als Baracoasche Berglandschaft bezeichnen, in den allermeisten Gegenden
noch eine pfadlose und ursprüngliche Wildnis, und weder die stattlichen
Kiefern- und Palmenbestände, die schon Kolumbus bewunderte und in ihrem
wirtschaftlichen Werte würdigte, noch die Bestände der Mahagoni-,
Cedrelen-, Tecoma-, Gayacum-, Sapota-, Catalpa-, Sideroxylon-,
Balata-, Chlorophora- und Lorbeerbäume, die in dem wechselvollen
Durcheinander ihrer Gestalt und Belaubung Höhen und Thäler bis dicht
an die Meeresküste bekleiden, sind irgendwo in bemerkenswerter Weise
gelichtet worden. Und wer die seltsame einheimische Tierwelt Cubas
kennen lernen will, durch die sich die Insel zusammen mit den übrigen
Großen Antillen als ein ähnlich selbständiger Erdraum bekundet, wie
Madagaskar und Neuseeland, der findet hier dazu die beste Gelegenheit.
Besonders sind die Hutias (Capromys) und Aires (Solenodon) in diesen
Wäldern sehr zahlreich, nicht minder aber auch die von den nord-
und südamerikanischen stark abweichenden Flatterer, die ungiftigen
Schlangen, die Iguanas u. s. w.
Hier und da öffnet sich in der korallinen Küstenwand der Eingang in
eine weite und zumeist auch tiefe Bucht, und manche dieser Buchten
würde fähig sein, Riesenflotten zu bergen. Alle ohne Ausnahme haben
aber die schlimme Schattenseite, daß sie in strenger Weise von dem
Passatwinde beherrscht werden und daß schon das Einsegeln in sie,
mehr aber noch das Aussegeln aus ihnen außerordentlich schwierig, ja
zu Zeiten vollkommen unmöglich ist. Nur an der Minderzahl, wie an
der Bucht von Juragua, an der von Tanamo und an der von Cabonico und
Levisa, sind daher kleine Niederlassungen entstanden, deren Palmhütten
von Bataten-, Yams- und Bananenpflanzungen und Kokoshainen umgeben
sind, und irgend welchen Kultureinfluß, der weit in das Innere reicht,
hat keine der Buchten auszuüben vermocht.
[Sidenote: Bucht von Nipe.]
Auch selbst die herrliche Bucht von Nipe sowie diejenige von Banes, die
zwischen der malerischen Sierra de Nipe (der westlichen Fortsetzung
der Sierra de Cristal) und der Kette des weithin sichtbaren Pan de
Sama tief in das Land hineingreifen und die unter einem anderen
Luftströmungsregime den vorzüglichsten Naturhäfen der Erde zuzählen
könnten, werden im Laufe des Jahres nur von wenigen Fahrzeugen
besucht, und sowohl das Uferland des auf einer kurzen Strecke (12
~km~) schiffbaren Rio Mayari als auch der Südabhang der Sierra de Sama
sind ungeachtet ihrer fruchtbaren Roterde nur in geringem Umfange
von Tabak- und Bananenpflanzungen bestanden, während die weite
Schwarzerdeniederung zwischen den genannten Bergzügen beinahe in ihrer
ganzen Ausdehnung noch eine ähnliche jungfräuliche Urwaldwildnis
bildet, wie das beschriebene Gebirgsland.
[Illustration: Abb. 33. +Eingang in die Bucht von Santiago+ (mit Morro
und Socapa-Batterie).]
[Illustration: Abb. 34. +Bai von Santiago.+]
[Illustration: Abb. 35. +Äußere Santiagobucht+ mit Lotsendorf.]
Von physikalisch-geographischem Gesichtspunkte aus ist an den Buchten
von Nipe und Banes sowie an dem Pan de Sama, der sie in einer Höhe
von 280 ~m~ überragt, bemerkenswert, daß die Terrassenstufen des
Küstenlandes daselbst wieder ebenso deutlich ausgeprägt erscheinen,
wie an der Bucht von Baracoa, ja daß stellenweise über der dritten
Kalksteinbank noch eine vierte sichtbar ist.
