In der Folge hat sich die Exekutive der Unionsregierung eine größere

Zurückhaltung in der cubanischen Frage auferlegt, und namentlich hat

sie während des ganzen zehnjährigen Aufstandes von 1868-1878, sowie

auch während der ersten Jahre des soeben beendeten Aufstandes die

Pflichten der Neutralität in gewisser Weise zu erfüllen gesucht. Da

die Fähigkeiten und Befugnisse des Präsidenten in dieser Beziehung

sehr beschränkte sind, so war damit aber für Spanien wenig gewonnen,

und in den gesetzgebenden Körperschaften, sowie in der Presse und

in den Volksversammlungen jeder Art war von der Einverleibung Cubas

in die Union oder doch von der Notwendigkeit, die Insel von der

spanischen Herrschaft zu befreien, nach wie vor sehr laut die Rede

-- unter stetem Hinweis auf die Monroedoktrin, nach der Amerika die

ausschließliche Domäne der „Amerikaner“ sein soll. Thatsächliche Hilfe

leisteten die Unionsbürger den Insurgenten nicht bloß in der Gestalt

von Geldsammlungen, sondern auch in Gestalt von wohlausgerüsteten

Flibustierexpeditionen, und wenn die letzteren, in denen die

Insurrektion ihren eigentlichen Lebensnerv hatte, gelegentlich von der

Regierung ergriffen wurden oder in spanische Hände gerieten, so wurde

amtlich immer dafür gesorgt, daß den Mitgliedern kein ernster Schaden

daraus erwuchs. Die cubanische Junta aber, der die oberste Leitung

der Aufstände oblag, erfreute sich in New York und Washington der

weitgehendsten Duldung und der sorgsamsten amtlichen und außeramtlichen

Pflege. Nur so war es möglich, daß der Aufstand von 1868 sich über die

ganze Insel verbreitete und zum Unheile für das Wirtschaftsleben und

die Finanzen Cubas zehn volle Jahre währte, und nur so nahm auch der

neueste Aufstand den für Spanien und für die cubanischen Reconcentrados

verhängnisvollen Charakter an. Spanien hatte dem ganzen Treiben

gegenüber, bei dem auch das ehrlichste Bemühen von seiner Seite nichts

fruchten konnte, nur schwachmütige Proteste und Vorstellungen, und

der letzte entscheidende Schlag, den seine Gegner nach der bekannten,

durch das amerikanische Gutachten in keiner Weise genügend aufgeklärten

Maineexplosion ausführte, traf es gänzlich unvorbereitet. Was wunder,

daß die Streitkräfte der Union bei Manila und Santiago ihre raschen

und leichten Siege errangen, und daß diese Siege hinreichten,

den Amerikanern ganz Cuba und dazu auch den übrigen spanischen

Kolonialbesitz auf Gnade und Ungnade zu überantworten!

[Sidenote: Cubas Verlust für Spanien.]

