bedeutend erhöht dadurch, daß die spanische Regierung sich bei ihrer
Politik immer rückhaltslos auf den Einwanderernachschub aus dem
Mutterlande gestützt und die höheren Verwaltungsämter vorwiegend mit
Spaniern von Geburt besetzt hat. Dabei mußte den Creolen wohl oder
übel viel schweres Unrecht geschehen, auch wenn die Beamten jederzeit
wirklich fähige und moralisch fleckenlose Männer gewesen wären, was
nicht behauptet werden kann. Das ganze Hispaniertum aber mußte den
Creolen als eine wohlorganisierte Macht erscheinen, die in erster
Linie darauf ausging, sie zu bedrücken, und das schöne Land, das sie
kraft ihrer Geburt als das ihrige ansahen, in jeder Weise auszusaugen.
Naturgemäß strebten sie also gleichfalls danach, sich zu organisieren,
und in den Geheimbünden der „Soles de Bolivar“ (1823) und der „Aguila
Negra“ (1829) zielte dieses Streben bereits auf die Beseitigung
der spanischen Herrschaft ab, während es in der von Narciso Lopez
geleiteten Erhebung von 1848-1851 für diese Herrschaft zum erstenmale
wirklich bedrohlich wurde. Die spanische Regierung hat demgegenüber
ihr Heil darin gesucht, daß sie den Generalstatthalter von Cuba mit
diktatorischer Gewalt bekleidete, daß sie das Versammlungs- und
Vereinsrecht, sowie das Recht der Presse in engen Schranken hielt,
daß sie eine starke militärische Besatzung auf die Insel warf (in
Friedenszeiten bis 30000 und in Kriegszeiten bis 200000 Mann), daß sie
die vorwiegend aus Einwanderern zusammengesetzte Truppe der sogenannten
Freiwilligen („Voluntarios“) schuf, daß sie zahlreiche Verschwörer
und politischer Umtriebe Verdächtige aus dem Lande verwies und daß
sie in den Zeiten des Aufruhrs unbedenklich zu Masseneinkerkerungen
und Massenhinrichtungen schritt. Wir erinnern in letzterer Hinsicht
namentlich an das Erschießen der acht Studenten von der Universität
Habana (1871) und der 53 Leute von dem amerikanischen Dampfer Virginius
(1873). Der Erfolg, den die Regierung mit diesen Maßregeln gehabt
hat, ist aber ein sehr schlechter gewesen, und zu Zeiten sind ihr die
Zügel dabei völlig aus der Hand geraten, um von dem „Casino Español“
(dem „Spanischen Vereine“), sowie von den „Voluntarios“, also von
den Einwanderern selbst, ergriffen zu werden. Wurde doch sowohl ein
General Dulce (1870) als auch ein Marschall Campos (1896) von ihnen
zum Rücktritt und zur Rückkehr nach Spanien gezwungen, als sie ihnen
nicht scharf und rücksichtslos genug gegen die Insurgenten vorzugehen
schienen, und feuerten doch die Voluntarios ohne jeden Befehl auf die
Besucher des Villanueva-Theaters. Als der große Aufstand von 1868-1878
durch den Vertrag von Zanjon beigelegt war, suchte die Regierung
zu Madrid den inneren Frieden und die Ordnung auf Cuba dadurch zu
befestigen, daß sie die Insel für eine spanische Provinz erklärte
und ihr als solcher „alle Freiheiten Spaniens“ zugestand, und seit
dieser Zeit haben 16 cubanische Senatoren und 30 Abgeordnete in den
spanischen Cortes Sitz und Stimme gehabt. Den Wünschen und Ansprüchen
der Creolen ist aber auch damit keine Genüge geschehen, denn trotz der
viel geringeren Zahl der Peninsulares, die zu derjenigen der Creolen
etwa wie 1 : 4 stehen dürfte, haben diese bei den Wahlen in der