[Sidenote: Umgebung von Jibara.]
Westlich von dem leuchtturmgekrönten und weit gegen den Bahama-Archipel
vorspringenden Kap Lucrecia, das zusammen mit dem Kap Cruz die größte
Querausmessung des schmächtigen cubanischen Landkörpers bezeichnet
(280 ~km~), deutet eine Reihe von Tafelbergen, die der Sierra de Sama
angehören, darauf hin, daß auch hier einst höhere Terrassenstufen
vorhanden waren. Im allgemeinen ist das Küstengebirge hier aber
beinahe noch wunderlicher zerklüftet und zersägt, als zwischen Baracoa
und Banes -- ähnlich wie etwa das Kalksteingebirge der „Fränkischen
Schweiz“ oder gewisse Teile des Krainer Karstes, denen die cubanische
Landschaft geologisch nahe genug verwandt ist. Von den nierenförmigen
oder handförmigen Meeresbuchten, die hier in die Küstengegend
eingreifen, und darunter auch von der schönen und tiefen Bucht von
Naranjo, gilt aber dasselbe wie von den früher erwähnten, und nur die
weit geöffnete und gleich derjenigen von Baracoa gegen den Seegang
ungenügend geschützte Jibarabucht, über der sich ein hübscher Sattel-
und Zuckerhutberg nebeneinander erheben, hat in den letzten Jahrzehnten
eine höhere Bedeutung als Ausfuhrhafen gewonnen, so daß an ihren Ufern
eine Stadt entstanden ist, die trotz ihrer Jugend Baracoa an Volkszahl
und an Rührigkeit übertrifft.
[Illustration: Abb. 36. +Straßenbild von Santiago de Cuba.+]
[Sidenote: Holguin und Binnenlandschaft von Jibara.]
Südlich von Jibara (7500 Einwohner) nimmt nämlich das cubanische
Binnenland teilweise einen anderen Charakter an, und es erstrecken
sich daselbst nicht mehr ausschließlich Kalksteingebirge kultur-
und verkehrsfeindlich von Ost nach West, sondern das archäische
Grundgerüst der Insel tritt an vielen Orten zu Tage, und gerundete
Kuppen und Hügel aus Granit, Syenit, Diorit und Serpentin -- sogenannte
„Lomas“ (Brotlaib-Berge) und „Cerros“ (Rundhügel) -- reihen sich lose
aneinander, engere und breitere Thalmulden mit sandigem Lehmboden von
schokoladenbrauner oder roter Farbe umschließend. Namentlich dehnt sich
aber am oberen Rio Salado, der dem Rio Cauto zufließt, eine große und
fruchtbare Roterdeebene aus. Hier ist das Waldkleid Cubas an vielen
Stellen gelichtet, und der Anbau von Zuckerrohr und Mais, von Tabak und
Baumwolle und von anderen Feldfrüchten sowie daneben die Rinderzucht
hat statt seiner Platz gegriffen. Die Stadt Holguin (10000 Einwohner)
aber, die um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts in der fraglichen Ebene
begründet worden ist, erfreut sich einer verhältnismäßig hohen und
zunehmenden Blüte. Bis Ende der siebziger Jahre mußten ihrem Verkehre
die schwerfälligen cubanischen Ochsenkarren (Abb. 31) und Lasttiere
(Abb. 32) genügen, jetzt verbindet sie aber mit Jibara eine Eisenbahn,
und es wäre wohl möglich, daß diese Bahn demnächst in der Richtung
auf Santiago und Manzanillo eine Fortsetzung erhielte. Ein Teil des
entwickelungsfähigen Hinterlandes von Jibara ist übrigens durch den für
kleine Fahrzeuge schiffbaren Rio Jibara, der dem Berglande von Holguin
entströmt, zu erreichen.
