ruhigen Händen zündete sie das Flämmchen unter dem Teewasser an,
rückte Schüsseln und Blumen zurecht. Gleich würde die arme Brunislawa
geschlüpft kommen und sich schüchtern und gewichtlos auf der Sofakante
niederlassen, als hätte sie kein Recht dazu. So überbescheidene Menschen
waren im Grunde doch nervenangreifend. Ja und nun in ein paar Minuten
mußte der Wagen da sein.
* * * * *
Ali und Adallah waren, nachdem ihnen die Kleudchen Wasser gebracht, doch
eingeschlafen. Aber nun wachten sie, ziemlich gleichzeitig, heiß und
unruhig auf.
Das Gewitter schien jetzt Ernst zu machen. Das war kein Wetterleuchten
mehr, sondern scharfes, bläuliches Blitzen. Der Donner kam immer näher
und die Stimme des Windes hatte etwas zornig Pfeifendes, ähnlich wie
der Bulle, wenn er ganz böse war und den Kopf zwischen die Vorderfüße
bohrte. Die Fensterflügel zerrten in den Haken, und irgendwo war ein Laden
locker geworden und klappte mit jedem Windstoß. Man hörte Baumwipfel
sausen, tief und unheilvoll, Blätter huschten am Fenster vorbei; dann
war es wieder ganz schwarz. Einmal mischte sich auch Rädergeroll in das
Donnern. Die Haustür ging, Pferde stampften. »Oooda --« das war Dralles
Stimme, die Braunen wollten nicht stehen bei dem Blitzen.
Die Kinder lagen steif unter ihren roten Wolldecken; der Wind fuhr ihnen
abwechselnd heiß und kühl über die Haare. Oh, wenn sie doch jetzt
unten wären bei den Großen, die gewiß um den runden Tisch, bei Tee und
Lampenlicht saßen und sich gar nicht fürchteten, oder im Stall, wo Fritz
Dralle im Verschlag schlief und die Laterne im Pferdedunst zwinkerte und
Erda in der Kiste lag, das Braune und das Gefleckte liebevoll umringelnd.
Die Blitze folgten einander rascher; der Donner kam jetzt krachend, fast
gleichzeitig; das war nicht mehr das tiefe Löwengebrüll des Anfangs.
Unten gingen Türen, man hörte Stimmen, Papa krähend aufgeregt, Tante
Brunislawas unverkennbarer Klagelaut, so perlhuhnartig, und zwischendurch
die Kleudchen wie eine besorgte, vernünftige Truthenne: knapp, knapp,
knapp. »Ich werde selbst hinaufgehen,« das war Mamas weicher Alt, »komm
auch du, Stanja,« und Papa: »Nein, nein, später,« und wieder Mama:
»Doch, Thilo, heute.«
Im selben Augenblick fuhr es blau zum Fenster herein; das Zimmer leuchtete
hell auf, man sah jeden kleinen Riß in der Tapete; ein kurzes, scharfes
Knistern, als ginge feines Glas entzwei, dem ein ohrenbetäubendes
Knattern, eine hohe tückische Salve folgte; es roch seltsam schweflig.
Aber nun prasselten schon die Regenmassen aufs Dach, in die Baumkronen
hinein; sie wühlten den Kies auf; sie bildeten sofort eine Menge kleiner,
aufgeregter Ströme, die über die Terrasse liefen, immer eiliger, immer
wütender, die Brüstung entlang, bis sie Ritzen fanden, zu denen sie
vereint wie Dachtraufen hinausschossen in den verdorrten, versengten
Äpfelgarten hinunter.
Adallah hatte aufgeschrien. Ali blickte wie versteint nach der Türe. Dort,
mit übergehängter Joppe, stand Mama, blaß, mit feuchtem Haar, ihre Augen
glänzten so sehr, sie lächelte. Würde sie sagen: »Ich glaube gar der
Junge hat Angst?« Aber sie sagte nichts dergleichen, sie wandte sich
zurück, ein Fremder stand hinter ihr. »Siehst du, Stanja, deine kleinen
Brüder sind wach,« sagte sie, »nun müßt ihr gleich Freundschaft
schließen.« Ein langer, schlaksiger junger Mensch mit fahlem,
kurzgeschorenem Haar ging verlegen von einem Bett zum anderen. Er murmelte
»Guten Abend«, er lächelte, aber so als täte es ihm weh.
