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Anmerkungen zur Transkription
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Antiqua: ~Tilden~
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Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten
herausgegeben von
A. Scobel
II.
Cuba
=Bielefeld= und =Leipzig=
+Verlag von Velhagen & Klasing+
1899
Cuba
Von
~Dr.~ E. Deckert
Mit 96 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen und Kartenskizzen,
sowie einer farbigen Karte.
[Illustration]
=Bielefeld= und =Leipzig=
+Verlag von Velhagen & Klasing+
1899
+Alle Rechte vorbehalten.+
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
Seite
I. Die kolonialgeschichtliche Entwickelung bis Mitte des
XIX. Jahrhunderts 3
II. Die cubanische Krisis in ihrem Zusammenhange mit dem
cubanischen Volkskörper 12
III. Die cubanische Krisis in ihrem Zusammenhange mit den
äußeren Beziehungen der Insel 24
IV. Das Baracoasche Gebirgsland 32
V. Das Maestragebirgsland nebst der Cautoniederung 44
VI. Das Hügelland von Camaguey 59
VII. Das Las Villas-Bergland 69
VIII. Habana und sein Isthmus 80
IX. Das Hügel- und Flachland der Vuelta Arriba 93
X. Das Stufenland der Vuelta Abajo 100
XI. Die Insel Pinos 108
Statistische Übersicht 116
[Illustration: Abb. 1. +Typische cubanische Landschaft+
(Yumuri-Thal).]
[Illustration]
Cuba.
I.
Die schönste Insel, welche Menschenaugen geschaut haben -- ~isla la
mas hermosa que ojos hayan visto~ -- nannte Christoph Kolumbus Cuba,
als er, von den landschaftlich unbedeutenden Bahamas heransegelnd, das
Nordostgestade der großen Antille in der Gegend des heutigen Puerto
Nipe am 28. Oktober des Jahres 1492 zum erstenmale betrat, und bei
seinem lebhaften Natursinne wird der berühmte Entdecker während des
ferneren Verlaufes seiner ersten Amerikafahrt nicht müde, die Reize der
Insel in seinem Tagebuche wieder und wieder im einzelnen zu preisen:
die prächtigen Buchten und tiefen Ströme, die dem Schiffer Zugang und
Schutz gewähren, die jäh aufstrebenden Küstenberge, die an die Berge
Siciliens erinnern, die in frischem Grün prangenden weiten Ebenen,
die stolzen Palmen, den Duft der Blüten und Gewürze, den Vogelgesang
(den er für Nachtigallenschlag hielt), und das sanft geartete blaue
Meer, welches das glücklich gefundene Wunderland umflutet -- ~siempre
mansa como el rio de Sevilla~. Und eine ähnlich hohe Bewunderung
wie ihrer Schönheit (Abb. 1 und 4) zollt er dem Reichtume und den
wirtschaftlichen Hilfsquellen der cubanischen Landschaft.
Schwerlich wird auch ein neuerer Reisender, der Cuba besucht und
näher kennen gelernt hat, es unternehmen wollen, die Lobpreisungen
des Kolumbus in irgend einem wesentlichen Stücke Lügen zu strafen.
Der von ihm gehegte Glaube, als ob Cuba Marco Polos vielberufenes
Cipangu (Japan) oder ein Teil des asiatischen Festlandes sei, war
allerdings gleich manchem anderen Glauben des Mittelalters ein irriger,
im großen Ganzen bleibt aber die kolumbische Charakteristik davon bis
auf den heutigen Tag zu Recht bestehen, und was an ihr zu ändern ist,
bezieht sich in jedem Falle nur auf Einzelheiten. Das durch natürliche
Wogenbrecher aus Korallenkalk gebändigte und für die Regel thatsächlich
flußartig ruhige Meer rings um Cuba herum hat nicht selten Momente der
furchtbarsten Aufregung, in denen es Hunderte von Fahrzeugen an den
Küstenklippen zerschellt -- was Kolumbus in der Folge durch eigene
schlimme Erfahrung noch wohl genug beurteilen lernte --, und während
der Goldreichtum der Insel sich bei genauerem Zusehen als ein sehr
beschränkter erwiesen hat, so finden sich Eisenerze, die Kolumbus
gänzlich vermißte, auf ihr in großer Menge und von hoher Güte.
[Sidenote: Cuba im XVI. Jahrhundert.]
Anderweit in der von Kolumbus entschleierten Neuen Welt (Abb. 2 und
3), und vor allen Dingen auch auf der Nachbarinsel Haiti, die nicht
ganz sechs Wochen später aufgefunden wurde, stießen die Spanier auf
ausgiebigere Lagerstätten des edlen Metalles, während die Pracht und
Zeugungskraft der tropischen Natur daselbst eine der cubanischen nahe
verwandte war; und dies war der hauptsächlichste Grund, warum jene
anderen Länder sich bald einer höheren Wertschätzung von ihrer Seite
erfreuten, indes Cuba -- oder wie Kolumbus es ursprünglich nannte:
Juana -- auf Jahrhunderte hinaus einer verhältnismäßigen Nichtachtung
und Vernachlässigung anheimfiel. Zwar wurde im Jahre 1508 Sebastian de
Ocampo entsandt, die Insel zu umsegeln und näher zu erforschen, und
zwar wurde 1511 durch den ehrgeizigen und rührigen Diego Velasquez
die spanische Herrschaft in aller Form darauf errichtet, die an ihren
Küsten begründeten Niederlassungen entwickelten sich aber nur langsam,
und zur Füllung des spanischen Staatssäckels trug Cuba im Gegensatze zu
Haiti sowie zu Mexico und Peru lange Zeit nur ein Geringes ein (an Geld
1515 bis 1534 260000 Pesos). Der Hauptsitz der spanischen Macht über
Westindien befand sich demgemäß auch von vornherein nicht auf Cuba,
sondern in Santo Domingo, auf Haiti, welch letzteres seinen Ehrennamen
Hispaniola -- Kleinspanien -- nicht umsonst führte.
