So erschien denn Madame Veuve Benoît in ihrer ganzen überzeugenden

Witwenhaftigkeit, in einem Trauerschal aus Kaschmir, ein düsteres Gebäude

auf dem Haupt, von Schleiern umflutet. Am Arm hing ihr ein schwarzer

Beutel, der ihre Lehrbücher enthielt, wie auch ein Flakon Melissengeist

und ein Döschen mit Pastillen -- =cachou des orateurs=. Und sie saß da

wie eine weiße, fette, gutgepflegte Made in all dem raschelnden Krepp und

hörte lächelnd, aber unbestechlich zu, wie Amsel mit Vokabeln rang, deren

sie sich wohl nur selten in Gesprächen bedienen würde, =la pelouse= und

=le bocage=, =le nénuphar=, =le guéridon= und =les brises embaumées=;

oder über den unberechenbaren Seitensprüngen =des participe passé=

nachsann, die der verewigte =professeur= in einem schmalen, aber

inhaltsschweren Bande festgenagelt hatte, dessen Exerzitien Spaziergängen

zwischen Fußangeln glichen. Zum Schluß wurde sie mit verdienstvollen,

wenn auch keineswegs kurzweiligen Autoren bekannt gemacht, der gefrorenen

Langeweile Racines, den Grabreden Bossuets -- =Madame se meurt, Madame est

morte= -- und den »=Conseils à ma fille=«, die mit dem Satze schlossen:

»=et maintenant, chère Sophie, pose ta plume et embrassons nous=«; aber

auch mit Paul und Virginies träumerischem Dasein auf einem tapetenartigen

Hintergrund von Palmen und Papageien, wo die Mütter des Liebespaars,

der Lehren Jean Jacques Rousseaus eingedenk, ihre Kinder im Schatten des

Brotbaums säugten, und später dann Virginies vorbildliche Schamhaftigkeit

sie lieber ertrinken ließ, als sich den rettenden Armen eines nackten

Matrosen anzuvertrauen. »=Une des plus admirables pages de la littérature

française=,« sagte Madame Benoît mit Grabesstimme und nahm einen =cachou

des orateurs=, und Amsel dachte: würde wohl auch Madame lieber ertrunken

sein, in all dem nassen Krepp oder würde sie ... aber das war nicht

auszudenken. Und Tante kam ins Zimmer mit ihrem schleifenden Schritt und

sagte: »Gott, sind denn diese vortrefflichen Philister immer noch am

Leben? Mit denen wurde ich ja auch schon geplagt.« Wenn es dunkelte, wurde

Madame Veuve von Monsieur Jean Claude Benoît =junior= abgeholt, denn der

Vater der Syntax war auch Vater eines einzigen Sohnes gewesen, eines

trotz Brille und Bart mädchenhaften Jünglings, der mit einer Neigung zu

Bronchialkatarrhen behaftet war. Und =ma mère= war in tausend Ängsten:

»=Mon fils, as-tu mis tes mitaines? Et tes Caoutchoucs, et ton

cachenez?=« Aber _er_ sagte: »=Vous=« zu =ma mère=, und überhaupt

verkehrten sie mit der ganzen =urbanité=, wie sie einst dem Hotel

Rambouillet zur Zierde gereichte, und nie irrten sie sich im Gebrauch des

=passé défini= oder des noch eindrucksvolleren =passé du subjonctif=.

Ja, der Vater der Syntax konnte zufrieden sein mit seinen Werken.

Wenn sie dann schließlich unter ihren Regenschirmen fortgeschwankt waren,

ließ sich Tante in einen Sessel fallen und lachte, lachte, sie

konnte nicht aufhören, es klang weich und dunkel und aus ihren

zusammengekniffenen Augen flossen Tränen. »Wie eine wahnsinnige

Turteltaube,« hatte eine Freundin von ihrem Lachen gesagt; es war

ansteckend. Und Amsel sah darin ein neues Vorrecht, wie es einer

heißangebeteten Tante und Patin zukam. Sie selbst fand all diese

Menschen nur sehr kurios, wie sie in ihrem Leben auftauchten und wieder

verschwanden, Silhouetten, in ein Schattenhaus zurück. Nur vor einem hatte

sie eine an Abscheu grenzende Angst: eines dieser fremden Wesen könnte sie

anrühren oder gar küssen. Denn sie besaß die tiefe, unnahbare Scheu der

Ausschließlichen, Leidenschaftlichen. Nein, nur Tante durfte sie küssen.