Regel den Sieg davongetragen, und überdies haben die Vertreter Cubas
natürlich in den Cortes niemals etwas anderes darstellen können, als
eine kleine Minorität, die einen entscheidenden Einfluß betreffs
des Schicksals der Insel unmöglich geltend machen konnte. Es kam
daher im Februar des Jahres 1895 zu einer neuen großen Erhebung,
und der Katastrophe, die dadurch herbeigeführt worden ist, hat die
Bewilligung einer weitgehenden Autonomie -- nach Art der canadischen
--, zu der sich die spanische Regierung endlich entschloß, nicht mehr
begegnen können. Daß die hervorragendsten und energischsten Führer in
diesem letzten Kampfe meist keine cubanischen Creolen waren, sondern
Mulatten und Ausländer -- Maximo Gomez Dominganer, Suarez Mexicaner,
Roloff Pole, Vargasa Chilene, Castello Colombaner u. s. f. --, ist
bekannt. Das steht in vollkommenem Einklange mit dem geschilderten
Nationalcharakter und war in den vorausgegangenen Insurrektionskämpfen
auch nicht anders, denn Narciso Lopez war Venezuelaner, und Maximo
Gomez bewährte sich auch schon in den Jahren 1873 bis 1878 als der
scharf blickende, verwegene und rücksichtslose, mit seinen eigenen
Kampfmitteln, sowie mit der Gefechtsart seiner Gegner und mit der
tropischen Landesnatur wohlvertraute Obergeneral. Echte cubanische
Creolen waren dagegen die Häupter der republikanischen Regierung des
„Freien Cuba“ („Cuba Libre“) -- S. Cisneros und B. Masso --, die sich
während des Kampfes schattenhaft im Hintergrunde gehalten haben,
sowie die überaus rührigen Vertreter dieser Regierung in Washington
und New York -- Estra da Palma und Gonzalez de Quesada --, und die
große Masse der Creolen ließ den Aufständischen allenthalben, wo sie
konnte, gern jede geheime Förderung und Unterstützung zu teil werden,
dadurch der aufgebotenen Militärmacht der Spanier ohne Zweifel ungleich
gefährlicher, als wenn sie ihr im offenen Felde gegenüber gestanden
hätte.
[Illustration: Abb. 19. +Habanas Häuser und Höfe+ (Patios) +von oben+.]
[Sidenote: Chinesen, Amerikaner und Engländer.]
Die chinesischen Kulis, deren Zahl sich zur Zeit etwa auf 50000 (gegen
3 Prozent der Gesamtbevölkerung) beläuft, haben den Zweck, zu dem
sie seit 1847 eingeführt worden sind, im allgemeinen gut erfüllt und
sich in den Zuckerrohrpflanzungen und Zuckerfabriken als geschickte
und fleißige Arbeiter bewiesen, so daß das Fortblühen des wichtigsten
cubanischen Wirtschaftszweiges ihnen in sehr bemerkenswertem Maße mit
zu verdanken ist. Reichtümer haben sie aber unter den obwaltenden
Verhältnissen als Plantagenarbeiter ebensowenig gesammelt als in
anderen Geschäftsbetrieben, denen sie sich nach Ablauf ihres Kontraktes
etwa zuwandten -- als Handwerker, Gemüsegärtner, Straßenverkäufer
(Abb. 24) u. s. w. --, und zu dem cubanischen Proletariate stellen sie
eine auffällig große Anzahl der allerelendesten und beklagenswertesten
Bettlerfiguren. Loyalität dem spanischen Regiment gegenüber war
natürlich von ihnen noch weniger zu erwarten als von den Negern,
Mulatten und Creolen, und da sie in politischer Beziehung einfach
mit dem Strome schwimmen, so sind sie auch in dem Insurgentenheere
verhältnismäßig stark vertreten gewesen, zwar nicht unter den Kämpfern,
wohl aber unter den Köchen, Trägern und dergleichen.