[Illustration: Abb. 37. +Am Mercado von Santiago.+]
Von Jibara westwärts ändert sich mit der Physiognomie des Binnenlandes
auch die Physiognomie der Küstenlandschaft. Die Bergketten -- auch
hier noch aus tertiärem Kalkstein bestehend -- treten weiter und
weiter von dem Meere zurück, und das unmittelbare Gestade ist flach
und niedrig und von breiten Sandbänken begleitet, dergestalt, daß
die im allgemeinen nicht höher als 1 ~m~ steigenden Springfluten
öfters darüber hinwegschlagen. Ganz besonders ist dies der Fall an
den Buchten von Padre, von Malagueta, von Manati und von Nuevas
Grandes, durch die die Küste sich hier gliedert und in deren Umgebung
nur einige unbedeutende Hügel über die mit üppigem Mangrove- und
Palmenwuchs bedeckte Seestrandsniederung emporragen. Das Leben der
Rallen, Reiher, Pelikane, Papageien, Manglarsänger u. s. w. mag
hier noch bunter und reicher sein als bei Baracoa, und ebenso auch
das Leben der Schildkröten, Krokodile und Seekühe und das Leben der
zahllosen Insekten -- nicht zu vergessen den zur Nachtzeit prächtig
leuchtenden Cucujo (~Pyrophorus noctilucus~) und die bösen Landplagen
der Sandflöhe und Moskitos. Die Vorbedingungen für das Gedeihen
namhafter Siedelungen sind aber in dieser Gegend entschieden schlechte,
denn abgesehen davon, daß der Passatwind sich auch an den Einfahrten
der Padre- und Manati-Bucht in keiner Weise als ein guter Handelswind
-- ~trade wind~ -- bewährt, so fehlt es daselbst vor allem an gutem
Baugrund und an gesundem Trinkwasser.
[Sidenote: Isthmus von Tunas.]
An dem Rio Naranjo, der in die Bucht von Manati mündet, sowie auch an
dem Rio Cabreras, der sich erst in zahlreiche Arme spaltet und dann zur
Bucht von Nuevas Grandes erweitert, streckt sich der Mangrovesumpf in
breiten Streifen weit in das Binnenland, und wir sind geneigt, hierin
eine Art Naturgrenze für den in vielfacher Beziehung eigenartigen
Ostteil Cubas zu erblicken. Von Süden greift ja annähernd unter dem
gleichen Meridian der große Golf von Guacanayabo (Manzanillo) gliedernd
in den Inselkörper ein, und wenn der letztere an der fraglichen
Stelle schon dadurch halsartig zusammengeschnürt erscheint, so ist
dies durch die Sümpfe, die sich von Norden und Süden her einander
entgegenerstrecken, mindestens verkehr- und kulturgeographisch in einem
noch viel höheren Maße der Fall. Mit gutem Grunde hat das spanische
Kolonialregiment also die Gegend östlich von der Zusammenschnürung
(die wir als Isthmus von Jobaba oder Tunas bezeichnen) als eine
besondere Provinz behandelt und zu Zwecken der Civilverwaltung nach
der Hauptstadt Santiago, zu Zwecken der Militärverwaltung aber
Departamento Oriental genannt, und der Geograph könnte den Ostteil
Cubas beim Hinblicke auf das an einen schmächtigen Eidechsen- oder
Fischkörper erinnernde Kartenbild der Insel recht wohl als ihren
Kopfteil gelten lassen. Um diesen Ostteil aber so viel als möglich
als ein zusammenhängendes Ganzes kennen zu lernen und seine Eigenart
einheitlich zu beurteilen, brechen wir unsere Fahrt bei Nuevas Grandes
bis auf weiteres ab -- wie dies Kolumbus seiner Zeit wenige Meilen
weiter westlich that --, und wir wenden uns nach Baracoa zurück, um
von dort aus das Kap Maisi zu umschiffen und von der Südseite her das
Eindringen zu versuchen.
[Illustration: Abb. 38. +Innere Santiagobucht.+]
V.
[Illustration: Abb. 39. +Innere Santiagobucht.+]
[Sidenote: Südliches Baracoasches Bergland.]
