Sie stand auf, sah sich um, fröstelte; und weil ihr die Glieder wie

tot waren, griff sie nach seinem Arm, um aufzustehen. Der stützte sie,

selbstverständlich wie immer. Nun standen sie beim Fenster, und die

Abendsonne kam nur noch leise durch den Laden. Da fühlte sie ein Zittern,

ein Werben in seinem Arm, und schon küßten sie einander, angstvoll und

rasch, ohne Ruhe, ohne Lust, wie sich Menschen küssen, wenn das Schiff

im Sinken ist. Aber in ihr wartete etwas und spannte sich, bis in die

Fingerspitzen, und wollte gezwungen sein, nicht weil sie ihm recht gab,

sondern weil sie ihn liebte. Aber da löste er leise die Arme, und sie

fühlte ihre Lippen grau werden: Er hat mich geküßt, wie man seinen

Koffer zuschließt.

Da trat sie noch näher ans Fenster und stieß rasch den Laden auf, und der

letzte Abendglanz strömte herein und mit ihm der Duft und der Dunst der

Wiesen. Wie im Traum, wie jenseits einer Brücke sah sie zurück auf

ihn, sah die kleine zuckende Falte am Augenlid, die den Augen so große

Freundlichkeit verlieh; die sie so sehr geliebt.

Heute nacht würde sie die Herdenglocken noch hören, fein und deutlich, am

Berghang herauf. Aber er nicht mehr; denn er würde im Nachtzug sitzen und

in der Frühe schon im heißen, schläfrigen Süden sein. Und was war's,

das schon jetzt in ihrem Herzen zu nagen begann, leise, unerbittlich? War's

der Groll, daß er sie nicht zu zwingen vermocht, alles zu lassen, um mit

ihm zu gehen, das ganze Leben?

Wie es die Kinder erlebten

Es hatte damit angefangen, daß Tischler Dominik, der im übrigen auch

Nachtwächter war und den inneren Menschen der Turmuhr in Ordnung zu halten

hatte, schließlich doch geholt werden mußte; denn es war unausstehlich

mit der untersten Schieblade der alten Schreibkommode, immer stellte sie

sich schief; »wie ein eigensinniger Bock,« sagte die Kleudchen, und

erst durch angestrengtes Rütteln konnte sie in eine normale Lage

zurückgebracht werden.

»Und da wir schon einmal dabei sind,« sagte der Meister und starrte

tiefsinnig über seine Stahlbrille ins Weite, »so woll'n wer auch gleich

das übrije nachsehn, denn so was is eftersmalen en Familjenfehler.«

Ali und Adallah, die meist für Zwillinge gehalten wurden (es war aber ein

Jahr Altersunterschied), fanden das ja nun äußerst interessant; denn wenn

dabei auch nur Frau Kleudchens puritanische Nachtjacken, der »Pharus am

Meere des Lebens« in verschossenem, violettem Einband, ein kleines Paket

zusammengeschnürter Briefe und eine Feige aus Marmor -- von Papa vor

Jahren aus Italien heimgebracht -- zum Vorschein kamen: Sachen von

Erwachsenen, die so kühl feierlich daliegen, wie in Königsgräbern,

haben immer etwas Apartes an sich, wenn sie plötzlich hervorkommen an die

Tageshelle.

Aber nun hatte Dominik nach vielem Suchen in seinem Bund klirrender Haken,

der ihm etwas angenehm Einbrecherhaftes verlieh, auch noch die schräge

Klappe geöffnet, auf deren braunpolierten Fläche eine Wildschweinsjagd

in gelbem Holz zwischen vier Tannenbäumen in grünem Holz dargestellt war.

Dahinter wurden zwei kleine Fächer sichtbar. Das linke enthielt rostige

Angelhaken, mehrere längliche Garnröllchen und ein dünnes rotes Buch,

»Des Anglers Vademekum«. Dominik sah zu der Kleudchen hinüber, sie

wollte etwas sagen, schloß aber wieder den kleinen, vergrämten Mund.

Dann zog er auch das andere Schiebfach auf; es hatte sich ein Heft darin

festgeklemmt. Er reichte es der Kleudchen; sie tat einen Blick hinein:

»Die Wappensammlung vom jungen Herrn,« sagte sie und drückte das Heft

wie schützend gegen ihr gestricktes Umschlagetuch. Aber unter dem Hefte

hatte noch etwas gelegen, eine Photographie, vergilbt und verblaßt.