[Illustration: Abb. 20. +Cubanisches Fenster.+]
Eine ungleich bedeutsamere Rolle haben aber in der neuesten Phase der
Kulturentwickelung Cubas die weißen Nichtspanier gespielt, die auf
der Insel ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben, wenn deren Zahl sich
insgesamt auch nur auf etwa 11000 beläuft. Dieselben haben sowohl
einen großen Teil der Kapitalkraft in dem cubanischen Wirtschaftsleben
vertreten, als auch zugleich einen großen Teil des darin wirksamen
Unternehmungsgeistes, und sie sind es deshalb in ganz hervorragender
Weise gewesen, die seinen eigentlichen Niedergang verhindert haben. Vor
allem gilt dies von den Amerikanern aus der Union, die bei den regen
Handels- und Verkehrsbeziehungen ihres Landes zu Cuba besonders stark
darunter vertreten sind und in deren Händen sich nicht bloß zahlreiche,
mit Maschinen auf das vorzüglichste ausgestattete Ingenios befinden,
sondern auch die schwungreich betriebenen Eisen- und Manganerzminen,
sowie verschiedene große Südfruchtpflanzungen. Nicht minder gilt es
aber auch von den Deutschen, deren Kolonie zu Habana die stattlichste
nichtspanische Kolonie der ganzen Insel ist, und die namentlich einen
beträchtlichen Teil der Tabakverarbeitung und Tabakausfuhr sowie der
Zuckerausfuhr bewirken. Engländer leben zwar nur wenige auf Cuba, ihr
Kapital ist aber bei dem Baue und Betriebe der cubanischen Eisenbahnen
in der hervorragendsten Weise beteiligt. In den Revolutionswirren
haben die weißen Nichtspanier sich der aktiven Parteinahme um so
leichter enthalten können, als sie vorwiegend in den Städten oder doch
außerhalb der Machtsphäre der Aufständischen lebten. Dies hat aber
nicht verhindert, daß sie an den Mißständen der Verwaltung gelegentlich
sehr herbe, zum Teil vielleicht ungerechte Kritik übten, und von dem
amerikanischen Elemente könnte man in dieser Beziehung sogar behaupten,
daß es dadurch ein Wesentliches mit dazu beigetragen habe, die letzte
große Katastrophe heraufzubeschwören. Die amerikanischen Konsuln
waren jedenfalls so gut wie ausnahmslos entschiedene Parteigänger der
Insurrektion.
[Illustration: Abb. 21. +Gebrauch des cubanischen Wasserkruges.+]
III.
[Sidenote: Rückgang der Zuckerpreise und der Tabaksindustrie.]
Weitere Schwierigkeiten für die Kulturentwickelung Cubas und für die
volle Geltendmachung der ihm inne wohnenden Fähigkeiten haben sich aus
der fortschreitenden Entwertung seiner beiden Hauptstapelerzeugnisse
ergeben. Dem Rohrzucker ist in dem Rübenzucker ein übermächtiger
Konkurrent erstanden, und die Zuckerpreise sind dadurch gegen früher
auf ihren vierten oder fünften Teil gesunken. Den Pflanzern blieb
dabei ein spärlicher oder unter Umständen wohl gar kein Gewinn, und
viele würden die Kultur sicherlich ganz aufgeben, wenn sie sich
nicht durch die beschriebenen Arbeiterverhältnisse und durch den
aufgebotenen kostspieligen Apparat der Maschinen und Baulichkeiten
gezwungen sähen, auf der einmal betretenen Bahn zu beharren. Hat doch
die Einrichtung mancher cubanischer Ingenios mehr als eine Million
Dollars gekostet. Wie ungünstig die Notlage der Pflanzer auf die
Lage der übrigen Volksklassen, und besonders auf die Lage des weißen
und farbigen Proletariats zurückwirkte, ist aber ohne weiteres zu
ermessen: die Löhne der Pflanzungsarbeiter wurden niedrigere, der
Luxus und der Geldaufgang in den Städten schwand, es bot sich in Land
und Stadt seltener Arbeitsgelegenheit, und die Zahl der Bettler und
Desperados mehrte sich in erschreckender Weise. Das war auf den anderen
westindischen Zuckerinseln, und vor allem auf denen, die der britischen
Krone unterstehen -- auf St. Christopher, Antigua, Barbados u. s. w.