[Illustration: Abb. 2. +Das Grabmal des Kolumbus in der Kathedrale von
Habana.+]
In einer Beziehung konnte Cuba freilich nicht verfehlen, seine
kulturgeographische Bedeutung schon in den ersten Jahrzehnten der
spanischen Herrschaft geltend zu machen: es diente sowohl den
welthistorischen Unternehmungen eines Ferdinand von Cordova und Juan
Grijalva (1518), sowie eines Ferdinand Cortez (1519) gegen Mexico und
Mittelamerika, als auch denjenigen eines Ferdinand de Soto (1539) und
eines Aviles de Menendez (1566) gegen Florida und das Mississippigebiet
als Basis und Ausgangspunkt, und als ein Hauptschlüssel zu der Neuen
Welt -- „~Llave del Nuevo Mundo~“ -- bewährte sich insbesondere die
Position von Habana schon sehr frühe. Der von spanischen Ansiedlern
betriebene Landbau beschränkte sich aber lange auf die Erzeugung der
zu ihrem eigenen Lebensunterhalt nötigen Nährgewächse, und auch die
Zucht der aus Europa eingeführten Nutztiere, die auf den tropischen
Savannen ohne weiteres wohl gedieh, gestattete nur eine vergleichsweise
unbeträchtliche Ausfuhr von Häuten und Fellen, sowie später von Honig
und Wachs. Für die Erzeugnisse, durch welche die Insel nachmals so
reich und berühmt geworden ist, gab es in den Zeiten, die unmittelbar
auf ihre Entdeckung folgten, noch keinen genügenden Markt, und als die
Nachfrage nach ihnen allgemach eine lebhaftere wurde, da hatten Haiti
und Mexico betreffs ihres Anbaues und Absatzes vor Cuba lange Zeit
einen weiten Vorsprung. Was insbesondere das cubanische Rauchkraut
anbetrifft, so lernten die spanischen Ansiedler und Seefahrer den Genuß
desselben allerdings von den Eingeborenen sehr rasch würdigen und von
diesen wieder -- entgegen allen Verboten, welche Könige, Kaiser und
Sultane zur Bekämpfung der bedenklichen Neuerung erließen -- die
christlichen und mohammedanischen Völker der Alten Welt; der Anbau des
Tabaks (Abb. 5) zu Handelszwecken begann aber auf Cuba erst gegen Ende
des XVI. Jahrhunderts, und einen bedeutenderen Umfang gewann derselbe
unter steten Kämpfen mit beengenden Monopolen und Regierungsmaßregeln
sogar erst im Laufe des XVIII. Jahrhunderts. Die Kulturen des
Zuckerrohres und des Kaffeebaumes aber, welche auf Haiti bereits in
den ersten Jahrzehnten der Besiedelung in hohen Schwung kamen, wurden
auf Cuba erst nach der Mitte des XVIII. Jahrhunderts nennenswert. Die
cubanische Tabakausfuhr betrug um das Jahr 1700 kaum mehr als 1000
Centner jährlich, um das Jahr 1750 aber ungefähr 20000 Centner.
[Sidenote: Urbevölkerung und Negersklaven.]
Daß die dem indianischen Arawakstamme zugehörige Urbevölkerung Cubas
gerade so wie diejenige Haitis weder willig noch fähig war, den
Spaniern bei ihrem Kultivationswerke die rücksichtslos geforderten
Frondienste zu leisten, ist bekannt, und bei ihrer Niedermetzelung im
Namen der europäischen Civilisation und des christlichen Glaubens ging
es sicherlich blutig genug zu, immerhin war ihre Ausrottung aber im
Zusammenhange mit den angegebenen Verhältnissen eine weniger rasche
und gründliche als auf Haiti, und im allgemeinen kann man sich dabei
eher an die Ausrottung der neuseeländischen Maori durch die Engländer
-- in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts -- oder an
die Seminolenkriege der Nordamerikaner -- 1835 bis 1842 -- erinnert
fühlen. Einige dürftige Reste der unvermischten Urbevölkerung, deren
Zahl die zeitgenössischen Berichterstatter des Kolumbus offenbar weit
überschätzten, fristeten ja in den östlichen Gebirgsgegenden Cubas ihr
Dasein bis auf unsere Tage, und in der cubanischen Landbevölkerung, den
sogenannten Guajiros, ist ein durch seinen Gesichtsschnitt und sein
straffes schwarzes Haar kenntliches halbindianisches Mischungselement
über die ganze Insel verbreitet, wie denn auch einer der Hauptanführer
in dem eben beendigten Kampfe gegen die Spanier -- General Rabi -- als
Sprosse einer alten indianischen Häuptlingsfamilie bezeichnet wird.
[Illustration: Abb. 3. +Der Kolumbus-Gedächtnistempel zu Habana.+]
Die Einführung von Negersklaven begann auf Cuba neunzehn Jahre später
als auf Haiti (1524), und bis gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts
fand dieselbe auch immer in einem viel geringeren Umfange statt als
dort -- ein Hauptgrund, warum Cuba nicht in dem gleichen Maße wie
die Nachbarinsel von dem schwarzen Bevölkerungselemente überflutet
worden ist. Die freiwillige weiße Einwanderung aus Spanien und von
den Kanarischen Inseln war aber in den ersten Jahrhunderten nach der
Entdeckung ebenfalls eine geringfügige, und nur als Jamaica an England
verloren ging (1655), Tortuga nebst dem westlichen Teile von Haiti aber
an Frankreich (1697), und als Spanien sich dadurch genötigt sah, seine
kolonisatorische Kraft in Westindien mehr zu konzentrieren, da erhielt
das weiße Element von jenen Nachbarinseln, sowie von dem Mutterlande
her eine wesentlichere Verstärkung. Alles in allem gab es daher am
Anfange des XVIII. Jahrhunderts erst ungefähr ein Dutzend Ortschaften
auf der Insel, und die Gesamtzahl ihrer Bewohner ist für diese Zeit auf
nicht mehr als 30000 zu veranschlagen.
[Sidenote: Anlage von Befestigungen.]
