voll Kinder, das letzte Andenken von dem Herrn Känguruh, der selber im
australischen Busch geblieben war. Wie ein Briefträger zur Neujahrszeit
lief sie daher, aber statt Päckchen und Kreuzbandsendungen waren es kleine
Känguruhs, die aus ihrer Tasche kullerten. »Nun ist mir leichter,«
sagte sie, als die Kleinen größer geworden, zu groß für den Schlafsack,
»aber nun friert mich beständig. Ja, ja, die Kinder gehören der Mutter,
doch nur so lange sie klein sind.« Denn ihre Schwäche waren wohl gewisse,
etwas rührselige Gemeinplätze. Damals schon hätte ich ihr gern ein
Schaltuch geschenkt.
Später dann wanderten ihre Kinder aus, in andere Gärten, und sie blieb
allein. Mit den übrigen Nachbarn konnte sie sich nicht anfreunden. Es
fehlte die Resonanz. Sie bezog ein leidlich großes Quartier, mit einer
Trauerweide in der Mitte und ihrem Borkenhäuschen in einer Ecke, das mich
immer an eine alte illustrierte Ausgabe von =Paul et Virginie= erinnerte,
die wir auf dem Lande besaßen. Aber mit zwei Sprüngen war sie doch
gleich am anderen Ende. Und das nagte an ihr. Bis sie dann älter wurde und
ruhiger.
»Sie glauben nicht, was ich früher für ein Temperament hatte,« sagte
sie. »Aber nun ist man ja zufrieden, wenn man sein Essen hat und sein
Plätzchen im Grünen.«
Die Känguruhmutter wäre eine entzückende Kastellanin gewesen. Im grauen,
gehäkelten Seelenwärmer, den Schlüsselbund am Gürtel, wie wäre sie
emsig die weißen, hallenden Treppen auf und ab gerannt; wie pflichttreu
hätte sie Staub gewischt. Wie hätte sie andachtsvoll die seufzenden
Mahagonisekretärs geöffnet und aus der griechischen Tempelarchitektur
im Hintergrund jene schicksalsschwere Wedgwoodtasse hervorgeholt und
den Auserwählten gezeigt, wie auch das Original des berühmten,
herzzerreißenden Sonetts, das der Dichterfürst damals, am Tag der
Abreise, auf einen alten Brief gekritzelt hatte!
Wie würde sie mit der Überzeugungskraft steter Wiederholung, all die
längst berichtigten Unwahrheiten über das Damenporträt im fürstlichen
Alkoven den lauschenden Amerikanern versetzt haben, die gläubig und
starr, in riesenhaften grauen Filzschuhen einen Halbkreis um sie bildeten,
hypnotisierten Strandläufern vergleichbar! Und mit welcher Ehrfurcht
würde sie den weißen Überzug eines Tapisseriesessels gelüftet und mit
leiser Stimme versichert haben, die übrigen elf seien genau ebenso
und alle, alle seien sie von der Hand der hochseligen Maria Pawlowna
gestickt ...
=II=
Das Marmutzchen
Ganz im Dunkeln, hoch oben in einem Winkel hockt das Marmutzchen. Aber
eigentlich heißt es Lemur und lebt in Madagaskar, wo ich auch leben
möchte, denn ich glaube, ich könnte alles Böse vergessen, wenn ich eine
Schar solcher Marmutzchen mein eigen nennte. Oder auch nur eins. Sie
haben buschige Schwänze, wie Eichkaterchen, nur viel länger; spitze
Schnäuzchen und spitze Öhrchen mit kleinen Haarbüscheln, große, große
Glühaugen und kleine streichelnde Hände wie Affen. Aber sie sind nur
Halbaffen und es wird gar kein Aufhebens mit ihnen gemacht.
Sie sollten ganz große Käfige haben -- so groß wie der Käfig vom
Lämmergeier --, um von einem Baum zum anderen zu springen, und überall
kleine, verschwiegene Höhlen für Familienglück, und Bananen und Kirschen
in Fülle. Sie machen den Menschen nichts nach wie die wirklichen Affen,
die so traurig und beschämend sind, denn man taugt doch, weiß Gott, nicht
zum Vorbild; nein, sie haben gar nichts vom Menschen, bis auf die kleinen
schwarzen Hände, die innen kühl und zart und faltig sind; so wie ich mir
Rumpelstiltzchens Hände denke.
