Man darf behaupten, daß die hohe wirtschaftliche Blüte Cubas

Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online

Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This

file was produced from images generously made available

by The Internet Archive)

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1899 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Inkonsistente und heute

ungebräuchliche Schreibweisen, insbesondere in Ortsnamen, sowie

fremdsprachliche Zitate, bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Die Seitenüberschriften der gedruckten Ausgabe wurden in den

elektronischen Versionen als Randnotizen beibehalten und sinngemäß

dem entsprechenden Absatz jeweils vorangestellt. Fußnoten wurden an

das Ende des jeweiligen Kapitels verschoben.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit

den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

####################################################################

Land und Leute

Monographien zur Erdkunde

Land und Leute

Monographien zur Erdkunde

In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten

herausgegeben von

A. Scobel

II.

Cuba

=Bielefeld= und =Leipzig=

+Verlag von Velhagen & Klasing+

1899

Cuba

Von

~Dr.~ E. Deckert

Mit 96 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen und Kartenskizzen,

sowie einer farbigen Karte.

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

+Verlag von Velhagen & Klasing+

1899

+Alle Rechte vorbehalten.+

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

Inhalt.

Seite

I. Die kolonialgeschichtliche Entwickelung bis Mitte des

XIX. Jahrhunderts 3

II. Die cubanische Krisis in ihrem Zusammenhange mit dem

cubanischen Volkskörper 12

III. Die cubanische Krisis in ihrem Zusammenhange mit den

äußeren Beziehungen der Insel 24

IV. Das Baracoasche Gebirgsland 32

V. Das Maestragebirgsland nebst der Cautoniederung 44

VI. Das Hügelland von Camaguey 59

VII. Das Las Villas-Bergland 69

VIII. Habana und sein Isthmus 80

IX. Das Hügel- und Flachland der Vuelta Arriba 93

X. Das Stufenland der Vuelta Abajo 100

XI. Die Insel Pinos 108

Statistische Übersicht 116

[Illustration: Abb. 1. +Typische cubanische Landschaft+

(Yumuri-Thal).]

[Illustration]

Cuba.

I.

Die schönste Insel, welche Menschenaugen geschaut haben -- ~isla la

mas hermosa que ojos hayan visto~ -- nannte Christoph Kolumbus Cuba,

als er, von den landschaftlich unbedeutenden Bahamas heransegelnd, das

Nordostgestade der großen Antille in der Gegend des heutigen Puerto

Nipe am 28. Oktober des Jahres 1492 zum erstenmale betrat, und bei

seinem lebhaften Natursinne wird der berühmte Entdecker während des

ferneren Verlaufes seiner ersten Amerikafahrt nicht müde, die Reize der

Insel in seinem Tagebuche wieder und wieder im einzelnen zu preisen:

die prächtigen Buchten und tiefen Ströme, die dem Schiffer Zugang und

Schutz gewähren, die jäh aufstrebenden Küstenberge, die an die Berge

Siciliens erinnern, die in frischem Grün prangenden weiten Ebenen,

die stolzen Palmen, den Duft der Blüten und Gewürze, den Vogelgesang

(den er für Nachtigallenschlag hielt), und das sanft geartete blaue

Meer, welches das glücklich gefundene Wunderland umflutet -- ~siempre

mansa como el rio de Sevilla~. Und eine ähnlich hohe Bewunderung

wie ihrer Schönheit (Abb. 1 und 4) zollt er dem Reichtume und den

wirtschaftlichen Hilfsquellen der cubanischen Landschaft.

Schwerlich wird auch ein neuerer Reisender, der Cuba besucht und

näher kennen gelernt hat, es unternehmen wollen, die Lobpreisungen

des Kolumbus in irgend einem wesentlichen Stücke Lügen zu strafen.

Der von ihm gehegte Glaube, als ob Cuba Marco Polos vielberufenes

Cipangu (Japan) oder ein Teil des asiatischen Festlandes sei, war

allerdings gleich manchem anderen Glauben des Mittelalters ein irriger,

im großen Ganzen bleibt aber die kolumbische Charakteristik davon bis

auf den heutigen Tag zu Recht bestehen, und was an ihr zu ändern ist,

bezieht sich in jedem Falle nur auf Einzelheiten. Das durch natürliche

Wogenbrecher aus Korallenkalk gebändigte und für die Regel thatsächlich

flußartig ruhige Meer rings um Cuba herum hat nicht selten Momente der

furchtbarsten Aufregung, in denen es Hunderte von Fahrzeugen an den

Küstenklippen zerschellt -- was Kolumbus in der Folge durch eigene

schlimme Erfahrung noch wohl genug beurteilen lernte --, und während

der Goldreichtum der Insel sich bei genauerem Zusehen als ein sehr

beschränkter erwiesen hat, so finden sich Eisenerze, die Kolumbus

gänzlich vermißte, auf ihr in großer Menge und von hoher Güte.

[Sidenote: Cuba im XVI. Jahrhundert.]

Anderweit in der von Kolumbus entschleierten Neuen Welt (Abb. 2 und

3), und vor allen Dingen auch auf der Nachbarinsel Haiti, die nicht

ganz sechs Wochen später aufgefunden wurde, stießen die Spanier auf

ausgiebigere Lagerstätten des edlen Metalles, während die Pracht und

Zeugungskraft der tropischen Natur daselbst eine der cubanischen nahe

verwandte war; und dies war der hauptsächlichste Grund, warum jene

anderen Länder sich bald einer höheren Wertschätzung von ihrer Seite

erfreuten, indes Cuba -- oder wie Kolumbus es ursprünglich nannte:

Juana -- auf Jahrhunderte hinaus einer verhältnismäßigen Nichtachtung

und Vernachlässigung anheimfiel. Zwar wurde im Jahre 1508 Sebastian de

Ocampo entsandt, die Insel zu umsegeln und näher zu erforschen, und

zwar wurde 1511 durch den ehrgeizigen und rührigen Diego Velasquez

die spanische Herrschaft in aller Form darauf errichtet, die an ihren

Küsten begründeten Niederlassungen entwickelten sich aber nur langsam,

und zur Füllung des spanischen Staatssäckels trug Cuba im Gegensatze zu

Haiti sowie zu Mexico und Peru lange Zeit nur ein Geringes ein (an Geld

1515 bis 1534 260000 Pesos). Der Hauptsitz der spanischen Macht über

Westindien befand sich demgemäß auch von vornherein nicht auf Cuba,

sondern in Santo Domingo, auf Haiti, welch letzteres seinen Ehrennamen

Hispaniola -- Kleinspanien -- nicht umsonst führte.

