schwermütigste Jahreszeit. Der Herbst ist noch nicht da mit seinen Farben,
seiner frischen Nebelluft, aber die Bäume sind es müde geworden, grün zu
sein. Das war mir als Kind schon die traurigste Zeit, viel ärger als der
November, den viele so melancholisch finden.«
»Sei froh,« sagte er und dehnte sich hintenüber in seiner
weidenschlanken Länge, »daß dir so etwas wie der Wechsel der Jahreszeit
überhaupt damals zum Bewußtsein kam. Unsereiner steckt in solchem Drill,
daß er das alles nur empfindet wie ein Schauspieler die veränderte
Dekoration; einmal ist es Schneelandschaft, ein andermal Frühlingswald,
aber Schneeballen kann man nicht daraus machen und die Rosen sind nur
gemalt; er darf seinen Spruch hersagen und damit basta. Das Beste noch war
die Jagd, nicht die großen Hofjagden, nein, allein, oder mit zwei, drei
Kameraden, und abends dann die gute Müdigkeit am glimmenden Kamin, wo die
Hunde liegen und im Traum bellen, man raucht seine Shagpfeife, und mein
wackerer alter Buschmann erzählt Jagdgeschichten ... Rita, einmal waren
Sie auch dabei, und nun, wirklich, niemals wieder?« Sie sah vor sich
hin, unter ihren Augen zuckte es ein wenig: Glimmender Kamin, wackerer
Buschmann, er hat nun einmal Redewendungen wie aus einem Schulaufsatz.
Darum war's mir immer so peinlich, wenn er schrieb. Seltsam, diese
Ausdrucksweise, und dabei dieser unfehlbare Geschmack in der Wahl seiner
Kleidung, er käme sich degradiert vor, wenn er sich in der Farbe der
Krawatte geirrt hätte ... Dann wurde ihr Blick weich. »Wenn Sie es irgend
vermeiden können,« sagte sie, »so enttäuschen Sie niemand. Es ist ja
wohl nicht immer zu vermeiden, aber man sollte es versuchen. Sie gehen oft
mit Ungestüm auf eine Sache los, dann aber ist sie doch komplizierter,
als Sie dachten, oder Sie meinen, Sie seien auf Undank und Ungerechtigkeit
gestoßen, wo es oft nur Ungeschick ist ... dann lassen Sie's fallen. Denn
es gibt ein Wort, das kennen Sie nicht: Geduld. Es ist auch nicht von Ihnen
zu verlangen. Die Weltgeschichte wurde Ihnen von Hoflieferanten serviert
und die Gegenwart ist Ihnen ein Schaufenster, und da liegt alles schön
aufgebaut und ist alles zu haben.« Er lächelte mühsam, denn er dachte an
Dinge, die gerade für ihn und seinesgleichen unerreichbar waren. Er hatte
eine kleine Schwester gehabt, die hätte so schrecklich gern einmal in der
Hundehütte geschlafen, aber das litt die Erzieherin nicht, und die kleine
Prinzeß war gestorben, ohne ihren Herzenswunsch erfüllt zu haben. Ja, und
er hatte wieder andere unerfüllbare Wünsche. Nun, wer weiß, hätte
er sie erlangt, wären sie wohl bald ihres Reizes verlustig geworden.
Immerhin, da war so manches, das fernab glitzerte ... jenseits, er würde
es nie besitzen.
»Ich habe als Kind eine Enttäuschung erlebt,« fuhr sie fort,
»eigentlich eine Kinderei; aber noch heute, wenn ich Faulbaum rieche,
kommt es über mich, dies Gefühl der Erwartung, des felsenfesten
Vertrauens -- und dann auf einmal nichts, eine Leere, ach, ein
Verratensein ...«
»Wie ging das zu?« frug der Prinz, der Frau von Brincken gegenüber immer
Interesse zur Schau trug, wenn auch manchmal gerade _die_ Eigenschaft, die
sie ihm absprach, dazu nötig war.