In welcher Weise die Cubanerkolonien zu New York und Key West, in

denen von Anfang an politische Flüchtlinge und Vertriebene (Creolen

ebenso wie Mulatten) den Hauptbestandteil ausmachten, mithalfen, die

„~manifest destiny~“ Cubas herbeizuführen, bedarf keiner weiteren

Ausführung. Dagegen ist es vielleicht nicht überflüssig, zu betonen,

daß auch die Mißgriffe der spanischen Zollgesetzgebung viel dazu

beigetragen haben, die spanische Position auf Cuba mehr und mehr

zu einer schwer haltbaren zu machen. Vor allen Dingen würdigten

die spanischen Staatsmänner in dieser Beziehung nicht die hohe

handelspolitische Bedeutung der sogenannten Rimessen, und während

sie die cubanische Einfuhr dem Mutterlande so viel als möglich zu

erhalten suchten, so lenkten sie die Ausfuhr des Zuckers, des Tabaks,

der Erze und der Früchte mit Rücksicht auf die unmittelbaren Vorteile

systematisch nach den Unionshäfen, dabei nicht bedenkend, daß sie ihre

Kolonie auf diese Weise mehr und mehr in wirtschaftliche Abhängigkeit

von der Union brachten. Es gingen so Anfang der neunziger Jahre 80

bis 90 Prozent des cubanischen Zuckers nach New York, Philadelphia,

Baltimore u. s. w., und dazu auch mehr als 60 Prozent des Blättertabaks

und gegen 50 Prozent der Cigarren. Einerseits gewannen dadurch aber

die amerikanischen Zucker- und Tabakspekulanten einen tiefgreifenden

Einfluß in den cubanischen Angelegenheiten, um gleich den gewissenlosen

spanischen Beamten „im Trüben zu fischen“, und andererseits erlangte

dadurch die Unionsregierung auch einen Schein des Rechtes für ihre

Einmischungspolitik. Präsident McKinley durfte so, als er infolge der

Mainekatastrophe dem amerikanischen Volkswillen hinsichtlich Cubas

die Zügel schießen lassen mußte, aller Welt verkünden, daß er nicht

bloß im Interesse der Humanität -- um den von seinem Lande her fünfzig

Jahre lang geschürten furchtbaren Brand auf Cuba zu dämpfen --, sondern

auch im Interesse des geschädigten Handels der Union die Waffen gegen

Spanien ergreife.

[Illustration: Abb. 27. +Königspalmenallee.+]

Wenn Cuba in der angedeuteten Weise durch eine Verkettung historischer

Verhältnisse und durch einen von langer Hand vorbereiteten Gewaltakt in

seine augenblickliche Lage gelangt und für Spanien verloren gegangen

ist, so versteht es sich von selbst, daß es einer weiteren Verkettung

historischer Verhältnisse und wahrscheinlich auch weiterer Gewaltakte

bedürfen wird, sein ferneres Schicksal zu gestalten. Die der Insel zu

stellende Prognose ist in dieser Hinsicht eine sehr schwierige. Zur

Zeit sind nicht die Creolen die Herren der Situation auf Cuba, sondern

die Amerikaner von der Union, und angesichts des Rassenzwiespaltes, der

auf der Insel vorhanden ist, muß man dies als ein Glück bezeichnen.

Eine Reihe weiterer blutiger Auseinandersetzungen und eine Fortdauer

der Verwüstungen würde sonst kaum zu vermeiden sein. Im übrigen wird es

aber sehr darauf ankommen, welches die Hauptfaktoren sein werden, die

nunmehr von der Union her gestaltend in das cubanische Wirtschafts- und

Kulturleben eingreifen; ob die großen Zucker- und Tabakspekulanten und

Professionspolitiker, denen Gewissen und Anstand in keinem geringeren

Maße abgeht als den schlechtesten spanischen Verwaltungsbeamten, und

denen es so wenig als diesen darauf ankommen würde, die in ihre Hände

geratene goldene Gans zu würgen und zu mißhandeln, um eins von ihren

goldenen Eiern zu erlangen; oder die Klasse der rechtschaffenen Leute

und Idealisten, die an eine höhere Kulturmission ihrer großen Republik

glauben, und denen es allen Ernstes darum zu thun ist, allerorten, wo

das Sternenbanner weht und wo der amerikanische Adler seine Fittiche

ausbreitet, so viel als auf Erden eben möglich, Gefilde der Glücklichen

zu schaffen und Freiheit, Recht und Menschenwürde zur Anerkennung zu

bringen.

Soweit die geographischen Verhältnisse die zukünftige Entwickelung

Cubas mitbestimmen werden, sparen wir uns die Schlüsse der

Wahrscheinlichkeitsrechnung auf für die nachfolgenden Abschnitte, in

denen wir an der Hand unserer eigenen Anschauungen, sowie an der Hand

der besten vorhandenen Informationsquellen im Geiste eine Umsegelung

der Insel, sowie eine Reihe von Streifzügen quer durch sie hindurch

unternehmen wollen.

