Céline. »=Ah le vilain pays, mademoiselle=,« klagte die kleine
Französin mit dem verwitterten Gesicht, den rastlosen Augen, dem glatten,
korrekten =Veuve-d'employé=-Kleide: »Nichts als Stoppeln und Sümpfe und
=la boue haut comme çà=. Weiden standen an den Landstraßen, schwarz von
Krähen. Wie sie schrien, die Unglücksvögel. Das Haus, nur ein Stockwerk,
aber lang wie eine Schlange. Wenn Madame klingelte, mußte ich erst durch
sechs andere Zimmer, alle gingen ineinander wie ein Korridor. =Le palais
des taupes, quoi!= Gott, wie es da aussah. Überall lagen die Tanten herum,
auf allen Sofas, =des vieilles avec des burnous=, mit gelben Babuschen an
den bloßen Füßen und die Hände voll kostbarer Ringe -- und die Nägel
gelb von Tabak. Denn immer wickelten sie Zigaretten und spielten Patience,
schon am Vormittag. =Et toujours un tas de petits chiens= -- unter den
Plümos, es war wie Erdbeben. Oder sie schlampten im Garten herum in
Frisierjacken und Papilloten und pflückten Beeren; dann wurde Saft gekocht
oder Gurkenwasser gegen die Sommersprossen. War das nun ein Milieu für
meine junge Dame, die an allen Höfen Regen und Sonnenschein gemacht hat
und in allen Sprachen korrespondierte =avec des personnages illustres=?
Aber der Engel, sie lachte nur. Abends stieg sie gern auf eine Anhöhe, wo
eine Windmühle war; da stand sie, und ihr Kleid wehte ... man sah so weit
ins Land, der Himmel war wie eine Feuersbrunst, die Fohlen liefen herum mit
wilden Mähnen. =C'est beau=, sagte Madame. Nun ich konnte mir Schöneres
denken, so ein Apriltag auf den Boulevards, wenn's eben noch geregnet
hat, aber die Sonne scheint aufs nasse Pflaster, und die Blumenkarren mit
Veilchen duften so frisch ... Ich wäre dort an Melancholie gestorben, wenn
nicht der Bücherschrank gewesen wäre. Er roch nach Schimmel, der
Atem verging einem, wenn man aufschloß. In dem einen Sommer las ich
zweiunddreißig Bände Paul de Kock. Er rettete mich vor Tiefsinn. Kein
Wort verstand ich, was diese Wilden sprachen. Die Mädchen gingen mit
bloßen Beinen und hatten Ketten aus Vogelbeeren um den Hals, aber die
Betten wurden von Männern gemacht; struppig waren sie =comme le père
Noël= und hatten außer ihren gestickten Hemden auch nichts Nennenswertes
an. Es war ja tief drinnen in dem barbarischen Lande, =sur la route de
Varsovie=. =Si mademoiselle voulait se tolurner un peu=,« sagte Madame
Céline, denn sie probierte Amsel ein neues Kleid an, aber die Stecknadeln
in ihrem Munde hinderten nicht ihren Redefluß.
»Am Nachmittag,« fuhr sie fort, »kamen die Nachbarn, geritten und
gefahren. Dann fuhren die Damen aus dem Mittagsschlaf, =avec des cris de
paon=, und zogen sich endlich an. Das waren kuriose Toiletten. Aber meine
junge Dame war immer duftig, und wenn ich die Nacht hätte durchbügeln
müssen. Damals trug man Mullkleider mit Volants, so etagenweis bis oben
... Sie sah aus wie eine Glockenblume aus ›=fleurs animées=‹. Dann gab
es Tee und Framboise und zwanzigerlei Konfitüren, und Melonen, nie sah
ich solche Melonen. Die Damen schrieben einander Rezepte ab. Wenn dann die
Lampen kamen, wurden die Karten geholt, sie spielten die halbe Nacht durch.