»Das ging so zu,« sagte sie und sah vor sich hin, und die Erinnerung an
diese erste Bitterkeit des Lebens stand auf wie eine graue, beklemmende
Wolke; »wir schwärmten dort in der kleinen Residenz alle für die
Schauspielerin Weiß. Sie gab das Gretchen und Klärchen, aber auch die
Königin im Don Carlos und feine Salonrollen, wo sie in entzückenden
Toiletten traurige und edle Schicksale verkörperte. Wir Schulmädchen
hingen ihr Maiblumenkränze an die Tür, eine ganz Mutige warf ihr
sogar Rosen ins offene Parterrefenster, und wenn wir ihr auf der Straße
begegneten, hatten wir Herzklopfen. Sie wußte das und fand es wohl recht
abgeschmackt, aber sie lächelte freundlich, wenn wir sie grüßten, und
schickte uns bisweilen Freibilletts; wir kleinen Beamtentöchter kamen
ja sonst nicht oft ins Hoftheater. Schließlich lernte ich sie in einem
kunstfrohen Malerhause kennen. Diese Malersfamilie machte im Frühling mit
ihren Freunden Landpartien in den herzoglichen Wildpark, es waren lauter
junge Leute, Maler und Malerinnen, aber auch Musiker, Polytechniker,
Schauspieler. An jenem Tage war Marie Weiß dabei. Es war so ein richtiger
Maitag, in den Gärten und auf den Wegen, die zum Wald gingen, blühte der
Faulbaum, oh, es war betäubend, und drinnen im Wald in dem dürren heißen
Laub standen die großen, duftlosen Hundsveilchen, die anderen waren schon
vorüber; und über Bahndämme kamen wir, wie goldene Straßen, das war der
Ginster -- und überall Zitronenfalter ... Marie Weiß sprach mit mir; sie
ginge nun in Urlaub, und sie wüßte nicht, ob sie im Herbst wiederkehren
würde. Das Herz wurde mir wie Blei, was sollte mir das Leben, die Stadt,
meine Lehrer und Beschäftigungen, wenn dahinter nicht mehr Marie Weiß
stand? Sie frug mich, wo ich den Sommer über sei, ich sagte es ihr,
bei einer Tante, die ein Gütchen im Schwarzwald hatte, nicht weit von
Bühringen. »Nun,« sagte sie, »so um den 20. August herum muß ich nach
Bühringen; ich bin ja dort geboren, ich brauche allerhand Papiere. Wer
weiß, vielleicht treffen wir uns?« Sie sah mich so warm und lachend an,
sie hatte einen wunderschönen großen Mund und grüne Augen mit braunen
Fleckchen drin, es gibt einen Stein, Moosachat, so ähnlich, und ihr
dunkles Haar war so reizvoll angewachsen ... Ihr Männer ahnt ja nichts
von der Hingabe, mit der ein junges, einsames Ding eine berühmte,
selbständige Frau anbeten kann; man atmet kaum, wie in der Messe, wenn
eben die Kerzen angezündet werden, ja, man denkt sich aus, was man alles
für die Angebetete leiden möchte, Nesseln pflücken, was weiß ich für
Unsinn. Aber ich langweile Sie ...« unterbrach sich Frau von Brincken.
»Nein, nein, sprich weiter,« sagte der Prinz, der an anderes gedacht
hatte, aber ihre weiche Stimme mit dem leisen südlichen Klang in sich
einsickern ließ wie ein angenehmes Akkompagnement. Sie merkte es wohl,
aber sie redete weiter, mehr für sich als für ihn. »Bühringen ist eine
kleine Stadt, vom Hof meiner Tante sind es drei Stunden zu gehen. Am 19.