Ganz kalt wurde sie, zur Eisblume erstarrt, wenn die feinen Lippen sie

berührten, die schöne Hand über ihr Haar strich. Und sie konnte vor sich

hinträumen, Heldentaten ersinnen, Schmerzen und Geduldsproben, die sie

für Tante bestehen würde, unerkannt, schweigend, in unbegreiflich süßer

Pein.

=III=

Es war eine schöne Fahrt gewesen, ein letzter milder Tag, wie ein Geschenk

über die Erde gekommen. Erst die Allee hinunter an den geschlossenen

Gasthäusern, den schlafenden Villen, dann an bescheidenen Wirtschaften, an

spielzeugartigen Schweizerhäuschen vorbei. Ein jedes spannte seine kleine

Brücke über den seichten, plätschernden Bach, der hier flache grüne

Ufer hatte. Dann weiter, am Kloster vorüber, durchs Dorf, immer vom

Flüßchen begleitet, das durch die Wiesen schlüpfte, durch Garnbleichen

und Sägemühlen. Und nun rechts hinauf, dem Landhaus zu, das einst den

russischen Cousinen gehörte, wo das große, sengende Glück ihr Herz

getroffen hatte. Tante war ausgestiegen, die paar Stufen hinauf bis an die

Gittertür in der Hecke; nun hielt sie sich mit einer Hand am Gitter fest

und sah, halb zurückgewendet, noch einmal hinunter in das liebe, nie

vergessene Tal.

Dort, im Grund, sandten kleine geduckte Häuser ihren Rauch empor; am

Abhang, in den Wiesen, standen Nußbäume, halb entlaubt, Vögelchen

schlüpften durch die Hecken, es roch nach Moos und Erde. Im Dunst schien

sich alles zusammenzuschmiegen, so bescheiden und liebreich war ihr

dies Land noch nie erschienen wie heut in seinen stillen braunen Farben,

geduldig den Winter erwartend. Kein lauter Ton, nur das Gurgeln kleiner

Rinnsale im Gras, auf denen rote und braune Blätter schwammen.

Auf dem Fahrweg, der sich in weiter Kurve emporwand, waren Radspuren.

Damals -- wie kamen sie angefahren, die Freunde und die Fremden, zu dem

immer fröhlichen Haus, wo sie bei den Cousinen den Sommer verbrachte. Den

zweiten. Es waren Jahre vergangen, seit sie zum ersten Male hier gewesen,

sie war feiner noch, ja, und auch härter geworden, wie ein gespannter

Bogen hart ist; der erste weiche Duft war geschwunden von den Dingen und

auch von ihr, und oft lag Erwartung in ihren Zügen, als sei ihr Herz

hellhöriger geworden und horche auf irgend etwas, einen Ton, einen

Schritt, den Hornruf des Glücks? Und ihr Mund konnte spöttisch

sein damals, wenn ihre Augen zuviel gesagt hatten, und trotz aller

Leichtlebigkeit war sie ein verschlossener Schrein. Und dann -- o wie

unabwendbar war das große Glück auf einmal da!