Was die Entwickelung der Niederlassungen auf Cuba im übrigen
zurückhielt, waren einesteils die dem ganzen westindischen Erdraume
eigentümlichen verheerenden Naturereignisse -- Erdbeben, Orkane,
Überschwemmungen und Sturmfluten --, anderenteils, und in einem viel
hervorragenderen Maßstabe, vielfach wiederholte Einfälle von Piraten
und Freibeutern -- der bekannten Vorhut der Engländer und Franzosen
bei ihren langjährigen Kämpfen mit den Spaniern um amerikanischen
Kolonialbesitz. Dies war aber auf Haiti und Jamaica auch nicht anders,
und gegenüber den Angriffen der Boucaniere ebenso wie der Engländer
bewährte sich Cuba in jedem Falle als ein festerer Hort der spanischen
Herrschaft als diese Inseln. Vor allen Dingen erwuchsen aus jenen
Kämpfen eine Anzahl der stattlichen Bollwerke, die heute Habana
umgeben: die die Hafenfront der Stadt beschützende alte Fuerza, welche
schon De Soto anlegte (1538), der weithin drohende Morro (Abb. 6) und
das demselben gegenüber gelegene Castello de la Printa, die den Eingang
in die Bai bewachen, und die unter Philipp II. aufgeführt wurden (seit
1589), und die ausgedehnte, nur in Bruchstücken erhalten gebliebene
Ringmauer der Stadt, deren Bau 1655 begonnen und 1738 beendigt wurde;
ebenso aber auch der malerische Morro, am Eingange in die Bucht von
Santiago, der in seiner ursprünglichen Gestalt aus dem Jahre 1643 und
in seiner erneuerten Gestalt, nach der Zerstörung durch die Engländer
(1661), aus dem Jahre 1663 stammt.
[Illustration: Abb. 4. +Cubanische Stromuferlandschaft.+]
[Illustration: Abb. 5. +Tabakfeld und Tabakernte.+]
[Sidenote: Cuba im XVIII. Jahrhundert.]
Der höhere wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung Cubas und die
allgemeine Würdigung der Insel als Perle und Königin der Antillen --
~Perla~ oder ~Reyna de las Antillas~ -- reicht nicht weiter zurück,
als in die zweite Hälfte des XVIII. Jahrhunderts, doch heißt es den
Engländern wohl zu viel Ehre anthun, wenn man behauptet, den Anstoß
dazu habe einzig und allein die Einnahme von Habana durch Lord
Albemarle und seine Riesenflotte, sowie die nicht ganz einjährige
Besetzung von Habana und Santiago durch britische Truppen (August
1762 bis März 1763) gegeben. Der zeitweilige Verlust der Insel mußte
allerdings dazu beitragen, sie den spanischen Herzen teurer zu machen,
für die Entwickelung ihrer Fähigkeiten und Reichtümer war es aber
zweifellos bedeutsamer, daß in der zweiten Hälfte des XVIII. und
bei dem Beginn des XIX. Jahrhunderts eine Veränderung der gesamten
Weltlage Platz griff. In erster Linie machte das Zeitalter der
Aufklärung unter Karl III. auch in Spanien seine Wirkung in kräftiger
Weise geltend, und außer der Beschränkung der Inquisition und der
Vertreibung der Jesuiten führte dasselbe sowohl in dem Mutterlande als
auch in den Kolonien mancherlei durchgreifende Reformen hinsichtlich
des Wirtschaftslebens herbei. Sodann befreite sich in den Jahren 1773
bis 1783 die Nordamerikanische Union von der englischen Bevormundung
und dem englischen Joche, und es öffnete sich dadurch den Erzeugnissen
Cubas in unmittelbarer Nachbarschaft ein weites und lohnendes
Absatzgebiet. Unter diesen Erzeugnissen hatte der Tabak um die Mitte
des XVIII. Jahrhunderts den Ruf unübertrefflicher Güte, den er bis
auf den heutigen Tag genießt, fest begründet, während sich für die
Kultur des Zuckerrohres und namentlich für die seit 1795 eingeführten
neuen Varietäten desselben (das Otaheitirohr), weitere und weitere
Roterdestrecken vorzüglich geeignet erwiesen, und auch der Kaffeebaum,
der erst 1748 von Haiti nach Cuba verpflanzt wurde, fand in dem
Hügellande südlich von Habana, sowie an den Gehängen der Sierra de los
Organos, der Sierra de Trinidad und der Sierra Maestra Anbaustätten,
die ihm wohl zusagten. Die Abtretung Floridas an England ferner (1763)
hatte eine weitere Verstärkung des Einwandererzuflusses, sowie einen
bedeutenden Aufschwung der Bienenzucht zur Folge, und in einem noch
größeren Maßstabe bewirkte eine Verstärkung kapitalkräftiger und
erfahrener Kolonisten, sowie ein höheres Aufblühen sämtlicher Zweige
der Pflanzungskultur die Negerrevolution Toussaint l’Ouvertures und die
damit Hand in Hand gehende Vertreibung und Ausrottung der Weißen auf
Haiti (seit 1791). Endlich aber wurde Cuba in den ersten Jahrzehnten
des XIX. Jahrhunderts durch den Abfall von Süd- und Mittelamerika
und Mexico die überseeische Hauptbesitzung Spaniens, und die
kolonisatorischen Fähigkeiten und Bestrebungen hatten sich ihm daher
in einem höheren Grade zuzuwenden als irgend einem anderen Lande. Der
militärische Hauptstützpunkt der Spanier in der Neuen Welt war Habana
schon seit lange gewesen, und nach seiner Zurückerlangung aus der Hand
der Engländer waren sie eifrig darauf bedacht, einem neuen Verluste
desselben durch eine weitere Verstärkung seiner Bollwerke vorzubeugen.
So entstand das Castillo del Principe auf dem die Stadt im Westen
überragenden Hügel, das Altaresfort im Hintergrunde der Bai und die
gewaltige Cabañafestung mit dem Fort San Diego an dem Baiausgange und
der Stadt gegenüber (Abb. 7).
[Illustration: Abb. 6. +Seeseitige Ansicht des Morro von Habana.+]
Freier Handel und Verkehr mit dem Mutterlande und seinen Kolonien
wurde Cuba 1778 zugestanden, freier Handel und Verkehr mit aller
Welt aber erst 1817, nachdem es sich in der Zeit der Napoleonischen
Kämpfe ebenso, wie in der Zeit der süd- und mittelamerikanischen
Befreiungskämpfe als das der spanischen Krone allezeit getreue --
„~siempre fidelissima~“ -- bewährt hatte und bereits in das Stadium
seiner höchsten Blüte eingetreten war.
Um das Jahr 1775 war Haiti in seiner Entwickelung Cuba noch ein gutes
Stück voraus -- mit einer doppelt so großen Bevölkerungszahl, mit
einer fünffach so bedeutenden Zuckerproduktion, mit einem zwanzig-
oder dreißigfach ansehnlicheren Bestande an Kaffee- und Kakaobäumen,
und mit einer ungleich gewaltigeren Ausdehnung seiner Indigo- und
Baumwollenfelder. Die weiße Bevölkerung war aber damals auf Cuba
schon reichlich dreimal so zahlreich als auf Haiti, Habana nennen die
Länderbeschreiber jener Zeit (A. F. Büsching) bereits „die wichtigste
Stadt, welche die Spanier in Amerika besitzen“, und während auf Haiti
die gesamte materielle und geistige Kultur durch die politische
Katastrophe der neunziger Jahre des XVIII. Jahrhunderts in den
furchtbarsten Niedergang geriet, ja gutenteils vollständig vernichtet
wurde, so machte sie auf Cuba von da ab Riesenfortschritte.