»Gebt eurem Bruder einen Kuß,« sagte Mama, »denn ihr müßt euch sehr
freuen, daß er wieder bei uns ist.« Ihre Hände klammerten sich um Alis
Bettpfosten. Die Hände dort, in die sich nun die kleinen, zerkratzten
Pfoten ihrer Kinder so zutraulich legten, sie hatten Menschenblut vergossen
in tierischer Wut. Und bis es soweit kam, hatten sie anderes verübt, was
die Menschen milder beurteilen und das Gesetz milder bestraft, und das ihr
viel schrecklicher schien, weil es ihr unbegreiflicher war. War das nun
ausgelöscht durch die Strafe? Oder blieb einer, der solcher Vergehen
fähig war, dadurch gezeichnet für immer, zu einer Menschenschicht
gehörig, die man bedauern, aber nie begreifen konnte? Und schlief
vielleicht in ihren eigenen kleinen Söhnen ebenso giftiges Samenkorn und
schlief sich nach Gottes Ratschluß zu Tode oder wachte plötzlich auf, mit
unbändiger Triebkraft, wenn alles sicher und befestigt schien? Aber war
das ein Grund, nachsichtiger zu urteilen, weil man selbst oder das eigene
Fleisch und Blut ähnlich straucheln konnte? Wie die Menschen, die feige
zu allem schweigen, um ihr eigenes Glashaus nicht zu zertrümmern. Was half
Denken und Abwägen? Eines war gewiß: er hatte zahlen müssen mit dem, was
am kostbarsten ist, mit der unwiederbringlichen Zeit, mit Sonne und Luft
und dem Rausch freier Glieder in der Morgenfrische, dort in der Enge und
dem Schweigen, bei grauer, eintöniger Arbeit, ohne Kameradschaft, ohne
helles Ziel. Er hatte gezahlt mit langen Jahren der kurzen Jugendzeit
und die vergrämten, alten Fältchen an seinem Mund waren die Quittung
darüber. Aber was an ihr lag, das sollte geschehen, auf daß er noch
einmal in Klarheit, ohne Vertuschen und gerade darum nicht ganz ohne Stolz,
sein schweres Leben neu beginnen konnte; und wenn es ihn jetzt in weite
Ferne führte, auch dort sollte er wissen, daß sie zu ihm stand in seinem
neuen Leben.
»Wo warst du denn die ganze Zeit?« fragte Adallah, dem der Fremde stumm
und hilflos über den kleinen Hemdärmel strich.
Der junge Mensch wurde rot, er murmelte den Namen einer fremden Stadt.
»Stanja ist in einer Schule gewesen,« sagte Mama. »Wir Menschen müssen
alle in die Schule. Aber nun hat er ausgelernt.« (Wie geschraubt das
klang, dachte sie, gleich als sie's gesagt hatte.)
»Bleibst du nun hier?« piepste Adallah weiter, dem sich schon
berauschende Aussichten auftaten, Kombinationen von Stanja mit dem Kahn und
Haselnußexpeditionen mit Stanja und dem Gefleckten.
»Nein, morgen reise ich weiter,« sagte der neue Bruder. Er hatte eine
verschleierte Stimme, die den Kindern wie ein fremdartiges Instrument
vorkam; und es war da etwas Nettes mit seinen haselfarbenen, etwas schräg
gestellten Augen, wenn er beim Lächeln das untere Lid so hochzog.