Sie sah hinauf zu den hohen Glastüren des Musikzimmers, aus denen

einst Lichterglanz strahlte und Akkorde hinausströmten, all das

Unaussprechliche, das nur in Klängen Worte fand. Rosen hatten auf den

Tischen gestanden, und zu den Türen herein atmete Jasmin von allen

Büschen, aber auf den Wiesen wurde das erste Heu gemacht -- Juniduft,

unvergeßlicher! Und heute nun stand sie am Gitter, und es war ihr Haus

nicht mehr. Der Spätherbst war im Land, aber sie witterte die vergangenen

Sommer, sie suchte in der Luft nach den Harmonien, die seine zaubernden

Hände, seine nur andeutende Stimme ihr ins Blut, in die Seele gedrängt

hatten, bis Tag und Nacht zu einem einzigen, seligen Schlafwandeln

geworden, jede Minute voll bis zum Rande. Bis eines Tags der eine Tropfen

mehr ihr Herz zum Überfließen brachte. Ein Blick, eine Bewegung ...

ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, wie bei der Stelle in ihrer

Lieblingssymphonie, wenn die Hörner einsetzen, leise erst und immer

drängender, ach unerbittlich in ihrer Süßigkeit; da war nur eins, das

dieser tiefen Pein Ruhe geben konnte: Hingabe. Denn wie der Durst nach

Wasser, wie das Fieber nach Schlaf, so begehrt Liebe nach Erfüllung. Ihr

ganzes Leben wollte sie ihm schenken, alles -- und kein Ende; nie wieder

hatte sie sich selber angehört.

Aber an das Schwinden ihres Glücks dachte sie heute nicht mehr. Die Ammen

streichen Bitteres auf die Brust, um die Kinder zu entwöhnen; so entwöhnt

uns Leid und Verlust vom Leben. Aber, Herr Gott, sie hatte doch einmal

alles besessen. Gewinnen, verlieren, was sollten die Worte? War er ihr

nicht eben nahe gewesen? Nur eine große, hilflose Dankbarkeit erfüllte

sie. Einen Augenblick sah sie hinauf und ihre Augen tranken ... tranken.

Dann ging sie, ohne sich umzusehen, zum wartenden Wagen zurück.

Am selben Abend ließ sie den alten Badearzt rufen, den sie aus jener Zeit

her kannte, der aber sonst nicht mehr praktizierte. Er blieb lange mit ihr

allein. Dann bat er um Schreibzeug und setzte ein Telegramm auf. An den

berühmten Mann in Heidelberg. Dabei putzte er sich heftig die Nase in ein

großes rotseidenes Taschentuch. Er sah über die Brille Amsel lang und

zweifelnd an, als wolle er reden. Aber er seufzte nur und ging.

Der berühmte Mann kam und befahl Ruhe, als ob man bisher in einem

Vergnügungstaumel gelebt hätte, und abends kam nun Schwester Ludovika und

löste Madame Céline ab, die vom Aufsitzen und nächtlichen Kaffeetrinken

elend war. Die Schwester war schlank und durchsichtig mit dunkelumwimperten

Augen. »Wie Genovefas Hirschkuh,« meinte Tante. »Aber weißt du, Amsel,

als Kind besaß ich einen Tintenwischer, der stellte eine Nonne dar, mit

einer Menge Flanellröckchen -- du verstehst -- für die Federn, aber

sonst nichts, und da dachte ich eigentlich, daß Nonnen gar keine Beine

hätten.«

Sie lachte mit den Augen und wandte den Kopf dem Licht zu; ihr Haar lag

schwer und feucht auf den Kissen, im Lampenschein war die Stirne so

klar nach den Qualen der Nacht. Als sei sie jünger geworden durch die

Schmerzen.

Amsel führte ihr Leben wie sonst, all ihre kleinen Pflichten, viel Warten

und Harren. Flüsternde Stimmen legten sich ihr aufs Herz. Da war ein

schimmernder Punkt am Ende des finstern Ganges: Hoffnung. Dorthin strebte

sie, jeden Tag ein winziger Schritt. Aber manchmal sah sie das ferne Licht

nicht mehr.