»Das ist die Frau, die bei Papa im Ankleidezimmer hängt,« sagte Ali.

Seine Augen sahen alles. Ja, es war das nämliche, weichgerundete Gesicht,

mit leicht zusammengeknifften Lidern, großem, lächelndem Mund, reichem,

unglaublich reichem Haar, altmodisch kunstvoll aufgesteckt. Aber hier

hatte sie ein komisches großkariertes Kleid an und einen kleinen Jungen in

russischem Kittel auf dem Schoß.

»Dah,« sagte Adallah, der oben in der Nase etwas hatte, das demnächst

operiert werden sollte, »das is Vate's este Fau, abe weh is de Junge?«

»Ihr müßt Mama fragen,« sagte die Kleudchen. Es war dieselbe Abwehr,

die sie gebrauchte, wenn Adallah allzu genaue Auskunft über gewisse

naturgeschichtliche Vorgänge von ihr verlangte.

Die Kleudchen hatte jetzt einen roten Fleck auf der Wange und

telegraphierte mit den Augen. Tischler Dominik gab Ali das Handwerkszeug

zu tragen und hielt Adallah seine kurze, breite Hand mit dem gespaltenen

Daumennagel hin: »Nu kommt, Junkerkens,« sagte er einladend, »nu woll'n

wer'n Leimtopf heißmachen;« und die Aussicht auf eine gemütliche,

übelriechende Mantscherei ließ für diesmal alle anderen Spekulationen

erblassen. Und Mama fragen? Ach, das war ja nicht möglich. Fragen konnte

man Kleudchen oder den Kuhknecht oder Fritz Dralle (Dralle =sen.= war schon

weniger ratsam), und allenfalls Papa, wenn er sehr guter Laune war; aber

Mama? Nein, Mama antwortete man, aber fragen, das ging nicht.

Doch es kamen Wiederholungen, allerhand kleine Begebenheiten, die

auf denselben Punkt zu deuten schienen und sich allmählich zu etwas

Nebelhaftem verdichteten, von dem die Kinder nicht recht wußten, war es

Erinnerung an Dinge, die sie schon erlebt hatten, oder Ahnung von etwas,

das erst kommen sollte: Papa und Mama redeten zusammen, leise und

erregt, Mamas große Augen wurden dunkel, so als sagten sie »Mut« oder

»Rechtschaffenheit«; aber sie brach ab, wenn die Kinder ins Zimmer

traten, und der Blick wurde wieder durchsichtig wie ein geschlossenes

Fenster. Oder Papa trat plötzlich aus dem unbewohnten Zimmer auf halber

Treppe, stand, als sähe er nichts, in der schrägen Nachmittagssonne, wo

es nach Holz roch und nach Kleudchens Vesperkaffee; er, den man sonst

nur in einer ganz besonderen Luft von Zigaretten und Juchten kannte, im

Dämmerlicht auf dem Ledersofa ausgestreckt, wo über ihm die Rennpreise,

die Pokale und silbernen Reitpeitschen aufblitzten, wenn ein Sonnenstrahl

durch die Läden drang. Papa hatte rote Augen gehabt und zuerst gar nichts

verstanden, als Ali, die Gelegenheit wahrnehmend, ihn anpiepste: »Ach,

Papa, Dralle will das Gefleckte versäufen, weil es ein Weibchen ist, und

es ist doch so wunderschön« -- und Adallah eine Terz höher einstimmte:

»Ach, nur nicht das Gefleckte, Väterchen, abe das Baune auch nicht!«

Wenn Tante Brunislawa und die Kleudchen beisammen saßen, war ein Gewisper

und Geseufz; beinahe wie schuldbewußt sahen sie sich um, oder als stünde

eine Tür ins Dunkle hinter ihnen offen. Tante Brunislawa schien noch

öfters als sonst mit ihrem Orenburger Schal an allen Türklinken hängen

zu bleiben, um dann, wenn man sie losgeheddert hatte, ganz verschüchtert

weiterzuflattern wie eine wunde Schwalbe. War das auch immer so gewesen,

dies Nach-der-Uhr-sehen, wenn die Postzeit nahte, dieser rasche Blick ins

Vorzimmer, wo doch nur Papas Zeitungen lagen, oder Rechnungen in blauen

und grauen Umschlägen, selten nur ein Brief? Und die Stühle und Sessel im

Wohnzimmer, wenn die Großen weggegangen waren und man kam auf Fußspitzen

zurück, um den kleinen Zinnjäger zu suchen, der unters Sofa gefallen

war: standen die sonst auch so kurios zusammen, wie Verschwörer, die

unterbrochen wurden in heimlichen Gesprächen?