Das Kap Maisi, in dem sich Cuba seiner Nachbarinsel Haiti bis auf
90 ~km~ nähert, ist unter dem augenscheinlichen Einflusse der gegen
West gerichteten Meeresströmungen, die in der Windwarddurchfahrt
vorherrschen, sandig und flach, und neben ihm liegen ausgedehnte
Bänke, vor denen der Leuchtturm auf der Landspitze die Schiffer nicht
umsonst warnt. Eine kleine Strecke weiter südwestwärts, gegen die
Punta de Caleta hin, erhebt sich aber wieder dieselbe brandungbewegte
Klippenwand aus Korallenkalk (Seboruco), welche wir an der Nordostküste
kennen gelernt haben, und auch derselbe regelmäßige Stufenbau des
Küstenlandes wie dort kommt wieder zum Vorschein. Über den drei oder
vier Terrassenstufen und einige Kilometer weiter zurück erhebt sich
zugleich auch wieder höheres Gebirge, mit ähnlichen Gipfelformen und
Gipfelhöhen wie die Cuchillas de Baracoa, deren südliche Parallelkette
es bildet. An manchen Orten, und je weiter man gegen Westen gelangt,
desto allgemeiner, stürzt das Gebirge aber ohne die Vermittlung
von Terrassen zum Meere ab -- in der Gestalt senkrechter, dunkler
Felsenstirnen, wie es die Punta Negra und der Salto de Jojo (an der
Mündung des gleichbenannten Flüßchens) sind, oder in der Gestalt von
tafel-, sarg- und zuckerhutförmigen, von einfachen und doppelten
Spitzen und von abgerundeten, zum Teil von mächtigen losen Felsblöcken
gekrönten Kuppen, unter denen der Yunque de Seco (am Rio Seco), der
Piedra de Sabana-la-Mar (am Rio Ocambo), der Pan de Baitiquiri und
die Silla de Guantanamo besonders hervorstechen. Den genannten hohen
Steilwänden fehlt die Pflanzenbekleidung beinahe gänzlich, die sanfter
abgedachten Küstenberge aber sind durchgängig vom Fuße bis zum Gipfel
mit Tropenwald bewachsen -- mit rundblätterigen Seestrandswinden und
Seestrandstrauben (~Coccoloba uvifera~) neben Kokospalmen unten, und
mit fiederblätterigen Mimosen- und Campechesträuchern, sowie mit Rohr-,
Mucuja-, Kohl- und Königspalmen und mit Mahagoni-, Cedrelen-, Cassia-,
Guajacum- und Büchsenholzbäumen höher hinauf, und ähnlich verhält es
sich auch mit den Gebirgsketten, die in einer Gipfelhöhe von ungefähr
600 ~m~ 15-25 ~km~ landeinwärts der Küste parallel streichen -- in
der Sierra de Imias, der Sierra Mariana und der Sierra de Vela. Der
Höhlenreichtum, der das Kalksteingebirge auch hier auszeichnet, wird
an verschiedenen Orten schon von der See aus bemerkbar -- vor allem
in der gewaltigen Cueva de Pintado und in der Höhle der Punta Negra,
in die das Meer ähnlich mächtig hinein brandet wie in die schottische
Fingalshöhle. Man erkennt ohne weiteres, daß die ganze Gegend bis
gegen den Sattelberg von Guantanamo hin nichts ist, als ein Teil des
Baracoaschen Berglandes -- derselben von der Seite her treppenförmig
aufsteigenden Kalksteintafel durch die atmosphärischen Gewässer ober-
und unterirdisch zurecht gemeißelt, und unter der Wirkung der gleichen
Regengüsse und der gleichen Sonnenglut auch dieselbe üppige Vegetation
aus seinem Verwitterungsboden heraus treibend, die menschliche Kultur
aber in arger Weise hemmend.
[Illustration: Abb. 40. +Kokospalmenhain.+]
Auffällig und befremdlich muß man nach den Erfahrungen an der Nordküste
die schlechte Gliederung der Südküste finden. Die Mehrzahl der ins
Land einschneidenden Buchten ist klein und gegen Wind und Wellen
von der See her weit geöffnet, und nur diejenigen von Baitiqueri und
Escondido tragen einen ähnlichen Typus wie die Buchten von Baracoa,
Tanamo u. s. w., so daß sie den Schiffen wirkliche Sicherheit
gewähren. Leider lagern aber gerade vor ihren Eingängen eine Anzahl
gefährlicher Korallenriffe, während solche sonst zusammen mit der
korallenen Küstenwand und mit den darüber liegenden Terrassenstufen
westlich von der Punta Negra so gut wie gänzlich fehlen. Wir können
uns diese Abweichungen nicht anders erklären, als dadurch, daß an der
Südküste ein beträchtlicher Teil des in der Tertiärzeit aus den Fluten
aufgestiegenen Landes wieder hinabgebrochen ist in das angrenzende
tiefe Meer, das Cuba von Haiti und Jamaica trennt.