Armer kleiner Lemur, ganz allein in seinem finsteren Winkel. Und dann
pfeife ich -- die ersten zwei Takte der Serenade aus Don Juan, und er
klettert herunter und läßt sich krauen, so gut es durch das Gitter geht.
Ach, wenn man doch Gottvater wäre, oder vielleicht besser noch Direktor
des Zoologischen Gartens, da könnte man dem Marmutzchen noch glückliche
Tage schaffen, ehe es stirbt. Denn schon ist es alt, sein Pelz ist schäbig
geworden und die großen Glühaugen werden trübe, die kleinen Händchen
können sich nicht mehr festhalten. O Wälder Madagaskars, o flüsterndes
Schilfrohr, wo sich die Bäume im Abendrot der Sümpfe spiegeln ... Möchte
die Seele des armen Marmutzchen zurückfinden in euer Dämmergrün, auf
den Lianen schaukeln, die sich von Ast zu Ast schlingen, wenn die laue
Luft durch die Wipfel geht und in der Lichtung der Mond über die Gräser
trippelt.
=III=
Vom Seelöwen
Ich sagte zum Seelöwen: »Ihre schlichte Haartracht eignet sich wunderbar
für das Element, in dem Sie leben. Aber es gehört Ihre Kopfform dazu, um
so, aller Einrahmung bar, zu bestehen.«
Der Seelöwe schniefte. Ich wollte ihm mein Taschentuch geben, aber es war
doch besser, nichts zu bemerken. Er hatte sich in seinem nassen Dekolleté
ganz über die steinerne Brüstung seines Behälters gelehnt; mit der
unbekümmerten Schamlosigkeit einer alten, fetten Palastdame, die einsam in
der Hofloge einer kleinen Residenzstadt thront, wo die besseren Damen sonst
nur in Seidenblusen, hoch herauf, erscheinen.
»Ihre abfallenden Schultern,« fuhr ich fort, »würden den seligen
Winterhalter zu unsterblichen Werken begeistert haben. In meiner Kindheit
war sein Ruhm auf dem Höhepunkt und die stolzesten Fürstinnen bestürmten
sein Atelier. Schultern wie die Ihrigen waren damals Vorschrift; an ihnen
rieselten die Mantillen nieder wie elegische Wasserfälle. Ja gewiß, er
würde Sie gemalt haben, am Arm ein Körbchen mit ganz unwahrscheinlichen
Weintrauben, bläulicher Parknebel und irgend etwas Gerafftes im
Hintergrund. Vielleicht auch eine Balustrade. Solche lächelnden Damen
hingen dann im Dämmerlicht in Salons mit Boulemöbeln, die sich immer kalt
anfühlten, und karmesinfarbenen Sesseln und Sofas, wo die kleinen
Mädchen Clementi übten oder etwas Leichteres von Chopin, zur
Weihnachtsüberraschung für den Vater. Die Sonne glitzerte ab und zu in
den Kristallkronen und alle Samstag kam der kleine asthmatische Uhrmacher
und zog stöhnend die schwarze Marmorpendüle auf. Die Dame an der Wand sah
lächelnd vor sich hin. Eine Tante, die im Ausland gestorben war ...«
»Sagen Sie mir,« sprach ich zum Seelöwen, »wenn Sie so vor sich
hinsehen, kurzsichtig vor lauter Weitsichtigkeit, was ist's, das sich in
Ihnen spiegelt? Die matte, tausendmal durchatmete Luft dieses Gartens weckt
die Sehnsucht, aber tötet sie nicht die Erinnerung? Wenn Sie doch sprechen
könnten! Stundenlang wollte ich Sie hinter Ihren kleinen Ohrlöchern
krauen, wenn Sie mir von damals erzählen wollten, von den grünen,
unmenschlichen Mondnächten über den Klippen, oder von der Tiefe, wohin
die Stürme nicht mehr dringen, wo man zwischen Seepflanzen schwimmt, die
beinah Tiere sind, die sich zusammenziehen und wieder auftun wie Fäustchen
saugender Kinder. O wie begreife ich nun Ihr Schniefen, aus dem ich Ihnen
beinah einen Vorwurf gemacht hätte. Ja, Sie fahren auf den Grund, Sie
suchen, aber da ist nichts, alles zementiert, nur verfaulte Äpfel und
aufgeweichte Brotrinden, womit Unwissende Ihr Becken verunreinigten; und
dann fahren Sie hoch und prusten, und suchen in der Luft nach Salz, nach
treibendem Seegrasduft ... Ja, und dann schwillt Ihr Hals an, mehr und mehr
und pendelt wie irrsinnig von links nach rechts, Ihr kleiner Schlangenkopf
biegt hintenüber, Ihr glitzernder Rachen öffnet sich und schleudert den
Schrei hinaus, zweimal, dreimal, den großen, harten, heiseren Schrei, der
Ihre glatten, gehorsamen Weibchen vor sich hertrieb, im Morgengrau, der
Sandbank zu ... O Salz, Salzschaum in den Bartstacheln, gutes, beißendes
Salz, das durch die kleinen, runden Naslöcher hochgepumpt, das Hirn spült
und als eisklare Träne zurückrinnt in den tropfenden Bart. Ach, ich
fühle es wohl, Sie sind hier gänzlich deplaciert. Aber wer wäre es nicht
in einem Gefängnis ...!