[Illustration: Abb. 2. +Das Grabmal des Kolumbus in der Kathedrale von

Habana.+]

In einer Beziehung konnte Cuba freilich nicht verfehlen, seine

kulturgeographische Bedeutung schon in den ersten Jahrzehnten der

spanischen Herrschaft geltend zu machen: es diente sowohl den

welthistorischen Unternehmungen eines Ferdinand von Cordova und Juan

Grijalva (1518), sowie eines Ferdinand Cortez (1519) gegen Mexico und

Mittelamerika, als auch denjenigen eines Ferdinand de Soto (1539) und

eines Aviles de Menendez (1566) gegen Florida und das Mississippigebiet

als Basis und Ausgangspunkt, und als ein Hauptschlüssel zu der Neuen

Welt -- „~Llave del Nuevo Mundo~“ -- bewährte sich insbesondere die

Position von Habana schon sehr frühe. Der von spanischen Ansiedlern

betriebene Landbau beschränkte sich aber lange auf die Erzeugung der

zu ihrem eigenen Lebensunterhalt nötigen Nährgewächse, und auch die

Zucht der aus Europa eingeführten Nutztiere, die auf den tropischen

Savannen ohne weiteres wohl gedieh, gestattete nur eine vergleichsweise

unbeträchtliche Ausfuhr von Häuten und Fellen, sowie später von Honig

und Wachs. Für die Erzeugnisse, durch welche die Insel nachmals so

reich und berühmt geworden ist, gab es in den Zeiten, die unmittelbar

auf ihre Entdeckung folgten, noch keinen genügenden Markt, und als die

Nachfrage nach ihnen allgemach eine lebhaftere wurde, da hatten Haiti

und Mexico betreffs ihres Anbaues und Absatzes vor Cuba lange Zeit

einen weiten Vorsprung. Was insbesondere das cubanische Rauchkraut

anbetrifft, so lernten die spanischen Ansiedler und Seefahrer den Genuß

desselben allerdings von den Eingeborenen sehr rasch würdigen und von

diesen wieder -- entgegen allen Verboten, welche Könige, Kaiser und

Sultane zur Bekämpfung der bedenklichen Neuerung erließen -- die

christlichen und mohammedanischen Völker der Alten Welt; der Anbau des

Tabaks (Abb. 5) zu Handelszwecken begann aber auf Cuba erst gegen Ende

des XVI. Jahrhunderts, und einen bedeutenderen Umfang gewann derselbe

unter steten Kämpfen mit beengenden Monopolen und Regierungsmaßregeln

sogar erst im Laufe des XVIII. Jahrhunderts. Die Kulturen des

Zuckerrohres und des Kaffeebaumes aber, welche auf Haiti bereits in

den ersten Jahrzehnten der Besiedelung in hohen Schwung kamen, wurden

auf Cuba erst nach der Mitte des XVIII. Jahrhunderts nennenswert. Die

cubanische Tabakausfuhr betrug um das Jahr 1700 kaum mehr als 1000

Centner jährlich, um das Jahr 1750 aber ungefähr 20000 Centner.

[Sidenote: Urbevölkerung und Negersklaven.]

Daß die dem indianischen Arawakstamme zugehörige Urbevölkerung Cubas

gerade so wie diejenige Haitis weder willig noch fähig war, den

Spaniern bei ihrem Kultivationswerke die rücksichtslos geforderten

Frondienste zu leisten, ist bekannt, und bei ihrer Niedermetzelung im

Namen der europäischen Civilisation und des christlichen Glaubens ging

es sicherlich blutig genug zu, immerhin war ihre Ausrottung aber im

Zusammenhange mit den angegebenen Verhältnissen eine weniger rasche

und gründliche als auf Haiti, und im allgemeinen kann man sich dabei

eher an die Ausrottung der neuseeländischen Maori durch die Engländer

-- in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts -- oder an

die Seminolenkriege der Nordamerikaner -- 1835 bis 1842 -- erinnert

fühlen. Einige dürftige Reste der unvermischten Urbevölkerung, deren

Zahl die zeitgenössischen Berichterstatter des Kolumbus offenbar weit

überschätzten, fristeten ja in den östlichen Gebirgsgegenden Cubas ihr

Dasein bis auf unsere Tage, und in der cubanischen Landbevölkerung, den

sogenannten Guajiros, ist ein durch seinen Gesichtsschnitt und sein

straffes schwarzes Haar kenntliches halbindianisches Mischungselement

über die ganze Insel verbreitet, wie denn auch einer der Hauptanführer

in dem eben beendigten Kampfe gegen die Spanier -- General Rabi -- als

Sprosse einer alten indianischen Häuptlingsfamilie bezeichnet wird.

[Illustration: Abb. 3. +Der Kolumbus-Gedächtnistempel zu Habana.+]

Die Einführung von Negersklaven begann auf Cuba neunzehn Jahre später

als auf Haiti (1524), und bis gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts

fand dieselbe auch immer in einem viel geringeren Umfange statt als

dort -- ein Hauptgrund, warum Cuba nicht in dem gleichen Maße wie

die Nachbarinsel von dem schwarzen Bevölkerungselemente überflutet

worden ist. Die freiwillige weiße Einwanderung aus Spanien und von

den Kanarischen Inseln war aber in den ersten Jahrhunderten nach der

Entdeckung ebenfalls eine geringfügige, und nur als Jamaica an England

verloren ging (1655), Tortuga nebst dem westlichen Teile von Haiti aber

an Frankreich (1697), und als Spanien sich dadurch genötigt sah, seine

kolonisatorische Kraft in Westindien mehr zu konzentrieren, da erhielt

das weiße Element von jenen Nachbarinseln, sowie von dem Mutterlande

her eine wesentlichere Verstärkung. Alles in allem gab es daher am

Anfange des XVIII. Jahrhunderts erst ungefähr ein Dutzend Ortschaften

auf der Insel, und die Gesamtzahl ihrer Bewohner ist für diese Zeit auf

nicht mehr als 30000 zu veranschlagen.

[Sidenote: Anlage von Befestigungen.]