[Sidenote: Cubas Aufschwung im XIX. Jahrhundert.]
In den Jahren 1792-1817 erfolgte eine Verdoppelung der cubanischen
Volkszahl von 272000 auf 553000 und in den Jahren 1818-1845 eine
weitere Verdoppelung derselben auf 1112000, so daß der Aufschwung
in dieser Beziehung als ein höherer und rascherer erscheint, als
in den hervorragendsten Staaten der Nordamerikanischen Union, mit
alleiniger Ausnahme von New York. Und im Einklange damit erschienen
auch die wirtschaftlichen Leistungen der Kolonie mehr und mehr in
einem sehr glänzenden Lichte. Die Tabakausfuhr stieg in dem Zeitraume
von 1789-1850 von 56000 Centnern auf 360000 Centner und 94 Millionen
Stück Cigarren (abgesehen von dem in diesem Artikel jederzeit stark
betriebenen Schmuggelhandel), die Zuckerausfuhr wuchs von 1764 bis
1853 von 20000 auf 6,6 Millionen Centner, und die Kaffeeausfuhr war
in den zwanziger und dreißiger Jahren des laufenden Jahrhunderts
bedeutender als die von Java (1830-1835 500000 Centner jährlich). Die
Häfen der Insel, und vor allem derjenige von Habana, belebten sich
mit Tausenden von Fahrzeugen, die meisten älteren Städte gediehen
zu ansehnlicher Größe und Schönheit (Abb. 8, 9 u. 10), und zugleich
gesellten sich ihnen zahlreiche neue zu, und inmitten der sich
weiter und weiter ausdehnenden, mit den genannten Stapelerzeugnissen
bebauten Kulturgefilde erstanden allerwärts mächtige Wirtschafts-
und Fabrikgebäude (Abb. 11 u. 12) sowie freundliche Herrenhäuser und
Quintas. Die natürlichen Savannen nebst den durch das eingeführte
Guinea- und Paragras (~Panicum maximum~ und ~Panicum molle~)
verbesserten Kunstweiden nährten um das Jahr 1850 nahe an eine
Million Rinder, und die Mahagoni- und Cedrelenschlägereien sowie die
Kupfergruben der Provinz Santiago gewährten gleichfalls eine namhafte
Ausbeute. Nicht so bald war in Europa und Nordamerika das Zeitalter der
Eisenbahnen hereingebrochen, so machte sich Cuba auch diese bedeutsame
Neuerung zu nutze, und die Linie Habana-Guines war bereits 1838 im
Betriebe, während der Ausbau des heute auf der Insel vorhandenen
Schienenstraßennetzes in der Hauptsache bis Anfang der sechziger Jahre
bewirkt wurde. Der erste Seedampfer aus Nordamerika war aber schon im
Jahre 1818 in der Bucht von Habana erschienen.
[Illustration: Abb. 7. +Die Cabañafestung nebst der Bucht von Habana.+]
[Illustration: Abb. 8. +Die Indianerinbildsäule im Prado von Habana.+]
[Sidenote: Wirtschaftlicher Aufschwung Cubas.]
Furchtbare Naturereignisse, wie die mit großen Sturmfluten
einhergehenden Orkane von 1768, 1791, 1810, 1844 und 1846, die
starken Erdbeben von 1755, 1766, 1826 und 1852 und die anhaltende
Dürre von 1844 traten auch in dieser Zeit auf, sie vermochten aber
die wirtschaftliche Blüte ebensowenig dauernd zu beeinträchtigen wie
die den Küstenplätzen eigentümlichen Gelbfieberepidemien, und alles
in allem gab es um die Mitte des XIX. Jahrhunderts schwerlich ein
Kolonialland in der Welt, das in einem so hohen Grade wie Cuba ein
Bild rühriger Thätigkeit, allgemeinen Wohlstandes und verfeinerten
Lebensgenusses geboten hätte.
Die Zahl der Zuckerrohrpflanzungen belief sich im Jahre 1850 auf
1442, die Zahl der Kaffeegärten (Cafetales) auf 1618 und die Zahl der
Tabakfelder (Vegas) auf 9102, dabei waren aber um jene Zeit in der
Westhälfte der Insel (westlich von dem Isthmus von Moron) erst ungefähr
acht Prozent und in der Osthälfte sogar nur etwas über drei Prozent von
der Gesamtfläche wirkliches Kulturland, und der Weiterentwickelung des
Wirtschaftslebens schienen auf diese Weise allerwärts noch ungemessene
Räume offen zu stehen.
[Sidenote: Wissenschaftliche Erforschung Cubas.]
Anerkennenswert waren in der Zeit des geschilderten wirtschaftlichen
Aufschwunges auch die Fortschritte, welche die wissenschaftliche
Durchforschung und Kenntnis von der Insel machte. Die Aufnahmen,
welche das spanische hydrographische Amt damals an den Küsten von Cuba
vornahm, durften mit gutem Grunde als mustergültige gerühmt werden, und
im Verein mit den im Inneren bewirkten astronomischen Ortsbestimmungen
führten dieselben im Jahre 1835 zu der Veröffentlichung einer
grundlegenden topographischen Übersichtskarte von der Insel.
Vor allen Dingen aber bewährte sich an der Eingangsschwelle unseres
Jahrhunderts Alexander von Humboldt auch betreffs Cuba als eine Art
zweiter Kolumbus, indem er an der Hand seiner 1801 und 1804 bei Habana,
Guines, Batabano und Trinidad angestellten eigenen Beobachtungen seine
an der Hand der besten anderweit vorliegenden Materialien in seinem
~Essai politique sur l’île de Cuba~ (Paris 1821-1824) ein erstes
kritisches und umfassendes wirtschafts- und kulturgeographisches
Gemälde von der Insel entwarf.[1]
[Illustration: Abb. 9. +Vorstädtisches Matanzas+ (Quintas).]