Wie Sie diese Philister verachten müssen mit ihren Kuchentüten und
Sonnenschirmen, mit ihren Brautpaaren und Kindern, die nicht gehorchen und
doch vor allem Furcht haben. Wie erbärmlich ist dies Geschlecht, das seine
Glieder versteckt und unter Wasser erstickt!
Sie in ihrem Niedergang sind jedenfalls ehrlich, leben nur noch für den
Augenblick, wenn der Mann in der blauen Jacke Ihren Eimer voll kleiner,
weißbäuchiger Fische in das Bassin schüttet. Und im übrigen grunzen
Sie in der Sprache der Meergötter, die niemand versteht, und machen
Wassergymnastik, und es wäre zu wünschen, Wagners Rheintöchter hätten
Sie zum Lehrmeister gehabt.
Meine Hochachtung. Aber ich will gehen. Es hat mich alles etwas deprimiert.
Wenn möglich, bringe ich Ihnen das nächstemal einen Seefisch. Seien Sie
mir gegrüßt!«
=IV=
Myra
Es ging gegen Abend und ich wollte gehen, aber da lernte ich eine Amme
kennen, ach, eine verzweifelte Amme, denn sie durfte nicht mehr zu ihrem
Pflegekind. Manchmal hört man Mütter sagen, daß sie ihre Kinder vor
Liebe fressen möchten, aber hier war es der Säugling, der die Mutter
fressen würde. Ziemlich gelangweilt saß er hinter den Gitterstäben. Eine
ganze Weile hatte er mit der dummen Holzkugel gespielt, denn das wurde von
ihm erwartet. Was aber nun? Ab und zu blinzelte er hinunter zu ihr, die aus
verschleierten Goldtopasen unverwandt zu ihm aufsah und nur ab und zu einen
kurzen, sehnsüchtigen Blaff ausstieß. Er aber kniff die Augen zu; sein
Schmerz war schon von der Watte Gewohnheit umwickelt; er träumte von
seiner neuesten Entdeckung: Beefsteak.
Der Wärter kam und scheuchte sie hinaus; aber die Türen blieben der
Wärme wegen geöffnet, so kehrte sie immer wieder auf ihren Platz vor dem
Käfig zurück. »Ja, das Vieh kann einem dauern,« sagte der Mann. »Nun
sind es schon vier Wochen, daß Cäsar =II.= entwöhnt ist, aber sie gibt
noch immer keine Ruhe. Und gelitten hat sie auch, sie schwoll so furchtbar
an und hatte richtig Milchfieber. Wir wollten ihr kleine Hunde anlegen,
damit ihr leichter würde, die Jungen von der Polarhündin, die eingegangen
ist. Mein Kollege hat alles versucht, aber nein, sie ließ sie nicht
ankommen; sie ist nun mal an Löwen gewöhnt.«
Ich sah ihn an. »Ja, dies ist das drittemal, daß sie bei Löwen Amme ist.
