Die Bübchen hatten die Schüssel geleert, die sie ihnen hingestellt,

saßen mit schweren Augenlidern um die kleine Öllampe und erzählten

weinerlich von Mutter und Vater und wie sie in die Irre gegangen seien. Die

Frau ging von einem zum anderen, streichelte dem den Kopf, rückte dem das

Halstuch zurecht, beugte sich verstohlen über sie, immer wieder mußte sie

den Dunst ihrer braunen Hälschen einatmen, wie er sie aus dem Ausschnitt

ihrer Kittel ankam, diesen Duft, in den sich ein Ruch mischte von Harz und

Kohlenmeilern und fetter ungebleichter Schafwolle. Ach, und ihre singende

Sprechweise war wie Amselzwitschern. Von einem guten, geplagten Vater, von

einer harten geplagten Mutter erzählten sie, von dem Hündchen Strupp und

den Meilern tief im Wald, von Bucheckern und Pilzen, und sie meinte, wieder

tief drinnen zu stehen, die Füße im Heidelbeerkraut, die Sonnenstrahlen

um sie her, als würde das Licht zur Orgel ... Aber auch von einem Dorf

erzählten sie, wo sie zur Schule gingen, früh, wenn es kaum Tag war, die

einsame Straße hin, wo Krähen auf verschneiten Steinhaufen saßen und

schweren Flugs in die graue Luft stießen. Manchmal kam ein Planwagen und

der Fuhrmann ließ sie aufsteigen, da kauerten sie unter dem Zeltdach im

Stroh, über ihnen die schwankende Laterne, wo das irdene Geschirr verpackt

lag, oder zwischen Mehlsäcken, und schliefen und träumten von frischem

Brot. Die Kinder waren so müde, sie nickten beim Erzählen ein, und auf

einmal fuhr die Frau zusammen und sagte: »Ihr dürft nicht hier bleiben, o

um Heilands Namen, Ihr müßt fort, kommt, wir müssen gehen ...«

Denn sie meinte, sie habe die Treppe knarren hören, und sie rannte die

morschen Stufen hinauf, wo in der großen, niederen Stube ihre kleinen

Töchter schliefen. Aber die rührten sich nicht, lagen nebeneinander im

Mondlicht, mit zurückgebogenen schneeweißen Gurgeln; und ihre Zähne

glitzerten und der laue Atem ging aus und ein.

Draußen wußte sie keinen sicheren Winkel; die bösen Hunde spürten alles

auf. Da brachte sie die Kinder in die Kammer, wo das ausgeweidete Reh hing,

dort war Holz aufgestapelt, ein gutes Versteck. Dort würde sie keiner

wittern vor Wildgeruch. Aber still sollten sie sein wie die Mäuse. Ach,

durch die Nacht meinte sie schon die rauhe Stimme zu hören, und das Pferd,

wie es müde, mit gebeugtem Kopf, die Hufe aus den schmatzenden Pfützen

zog. So hüllte sie sich ganz in eine graue Decke ein, die nur ihre dunklen

Augen freiließ, daß er das Beben ihres Mundes nicht gewahr werde, und zog

den schweren Riegel zurück, als er näher kam.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wie dann der wilde Mann, von Wein beschwert, eingeschlafen war, winkte