Was die Entwickelung der Niederlassungen auf Cuba im übrigen

zurückhielt, waren einesteils die dem ganzen westindischen Erdraume

eigentümlichen verheerenden Naturereignisse -- Erdbeben, Orkane,

Überschwemmungen und Sturmfluten --, anderenteils, und in einem viel

hervorragenderen Maßstabe, vielfach wiederholte Einfälle von Piraten

und Freibeutern -- der bekannten Vorhut der Engländer und Franzosen

bei ihren langjährigen Kämpfen mit den Spaniern um amerikanischen

Kolonialbesitz. Dies war aber auf Haiti und Jamaica auch nicht anders,

und gegenüber den Angriffen der Boucaniere ebenso wie der Engländer

bewährte sich Cuba in jedem Falle als ein festerer Hort der spanischen

Herrschaft als diese Inseln. Vor allen Dingen erwuchsen aus jenen

Kämpfen eine Anzahl der stattlichen Bollwerke, die heute Habana

umgeben: die die Hafenfront der Stadt beschützende alte Fuerza, welche

schon De Soto anlegte (1538), der weithin drohende Morro (Abb. 6) und

das demselben gegenüber gelegene Castello de la Printa, die den Eingang

in die Bai bewachen, und die unter Philipp II. aufgeführt wurden (seit

1589), und die ausgedehnte, nur in Bruchstücken erhalten gebliebene

Ringmauer der Stadt, deren Bau 1655 begonnen und 1738 beendigt wurde;

ebenso aber auch der malerische Morro, am Eingange in die Bucht von

Santiago, der in seiner ursprünglichen Gestalt aus dem Jahre 1643 und

in seiner erneuerten Gestalt, nach der Zerstörung durch die Engländer

(1661), aus dem Jahre 1663 stammt.

[Illustration: Abb. 4. +Cubanische Stromuferlandschaft.+]

[Illustration: Abb. 5. +Tabakfeld und Tabakernte.+]

[Sidenote: Cuba im XVIII. Jahrhundert.]

Der höhere wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung Cubas und die

allgemeine Würdigung der Insel als Perle und Königin der Antillen --

~Perla~ oder ~Reyna de las Antillas~ -- reicht nicht weiter zurück,

als in die zweite Hälfte des XVIII. Jahrhunderts, doch heißt es den

Engländern wohl zu viel Ehre anthun, wenn man behauptet, den Anstoß

dazu habe einzig und allein die Einnahme von Habana durch Lord

Albemarle und seine Riesenflotte, sowie die nicht ganz einjährige

Besetzung von Habana und Santiago durch britische Truppen (August

1762 bis März 1763) gegeben. Der zeitweilige Verlust der Insel mußte

allerdings dazu beitragen, sie den spanischen Herzen teurer zu machen,

für die Entwickelung ihrer Fähigkeiten und Reichtümer war es aber

zweifellos bedeutsamer, daß in der zweiten Hälfte des XVIII. und

bei dem Beginn des XIX. Jahrhunderts eine Veränderung der gesamten

Weltlage Platz griff. In erster Linie machte das Zeitalter der

Aufklärung unter Karl III. auch in Spanien seine Wirkung in kräftiger

Weise geltend, und außer der Beschränkung der Inquisition und der

Vertreibung der Jesuiten führte dasselbe sowohl in dem Mutterlande als

auch in den Kolonien mancherlei durchgreifende Reformen hinsichtlich

des Wirtschaftslebens herbei. Sodann befreite sich in den Jahren 1773

bis 1783 die Nordamerikanische Union von der englischen Bevormundung

und dem englischen Joche, und es öffnete sich dadurch den Erzeugnissen

Cubas in unmittelbarer Nachbarschaft ein weites und lohnendes

Absatzgebiet. Unter diesen Erzeugnissen hatte der Tabak um die Mitte

des XVIII. Jahrhunderts den Ruf unübertrefflicher Güte, den er bis

auf den heutigen Tag genießt, fest begründet, während sich für die

Kultur des Zuckerrohres und namentlich für die seit 1795 eingeführten

neuen Varietäten desselben (das Otaheitirohr), weitere und weitere

Roterdestrecken vorzüglich geeignet erwiesen, und auch der Kaffeebaum,

der erst 1748 von Haiti nach Cuba verpflanzt wurde, fand in dem

Hügellande südlich von Habana, sowie an den Gehängen der Sierra de los

Organos, der Sierra de Trinidad und der Sierra Maestra Anbaustätten,

die ihm wohl zusagten. Die Abtretung Floridas an England ferner (1763)

hatte eine weitere Verstärkung des Einwandererzuflusses, sowie einen

bedeutenden Aufschwung der Bienenzucht zur Folge, und in einem noch

größeren Maßstabe bewirkte eine Verstärkung kapitalkräftiger und

erfahrener Kolonisten, sowie ein höheres Aufblühen sämtlicher Zweige

der Pflanzungskultur die Negerrevolution Toussaint l’Ouvertures und die

damit Hand in Hand gehende Vertreibung und Ausrottung der Weißen auf

Haiti (seit 1791). Endlich aber wurde Cuba in den ersten Jahrzehnten

des XIX. Jahrhunderts durch den Abfall von Süd- und Mittelamerika

und Mexico die überseeische Hauptbesitzung Spaniens, und die

kolonisatorischen Fähigkeiten und Bestrebungen hatten sich ihm daher

in einem höheren Grade zuzuwenden als irgend einem anderen Lande. Der

militärische Hauptstützpunkt der Spanier in der Neuen Welt war Habana

schon seit lange gewesen, und nach seiner Zurückerlangung aus der Hand

der Engländer waren sie eifrig darauf bedacht, einem neuen Verluste

desselben durch eine weitere Verstärkung seiner Bollwerke vorzubeugen.

So entstand das Castillo del Principe auf dem die Stadt im Westen

überragenden Hügel, das Altaresfort im Hintergrunde der Bai und die

gewaltige Cabañafestung mit dem Fort San Diego an dem Baiausgange und

der Stadt gegenüber (Abb. 7).

[Illustration: Abb. 6. +Seeseitige Ansicht des Morro von Habana.+]

Freier Handel und Verkehr mit dem Mutterlande und seinen Kolonien

wurde Cuba 1778 zugestanden, freier Handel und Verkehr mit aller

Welt aber erst 1817, nachdem es sich in der Zeit der Napoleonischen

Kämpfe ebenso, wie in der Zeit der süd- und mittelamerikanischen

Befreiungskämpfe als das der spanischen Krone allezeit getreue --

„~siempre fidelissima~“ -- bewährt hatte und bereits in das Stadium

seiner höchsten Blüte eingetreten war.