So eine gibt's bald nicht wieder. Aber jedesmal ist's beinah zum Sterben
mit dem Absetzen, bis sie sich drein ergibt.«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Wieviel vernünftiger, dachte ich, handeln die Menschen. Ein deutlicher
Fingerzeig, daß sie zum Herrschen erkoren sind. Da war Teresina, die
Toskanerin. Sie kam, vom deutschen Arzt unter vielen Aspirantinnen
auserwählt, zu meiner jungen Freundin, die sanft und erschöpft in ihren
schönen Kissen lag. Teresina schien eine Bettlerin -- sie kam in Lumpen.
»Das,« sagte der blonde Germane, »darf Sie nicht irremachen, meine
Gnädigste. Zu Haus hat sie Schränke voll Kleider und Wäsche. Dies ist
hier nun einmal Geschäftsusance. Aber sehen Sie her ... ist sie nicht
prachtvoll? =Apri=,« sagte er kurz und geschäftsmäßig.
Teresina öffnete ihr grobes und zerrissenes Hemd. Maria Beata wunderte
sich. Sie hatte mehr erwartet. Gerade hier in der Heimat Michelangelos.
»Klein,« sagte sie schüchtern. »Klein?« wiederholte der Blondbärtige
verächtlich. »Juno könnte stolz sein auf eine solche Brust. Man bringe
den Säugling,« setzte er sachlich hinzu.
Der Säugling wurde gebracht, von Maria Beata mit großen ängstlichen
Augen verfolgt, ähnlich einer Katze, die zusehen muß, wie man ihre
Jungen aus dem Neste hebt, um sie teils zum Leben, teils zum Stadtbach zu
verurteilen. »Lege ihn an,« sprach der Teutone zur Toskanerin.
»=Tesoro mio=,« schrie Teresina auf, kaum daß sie ihn im Arm hatte. Und
nun kam der Paroxysmus: »=Subito si è attacato, povero bimbo, ma che
tu hai patito la fame? Ah birbone, ah figlio d'un cane, ma che tu sei
'na sanguesuga? Eh Coccodrillo, eh rospo di macchia, ma la guardi come
poppa!=« Denn in jenem Lande versteckt sich mütterlicher Enthusiasmus
schamhaft unter Injurien. Aber schon leckten ihre Augen gleich braunen
Schlängelchen der Liebe und Eifersucht an den rosigen Gliedern ihres
kleinen Milchsohns auf und nieder. Und Maria Beata erkannte, daß hier eine
Mitregentin sei.
Als nach neun Monaten Teresina, mit einem rhapsodischen Zeugnis und
zahllosen Geschenken versehen, das Haus der =Tedeschi= verließ, war
dem ein kurzer aber rasender Schmerzensausbruch vorangegangen. Aber der
Kopfputz aus dunkelroten, getollten Seidenbändern, der sie in eine Dahlie
verwandelt hatte, die zitternden Silbernadeln und Korallenketten, die
gestickten Busentücher und großen Musselinschürzen, die Hemden und
Röcke, die Schuhe und Zwickelstrümpfe: alles ging mit, alles kam in den
großen Cassettone zu Füßen von Teresinas mächtigem Ehebett. Und das war
tröstlich. Ja, nun ging es heim zum =Marito=, der vor Porta Romana eine
Droschke innehatte mit einem einäugigen Schimmelchen, =la Stellina=
benannt, das mit grüner, heimlich ausgeraufter Gerste gefüttert wurde.
Heim in den kleinen Vorort, wo die Frauen so gemütlich in Nachtjacken vor
ihren Haustüren sitzen, mit Strohflechterei beschäftigt; wo es sich so
nett und gründlich mit den Nachbarinnen tratscht, während über einem an
den Hausmauern in praller Sonne, in vielen winzigen Käfigen, die kleinen,
geblendeten Vögel unaufhörlich trillern, weil sie ja nicht wissen
können, ob Tag oder Nacht ist.
»Ich habe sie gleich wieder vorgemerkt,« sprach der blonde deutsche Arzt.
»Beim Principe O. hat soeben Donna Faustina, die älteste Tochter, sich
vermählt. Ich denke, das kann gerade stimmen. Es ist immer gut für solche
Fälle gerüstet zu sein. Und Teresina ist meine beste Nummer.«
Die schöne Ausstattung von Maria Beata würde natürlich verkauft oder
im Cassettone verschwinden und Teresina würde auch dort ärmlich und
abgerissen zum Antritt erscheinen, aber im Besitz ihrer göttlichen Brust
und ihrer Zeugnisse auch dort ihre Mitbewerberinnen aus dem Felde schlagen.