Oft flogen Fledermäuse herein, ich hätte geschrien vor Angst, aber die
Alten banden sich Antimakassars um die Köpfe und spielten ruhig weiter;
das gab Schattenbilder an der Wand, die reinen Hexen; aber sie blieben
totenernst dabei. Ihre Tante langweilte das ewige Kartenspielen, sie setzte
sich an den Flügel, =un Erard passablement vermoulu=, dann sahen die alten
Damen von den Karten auf und nickten den Takt mit den Köpfen. ›=Ah,
Beethoven, il n'y a que çà=‹ -- sagten sie. Aber wenn sie Chopin
spielte, weinten sie, denn sie hatten ihn alle geliebt und an seinem
Sterbebett gesessen. Junge Herren kamen auch, sie lagen Ihrer Tante zu
Füßen, wie auch konnte es anders sein! Da war der Stefan Czartorisky,
Gott, wie distinguiert, =des pieds d'enfant et toujours le mot pour
rire=. Wir alle beteten ihn an. Aber er hatte eine viel ältere Frau, eine
häßliche Viper, sie verklatschte meinen Engel, und da gab es dann =des
embêtements avec Monsieur le comte= ... Zum Herbst wurde es ganz einsam,
die Wege waren ein Morast. Da saßen sie dann im Salon und stickten auf
Stramin, Rosen und Pensees, ich seh' das Muster noch, =un vrai cauchemar=;
›=c'est un peu monotone, ma pauvre Céline=,‹ sagte Madame, wenn ich
alles wieder auftrennen mußte, denn mit Handarbeiten ist sie nie ein Held
gewesen. Gott, sie war noch so jung. Man mußte sie lachen hören ... Ja,
damals waren Sie noch gar nicht auf der Welt! ...«
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Amsels Erziehung war, nächst dem Gott Zufall, einer Reihe mehr oder minder
verdienstvoller Fräuleins anvertraut, deren Kommen und Gehen durch
den Wechsel des Aufenthalts bedingt war, aber auch durch plötzliche
Erkenntnisblitze, daß Tantes Mitleid ihrer Menschenkenntnis Dunst
vorgemacht hatte. Eine Deutsche, bieder und schwärmerisch, die in Amsels
Erinnerung mit dem Lied von der Glocke und einer fürchterlichen Brosche
aus Elfenbein verschmolz, denn beim Hersagen jener ebenso unsterblichen
wie langatmigen Dichtung hatte sie immer, wie der Vogel auf die Schlange,
dorthin gestarrt. Einmal gastierte auch eine Pariserin mit dünner
Taille und kleinen Füßen. Mit ihrem schmalen Kopf, ihren schwarzen,
zusammengewachsenen Augenbrauen, saß sie wie ein gereizter Schwan, der
gleich beißen wird, hinter den Büchern. Aber sie verschwand meteorartig.
»Der himmlische Akzent war Schuld,« hörte Amsel Tante sagen, »der
ist für mich wie für den Schweizer der Kuhreigen.« Nach ihr kam ein
Fräulein aus dem Waadtland, mit flachem, kalvinistischem Strohhut und
hüpfender Intonation, die an Heimweh litt. Sie erzählte vom Pasteur und
dessen Sohn, =le missionnaire, un jeune homme si bon, si doué=, und
wie sie zusammen im Frühling in die Berge zogen »=pour cueillir la
gentiane=«. Durch diese junge Helvetierin wurde Amsel mit der ebenso
vortrefflichen wie findigen Familie des Robinson Suisse bekannt.
Nichts brachte diese Menschen außer Fassung. Denn immer, im kritischen
Augenblick, spürten sie die außergewöhnlichsten Dinge auf, um ihren
Hunger zu stillen, eßbare Ameisen, Stachelschweine und Schildkröten, oder
auch Faultiere, die wie Räucherwaren stumpfsinnig an ihrem Aste hängen
blieben, bis sie gebraucht wurden; von unerhörten Früchten zu schweigen,
die den Nährwert der Kartoffel mit dem Wohlgeruch der Ananas verbanden.