Heut aber saß Tante endlich wieder im langen Zimmer, wo der Flügel war

und das Kamin. Neben ihr die kleine Boulekommode, mit offenen Fächern; da

waren so viele zusammengebundene Briefe. Am Nachmittag war Frau Schwämmle

dagewesen, hatte köstliche Birnen gebracht und einen großen Busch

Herbstastern. Zu solchen Visiten preßte sie sich in ein braunes

Kaschmirkleid, und auf dem glatten Scheitel balancierte dann ein kleiner

Kapotthut mit schwarzem, nickenden Hafer. »Püh,« sagte sie beim

Eintreten und riß die Hutbänder unter dem Doppelkinn auf, denn sie war

vollblütig und erzählte mit finsterer Genugtuung, daß alle in ihrer

Familie am Schlagfluß stürben. In ihrer Waschküche mußte man

sie hantieren sehen, in Wolken von Dampf und Seifenschaum, silberne

Schweißtröpfchen auf der Oberlippe, den Niobebusen ausgebreitet in der

rosa Kattunjacke, an der viele Knöpfe fehlten. Jedes Jahr kam ein Kind,

nicht immer um zu bleiben. »Unser Vatter« war Droschkenkutscher. »Ja,

der Deifel isch en Eichhörnle,« sagte sie, wenn sie neuen Zuwachs

ankündigte.

Tante hatte ein Briefpaket geöffnet, es stand eine Jahreszahl auf der

Hülle, verschiedene Handschriften waren darin. Sie blätterte ein wenig,

dann legte sie's auf die Glut; ein Kräuseln, ein Aufflammen -- pht ... und

nun war es nicht mehr. Und das Herz zog sich ihr zusammen, denn nun erst

waren sie ganz tot, die ach so bescheidenen Toten, die nur noch leben vom

leisen Atem der Erinnerung. Eigentlich eine Hinrichtung, als ließe man vor

der Abreise einen alten Hund erschießen, damit er nicht in gleichgültige

Hände falle. Manchmal zögerte sie, glättete die Seiten. Da war der

englische Freund, der so resigniert und losgelöst über den Zeitverlust

aller Politik, aller Ambitionen redete, der zart und unaufdringlich jeden

ihrer Wünsche erriet und erfüllte. Sie hatte sich nichts dabei gedacht:

sie ganz jung und leichtherzig, er so viel älter. Seine Fürsorge, seine

väterlich-ironische Art: sie hatte alles für Spielerei gehalten. Und nun

las sie: »=Oh don't be constant, for the fear of losing you is one of

your greatest charms=« -- und begriff (denn das Alter macht auch geistig

fernsichtig), warum er die Tür der Ironie immer offengehalten hatte: um

sich hinein zu flüchten, weil sie ihn niemals recht verstand.

Hier knisterte der Brief einer alten Freundin, sie auch schon lange tot.

Damals wurde viel geredet über eine gemeinsame Bekannte. Aber die alte

Dame hatte nie mit eingestimmt: »=Je sais qu'on me trouve bien large. Non,

je ne veux être que juste et j'ai horreur de la médisance. A part les

plaies de Notre Seigneur, auxquelles je crois sans avoir vu, je ne

veux rien croire sans voir. Je sais que vous pensez de même, car vous

n'écoutez que votre cœur qui est meilleur conseiller que la tête.=«

Der Brief flackerte auf, sie öffnete einen anderen. »Maria ist in Rom,

sie ist bei den Karmeliterinnen eingetreten. Der allerstrengste Orden. Sie

gehen barfuß und dürfen nie, nie wieder heraus. Ihre Augen, ihr Lächeln,

ihr entzückender Gang, wir werden sie nie wiedersehen. Warum nur? Zu

bereuen hatte sie nichts, wußte ja gar nicht, was Haß und Sünde sind.

›=Terra gentile=‹, wie die Italiener sagen. Es ist ein Rätsel ...«

Aber in einem anderen Brief war die Lösung. Da stand mit großen eiligen

Buchstaben auf vielen kleinen, abgerissenen Blättern, wie man noch rasch

ein Abschiedswort kritzelt, wenn das Gepäck schon fort ist und sich nur

noch das winzige Notizbuch in der Tasche findet: »Lebewohl und Dank Dir

zum letztenmal, Du Einzige, die alles verstehen wird. Immer hatte ich mir

gewünscht, einmal zu lieben, ohne geliebt zu werden. O ich Unselige, welch

ein wahnsinniger Wunsch. Nun ist er erfüllt und es ist die Hölle ...«

Da waren Briefe alter Diener, Danksagungen für manche geleistete Hilfe.