[2] Das meiste thaten in neuerer Zeit zur Förderung der

wissenschaftlichen Landeskunde Ausländer, Deutsche und

Amerikaner: J. Gundlach, der die Insel 54 Jahre lang in den

verschiedensten Teilen und Richtungen durchstreifte, um vor

allem ihre tiergeographischen Verhältnisse in umfassender

Weise klar zu legen, A. Grisebach, der auf Grund der von dem

Amerikaner C. Wright gemachten Sammlungen seinen „~Catalogus

plantarum Cubensium~“ (1866) zusammenstellte, und Alexander

Agassiz, R. T. Hill und J. W. Spencer, die die Grundzüge der

geologischen Entwickelungsgeschichte der Insel und den Anteil

der Korallentierchen an ihrem Aufbau festzustellen suchten.

IV.

[Sidenote: Dampferlinien nach Cuba.]

Unter den großen Weltverkehrsbahnen, die nach Cuba streben, waren bis

auf den heutigen Tag vor allen Dingen zwei bedeutsam: die, welche

von Cadiz ihren Ausgang nimmt -- nicht weit von der denkwürdigen

Bucht von Huelva, von der Kolumbus zu seiner ersten Entdeckerfahrt

aufbrach --, und die, welche ihren Anfangspunkt in New York hat.

Auf ihnen vollzog sich bislang der weitaus größte Teil der Güter-

und Personenbewegung, die zwischen der westindischen Hauptinsel

und den anderen Erdgegenden hin und her flutete. Die erstere,

gegen 3800 Seemeilen lange Bahn entspricht den althergebrachten

Beziehungen zwischen der Kolonie und ihrem Mutterlande, die durch

die geschichtliche Großthat des Kolumbus eingeleitet wurden und

durch sie wohl genug legitimiert waren. Diese Linie berührt bei San

Juan Puertorico, die kleinste der Großen Antillen, um sodann der

Küste von Haiti entlang und durch den Alten Bahamakanal nach Habana

oder durch die Monadurchfahrt (zwischen Puertorico und Haiti) oder

Windwarddurchfahrt (zwischen Haiti und Cuba) nach Santiago zu führen.

Die letztere Bahn aber, die nur etwa 1200 Meilen lang ist, erklärt sich

zur Genüge daraus, daß die Nordamerikanische Union unter den großen

wirtschaftlichen und politischen Gemeinwesen der Erde das Cuba am

nächsten benachbarte ist, und daß die beiden Länder sich hinsichtlich

ihrer Produktionsverhältnisse in gewisser Weise wechselseitig ergänzen;

und sie erscheint von Anfang als eine Doppelbahn, bezugsweise als ein

Doppelgeleis, indem der Schnellverkehr der Personen und Nachrichten

sich vorwiegend von New York über Land nach Tampa in Florida und

fernerweit über Key West nach Habana bewegt, der Güterverkehr aber

durch die Floridastraße nach Habana, Matanzas, Cardenas, Sagua und

Remedios oder durch die Durchfahrten des Bahamaarchipels (besonders

die Crookedpassage) nach den nordöstlichen und südlichen Häfen Cubas.

Alle anderen Verkehrsbahnen nach Cuba, und besonders auch die von

Hamburg, Bremen, Liverpool, Bordeaux und New Orleans, sowie von den

westindischen Nachbarinseln ausgehenden, können nur als Nebenbahnen

gelten. Die wichtigste und belebteste davon ist aber die von Hamburg

über St. Thomas nach Habana.

[Illustration: Abb. 28. +Kokospalmenallee.+]

[Sidenote: Umgebung von Baracoa.]

Dem Reisenden, der sich Cuba auf der zuerst bezeichneten Bahn nähert,

zeigt die Insel ein überaus eindrucksvolles und typisches erstes Bild.