Man brauchte um das leibliche Wohl der Familie wirklich nicht bange
zu sein. Aber auch für geistige Stärkung sorgte der Himmel. Denn im
Augenblick tiefster seelischer Depression, als sie mit ihrem Schicksal
zu hadern begannen, kam von dem unerschöpflichen Wrack eine Bibel
angeschwommen. Beschämt sanken sie am Strande auf die Knie, und Vater
Robinson sprach ein Dankgebet. Und das alles in tadellosem Passé Défini
vorgetragen! Ja, es war beinahe zu viel der Tugendhaftigkeit, so als ob
einer Lebertran einnähme und dazu auch noch lächeln würde.
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Die alten Bäume in der Allee waren braun geworden, kleine Buben
in gestrickten Mützen suchten Eicheln im dürren Laub, und auf den
Klosterwiesen, wo die Laienschwestern, großen Elstern gleich, das
letzte Grumt geharkt hatten, standen nun die Herbstzeitlosen, blaß und
zerbrechlich. Der blaue Dunst, der klares Wetter verhieß, schlug morgens
in glitzernden Tröpfchen an den Fensterscheiben nieder. Der Herbst war
milde hier, der Winter kurz; nur einmal ausschlafen wollte die Erde, nach
all dem Blühen und Schenken; bald, schon im Februar, fing es wieder an zu
wispern und zu keimen.
Tante sah still in die Luft. Hier hatte sie als junge leichtherzige Frau
gute Tage erlebt und dann noch einmal, ein paar Jahre später, als das
ganz große Glück Besitz nahm von ihrem Geist, ihren Gliedern, von jedem
seligen Tropfen Bluts. Ach, gut war es gewesen, gut!
Auf der Promenade hatten die kleinen, eleganten Buden geschlossen, nur der
Mann mit den böhmischen Gläsern und der Mann mit den Kuckucksuhren saßen
noch hinter ihren Waren wie verklammte Vögel. Und der alte Tiroler mit dem
Quastenhut und seine stattliche Frau, die allen Fürstlichkeiten der Erde
Handschuh anprobiert hatte, waren auch noch da, aber sie packten
ihre Schachteln zusammen. Vor der Bude standen Tisch und Stühle, die
Blumenverkäuferin kam mit Herbstveilchen und den kleinen, ausdauernden
Monatsrosen. Tante schwatzte mit ihr. Es ging immer gemütlich zu, wenn
sie dabei war, das leichte Blut ihrer süddeutschen Mutter redete seine
Sprache. »Wenn ich nur wüßte, warum es oft bei herzensguten und gar
nicht dummen Menschen so furchtbar langweilig zugeht,« sagte sie. »Ich
schwör' dir, Amsel, ich wollt' den Kaiser mit unserer Frau Schwämmle zu
einem Kaffee bitten und die Stimmung sollte großartig sein. Man muß
sich nur fest einbilden, daß man sich für die Antworten der Menschen
interessiert, und das Kuriose ist, daß man es dann schließlich wirklich
tut. Und ob's nun ein König ist oder eine Waschfrau, alle brauchen sie
halt Verständnis, aber sie merken's ganz genau, ob es echt ist oder nur
so Getu. Wenn ich vier Wochen lang Königin wär', ich sag' dir, ich wollte
die Leute königstoll machen.«
Das Kurhaus lag weiß und langgestreckt im Nachmittagslicht. Tante ging hin
und her, blieb manchmal stehen. Sie sah da wohl mehr, als für andere
zu sehen war. Dort, unter dem »russischen Baum«, hatte sie oft mit den
Cousinen gesessen. Sie spielten Domino mit dem alten galanten Staatsmann,
und die Adjutanten des Königs stellten sich dazu, schlanke, preußische
Tannen, und gaben Ratschläge, denn die alten Russinnen nahmen es furchtbar
ernst mit dem Spiel.