Um das Jahr 1775 war Haiti in seiner Entwickelung Cuba noch ein gutes

Stück voraus -- mit einer doppelt so großen Bevölkerungszahl, mit

einer fünffach so bedeutenden Zuckerproduktion, mit einem zwanzig-

oder dreißigfach ansehnlicheren Bestande an Kaffee- und Kakaobäumen,

und mit einer ungleich gewaltigeren Ausdehnung seiner Indigo- und

Baumwollenfelder. Die weiße Bevölkerung war aber damals auf Cuba

schon reichlich dreimal so zahlreich als auf Haiti, Habana nennen die

Länderbeschreiber jener Zeit (A. F. Büsching) bereits „die wichtigste

Stadt, welche die Spanier in Amerika besitzen“, und während auf Haiti

die gesamte materielle und geistige Kultur durch die politische

Katastrophe der neunziger Jahre des XVIII. Jahrhunderts in den

furchtbarsten Niedergang geriet, ja gutenteils vollständig vernichtet

wurde, so machte sie auf Cuba von da ab Riesenfortschritte.

[Sidenote: Cubas Aufschwung im XIX. Jahrhundert.]

In den Jahren 1792-1817 erfolgte eine Verdoppelung der cubanischen

Volkszahl von 272000 auf 553000 und in den Jahren 1818-1845 eine

weitere Verdoppelung derselben auf 1112000, so daß der Aufschwung

in dieser Beziehung als ein höherer und rascherer erscheint, als

in den hervorragendsten Staaten der Nordamerikanischen Union, mit

alleiniger Ausnahme von New York. Und im Einklange damit erschienen

auch die wirtschaftlichen Leistungen der Kolonie mehr und mehr in

einem sehr glänzenden Lichte. Die Tabakausfuhr stieg in dem Zeitraume

von 1789-1850 von 56000 Centnern auf 360000 Centner und 94 Millionen

Stück Cigarren (abgesehen von dem in diesem Artikel jederzeit stark

betriebenen Schmuggelhandel), die Zuckerausfuhr wuchs von 1764 bis

1853 von 20000 auf 6,6 Millionen Centner, und die Kaffeeausfuhr war

in den zwanziger und dreißiger Jahren des laufenden Jahrhunderts

bedeutender als die von Java (1830-1835 500000 Centner jährlich). Die

Häfen der Insel, und vor allem derjenige von Habana, belebten sich

mit Tausenden von Fahrzeugen, die meisten älteren Städte gediehen

zu ansehnlicher Größe und Schönheit (Abb. 8, 9 u. 10), und zugleich

gesellten sich ihnen zahlreiche neue zu, und inmitten der sich

weiter und weiter ausdehnenden, mit den genannten Stapelerzeugnissen

bebauten Kulturgefilde erstanden allerwärts mächtige Wirtschafts-

und Fabrikgebäude (Abb. 11 u. 12) sowie freundliche Herrenhäuser und

Quintas. Die natürlichen Savannen nebst den durch das eingeführte

Guinea- und Paragras (~Panicum maximum~ und ~Panicum molle~)

verbesserten Kunstweiden nährten um das Jahr 1850 nahe an eine

Million Rinder, und die Mahagoni- und Cedrelenschlägereien sowie die

Kupfergruben der Provinz Santiago gewährten gleichfalls eine namhafte

Ausbeute. Nicht so bald war in Europa und Nordamerika das Zeitalter der

Eisenbahnen hereingebrochen, so machte sich Cuba auch diese bedeutsame

Neuerung zu nutze, und die Linie Habana-Guines war bereits 1838 im

Betriebe, während der Ausbau des heute auf der Insel vorhandenen

Schienenstraßennetzes in der Hauptsache bis Anfang der sechziger Jahre

bewirkt wurde. Der erste Seedampfer aus Nordamerika war aber schon im

Jahre 1818 in der Bucht von Habana erschienen.

[Illustration: Abb. 7. +Die Cabañafestung nebst der Bucht von Habana.+]

[Illustration: Abb. 8. +Die Indianerinbildsäule im Prado von Habana.+]

[Sidenote: Wirtschaftlicher Aufschwung Cubas.]

Furchtbare Naturereignisse, wie die mit großen Sturmfluten

einhergehenden Orkane von 1768, 1791, 1810, 1844 und 1846, die

starken Erdbeben von 1755, 1766, 1826 und 1852 und die anhaltende

Dürre von 1844 traten auch in dieser Zeit auf, sie vermochten aber

die wirtschaftliche Blüte ebensowenig dauernd zu beeinträchtigen wie

die den Küstenplätzen eigentümlichen Gelbfieberepidemien, und alles

in allem gab es um die Mitte des XIX. Jahrhunderts schwerlich ein

Kolonialland in der Welt, das in einem so hohen Grade wie Cuba ein

Bild rühriger Thätigkeit, allgemeinen Wohlstandes und verfeinerten

Lebensgenusses geboten hätte.

Die Zahl der Zuckerrohrpflanzungen belief sich im Jahre 1850 auf

1442, die Zahl der Kaffeegärten (Cafetales) auf 1618 und die Zahl der

Tabakfelder (Vegas) auf 9102, dabei waren aber um jene Zeit in der

Westhälfte der Insel (westlich von dem Isthmus von Moron) erst ungefähr

acht Prozent und in der Osthälfte sogar nur etwas über drei Prozent von

der Gesamtfläche wirkliches Kulturland, und der Weiterentwickelung des

Wirtschaftslebens schienen auf diese Weise allerwärts noch ungemessene

Räume offen zu stehen.

[Sidenote: Wissenschaftliche Erforschung Cubas.]

Anerkennenswert waren in der Zeit des geschilderten wirtschaftlichen

Aufschwunges auch die Fortschritte, welche die wissenschaftliche

Durchforschung und Kenntnis von der Insel machte. Die Aufnahmen,

welche das spanische hydrographische Amt damals an den Küsten von Cuba

vornahm, durften mit gutem Grunde als mustergültige gerühmt werden, und

im Verein mit den im Inneren bewirkten astronomischen Ortsbestimmungen

führten dieselben im Jahre 1835 zu der Veröffentlichung einer

grundlegenden topographischen Übersichtskarte von der Insel.

Vor allen Dingen aber bewährte sich an der Eingangsschwelle unseres

Jahrhunderts Alexander von Humboldt auch betreffs Cuba als eine Art

zweiter Kolumbus, indem er an der Hand seiner 1801 und 1804 bei Habana,

Guines, Batabano und Trinidad angestellten eigenen Beobachtungen seine

an der Hand der besten anderweit vorliegenden Materialien in seinem

~Essai politique sur l’île de Cuba~ (Paris 1821-1824) ein erstes

kritisches und umfassendes wirtschafts- und kulturgeographisches

Gemälde von der Insel entwarf.[1]

[Illustration: Abb. 9. +Vorstädtisches Matanzas+ (Quintas).]

