber nach

Jamaica, um seine Fahrt entlang der Südküste von Cuba erst später

wieder aufzunehmen.

[Illustration: Abb. 52. +Die Bucht von Cienfuegos.+]

[Sidenote: Die Cayos.]

Mächtige Sandbänke, darunter vor allem der ungeheure Bajo de Buena

Esperanza, lagern sich dem Seefahrer in den Weg, und die meisten

derselben sind mit jungen, gutenteils noch von Leben erfüllten

Korallenbauten besetzt und umsäumt, die vielfach hart an die

Meeresoberfläche treffen und an denen die See mehr oder minder

stark brandet. Endlos folgen einander daneben niedere Inselchen aus

fossilem Korallenkalk und Sand, die in der Regel kaum meterhoch, oft

genug auch kaum zollhoch über den Flutenstand des Meeresspiegels

emporragen, und über die jede stärkere Sturmwoge hoch hinweg schlägt,

so daß eine andere Vegetation als Mangrovegebüsch und ein anderes

Tierleben als Vogelleben nicht auf ihnen denkbar ist. Es sind dies die

sogenannten Cayos oder Keys, die Cuba als eine Art kleiner Trabanten

rings umschwärmen, und deren Zahl allein auf der kaum 300 ~km~ langen

Strecke zwischen Kap Cruz und der Agabamamündung mehr als tausend

betragen mag. Jeder einzelne davon gewährt, vom Schiffe aus betrachtet,

ein überaus reizendes und freundliches, ja vielfach ein bezauberndes

Bild, aber einer gleicht in seinem Gepräge genau dem anderen, und nur

die Ausdehnung wechselt zwischen einem Hektar oder Ar und gegen 50

~qkm~ (Abb. 42). Der Schiffer sieht sich bei ihnen vergeblich nach

Merkzeichen um, die ihm den rechten Kurs einhalten helfen, und nur eine

kleine Zahl, die ein paar Meter höher emporsteigt und außer Mangroven

einige Fächerpalmen oder einem Ceibabaume (~Eriodendron anfractuosum~)

die erforderlichen Daseinsbedingungen bietet, macht in dieser Regel

eine Ausnahme. Besonders winzig sind die Inselchen auf dem ersten

Dritteile der Strecke, an der Bucht von Guacanayabo, sie sondern sich

daselbst aber gut in einzelnen Gruppen, zwischen denen verhältnismäßig

breite und tiefe Durchfahrten liegen -- der Balandraskanal,

östlich von der Buena-Esperanza-Bank, und der Barcoskanal sowie

der Quatro-Reales-Kanal, der Pitajayakanal und der Levizakanal,

westlich davon. In dem mittleren Teile der Strecke dagegen, dort, wo

die Landschaft des Camaguey sich weit gegen Südwest ausbaucht und ihre

bedeutendste Breite (110 ~km~) erreicht, sind die Keys etwas größer,

ihr regelloses Durcheinander ist aber hier ein völlig verwirrendes,

und die alten spanischen Seefahrer haben die Zusammenscharung an der

fraglichen Strecke mit sehr triftigem Grunde das Zwölfmeilenlabyrinth

-- ~Laberinto de Doce Leguas~ -- benannt. Weiter westlich folgen dann

die drei größten Keys der ganzen Flur (Cayo Caballones, C. Piedra und

C. Grande), an deren Seiten die Caballones- und Boca-Grande-Durchfahrt

den Fahrzeugen von der hohen See her offen stehen, und endlich streckt

sich die große Bank des Cayo Breton, auf der sich zahllose Schildkröten

und Fische zwischen den Riffen tummeln, 55 ~km~ weit gegen Nordwest bis

in die Nähe der Hauptinsel.

[Illustration: Abb. 53. +Vorstädtisches Cienfuegos nebst Bai und

Tafellandumgebung.+]

[Illustration: Abb. 54. +Uferlandschaft des Rio Damuji.+]

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