»Ja, aber du kommst wieder und kommst oft wieder, und schließlich bleibst
du da und wirst unsere rechte Hand.« Mama hatte ihr leises Mädchenlachen
und wurde rot. »Du bist ja unser Ältester. Ja, mein Junge,« und sie
legte ihm die Hand auf die Schulter und strich sanft an seinem Arm herab,
und aus ihrer Handfläche schoß ein heißer Strahl zurück in ihr
Herz, »ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du ganz bald
wiederkommst in dein Elternhaus. Wo auch deine liebe Mutter gelebt hat. Ja
und siehst du, mir gehorcht man.«
Der blasse Mensch lächelte wieder gequält, es war alles so freundlich
gemeint, aber oh, beinahe sehnte er sich zurück, dorthin, woher er kam,
wo er selbstverständlich war und dazu gehörte wie das eiserne Bett, der
Schemel, der häßliche Blechkrug auf dem Tisch. Und sie fühlte es und
quälte sich auch. Was half die beste Absicht -- da waren eben noch Wunden.
Es war, wie wenn man einem Schwerkranken sagt: So, nun schlafe schön,
morgen ist dir besser; dann lächelten die Kranken auch so mühsam, um
ihren guten Willen zu beweisen. Wund war alles; was man auch sagte, es war
zu deutlich. Ach, ihre Hand war nicht leicht genug für so schwere Dinge!
Sie wandte den Kopf dem offenen Fenster zu. Es hatte noch ein paarmal
geblitzt, aber schwächer; der Donner klang weit ab, als habe das Ungetüm
mit dem einen Schlag seine Wut verbraucht. Der Regen rauschte nieder in
großen, ruhigen Wogen, ein unendlicher Segen.
»Lieber Gott, der Roggen!« sagte Mama und horchte auf; ihr Mund bebte ein
wenig. »Nun ist der Regen noch zur rechten Zeit gekommen.«
Sie ging zum Fenster; sie lehnte sich hin, als wolle sie das Rauschen
trinken, als sei sie selbst ganz ausgedörrt gewesen. Es war ihr lieb
dazustehen, unbemerkt; so konnten ihre Augen die beiden brennenden Tränen
zurücksaugen, ungesehen.
Hinter ihr, bei den kleinen Betten, war nun ein Gewisper und Gekicher
entstanden; sie merkte es wie im Traum. Und sie stand regungslos, ohne
sich zu wenden; sie spürte, daß dort etwas vor sich ging, ganz außerhalb
ihres guten Willens, etwas, das von Recht und Unrecht nicht wußte und
nicht von Belohnen oder Verzeihen. Nein, ungerufen, sanft erobernd, wie das
neue Gras hier früher und dort später die verdorrten Stellen durchbricht
und belebt, heilend wie der Saft, aus der Wunde selbst bereitet, den
Baumschnitt überzieht, daß er nicht faulen kann. Sie fühlte, sie konnte
nichts dazu tun; aber abseits stehen, sich nicht drein mischen, nicht
stören, das konnte sie. Demut! Sie hatte das Wort oft gebraucht, aber
doch nur auf andere angewandt. Jetzt eben meinte sie, es in sich selbst zu
erkennen.
Diese ereignisvolle Nacht, die die Kinder im Halbwachen durchlebten, dieses
Gemisch von Donner und Wagengeroll, die kurze Erscheinung des großen
Bruders, der von nun an wie ein unsichtbarer Kriegsgott bei allen
Abenteuern der Schiedsrichter war, und, fast ebenso erstaunlich, Mamas
Erscheinen hier oben, ihr leiser Duft, ihre Stimme, wie von Regentröpfchen
durchglitzert, als sie dort am Fenster lehnte, abseits, freundlich, schwach
erhellt ... das alles wurde für Ali und Adallah zu einem unauflöslichen
Ganzen, wie Dinge, die man im Nebel gesehen, sich getrennt nicht vorstellen
kann.
Beinahe das allermerkwürdigste aber war, daß, als sie bei gleichmütigem
Regenakkompagnement wieder allein lagen, Dralle im Gummimantel erschien,
naß und wortkarg, aber doch wie ein rechter Himmelsbote, denn er hatte
das Braune und das Gefleckte auf dem Arm, setzte dieselben auf die beiden
Bettchen nieder und erklärte, es geschähe dies auf Befehl der gnädigen
Frau.