Ein stattlicher Tafelberg taucht vor seinen Blicken aus den Fluten

auf -- der Yunque (Amboß) von Baracoa, der den Schiffern weithin als

unverkennbares Wahrzeichen dient. Und indem der Kurs sich auf den

kleinen Hafenplatz Baracoa zu lenkt, erscheinen dahinter in der Ferne

scharfgeschnittene andere Bergzacken -- die Cuchillas de Baracoa

--, die gegen die Ostspitze der Insel, das Kap Maisi, niedriger und

niedriger werden. Allmählich hebt sich dann auch das Vorland jener

Berge deutlicher heraus, und das Auge unterscheidet drei merkwürdig

regelmäßige Terrassenstufen, aus denen sich dasselbe aufbaut. Die ganze

Landschaft aber prangt in dem Schmucke einer reichen Tropenvegetation,

und vor allen Dingen winkt von allen Berghängen die ebenso anmutige als

majestätische Königspalme (~Oreodoxa regia~) herab -- der eigentliche

Charakterbaum Cubas, den der palmenkundige Alexander von Humboldt einen

der schönsten seines Geschlechtes nennt (Abb. 26 und 27). Brächten

die üppige Vegetation und der Stufenbau des Landes nicht fremdartige

Momente in das Bild, so könnte es wohl an die südeuropäischen

Küstenbilder gemahnen.

[Illustration: Abb. 29. +Ein Ananasfeld.+]

[Sidenote: Bucht von Baracoa.]

Die unterste Terrassenstufe erhebt sich im allgemeinen als eine gegen

10 ~m~ hohe, steile Klippenwand aus der See und erweist sich bei

näherer Betrachtung als ein reiner Korallenbau. Ungezählte Millionen

von Astraeen, Maeandrinen, Poriten, Madreporen, Colpophyllien,

Orbicellen u. s. w. von derselben Art, wie sie heute noch um die

Bahamainseln, um Südflorida und um Cuba herum ihr wunderbares Wesen

treiben, haben daran gearbeitet, ihn zustande zu bringen. Die von

dem herrschenden Nordostpassatwinde, noch mehr aber von dem öfters

einbrechenden starken Nordwestwinde („Norte“) gepeitschten Wogen

schäumen in wilder Brandung an der Klippenwand hoch auf. Das zierliche

Gefüge der Korallenzellen bewährt sich dabei aber als ein viel

festeres und widerstandsfähigeres, als man glauben sollte, und das

Zerstörungswerk, das die Brandung daran treibt, erscheint dem Auge

als geringfügig. Verwettert genug sieht die Seefront allerdings aus,

und eine einsame Felsenbank am Eingange in die Bucht von Baracoa, der

sogenannte Buren, bekundet, daß die Klippe einst weiter vorsprang und

daß ein Teil des natürlichen Wogenbrechers aus Korallenkalk, der die

Bucht vor dem Seegange schützte, zusammengebrochen und weggewaschen

ist. Heute ist die Öffnung der Bucht infolgedessen eine weitere, als

den Schiffern, die darin zu verkehren haben, lieb sein kann, und die

beiden angegebenen Hauptwinde der Gegend treiben häufig eine schwere

See in sie hinein. Das von den Wellen zerriebene Trümmermaterial nebst

den vom Lande herabgespülten Sedimentmassen aber ist an den Rändern

der Bucht in der Gestalt eines sandigen Strandes zur Ablagerung

gekommen, und der in sie mündende Macaguaniguafluß wird durch das so

entstandene, von Mangrovegebüsch (Manglar) bewachsene Schwemmland auf

einer beträchtlichen Strecke abgedämmt, so daß er in weitem Bogen hart

an ihr entlang fließt, ehe er in ihrem geschütztesten östlichen Winkel

seinen Ausgang findet. Vor der Flußmündung schwimmen gravitätisch

graue Pelikane hin und her, am Ufer stehen ihrer Beute harrend

kleine weiße und bläuliche Reiher (~Ardea occidentalis~ und ~Ardea

coerulea~), und aus dem Gebüsch heraus ertönt der Gesang des Canario de

Manglar (~Dendroica petechia~) und des westindisch-nordamerikanischen

Spottvogels (~Mimus polyglottus~), dessen Stimme Kolumbus für

Nachtigallengesang nahm.