Hier traf sich die Jugend zu Fahrten und Landpartien nach alten
Jagdschlößchen und Ruinen, wo man auf Türme stieg und in die schauernden
Wälder niedersah und weit in die Ebene, die glitzernde, in Sonne
und Dunst. In =Char à bancs= und englischen Mailcoaches, vier- und
sechsspännig, ging es los. Sie saß meist auf dem Bock neben dem dicken,
rothalsigen Mister Tomlinson, der seines zarten Töchterchens wegen hier
lebte ... Es war ein fast traumhaftes Gefühl des Ausruhens neben dem
vierschrötigen Riesen. Einmal waren sie in ein Wagenknäuel geraten, die
Pferde bäumten sich, alles schrie und fluchte. Der starke Mann neben ihr
zupfte kaum ein wenig an den Zügeln, und seine kleinen, hellblauen Augen
blitzten in dem ziegelroten Gesicht. »=Sit tight, you are quite safe,
little girl=,« hatte er gesagt, denn in ihrer holden Jugendschlankheit kam
sie ihm kaum älter vor als sein eigenes kleines Mädchen. Und dann zwang
er die vier Pferde mit unmerklicher Gewalt, rückwärts zu treten, und
schon hatte sich das Chaos entwirrt. Ihr war gar nicht bang gewesen, eher
schläfrig; wenn er dabei war, fühlte sie sich geborgen wie einst als Kind
in ihrem kleinen Gitterbett. Ach, wie gut war das Leben! An Rebenhügeln
ging die Straße vorbei, die blauen, duftbestäubten Trauben wurden
geerntet. Hübsche, sonnverbrannte Mädchen lachten unter roten und gelben
Kopftüchern. Zwischen den Weinstöcken ragte ein großes graues Kruzifix
in die Luft, und die Leute setzten ihre schweren Butten zu seinen Füßen
und wischten sich den Schweiß von Hals und Stirne. Manchmal fuhr man im
Tal, das Flüßchen hinauf, bis zu dem Wasserfall, wo es Forellen gab und
säuerlichen Landwein. Wie flammten die Bauerngärtchen, Rosenstöcke ganz
beladen, Kapuzinerkresse und blaue Winden in luftigem Gerank; große reife
Kürbisse lagen in der Sonne, und unter den Dächern hingen Girlanden von
Welschkorn. Aber von den Wiesen kam der Geruch vom zweiten Schnitt, der so
scharf ins Herz greift, wie Anklammern an ein letztes Glück, und über den
Höhen lag Dunst, damals wie heute der Bote milder Tage.
Sie hatte das alles ganz unbewußt geschaut und in die Scheuern gesammelt;
heute zehrte sie davon. An Abende dachte sie zurück bei der berühmten
Sängerin, die sich in einem Seitental, von Erlen umdämmert, einen kleinen
Musiktempel erbaut hatte. Mit halbgebrochener Stimme trug sie die alten
feierlichen Arien vor. Ihre großen, furchtlosen Gebärden, ja ihre
düstere Häßlichkeit paßten zu der Meisterschaft, mit der sie Licht
und Schatten breit und unbekümmert hinwarf. Oder sie sang spanische
Volkslieder mit ihren Töchtern, jungen, mageren Geschöpfen, bräunlich
wie Hindumädchen, aneinandergelehnt ... Wie das von ihren Lippen kam,
die heiseren Rufe des Maultiertreibers, der langgezogene Schrei des
Melonenverkäufers; und die Mutter am Klavier, die mit dunkler Stimme ihren
Part mehr knurrte als sang ... Zerstoben, verstummt. Wer konnte sie noch
singen, diese schmerzlich gefaßten Rezitative in königlichem Faltenwurf,
diese gramvollen Arien, in denen es wetterleuchtet von niedergepreßtem
Gefühl? Der kleine Musiktempel war abgerissen, das Wohnhaus in andere
verbaut, die Bäume gefällt. Und daneben, wo der verbannte Dichter wohnte,