[1] In Humboldts Fußstapfen gingen dann andere einher: ein Ramon

de la Sagra mit seiner ausführlichen ~Historia fisica,

politica y natural~ (Madrid 1849), ein Felipe Poey mit seiner

~Historia natural~ (Madrid 1851), ein Estéban Pichardo mit

seiner ~Geografia~ (Habana 1854), ein José Maria de la Torre

mit seinem ~Elementos de Geografia~ (Habana 1856), ein José de

Pezuela mit seinem ~Diccionario geografico~ (Madrid 1863) --

nicht zu vergessen der mühevollen kartographischen Leistungen

eines Estéban Pichardo (21 Blätter) und Francisco Coëllo. Eine

von der spanischen Kolonialregierung geplante geologische

Landesaufnahme (1844) scheiterte freilich an den unzureichenden

Mitteln.

II.

[Sidenote: Tabakbau.]

Man darf behaupten, daß die hohe wirtschaftliche Blüte Cubas bis in

die siebziger Jahre des XIX. Jahrhunderts hinein angedauert habe, und

wenn gewisse statistische Ausweise für die Beurteilung dieser Blüte

maßgebend wären, so könnte man sogar geneigt sein zu glauben, daß es

auch in den achtziger und neunziger Jahren noch sehr glänzend damit

bestellt gewesen sei. Die Zuckerproduktion der Insel erreichte ja im

Jahre 1894 die vordem niemals dagewesene Höhe von 1030000 Tonnen, so

daß sie ein volles Dritteil von der Rohrzuckerproduktion der ganzen

Welt ausmachte, und daß Java, Mauritius u. s. w. darin weit hinter Cuba

zurückstanden. Die Tabakernte betrug bis 1895 im Jahresdurchschnitte

gegen 600000 Centner, und etwa 450000 davon wurde in Gestalt von

Blättern, der größere Teil des Restes aber in Gestalt von Cigarren

(1889 250 Millionen) und Cigaretten (1893 147 Millionen Pakete) in

das Ausland verführt. Die Einwohnerzahl der Insel war im Jahre 1890

auf 1660198 gestiegen, die Zahl ihrer Zuckerfabriken (Ingenios) auf

1119, die Zahl ihrer Tabakpflanzungen (Vegas) auf 8485, die Zahl ihrer

Viehzuchtgehöfte (Potreros) auf 4214, die Zahl ihrer Rinder auf 2,5

Millionen, die Zahl ihrer Pferde, Maultiere und Esel auf 965000 und

der Wert ihrer sämtlichen Landgüter auf 1260 Millionen Mark. In seinem

Ausfuhrhandel aber überragte Cuba (1892 384 Millionen Mark) sowohl

Algerien und Ägypten als auch das Kaisertum Japan, und in dem Hafen

von Habana allein verkehrten 1890 2179 Schiffe (mit 2,6 Millionen

Tonnen).

[Illustration: Abb. 10. +Die Königspalmenallee des Botanischen Gartens

zu Habana.+]

[Illustration: Abb. 11. +Ein Ingenio.+]

[Sidenote: Die Ursachen des Niederganges.]

Ungeachtet dieser Ziffern, die von der Bedeutung und dem Werte der

„Perle der Antillen“ kein weniger glänzendes Zeugnis ablegen als das

Tagebuch des Kolumbus, wurde die Lage in Cuba aber in wirtschaftlicher

ebenso wie in politischer und allgemein kultureller Beziehung während

der letzten Jahrzehnte allgemach eine überaus üble, und man durfte sich

seit geraumer Zeit mit Fug und Recht fragen, ob sie wohl in irgend

einem Lande der Erde eine traurigere sein könne. In Irland war sie

höchstens eine ähnlich traurige.

Der Ursachen, die diese Wendung zum Schlechteren herbeigeführt haben

und die es zugleich auch bewirkt haben, daß die Herrschaft über die

Insel vor unseren Augen den Händen der Spanier entglitten ist, --

dieser Ursachen gab es mancherlei, und mit dem bloßen Hinweise auf das

spanische Mißregiment sind dieselben in jedem Falle nicht erschöpft.

Die berührte starke Bevölkerungszunahme in dem letzten Viertel des

vergangenen und in der ersten Hälfte des gegenwärtigen Jahrhunderts

war, da es sich bei Cuba selbstverständlich immer in erster Linie um

eine tropische Pflanzungskolonie handelte, in ganz hervorragender

Weise durch die in jener Zeit sehr schwungreich betriebene

Negersklaveneinfuhr aus Afrika bedingt, und mehr und mehr gewann dabei

das schwarze Element in dem cubanischen Volkskörper das entschiedene

Übergewicht. So waren im Jahre 1774 nicht ganz 44 Prozent von der

Bevölkerung Neger und Mulatten, im Jahre 1841 aber mehr als 62 Prozent,

und erst als die Sklaveneinfuhr aufhörte -- die Schmuggeleinfuhr nicht

früher als in den fünfziger Jahren --, da trat in diesem Verhältnisse

wieder ein Umschwung zu Gunsten des weißen Elementes ein dergestalt,

daß das letztere bei der Volkszählung 1887 62 Prozent, das Element

der Neger und Mulatten aber nur 35 Prozent von der Gesamtbevölkerung

ausmachte.

[Sidenote: Volksverhältnisse.]

Von einer so hochgradigen Verschwarzung und Afrikanisierung wie

auf Haiti oder Jamaica war also auf Cuba zu keiner Zeit die Rede,

immerhin schritt der Prozeß aber vorübergehend ebensoweit fort wie

in den nordamerikanischen Südstaaten Südkarolina, Georgia, Alabama,

Mississippi und Louisiana, und gewisse schlimme Mißstände konnten

auch hierbei nicht ausbleiben. Die Behandlung der Schwarzen durch

die Weißen war unter der heißen Sonne Cubas im allgemeinen eine

viel mildere und menschenwürdigere oder doch eine viel lässigere

und weniger straffe als in Nordamerika, und im Zusammenhange damit

war die Zahl der Freigelassenen früh eine verhältnismäßig große

(1811: 114000 und 1867: 249000), sowie auch die sociale Scheidewand

zwischen den beiden Elementen nirgends eine sehr strenge und schroffe

und vielfache Vermischungen und Übergänge zwischen ihnen Platz

griffen. Dabei wurde die farbige Rasse natürlich nicht zu einem

unterwürfigen Sinne gegenüber der weißen erzogen, sondern viel eher

zu Unabhängigkeitsgefühl und zu hochfahrendem und unbändigem Wesen.