Dazwischen schwand den Kindern wohl tage- und wochenlang dies ungewohnte

Gefühl, als ob »etwas vorginge«; Papa hatte wirklich das Gefleckte

begnadigt, und es war, nebst seinem Brüderchen, dem Braunen, zur Sonne

geworden, um die sich der Knaben Leben drehte, das ja trotz Vater und

Mutter, trotz der freundlich flatternden Tante Brunislawa und der treuen

Kleudchen ein seltsam verschwiegenes, heimliches Leben war.

Mama! Ja -- das war viel eiskaltes Wasser in der Frühe und harte Bettchen

zur Nacht, und beileibe kein Nachtlicht und absolutes, strengstes Verbot,

das Gefleckte nach oben zu nehmen. Mama war Morgenandacht mit einem

Hintergrund von Kaffeegeruch und weißen, raschelnden Schürzen, aber nicht

Abendgebet; letzteres gehörte zu Kleudchens Departement, die sich wie die

Fledermäuse, denen sie ähnlich sah, mehr in den Dämmerstunden bemerkbar

machte. Mama bedeutete ferner für Ali Kerbelsuppe und für Adallah

Apfelreis, beides so über alle Maßen gräßlich, und da war kein

Entrinnen. Aber Mama bedeutete auch Dinge, die fein waren, wo man sich

selber fein werden fühlte, wie die dünne, schwingende Gerte in der Hand,

wenn man aufs Pferd geklettert war und sich zuerst nur festklammerte,

so gut es ging, denn das einzige, was man absolut nicht durfte, war

herunterfallen, und dann allmählich, beim Traben, seine Muskeln und

Gedanken zusammenfand, sich aufreckte und ins Lot kam. Mama sagte: »So

ist's besser,« wenn man an ihr vorüberkam, dann mußte Dralle die Longe

weglassen und später noch ritt man mit Mama querfeldein, und das war

ehrenvoll, aber beileibe nichts zum Lachen. Nur dies Gefühl, als würde

man feiner und biegsamer und härter dabei, das wuchs und war sonderbar

ausfüllend und aufregend; man konnte an nichts anderes denken. Überall

ging's so her, wo Mama dabei war, so mit angespannten Sehnen bis aufs

letzte Haarbreit; aber doch immer, als dürfe man dabei nicht verweilen,

als käme viel anderes nach, das noch zu bewältigen sei. Auch wenn Mama

einen küßte, war das so, hoch oben auf die Stirn, in die Haarwurzeln

hinein, ganz rasch, wie ein Stoß, und dann weg und was anderes. Neulich

hatte Ali gezuckt, als der kleine Fuchs beim Striegeln auskeilte. »Ich

glaube gar, der Junge hat Angst,« sagte Mama, und in ihre Augen kam der

blaue Funken, der zurücksprang zu den alten, vertriebenen Sachsengöttern,

die an Pferdeopfern Freude hatten ...

In solch straff gehaltenen Kinderexistenzen entwickelt sich

Geschwisterliebe nachdrücklicher, wie das Zusammenhalten junger

Pflanzungen an exponierten Stellen. Ali und Adallah brachten es fertig,

in ihrem fest eingeteilten Dasein Augenblicke berauschender Opposition zu

erhaschen, und das ganz absichtslos, denn sie waren gutartige Kinder und,

ihrem Vater ähnlicher als ihrer Mutter, nervös und rasch aufflammend,

aber ohne die nötige Ausdauer für ein richtiges Verschwörertum. Mama

war ungemütlich, wenn auch durchaus nicht unheimlich, denn es gab bei ihr

keine Überraschungen; hingegen mußte man Papa nur aus dem Wege gehen,

wenn er gerade seinen Nervenschmerz hatte, sonst aber nahm er für die

Unterdrückten Partei, konnte einen allerdings im kritischen Augenblick

unerwartet im Stich lassen. So schlossen sie sich ohne Verabredung eng

aneinander; sie waren zu klein und zu unklar, um sich über das, was sie

peinigte, miteinander auszusprechen. Winzige Igel im Nest, alles noch weich

und verwundbar; ein Rascheln, ein Lufthauch, der Witterung bringt fremder,

feindlicher Dinge, und sie liegen da, zusammengerollt, mit allen zarten

Stacheln in der Abwehr, und fühlen, es gibt etwas Schmerzliches, Grausames

irgendwo, das auch sie in ihrem Schlupfwinkel eines Tages aufspüren wird.