[1] In Humboldts Fußstapfen gingen dann andere einher: ein Ramon
de la Sagra mit seiner ausführlichen ~Historia fisica,
politica y natural~ (Madrid 1849), ein Felipe Poey mit seiner
~Historia natural~ (Madrid 1851), ein Estéban Pichardo mit
seiner ~Geografia~ (Habana 1854), ein José Maria de la Torre
mit seinem ~Elementos de Geografia~ (Habana 1856), ein José de
Pezuela mit seinem ~Diccionario geografico~ (Madrid 1863) --
nicht zu vergessen der mühevollen kartographischen Leistungen
eines Estéban Pichardo (21 Blätter) und Francisco Coëllo. Eine
von der spanischen Kolonialregierung geplante geologische
Landesaufnahme (1844) scheiterte freilich an den unzureichenden
Mitteln.
II.
[Sidenote: Tabakbau.]
Man darf behaupten, daß die hohe wirtschaftliche Blüte Cubas bis in
die siebziger Jahre des XIX. Jahrhunderts hinein angedauert habe, und
wenn gewisse statistische Ausweise für die Beurteilung dieser Blüte
maßgebend wären, so könnte man sogar geneigt sein zu glauben, daß es
auch in den achtziger und neunziger Jahren noch sehr glänzend damit
bestellt gewesen sei. Die Zuckerproduktion der Insel erreichte ja im
Jahre 1894 die vordem niemals dagewesene Höhe von 1030000 Tonnen, so
daß sie ein volles Dritteil von der Rohrzuckerproduktion der ganzen
Welt ausmachte, und daß Java, Mauritius u. s. w. darin weit hinter Cuba
zurückstanden. Die Tabakernte betrug bis 1895 im Jahresdurchschnitte
gegen 600000 Centner, und etwa 450000 davon wurde in Gestalt von
Blättern, der größere Teil des Restes aber in Gestalt von Cigarren
(1889 250 Millionen) und Cigaretten (1893 147 Millionen Pakete) in
das Ausland verführt. Die Einwohnerzahl der Insel war im Jahre 1890
auf 1660198 gestiegen, die Zahl ihrer Zuckerfabriken (Ingenios) auf
1119, die Zahl ihrer Tabakpflanzungen (Vegas) auf 8485, die Zahl ihrer
Viehzuchtgehöfte (Potreros) auf 4214, die Zahl ihrer Rinder auf 2,5
Millionen, die Zahl ihrer Pferde, Maultiere und Esel auf 965000 und
der Wert ihrer sämtlichen Landgüter auf 1260 Millionen Mark. In seinem
Ausfuhrhandel aber überragte Cuba (1892 384 Millionen Mark) sowohl
Algerien und Ägypten als auch das Kaisertum Japan, und in dem Hafen
von Habana allein verkehrten 1890 2179 Schiffe (mit 2,6 Millionen
Tonnen).
[Illustration: Abb. 10. +Die Königspalmenallee des Botanischen Gartens
zu Habana.+]
[Illustration: Abb. 11. +Ein Ingenio.+]
[Sidenote: Die Ursachen des Niederganges.]
Ungeachtet dieser Ziffern, die von der Bedeutung und dem Werte der
„Perle der Antillen“ kein weniger glänzendes Zeugnis ablegen als das
Tagebuch des Kolumbus, wurde die Lage in Cuba aber in wirtschaftlicher
ebenso wie in politischer und allgemein kultureller Beziehung während
der letzten Jahrzehnte allgemach eine überaus üble, und man durfte sich
seit geraumer Zeit mit Fug und Recht fragen, ob sie wohl in irgend
einem Lande der Erde eine traurigere sein könne. In Irland war sie
höchstens eine ähnlich traurige.
Der Ursachen, die diese Wendung zum Schlechteren herbeigeführt haben
und die es zugleich auch bewirkt haben, daß die Herrschaft über die
Insel vor unseren Augen den Händen der Spanier entglitten ist, --
dieser Ursachen gab es mancherlei, und mit dem bloßen Hinweise auf das
spanische Mißregiment sind dieselben in jedem Falle nicht erschöpft.
Die berührte starke Bevölkerungszunahme in dem letzten Viertel des
vergangenen und in der ersten Hälfte des gegenwärtigen Jahrhunderts
war, da es sich bei Cuba selbstverständlich immer in erster Linie um
eine tropische Pflanzungskolonie handelte, in ganz hervorragender
Weise durch die in jener Zeit sehr schwungreich betriebene
Negersklaveneinfuhr aus Afrika bedingt, und mehr und mehr gewann dabei
das schwarze Element in dem cubanischen Volkskörper das entschiedene
Übergewicht. So waren im Jahre 1774 nicht ganz 44 Prozent von der
Bevölkerung Neger und Mulatten, im Jahre 1841 aber mehr als 62 Prozent,
und erst als die Sklaveneinfuhr aufhörte -- die Schmuggeleinfuhr nicht
früher als in den fünfziger Jahren --, da trat in diesem Verhältnisse
wieder ein Umschwung zu Gunsten des weißen Elementes ein dergestalt,
daß das letztere bei der Volkszählung 1887 62 Prozent, das Element
der Neger und Mulatten aber nur 35 Prozent von der Gesamtbevölkerung
ausmachte.
[Sidenote: Volksverhältnisse.]
Von einer so hochgradigen Verschwarzung und Afrikanisierung wie
auf Haiti oder Jamaica war also auf Cuba zu keiner Zeit die Rede,
immerhin schritt der Prozeß aber vorübergehend ebensoweit fort wie
in den nordamerikanischen Südstaaten Südkarolina, Georgia, Alabama,
Mississippi und Louisiana, und gewisse schlimme Mißstände konnten
auch hierbei nicht ausbleiben. Die Behandlung der Schwarzen durch
die Weißen war unter der heißen Sonne Cubas im allgemeinen eine
viel mildere und menschenwürdigere oder doch eine viel lässigere
und weniger straffe als in Nordamerika, und im Zusammenhange damit
war die Zahl der Freigelassenen früh eine verhältnismäßig große
(1811: 114000 und 1867: 249000), sowie auch die sociale Scheidewand
zwischen den beiden Elementen nirgends eine sehr strenge und schroffe
und vielfache Vermischungen und Übergänge zwischen ihnen Platz
griffen. Dabei wurde die farbige Rasse natürlich nicht zu einem
unterwürfigen Sinne gegenüber der weißen erzogen, sondern viel eher
zu Unabhängigkeitsgefühl und zu hochfahrendem und unbändigem Wesen.