Zugleich gab es auch jederzeit eine beträchtliche Zahl Entlaufener --

sogenannter Cimarronneger, weil die hellfarbigen Mulatten unter ihnen

die Hauptrolle spielten --, und diese scharten sich in den schwer

zugänglichen Gebirgs- und Sumpfwildnissen allerwärts, namentlich aber

in dem östlichen Teile der Insel, zu mehr oder minder starken Banden

zusammen, teils nach afrikanischer Art ein harmloses und bedürfnisloses

Naturmenschenleben fristend, teils aber auch Weg und Steg bedrohend,

einsame Pflanzergehöfte überfallend, raubend, mordend und brennend,

und eine allgemeine Unsicherheit des Lebens und Eigentums schaffend.

Wiederholt, vor allem in den Jahren 1812, 1829 und 1844, wurden in

dieser freien Negerbevölkerung Cubas auch ähnliche politische Gelüste

und Bestrebungen wach, wie seiner Zeit auf Haiti, und mindestens ein

Aponte ging mit seinem Aufstande (1812) zweifellos darauf aus, nach dem

Vorbilde von Toussaint l’Ouverture und Dessalines eine Mulattenrepublik

oder ein Mulattenkaisertum in Ostcuba zu errichten.

[Illustration: Abb. 12. +Fabrikgebäude eines Ingenio.+]

[Sidenote: Neger und Weiße.]

Ein arbeitslustiges und aus eigenem Antriebe wirtschaftlich rühriges

oder geistig vorwärts strebendes Bevölkerungselement ist das farbige

auf Cuba so wenig gewesen wie anderweit, und ein schweres Hemmnis der

allgemeinen Kulturentwickelung der Insel hat darin immer gelegen,

ganz ähnlich wie in den nordamerikanischen Südstaaten. Daß das

Wirtschaftsleben Cubas ein so überaus einseitiges geblieben ist und

sich heute im wesentlichen nur auf zwei Stapelerzeugnisse erstreckt,

ist vor allen Dingen hieraus zu begreifen. Der Rohrzuckerbau würde

trotz der hohen Gunst des Klimas und der Bodenart schwerlich zu dem

angegebenen großartigen Umfange gediehen sein, wenn die Pflanzer in

den Zeiten, wo sie sich zu der schrittweisen Freigebung ihrer Sklaven

verstehen mußten, nicht darauf bedacht gewesen wären, die schwarzen

Arbeiter gutenteils durch eingeführte chinesische Kulis und durch

gemietete weiße Arbeiter sowie durch Maschinen zu ersetzen; und

die Tabakkultur erhielt sich auf der alten Höhe lediglich dadurch,

daß sie jederzeit ganz vorwiegend in den Händen von weißen und

halbindianischen Kleinbauern (Guajiros) gewesen ist. Zucker- und

Tabakdistrikte sind auf Cuba im allgemeinen keine Negerdistrikte. Die

bis zum Jahre 1840 auf das höchste blühende, von der Negerarbeit aber

schwer unabhängig zu haltende Kaffeekultur geriet in argen Verfall und

vermochte in den letzten Jahrzehnten nicht mehr den Eigenbedarf der

Inselbevölkerung zu decken, und der Kakaobau, der Baumwollenbau, der

Indigobau sowie zahlreiche andere tropische Landwirtschaftszweige,

die durch die Naturverhältnisse recht wohl möglich wären, gelangten

über ein schwaches Anfangsstadium ihrer Entwickelung niemals hinaus.

Desgleichen hielt sich auch der bereits bei der indianischen

Urbevölkerung betriebene Maisbau ebenso wie der Reisbau und der Anbau

anderer Nährfrüchte hauptsächlich der schwer entbehrlichen Negerarbeit

halber in sehr bescheidenem, für die Versorgung der Bevölkerung

unzureichendem Umfange, obgleich Mais, Reis, Bataten, Kartoffeln und

dergleichen auf Cuba alljährlich zwei bis drei Ernten von demselben

Boden gewähren.

[Illustration: Abb. 13. +Cubanische Negerin.+]

Daß Neger und Mulatten auf Cuba bei der ihnen eigenen Arbeitsscheu

nur ausnahmsweise zu wirklichem Wohlstande kamen, und daß sie nach

ihrer, mit gutem Grunde von der spanischen Regierung nur zögernd und

schrittweise vollzogenen Befreiung ein besitzloses städtisches und

ländliches Proletariat (Abb. 13) darstellen, kann hiernach nicht

befremden. Ebenso ist es aber auch nicht zu verwundern, daß die

farbige Bevölkerung allezeit ein ganz besonders williges und eifriges

Instrument jeder auf Unordnung und auf Umsturz der bestehenden

Verhältnisse abzielenden Bewegung gewesen ist, und daß sie auch in

den Revolutionskriegen der Jahre 1868 bis 1878 und 1895-1898 sowohl

eine verhältnismäßig große Zahl der Anführer -- einen Antonio und José

Maceo, einen Quintin Bandera, einen Clotilde Garcia, einen Villanueva,

einen Castillo -- als auch die entschiedene Mehrzahl der wirklichen

Kämpfer und des Trosses in dem Insurgentenheere gestellt hat. Der

große und erfolgreiche Brenn- und Sengzug durch die Zuckerrohr- und

Tabakfelder, den die Insurgenten im Winter 1895 zu 1896 in der ganzen

gewaltigen Längserstreckung der Insel ausführten -- von der äußersten

Ostspitze (Kap Maisi) bis zur Westspitze (Kap San Antonio) ist es

weiter als von der deutsch-russischen bis zu der deutsch-französischen

Grenze (gegen 1200 Kilometer) --, kommt beinahe ausschließlich auf die

Rechnung der Mulatten und Neger.

[Sidenote: Volksleben.]

Die weiße Bevölkerung Cubas entströmte im bemerkenswerten Gegensatze

zu derjenigen der Nordamerikanischen Union in dem gegenwärtigen

Jahrhunderte ebenso wie in allen voraufgegangenen in der Hauptsache

einem einzigen europäischen Lande -- Spanien --, und soweit sich der

Stammesgegensatz zwischen Castiliern, Catalanen, Basken, Andalusiern

u. s. w. von dem spanischen Boden auf den Boden der großen

Antilleninsel verpflanzte, so schwand er daselbst immer sehr rasch.