[Illustration: Abb. 41. +Mahagonibaum und Viehzuchtgehöft.+]
[Sidenote: Die Bucht von Guantanamo.]
Eine gewaltige Bucht, die ihresgleichen an der Nordküste nur in
der Bucht von Nipe hat, erstreckt sich aber hinter der Silla de
Guantanamo über 25 ~km~ weit landein, und dieselbe läßt hinsichtlich
der Bequemlichkeit und Sicherheit ihres Zuganges, sowie hinsichtlich
der Tiefenverhältnisse und des Ankergrundes kaum irgend etwas zu
wünschen übrig. Die Kraft des Passatwindes ist hier gebrochen, es wehen
abwechselnd Land- und Seewinde, und nur in den Sommermonaten wühlen die
heftigen westindischen Orkane das Meer außerhalb zeitweise furchtbar
auf, das Eindringen in das Innere wehren den Sturmwogen aber auch dann
die zahlreichen Landvorsprünge, die die Bucht auf das mannigfaltigste
gliedern und in eine Außen- und Innenbucht (Caimamera- und Joabucht)
scheiden. Zugleich tritt das höhere Gebirge daselbst weit in das
Binnenland zurück, und es bleibt Raum für breite Thalebenen mit reichem
Schwarzerdeboden, der durch die Vermischung des herbeigeschwemmten
Verwitterungslehmes mit verwesten Pflanzenstoffen entstanden ist, und
der von Natur einen beinahe undurchdringlichen tropischen Bruchwald
trägt -- Mangroven, Fächer- und Federpalmen und von Farnkräutern,
Orchideen und Melastomaceen überwucherte, sowie von Lianen umwundene
Bäume und Sträucher der verschiedensten anderen Arten. An diesem Orte
waren der tropischen Pflanzungskultur also wohl von vornherein noch
viel günstigere Vorbedingungen gegeben als bei Holguin, und wenn die
Besiedelung der Gegend bis zum Schlusse des vorigen Jahrhunderts über
wenige dürftige Anfänge nicht hinausgekommen ist, so begreift sich
dies nur daraus, daß es den Spaniern für die allseitige Nutzbarmachung
der ihrem Scepter unterstehenden weiten Gebiete an Kolonisationskraft
gemangelt hat. Als die Negerrevolution in Haiti ausbrach, da wandten
sich aber die französischen Flüchtlinge zu allermeist in die Umgebung
der Guantanamobucht, und durch ihren Fleiß und ihr Gärtnergeschick
zählten die Zuckerrohr- und Kaffeepflanzungen am Rio Yateras, der sich
östlich von der Bucht in das Meer ergießt, sowie auch am Rio Guaro
und Rio Jaibo, die in die Bucht selbst münden, bald zu den größten
und blühendsten der Insel, und die Stadt Guantanamo (6000 Einw.),
bezugsweise sein mit ihm durch eine Eisenbahn verbundener Hafen
Caimanera, gewann als Zuckerausfuhrplatz den Vorrang vor Santiago.