-- genau ebenso. Dort betraf die allgemeine Verarmung aber viel
kleinere Volksmassen, deren Klagen leichter überhört wurden und denen
es zu bedrohlichen politischen Demonstrationen sowie zu bewaffneten
Aufständen gegen das vermeintliche oder wirkliche Mißregiment an der
Kraft fehlte. Auf Cuba war das anders, und dort hat die Zuckerkrise
zweifellos ganz wesentlich mit dazu beigetragen, daß der letzte
Aufstand die bekannte gewaltige und für Spanien verhängnisvolle
Ausdehnung angenommen hat.
Nicht viel besser als um die Zuckerindustrie war es übrigens in den
letzten Jahrzehnten um die cubanische Tabakindustrie bestellt, und an
diesem Erwerbszweige hing ebenfalls unmittelbar oder mittelbar das
Wohl und Wehe von einem starken Bruchteile der Inselbevölkerung. Das
Volumen der Ernte und die Güte des Erzeugnisses hielt sich zwar trotz
der Erschöpfung weiter Anbaustrecken im allgemeinen auf der alten
Höhe, die damit erzielten Preise wurden aber durch die Konkurrenz
anderer Tabakländer (Sumatras, Manilas, Mexicos) immer gedrückter,
und dem zu Cigarren und Cigaretten verarbeiteten Kraut wurden durch
die Schutzzollsätze der Absatzgebiete (der Vereinigten Staaten,
Deutschlands u. s. w.) in beträchtlichem Umfange der Eingang verwehrt,
so daß die Zahl der ausgeführten Cubacigarren von 250,5 Millionen
im Jahre 1889 auf 147,4 Millionen im Jahre 1893 sank. Dabei war die
Tabakbauerbevölkerung sowie auch die Cigarrenarbeiterbevölkerung von
jeher eine ganz besonders stark zur Illoyalität geneigte Volksklasse,
und Tabakunruhen sind bereits in den ersten Jahrzehnten des XVIII.
Jahrhunderts zu verzeichnen gewesen.
[Illustration: Abb. 22. +Eine Estancia.+]
[Sidenote: Wachsen der Schulden.]
Sehr schlimm war es sodann für Cuba und seine Bewohner und Herren,
daß durch die wiederholten Aufstände und namentlich durch den
langwierigen Bürgerkrieg der sechziger und siebziger Jahre eine
ungeheure öffentliche Schuldenlast (gegen 750 Millionen Mark)
auf die Insel gehäuft wurde und daß die Verzinsung dieser Schuld
zusammen mit dem Aufwande für das Verteidigungswesen (1894: 77,6
Millionen Mark) den weitaus größten Teil der öffentlichen Einnahmen
(1894: 80 Millionen Mark) verschlang. Für öffentliche Kulturarbeiten
und Verbesserungen jeder Art blieb auf diese Weise so gut wie gar
nichts übrig, und vor allen Dingen hatte man sowohl von der Anlage
eines guten Landstraßennetzes als auch von dem weiteren Ausbau des
Eisenbahnnetzes abzustehen -- von der sehr wünschenswerten und
technisch ohne erhebliche Schwierigkeit ausführbaren Kanaldurchstechung
an dem niedrigen Isthmus von Moron zu geschweigen. Und doch hätte
man hierin das allerbeste Mittel gewonnen, das danieder liegende
Wirtschaftsleben unmittelbar kräftig zu fördern, das Banditenwesen
auszurotten, aufständischen Bewegungen wirksam zu begegnen und den
inneren Frieden nach allen Richtungen hin zu befestigen. Gewisse
Landungserleichterungen hätten gleichfalls not gethan, obgleich
Cuba mit Naturhäfen so wohl ausgestattet ist, wie kaum ein anderes
Land der Erde, und desgleichen auch gewisse Stromkorrekturen und
Schutzdammbauten gegen die Überschwemmungen der Regenzeit, die
Entwässerung großer Sumpfstrecken, die systematische Sanierung der
Städte und dergleichen, und auch diese Ameliorationen hätten mancherlei
dazu beitragen können, eine mit ihrem Schicksal zufriedene und zum
Aufruhr weniger geneigte Bevölkerung zu schaffen. Dazu hatte die
öffentliche Schuld natürlich einen starken Steuerdruck zur Folge,
und wenn derselbe auch in der Gestalt direkter Abgaben nicht sehr
empfindlich war, so war er es doch in der Gestalt hoher Eingangszölle
auf die notwendigsten Lebensbedürfnisse. Beispielsweise hatte das
Weizenmehl dadurch in Cuba nahezu einen dreifach so hohen Preis als in
der Nordamerikanischen Union.