die Frau den kleinen Buben, und sie krochen aus ihrem Versteck hervor

mit ängstlichen Augen. Da drückte sie sie ans Herz, die kleinen runden

Köpfe, und küßte sie ins Genick und sog noch einmal den Duft ihrer

sonnverbrannten Hälschen. Dann aber, den Finger am Mund, ging sie

vor ihnen her, wo das Wasser zwischen den Erlen gluckste und der Mond

schmalfingerig durch die Zweige griff. Und weiter, wo nur noch Gebüsch war

und seichte, silberne Pfützen, wo der tote weiße Sand begann und der Pfad

mählich aufstieg und dann am Rande des Steinbruchs vorbei, wo der Wind

durch die Hallen und Höhlen fuhr und schwarze Gewässer tief unten

heraufstarrten zum Mond. wie Seelen, die kein Lichtstrahl mehr erhellen

kann ... dort ging die Frau und trug den kleinsten im Arm, ein anderer

hielt sie am Kleid und die größten folgten ihr nach; an Abgründen und

Kreuzwegen kamen sie vorbei, aber keines sprach ein Wort; sie gingen mit

blassem Angesicht, und die Frau irrte sich nicht und hielt auch nirgends

an; sie sah nur gerade in die Luft, denn ihr Herz war ihr zum Wegweiser

geworden. Dann, allgemach, senkte sich der Weg, die Steinbrüche blieben

liegen, und schon schimmerte die Landstraße und ging von Nebelgrau zu

Nebelgrau, aber in der Ferne blinkten Lichter ... Da kniete sie vor den

Kleinen nieder und küßte sie, so jammervoll, und wies sie den Weg und

flüsterte ihnen zu, guten Rat oder waren's nur Töne, wie brütende,

säugende Tiere sie ausstoßen, in Angst und Liebe. Und wandte sich ab

von ihnen in scharfem Schmerz, die nun still und ernsthaft im Mondlicht

weiterstapften, kleine Buben, die so große Schatten warfen.

Vor ihr der Weg stieg wieder an, den sie zurückgehen mußte; erst durch

Wiesen, wo hier und dort ein Steinblock lag, weich eingebettet im feuchten

Thymian, dann aber karg, umlagert von Geröll, graues Gesträuch klomm

aus den Fugen. Dem Steinbruch zu wand sich der Pfad zurück, schon wieder

fühlte sie den kalten Wind aus den Höhlen, der ihr das Kleid um die Knie

straffte. Wie schwer waren ihr die Füße, wie leer das Herz. Daheim? Dort

würden die bösen Hunde im Verschlag winseln, dort stand der Brunnen, das

Haus, grau im ersten fahlen Licht. O Herzeleid, o Ersticken.

Gradaus ging sie mit weiten Augen, die Hände über dem erstorbenen Herzen,

und wie der Kreuzweg kam, redete der Wegweiser in ihrem Herzen nicht mehr.

Hinauf ging der Pfad, so steil, so steinig; war das der, den sie gekommen?

Und der andere führte hinunter ins Geklüft, der ging sich leichter. Im

Steinbruch wisperte es und seufzte, und immer tiefer ging sie hinein, und

der graue Nebel rollte hinter ihr zusammen.

Glückliche Zeiten

Ein zeitlose Geschichte

(Für Agnes und Else und andere artige Kinder)

Also -- da war einmal eine Prinzessin, die hatte sich im Walde verirrt und

da begegnete ihr ein Drache, der sie sehr erschreckte. Aber so greulich er

auch aussah, so hatte er doch ein mitleidiges Herz, und wie er sie weinen

sah, nahm er sie mit in seine Höhle. Als sie nun einige Tage bei ihm

gewesen war, gefiel sie ihm so gut, daß er sie nicht weglassen wollte,

denn er führte ein einsames Leben, und etwas Jugend tat ihm wohl. So wurde

die Prinzessin Stütze des Drachen mit Familienanschluß, aber was die

Familie angeht, da war nur der Drache, denn er war ein alter Junggeselle,

hatte auch keine Dienerschaft, darum war auch alles so verwahrlost, ja

es sah recht unordentlich aus in der Höhle; aber das sollte ja nun die

Prinzessin mit feinem Geschmack anders gestalten, und sie tat auch, was sie

konnte, mit Girlanden und Waldblumenbuketts. Als nun die Prinzessin einige

Zeit bei dem Drachen gewesen war und sich an mancherlei hatte gewöhnen

müssen, begann sie, denn obgleich sie eine Prinzessin war, fehlte ihr doch

nicht der Sinn dafür, die komischen Seiten ihrer Umgebung zu erkennen.