einer der vielen seines Landes, die verfolgt wurden um der Gerechtigkeit
willen; ja, das Haus war noch da, aber tot, mit geschlossenen Läden, die
Wege von Moos übersponnen, stand es zwischen großen Platanen über dem
kleinen Gehölz, wo im Mai die Nachtigallen im Faulbaum schluchzten. Und
sie dachte an den schönen, grauhaarigen Mann, wie er, weißgekleidet, mit
schweren und doch weichen Schritten, einem guten Bernhardinerhund ähnlich,
im Garten auf und ab ging, wenn in dem versumpften Erlenwäldchen, ihm zu
Füßen, die Frösche quarrten. »=J'aime les grenouilles, ça me rappelle
la Russie=,« sagte er. Oft plagte ihn die Gicht, dann ruhte er im
Gartensaal zu ebener Erde, sein Fuß, zu einem unförmigen Bündel
gewickelt, wie eine gekränkte Gottheit auf einem besonderen Taburett. Die
Wände mit Büchern austapeziert, das still brennende Kamin und auf dem
Tisch ein großer Strauß Heliotrop. Dazu rauchte er die kleinen blonden
Papyros seiner Heimat und bekritzelte lange schmale Papierstreifen, die
den Teppich bedeckten. Hier waren viele seiner Erzählungen entstanden, mit
ihrem eigenen, ureigenen Duft wie von Frühlingswald und allerkostbarstem
Tee. Aber nun hing am Gitter ein Plakat: Baustellen zu verkaufen. Wie lange
würden sie hier noch rauschen, die Silberpappeln, die Birken und Platanen?
Oh, wie hatten sie damals seine Bücher verschlungen, wie hatten
sie geschwärmt, gehofft und prophezeit. Musik und Philosophie und
Menschenrechte, alles wurde leidenschaftlich diskutiert; da war so vieles,
das zum Licht begehrte, überall schäumten kleine Wirbel über dem
tiefkochenden Meer. Und vieles war eingetroffen seither, was sie
herbeigesehnt hatten, aber in plumperen Umrissen, mit Abzügen
und Zugeständnissen, die ihrem kühnen Hoffen fremd gewesen. Denn
verwirklichte Ideale sehen wohl immer aus wie die Stiefmutter, die den
Schmuck der rechten Mutter trägt.
Wo waren sie hin, die zarten, rastlosen Frauen, die sich im milden
September zusammenfanden, wenn die Trauben so süß und die zweite
Rosenblüte noch erlesener war als die, die der Juni beschert? Wenn
Johann Strauß seine Walzer dirigierte, während am Nachthimmel große
Raketenbündel hoch fuhren und knisternd niedersanken, goldener Hafer
und blaue strahlende Sterne, zögernd, trauernd um die eigene kurzlebige
Schönheit? Viele waren tot, ach, wer nannte sie noch? Andere lebten, fern
von hier, von neuen Pflichten, neuen Generationen beschlagnahmt: Großmama,
Nonna, =petite tante= ... Ach und jene Allersüßeste, Allerkostbarste,
deren Herz überschäumte in Bewunderung alles Schönen, in
leidenschaftlicher Abwehr aller Enge und Halbheit, sie lebte hinter Mauern;
ja, lebte sie noch? Sie, deren göttlich schöne Füße die Bildhauer toll
gemacht hatten, ging sie barfuß auf kalten Steinen? »=Diane vaincue=«
hatten die Freundinnen sie genannt, nach einer tiefgelben Rose, die damals
neu war; deren schmalen, bräunlichen Knospen sie ähnlich sah. Ach,
Runzeln und Gebrechen paßten nicht zu ihr, wollte Gott, daß sie
schon lange in irgendeinem totenstillen Klosterhof lag, wie eine
Schmetterlingspuppe in ihre kleine braune Kutte gewickelt, dort, wo die
Zikaden in der Mittagsglut sägen und der Lorbeer die Luft mit bitterem
Dunst erfüllt!
