dergleichen ereifern; dazu ist es heute viel zu warm. Jedenfalls, ich bin
wie eine tote Fliege und gänzlich kampfunfähig. Meine Ansicht in der
Sache, die uns vor allen andern beschäftigt, kennst du. Möglichste
Schonung nach allen Seiten. Auch gegen uns selbst. Auch gegen die
konventionellen Hühneraugen unserer Nachbarn und Standesgenossen. Man lebt
eben nicht auf einer Robinsoninsel, nur mit einem Lama und einem Papagei.
Aber die Zeit ist der beste Alliierte, und die Menschen vergessen nur zu
gern, wenn sie dadurch einer Unbehaglichkeit aus dem Wege gehen können. In
einigen Jahren kann man das Gras mähen, das darüber gewachsen ist.«
»Ja, in Dingen der Weltklugheit rede ich nicht mit, das liegt mir nicht.
Hier im Haus aber, wozu das Versteckspiel? Ich will Freud und Leid tragen,
ohne Scham, wo ich doch keine empfinde. Warum auch, es liegt ja alles so
einfach. Man macht so oft die Dinge kompliziert, bloß aus Furcht. Und
ich hasse die Furcht. Es ist etwas Fremdes, es soll nicht an uns heran. O
Thilo, du _mußt_ mir ja recht geben. Sollen wir denn erröten, wenn das
Evangelium vom verlorenen Sohn gelesen wird? Was ist uns das Geschwätz von
Nachbarn und Standesgenossen? Nicht mehr als der Rauch deiner Zigarette.
Denk an die großen Jagdrennen, früher, oh, wie stolz war ich auf dich,
Thilo. Immer der erste, kein Gedanken an Gefahr. Willst du dich vor dem
Gerede mehr fürchten als vor dem irischen Wall in Iffezheim?«
In ihre Augen war feuchter Glanz gekommen, ihre Farbe kam und ging. Ganz
jung sah sie wieder aus, wie damals ... Schumanns »Widmung« fiel ihm
plötzlich ein, die sein Vetter Landrat -- Theo mit den Lakritzenaugen --
am Polterabend hinter der kleinen Bühne gesungen hatte; er hörte noch
die gaumige Baritonstimme, die ihn damals tief gerührt hatte: »Mein guter
Geist, mein beßres Ich!« Und an den Tag in Iffezheim hatten ihre Worte
gemahnt. Eine rasche, heiße Welle des Erinnerns ging ihm durchs Blut.
Wie sie dort auf einem schmalen Brett gestanden hatte, hochgereckt, in
dem weißen Sommerkleid, das der Wind fest zurückblies um ihre feinen,
mädchenhaften Glieder, den Hut etwas nach hinten geschoben, das Haar
verwirrt um die leuchtende Stirn, und ihre großen reinen Augen so
strahlend und voll Vertrauen auf seinen Sieg, sie, die in ihrer Unschuld
doch schließlich auf das Körperliche hereingefallen war und dem
stählernen, furchtlosen Reiter auch Seelenstärke und Unabhängigkeit
des Denkens angedichtet hatte; warum eigentlich? Weil er einen geraden,
guttrainierten Körper besaß und eine gewisse Art physischer Furcht nicht
kannte? Jugend, Jugend! Von ihrem Glauben getragen war er sich schließlich
selbst wie ein famoser Kerl vorgekommen, auserwählt, dieses scheue und
doch unendlich aufrichtige Geschöpf an sich zu fesseln ... Er seufzte
auf und küßte, sich plötzlich vorbeugend, ihre herabhängende Hand. Der
Schmerz zog wieder so elend in seinem Genickwirbel. Da stand er auf und
ging in sein halbdunkles Zimmer zurück, wo auf dem Schreibtisch so viel
angesammelte, aufgeschobene Arbeit wartete.
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Das war am Dienstag gewesen, Mittwoch kam, nicht heißer, das war nicht
möglich, aber noch bleierner, schon seit dem frühen Morgen. Die Pferde
fuhren mit großen Tonnen zum See hinunter, es sollte heute wieder im
Gemüsegarten gegossen werden; Park und Blumen mußte man ihrem Schicksal
überlassen, da war für diesmal nichts mehr zu machen, die Fliederbüsche
standen grau und matt und an den Wegrändern häuften sich ihre
zusammengerollten Blätter, die braunen Grasflächen dehnten sich wie
schäbige Löwenfelle, und auch die Linden auf der Terrasse ließen
runzlige Blätter niedersinken; wär' es nicht so furchtbar heiß gewesen,
es hätte Oktober sein können.