Es war dabei manches schlimm genug. Wie zum Beispiel das Schnarchen des

Drachen, wenn er sich schamlos dem Mittagsschlaf hingab, denn er gehörte

zum Geschlecht der Suppenbläser und stieß abwechselnd aus dem rechten

und linken Nasenloch greuliche Dämpfe aus. Hypochondrisch veranlagt wie

er war, litt er an beständiger Angst vor Erkältungen, die ihn zu

den seltsamsten Maßregeln greifen ließ. So hatte er sich eines Tages

ausgeklügelt, der Besitz zweier Nasenlöcher bilde eine stete Gefahr

für das katarrhalisch disponierte Individuum, da sich das Gehirn zwischen

diesen beiden Korridoren in fortwährender Zugluft befände. Deshalb hatte

er, trotz ernstlicher Gegenvorstellungen der Prinzessin, das eine Nasenloch

mit Moos verstopft, was eine Anschwellung der Gesichtshälfte, verbunden

mit heftiger Migräne, zur Folge gehabt hatte. Nachts hörte die Prinzessin

den Drachen in seinen großen Filzparisern durch alle Gänge schlurren, um

nachzusehen, ob auch alles zu sei, und bei dem geringsten Wetterumschlag

trank er einen abscheulichen Tee aus Baumrinde, zog Pulswärmer an und

umwickelte sich den Hals mit einem alten himbeerfarbenen Cachenez, was

zu seiner Hautfarbe äußerst fatal aussah und den Schönheitssinn der

Prinzessin, die früher beim Hofmaler Weichschnabel aquarelliert hatte,

empfindlich verletzte. Angenehm war es auch nicht, dabei sitzen zu müssen,

wenn der Drache Makkaroni fraß. Diese hingen ihm dann wie Schlangen zu

beiden Seiten des Maules herab, und mit den Pfoten stopfte er nach; die

Prinzessin mußte wegsehen, sonst verging ihr der ohnedies zarte Appetit.

Abends legte der Drachen Patience. Seine Klauen waren nie ganz rein; er

tunkte sie ab und zu in den Sumpf und meinte damit ein übriges getan zu

haben; und der Prinzessin blieb auch hier nichts anderes, als emsig an

ihren Binsenkörbchen zu flechten, um nur nicht hinsehen zu müssen. Diese

zum Sammeln von Erdbeeren bestimmten Behälter häuften sich in einer Ecke

der Höhle an. Es gab keine Erdbeeren in diesem Walde, und so waren sie

eigentlich zwecklos. Einmal ertappte sich die Prinzessin bei dem Gedanken,

man könne sie ja auf einen Basar für Ferienkolonien geben, denn die

Handarbeiten fürstlicher Frauen fanden bei solchen gemeinnützigen

Veranstaltungen stets reißenden Absatz. Hier freilich türmten sie sich

als Angebot ohne Nachfrage im Hintergrund der Drachenwohnung auf.

Alles in allem aber war die Prinzessin auf bestem Wege, sich den

ungewohnten Lebensbedingungen anzupassen. Alles was recht ist, dachte

sie (diese Redewendung hatte sie von einer bayerischen Kinderfrau

aufgeschnappt), aber dies absolute =sans gêne=, diese Dehnbarkeit in der

Zeiteinteilung (zum Beispiel das Mittagessen, das, ebenso unberechenbar wie

das Osterfest, bald früh, bald spät stattfand), die schönen, ausgiebigen

Schläfchen unter den Tannen ... das alles ließ ihr das frühere

Leben, die Residenz im Stadtschloß, wie auch die sogenannte ländliche

Zwanglosigkeit der sommerlichen Monrepos' und Sorgenfreis wie öde

Korrektionshäuser erscheinen, wenn sie auch ab und zu nach ihrer Zofe

Fanny mit dem Manikürekasten, nach ihrer silbernen Badewanne und schönen

schaumigen Frühstückschokolade Sehnsucht verspürte.

Manchmal ging der alte Drache aus, um andere Drachen, die wie nie

abgelöste Schildwachen vor ihren Schatzkammern lagen, zu besuchen. Er

selbst war ein freier Drache, sozusagen ein Finanzminister im Ruhestand,

der keine Rechenschaft mehr abzulegen hat, nur die Prinzessin war sein

Schatz; und da er von Natur mißtrauisch war, nahm er sie wenn irgend

möglich zu diesen Besuchen mit. Dann tranken die Drachen Meth, priemten

und spuckten und spielten Karten, wobei sie sich gräßlich beschimpften

und mit den Trümpfen auf den Tisch schlugen, daß es dröhnte. Aber

allmählich gewöhnte sie sich an den Humor dieser Sonderlinge, ein Gemisch

von abgestandenen Börsenwitzen und alemannischer Vierschrötigkeit,

das aber zu den alten warzigen Herren paßte, wie die Verwünschungen

cholerischer Propheten zu den Steinfratzen gotischer Kathedralen. -- -- --

Eines Tages nun, es war zu Frühlingsanfang, sah der Drache, nachdem er

sein Mittagessen bewältigt hatte, gerührten Auges zu, wie die Prinzessin,

nachdem sie einen Rest geschmorter Pilze und das übrige Blaubeerkompott

weggeräumt hatte, mit ihren kleinen rauhgewordenen Händen den

Eichelkaffee filtrierte. Ach, das war doch alles keine Arbeit für eine

Prinzessin, dachte er beschämt und fühlte, wie sich seine kleinen

grünen Plieraugen mit Tränen füllten, die er verstohlen mit den Klauen

wegwischte, wenn sie auf seinen höckerigen Lederwangen niederflossen, die

an ein Reisenecessaire aus Krokodilhaut erinnerten, nur daß sie nicht so

schön poliert waren wie diese Erzeugnisse einer raffinierten Kultur.