Auch ein armer Tanzlehrer, den sie in seinem Alter und Elend besuchte,

schrieb: »Heute danke ich Gott und den Grazien, weil noch einmal die

Anmut unter mein armes Dach gekommen ist. Wie gut werde ich diese Nacht

schlafen.« Immer wieder fuhren die hungerigen Flammen auf. Nun war nichts

mehr übrig. »Amsel,« sagte Tante und ihre Lippen bebten, »das waren

lauter gute Menschen. Ich werde sie nie wiedersehen.«

Amsel kroch ganz nah an sie heran, sie legte den Kopf an ihre Schulter,

dicht am Hals, und atmete den geliebten Duft, der ein wenig wie

Bergamottbirnen war. Dies mit anzusehen war eine große Qual gewesen.

Als ob ein Mensch zur Reise rüstet und sein Hündchen steht dabei mit

flehenden Augen und weiß ja doch, es wird nicht mitgenommen.

Tante legte die Wange an den kleinen aschblonden Kopf. Armes Kind, es war

für sie gesorgt, was man in der Welt darunter versteht. Aber sie mußte

durchs dunkle Tor und das Kind würde allein weitergehn. Würde sie ihr

sehr fehlen, wenn der erste, scharfe Schmerz vorüber war? Denn sie hatte

erlebt, wie sich Wunden schließen, die man für unheilbar hielt, und im

Grunde war sie sehr bescheiden, was sie selbst betraf: warum sollte

gerade ich unentbehrlich sein? Aber so recht hatte sie das Kind doch nie

verstanden, denn zwei Schamhafte hören oft aneinander vorbei, gerade weil

sie dieselbe Sprache sprechen.

Ihre Gedanken gingen wieder zu der schönen Marie, die so sehr geliebt

worden war, und doch ... was war ihr Leben gewesen? Und plötzlich fing sie

zu singen an, sang hin zu ihr, die doch unerreichbar war, mit der lieben

atemlosen Stimme, in der man das arme, arbeitende Herz keuchen hörte:

»=La notte tutti dormono,

Io non dormo mai ...=«

Ihre Farbe kam und ging, ihre Augen standen voll Tränen. Aber Amsel lag

wie ein Vogel unter Mutterflügeln; sie horchte auf den geliebten Klang,

die fremden Worte verstand sie nicht.

»=I quarti d'ora suonano

Le una, le due, le tre ...

Ti voglio bene assai,

Ma tu non pensi a me ...=«

So viele Nächte hatte sie nur halb geschlafen, die Angst im Herzen, sie

könnte gerufen werden; aber nun kam der Schlaf -- unwiderstehlich. Und

Tante lächelte, wie der aschblonde Kopf immer schwerer wurde und hinunter

glitt auf ihren Schoß.

Die Uhr tickte deutlich in der Stille, sie hatte es eilig mit ihrer

Aufgabe. Und die Rosen dufteten. Schöne, gütige Blumen, wenn sie starben,

erblühten neue, aber niemals dieselben. Warum sollte ich weiterleben,

dachte sie, habe ich das ewige Leben mehr verdient als eine Rose? Aber wer

konnte Recht sprechen, auch über sich selbst? Und alle Schuld war doch

Strafe zugleich, es ging gerechter her, als man dachte. Etwas Hartes,

Häßliches getan zu haben, das mußte wohl sein wie ein heimliches

Gebrechen, wie wenn schöne Frauen häßliche Füße haben: es läßt sie

nicht froh werden. Hatte sie auch Häßliches und Hartes getan oder

gedacht in ihrem Leben? Es war wohl ihre große Müdigkeit, sie konnte

sich durchaus an nichts Böses erinnern, nicht an solches, das ihr andere

zugefügt, nicht an solches, das andere um ihretwillen erlitten. Neben ihr

lag ein abgegriffenes Gebetbuch, Maries letztes Geschenk; ohne ein Wort

dazu war es aus Rom geschickt worden, denn auch das hatte sie nicht

besitzen dürfen. Da war ein Gebet, es schien ihr soviel menschlicher als

alle anderen, das Buch öffnete sich von selbst an dieser Stelle, und sie

las die leicht unterstrichenen Zeilen:

»=O Marie, mère si heureuse dans le Ciel, n'oubliez pas les tristesses

de la terre. Ayez pitié de ceux qui s'aiment et que Dieu a séparés.