[Illustration: Abb. 30. +Bananenstock.+]

An der Oberfläche ist die unterste Terrassenstufe mit einer dünnen

Schicht von Roterde (~tierra colorada~) bedeckt, zum Teil überstreuen

Korallenfelsbruchstücke nach Art deutscher Feldsteine den Boden, und

das hier und da zu Tage stehende Grundgestein erscheint allenthalben

bienenwabenähnlich zerlöchert und zerfressen -- unverkennbare Zeugnisse

davon, daß die mächtigen cubanischen Regengüsse so wenig ohne Wirkung

auf sie geblieben sind wie die Meeresbrandung.

Die höheren Stufen, die nur eine kleine Strecke weiter landein

liegen, bestehen aus weißem, gelbem und rötlichem Kalkstein jung- und

mitteltertiären Alters, in dem korallines Gefüge nur stellenweise

sichtbar wird, und ebenso ist es auch mit den darüber aufragenden

Bergstöcken und Bergketten, vor allem mit dem Yunque, den bisher nur

wenige Reisende erklommen haben. Zwar ist die Erhebung des letzteren

über den Meeresspiegel nur eine mäßige (556 ~m~), gleich zahlreichen

anderen cubanischen Bergen stürzt derselbe aber ringsum mit jähen,

teils von dichtem Waldwuchse bekleideten, teils völlig kahlen Wänden

und Hängen zur Tiefe, und sein flacher Gipfel ist nur auf einem

einzigen schwierigen Pfade erreichbar. Daß die Wettergeister der

Tropen auch an der Zerstörung des Yunque rastlos thätig sind, verraten

einesteils die weithin leuchtenden kahlen Wände, die ihren Ursprung

samt und sonders unlängst stattgehabten Bergstürzen verdanken,

anderenteils aber auch die mächtigen Trümmermassen, die den Fuß

umlagern, und man kann sich angesichts dieser Wände und Trümmer und

angesichts einer einzigen Regenflut, die auf sie niedergeht, des

Gedankens nicht erwehren, daß der schöne Bergstock nichts anderes ist,

als die zur Zeit noch stehen gebliebene Ruine einer viel ausgedehnteren

Kalksteintafel, bezugsweise der Überrest einer höchsten Terrassenstufe,

die die übrigen Stufen weit überragte. Die niedrigen Berge der Gegend,

wie der Monte de Santa Teresa (210 ~m~) und der Monte Majayara (160

~m~), östlich von Baracoa, ergeben sich dann als die Reste von

Zwischenstufen. Betreffs der Bildungsgeschichte von Cuba aber scheint

das ganze Landschaftsbild von Baracoa lehren zu wollen, daß die Insel

seit der mittleren Tertiärzeit ruckweise und mit langen Ruhepausen

höher und höher aus dem Meere emporgetaucht oder daß der Meeresspiegel

an ihrem Gestade in solcher Weise gesunken ist. Das letztere für das

Wahrscheinlichere zu halten, könnte man namentlich im Hinblick auf den

vollkommen horizontalen Verlauf der korallinen Küstenwand geneigt sein.

[Illustration: Abb. 31. +Ländliche Fuhrwerke.+]

[Sidenote: Kulturen bei Baracoa.]

In allen Einsenkungen und Thalungen auf den höheren Terrassen und

zwischen den Bergen lagert eine mehr oder minder mächtige Schicht

von Roterde, die als das schließliche Verwitterungsprodukt des

Kalksteins dahin geschwemmt worden ist, und vor allen Dingen: diese

Roterdestrecken tragen eine artenreiche und hochstämmige tropische

Vegetation. Insbesondere sind dieselben die Stätten, wo die

Hauptkulturen der Gegend gedeihen: die schattigen Kokospalmenhaine

(Abb. 28), die sonnigen Ananasfelder (Abb. 29), die üppigen

Bananenpflanzungen (Platanales, Abb. 30) und die Kakao-, Orangen- und

Mangogärten, aus denen hier und da eine leicht gebaute, von Negern oder

Creolen bewohnt, Palmpfahl- und Palmstrohhütte (Bohio) hervorblickt.