Draußen zwitscherten die Buchfinken in den knospenden Büschen und suchten

nach gegabelten Ästen, ihre Nester darin zu befestigen. Durch das dürre

Laub streckten Tausende von Anemonen ihre weißen, feingeäderten Kelche,

die im Frühlingswind schwankten, und überall, wo immer ein feuchtes

Fleckchen zu finden war, hatte die Sonne es aufgespürt und blitzte darin

wie in Glasscherben; durch die kahlen Baumwipfel sah man den blauen Himmel

mit vielen kleinen, runden Lämmerwölkchen schimmern, es roch nach Erde

und nach Moos, und aus den Sümpfen kamen bedächtig die Kröten gewandert

und trugen, wie einst die Weiber von Weinsberg, eine jede ihren kleinen

Ehemann auf dem Rücken. Da auf einmal fühlte die Prinzessin ein so tiefes

Mitleid mit dem armen Drachen, der so alt und schäbig mitten in dem

hellen Frühlingswetter dasaß, und den man eigentlich in eine chemische

Reinigungsanstalt hätte schicken müssen. Er würde nie eine Drachin und

liebe kleine Drachen sein eigen nennen, dazu war er doch viel zu alt und

häßlich, und wenn sie einmal befreit würde, bliebe er allein zurück und

hätte niemand, der sich um ihn kümmern würde; denn wenn sie ihn

mitnahm, kam er doch nur in den Zoologischen Garten, wo ihn die Kinder

mit Sonnenschirmen und Stöcken ärgern würden und er eine betonierte

Felsenhöhle bekäme -- die reine Attrappe, und alle Tage abgekochte

Mohrrüben, die er nicht leiden konnte. Armer, alter Drache! Und sie hatte

während der ganzen Zeit kein böses Wörtchen von ihm zu hören bekommen

und hatte doch selber -- besonders im ersten halben Jahr -- nichts getan,

als die Nase rümpfen über das Essen und die mangelhafte Einrichtung; und

er gab es doch, so gut er's hatte! Da neigte sie sich über ihn und kraute

ihn ein wenig hinter den Ohren, wozu er die Mundwinkel hochzog und ein

Gesicht machte wie Wagnerianer, wenn das Lied von den Winterstürmen und

dem Wonnemond losgeht, legte ihre Samtwange auf sein runzeliges Haupt

und aus ihren schönen Augen rollte eine Träne. Und dann küßte sie ihn

mitten auf sein grünpatiniertes Nasenbein.

Aber im selben Augenblick geschah ein furchtbarer Donnerstoß, die

Erde schwankte, Bäume und Gestein drängten sich zusammen oder sanken

auseinander, ihre Farben verwandelten sich, das Dach der Höhle hob und

wölbte sich, und Bäume wurden zu Säulen; es war, als wirbelte ein

Kaleidoskop um sie her, und wie sie wieder zur Besinnung kam, saß ein

schöner, wohlerzogener Prinz in entzückender Uniform, mit Ordenskette

und blitzendem Stern ihr zur Seite, in leuchtendem Saal, und alles war

verwandelt, ihr Kuß hatte den Zauber gelöst, nur die Erdbeerkörbchen

standen noch da, waren nun aber aus Goldgeflecht, und in jedem lagen, wie

Ostereier, vier bunte, leuchtende Steine.