heuchelte ich schreckliches Zahnweh und erhielt die Erlaubnis, nach der
Stadt zu fahren. Es war ein heißer, luftloser Spätsommer, dieselbe Zeit
wie jetzt, darum fällt mir's wohl alles wieder ein. Ich war drei Tage
in Bühringen; am dritten Tag ging ich zurück; Marie Weiß war nicht
gekommen. Aber diese drei Tage werd' ich nie vergessen, sie waren so
beklemmend erst und dann so erstickend trostlos, daß sie mich wohl für
mein ganzes Leben gefeit haben, und dafür muß ich heut vielleicht dankbar
sein.«
Der Prinz sah rasch zu ihr hinüber. Bis dahin war's ihm vorgekommen,
als läse sie ihm irgendein Feuilleton vor, es gab jetzt oft solch
verschwommenes, abschattiertes Zeug, lauter Beschreibungen, und meist
traurig, man wußte nie recht warum; er las eine gute Detektivgeschichte
lieber, oder sonst Geschichtliches, woraus man ersah, daß es vorwärts
ging in der Welt ... Aber eben war ein Ton in ihrer Stimme, der ihm wehtat:
»Liebe, liebe Rita,« sagte er bewegt, »erzähle mir nur alles, ich kann
das nachfühlen; meine Jugendzeit hatte auch ihre dornigen Seiten.«
»Hoheit sind gewiß niemals an einem heißen Augustnachmittag in
kleinstädtischen Anlagen gewesen -- ja, wie kämen Sie auch dorthin! So
zwischen fünf und sechs, wenn es ganz windstill ist. Da sitzen dann so
kleine, alte Dämchen und häkeln, die Spatzen schlafen in den Büschen,
und auf die Wege fallen die ersten welken Blätter -- so wie hier ... Dort
war ein Bassin, ein längliches Viereck, wo große Goldfische wie fette
Mohrrüben schwammen, und ein paar Schüler mit roten Mützen spielten
gelangweilt Verstecken hinter den Büschen und der Riesenbüste des
Landesvaters, die den Teich übersah; wenn ich nicht irre, ein Großoheim
Eurer Hoheit, ob seiner Gerechtigkeit und Leutseligkeit bewundert und
geliebt; er konnte einem leid tun, wie er da immerzu lächeln mußte in der
heißen Sonne, als träumte er von Veteranenfeiern und Bürgermeistern und
könnte zu keinem richtigen Nickerchen kommen.«
»Rita, Sie sind goldig,« sagte der Prinz und wollte ihre Hand küssen;
wenn sie sich -- es war leider selten -- über seine Angehörigen lustig
machte, kam sie ihm gleich menschlich so viel näher.
»Ach nein, nein,« sagte sie, »die Verzweiflung kommt wieder über mich.
Hoheit ahnen nicht, wie man noch in der Erinnerung zusammenschrumpft, wie
man manche Orte, manchen Blumenduft meidet, als säßen Mörder darin,
die nur warten, um einem ins Herz zu stoßen. Zwei ganze Tage war ich
in Bühringen, ging die Hauptstraße mit ihrem Kanal zwischen großen,
staubigen Kastanienbäumen hin und her, saß in der Konditorei, wo es
Limonade gab und Kuchen unter Glasglocken, wie Reliquien. Dahinter führte
eine kleine Brücke in den Stadtgarten, und immer wieder, zwischen den
Zügen, ging ich hin, und war mir anfangs beklommen zumute, so war's mir
schließlich unerträglich, und doch mit einem Stich ins Komische. Ich saß
dort wie verhext. Alte Herren mit fetten, asthmatischen Hunden kamen an
mir vorbei, sie standen in der prallen Sonne und redeten über Steuern
und Gemeindesachen, und Euer Hoheit hochseliger Oheim lächelte geduldig
zwischen den Buchsbäumen rechts und links, und die Goldfische schliefen
im Bassin. In einem Gasthaus in der inneren Stadt war Kaninchenausstellung,
dahin ging ich den letzten Tag; ich war immer ein Tiernarr; darum wünschte
ich, ich wäre nicht dort gewesen. Es war ein häßlicher Backsteinbau, und
überall roch es nach schalem Bier. Droben, in einem dunkelgetäfelten Saal