Wie gräßlich zum Beispiel waren doch die Schlachttage! Die kaltblütigen

Vorbereitungen am Abend vorher, die armen Verurteilten, die ahnungslos --

wer weiß? -- ihre Henkersmahlzeit verzehrten, die Gänse und Enten, die

Schweine und, was am schauderhaftesten war, das Kalb! Dieses wurde zwar

nicht auf dem Gutshof gemördert, aber in aller Frühe, wie aus blutigem

Nebelgrau hervor, kam ein gräßlicher Mann mit rotem Gesicht, mit

rotbesudelter Schürze; das Kälbchen mußte heraus, ganz dumm und warm

und verschlafen, in die kalte, beißende Luft, es stemmte sich, es

wollte nicht, seine Augen waren voll Entsetzen, es hörte seiner Mutter

ängstliches Muh. Aber es wurde am Strick fortgezerrt, über die hölzerne

Brücke, wo seine armen, unbeholfenen Füße polterten. Hatte es nicht

etwas Revoltierendes, wenn bald darauf die Frühstücksglocke die

Hausbewohner versammelte und Mama die Morgenandacht hielt? »Also hat

Gott die Welt geliebt,« las sie. Und derweil wurde das Kälbchen auf der

Landstraße fortgezerrt, der böse Mann fluchte, es bekam einen Tritt, wenn

es stehen blieb. Mama dankte für Gottes Hut in der vergangenen Nacht ...

Ach, die arme Kuh in dem dunkeln, feuchtwarmen Stall; das Kälbchen war

ihre einzige Freude gewesen; wenn sie es leckte bekamen ihre großen

düsteren Augen blaue Lichter, ihre Weichen schauderten glückselig, wenn

das Junge nach dem Euter suchte, es hochstieß beim Saugen. Nun brüllte

sie, gedehnt, in regelmäßigen Absätzen, man konnte zählen dazwischen.

Und das würde noch tagelang dauern, sagte der Knecht.

Aber Mama war doch sehr gut dabei. Zu allen Kranken wurde sie geholt, wenn

es was Ernstes war; sie wußte, was nötig war, und tat alles, ruhig und

tröstend. Manchmal wachte sie viele Nächte durch bei den Kranken. Und

wie Fritz Dralle in die Häckselmaschine geraten war, hielt sie seinen

Arm, während er so entsetzlich stöhnte und Doktor Moldenhauer nähte.

Sie selbst aber war nie krank. Qualvolles Kopfweh, ja, dann zuckte es im

Augenlid und in der Schläfe ging's wie ein Hammer, da, wo die blauen

Adern sind; aber sie gab nicht nach, immer zur Stelle, sommers um sechs

und winters um sieben. Tante Brunislawa, welche die Cousine der ersten Frau

war, fuhr schuldbewußt zusammen, wenn Mama sie bei ihren ewigen Patiencen

ertappte. Und doch sagte Mama nie ein Wort und half Kleudchen mit ihrer

endlosen Flickarbeit. In Tante Brunislawas Zimmer waren Heiligenbilder,

goldene mit Schlitzaugen, und weiße mit blauen Mänteln, auf kleinen

Postamenten; Tante kniete davor und sah zu ihnen auf, mit braunen,

kurzsichtigen Augen wie Samtpensées. Wo es doch heißt: Du sollst dir kein

Bildnis machen und keinerlei Gleichnis, dachte Ali. Aber nie sagte Mama

etwas, eher noch Papa, der Witze machte über Beichtväter und dergleichen.

Mama _kämpfte_ sogar für Tante um die Kutschpferde, wenn Tante zum Ablaß

fahren wollte, gar jetzt, wo man sie doch so nötig brauchte, um Wasser zu

fahren ...