Etüde
=I=
Wenn am Nachmittag die Sonne durch die Läden drang und goldene Leitern auf
Tisch und Sessel malte, übte Amsel ihr Adagio. Anfangs ging es glatt, aber
das war trügerisch, bald wurde es schwarz von kleinen wimmelnden
Noten, die alle untergebracht sein mußten; da waren die schrecklichsten
Fallstricke, sogar Triller im Baß, wie eingesperrte Brummfliegen. Aber sie
arbeitete sich durch, wie ein Maulwurf durch lichtlose Gänge, und dann
kam die Belohnung, das Allegretto: still gefaßt, auf feinen Füßchen, sah
sich's versonnen um in dem dämmernden Raum, und irgendwie schien es den
Ausdruck der Dinge umher zu haben, sich zu vermischen mit dem Duft der
Herbstveilchen, mit dem sonngebleichten Gelb und Grau der Kretonnerosen;
eine schöne, weiße Hand leuchtete auf, ein schleifender Schritt kam
gegangen, ein Lachen war dabei, dunkel und zärtlich.
Die feine, zerbrochene Seele, die über Amsels Kindheit wachte, kam seit
Jahren an diesen winters so verlassenen Ort, wo für sie in den großen
Alleen, vor den Säulen des weißen, langgestreckten Kurhauses, die
Erinnerung wandelte, angetan mit der Krinoline des zweiten Kaiserreichs,
jener Zeit, da alles jung und erwartungsvoll gewesen und sie selbst, die
schöne Anselma, den Menschen ins Herz gedrungen war wie ein Wohlgeruch.
Kalte Winde ließen sie erschauern, für den Süden aber fehlten ihr die
Mittel, so kam sie, wenn der Herbst zu Ende ging, immer wieder in das
stillgewordene Tal. Dann taten die großen Gasthäuser die Läden zu,
in den Gärten roch es nach moderndem Laub, und auf den Wegen war es
menschenleer, aber oh, so voll von Erinnerung. Sie paßte nicht mehr in
Menschengewühl; Gespenster, ja, die drängten sich heran, aber wie sanft
gingen die mit ihr um. Und mehr und mehr zog sie sich zurück; wie ein
krankes Tier, fühlend, daß der Kampf zu Ende geht, sich unter Hecken in
eine Mauerritze verkriecht in der stillen Anspruchslosigkeit des Todes.
Schon zum viertenmal war sie in die Villa an der Berglehne eingezogen. Wie
der Wasserfinder die Quelle, so spürte sie Häuser auf, die bessere Tage
gekannt und nun, im Alter verwahrlost, einen eigenen Lockreiz hatten. Mit
silbrigen Dächern, mit schönbemessenen Räumen und schlanken Fenstern
hinter geflickten Marquisen, träumten sie in der Herbstsonne. Der Hausrat
alt und fadenscheinig, die Kretonne gedemütigt durch allzuhäufige
Wäsche; aber da waren noch schöngearbeitete Türschlösser, wie man
sie nicht mehr macht, schmale Goldleisten faßten die Tapeten ein, Kamine
warteten auf Winterabende, und hinter weißen Holzpaneelen, die kniehoch
um die Wände liefen, raschelten die Mäuse. Alles aus einer Zeit, als die
Häuser fein und zierlich und die Gärten groß waren, und die Menschen
anmutig, aber ganz ohne Prunk den guten Dingen dieser Welt die Türen
auftaten. Und wenn das gesternte Parkett in der Sonne knackte, ging ein
Knistern alter Modenjournale durch die Zimmer und Erinnerung an =Lavande
ambrée=, von sachttretenden Dienern auf zischende Schaufeln getröpfelt.
Hier standen noch Hortensien in grünen Holzkübeln und Fuchsien mit ihrem
feinen Glockenspiel; auf die gefleckten Sandsteinstufen sanken Blätter und
Beeren, Pappeln säuselten golden in der stillen Luft. Der nächste Sturm
würde alles mitnehmen, aber noch waren die Tage warm, die Nächte gütig,
und im Grase lagen süße, wurmstichige Birnchen, und die letzten Wespen
nagten sich hinein, bis der erste Frost sie lähmte.