Um dann, den kleinen Principe im Arm, als königliche Dahlie in den
historischen Gärten der fürstlichen Villa auf und nieder zu gehen;
gefürchtet und geehrt ...
* * * * *
Ich kam noch einmal durchs Raubtierhaus. Cäsar =II.= trank gerade Milch
aus einer Blechschüssel; aber er schien nicht recht bei der Sache: noch
war ihm der Wärter das heutige Beefsteak schuldig. Myra aber, die Dogge,
wurde soeben beim Halsband hinausgeschleift. Sie stemmte sich mit allen
vier Pfoten, sie wandte den Kopf rückwärts, anklagend, verzweifelt, und
ihre armen runzligen Zitzen baumelten leer und sinnlos wie ein Glockenspiel
ohne Klöppel.
Laubstreu
Novembertage! Wie liebe ich euch, dort in meiner Kinderheimat ...
Ergreifend wie das allererste Frühjahr und ihm ähnlich. Wie sie daliegt
die Erde und uns anblickt, ganz arm, sie, die alles gegeben hat, so wird
sie daliegen, wenn der Schnee geschmolzen ist; still atmend unter
braunem Laubgemoder, die Büsche noch kahl, und hier und dort wird eine
verschrumpfte rote Beere leuchten, die die Vögel unter dem Schnee nicht
erspäht hatten. Nur der Geruch wird anders sein, und wo der Fuß in
faulenden Blättern wühlt, wird er am Grabenrand kleine Primelvereine
aufstören, noch in sich geduckt und ängstlich, und alles, was heute
glitzert, wird auch dann glitzern, aber anders, froh und bänglich, und
jeder Sonnenstrahl, der sich in Wasserlachen spiegelt, wird anders in den
Spiegel sehen. Aber die Hügel werden so wie heut am blassen Himmel liegen,
dasselbe zartgegliederte Gezweig der Wipfel, wie Seegräser im klaren
Meerwasser, bräunlich-rosig und ganz still: es könnten Fischchen darin
ein und aus schwimmen!
Dort bist du schön, November, schön wie verwelkende Frauen, denen Liebe
und Leid die Zeichen grub, alternde Frauen, die noch lächeln können wie
Mädchen, die mütterlich sind wie schlanke schauernde Hirschkühe; die ein
wohlriechendes Blatt mit den Fingern reiben, behutsam und begehrlich nach
den feinen und flüchtigen Dingen dieser irdischen Bescherung.
Mütterchen Heimat! wie die Russen sagen, die so weich das Herz
streichelnde Worte haben, als hätten Kinder sie erfunden; Mütterchen
Heimat! Wie schön war der Tag, als ich zum letztenmal hinaufstieg auf den
Berg, der mir als Kind ebenso unerreichbar schien wie der Chimborasso:
erst durch feuchte, reifgraue Wiesen, an Kohlgärten und Kartoffelfeldern
vorbei, wo Feuer knisterten und der weiße Rauch rein und bitter in die
Luft schwelte. Vor mir die Höhen, braunviolett, schon entlaubt, nur hie
und da, am Waldrand, eine Buche, aufflammend wie der Engel mit feurigem
Schwert.
Die Birnbäume in den Wiesen -- o ihr guten Holzbirnchen, die ihr den Mund
zusammenzieht und doch süß seid unter eurer Herbigkeit -- ließen ihre
roten Blätter fallen, die schmalen Wasserrinnen im Grase trugen sie fort
mit leisem Gluckgluck; Karren, mit Rüben beladen, kamen des Wegs, die
kleinen kurzbeinigen Kühe dampften in der Herbstluft, rötlich und weiß,
mit nassen rosa Schnuten und faltigen Wampen, blondbewimpert wie Rubenssche
Göttinnen. Dann tat sich der Wald auf und sein Wohlgeruch war wie ein
Rausch. An der Erde, an den Abhängen, auf allen Pfaden lag das Laub,
fußhoch; Leute harkten es herunter von den Hängen, soweit man durch die
Stämme sah; zu hohen Haufen türmten sie's, der Duft von Pilzen und Erde
und Gärung wurde immer stärker. Das wären Raschelnester gewesen für
kleine Waldgötter mit Zottelbeinchen, sich darin einzuwühlen, bis nur die
spitzen, bepelzten Ohren heraussahen; aber nun sollten die kleinen blonden
Kühe darauf liegen, im Winter, in den warmen, dunstigen Ställen, wenn der
Laternenschein über den Schnee huscht und der Rauch vom Dache aufsteigt,
zum Zeichen, daß dort Menschen wohnen.