mit altdeutschen Trinksprüchen stand Käfig an Käfig. Sie hatten's viel
zu eng, sie saßen in die Winkel gedrückt mit erschrockenen Augen, es
war schmutzig in ihren Ställen. Menschen kamen und gingen, die die guten
weichen Tiere herausnahmen und wogen und ihnen Zigarrenrauch in die Augen
bliesen, man sah die Herzchen klopfen ... ich war dicht am Weinen und ging
fort. Ja, und da hatte die Tante geschrieben, wo ich denn bliebe, und da
mochte ich ihr nichts weiter vorlügen; so eine tüchtige Lüge, einmal,
wenn's sein muß, gut, aber immer wieder, das ist so läppisch. Ich stand
am offenen Fenster und packte meine Sachen zusammen; vor der Haustür
sprach der Wirt mit einem anderen Mann, und da hörte ich, Marie Weiß sei
schon vor vierzehn Tagen hier gewesen beim Bürgermeister, um Papiere zu
holen, sie würde heiraten, einen hohen Offizier, der ihr schon lange nahe
gestanden. Er hat ja dann auch den Abschied genommen, und sie sind sehr
glücklich zusammen gewesen ... sie hatten einen kleinen Jungen ... Ja, da
stand ich am Fenster. Dann bin ich zu Fuß heimgegangen, und wie ich über
die Höhe kam und die Sterne wachten auf und von den Wiesen kam solch
frischer Hauch -- da war's, als ob etwas von mir abfiel, und ich sagte mir,
es war zum Sterben, aber ich glaube, nun ist's vorbei ... Aber bisweilen
kommt es noch so über mich.«
Sie streichelte seine große, schlanke Hand, und dann tat sie einen guten
Zug aus ihrem Glase. »All die Länder, wo man offenen Wein trinkt,« sagte
sie, »sollten doch von Rechts wegen gut Freund sein miteinander.«
»Stimmt leider nicht --« sagte er, »aber man könnte es in Erwägung
ziehen. Völkerbündnisse, je nach Nahrungsmitteln sortiert ....«
Sie trank noch einmal. »So,« sagte sie, »der Wein war gut, und nun ist
er zu Ende. Nun aber bleiben Sie hier, Ludwig; mein Wagen hält unten beim
Kapellchen. Sehen Sie mir nach, ich werde geradeaus marschieren, wie kein
Leibgrenadier es besser kann. Was Tenue betrifft, da kann ich mitreden.«
»Nein, laß mich dich zum Wagen geleiten, Rita, und sprich nicht so -- ja,
wie soll ich sagen -- höhnisch; du brichst mir das Herz.«
»Ach Gott, von Hohn ist keine Rede,« sagte sie. »Wir sind beide
betrübte Leute, die ein Einsehen haben. Und glaube mir, =il tempo è
galantuomo=, du wirst es verwinden und sollst es auch, laß mich nicht in
einem grämlichen Schleier in deiner Erinnerung stehen. Und habe Dank für
alles -- hörst du -- für alles ...«
Sie nahm seine Hand und legte die Wange für einen Augenblick hinein, so
eine Sekunde nur, da war sie wieder jung -- wie ein Kätzchen jung ist,
jung wie damals, ganz am Anfang, als er sie noch Henrietterl nannte ...
dann sah sie sich um, aufmerksam; hierher kehrte sie nie zurück. Und
seltsam, es tat eigentlich nicht weh, nur kühl, kühl war alles. Sie
merkte, daß sie schon draußen stand im Zuschauerraum, die kleine leere
Bühne verlassen hatte. Ach, schenkte das Leben vielleicht ganz heimlich,
gerade dann, wenn es nahm? Oder hatte sie zu sehr geliebt, daß es ihr
an Kraft zum Schmerz gebrach? Wann würde sie's wissen? Abschied, Opfer,
höhere Pflicht ... sonderbare Worte. In der Brust ein toter Fleck,
und hier, was blieb zurück? Ein paar verkohlte Zigaretten, ein kleines
zertretenes Taschentuch. Und nun kam der Wirt, die Gläser wegzutragen, die
Windlichter auszulöschen, und morgen sitzen andere Gäste am Tisch, mit
leichten oder schweren Herzen; was weiß ein Mensch vom andern!