[Illustration: Abb. 23. +Ein Bohio und seine Bewohner.+]
[Sidenote: Schwächen der Verwaltung.]
Daß die üble Finanz- und Wirtschaftslage auch überaus nachteilig auf
den Charakter der Verwaltung einwirken mußte, ist selbstredend. Die
spanische Beamtenschaft auf Cuba wurde schlecht und unregelmäßig
bezahlt und war deswegen auch großenteils von zweifelhafter moralischer
und intellektueller Beschaffenheit -- ein wenig geeignetes Instrument
des Kolonialregiments bei der ihm obliegenden schweren Aufgabe. An
zahllosen Orten suchte persönliche Schurkerei im Trüben zu fischen, und
Bestechlichkeit der schlimmsten Art machte sich nicht bloß breit in den
Zollhäusern, sondern auch in dem Polizeiwesen und in den Gerichtssälen.
Eine wahre Pest des Landes waren vor allen Dingen die allenthalben
umherschleichenden Winkeladvokaten, die das Recht nach jeder beliebigen
Richtung beugten. Auch selbst an oberster Stelle -- auf dem Posten des
Generalstatthalters -- hielt man sich nicht immer frei von dem Vorwurfe
selbstsüchtiger Bereicherung, und außerdem waltete an dieser Stelle in
vielen Fällen offenkundige Unfähigkeit. Es spielte in dieser Beziehung
namentlich die Günstlingswirtschaft einer Isabella II. unheilvoll in
die cubanischen Verhältnisse hinein. Die Verbitterung der ohnedies
schon unzufriedenen Volksklassen gegenüber Spanien stieg hierdurch aber
auf das höchste, und die große Mehrzahl erblickte in dem korrupten
Beamtentum die Wurzel aller Übel.
Ganz undenkbar war endlich unter den obwaltenden Verhältnissen auch
ein rüstiges Fortschreiten der wissenschaftlichen Durchforschung der
Insel im Geiste der neuen Zeit, und was in dieser Richtung von seiten
der Verwaltung geschah, war im allgemeinen nur dazu angethan, zu
hemmen und zu hindern. Selbst eine genaue Arealvermessung und eine
einigermaßen zuverlässige topographische Kartierung unterblieb, und
ebenso unterblieb auch die Vervollständigung der in besseren Zeiten
rühmlich begonnenen Küstenaufnahme. In Bezug auf den geologischen
Bau stellten Pedro Salterain und F. de Castro Anfang der achtziger
Jahre verschiedene wichtige Thatsachen fest, die darauf begründete
geologische Karte hat aber nur den Wert einer vorläufigen flüchtigen
Skizze. Nicht hoch genug können ferner die sorgfältigen Beobachtungen
angeschlagen werden, welche der Jesuitenpater Benito Viñes von dem
Belen-Kolleg Habanas durch eine lange Jahresreihe betreffs der
meteorologischen Erscheinungen angestellt hat: außerhalb Habanas
geschah aber auch in dieser Richtung seit den vierziger Jahren nicht
das Geringste, und unsere Kenntnis von der Insel hatte daher in Bezug
auf das Klima im wesentlichen auf der Stufe zu verharren, auf der
es bereits in Zeiten des Humboldtschen „~Essai politique~“ (1824)
angelangt war.[2]
[Illustration: Abb. 24. +Chinesischer Straßenverkäufer.+]
[Sidenote: Verwaltungspolitik.]