An der Wand, gradüber dem Flügel, hing Tante Anselmas Jugendbild. Mit den
leuchtenden, weich gleitenden Schultern, dem Grübchen in der Wange, dem
kurzsichtigen, amüsierten Blick zwischen zusammengezogenen Lidern, in
Spitzenwolken gehüllt, eine Garbe ziemlich unwahrscheinlicher Blumen im
Arm, einer der schönsten unter den schimmernden Schwänen, wie sie
einst, unnahbar und doch empfindsam, und alle mit einer leisen
Familienähnlichkeit, aus Winterhalters Atelier hervorgerauscht kamen.
Amsel starrte hinauf. Nun waren Wange und Kinn zart gewelkt, wie die
Ränder der Malmaisonrose, die es so rasch verrät, ob sie am Tage vorher
gepflückt ward. Aber das Grübchen war noch dasselbe, das kam und ging wie
Sonnenflecken durch die leisklappenden Jalousien.
Abends, wenn das Lampenlicht die Möbel streichelte und hier und dort ein
Bildrahmen, ein Türschloß aufglühte, ließ Tante die graue Häkelei
sinken und ging an den Flügel, auf dem das Bild der schönen,
unglücklichen Großfürstin stand. Sie blinzelte ihr zu, während sie
spielte, mit zurückgeneigtem Kopf, die Zigarette im Mundwinkel. Und
es war, als ob Chopins feines Filigran mit dem Rauchgekräusel
zusammenflöße, aufstiege in immer leichteren, immer durchsichtigeren
Spiralen. Amsel saß an der Erde, die Hände um die Knie, und feine Klingen
stachen ihr ins Herz; denn süß und zögernd ging die Melodie an ihr
vorbei, und sie hätte bitten mögen: »Bleibe, bleibe,« aber schon war
sie in breiterflutenden Gewässern untergegangen, Dinge, die wild und
herrlich waren und vergangen sind, hoch aufrauschend von ritterlichem
Opfermut und goldenem Leichtsinn ... nur zum Ende noch ein paar Takte wie
am Anfang, Arme, die sich auftun, schüchtern flehend. Wie stand doch unter
dem Marienbild, dort in dem kleinen Bergdorf: »Mein armes Kind, wo gehst
du hin, weißt nicht, daß ich deine Mutter bin?«
Tante Anselma ließ die Hände sinken; die große Müdigkeit war über
sie gekommen. Stromab; wie leicht ist das, wenn man müde wird; und die
Mündung war nicht mehr fern.
Wenn sie dann wieder bei ihrem Buche saß, starrte Amsel darauf hin, ohne
die Blätter zu wenden. Sie mußte an so vieles denken, was ihr Tante
erzählt hatte und was da, während der Musik, an ihr Herz gepocht hatte,
wie Zweige ans Fenster pochen, wenn der Wind geht: Tante als kleines Ding
auf dem Schoß des großen Verbannten, inmitten feurig redender Männer
und Frauen mit leidvollen, brennenden Augen. Da klirrten Waffen, da zogen
Revolutionen dröhnend durch die Nacht. Und andere Menschenzüge wanderten,
stumm, verzweifelt, endlos durch den Schnee, und neben jedem Mann stapfte
eine Frau ... dann wieder Lichterglanz und Rauschen, und immer tönte
Musik, wild oder zärtlich, wie hinter einem Vorhang. Die schöne Anselma
ging durch große Menschenmengen, wie heute durch die Einsamkeit, fein und
etwas spöttisch und ganz ohne Furcht, Verfolgten und Geächteten hatte
sie Treue gehalten. Aber auch in die Mächtigen dieser Erde hatte sie
ihr Vertrauen gesetzt und war nicht getäuscht worden. Folgte sie einer
Witterung, wie Tiere und wilde Völker sie haben, die sie den einen
zugänglichen Punkt in eisernen Herzen finden ließ?