Zugleich gab es auch jederzeit eine beträchtliche Zahl Entlaufener --
sogenannter Cimarronneger, weil die hellfarbigen Mulatten unter ihnen
die Hauptrolle spielten --, und diese scharten sich in den schwer
zugänglichen Gebirgs- und Sumpfwildnissen allerwärts, namentlich aber
in dem östlichen Teile der Insel, zu mehr oder minder starken Banden
zusammen, teils nach afrikanischer Art ein harmloses und bedürfnisloses
Naturmenschenleben fristend, teils aber auch Weg und Steg bedrohend,
einsame Pflanzergehöfte überfallend, raubend, mordend und brennend,
und eine allgemeine Unsicherheit des Lebens und Eigentums schaffend.
Wiederholt, vor allem in den Jahren 1812, 1829 und 1844, wurden in
dieser freien Negerbevölkerung Cubas auch ähnliche politische Gelüste
und Bestrebungen wach, wie seiner Zeit auf Haiti, und mindestens ein
Aponte ging mit seinem Aufstande (1812) zweifellos darauf aus, nach dem
Vorbilde von Toussaint l’Ouverture und Dessalines eine Mulattenrepublik
oder ein Mulattenkaisertum in Ostcuba zu errichten.
[Illustration: Abb. 12. +Fabrikgebäude eines Ingenio.+]
[Sidenote: Neger und Weiße.]
Ein arbeitslustiges und aus eigenem Antriebe wirtschaftlich rühriges
oder geistig vorwärts strebendes Bevölkerungselement ist das farbige
auf Cuba so wenig gewesen wie anderweit, und ein schweres Hemmnis der
allgemeinen Kulturentwickelung der Insel hat darin immer gelegen,
ganz ähnlich wie in den nordamerikanischen Südstaaten. Daß das
Wirtschaftsleben Cubas ein so überaus einseitiges geblieben ist und
sich heute im wesentlichen nur auf zwei Stapelerzeugnisse erstreckt,
ist vor allen Dingen hieraus zu begreifen. Der Rohrzuckerbau würde
trotz der hohen Gunst des Klimas und der Bodenart schwerlich zu dem
angegebenen großartigen Umfange gediehen sein, wenn die Pflanzer in
den Zeiten, wo sie sich zu der schrittweisen Freigebung ihrer Sklaven
verstehen mußten, nicht darauf bedacht gewesen wären, die schwarzen
Arbeiter gutenteils durch eingeführte chinesische Kulis und durch
gemietete weiße Arbeiter sowie durch Maschinen zu ersetzen; und
die Tabakkultur erhielt sich auf der alten Höhe lediglich dadurch,
daß sie jederzeit ganz vorwiegend in den Händen von weißen und
halbindianischen Kleinbauern (Guajiros) gewesen ist. Zucker- und
Tabakdistrikte sind auf Cuba im allgemeinen keine Negerdistrikte. Die
bis zum Jahre 1840 auf das höchste blühende, von der Negerarbeit aber
schwer unabhängig zu haltende Kaffeekultur geriet in argen Verfall und
vermochte in den letzten Jahrzehnten nicht mehr den Eigenbedarf der
Inselbevölkerung zu decken, und der Kakaobau, der Baumwollenbau, der
Indigobau sowie zahlreiche andere tropische Landwirtschaftszweige,
die durch die Naturverhältnisse recht wohl möglich wären, gelangten
über ein schwaches Anfangsstadium ihrer Entwickelung niemals hinaus.
Desgleichen hielt sich auch der bereits bei der indianischen
Urbevölkerung betriebene Maisbau ebenso wie der Reisbau und der Anbau
anderer Nährfrüchte hauptsächlich der schwer entbehrlichen Negerarbeit
halber in sehr bescheidenem, für die Versorgung der Bevölkerung
unzureichendem Umfange, obgleich Mais, Reis, Bataten, Kartoffeln und
dergleichen auf Cuba alljährlich zwei bis drei Ernten von demselben
Boden gewähren.
[Illustration: Abb. 13. +Cubanische Negerin.+]
Daß Neger und Mulatten auf Cuba bei der ihnen eigenen Arbeitsscheu
nur ausnahmsweise zu wirklichem Wohlstande kamen, und daß sie nach
ihrer, mit gutem Grunde von der spanischen Regierung nur zögernd und
schrittweise vollzogenen Befreiung ein besitzloses städtisches und
ländliches Proletariat (Abb. 13) darstellen, kann hiernach nicht
befremden. Ebenso ist es aber auch nicht zu verwundern, daß die
farbige Bevölkerung allezeit ein ganz besonders williges und eifriges
Instrument jeder auf Unordnung und auf Umsturz der bestehenden
Verhältnisse abzielenden Bewegung gewesen ist, und daß sie auch in
den Revolutionskriegen der Jahre 1868 bis 1878 und 1895-1898 sowohl
eine verhältnismäßig große Zahl der Anführer -- einen Antonio und José
Maceo, einen Quintin Bandera, einen Clotilde Garcia, einen Villanueva,
einen Castillo -- als auch die entschiedene Mehrzahl der wirklichen
Kämpfer und des Trosses in dem Insurgentenheere gestellt hat. Der
große und erfolgreiche Brenn- und Sengzug durch die Zuckerrohr- und
Tabakfelder, den die Insurgenten im Winter 1895 zu 1896 in der ganzen
gewaltigen Längserstreckung der Insel ausführten -- von der äußersten
Ostspitze (Kap Maisi) bis zur Westspitze (Kap San Antonio) ist es
weiter als von der deutsch-russischen bis zu der deutsch-französischen
Grenze (gegen 1200 Kilometer) --, kommt beinahe ausschließlich auf die
Rechnung der Mulatten und Neger.
[Sidenote: Volksleben.]
Die weiße Bevölkerung Cubas entströmte im bemerkenswerten Gegensatze
zu derjenigen der Nordamerikanischen Union in dem gegenwärtigen
Jahrhunderte ebenso wie in allen voraufgegangenen in der Hauptsache
einem einzigen europäischen Lande -- Spanien --, und soweit sich der
Stammesgegensatz zwischen Castiliern, Catalanen, Basken, Andalusiern
u. s. w. von dem spanischen Boden auf den Boden der großen
Antilleninsel verpflanzte, so schwand er daselbst immer sehr rasch.