Schöne Damen kamen paarweis geschritten, mit demütigen Schwanenhälsen

und hoffärtigen Schleppen, sie hielten ihre Kleider mit spitzen Fingern

und versanken wie sterbende Springbrunnen, wenn sie vor Prinz und

Prinzessin vorüberzogen. Da waren Herolde, angetan mit historischen

Wappenröcken, mit Locken und spitzen Bärten, gerade wie Kartenkönige,

nur daß sie Beine hatten; schöne kleine Pagen mit Krone und Zepter auf

seidenen Kissen, süß lächelnde Kammerfrauen mit reizenden Hündchen,

auch eine kleine Mohrin war dabei. Auf den Galerien aber hinter goldenen

Gittern bliesen und fiedelten die Musikanten, daß es eine Lust war,

und das silberne Haar des Kapellmeisters wehte nach allen Seiten vor

Begeisterung ... Nun zogen die Köche vorbei, weißgekleidet, feist und

glatt, mit Kochlöffeln und blanken Messern im Gurt, und hinter ihnen

die Küchenjungen, wie ein Echo in kleinem Format, dann der Troß der

Stallmeister, der Jäger und Hornisten, die Treiber und Hundejungen mit

Peitschen und Netzen, und schließlich auch das Aschenweib, das nur dazu

da war, die Asche aus den Kaminen fortzutragen, grau und zerzaust wie

eine mauserige Krähe. Aber ganz zuletzt kam die Märchenerzählerin der

fürstlichen Kinder, die war so uralt, daß sie die Leute in den Märchen

persönlich gekannt hatte; klein und gebückt trippelte sie vorüber in

spitzem Hut und grünem Mäntelchen.

Alle machten ihre Reverenz, die Prinzessin mußte in einem fort lächeln

und nicken, und nun kamen drei Hofprediger mit feierlichem Glockengeläut

und begrüßten das fürstliche Paar im Namen des Höchsten mit überaus

herzlichen Gebärden ihrer kleinen, weißen, wohlgenährten Hände, wie

segnende Maulwürfe. Die Bäume rauschten, die Brunnen sprangen und tanzten

und die Glockentöne waren rund und tief wie die Glocken selbst; aber die

Sonne blies die Backen auf und posaunte auf ihre Weise mit langen, heißen

Stößen. Und dann wurde die Hochzeit gefeiert. --

Aber als sie nun viele Jahre König und Königin gewesen waren, dachte

die Königin manchmal zurück an ihre Höhle. Nun war sie bequem und dick

geworden, und die schönste Stunde des Tages war die von drei bis vier,

wenn sie ihr Korsett auszog und sich mit einem Roman auf den Diwan legte.

Die Kammerfrau holte ihr die herrlichsten Schmöker aus der Leihbibliothek,

denn der König ließ sie durch den Hofbibliothekar ausschließlich mit

Memoirenliteratur versorgen; aus diesen Produkten des =ancien régime=

hoffte er, daß sie den Geist feiner =répartie=, der ihr von der Natur

versagt war, erlerne. Sie gestand es sich kaum ein, aber eigentlich

hatte sie dies Leben gründlich satt mit seinen Denkmalsenthüllungen

und Audienzen, wo die Menschen immer ganz kleine Mündchen machten, als

könnten sie nur Tütü sagen. Die Tage waren so künstlich zugeschnitten,

jede Stunde fügte sich in die andere ein wie bei einem Geduldspiel, da war

keine Ritze, wo die kleinste Maus hätte durchschlüpfen können, und nun

überkam sie oft ein Verlangen nach anderem, wie ein wohlerzogener Knabe

aus guter Familie, der in eine Hafenstadt kommt, voll neidischer Wonne

nach den schmutzigen Schiffsjungen auf den Heringsbooten schielt. Der alte

Drache -- ja es war merkwürdig, wie bald er sich in alles gefügt hatte.