Ja, sie hatten sich alle mit dem Leben eingerichtet, so oder so, und da
waren manche, denen das große Glück nie genaht war, oder die es nicht
erkannt hatten, da waren auch die kleinen Hermeline, die nichts riskieren
wollen. Aber viele hatte das Leben wissend gemacht. Und ab und zu hörten
sie voneinander. Sie, die für Zukunftsmusik und Befreiung der Geknechteten
geschwärmt, die über Tolstoi und Schopenhauer diskutiert hatten, als
ginge es um ihr Leben, so edelmütig und verschwiegen in der Freundschaft,
so weich und rückhaltlos in der Liebe ... »=Ma chère belle=,« so fingen
ihre Briefe an; ja, aber nun mußten sie Brillen aufsetzen, um sie zu
lesen.
Das große Glück, das nur wenige finden; der einsame Weg, den nur wenige
gehen! Ach, mit zitternder Hand griff sie ans Herz, den Mund gespannt in
unvergeßlich süßer Qual: Mein Schmerz, mein Eigen! Und wenn sie die
Augen schloß, spürte sie mit suchenden Nüstern Heuduft und Jasmin in der
Sommernacht, spürte die kühle Glätte des Flügels, an den sie die Stirn
gelehnt hatte -- oh, wie oft --, damals, wenn er ihr mit leichter, fast
knabenhafter Stimme die neuen Opern sang, welche zu jener Zeit die Welt
aufwühlten und in feindliche Lager teilten. Ob unter seiner Leitung das
Orchester zu einem großen, gebändigten Instrument wurde, einer Republik
der Stimmen, von seines Blutes Rhythmus befeuert und gezügelt, oder ob
sie beide, träumend, zuhörend, schweigend genossen, es waren dieselben
Schauer, es war dieselbe Weite und Enge, die sie im Herzen erlitten, eine
Gemeinschaft, ein äußerstes Durchdringen, das den Menschen in dieser
unfaßlichsten und doch körperlichsten aller Künste gegeben ist.
Um sie her fielen die Kastanien ins gelbe Laub; unter der Säulenhalle war
es leer, die Stühle aufeinander getürmt, leer der runde Musiktempel am
Eingang. »=Si vous n'avez rien à me dire=« -- oh, diese kleine zuckerige
Melodie! Damals war sie neu, und man spielte sie zum Überdruß. Nun ging
sie ihr auf einmal durch den Sinn, ein kleines betrübtes Gespenst. Sie
fühlte ihre Augen brennen und wie ihr Mund sich verzog. Nach Hause, nach
Hause, die Sonne wärmte nicht mehr.
=II=
Amsel war mit Madame Céline einkaufen gegangen. »=D'abord les petites
brioches pour madame=,« sagte die kleine Französin. Der Sommerkonditor
Romplemayère, wie Madame Céline es aussprach, hatte sein Zelt schon
abgerissen, aber sein Rivale, der den märchenhaften Namen Schababerle
trug, gleich dem Efeu bodenständig, überwinterte hier. Eigentlich müßte
es umgekehrt sein, hatte Tante gesagt, denn sie fand, daß sie beide
die Jahreszeit verwechselt hätten. Rumpelmaier war doch sicherlich ein
Abkömmling von Rumpelstilzchen und paßte daher weit besser zu Schnee und
Christbäumen und krausem Winterspuk als zu der =Côte d'Azur=. Während
Schababerle, den konnte man sich nur mit einem Turban denken, wie er
Sorbet und Limonaden bereitete, kühl-wohlig in der Sommerschwüle, und
schließlich wurde er Pastetenbäcker des Kalifen und erhielt die jüngste
Tochter des Großwesirs zur Frau.