Papa saß unter den Platanen, gerade oberhalb der Wiesen, die sich bis
zum See erstreckten. Er wurde stets sentimental, wenn er von diesem etwas
erhöhten Platz die Landschaft überblickte.
»Hier will ich einmal ruhen, unter einem schlichten Stein,« sagte er, und
seine Stimme bebte ein wenig bei dieser Vorstellung; er legte wie segnend
die Hand auf Alis kleinen, frischgeschorenen Kopf (Ali wünschte sich in
solchen pathetischen Momenten klaftertief unter die Erde, das Erhabene lag
ihm nicht), »das ist das rechte Grab für einen ehrlichen Reitersmann.«
Papas Augen blickten verschwommen. Nachdem die Post am Vormittag gekommen
war, war's mit den Nerven ganz bös geworden, da hatte wieder das winzige
Spritzchen helfen müssen. Ali war gerade dazugekommen. »Sage nichts an
Mama,« flüsterte Papa und sah sich etwas schuldbewußt um, »du weißt
ja, wie gut sie ist; sie macht sich dann immer gleich Sorgen. Aber bei dem
verdammten Bohren ist es nun mal das einzige ...«
Der Himmel über dem See war blauschwarz; er schien sich immer tiefer
zu senken, der große Roggenschlag jenseits leuchtete fahl, unheimlich
deutlich unter dem finsteren Gewölk. Papas Hand lag noch immer schwer
auf Alis braunem Maulwurfsfell. Nun kam der Knecht mit den letzten Tonnen.
»Heut nacht wird's losgehen, Herr Rittmeister,« sagte er und legte
militärisch grüßend die Finger an die alte, verfärbte Soldatenmütze.
Die Räder ächzten, aber das hartgebrannte Wiesenland gab kaum nach unter
der Last ...
Auf der Terrasse vor der Haustür stand Mama in ihrem leinenen Reitkleid;
sie hatte eben noch mal nach dem Vorwerk reiten wollen, um die neue
Mamsell zu beraten: da war eben das Telegramm gekommen. Mit ihrem
glatt zurückgestrichenen Haar unter der Mütze glich sie einem lang
aufgeschossenen Jungen, wie sie da an der Rampe lehnte, die Hände in den
Jackentaschen, der Fuß ungeduldig tappend. Sie händigte ihrem Mann das
Telegramm ein.
»Der Bote wartet.«
»Mein Gott, warum hast du nicht aufgemacht?«
»Bitte, es ist an dich adressiert,« sagte Mama, die in solchen Dingen
äußerst empfindlich war; Tante Brunislawas naiv gründliche Art,
Ansichtspostkarten zu studieren, die nicht an sie gerichtet waren, konnte
ihr Gänsehaut verursachen.
»Heute, acht Uhr zwanzig,« las Papa leise. Das Blut war ihm zu Kopf
geschossen. »Laß Dralle rufen, bitte,« sagte er, schon an seiner Tür im
Erdgeschoß.
»Ich gehe selbst.«
Mama ging hinaus in die bleierne Glut.
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Dralle saß in Hemdärmeln und gestreifter Weste auf der Bank vor der
Sattelkammer und vesperte. »Dralle,« sagte die gnädige Frau, »Sie
möchten zum Herrn kommen, er braucht Sie heut abend zur Bahn.« Die Hände
am Gürtel stand sie vor ihm, ganz blaß in der flimmernden Luft. Reglos,
aber doch bebte alles an ihr. Wäre sie ein junges nervöses Pferd gewesen,
so hätte der Alte gewußt, was zu tun; mit seiner breiten, ruhigen Hand
und tiefen Brummstimme verstand er's, allem, was in seine Obhut kam, Ruhe
und Vertrauen einzuflößen. So aber fuhr er in die Höhe und stand still:
»Zu Befehl! ...« Aber in seine Augen unter den schräghängenden Lidern
war der wachsame Hundeblick gekommen, den sie kannte, und der tat ihr wohl.