Ayez pitié de l'isolement du c[oe]ur, si plein d'abattement et même de

terreur.=« Und etwas weiter: »=Ayez pitié de ceux que nous aimons, o

Marie, ayez pitié de ceux qui s'aiment, de ceux qui ne savent pas se faire

aimer.=« Ja das, das mußte das Bitterste sein: =qui ne savent pas se

faire aimer=. Aber für sie waren diese Worte nicht geschrieben; eins war

gewiß, sie hatte grenzenlos geliebt und sie war heiß geliebt worden. Und

als es dann zu Ende ging ... Wenn der Sommer zu Ende geht, nennt man ihn

darum einen Verräter? ... Und nun kam anderes; etwas Großes, Fremdes

tat sich auf, es wehte kühl. Schleier fielen auf die Dinge und sie konnte

nicht mehr greifen und halten; nur noch das Aller-Allernächste war zu

erkennen.

Ihr Blick ging langsam von einem zum anderen, über ihr Klavier, über die

Bilder und das Glas mit den Rosen, wie sie standen und dufteten. Und ihr

schien, als ginge sie selbst, unbeholfen und schon fremd geworden durch die

bekannten Räume, mühsam Dinge beim Namen nennend, an denen doch ihr Herz

nicht mehr hing.

Die Waldschenke

Von der Brincken unterschrieb sie sich und Freifrau war sie, wenn auch

nur linkshändig und in Gebundenheit. Der rotköpfige Wirt zog heute noch

demütig die Zipfelmütze vor ihr, aber wie sie hinaufstieg zu den kleinen

schattigen Terrassen der Waldschenke, kam ihr mit dem Erinnern an die

anderen Male, da sie die morschen Holzstufen unter den Füßen gespürt

hatte, auch dieser Augenblick vor wie etwas schon Erlebtes, etwas,

das abgetan ist und nur dumpf wehe tut, als würde einem auf den

eingeschlafenen Fuß getreten. Aber die lange Disziplin, die Gewohnheit

erwiesener und empfangener Höflichkeit half ihr das Treppchen hinauf.

Unter den düstergrünen Linden und Kastanien war es finster, und der Wirt

brachte Windlichter und stellte sie auf die graue Holztafel. Unter ihr auf

einer niederen Terrasse spielten drei Männer Karten, ein vierter stand

angelehnt, die Pfeife im Mund, und sah zu; das Licht huschte über ihre

harten, feinen Bauernköpfe und die Stimmen drangen ab und zu herauf. Sie

hatte den dunklen Reisemantel zurückgeschlagen und stützte das Kinn in

die schmale, magere Hand. Der breitrandige Federhut warf Schatten über

Augen, die sich hochzogen, als spotteten sie der eigenen Tränen. Es war

doch merkwürdig, die erste zu sein bei einem Stelldichein, sie, die sonst

nie gewartet hatte; aber was lernt ein Mensch nicht alles!