Die Verirrten
Das ausgeweidete Reh hing mit verglasten Augen vom Balken herab, von seiner
Zunge troff langsam ein schwarzer Tropfen auf den Lehmboden nieder.
Nachdem die Frau des wilden Mannes es mit Wacholderreisern ausgelegt hatte,
wandte sie sich, zum Brunnen zu gehen. Da liefen ihre kleinen Töchter
auseinander, die in der braunen Dämmerung der Tür gestanden hatten, vom
Blutduft angelockt.
Aber eine saß auf dem Brunnenrand im letzten Abendglast. An ihren
baumelnden Füßen hatte sie runde Schuhchen aus Baumrinde, mit bunten
Wollbändern um die Beine verschnürt.
»Geh heim, Bärhild,« sagte die Frau, »die Abendkost steht auf dem
Tisch.«
Das Mädchen grinste. Ihre hellen Augen standen ein wenig schräg, wie bei
Katzen. Um den Hals hatte sie ihren zahmen Marder gelegt, man wußte nicht,
wer von beiden spitzere Zähne hatte; sonst aber ähnelten sie einander
nicht, die Kleine breit und stämmig, mit kurzem sehnigen Hals, mit kurzer,
zerzauster Mähne, rotblond wie alle Töchter des wilden Mannes.
»Jetzt geh ich Schlingen legen,« sagte sie mit rauher Knabenstimme und
schlüpfte davon.
Die Frau seufzte und bückte sich zu den Blumentöpfen, die beim Brunnen
standen und einsam dufteten in die Abendstille hinein. Sie beugte
sich über den Brunnenrand und sah hinunter in die Finsternis. An den
schleimigen Wänden wuchsen Farn und Moose, nur selten kam ein Lichtstrahl
und glitzerte sie wach. Hinter ihr lag das Haus gekauert zwischen Weiden
und Erlen; wohin man trat, gab die schwarze, schwammige Erde nach; im
ersten Frühling, wenn alles voll gelbstäubender Kätzchen war, drängten
sich die großen, breitblättrigen Dotterblumen in den Sümpfen zwischen
den Erlenwurzeln; jetzt waren die Gräben blau von Vergißmeinnicht. Die
Frau verstand schöne, feste Kränzchen daraus zu binden und hätte sie
gern ihren kleinen Töchtern aufgesetzt, die aber hatten sie abgeschüttelt
mit Geschrei. Sie wollten nichts auf ihren wilden Mähnen dulden, nur
manchmal setzten sie die Kupferreifen auf, die der wilde Mann ihnen
mitgebracht, fremde Schmiedearbeit aus Norden, wunderliche Zeichen drin
eingesetzt, sahen aus wie Beile und Galgen.
Ja, wie kam sie zu diesen Wildkatzen, die mit spitzen Zähnchen zur Welt
gekommen, ihr die Brust zerbissen und ihr Blut getrunken hatten; man hatte
sie den zottigen Stuten anlegen müssen, die sie mit Stampfen und Schlagen
in Ordnung hielten; und von der wilden Milch waren sie stark geworden. Nun
fingen sie sich die Fohlen, ihre Milchbrüder, ein und trabten auf ihnen
durch Weidengebüsch und seichtes Gewässer und über den toten weißen
Sand.