Ganz jung war sie mit Onkel verheiratet worden, und mit ihm hatte sie wohl
so manches durchgemacht. Zeitweise mußten sie auf das verwahrloste Gut
ziehen, von dem die alte Kammerfrau noch heute mit Schaudern sprach. Dann
lagen ihre Perlen auf dem Leihhaus, ja schließlich kamen sie nicht
wieder. Vor ein paar Jahren war Onkel noch einmal aufgetaucht; elegant und
verwittert und etwas kreuzlahm, mit großen Saphiren an den nikotingelben
Fingern und der ganzen überströmenden Galanterie des schlechten
Gewissens. Man saß bei Tische, die Kerzen knisterten, die Malmaisonrosen,
die er gekauft hatte, in ihrer Mitte. »=Votre fleur, chère amie=,«
sagte er, und Amsel wand sich; wozu sprach er eigentlich französisch, er
schnurrte das R so, dann war er ihr erst ganz antipathisch. Von Biarritz
erzählte er, von Monte Carlo und den »=potins de Florence=«, denn jeden
Winter war er an einem anderen Ort. Tante sah geistesabwesend vor sich hin;
es war doch seltsam, dieser fremde Mensch, dessen Namen sie trug ...
Aber voller Fürsorge war sie doch, konnte sich nicht genug tun an
Aufmerksamkeiten für seine Gesundheit und sein Behagen. »Der Arme,«
sagte sie, »er hat sich sehr verändert, und es hat etwas Schmerzliches,
wenn jemand so begnügsam geworden ist, der früher so verwöhnt war. Ach
und etwas Nachsicht und Fürsorge, _das_ Kleingeld hat man ja immer übrig.
Den andern freut es, und er hält es für gutes Gold. Nun, Gott verzeih uns
allen.« Es lag ihr nun einmal nicht, mit jemand abzurechnen, mit dem
sie auch nur eine gute Stunde verlebt hatte. »Es ist so schrecklich
umständlich, Buch zu führen über Recht und Unrecht,« sagte sie; »das
ist eine Arbeit, die ich gern unserem Herrgott überlasse.«
Nun aber kam Onkel nicht mehr. Tante ließ alljährlich eine Messe für ihn
lesen, und es war aus irgendeinem Album ein Bild von ihm auferstanden, aus
seiner schönen Zeit, als =beau ténébreux= an einer Säule lehnend, halb
Taschenspieler, halb Fürst der Finsternis. Wenig Bekannte nur drangen
in ihre Einsamkeit; ein paar alte Russinnen, die hier das ganze Jahr
verbrachten, waren die Getreuesten. Ihr Haus lag rosenumsponnen über
den großen Klosterwiesen, eingenistet in dem verwilderten Garten, in
Tulpenbäumen und Linden und riesenhaftem Azaleengebüsch. Ewig froren sie,
und im Salon flackerte zu allen Jahreszeiten das Feuer im Kamin. Man konnte
sich kaum zu ihnen durchwinden vor fürstlichen Andenken: Malachittischchen
und gestickte Wandschirme und lebensgroße Katzen aus Porzellan. Die
Luft war blau von Zigaretten, und es wurden Bonbonnieren herumgereicht,
unerhörte Pariser Fondants, die wie Taufkinder in gepolsterten
Atlasschachteln lagen, rosa oder strohgelb oder pistaziengrün. Dort traf
man bejahrte Diplomaten, wichtig und geschwollen, voll dunkler Rankünen
und einer Fülle einbalsamierter Anekdoten. Oh, wie schnatterten die alten
Russinnen und stießen kleine Schreie aus wie teilnahmsvolle Papageien und
nannten einander beim Vatersnamen wie in den Büchern von Tourguénief, und
immer die Zigarette im welken Mund, die Lippen vom ewigen Rauchen schlaff
geworden, wie bei den drei Spinnerinnen im Märchen, redeten sie von
Politik und Liebe und Verstorbenen. Amsel saß derweil über juchtenlederne
Albums gebückt und besah sich die Menschen, wie sie früher ausgesehen
hatten; Herren, romantisch schmerzlich mit ihren Vatermördern und
schwarzen Halsbinden, den Zylinder in die Hüfte gestemmt, ein ganzes
Adagio im Blick; und feine Frauen in seidenen Krinolinkleidern, wie die
Püppchen, die man aus umgestülpten Mohnblumen macht; elegisch über
Balustraden gelehnt, eine Weintraube essend: kleine erlöschende
Gespenster, die in den alten duftenden Büchern langsam vergilbten.