Doch nun kam der Prinz, links, vom Walde her, wo das Forsthaus lag, in

welchem er abstieg. Mit federndem Schritt und der etwas übertriebenen

Bonhomie im Ausdruck seines jungen, verlebten Gesichts, mit den hellen,

schräggestellten Augen, hatte er etwas von einem eleganten jungen Kater,

der auf allen Dächern Bescheid weiß. Frau von Brincken erhob sich. Er

wurde sehr rot und sagte: »Ich bitte dich.« Aber die kleine Formalität

tat ihr wohl; sie liebte es, auch das eigentlich Unkorrekte durch ein

gewisses Dekorum einzuhegen, abzusondern von den übrigen, landläufigen

Unkorrektheiten. Er küßte ihre Hand, sagte ein paar liebenswürdige Worte

über ihr Aussehen, die sie ohne Enthusiasmus entgegennahm, und lehnte sich

zurück, die Hand in der Hüfte, die schlanke Lässigkeit unterstreichend,

die ihm durch unzählige Porträte und Photographien beinahe zur Pflicht

gemacht wurde. Der Wirt kam eilfertig mit eiskaltem Landwein und Kuchen.

Sie nippte, er stürzte zwei Gläser hinunter. Warum ist keine Musik?

dachte Frau von Brincken, es ist ja doch Theater, die Terrasse, der Wirt

-- =basso buffo= -- die Statisten ... gleich werden wir aufstehen und

unser großes Duett singen, Opfer und Entsagung, schmelzend, aber =con

bravura= ...

Sie sprachen. Er mit forciertem Ungestüm, mit Selbstanklage, die aber doch

dem Schicksal, das sich ja nicht verteidigen kann, die Hauptschuld zuschob;

Mitleid und Besorgnis um ihr ferneres Ergehen in jedem Ton. Immer wieder

der tadellose Kater, leichtsinnig, oberflächlich, wenn man wollte, aber

doch im geheimsten Winkel seines Bewußtseins: der tadellose. Frau von

Brincken fühlte, wie sich ganz leise der Gram von ihr löste, ohne daß

sie selber etwas dazu tat, und diese Operation war nicht unangenehm, wenn

auch mit einem leichten Frostgefühl verbunden. Mein Gott, waren es denn

Kleinodien gewesen oder Glasscherben, die sie so lange, so angstvoll

gehütet? War ihr Schicksal eines der vielen, unfertigen, die der Triebsand

des Lebens einschluckt, arme, verirrte Reisende, deren protestierende

Armbewegung aufwärts wie ein anklagender Wegweiser die Verräterei des

Bodens verkündete? Und nun saßen sie hier und lächelten einander zu, und

es war, als wenn man mit einem Stückchen Brot im abgestandenen Champagner

rührt, um ihn noch einmal zum Moussieren zu bringen. Frau von Brincken

sah das wohl mit ihren klargeweinten Augen, in diesem zweiten, beinahe

reizvollen Stadium der Enttäuschung, wenn sich die Seele in zwei Hälften

teilt und die eine leidet und die andere zusieht. Bei jungen Menschen kann

das ein Vorfrühling sein. Der Schmerz hat die Seele gelockert, Neues kann

keimen und aufgehen und bringt vollkommene Befreiung, erneuert das Herz

nicht nur, sondern auch den Geist. Aber sie dachte heute nur an Frieden.

Wie gut würde Ruhe tun, nachdem sie so lange gekämpft hatte. Wie

anstrengend war es doch oft gewesen; so mußte den armen Teerosen zumute

sein in den großen Tafelaufsätzen, alle hatten sie einen Draht durchs

Herz gezogen ...

Er ahnte wohl ihre Gedanken. Und nun war es fast, als sei _er_ der

Verstoßene, als schritte sie, einsam und erlesen, von dannen, einem Leben

entgegen, an das er kein Recht mehr haben würde.