Wenn sie an seine Filzpariser dachte! Nun, er hatte sich ja auch viel

gründlicher als Drache ausgelebt. Nun war er ein kleiner, trockener,

ältlicher Herr geworden, mit einer irritierenden Art sich zu räuspern,

und all die Vorschriften der Etikette waren ihm unentbehrlich wie eine

hygienische Unterbekleidung. Neuerdings konnte er sich ganz merkwürdig

über die kleinsten Mißgriffe aufregen, so neulich, als die Zuckerzange

nicht gleich bei der Hand war. Da hatten seine Augen Drachengift

geschossen, wie sie es damals, in der Höhle, nie getan. Der Lakai

schlotterte und der Oberhofmarschall fühlte die Fundamente seines Daseins

wanken. Aber die Königin konnte nicht an sich halten; sie lachte in ihrer

unpassend explosiven Art und bekam einen ganz roten Kopf: »Lieber Mann,«

sagte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen -- denn sie mußte

beim Lachen immer weinen -- »als wir noch in der Drachenhöhle lebten,

hast du deinen Zucker abgebissen und den Kaffee trankst du aus der

Untertasse wie eine Waschfrau.« Alles war wie versteinert, denn die

unselige Drachenepisode wurde ja totgeschwiegen und jede Anspielung darauf

als grobe Taktlosigkeit empfunden; eine Zeit eisiger Ungnade war die Folge

dieser übelangebrachten Reminiszenzen. Seitdem versuchte die Königin ihre

seelischen Aufwallungen zu unterdrücken, aber wenn sie im halbverdunkelten

Boudoir der Ruhe pflegte, kam es über sie, und vor ihren geschlossenen

Augen stand die Höhle wieder auf, braungrün und verräuchert, ach, und so

traulich!

Heut gerade war ein schläferiger Sonntagsnachmittag, dessen freundliche

Langeweile durch die Ritzen der Jalousien drang. Die Wache auf dem

Rondellplatz vor dem Schloß war eben aufgezogen, die Kommandoworte, das

Trommeln verhallte, und nun begannen die beiden Schildwachen ihr Auf und

Ab, bis zur nächsten Ablösung. Nettgekleidete Bürgerfamilien wanderten

auf den Kiespfaden und bewunderten die schönen Teppichbeete, die den Neid

zugereister Hofgärtner erregten. Weiter ab, unter den Kastanienbäumen

wandelten Landgerichtsräte und Gymnasiallehrer, und bleiche,

schwärmerische Jünglinge saßen auf den Bänken und lasen in

Reklambändchen. Die kleinen Knaben und Mädchen aber freuten sich ihrer

roten Luftballons, und alles strömte dem Schloßgarten zu, der Sonntags

dem Publikum offenstand. Die fürstliche Frau hatte es sich leicht gemacht.

Das Korsett lag, gedemütigt wie ein verabschiedeter Zeremonienmeister, auf

dem Teppich, ihre Füße dehnten sich in weiten, gelben Babuschen, und sie

begann eben den zweiten Band vom Geheimnis der alten Mamsell. Aber sogar

dieses ganz neue, ungemein fesselnde Werk konnte die Gedanken nicht bannen.

Hatte sie nicht eben, in der Ferne, einen leisen Kuckucksruf gehört? Es

war das freilich die Schwarzwälderuhr des Türhüters gewesen, die man in

der sonntäglichen Stille schlagen hörte, aber auch die stammte aus dem

Walde, darum war wohl ihr Ton so echt; mit einemmal wuchs ihre Sehnsucht

riesengroß; sie mußte den Wald wiedersehen, ob sie gleich ahnte, daß

es dort nicht mehr sein würde wie einst. Ohne Zaudern zog sie sich an und

band einen grünen Schleier über den Hut, von der glänzenden Sorte, die

sich Donna Maria nannte und damals Mode war. Das Glück war ihr hold, denn

die Lakaien, die im Treppenhaus, bei schläferigem Fliegengesumm Dienst

hatten, glaubten, sie ginge in den Privatgarten; als sie aber an die Tür

kam, die zu ihm führte, saß da der alte Türhüter und war über dem

Sonntagsblättchen eingenickt: so schlüpfte sie hinaus.