Der kleine Pfad war ganz schlüpfrig von den Blättern, immer höher
zickzackte er; hier war nur junger Buchenbestand, glatte Stämme in grauer
Atlashaut, ihnen zu Füßen der rostrote Teppich -- und ein Sonnenstrahl
ging vor mir her. Ganz droben begann wieder der Tannen Reich, ihre Wurzeln
deckte Moos und Sauerklee, und Brombeeren wucherten da, die im Schatten
grün geblieben; noch ein paar Schritte, und vor mir stand der plumpe,
runde Turm. 1837 war über seiner Tür eingemeißelt, und ich sah sie hier
wandeln, Mamas mit Krinolinen und komischen Sonnenschirmchen, wie man
sie auf Porzellanvasen vor Königsschlössern wandeln sieht, und Papas in
schachbrettartigen Beinkleidern, mit erstickenden Halsbinden und grauen
Zylinderhüten; und die artigen Kinder erst! Wie die Bilder in »=les
petites filles modèles=«, mit Pamelahüten und gestickten Höschen, mit
Reifen und roten Luftballons! Der Turmwart kam und erzählte, daß
sein Großvater der erste Turmwart gewesen. Er wohnte noch in demselben
strohgedeckten kleinfenstrigen Häuschen, und seine dicke Frau kam und rief
zu Kaffee und Zwetschgenkuchen. In der Küche war aufgetischt, und dort
lief eine alte, zutrauliche Hasenmutter herum, deren dunkles Fell wie
von Rauhreif übersilbert war, das schnuppernde Näschen und die glatten
Hängeohren aber kohlschwarzer Spiegelsamt. Sie war's gewöhnt, auf den
Schoß genommen zu werden, man reichte sie herum wie eine Wärmflasche, und
dann trank sie Milchkaffee aus der Untertasse, wie ein Christenmensch!
Dann ging der Turmwart auf den Turm, und ich sah ihn in der düstern
Wendeltreppe verschwinden, wo an den Balken die Fledermäuse schon im
Winterschlaf hingen, zusammengerollt wie alte schwarze Glacéhandschuhe.
Alte Städtchen, an Bergen gelegen, haben in ihren Ausläufern
halbländliche Wege und Gassen, die die Kirche, den Markt und die Schule
mit den bäuerlichen Anwesen, den Wiesen und Äckern verbinden. Durch
solche Wege kam ich herunter, im Nebel, an Werkstätten und Holzplätzen
und fließenden Brünnchen vorüber, die in diesem quellenreichen Land
durch eiserne Schlangenköpfchen in verwitterte Tröge rauschen, eiskalt
mit einem Moosgeschmack vom Walde her. »Hähnchen und Hühnchen wollten
zusammen auf den Nußberg« -- so geht das Märchen an, das unvergeßliche;
und durch solche Wege und Gäßchen sind Hähnchen und Hühnchen gewiß
auch gekommen. Die Laternen schimmerten dunstig, Gaslaternen, die ein
buckliges Männchen anzündete. Kleine, altväterische Häuser standen
hinter Holzstaketen; in den niederen Stuben, hinter Geranien und
Fuchsien kam Licht durch die Scheiben; nun saßen drin die Menschen beim
Kartoffelsalat und tranken gelben Landwein aus dicken, grünlichen Gläsern
dazu. Auch unsere Waschfrau wohnte da; in ihrer geblümten Kattunjacke,
die Brille auf der Nase, wie eine kleine, aufmerksame Eule, stand sie und
bügelte bei der himmelblauen Lampe. Ihr Kätzchen kam aus dem Gebüsch
und lief eine Weile vor mir her mit kleinen, lockenden Turteltaubentönen.