Es läßt sich demnach kaum eine vollkommenere Einheitlichkeit in

Sprache, Sitte und Lebensart, sowie zugleich im Religionsbekenntnisse

denken, als er unter den cubanischen Weißen herrscht, und ebensowenig

auch eine vollkommenere ethnologische Übereinstimmung zwischen der

Kolonie und ihrem Mutterlande. Man rühmt den Cubanern nach, daß

sie fast durchgängig ein sehr reines Castilisch sprechen. Ebenso

erfreuen sie sich an dem grausamen Spiele des Stiergefechtes mit

seinen buntgekleideten Toreros und Toreras, Banderilleros und

Banderilleras (Abb. 14 und 15), sowie an dem des Hahnenkampfes mit

den damit verbundenen Wetten, an den Glücksspielen des Monte und der

Lotterie, an der Musik der Guitarre, an den Volkstänzen des Fandango

und Zapateado (Abb. 16), und vielfach entfalten sie bei alledem

eine noch größere Leidenschaftlichkeit, als ihre daheim gebliebenen

Stammesbrüder, so daß man behaupten könnte, der heißblütige spanische

Nationalcharakter habe sich in ihnen nur noch weiter gesteigert. Die

Männer tragen breitrandige Sombreros wie in Spanien und die Frauen

schwarze Spitzenmantillas (Abb. 17). Die Häuser von Habana und Santiago

sind von derselben massigen und festungsartigen Bauart wie die von

Toledo und Sevilla, und besseren darunter fehlt nie der blumen- und

palmengeschmückte innere Hof (Patio) sowie die Söllerausstattung

der oberen Stockwerke, nur sind ihre Fenster weiter und statt mit

Glasscheiben mit schwerem Eisengitterwerk verschlossen (Abb. 18, 19

und 20), weil der Luftbedarf darin in dem Tropenklima naturgemäß

ein viel größerer ist. Die Getränke kühlt man in den wohlbekannten

spanischen Alcarrazas (porösen Thonkrügen), während sich im übrigen in

den Trinkgefäßen zum Teil der auch nach dem Mutterlande hinüberwirkende

indianische Einfluß geltend macht (Abb. 21). Die Herrschaft über

die Geister endlich führen in Cuba wie in Spanien Priester und

geistliche Orden, und nur unter den Männern herrscht hier wie dort

eine gewisse Neigung zu Gleichgültigkeit in religiösen Dingen oder zu

ausgesprochenem Freidenkertume.

[Illustration: Abb. 14. +Ein Stiergefecht.+]

Wie bei solcher Übereinstimmung und Einheitlichkeit eine tiefe Kluft

mitten durch die weiße Bevölkerung Cubas hindurchgehen kann, mag auf

den ersten Blick unbegreiflich erscheinen. Die Thatsache läßt sich

aber nicht leugnen und auch die andere Thatsache nicht, daß die Kluft

sich niemals hat überbrücken lassen und daß sie noch erheblich mehr

als die geschilderte Eigenart der farbigen Rasse dazu beigetragen hat,

die materielle und geistige Kulturentwickelung Cubas zum Stillstand

und die spanische Herrschaft über die Insel zum Zusammenbruche zu

bringen. Auch in anderen Kolonialländern, und nicht zum mindesten auch

in der Nordamerikanischen Union -- die in beträchtlichem Umfange bis

auf den heutigen Tag ein Kolonialland geblieben ist --, bildet sich

verhältnismäßig rasch ein Gegensatz zwischen den älteren und neueren

Ankömmlingen, bezugsweise zwischen den im Lande Geborenen und den

Einwanderern, und die letzteren werden von den ersteren vielfach als

„Grüne“ oder „Gringos“ mit mißgünstigen Augen betrachtet, weil sie den

wirtschaftlichen „Kampf ums Dasein“ zu einem härteren und schwierigeren

machen. In Cuba, wo sich dieser Gegensatz bereits in den Zeiten der

Velasquez und Cortez deutlich genug bemerkbar machte, ist er durch

verschiedene Umstände aber zu viel größerer Schärfe und Schroffheit

gediehen, als anderweit.

[Illustration: Abb. 15. +Stierfechter+ (Banderillero).]

[Sidenote: Das Klima Cubas.]

Das cubanische Klima weicht zwar in dem größeren Teile der Insel (im

ganzen Westen und Norden) nicht unwesentlich von dem Typus des normalen

Tropenklimas ab, insofern als die von Nordamerika hereinbrechenden

Nordwestwinde („Nortes“) öfters eine starke Abkühlung mit sich

bringen -- in den höher gelegenen Teilen des westlichen Binnenlandes

gelegentlich bis zur Rauchfrostbildung --, und eben dadurch hat es

die Akklimatisation der weißen Kulturmenschen in einem höheren Maße

begünstigt, als irgendwo sonst zwischen den Wendekreisen. Immerhin

wirkt das Klima außerordentlich erschlaffend auf die Nerven sowie auf

den ganzen Organismus. Das kann jeder, der Cuba besucht, an sich selbst

wohl genug erfahren, auch wenn er sich nur kurze Zeit daselbst aufhält.

Ist doch die Durchschnittstemperatur des Januar (22,2° ~C~) in Habana

immer noch 3,2° wärmer als die Temperatur des Juli in Berlin, die

Durchschnittstemperatur des Juli (28°) aber wenigstens noch 0,2° wärmer

als in New Orleans, und geht doch mit den hohen Hitzegraden an den

meisten Tagen des Jahres, vor allen Dingen aber in der Regenzeit (Mai

bis November), eine große relative Luftfeuchtigkeit und eine starke

elektrische Spannung Hand in Hand.

[Sidenote: Wirkungen des Klimas.]

Die in dem Lande geborenen Kaukasier -- die Kreolen oder die „Cubanos“

schlechthin -- erscheinen unter der Herrschaft dieses Klimas im

großen Ganzen als ein schwächlicher Menschenschlag, dem Thatkraft,

Arbeitslust, Unternehmungsgeist und offener Mut in einem hohen Grade

abgeht, während ihm nicht ohne Grund Arglist und Heimtücke, sowie

Hang zu privater und politischer Ränkespinnerei nachgesagt wird. Am

ehesten noch dürfte man vielleicht hinsichtlich der Frauen behaupten,

daß durch die veränderten geographischen Verhältnisse eine Veredelung

des spanischen Typus herbeigeführt worden sei. Von ihnen werden

aber auch andere Eigenschaften erwartet als von den Männern, und

in dem Schatten der Häuser und Söller vermögen sich dieselben den

klimatischen Einflüssen wenigstens teilweise besser zu entziehen als

jene. Und Trägheit sowie Mangel an geistigem Bildungstrieb macht man

den mit sanften Glutaugen, vollen Körperformen und üppigem Haarwuchs

ausgestatteten Kreolinnen ebenfalls zum Vorwurfe. Übrigens giebt es

natürlich unter den Männern ebenso wie unter den Frauen glänzende

Ausnahmen von der allgemeinen Regel, in den meisten Fällen handelt es

sich dabei aber um Persönlichkeiten, die in der glücklichen Lage waren,

zeitweise unter einem außertropischen Himmelsstriche -- in Spanien

oder in Nordamerika -- zu leben und daselbst ihre Spannkraft mehr oder

minder vollständig zurückzugewinnen.