[Sidenote: Militärische Unkenntnis.]
Auf die Handhabung der cubanischen Probleme ganz im allgemeinen --
der verwaltungspolitischen ebenso wie der militärischen -- mußte
der üble Stand der cubanischen Landeskunde gleichfalls überaus
nachteilig zurückwirken, und man darf in dieser Hinsicht das alte
gute Wort anwenden: „Wen der Herr verderben will, den schlägt er mit
Blindheit.“ Wie hätten die Regierenden im Mittelalter -- die Cortes
und die Ratgeber der spanischen Krone -- die zweckentsprechenden
Entschließungen in Bezug auf ihren kostbaren Kolonialbesitz fassen
sollen, da sie so schlecht über ihn unterrichtet waren! Und wie hätten
ihre Beauftragten in Habana und in den anderen Hauptstädten Cubas den
Bedürfnissen der Bevölkerung bei ihren Maßregeln genügend Rechnung
tragen sollen! Regierende sollen eben vor allen Dingen Wissende sein,
und wenn sie das nicht sind, so begehen sie, auch wenn sie von den
besten Absichten und der stärksten Willenskraft beseelt sind, Irrtum
auf Irrtum und Mißgriff auf Mißgriff, bis das ganze ihnen anvertraute
Räderwerk ins Stocken gerät oder zerbricht. Des Schandregimentes einer
Isabella II. und der Schwächen und Schwankungen aller nach ihrem Sturze
folgenden spanischen Regierungen -- die gegenwärtige eingeschlossen --
hätte es also gar nicht bedurft, um die cubanischen Angelegenheiten
in jeder Beziehung im argen zu lassen. Was die Verwaltungspolitik
anlangt, so wurzelte in der herrschenden Unkenntnis insbesondere auch
das zähe Festhalten an gewissen Grundsätzen des alten Kolonialsystems.
Man suchte dem Mutterlande das Handelsmonopol früherer Zeiten so viel
als möglich zu erhalten, indem man Schiffahrtsgesetze erließ, nach
denen die in den cubanischen Häfen verkehrenden spanischen Schiffe im
Gegensatze zu den Schiffen anderer Völker als Küstenfahrer galten, und
indem man zugleich ein überaus lästiges und den Handelsinteressen der
Cubaner zuwiderlaufendes Differential-Schutzzollsystem aufrichtete.
Und ein Teil der oben angegebenen gemeinnützigen Werke -- namentlich
ein Teil der Straßenbauten -- hätte wohl trotz der Finanznot ausgeführt
werden können, wenn betreffs derselben nicht zugleich ein hoher Betrag
von Gleichgültigkeit und Stumpfsinn, -- den unmittelbaren Äußerungen
jener Unkenntnis -- obgewaltet hätte. Was aber die militärischen
Probleme angeht, mit denen man es zu thun hatte, so befanden sich die
spanischen Heerführer bei dem Mangel an einer guten topographischen
Karte und an anderweiten eingehenden Informationen über Land und Leute
in einer sehr üblen Lage, und wenn ihre Operationen gegenüber den
über einen ausgezeichneten ortskundigen Ausspäherdienst verfügenden
Insurgenten den Eindruck eines vorsichtigen Tappens und Tastens im
Dunklen machten, so brauchte man sich darüber eigentlich nicht zu
wundern. Die wilde Zerklüftung und der Höhlenreichtum der cubanischen
Gebirge, der dichte Buschwuchs der sogenannten „Manigua“ und die
zahlreichen Waldsümpfe mit den sich darin bietenden Schlupfwinkeln
machten ein sorgfältiges militärgeographisches Studium doppelt
unentbehrlich. Und ebendasselbe wie von dem Inneren gilt auch von
der Küste. Durch die lange Ausgezogenheit derselben (auf 3500 ~km~
im allgemeinen Umriß) und durch das verwickelte System der sie
begleitenden Nebeninseln und Bänke und Riffe, sowie der sie umflutenden
Strömungen lagen auch dort die Verhältnisse ungemein schwierig.