Sie gingen durch Gassen und Gäßchen, die den Berg hinaufkletterten, bis
zum Schloß mit seinen Höfen und Brunnen und überdachten Treppchen und
der großen Lindenterrasse. Die Tore waren verschlossen, die freundlichen,
grauhaarigen Lakaien gingen nicht mehr aus und ein, und die Linden standen
in einem Teppich raschelnder Blätter. Staffeln führten hinab zu kleinen
Plätzen, wo im Dämmerlicht Brunnen rieselten, an sauberen Häusern
vorbei mit Transparenten an den Fenstern, hinter denen Waisenratswitwen im
Lehnstul saßen und sich nicht entschließen konnten Licht zu machen, ehe
die Laterne an der Ecke brannte; so sahen sie vor sich hin, die Hände im
Schoß, und sannen über das Alter des Kanarienvogels nach, ihr eigenes
darüber vergessend. Kuriose Lädchen gab es hier, Althändler, in deren
Schaufenster stockfleckige Lithographien verblichener Landesväter zwischen
gestickten Klingelzügen und alten, gedemütigten Regenschirmen lächelten,
daneben ein Sargtischler, der kleine Sargmodelle ausgestellt hatte, in
verschiedener Ausstattung, wie für alle verstorbenen Puppen -- geringe
und vornehme -- der Nachbarschaft. Beim Seifenhändler hingen die großen
Altarkerzen aus gelbem Wachs, honigduftend, die in kühlen hallenden
Kirchen von Sommergärten und summenden Bienenkörben erzählen, dazwischen
die schlanken Kommunionskerzen, symbolisch umwunden mit Weinlaub und
gläsernen Trauben, und am Griff ein kleines, steifes Spitzentuch für
die kleinen zerkratzten Hände, die an diesem Tag in weißen
Baumwollhandschuhchen prangen. Bei der Vogelhändlerin kamen sie vorbei,
die in der offenen Ladentür saß, ein schwarzes Kaninchen im Schoß,
und hinter ihr aus dunklen Ecken leises, unaufhörliches Trillern wie aus
zarten Wasserpfeifen, das war wie im Märchen von Jorinde und Joringel und
der bösen Zauberin. Zwischen Mauern ging der enge Weg hinab, über die
hier und dort ein erfrorener Rosenzweig nickte, und Häuser, die auf der
einen Seite einstöckig kauerten, ragten auf der anderen aus Abgründen. So
denk' ich mir Capri, sagte Amsel.
Als sie heimkehrten, stand Tante, in ihren großen Orenburger Schal
gewickelt, am Fenster und sah nach ihr aus. Von den Pappeln segelten
gelbe, herzförmige Blätter durch die Luft, Schneebeeren lagen weich
und verregnet auf den Gartenwegen, bald würde nun der Winter kommen, auf
Samtpfoten, eine große, weiche, weiße Katze.
»Nun wollen wir uns einwintern,« sagte Tante. »Das alte Murmeltier und
das kleine Murmeltier, eigentlich beneidenswerte Geschöpfe, so die ganze
kalte Zeit zu verschlafen, so gut haben wir's nicht, und ein bißchen
Französisch mußt du auch wieder treiben; der Mensch kann immer noch
zulernen, und wenn er auch schon siebzehn Jahre alt ist.« Und ein paar
Tage später sagte sie: »Ich habe Rächerchen gemacht, denn so sprach
ich's als Kind aus, wenn ich meinem Vater vorlesen mußte; und nun hab'
ich die Perle gefunden, eine schwarze Perle, denn sie ist Witwe, und nur
Französinnen verstehen es, so gründlich Witwen zu sein, ich glaube, sie
genießen das wie ein Moorbad; also, sie heißt Benoît und sieht aus wie
ein Kokon aus Trauerkrepp, und ihr Seliger war auch Sprachlehrer, ja, sie
sagte, er sei ein Vater der Syntax gewesen, und das ist doch gewiß eine
Seltenheit.«