Es läßt sich demnach kaum eine vollkommenere Einheitlichkeit in
Sprache, Sitte und Lebensart, sowie zugleich im Religionsbekenntnisse
denken, als er unter den cubanischen Weißen herrscht, und ebensowenig
auch eine vollkommenere ethnologische Übereinstimmung zwischen der
Kolonie und ihrem Mutterlande. Man rühmt den Cubanern nach, daß
sie fast durchgängig ein sehr reines Castilisch sprechen. Ebenso
erfreuen sie sich an dem grausamen Spiele des Stiergefechtes mit
seinen buntgekleideten Toreros und Toreras, Banderilleros und
Banderilleras (Abb. 14 und 15), sowie an dem des Hahnenkampfes mit
den damit verbundenen Wetten, an den Glücksspielen des Monte und der
Lotterie, an der Musik der Guitarre, an den Volkstänzen des Fandango
und Zapateado (Abb. 16), und vielfach entfalten sie bei alledem
eine noch größere Leidenschaftlichkeit, als ihre daheim gebliebenen
Stammesbrüder, so daß man behaupten könnte, der heißblütige spanische
Nationalcharakter habe sich in ihnen nur noch weiter gesteigert. Die
Männer tragen breitrandige Sombreros wie in Spanien und die Frauen
schwarze Spitzenmantillas (Abb. 17). Die Häuser von Habana und Santiago
sind von derselben massigen und festungsartigen Bauart wie die von
Toledo und Sevilla, und besseren darunter fehlt nie der blumen- und
palmengeschmückte innere Hof (Patio) sowie die Söllerausstattung
der oberen Stockwerke, nur sind ihre Fenster weiter und statt mit
Glasscheiben mit schwerem Eisengitterwerk verschlossen (Abb. 18, 19
und 20), weil der Luftbedarf darin in dem Tropenklima naturgemäß
ein viel größerer ist. Die Getränke kühlt man in den wohlbekannten
spanischen Alcarrazas (porösen Thonkrügen), während sich im übrigen in
den Trinkgefäßen zum Teil der auch nach dem Mutterlande hinüberwirkende
indianische Einfluß geltend macht (Abb. 21). Die Herrschaft über
die Geister endlich führen in Cuba wie in Spanien Priester und
geistliche Orden, und nur unter den Männern herrscht hier wie dort
eine gewisse Neigung zu Gleichgültigkeit in religiösen Dingen oder zu
ausgesprochenem Freidenkertume.
[Illustration: Abb. 14. +Ein Stiergefecht.+]
Wie bei solcher Übereinstimmung und Einheitlichkeit eine tiefe Kluft
mitten durch die weiße Bevölkerung Cubas hindurchgehen kann, mag auf
den ersten Blick unbegreiflich erscheinen. Die Thatsache läßt sich
aber nicht leugnen und auch die andere Thatsache nicht, daß die Kluft
sich niemals hat überbrücken lassen und daß sie noch erheblich mehr
als die geschilderte Eigenart der farbigen Rasse dazu beigetragen hat,
die materielle und geistige Kulturentwickelung Cubas zum Stillstand
und die spanische Herrschaft über die Insel zum Zusammenbruche zu
bringen. Auch in anderen Kolonialländern, und nicht zum mindesten auch
in der Nordamerikanischen Union -- die in beträchtlichem Umfange bis
auf den heutigen Tag ein Kolonialland geblieben ist --, bildet sich
verhältnismäßig rasch ein Gegensatz zwischen den älteren und neueren
Ankömmlingen, bezugsweise zwischen den im Lande Geborenen und den
Einwanderern, und die letzteren werden von den ersteren vielfach als
„Grüne“ oder „Gringos“ mit mißgünstigen Augen betrachtet, weil sie den
wirtschaftlichen „Kampf ums Dasein“ zu einem härteren und schwierigeren
machen. In Cuba, wo sich dieser Gegensatz bereits in den Zeiten der
Velasquez und Cortez deutlich genug bemerkbar machte, ist er durch
verschiedene Umstände aber zu viel größerer Schärfe und Schroffheit
gediehen, als anderweit.
[Illustration: Abb. 15. +Stierfechter+ (Banderillero).]
[Sidenote: Das Klima Cubas.]
Das cubanische Klima weicht zwar in dem größeren Teile der Insel (im
ganzen Westen und Norden) nicht unwesentlich von dem Typus des normalen
Tropenklimas ab, insofern als die von Nordamerika hereinbrechenden
Nordwestwinde („Nortes“) öfters eine starke Abkühlung mit sich
bringen -- in den höher gelegenen Teilen des westlichen Binnenlandes
gelegentlich bis zur Rauchfrostbildung --, und eben dadurch hat es
die Akklimatisation der weißen Kulturmenschen in einem höheren Maße
begünstigt, als irgendwo sonst zwischen den Wendekreisen. Immerhin
wirkt das Klima außerordentlich erschlaffend auf die Nerven sowie auf
den ganzen Organismus. Das kann jeder, der Cuba besucht, an sich selbst
wohl genug erfahren, auch wenn er sich nur kurze Zeit daselbst aufhält.
Ist doch die Durchschnittstemperatur des Januar (22,2° ~C~) in Habana
immer noch 3,2° wärmer als die Temperatur des Juli in Berlin, die
Durchschnittstemperatur des Juli (28°) aber wenigstens noch 0,2° wärmer
als in New Orleans, und geht doch mit den hohen Hitzegraden an den
meisten Tagen des Jahres, vor allen Dingen aber in der Regenzeit (Mai
bis November), eine große relative Luftfeuchtigkeit und eine starke
elektrische Spannung Hand in Hand.
[Sidenote: Wirkungen des Klimas.]
Die in dem Lande geborenen Kaukasier -- die Kreolen oder die „Cubanos“
schlechthin -- erscheinen unter der Herrschaft dieses Klimas im
großen Ganzen als ein schwächlicher Menschenschlag, dem Thatkraft,
Arbeitslust, Unternehmungsgeist und offener Mut in einem hohen Grade
abgeht, während ihm nicht ohne Grund Arglist und Heimtücke, sowie
Hang zu privater und politischer Ränkespinnerei nachgesagt wird. Am
ehesten noch dürfte man vielleicht hinsichtlich der Frauen behaupten,
daß durch die veränderten geographischen Verhältnisse eine Veredelung
des spanischen Typus herbeigeführt worden sei. Von ihnen werden
aber auch andere Eigenschaften erwartet als von den Männern, und
in dem Schatten der Häuser und Söller vermögen sich dieselben den
klimatischen Einflüssen wenigstens teilweise besser zu entziehen als
jene. Und Trägheit sowie Mangel an geistigem Bildungstrieb macht man
den mit sanften Glutaugen, vollen Körperformen und üppigem Haarwuchs
ausgestatteten Kreolinnen ebenfalls zum Vorwurfe. Übrigens giebt es
natürlich unter den Männern ebenso wie unter den Frauen glänzende
Ausnahmen von der allgemeinen Regel, in den meisten Fällen handelt es
sich dabei aber um Persönlichkeiten, die in der glücklichen Lage waren,
zeitweise unter einem außertropischen Himmelsstriche -- in Spanien
oder in Nordamerika -- zu leben und daselbst ihre Spannkraft mehr oder
minder vollständig zurückzugewinnen.