Denn der Alte war aus ihrer Heimat, dort im Lüneburgschen, wo die
Menschen so herrlich mundfaul waren; als sie heiratete, war er, ganz
selbstverständlich, mitgekommen, der sie als Kind schon reiten und fahren
gelehrt hatte und wie man sein Pferd selber putzt und sattelt. Zwischen
ihnen waren nie viel Worte nötig gewesen.
»Ich wollte Ihnen längst schon sagen, Dralle,« fuhr sie etwas unsicher
fort, und das zuckende Grübchen in der Wange kam und ging, »wie dankbar
ich Ihnen bin, daß jetzt alles in den Ställen so ruhig und ordentlich
zugeht, zumal mit den neuen Leuten.« Dann wandte sie sich zum Stall.
Dorthin ging sie so manchesmal.
Drinnen waren die Fenster verhängt; alles kühl dämmerig und totenstill,
die Stände leer, die Pferde noch auf dem Felde. In einer Ecke, neben der
Haferkiste, krochen Erdas Kinder, das Braune und das Gefleckte, auf weichen
Gummibeinchen im Stroh. Sie stießen flehende Tönchen aus, wie sie Gerda
kommen sahen, und blickten zu ihr auf mit dem tieftraurigen Blick und den
sorgenschweren Stirnen, die jungen Hühnerhunden eigen sind. »Ihr Armen,«
sagte sie, von Mitleid plötzlich überfallen; so etwas Junges, Wehrloses;
ganz hoffnungslose Augen machten sie ...
Weiter zurück wieherte es leise. Das war Thilos altes Rennpferd, Cara, die
schon mehrere wertvolle Fohlen gebracht hatte und dort, etwas entfernt von
den robusteren Stallgenossen, das abgesonderte Dasein einer entthronten
Königin führte. Feingefesselt, blank und seidig wie reife Edelkastanien
stand sie in der Box und hatte den schönen, kleinen Kopf über die Wand
gelegt. »Cara,« sagte die Frau und öffnete, und schon fühlte sie die
warmen Nüstern an ihrer Wange. Ein Sonnenstrahl schlüpfte herein, die
großen Pferdeaugen glühten wild und zärtlich auf. Sie stellte sich dicht
an die alte Mutterstute und drückte das Gesicht in die warme Höhlung
zwischen Schulter und Hals, wo das Netzwerk der Adern schauerte. Ihr war,
als stünde sie an eine Schwester gelehnt, die verzaubert war und nicht
reden konnte, aber alles verstand; alles was kühn und heiß und traurig
ihr Herz aufrauschen ließ und plötzlich ihren Blick verdunkelte.
»Du und ich, Cara, du und ich --« sagte sie und wußte nicht, daß sie
gesprochen hatte. Und dann mußte sie gehen, und die alte Cara legte wieder
den Kopf über die Wand und sah ihr nach, diesmal ohne zu wiehern ...
* * * * *
Die Kinder hatten noch Aufgaben für morgen. Aber sie blieben in dem
langen, hellen Gang stehen, an dessen äußerstem Ende sich ein hohes
Fenster nach dem Park zu auftat. Heute waren die weißen Vorhänge
zugezogen, es herrschte ein totes, weißes Licht; es war ganz still, nicht
einmal eine Wespe summte. Wie auf dem Meeresgrund, dachte Ali. Er hatte zu
Weihnachten ein Buch bekommen mit Bildern von Korallen und Seeanemonen, die
Schatten warfen auf den glatten weißen Sand, viele hundert Faden tief.
Die Kleudchen saß dort am Fenster, klein und dunkel, wie am Ende der Welt,
vor ihr der Tisch, wo sich sonst die Flickwäsche türmte. Heute stand
eine Schüssel darauf, und die Kleudchen hatte Minka, ihre kleine, fette
Wachtelhündin, auf dem Schoß; sie fing ihr die Flöhe.