»Unsere liebe alte Waldschenke,« sagte er und seufzte. Er hatte eine

Vorliebe für die maßvolle Architektur jenes ausklingenden Jahrhunderts

der Jabots und der Zöpfe. Teilweise wohl aus Widerspruch, weil er bei so

vielen Enthüllungen fürchterlicher Denkmäler, bei so vielen Einweihungen

prunkvoller Theater und Kirchen zugegen sein und lobende Worte sprechen

mußte, war ihm gerade diese Bauart sympathisch, deren stilles

Behagen, deren karger Zierat uns überkommt wie Resedaduft, mit leisem,

schwermütigem Wohlgefühl. Das Haus hatte bessere Tage gekannt, sanft

angelehnt am waldigen Hügel. Die schöngegliederte Tür, die leichten,

halbverwischten Ornamente der Fenstereinfassungen, das zartsilberne

Schindeldach, alles redete von einer Zeit, da zierliche Behäbigkeit

der Form auch das Alltägliche erlesen machte. Heute standen Planwagen

aufgereiht im weiten Hof, Fässer waren im Torweg aufgestapelt, und vor

der Einfahrt tranken schwere Pferde gierig am Brunnentrog. Der Prinz neigte

sich vor: »Durstige Tiere trinken zu sehen, ist doch eine Wonne,« sagte

er. Frau von Brincken fühlte einen kleinen, süßen Stich ins Herz, und

ihre Augen wurden groß wie von aufsteigenden Quellen. »Ich will immer

an Sie denken, Ludwig, wie Sie eben den durstigen Pferden zusahen,« sagte

sie. »Es gibt viel Durstige -- vergessen Sie's nicht. Ihre Hand weiß so

schön zu geben, und am meisten habe ich doch wohl Ihre Hände geliebt,

damals -- ihr Mund bebte ein wenig -- als wir die erste schöne Reise

machten und am Abend der Korb auf dem Tisch stand mit den herrlichsten,

kostbarsten Pfirsichen und Trauben aus Eurer Hoheit Treibhäusern. Wir

konnten es kaum erwarten, waren so heiß und durstig von der langen Fahrt.

Aber da kamen die Bettler. Ja, Ludwig, und da nahmen Sie den Korb, die

Pfirsiche, die Trauben, und schenkten alles, alles an die armen Kinder,

behielten nichts zurück, auch für mich nichts, und gerade das,

Ludwig ...« Sie wandte sich zur Seite, ihre Augen brannten. »Engel, es

war ja deine Hand, die mich das Geben lehrte,« sagte er und war wieder

ganz geschmeidiger Kater, »diese reizende Hand, die ich nicht festhalten

kann. Aber wenn du mir schreibst, mit unserm lieben kleinen Sternensiegel,

da kannst du sicher sein, daß mein dankbares Herz deinen leisesten Wunsch

hören wird, bis in die fernsten Zeiten« ... Fast hätte er gesagt »das

walte Gott«, denn er war es gewohnt, diese Schlußfloskel ziemlich wahllos

anzubringen; aber da war auf einmal etwas in ihrem ferngerichteten Blick,

das ihn ernüchterte.

»Es sind nicht einzelne Wünsche, die ich hegte,« sagte sie, und ihre

Stimme klang blechern und müde ... »ich hatte Größeres erhofft ... Aber

Euer Hoheit Leben ist noch lang, es werden so viel Kreuzwege kommen ... oh,

vergiß nicht die durstigen Pferde,« und sie nannte ihn wieder beim Namen.

Es waren ein paar feine Fältchen an ihrem Munde, und er sah sie genau. Sie

war ihm rührend wie ein kostbares Porzellanfigürchen, das immer noch

mit zierlicher Grandezza zum Tanz schreitet, und hat doch leider schon so

manchen feinen Sprung in der Glasur. Und diese unausbleiblichen kleinen

Standreden ... nun ja, das war ganz natürlich; erst das Lyrische, und

dann wird die Dame didaktisch. Er wollte sich gewiß nicht mit Goethe

vergleichen, der ihm überhaupt vorkam wie ein Menschenfresser mit Orden

... aber er mußte seit einiger Zeit häufig an Frau von Stein denken. Es

war eben der Altersunterschied; was konnten sie beide dafür! Es war alles

bezaubernd gewesen -- war es eigentlich noch. Aber eine Unterbrechung

... nun, und was an ihm lag, nichts Definitives, setzte er, zur eigenen

Beruhigung, wie ein kleines Pflaster obendrauf.

Der Wind fuhr durch die Lindenwipfel; schmalgeschweifte Samenhülsen

segelten herab, sich emsig drehend wie kleine Propeller.

Laubstreu · 第 6 / 10 段