Alles war so heimlich, so lockend, die goldenen Ritzen in den Läden, der
Schein, der über die Schwellen glitt, Laternen an Gartentoren, wo hohe
Bäume Unverständliches rauschten, und die Stimme des Kätzchens, das sich
im Dunkeln an mir rieb, sobald ich stille stand; alles, als müßt es mir
etwas sagen.
Weiter unten, wo die reichen Leute wohnen, wird gebaut und eingerissen; wo
einst Wiesen waren mit großen Margueriten und Zittergras und alle Gräben
voll himmlischen Vergißmeinnichts, da steht jetzt Haus an Haus, die
Häuser groß und die Gärten klein ... früher war's umgekehrt. Und so
vieles fand ich nicht mehr. Feine, einstöckige Häuser mit geschweiften,
silbernen Schieferdächern, nach der Straße waren Mauern, von Efeu
überhangen, aber dahinter wußte man -- da war ein alter Garten, voll
Platanen und rauschender Silberpappeln und Azaleengebüsch, die Wege ganz
vermoost, und braune Schnecken krochen drüber hin -- =la limace -- le
limaçon= lernte ich, die eine hat ein Schneckenhaus und die andere nicht
-- ja, wo ist das alles hin? Muttergotteshäuschen mit Bänken, damit die
armen Frauen ihre Körbe absetzen und ein wenig verschnaufen konnten ... Da
war auch sonst ein kleiner, schattiger Friedhof; nicht der berühmte alte
am Berghang, nein, ein ganz kleiner, noch älterer, abseits, im Tal;
im Frühling voll Jasminduft und Finkengesang, im Herbst rostbraun vom
Blätterfall und von zutraulichen Amseln bevölkert, der gab Kunde von
denen, die von hier nicht mehr heimgekehrt sind. Hier lagen sie aus aller
Herren Ländern, sogar unter russischen Kreuzen mit ihren Schrägbalken und
unverständlichen Inschriften; aber manchmal waren sie ins Französische
übersetzt und kündeten, daß da ein =Chevalier de l'Ordre de Saint
André= von seinem hoffentlich verdienstvollen Leben ausruhte, oder
ein armer junger Dmitri, eine sanfte Hélène, =ravie à ses parents
inconsolables à l'âge de dixneuf ans=, sich hier zu Tode gehustet hatten.
Denn Davos und Arosa waren damals noch nicht erfunden, und aus weiter Ferne
kamen sie angereist, denen der Tod seine Rosen auf die Wangen geküßt
hatte, und mußten dableiben, weil ihre Kraft sie verließ. »=Sacred to
the memory of Anne, the dearly beloved wife ... aged twentytwo ...=« Eine
schöne, breitschulterige Muttergottes, die einen rechten Königsmantel
von Efeu trug, hütete den Eingang und sagte: Fürchtet Euch nicht. Kinder
spielten zwischen den Gräbern, alte Großmütter saßen dort und strickten
... Ja, das ist nun verschwunden und vieles ist neu und fremd geworden, und
es ist wie mit geliebten Menschen, die sich verändert haben; man liebt sie
noch -- ach Gott, Liebe hat ja wohl auch neun Leben wie die Katzen -- aber
man wird ihrer nicht mehr froh.
Aber droben am Waldrand ist noch vieles geblieben wie es war; es riecht wie
damals nach Erde und Moos und schwelendem Kartoffelkraut, und der Umriß
der Hügel ist derselbe, über denen die Sterne stehen, so altbekannt --
die ewig geheimnisvolle, goldene Schrift ... Die Augen füllen sich
mit Tränen, seid ihr's, bist du's? Und man wittert in die Luft wie ein
Jagdhund, der den Dunst seines Herrn erkennt. Die Karren kehren heim aus
dem Wald, mit Laubstreu hochbeladen, all das Laub, das im Frühling seine
spitzen, seidigen Knospen aufgetan, mit dem Wind gestichelt hatte, dankbar
der Sonne, dem Leben. Nun ist es vermodert und wird die Erde düngen, wird
geben, nachdem es genommen.
Mütterchen Heimat, sanft gehst du um mit deinen Kindern. Hier ist
Laubstreu für deine Erde!
[ Hinweise zur Transkription
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Buchanfang verschoben.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
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