»Da,« sagte Adallah, der gleich Feuer und Flamme wurde, solche Jagd war
doch zu interessant, »du mußt den Finger naß machen, Fau Kleudchen, dann
geht's besser.«
»Ja, die kleinen Schwarzen sind zu fix,« sagte die Kleudchen, »das sind
die Männchen. Die großen Braunen können nicht so rennen.« Sie steckte
wieder einen ins Wasser. »Da könnt ihr zappeln,« sagte sie rachsüchtig.
»Fau Kleudchen,« sagte Adallah, »Vate fäht zu Bahn; es is 'n Tegamm
gekommen.« Die Kleudchen ließ Minka zur Erde gleiten. Ihr kleiner,
zahnloser Mund schnurrte zart und gramvoll zusammen. Sie blickte vor sich
hin. Dann stand sie auf und ging mit kleinen, knappen Altweiberschritten
den Korridor hinunter; der Kamm steckte in der Tasche ihrer schwarzen
Moiréschürze; Minka watschelte kurzatmig hinterdrein.
»Kinder, Kinder,« sagte die Kleudchen. Und dann: »Macht euch nun an eure
Aufgaben, nicht wahr?«
Sie ging die Treppe hinauf, es krachte bei jedem Schritt, sie mußte sich
am Geländer festhalten; auf halber Stiege machte sie halt. Die Kinder
hörten sie in das verschlossene Zimmer gehn; dann machten sie sich an ihre
Aufgaben für Herrn Pastor Gordon.
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Nun war die abendliche Milchsuppe glücklich vertilgt, ein Gericht der
Ewigen Wiederkehr, dem ebenso regelmäßig eine Schüssel der Jahreszeit
entsprechenden Kompotts folgte. Adallah, der Obst nur in rohem, wenn
möglich unreifem Zustande würdigte, hatte namentlich vor gekochten
Pflaumen einen Abscheu, während ihnen Ali einen sekundären Reiz abgewann,
indem er später die Kerne gegen die geschwärzten Ahnenbilder im Korridor
spuckte. Er hatte sich darin zu einem wahren Scharfschützen ausgebildet.
Auch diesmal räsonierte Adallah leise mufflich vor sich hin, und die
Kleudchen hatte ein Einsehen und räumte alles ohne Gegenrede weg. Sie
schien heute nur auf eins zu drängen, daß die Kinder möglichst bald
schlafen gingen.
Das Gewitter war noch immer zu keinem Entschluß gekommen. Auf der Seeseite
zuckte es ab und zu fahl auf, und die Haufen dürrer Lindenblätter
wirbelten plötzlich auseinander, wenn ein kleiner Windstoß sie
aufkescherte. Die Schwüle hatte sich eine Spur gehoben, wer konnte sagen,
ob heute nacht noch die Erlösung kam.
Nachdem sie ein wenig an einem Lampenschirm für Papas Geburtstag gepappt
hatten, gingen die Brüder, ziemlich klebrig und deprimiert, hinauf in den
Giebel, wo ihr Zimmer war. Sie schliefen dort allein. Es war eine Diele in
der Mitte, auf welche drei Türen mündeten; ihnen gegenüber ein dem ihren
ähnlicher Raum, wo Kleudchen die besseren Äpfel und allerhand Kräuter
verwahrte, Fenchel, Krauseminze und Zitronenmelisse; es roch nach Apotheke
durch die Türritzen. Im Hintergrund aber war ein Verschlag, wo Koffer
und Körbe aufgestapelt standen, auch mancherlei ausrangiertes Mobiliar,
kummervoll aussehende Lehnstühle und Etageren, denen Dominik bei
Gelegenheit zu neuem Jugendglanze verhalf. Im Dämmerlicht gab es dort
kuriose Umrisse, Schatten und Geräusche.
Die beiden genossen ihre Freiheit im Giebel, aber es gab auch Momente, wo
sie lieber unten geschlafen hätten oder im Seitengebäude, wo Kleudchen
ihr Reich hatte. Aber sie schämten sich, es einzugestehen. »Ich glaube
gar, ihr habt _Angst_?« würde Mama sagen und die Augenbrauen hochziehen.
Nein, lieber knackende Schränke und unmotivierte, schlurrende Geräusche
als das! Heute aber, mit dem Gewitter in den Gliedern, lagen sie recht
klein und kümmerlich in ihren Bettchen, mit großen Augen zum Gebälk
aufschauend, wo ein pelziger Nachtschmetterling mit Gebrumm seine Kreise
zog.