[Illustration: Abb. 16. +Zapateado.+]

Die neuen Ankömmlinge aus Spanien, die in den letzten Jahrzehnten

namentlich aus den Baskenprovinzen, aus Asturien, aus Galicien und aus

Catalonien in beträchtlicher Zahl ins Land kamen, zeichnen sich, wie

es bei den Auswanderern über See ziemlich allgemein der Fall zu sein

pflegt, sowohl durch robuste Körperkraft als auch durch Willensstärke

aus, und zugleich sind sie außerordentlich erwerbslustig und

betriebsam, während sie betreffs ihrer geistigen Bildung und betreffs

ihrer ethischen Grundsätze in vielen Fällen keineswegs auf einer sehr

hohen Stufe stehen. Dem Klima zahlen sie ihren Tribut in den ersten

Jahren ihrer cubanischen Existenz vornehmlich damit, daß sie von den

bekannten Akklimatisationskrankheiten des Gelb- und Malariafiebers

betroffen und zum Teil dahingerafft werden: soweit sie dieselben

überstehen, bewähren sie sich aber in dem Wirtschaftsleben als ein

sehr rüstiges und tüchtiges, zugleich aber auch den Creolen gegenüber

als ein sehr aggressives und rücksichtsloses Bevölkerungselement.

Allmählich schwindet wohl der Vorrat von Energie, den sie mitgebracht

haben, auch bei ihnen, erst die Kinder aber werden in jeder Beziehung

den Creolen gleich, wie sich dieselben -- meist unter dem Einflusse

ihrer cubanischen Mütter sowie unter dem Einflusse der Bildungsarmut

ihrer spanischen Väter -- auch alsbald als solche fühlen.

[Sidenote: Wirtschaftliche Verhältnisse der Bevölkerung.]

Neben der einfachen geographischen Differenzierung, die in solcher

Weise zwischen den Spaniern und den Creolen -- den „Peninsulares“ und

den „Cubanos“ -- eintritt, geht aber noch eine volkswirtschaftliche

Differenzierung einher. In dieser Beziehung befinden sich die

Creolen im Zusammenhange mit ihrem Volkscharakter großenteils in

keiner günstigen Lebenslage, und die Mehrzahl von ihnen stellt ein

ähnliches Proletariat dar wie die große Masse der Farbigen, mit der

es in beständiger Verschmelzung begriffen ist -- nichts sein eigen

nennend als eine Machete (ein Haumesser zum Zuckerrohrschneiden und

Dickichtlichten) und eine Hängematte, und je nach der gebotenen

Arbeitsgelegenheit oder nach sonstigen Lockungen bald hier, bald da,

aus der Hand in den Mund lebend, nicht gerade selten auch von denselben

Desperado- und Banditenneigungen beseelt, wie ein Teil der Farbigen.

Die Besitzer von großen Pflanzungen unter ihnen sowie auch die Besitzer

von kleineren Landgütern irgend welcher Art sind aber vielfach tief in

Schulden und sehen ihre Liegenheiten infolgedessen oft genug in die

Hände neuer Ankömmlinge, seien dies Spanier oder seien es Amerikaner,

Engländer, Deutsche u. s. w., übergehen. Die eingewanderten Spanier

dagegen gelangen, auch wenn sie ohne eine Peseta (80 Pfennige Nennwert)

in Habana angekommen sind, für die Regel rasch zu einem kleineren oder

größeren Vermögen, und unlautere Mittel haben sie dabei durchaus nicht

unbedingt nötig, wenn sie auch nicht völlig ausgeschlossen sein mögen.

Da der bessere Landbesitz in Cuba seit lange in fester Hand war -- dank

vor allem den großen Schenkungen (~mercedes~) der spanischen Krone an

ihre Günstlinge --, so wandten sich die neuen Einwanderer übrigens

immer beinahe ausschließlich in die Städte, und es vollzog oder erhielt

sich in dieser Weise noch eine weitere Sonderung zwischen ihnen und

den Creolen, sowie zugleich auch eine weitere Vereinheitlichung der

beiden Elemente innerhalb ihrer selbst. In den Städten, und namentlich

in Habana, hatten die Spanier die Oberhand, das Land mit seinen

Estancias (Farmhäusern), Bohios (Palmstrohhütten) und seinen Petreros

(Viehzuchtgehöften) war aber rein creolisch (Abb. 22 und 23) -- ein

Umstand, in dem jederzeit die größte Stärke der Insurrektionsbewegungen

gelegen hat.

[Illustration: Abb. 17. +Cubanisches Mädchen im Patio.+]

[Sidenote: Spanische Politik.]

Daß sich Creolen und Spanier auf Cuba seit geraumer Zeit wie zwei

feindliche Lager gegenüber gestanden haben und gegeneinander von

bitterem Hasse erfüllt gewesen sind, und daß sich der Spruch „Blut

ist dicker als Wasser“ an ihnen schlecht genug bewährt hat, darf nach

diesen Ausführungen nicht wunder nehmen, und die Einheitlichkeit und

Geschlossenheit der beiden Elemente in sich mußte eher dazu beitragen,

die Schroffheit des Gegensatzes zu steigern, als sie zu mildern.

Mindestens wurde es der spanischen Regierung dadurch schwer gemacht,

den Creolen gegenüber den alten Herrschergrundsatz des „~Divide

et impera~“ in Anwendung zu bringen, und zweifellos würden sich

Nativisten und Einwanderer in der Nordamerikanischen Union auch in viel

bedenklicherer Weise gegenüber stehen, wenn sie statt aus einer bunten

Vielheit von Nationalitäten aus einer einzigen beständen.

[Illustration: Abb. 18. +Typisches spanisches Haus.+]

[Sidenote: Nationalcharakter und Aufstand.]

Cuba · 第 1 / 11 段