Ali und Adallah mußten sich in Selbstkasteiung üben. Ihre Anzüge und

Schuhwerk wurden von Dorfkünstlern angefertigt; die Hemden aus grobem

Leinen scheuerten fürchterlich, solange sie neu waren, auch war ihnen

nahegelegt worden, den Zucker im Milchkaffee zu sparen zugunsten der

Stadtmission oder als Beitrag zur Weihnachtsbescherung im Armenhaus.

Seitdem tranken sie ihren Kaffee ohne Zucker, hatten sich seiner so

entwöhnt, daß es sie keine Überwindung kostete, aber sie spürten auch

weiter keine Freude an ihrem Opfer; vielleicht waren ja auch Opfer nicht

dazu da.

Alle Donnerstag kam Herr Doktor Löschwitz zum Kaffee. Dies war die

schlimmste Prüfung; denn weil sie nur einmal wöchentlich stattfand,

konnte man sich nicht dagegen abstumpfen. Herr Doktor Löschwitz war ein

gestrandeter, nicht mehr junger Philologe, der vor Jahren Papa durchs

Abitur gelotst hatte; nun bekam er Kost und Wohnung, zwei Stübchen im

Seitengebäude, mit dem Blick auf den Hühnerhof. Herr Doktor Löschwitz

trug eine Art Respirator aus schwarzem Taft über der Nase befestigt, fast

wie eine kleine Maske; darunter war etwas Schreckliches, das für Herrn

Doktor Löschwitz den Tod bedeutete; man konnte es ahnen, denn die

Entzündung hatte schon Wangen und Oberlippe ergriffen. Ali gewann es über

sich, hinzusehen, er konnte ganz steinern werden, wenn er sich so Gewalt

antat; aber Adallah wurde rot und blaß und senkte die Augen, sobald nur

Doktor Löschwitzens Schritt im Flur ertönte. »Albrecht und Adelbert,

gebt Herrn Doktor Löschwitz die Hand,« sagte Mama, die es gewiß fertig

gebracht hätte, den armen Lazarus aus dem Gleichnis zu küssen. In aller

Stille dachte Adallah, das Schicksal zu beschwören. Am Mittwoch schon

überkam ihn das Grauen; er stand nachts auf, fröstelnd in seinem kurzen

Hemd stand er auf der Diele und horchte auf die Turmuhr. Wenn er eine ganze

Stunde reglos ausharrte und immer an das nämliche dachte, würde Doktor

Löschwitz irgendeine kleine unschädliche Krankheit bekommen, so daß er

morgen absagen mußte. Aber das Zaubermittel versagte, während es doch

damals bei dem Kalbe so wunderbar geholfen hatte, und da hatte er doch um

etwas viel Durchgreifenderes gebetet. Das Kalb hatte etwas mit dem Bein. Es

lag stöhnend im Stroh, und Adallah hörte den Inspektor zum Knecht sagen,

es solle den nächsten Morgen geschlachtet werden. Da hatte er denn die

halbe Nacht auf der kalten Diele gekniet; und wirklich, es half, das Kalb

war in der Nacht von selbst gestorben, ganz still. O lieber, lieber Gott,

nein, aber du bist doch wirklich gut, dachte Adallah, als er's erfuhr; als

müsse er Gott Abbitte leisten für voreilige, abfällige Urteile.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war ein glühender, regenloser Sommer, wie es hier die Regel war, aber

so wie dieses Jahr doch seit langer Zeit nicht. Schon im Mai hatte die

Dürre eingesetzt, und jetzt war alles verbrannt. Das Akazienlaub hing gelb

und tot von den Stengeln, die Linden waren auf der Windseite wie versengt.

Alles schlich matt einher, der Inspektor wie ein schwarzes Gewölk.

Papa, der, schon ganz elend von all den Hiobsposten, richtig auch

seinen Nervenschmerz bekommen hatte, ging mit Kölnischwasser und einem

Zerstäuber durch die Stuben und spritzte die Gardinen an. Tante Brunislawa

sagte: »Gott, bester Thilo, wenn du doch Patience lernen würdest,

das beruhigt und die Zeit geht so schön vorbei.« -- »Ja, und die

Gehirnerweichung tritt ein,« knurrte Papa. Mama schwieg mit hochgezogenen

Brauen, aber in der Schläfe ging der kleine Hammer.

Pastor Gordon hatte am Vormittag Unterricht gegeben: Kopfrechnen und

Geographie und natürlich auch Religion; an Alis Horizont machte sich

außerdem das Lateinische unangenehm bemerkbar.