Niemand gab auf sie acht, als sie den Schloßpark durchquerte, denn sie

ging nur selten zu Fuß; träge und fett, wie sie war, fuhr sie stets in

der Karosse. Auch sah sie in ihrem Alter der Frau Hofkonditor Butterweck

ähnlich, und in ihrem einfachen Anzug galt sie den Spaziergängern wohl

für diese, wenn sie sich überhaupt nach ihr umsahen. So wanderte sie

unerkannt, wie irgendeine behäbige Bürgersfrau, durch den Schloßgarten,

zum äußeren Tore hinaus und eine lange Rüsterallee hinunter, an deren

einer Seite Seildreher ihre Werkstatt hatten, wo man sie wochentags sehen

konnte, die Schürze voller Werg, aus dem sie, rückwärtsschreitend, wie

Kreuzspinnen, ihre langen Seile drehten. Nach längerem Gehen, das ihr

manchen Seufzer entriß, denn es war ihren Füßen eine ungewohnte Fron,

lenkte ein Weg seitab in den Wald, oder vielmehr dorthin, wo er früher

gestanden hatte. Denn es war freilich alles anders geworden. Da

waren Bänke und Wegweiser und kleine Buden, wo man Himbeerwasser

und Sandtörtchen kaufen konnte, die reliquienhaft unter Glasstürzen

schimmelten; ach und eine ganze Straße von blitzblanken Villas mit Erkern

und Türmen und gotischen Fenstern war entstanden, wo pensionierte

Generale ihren Ruhestand verlebten, sich der Rosenkultur widmeten und die

Blattläuse mit Ausdauer und Tabakslösung bekämpften. Ach, wo war das

Dickicht von einst? Den Krötensumpf hatte man ausgetrocknet, Kinder in

schottischkarierten Kleidern und schrecklichen Schürzen aus

Wachstuch spielten dort im Sand, ja der Platz hieß sogar nach ihr,

Karoline-Amalien-Platz, denn in ihrer Familie hatten die Frauen alle so

schreckliche Namen, und die Männer hießen Adolf oder Emil oder Ferdinand,

was auch nicht hübsch war. Auch ihr Drache hieß Ferdinand. Ach, wo waren

die Drachen geblieben! Tot oder ausgewandert? Oder hatte sie alles nur

geträumt? Dort, die alte Eiche, oh, sie erkannte sie wieder; wie oft hatte

sie dort gesessen und den sich paarenden Eichkätzchen zugeschaut, wie sie

sich haschten, immer um den Baum herum. Einmal noch wollte sie seine

Rinde streicheln. Aber was hing dort an seinem Stamm? War's ein

Muttergotteshäuschen? Dann würde dort auch eine Bank sein, oh, wie

brannten ihre Füße, wie gut würde man sitzen unter dem breiten Geäst.

Da ging sie näher, aber es war kein Muttergotteshäuschen, sondern

ein lackierter Kasten war aufgehängt am Eichenstamm, und es stand

daraufgeschrieben: Gegen Einwurf eines Fünfzigpfennigstücks eine Tafel

echt deutsche Familienschokolade. Über dem Kasten aber war noch ein

Blechschild mit deutender Hand: Restaurant Drachenhöhle, Kegelbahn, Kaffee

und Bier. Zehn Minuten. Da fühlte sie Erbarmen mit dem Baum und mit sich

und mit all den alten vertriebenen Drachen; und mußte weinen. Aber wenn

sie weinte, ging das nie ohne vielfaches Nasenputzen vor sich, daß sie

ganz rot und verschwollen aussah, und das war ja auch nicht königlich.

Als sie sich ausgeweint hatte, ging sie langsam, denn die Füße taten ihr

weh, in ihr kühles Königsschloß zurück, wo man sie bereits vermißt

hatte und ihr Hofstaat im Begriff stand, den Schloßpark nach ihr

abzusuchen.

Zoologie

In Erinnerung eines kleinen Tiergartens, der verschwunden ist

=I=

Die Kastellanin

Damals war ich oft bei der Känguruhmutter. Sie hatte liebe, staubige,

kurzsichtige Augen, als hätte sie bei Lampenlicht zuviel schwarze

Strümpfe gestopft, und einen verschwiegenen Zug an den Mundwinkeln wie

alte Kinderfrauen, die in der Familie geblieben sind und vieles haben

mitansehen müssen. Sie hätte einen kleinen Kapotthut tragen sollen, mit

Glaskirschen oder Samtpensees und eine Mantille; und Klatschkaffees geben

und immer wieder nötigen, man möge doch zugreifen: »Denn es ist

alles mit reiner Butter, meine Damen, Kokos und Margarine und all diese

schrecklichen Erfindungen dürften Sie umsonst in meiner Speisekammer

suchen; einfach aber prima das ist mein Wahlspruch.«

Die Känguruhmutter und ich, wir verstanden uns. Wenn sie mich sah, kam

sie gesprungen. Aber gleichsam entschuldigend, sie könne nun einmal

nicht anders. Ich brachte ihr das Angebackene vom Schokoladenpudding.

Süßigkeiten und ihr Kuhlchen im Heu, das war ihr Schönstes. Ich

konnte das begreifen. Es kommt einmal die Zeit, wo man Äußerlichkeiten

verachtet. Und dann offenbart das Leben andere, stillere Reize.

Laubstreu · 第 8 / 10 段