Die Stadt Baracoa (6000 Einw.), die am östlichen Winkel ihrer Bucht

auf der untersten Terrassenstufe steht, während der den Hafeneingang

bewachende alte Festungsbau die zweite Terrasse krönt, verdient als

die älteste Stadt Cubas und als eine der ältesten und ehrwürdigsten

Städte der gesamten Neuen Welt Beachtung. Schon Christoph Kolumbus,

der den Hafen Puerto Santo nannte, weilte hier länger als an anderen

Punkten der cubanischen Nordostküste, und er knüpfte hier seine ersten

engeren Beziehungen zu den Eingeborenen; Diego Velasquez aber gründete

hier die erste spanische Niederlassung im Jahre 1512. Wegen seiner

gegen die Bahamas und gegen Haiti, sowie gegen Europa vorgeschobenen

Lage und wegen seiner daraus sich ergebenden leichten Verbindung mit

dem Mutterlande und mit dem übrigen westindischen Kolonialbesitze

schien der Ort den Spaniern eben als Stützpunkt ihrer Herrschaft über

die Insel ganz besonders geeignet, und eine gewisse strategische

Bedeutung könnte man im Hinblick auf die Windwarddurchfahrt, auf die

Hauptdurchfahrten des Bahama-Archipels (die Caicos-, Mariguana- und

Crookedpassage) und auf den Alten Bahamakanal füglich auch heute noch

geltend machen. Als Eingangspforte in das Innere von Cuba konnte

Baracoa aber immer nur eine untergeordnete Rolle spielen, weil die

steilhängigen, wild zerklüfteten Gebirge wenige Meilen süd- und

westwärts nur unter großen Mühsalen übersteiglich und ihre Thäler

der Kultur in sehr beschränktem Umfange zu gewinnen sind. Velasquez

selbst wandte sich daher auch bald wieder von ihm weg und verlegte

den Regierungssitz nach Santiago, und die Rolle, welche Baracoa als

Handelsplatz gespielt hat, ist immer eine bescheidene geblieben.

Belangreich ist in der Gegenwart nur seine Ausfuhr von Ananas und

Bananen, sowie von Kokosnüssen und Kokosöl, und die kleinen Dampfer

und Schoner, die in dem Hafen Ladung nehmen, verkehren beinahe

ausschließlich nach der großen nordamerikanischen Welthandelsmetropole

New York. Um höheren Bedürfnissen zu genügen, würde der Hafen sehr

der künstlichen Verbesserung bedürfen, sowohl weil der in ihn

hineinwirkende Seegang den vor Anker liegenden Schiffen unmittelbar

verderblich werden kann, als auch, weil er durch das Spiel der Wellen

und den einmündenden Strom in fortschreitender Versandung begriffen ist.

[Sidenote: Baracoasche Küstenlandschaft.]

Von Baracoa westwärts geht die Seefahrt einer überaus malerischen

Küste entlang, und auch größere Schiffe können sich in naher Sicht

derselben halten, weil das Meer -- es handelt sich um den Eingang zu

dem Alten Bahamakanale -- bis auf eine oder zwei Seemeilen Abstand eine

beträchtliche Tiefe besitzt und gefahrdrohende Korallenriffe nur hier

und da unmittelbar am Lande liegen. Die aus fossilen Korallenbauten

zusammengesetzte Küstenwand ist auch hier allerwärts deutlich

erkennbar, und nicht minder der weiße Schaum der unter dem Einfluß des

Passatwindes dagegen donnernden Brandung. Die höheren Terrassenstufen

aber sucht das Auge im allgemeinen vergebens, und statt ihrer folgen

wieder in bunter Reihe bald höhere und bald niedrigere Tafelberge

(~mesas~ und ~yunques~), Sattelberge (~sillas~), zugespitzte oder

abgestumpfte Kegelberge (~picos~ und ~pans~) und abgerundete Kuppen

(~arcos~ und ~tetas~) -- Bergformen, für deren Benennung die spanische

Sprache einen so beneidenswert reichen Wortschatz zur Verfügung hat.