Wie anders sah die Erde hier aus als dort, wo sie daheim war. Hier Busch
und Binsen, düsterer Erlenwald, wo das Wasser zwischen den geschwärzten
Silberstämmen gluckerte und man die schmalen Dämme kennen mußte, um
nicht zu versinken. Man konnte sich verkriechen und war doch preisgegeben
dem Regen, der Schwüle, den Mückenschwärmen im Dunst. Und weiter, da
hörte auch das niedere Gebüsch auf, die Erde wurde karg und steinig,
wilde Schafe mit bösen, schwarzen Fratzen schrien in den Wind. Dort
begannen die großen, verlassenen Steinbrüche mit ihren Höhlen und
Labyrinthen, ihrem schräg geschichteten Stein, als hätten Riesen sich
große Stücke herausgeschnitten; Wacholder und Berberitzen wucherten in
den Narben. Dort war die Welt zu Ende, weiter wußte sie den Weg nicht;
da war ein strenges Verbot, und niemand, der das Geheimnis nicht kannte,
hätte aus dem Irrsal heimgefunden. Als Warnung dienten noch die Knochen
des Trödlers, der es gewagt hatte, und die betrunkenen Hochzeitsgäste,
die auf eine Wette hin, um abzukürzen, den Weg genommen, sie hatten
dasselbe Los gehabt.
Daheim, bei ihr, im Hochwald, schlüpfte die Sonne durch das Wipfeldach
und streichelte den roten Pelz der Eichkatzen, die großen Bäume waren
ihr Freunde gewesen, wie Helden stiegen die Stämme aus der rostigen
Blätterdecke. Da war alles redlich. Und ihr Vater, der haßte die Fallen
und Schlingen. Ein Pfeil ins Herz, ja, das konnte dem freien Wild recht
sein, und die Mütter und Kinder blieben geschont; aber es gab kein Quälen
mit zerschmetterten Läufen, kein Würgen und Zerren, keine Todesangst mit
blutender, flatternder Schwinge. Der Vater! Wie silberweiß war sein Bart,
wie scharf sein dunkles Auge, wie gut hatte er's immer gemeint.
Die Frau sog die Luft ein; es ging ein süßes Duften über den Geruch der
Sümpfe, der Gräben voll braunen, faulenden Erlenlaubs dahin. Da hatte
wohl irgendwo ein Jasminstrauch seine weißen Blumen aufgetan. Und der
Duft tat ihr weh; denn so hatte der Strauch am Jägerhäuschen geduftet,
an jenem Tage, als der Jäger nicht heimkam; als wolle er ihr helfen, ihr
etwas sagen mit seinem Düften: Sie saß den halben Tag dort und sah ihn
versinken im Dämmergrau und wieder auferstehen im weißen, traurigen
Mondlicht. Aber der Vater kehrte nicht zurück. Da brach sie sich einen
blühenden Zweig ab und ging in den großen unbekannten Wald.
Erst war sie mit schweren Füßen, mit schwerem Herzen gegangen, aber um
sie her all das Summen und Säuseln machte ihr auch den Kummer zum Traum.
Es ging sich so sacht über das tote braune Laub, gefleckte Salamander
saßen unter den moosgrünen Steinen wie in Märchenhöhlen, und die Sonne
glitt an den geraden Buchenstämmen hinab wie einer Mutter Lächeln
über wohlgeschaffene Söhne. Dann, im Tannenwald, war's noch stiller,
Bernsteintropfen glühten an den rissigen Rinden, und die Wipfel waren
reglos. Aber das Schönste war der Abhang, wo die Holzfäller ihr Werk
getan; da kam der Fingerhut zu seinem Recht; in Völkern stand er zwischen
den Baumstümpfen und öffnete den warmen Samtschlund der Sonne und den
Bienen. Und die Stechpalme wucherte und die wilde Himbeere warf die Arme
aus nach dem Geißblatt, und das war so voll Süßigkeit, kein Bienchen
konnte dran vorüber. Dort war sie lange gewesen, die Hände um die Kniee
gespannt, der Berghang ihre Lehne, das Erdbeerkraut ihr Teppich; unter ihr
die Wiesen lagen im Dunst, und aus dem Wald läutete der Kuckuck tief und
eindringlich, und weil sonst alles still war, ging sie seiner Stimme nach.