Im Westen von Guantanamo erhebt sich aus der Niederung ziemlich
unvermittelt und steil ein Gebirge, das an Höhe und Schönheit
alle bisher erwähnten weit übertrifft, wenn man seine Thal- und
Gipfelformen auch vielleicht als ruhigere bezeichnen kann. Die Loma
de la Canasta, der der Rio Jaibo entquillt, und die Loma del Indio
südlich davon steigen bereits gegen 1000 ~m~ auf, der majestätische
Blocksberg der Gran Piedra aber, weiter westlich, erreicht 1588
~m~. Tertiäre Kalksteine nehmen auch an der Zusammensetzung dieses
Gebirges teil, und in den lang gestreckten Mesas und Tafelbergen der
Gegend von Santiago lassen dieselben auch den mehrfach berührten
Stufenbau wieder erkennen, in hervorragenderer Weise bestimmen aber
kretaceische Thon- und Sandsteine und Konglomerate, sowie alte
Eruptivgesteine -- besonders Diorit -- das Gepräge der Landschaft,
und die letzteren umschließen südöstlich von der Gran Piedra mächtige
Eisen- und Manganerzablagerungen. Die Küste begleiten teils abgerundete
Brotlaibberge (Lomas), teils steilwandige Tafelberge, und gute
Ankerplätze gibt es an ihr nicht, zur Verschiffung der Eisenerze von
Juragua ist aber bei Baiquiri eine große Kunsthafenanlage geschaffen
worden. Im Juli 1898 benutzten die Amerikaner diese Anlage zur
Landung ihrer Truppen, und Baiquiri (Nueva Salamanca), sowie die
ganze westliche Fußhügelgegend der Gran Piedra bei Guasima und El
Caney erlangte so durch den blutigen Entscheidungskampf, der daselbst
ausgefochten wurde, historische Bedeutung.
[Illustration: Abb. 42. +Mangrove-Keys+ (Cayos) +und Küstensumpf+
(Cienaga).]
[Illustration: Abb. 43. +Palmstrohhütte und Ceibabaum.+]
[Sidenote: Santiago-Bucht.]
Die Bucht von Santiago ist als eine Art Hauptbresche in dem imposanten
südostcubanischen Gebirge schon aus weiter Ferne erkennbar, und
indem man sich derselben von Süd her nähert, entfaltet sich ihre
Uferumrandung zu einem Bilde von wunderbarer Harmonie und Schönheit.
Es erscheint die wohlbekannte niedrige Klippenwand, an der die
Meereswellen sich hier für gewöhnlich und in sanftem Spiele brechen,
darüber erhebt sich aber rechts von der Einfahrt mauergleich eine
höhere Terrassenstufe (gegen 70 ~m~), auf der im Vordergrunde der
Morro thront -- der altersgraue Wächter der Bucht, der länger als
ein Vierteljahrtausend seines Amtes gewaltet hat, und der sich zwar
schon den Boucanieren und Engländern gegenüber (1662 und 1762) nicht
als vollkommen uneinnehmbar bewiesen hat, der sich aber trotz seiner
mangelhaften Armierung im Verein mit seinen tiefer gelegenen Vorwerken
auch noch den Amerikanern gegenüber wohl genug bewährt hat (Abb. 33).
Zur Linken schiebt sich eine niedrigere Terrassenstufe vor, die neuere
Befestigungen (die sogenannte Socapabatterie) trägt, und dahinter
werden die gerundeten Hügel der Ziegeninsel und der Vorgebirge von
Estrella, Santa Catalina und Gorda sichtbar, alle gleichfalls mit
drohenden Bollwerken versehen, wenn auch nicht alle mit solchen, die
dem Geschützfeuer der Neuzeit gewachsen sind. Ringsum aber türmen sich
grüne Waldberge von der verschiedensten Gestalt und Höhe übereinander.