»Will Satan mich verschlingen,
So laß die Engel singen:
Dies Kind soll unverletzet sein,«
betete Ali mit Nachdruck; sie hatten beide eine Vorliebe für
diese hochdramatische Stelle. Und »Amen« klang es leise stockschnupfig
aus Adallahs Bett an der anderen Wand. Diesem war der Gedanke an »Satan«
heute abend gar nicht so genußreich wie sonst.
Die Kleudchen sah mit dem Licht in der Hand mehr denn je aus wie eine
treue, zuverlässige Hexe; den Kindern kam sie vor wie ihre einzige
Rettungsplanke. Es war einsam und schwül hier oben, und morgen war
Doktor-Löschwitz-Tag; sie würden wieder mit ihm spazierengehen müssen,
so langweilig; er wollte nie aus dem stickigen Park heraus. Herr Doktor
Löschwitz kam stets im Bratenrock, er führte sie bei der Hand, er
sagte ab und zu: »Nun, meine kleinen Freunde, und was machen die
Wissenschaften?« oder: »Nun, Freund Albrecht, wie sagt der Lateiner?«
Lauter so einfältige Fragen, auf die man gar nichts zu antworten wußte;
aber er ließ nicht los, und seine Hände waren heiß und knöchern in den
knirschenden Zwirnhandschuhen.
»Frau Kleudchen, bleib doch da,« sagte Adallah weinerlich, er war nun
schon ganz haltlos. Sie saßen noch aufrecht, vom Beten her; ihre Hälschen
streckten sich nach ihr aus wie Vogelhälse über den Nestrand. Die
Kleudchen stand zögernd mit dem Licht; ihr Schatten schwankte langnasig
über die Tapete. »Ich komme in zehn Minuten und bring' euch noch frisches
Wasser,« sagte sie. Bis dahin würden sie eingeschlafen sein. Doch die
beiden wurden wohl schläfrig, aber darunter blieb eine eigentümliche
Unruhe bestehen. Papa war noch vor dem Abendbrot mit Dralle weggefahren,
bei der Dürre konnte man den kürzeren Sandweg nicht nehmen. Unten saßen
jetzt Mama und Herr Pastor, der immer am Mittwoch zum Tee kam. Aber heute
blieb er nicht, das war seine knappe Art zu reden, auf dem Vorplatz, und
nun Mamas tönende Stimme: »Ja, da ist der Regenschirm;« und dann ging
die Haustür und fiel ins Schloß. Nun war es totenstill, nein, war das
nicht Mama, die im Gartensaal auf und ab ging? Wenn sie ans andere Ende
kam, drehte sie sich mit einem kleinen Ruck. Abends trug sie immer ein
seidenes Kleid, und es war ihr im Wege, und dann sagte sie: »Ach, das
gräßliche Kleid ...«
Ja, die Frau im Gartensaal ging schon eine Weile auf und nieder, die Hände
auf dem Rücken, den Blick geradeaus, ohne viel zu sehen. Manchmal stand
sie an der Glastür still und sah in die Finsternis, und wenn ein Blitz
kam, blieben ihre Augen ruhig, als schauten sie andere Dinge.
Dieser Pastor gehörte also auch zu den Menschen, die »zum Guten« reden.
Sie hatte Thilo beredet, die Stelle an Gordon zu geben. Seine schottische
Abkunft, seine hagere, asketische Erscheinung, sein physischer Mut --
damals, als sich der Bulle losgerissen hatte --, das alles hatte sich
in ihr mit Vorstellungen von Cromwells ernsten Scharen zu einem Bilde
puritanischer Einfalt und Furchtlosigkeit gestaltet, das eine heimliche,
romantische Saite in ihr zum Schwingen brachte. Aber sie wurde seit einiger
Zeit die Empfindung nicht los, daß Gordon bei allem, was er tat, in seinem
eigenen Bewußtsein ein unsichtbares Publikum besaß. Es war nicht der
gewöhnliche, äußerliche Ehrgeiz, den sie durchfühlte, nein, etwas
Raffinierteres, den Ehrgeiz der Entsagung, der seiner Demut den heimlichen,
erquickenden Stachel gab. Und sie erkannte, daß er in schwierigen
Momenten versagen mußte, weil er nicht einfach genug war für all die
Kompliziertheiten des Lebens.