Man kann schon aus der Ferne wahrnehmen, daß die tropischen Regengüsse

und die von ihnen geschwellten Gebirgsbäche und Ströme hier in noch

rüstigerer Weise als bei Baracoa an der Zerfeilung und Ausgestaltung

der Landschaft gearbeitet haben. Und wem es gelingt, eine Strecke in

das Innere einzudringen -- im kleinen Ruderboot auf dem Rio de Tanamo

oder Rio de Mayari oder auf dem Rücken eines Maultieres an anderem

Orte --, dem wird dies besonders in den Monaten Mai bis November, wenn

hier an den meisten Tagen ein schwerer Gewitterschauer und Wolkenbruch

schnell auf den anderen folgt, noch nachdrücklicher zum Bewußtsein

gebracht. Der Erosionseffekt der fließenden Gewässer ist in dieser Zeit

allerwärts ein gewaltiger, es erfolgen Uferzerreißungen und größere und

kleinere Bergrutsche an tausend Orten, und die Schluchten, in denen

die Bäche und Ströme dahinrasen, werden sozusagen vor den Augen des

Beschauers und von einem Tage zum anderen tiefer und weiter zugleich.

Nicht bloß am Tageslichte thun aber die cubanischen Atmosphärilien

solchergestalt ihr physikalisch-geographisches Werk, sondern in sehr

bedeutendem Maßstabe geschieht dies auch unterirdisch, und die Gegend

ist infolgedessen voll von mehr oder minder ausgedehnten Höhlengängen

und Hohlräumen, von denen viele in einem prächtigen Stalaktiten- und

Stalagmitenschmuck prangen, manche auch interessante vorgeschichtliche

Reste bergen. Wir weisen besonders auf die Höhlen hin, aus denen der

Rio Moa, der Abfluß der Sierra de Moa, hervorbricht, um sich alsbald

in der Gestalt eines etwa 100 ~m~ hohen Wasserfalles in die Schlucht

hinabzustürzen, durch welche er dem Meere zueilt; sowie daneben auf

die Höhlen der Sierra de Frijol, etwas weiter südlich, und auf die

berühmten Yumurihöhlen in der Nähe von Baracoa.

[Sidenote: Baracoasche Berglandschaft.]

Die Berge in der unmittelbaren Nachbarschaft der Küste halten sich im

allgemeinen in der Höhe von 200-300 ~m~, die Silla de Jaragua, welche

nördlich von der Mündung des wilden Rio de Toar die Hauptlandmarke

für die Seefahrer bildet, ist aber auf 420 ~m~ bestimmt worden, und

die Bergketten tiefer im Binnenlande -- die Sierra de Toar, die

sich dem Nordufer des gleichbenannten Stromes entlang zieht und von

der die genannte Silla den östlichen Abbruch bezeichnet, die Sierra

de Moa, die ihren nordwestlichen Parallelzug bildet, die Sierra de

Cristal an der Nordseite des oberen Rio de Mayari und die Sierra de

Catalina und Sierra de Frijol am oberen Rio de Tanamo -- mögen gegen

600 ~m~ oder annähernd zu derselben Höhe wie der Yunque von Baracoa

emporragen. Wahrscheinlich waren alle diese Ketten einst mit dem Yunque

zu derselben großen Kalksteintafel verwachsen, und es ist einzig und

allein die ober- und unterirdische Erosion gewesen, die sie getrennt

und in sich zerklüftet hat.

[Illustration: Abb. 32. +Korbhändler.+]

Cuba · 第 3 / 11 段