Während die Aufständischen aber daselbst in der creolischen und
farbigen Fischerbevölkerung allenthalben dienstbereite und mit dem
Fahrwasser wohlvertraute Piloten fanden, so tasteten die Befehlshaber
der spanischen Kanonenboote auch dort vielerorten in einem unbekannten
und dunklen Labyrinthe umher, und die bekannten Flibustierexpeditionen
aus den Häfen der Vereinigten Staaten, sowie alle anderen Parteigänger
der Insurrektion hatten auf diese Weise in den allermeisten Fällen
völlig unbehinderten Aus- und Eingang. Alles in allem aber darf man
behaupten, daß bei besserer Landeskenntnis der spanischen Offiziere das
Aufgebot einer viel geringeren Truppenzahl ausgereicht haben würde,
die Aufstände niederzuwerfen, und daß also das Dahinsterben von vielen
Tausenden durch klimatische Krankheiten hätte vermieden werden können.
Zugleich hätte die Kriegsleitung es dann aber auch nicht nötig gehabt,
zu der harten Maßregel der sogenannten „Rekonzentration“ zu greifen,
wodurch ein großer Teil der Landbevölkerung dazu gezwungen wurde, sich
ohne genügende Subsistenzmittel in den von den spanischen Befestigungen
beherrschten Außenteilen der Städte anzusiedeln (Abb. 25), und wodurch
bei dem weiteren unglücklichen Verlaufe des Kampfes Tausende dem
Hungertode preisgegeben wurden.
[Illustration: Abb. 25. +Reconcentrados-Dörfchen am Montserrat von
Matanzas.+]
[Illustration: Abb. 26. +Königspalmen.+]
[Sidenote: Einfluß der Vereinigten Staaten.]
Und hätten die spanischen Staatslenker zu Madrid, wenn sie die
cubanischen Angelegenheiten besser verstanden und beurteilt
hätten, nicht auch den Zusammenstoß mit dem äußeren Feinde, der
sie auf Cuba bedrohte, vermeiden können? Oder ihm doch wirksamer
begegnen? Auch wie die Dinge hinsichtlich der cubanischen Rassen-
und Wirtschaftsverhältnisse, sowie hinsichtlich seiner Militär- und
Civilverwaltung thatsächlich lagen, hätte ja der Aufstand von 1895-1898
schwerlich zu einer vollkommenen Vernichtung der spanischen Herrschaft
über Cuba geführt, wenn die Insurgenten nicht in der Nordamerikanischen
Union einen Verbündeten gehabt hätten, und wenn die spanische Regierung
nicht auch der Union gegenüber alle ihre Schwächen und alle ihre
Blindheit an den Tag gelegt hätte.