Ist man dann unmittelbar unter den Festungsmauern durch die enge und
tiefe Einfahrt, die die Amerikaner durch die Versenkung des „Merrimac“
vergeblich zu sperren suchten, in die Bai gelangt, so gesellen sich
den kriegerischen Zügen des Landschaftsgepräges auch friedliche zu --
Fischerkähne und leicht gebaute Fischerhütten, einzelne Landhäuser
und ein Lotsendörfchen (Abb. 35) --, und das Auge wird nicht müde,
sich an dem bunten Wechsel zu weiden. In ihrer ganzen Pracht zeigt
sich die Bai aber erst, wenn man jenseits der Punta Gorda ihren
weiten Binnenteil erreicht hat und der Blick über die herrliche blaue
Wasserfläche hinweg mehr in die Ferne schweifen kann -- hinüber zu den
hell leuchtenden Häusern und Türmen der großen Stadt, die in ihrem
innersten Nordostwinkel liegt, und zu den stattlichen Schiffen, die
davor ankern, empor zu der hohen Mesa, an der die Straßen von Santiago
hinaufstreben (Abb. 36 und 37), und höher empor zu den schön gezackten
Bergen der Piedra- und Cobregruppe (Abb. 37 und 38), von deren
Abhängen kleinere Ortschaften, sowie zerstreute Haciendas und Bohios
aus ihren Mango- und Brotfruchtgärten und aus ihren Königspalmen-
oder Kokospalmenhainen (Abb. 39) herabwinken. Man versteht an dieser
Stelle besser als an jeder anderen die Begeisterung, welche Kolumbus
betreffs der cubanischen Landschaft hegte, und man gesteht sich gern,
daß es wenigstens an den Gestaden des amerikanischen Mittelmeeres
keine Hafenbucht gibt, die dieser an stolzer Schönheit gleichkommt.
Darf man sich also darüber wundern, daß die Spanier hier „Hütten
bauten“, und daß Velasquez seinen Statthaltersitz nach kurzem Besinnen
von Baracoa hierher verlegte (1514), daß Santiago bis in das XVII.
Jahrhundert hinein (1607) die Regierungshauptstadt von ganz Cuba,
später aber wenigstens diejenige der Osthälfte der Insel gewesen ist,
daß die Stadt bereits seit 1522 eine stattliche Kathedrale besitzt, und
daß der oberste Seelenhirt Cubas (seit 1804 zum Erzbischof erhoben)
seine Residenz bis auf den heutigen Tag daselbst behalten hat? Viel
kleiner als die Bucht von Guantanamo und nur etwa 7 ~km~ weit ins Land
reichend, ist die Bucht von Santiago doch fähig, Flotten jeder Größe in
sich aufzunehmen, und im Zusammenhange mit der näheren Bergumgebung ist
sie nicht bloß landschaftlich viel großartiger, sondern zugleich auch
viel tiefer und dicht an ihrem Ufer sowohl mit besserem Trinkwasser als
auch mit besserem und gesünderem Baugrunde ausgestattet. Im übrigen
darf man sie ein getreues Abbild der Guantanamobucht nennen, sowohl
was die Richtung ihrer Hauptachse als auch was ihre Gliederung in eine
Innen- und Außenbucht und in eine Reihe von Nebenbuchten angeht. Ist
dies aber nicht ein Zeugnis dafür, daß an den beiden Buchten dieselben
erdgeschichtlichen Bildungsprozesse thätig gewesen sind?
[Illustration: Abb. 44. +Ein Ceibabaum.+]
[Sidenote: Lage von Santiago.]
Die Verbindungen von Santiago in das Binnenland sind keine leichten,
ganz besonders in der Regenzeit, wenn die Bäche und Ströme des Gebirges
hoch anschwellen und wenn der rote Boden sich in einen tiefen Morast
verwandelt, immerhin sind sie aber leichter, als von den anderen
Punkten der Südküste, Guantanamo nicht ausgenommen, und jedenfalls
haben sich schon früher einigermaßen brauchbare Straßen nach den
Kupfergruben im Westen, nach den Eisengruben im Osten und nach den
fruchtbaren Thal- und Hügelgegenden an den Quellströmen des Cauto im
Norden, sowie durch die letzteren nach Bayamo und Puerto Principe (als
sogenannter ~Camino central~) anlegen lassen. Zu Eisenbahnen haben
sich diese Verbindungen freilich nur in der näheren Nachbarschaft von
Santiago vervollkommnet (bis Cobre, Juragua, El Caney und Sabanilla),
und in dem Mangel einer Schienenstraße nach Holguin und Gibara sowie
nach Bayamo und Puerto Principe hat die Hauptschwäche der Stadt bei
ihrer Verteidigung gegen die Amerikaner gelegen. Die Stadt erlag ja dem
ersten Ansturm der Feinde nur, weil weder Proviant noch Verstärkungen
mit genügender Schnelligkeit herangezogen werden konnten.