Wenn sie dann wieder daheim waren, konnte es nichts Schöneres geben,
als wenn Tante »Albumgeschichten« erzählte, gerade jetzt, wo es früh
dunkelte. Draußen seufzten die Pappeln; die Moderateurlampe stand milde
auf dem Tisch, von den Rosen löste sich ab und zu ein Blatt, und in der
Lampe fiel, still und zuverlässig, ein Tropfen Öl in den Behälter.
In ihrem Schein liefen Herbstmotten über den Tisch, die winzigen,
perlmutternen und die großen mit weißen Pelzröckchen und Gesichtern wie
kleine Eulen. Dann erzählte Tante. Und wie sie erzählte, wurden Länder
und Bauten zu etwas zauberisch Kleidsamem, in dem sie herumging, jung und
fremd, und war doch wie beim Träumen ganz selbstverständlich, sie durch
die fernen Perspektiven kommen und schwinden zu sehen. Da war Venedig.
»Dort sitzt die Markuskirche wie eine große goldene Henne,« sagte sie.
Und Amsel sah alles in Gedanken, sah die braungoldenen Tiefen, wo die
Säulen wie Orgeltöne aufsteigen und wieder verschwimmen in Weihrauchblau
und Schatten, all das wimmelnde, traumartige Gehen und Stehen der Menschen,
sanftbewegt wie Algen auf dem Meeresgrund. Draußen auf dem Platz
war Musik. Da saß Tante in einem weißen Kleid mit vielen schwarzen
Samtbändchen benäht und aß Eis mit den jungen österreichischen
Offizieren, die so fabelhaft dünne Taillen hatten. Rauschende, wiegende
Musik. Und Kähne kamen von den Inseln, mit Melonen und Trauben und
Paradiesäpfeln ganz beladen, tief schwammen sie im Wasser, und andere,
aus Murano, mit farbig glitzernden Glasperlen, hineingeschüttet wie Sand.
Einer zog langsam vorüber, mit einer gehäuften Last von schwarzem Schmelz
und Flitter -- wie funkelte das traurig-prächtig. Wie der Tribut einer
trauernden Königin sei es gewesen.
Compiègne! Die mächtigen Alleen, die am Ende zusammenliefen in einem
grüngoldenen Punkt; die uralten Bäume bilden ein Gewölbe, unter dem
Tante mit der schönen Kaiserin fährt. Beide in bauschenden Kleidern, mit
gestickten Bolerojäckchen, winzige Barettchen auf dem schweren Haar, eine
Feder wallt ins Genick. So, immer die breite, dämmrige Allee hinunter,
trott, trott, mit schweren, glänzenden Karossiers in den grüngoldenen
Punkt hinein. Dort, in der Sonne, träumt der schlanke Pavillon, mit
Bildern berühmter Jägerinnen in den Stuck der Wände eingelassen; dort
liest der feine, ironische Schriftsteller seine Novellen vor; Sehnen und
Entsagen, wie kühl, wie knapp in Worte gekleidet ... Manchmal kommt auch
der Kaiser. Fett und müde, mit schweren Augenlidern, man wußte nie,
schlief er oder hörte er zu. Aber immer ritterlich und voll behäbiger
Grazie.
Andere Bilder. Tante in Galizien. Um zu sparen. Das war auch eine
Abwechslung. Nachher konnten wieder Smaragden und Brüsseler Spitzen an die
Reihe kommen. Ihr war das Lumpenleben recht -- sie lachte zu allem. Nur
mit der Leibwäsche, ach Gott, ja, da war sie wohl sehr verwöhnt. Madame
Céline flickte und stopfte, es war so fein, so mürbe. Und dann, daß
sie immer Blumen haben mußte, auch im Winter ... Aber sonst? »Du lieber
Gott,« sagte Madame Céline, »Madame gab ja alles her. Es kam ihr nicht
darauf an, immer dasselbe zu tragen. Wenn sie dann den Hals so reckte,
was ihr die Leute als Hochmut auslegten, aber es war doch nur, weil sie
kurzsichtig war -- und groß und schlank in einen Salon hereinglitt -- =une
déesse, quoi?= -- wer dachte da an Kleider!«