Wie dann der Abend kam, stand sie in einer Lichtung; da war ein Teich und
spiegelte schwarze Binsen im gelben Widerschein, Libellen standen in der
Luft mit gläsernen Glotzaugen, das feine Waldgras nickte, die Hummeln
lagen, vom Tau verklebt, in der Disteln seidenem Schoß. Da legte auch sie
sich hin auf ihr Bündelchen, und hinter ihr öffnete der schwarze Wald
seine Hallen.
Trapp, trapp, kamen die wilden Männer geritten, weich schlugen die Hufe
auf den federnden Waldboden; als sie die Augen auftat, traten sie in die
Lichtung mit finsterroten Gesichtern im Abendlicht. Stumm und gewaltig
ritten sie an ihr vorbei, mit harten Stirnen und harten Lippen, leise
klirrend die Speere und eisenbeschlagenen Knüttel. Aber der zuletzt ritt,
hielt bei ihr an und streckte die Hand aus. Da streckte auch sie ihre
kleine Hand empor, und es rieselte ihr durch den Arm bis ins Herz. Und der
Wald summte um sie her. Da zog er sie hoch und aufs Pferd und nahm sie an
sich ...
Die Frau beugte sich tiefer über den Brunnen. Da unten wohnte die
Brunnenfrau, dort ging sie auf goldenen Wiesen mit ihrem kleinen silbernen
Hund. In hellen Nächten, hieß es, könne man ihr weißes Kopftuch sehen.
Nun fing es an zu dunkeln; das Haus versank in Grau, in Weiden und Erlen.
Nur unter dem Dachrand blinkte ein kleines Fenster; dort lagen wohl schon
ihre kleinen Töchter; sobald die Sonne sank, gingen sie schlafen, aber
früh, kaum daß der Himmel fahl wurde, liefen sie schon und sammelten sich
in der taugrauen Wiese, wo man sie schreien und schnattern hörte, ehe sie
auseinanderstoben.
Die Frau ging ins Haus zurück. Heute nacht wollte der Mann heimkehren von
einem Beutezug; da mußte sie auf sein und helfen, die Säcke verstauen an
geheimen Plätzen; sie setzte sich an den Herd, um die Kittel ihrer kleinen
Töchter zu flicken, aber die Arbeit sank ihr in den Schoß, und sie
lauschte den Geräuschen der Nacht, all dem Seufzen und Knarren draußen
in den Bäumen und drinnen im Gebälk. Nun wurden die Nachtvögel in den
Wipfeln lebendig, sie wanden sich durch die Äste, plump und seidenweich,
bis sie sich aufschwingen konnten, lautlos in die freie Finsternis. Sie
wußten, wo die wolligen Junghasen lagen, die sie heimtrugen zu ihrer
eigenen Brut, die mit bösen, gelben Augen nach frischem Fleisch schrie.
Und durch die Baumwurzeln schlüpften Marder und Wiesel, sie hatten ihre
Gänge und Höhlen, ihre Vorräte und Kinderstuben wie die Menschen, und
wenn ihre Wege sich kreuzten, gab es da unten einen kurzen, bitteren Kampf
mit heißem Gefauch, die Erde schluckte ein wenig Blut, aber darüber lag
verschwiegen der moosige Teppich mit tausend nickenden Flockblumen, die
faulenden Blätter des Vorjahrs, durch die sich die gelben Taubnesseln
drängten.
Durch den Ladenausschnitt kam ein Mondstrahl und tastete über Bank und
Tisch und über die Hände in ihrem Schoß; da stützte sie den schmalen
Kopf und dachte an die Abende daheim, wie sie auch dasaß und die Quelle im
Dunkeln hörte, und dann des Vaters Schritt, immer näher, bis er die Tür
auftat und sein weißer Bart im Monde noch weißer war.
Wie sie so gesessen ist, hat sie auf einmal wirkliche Schritte gehört,
viele kleine Schritte und Klopfen an der Tür, und wie sie geöffnet hat,
haben da vier kleine Buben gestanden, einer immer ein wenig kleiner als
der andere, und der kleinste wie ein kleiner Kater, man hätte ihn in der
Schürze tragen mögen; die baten um Einlaß.
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