So hatte sie denn allein, wie sie es gewohnt war, in diesen Tagen tief
in die letzten Winkel ihres Herzens hineingeleuchtet, eine jener
Generalrevisionen vorgenommen, wie sie ihr die frommen, livländischen
Freundinnen als ordentliche und außerordentliche Exerzitien -- ähnlich
den Alarmübungen der freiwilligen Feuerwehr -- so liebevoll eindringlich
empfohlen hatten, und wenn sie dabei auch in anderem Geiste verfuhr als die
sanften Gemeinschaftlerinnen, ihr war solche Übung von Zeit zu Zeit recht.
In den zehn Jahren, die sie hier lebte, hatte sie Thilo mehr und mehr das
Geschäftliche, die Rechnerei, die ihn so furchtbar irritierte, abgenommen,
hatte mit mancher Unordnung und Unredlichkeit aufgeräumt, für die sie ihm
im stillen schwerere Schuld gab als denen, die träge Vertrauensseligkeit
in Versuchung führte. Dabei hatte sich ihr Blick geschärft, sich
gewöhnt, Ursache und Wirkung fast gleichzeitig zu erkennen und
auseinanderzuhalten. Nun wollte sie auch sich selbst nicht schonen, nein,
um jeden Preis mit ihrem Gott ins reine kommen. Und da hatte sie manches
gefunden, was sie beschämte, Selbstüberhebung, Herrschsucht, Heftigkeit,
sogar gegen Untergebene, die sich nicht wehren konnten -- recht erbärmlich
war's gewesen; aber Menschenfurcht und Eigennutz waren nicht dabei. Sie
hatte Thilo angefleht, hatte darum gekämpft, den Fremdgewordenen, das
zertrümmerte Leben, das heute nur auf wenig Stunden hier einkehren sollte,
nicht wieder von sich zu lassen. Er hatte doch nun seine Sünde verbüßt,
nach dem Rechtsspruch, der bei all den braven, hochgeachteten Leuten
galt, die unversucht in Ehren starben und begraben wurden, und für deren
Gesetze, die trotz aller Tüftelei nie bis zu den letzten verwirrten
Wurzeln einer Handlung drangen, sie dieselbe Geringschätzung empfand
wie ein überzeugter Naturarzt für die Pflaster und Schlafmittel der
berufsmäßigen Doktoren. Was half's, das Evangelium vom verlorenen Sohn
zu bekennen, wenn man das Herz nicht hatte zu tun, was jener israelitische
Vater getan? Aber das war eben die Halbheit, die Willensschwäche,
dasselbe, was Thilo die unangenehmen Abrechnungen von Woche zu Woche
verschieben oder ihn zu der feigen Spritze greifen ließ, sobald es
stärker in der Schulter bohrte, dasselbe, was ihn seine jüdische
Großmutter verleugnen ließ, aus deren Mitgift doch die Vorwerke
zurückgekauft, der englische Park und die nunmehr verfallenen Treibhäuser
angelegt worden waren. Unbegreiflich! Hätte sie auch nur einen Tropfen des
verpönten Blutes in den Adern gehabt, nie hätte sie's verleugnet. Ach,
sie hatte sie gesehen, damals, in Livland, diese heimatlosen, jüdischen
Leute, auf kleinen, öden Bahnhöfen gestrandet, im rieselnden Landregen
oder in Glut und Staub zusammengekauert, gleich aufgescheuchten
Nachttieren, denen plötzlich das Licht scharf und ohne Erbarmen in
die Augen brennt. Diese Kinder, denen das bittere Leben schon so viel
unkindliche Pfiffigkeit beigebracht hatte, diese engbrüstigen Männer,
die etwas Weichzähes hatten, Geschöpfe, die sich zugleich anschmiegen
und festklammern müssen, um zu bestehen; diese uralten Judenmütter,
unbeweglich, ganz verwittert wie Steinbrüche; nicht ihr eigenes Alter,
nein, all die tausend Jahre ihres Volkes schienen in ihre Runzeln
eingezeichnet. Vor wenig Wochen saßen sie zwischen Kindern und
Kindeskindern, am schöngedeckten Tisch, vor sich den heiligen Leuchter,
den Kuchen und den Wein, und nun hockten sie hier, die Füße im Graben!