Daß zwischen Cuba und den Vereinigten Staaten von Nordamerika enge
Verkehrs- und Kulturbeziehungen entstehen mußten, sobald die beiden
Länder auf einer höheren Stufe ihrer Entwickelung angelangt waren,
erhellt bei der flüchtigsten Betrachtung ihrer geographischen Lage
zu einander, und ebenso erhellt daraus auch, daß unter Umständen
eine gewisse Gefahr für die spanische Kolonialherrschaft von der
Union her drohen konnte. Den von verschiedenen Seiten gepredigten
Glaubenssatz, als ob es ein unabwendbares Verhängnis -- oder, um mit
dem amerikanischen Schlagworte zu reden: „~a manifest destiny~“ --
gewesen sei, wonach Cuba der politischen Machtsphäre der Vereinigten
Staaten verfallen mußte, können wir aber nicht gelten lassen. Freilich
ist wohl auch bei der Gebietsentwickelung der staatlichen Gemeinwesen
jederzeit eine Art Gesetz von der Anziehung der Massen wirksam gewesen,
aber so streng mathematisch und einfach wie bei den Himmelskörpern
ist es dabei nie und nirgends zugegangen, und in zahlreichen Fällen
hat im politischen Leben eine kräftige Fernewirkung eine nicht
minder kräftige Nähewirkung gänzlich aufgehoben. Würde sonst wohl
der Organismus des britischen Weltreiches Bestand haben können, und
sollte man es sonst nicht viel eher für ein „~manifest destiny~“
erklären, daß das durch das Geäder des Rheinstromes mit Deutschland
verbundene und auch sonst in jeder Weise verwachsene Holland dem
deutschen Reichsgebiete eingefügt werden müsse? Der Meeresraum,
welcher Cuba von der Nordamerikanischen Union trennt, ist immerhin
noch wesentlich breiter als der Ostseeraum zwischen Stralsund und den
südschwedischen Küstenplätzen, und wenn der letztere eine sogenannte
Naturgrenze zwischen verschiedenen Kulturkreisen und Staatsgebieten
bildet, so sollte man es wohl auch von dem ersteren erwarten dürfen.
Wenn Schweden die fragliche europäische Naturgrenze eben seinerzeit
außer Augen gesetzt und Stralsund nebst anderen Teilen Pommerns
unter seiner Herrschaft gehalten hat, so konnte dies nur durch einen
Gewaltakt geschehen, dem von Deutschland aus kein wohlorganisierter und
wohlgeleiteter begegnete; und daß dies in dem Falle von Cuba ebenso
war, ließe sich leicht im einzelnen nachweisen.
Gegen außen aggressiv und annexionslustig ist die Nordamerikanische
Union von ihren ersten Anfängen an gewesen -- nicht weniger als
die verschiedenen Monarchien Europas --, und hinsichtlich Cubas
hat vor allen Dingen schon Thomas Jefferson, der geistreichste und
schärfstblickende unter den amerikanischen Präsidenten, erklärt, daß
die Erwerbung der Insel seitens der Union der Abrundung und Sicherung
ihrer Grenzen, sowie ihrer ganzen zukünftigen Entwickelung halber
außerordentlich wünschenswert sei. Nach ihm aber ist der Wunsch,
des Nachbars Weinberg zu besitzen, in der Union ganz besonders
lebendig gewesen, als die südliche Sklavenhalterpartei darauf bedacht
sein mußte, sich ihren nördlichen Anfechtern gegenüber so viel als
immer möglich zu verstärken. Präsident Polk, der auch den bekannten
Eroberungskrieg gegen Mexico führte, machte damals Spanien das
Anerbieten, die Insel für 100 Millionen Dollars kaufen zu wollen,
und als dasselbe stolz zurückgewiesen worden war, da brauchte James
Buchanan in amtlicher Botschaft zum erstenmale das Wort von der
„~manifest destiny~“ Cubas, der Kongreß zu Washington aber faßte den
ausdrücklichen Beschluß, die Insel mit Waffengewalt zu erobern, falls
ihre gütliche Abtretung gegen eine Entschädigungssumme des weiteren
verweigert werde. Und dies alles geschah zu einer Zeit, wo Cuba unter
dem spanischen Regiment wirtschaftlich auf das höchste prosperierte,
und wo daselbst außer dem Rassenzwiespalt keinerlei erhebliche
Schwierigkeit für die spanische Verwaltung bestand.