[Illustration: Abb. 16. +Zapateado.+]
Die neuen Ankömmlinge aus Spanien, die in den letzten Jahrzehnten
namentlich aus den Baskenprovinzen, aus Asturien, aus Galicien und aus
Catalonien in beträchtlicher Zahl ins Land kamen, zeichnen sich, wie
es bei den Auswanderern über See ziemlich allgemein der Fall zu sein
pflegt, sowohl durch robuste Körperkraft als auch durch Willensstärke
aus, und zugleich sind sie außerordentlich erwerbslustig und
betriebsam, während sie betreffs ihrer geistigen Bildung und betreffs
ihrer ethischen Grundsätze in vielen Fällen keineswegs auf einer sehr
hohen Stufe stehen. Dem Klima zahlen sie ihren Tribut in den ersten
Jahren ihrer cubanischen Existenz vornehmlich damit, daß sie von den
bekannten Akklimatisationskrankheiten des Gelb- und Malariafiebers
betroffen und zum Teil dahingerafft werden: soweit sie dieselben
überstehen, bewähren sie sich aber in dem Wirtschaftsleben als ein
sehr rüstiges und tüchtiges, zugleich aber auch den Creolen gegenüber
als ein sehr aggressives und rücksichtsloses Bevölkerungselement.
Allmählich schwindet wohl der Vorrat von Energie, den sie mitgebracht
haben, auch bei ihnen, erst die Kinder aber werden in jeder Beziehung
den Creolen gleich, wie sich dieselben -- meist unter dem Einflusse
ihrer cubanischen Mütter sowie unter dem Einflusse der Bildungsarmut
ihrer spanischen Väter -- auch alsbald als solche fühlen.
[Sidenote: Wirtschaftliche Verhältnisse der Bevölkerung.]
Neben der einfachen geographischen Differenzierung, die in solcher
Weise zwischen den Spaniern und den Creolen -- den „Peninsulares“ und
den „Cubanos“ -- eintritt, geht aber noch eine volkswirtschaftliche
Differenzierung einher. In dieser Beziehung befinden sich die
Creolen im Zusammenhange mit ihrem Volkscharakter großenteils in
keiner günstigen Lebenslage, und die Mehrzahl von ihnen stellt ein
ähnliches Proletariat dar wie die große Masse der Farbigen, mit der
es in beständiger Verschmelzung begriffen ist -- nichts sein eigen
nennend als eine Machete (ein Haumesser zum Zuckerrohrschneiden und
Dickichtlichten) und eine Hängematte, und je nach der gebotenen
Arbeitsgelegenheit oder nach sonstigen Lockungen bald hier, bald da,
aus der Hand in den Mund lebend, nicht gerade selten auch von denselben
Desperado- und Banditenneigungen beseelt, wie ein Teil der Farbigen.
Die Besitzer von großen Pflanzungen unter ihnen sowie auch die Besitzer
von kleineren Landgütern irgend welcher Art sind aber vielfach tief in
Schulden und sehen ihre Liegenheiten infolgedessen oft genug in die
Hände neuer Ankömmlinge, seien dies Spanier oder seien es Amerikaner,
Engländer, Deutsche u. s. w., übergehen. Die eingewanderten Spanier
dagegen gelangen, auch wenn sie ohne eine Peseta (80 Pfennige Nennwert)
in Habana angekommen sind, für die Regel rasch zu einem kleineren oder
größeren Vermögen, und unlautere Mittel haben sie dabei durchaus nicht
unbedingt nötig, wenn sie auch nicht völlig ausgeschlossen sein mögen.
Da der bessere Landbesitz in Cuba seit lange in fester Hand war -- dank
vor allem den großen Schenkungen (~mercedes~) der spanischen Krone an
ihre Günstlinge --, so wandten sich die neuen Einwanderer übrigens
immer beinahe ausschließlich in die Städte, und es vollzog oder erhielt
sich in dieser Weise noch eine weitere Sonderung zwischen ihnen und
den Creolen, sowie zugleich auch eine weitere Vereinheitlichung der
beiden Elemente innerhalb ihrer selbst. In den Städten, und namentlich
in Habana, hatten die Spanier die Oberhand, das Land mit seinen
Estancias (Farmhäusern), Bohios (Palmstrohhütten) und seinen Petreros
(Viehzuchtgehöften) war aber rein creolisch (Abb. 22 und 23) -- ein
Umstand, in dem jederzeit die größte Stärke der Insurrektionsbewegungen
gelegen hat.
[Illustration: Abb. 17. +Cubanisches Mädchen im Patio.+]
[Sidenote: Spanische Politik.]
Daß sich Creolen und Spanier auf Cuba seit geraumer Zeit wie zwei
feindliche Lager gegenüber gestanden haben und gegeneinander von
bitterem Hasse erfüllt gewesen sind, und daß sich der Spruch „Blut
ist dicker als Wasser“ an ihnen schlecht genug bewährt hat, darf nach
diesen Ausführungen nicht wunder nehmen, und die Einheitlichkeit und
Geschlossenheit der beiden Elemente in sich mußte eher dazu beitragen,
die Schroffheit des Gegensatzes zu steigern, als sie zu mildern.
Mindestens wurde es der spanischen Regierung dadurch schwer gemacht,
den Creolen gegenüber den alten Herrschergrundsatz des „~Divide
et impera~“ in Anwendung zu bringen, und zweifellos würden sich
Nativisten und Einwanderer in der Nordamerikanischen Union auch in viel
bedenklicherer Weise gegenüber stehen, wenn sie statt aus einer bunten
Vielheit von Nationalitäten aus einer einzigen beständen.
[Illustration: Abb. 18. +Typisches spanisches Haus.+]
[Sidenote: Nationalcharakter und Aufstand.]