Oh, ihr Wasser Babylons! Ein junger rothaariger Jude hatte traurig auf
der Ziehharmonika gespielt. Und sie hatte sich so brennend gewünscht, ein
großer Maler möchte das malen, wie sie es sah, den flimmernden Staub, die
trostlose Landstraße, die Jammervollen da am Graben entlang. Aber hinter
ihnen, riesengroß, geisterhaft, silberglühend in der gelben Mittagsglut,
ein Kreuz, und unser Herr und Heiland daran, der die blutenden Hände von
den Nägeln losgerissen hat und hinunterstreckt zu den Ausgewiesenen in
unendlichem Jammer! Aber sie wurden verleugnet. Und verleugnen kam
doch gleich nach verraten; ja, war's nicht noch schmählicher, so etwas
Passives, Bequemes? Man hielt einfach den Mund, wo man hätte reden
müssen, weiter nichts!
Aber ihre eigenen kleinen Söhne dort oben -- es kam ein kurzes, trockenes
Aufschluchzen in ihre Kehle --, die sollten unberührt bleiben von der
Welt. Sie sollten nur wahr sein und deshalb furchtlos, ganz ohne Furcht und
darum wahr. Vertuschen, schweigen oder sagen: ich kenne ihn nicht -- nein,
das würde ihren Jungen unmöglich sein; da hatten ihre eigenen Vorfahren
ein Wort mitzureden, die alten Niedersachsen, die lieber mit ihren toten
heidnischen Brüdern verdammt sein wollten, als ohne sie himmlische Freuden
gewinnen. Auf einen Augenblick sprühte der blaue Funken in ihren Augen
auf, der die Kinder, wenn sie ihn erhaschten, eine fremde, ungezähmte Mama
ahnen ließ, die ihren eigenen Weg ging, auf den so kleine Jungens nicht
mitgenommen wurden.
Wahr sein! Ach, nur das, nur das, alles andere legte sie gern in Gottes
Hand, wollte heiter sein, nicht sorgen um den kommenden Tag, so wie die
Freundinnen es ihr anempfohlen, deren tiefe Herzensruhe alles um sie her
glättete und ganz einfach machte. Aber in dieser einen Sache, da mußte
sie selber Posten stehen, zur Stelle sein mit Augen und Händen und ihrem
ganzen Verstand; da galt der Spruch, der ihrem Wesen entsprach: Mensch,
hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Denn sie wußte, wenn es später
hiermit nicht stimmen sollte, würde sie nie vermögen, sich ein X für ein
U zu machen, es als eine Schickung hinzunehmen, es dem allwissenden Gott in
die Schuhe zu schieben, sozusagen.
So ging sie auf und ab. Der lange Raum war halbdunkel, die Lampe über
dem Teetisch machte nur die eine Ecke hell und heimlich. Aber die Blitze
zerrissen die Nacht in immer kürzeren Intervallen. Unter ihrem Augenlid
fing es wieder an zu zucken, das Kleid hing ihr schwer um die Glieder.
Einmal griff sie nach dem Türpfosten und lehnte den Kopf auf den Arm,
sekundenlang: wie mochte wohl Frauen zumute sein, die ruhevoll und ohne
Zweifel den _anderen_ entscheiden ließen und wußten, es würde gut sein,
was er auch erwählte? So ein Mann wie ein großer schützender Baum!
Solche Frauen mußten doch einen wunderbaren Frieden haben, so großen
Frieden, daß die Werktage fast wie Sonntage wurden ... Oh, die dummen,
schmerzhaft-süßen Gedanken, ganz matt wurde man davon; besser, sie nicht
weiter zu spinnen.
Neben ihr auf einem Gartentisch standen allerhand blühende Töpfe. Sie
knipste ein wohlriechendes Geraniumblatt ab und steckte es an den Gürtel,
die herbe Süße tat ihr wohl. Sie hatte so ganz verschwiegene Vorlieben
unter den Blumen. Nun war wieder ein Lächeln in ihre Augen gekommen.