Mama saß im Vorplatz, der mit Strohmatten, Korbmöbeln und undeutlichen

Aquarellen an den Wänden als Gartensaal gedacht war; winters über standen

hier auch die Oleander und Geranien in ihren grünen Kübeln. Sie half der

Kleudchen beim Erbsenauspahlen; es war die höchste Zeit mit dem Einmachen,

sie fingen schon an runzlig zu werden. Adallah hätte gern geholfen, er

liebte derartige Beschäftigungen über die Maßen, der Küchenjunge im

Märchen erregte stets seinen unverfälschten Neid; aber nun sollte er

schon wieder hinaus, und nicht etwa in den Stall zum Gefleckten, das seit

einigen Tagen wässerige Äugelchen geöffnet hatte und bedeutend klüger

zu werden versprach als das Braune, sondern ans andere Ende vom Dorf, mit

einem Paket für die alte Schröder, die doch bloß ächzte und krächzte

und keine Ruhe ließ, bis man eins von ihren unappetitlichen Malzbonbons

nahm. So trollte er mißvergnügt von dannen.

Die Erbsen fielen hart wie kleine Kugeln in die Schüssel. Mama blickte

auf zum Gatten, der in einem Korbsessel lag und sich mit der schmalen,

sensitiven van-Dyk-Hand ab und zu nervös durchs Haar fuhr, dies allzu

krause Haar, das die Gerüchte, die über den Stammbaum seiner Großmutter

umliefen, zu rechtfertigen schien.

»Gordon ist mit den Fortschritten der Kinder nicht recht zufrieden,«

sagte sie.

»Gott, die armen Bengels« -- der Gatte zuckte übers ganze Gesicht,

die Fliegen waren heute geradezu ekelhaft -- »bei dieser Hitze auch noch

lernen! Und dann so langweilig, immer nur zu zweien, so 'ne Intensivkultur.

In der Schule kann man sich doch mal durchschwindeln, und schließlich,

wenn man kein absolutes Kamel ist, lernt man ja doch das Nötige. Eine

Schule wäre viel besser für die Jungens.«

»Aber das läßt sich jetzt doch nicht einrichten, Thilo, wo's mit den

Pferden so knapp ist -- allenfalls hinradeln könnten sie, aber zweimal des

Tags all die Kilometer -- dazu sind sie doch noch sehr klein ...«

»Ach, so meine ich's nicht, das weißt du ganz gut; Kadettenhaus oder

Ritterakademie, das ist das einzig wahre für ein paar ordentliche

Jungens.«

»Die Erfahrungen, die du _damit_ gemacht hast, dürften doch wohl

genügen.«

Der Gatte murmelte etwas, das wie »Duckmäuserei« klang, und die

Kleudchen, die, obwohl ganz zur Familie gerechnet, genau wußte, wann sie

lieber nicht gegenwärtig war, wollte taktvoll mit ihrer Erbsenschüssel

verschwinden. Er flog ihr nach und öffnete mit gewohnter Ritterlichkeit

die Türe für sie. Mit seinem etwas zu tief ausgehöhltem Kreuz und der

geschmeidigen Gebärde erinnerte er an jene tadellos ajustierten Bereiter,

die im Zirkus zu beiden Seiten des Eingangs stehen und der lächelnden Dame

im Flitterröckchen mit federnder Eleganz aufs Pferd helfen, die Reitgerte

überreichen ...

Seine Frau blinzelte an ihm vorbei, auf die hellgetünchte Wand gegenüber:

»Ich glaube nicht, daß Kinder, deren Selbstbeherrschung täglich geübt

wird, zu Duckmäusern werden,« sagte sie. »Mein Blut neigt überhaupt

nicht dazu.« Ihre Stimme bebte, aber sie sammelte ruhig die leeren Schoten

in ihrem Schoß zusammen und legte sie in den Korb. Dann band sie ihre

große Hausschürze ab und begann sie zu falten: »Ich habe von Anfang an

auf Abhärtung, auch in Gefühlssachen, geachtet. Du hast dich nie gefragt,

ob mich das nicht selber hart ankam. Aber es erschien mir das wichtigste,

viel wichtiger als alles, was man aus Büchern lernt. Überhaupt meine ich,

wie einer lernt, ist mehr wert, als was einer lernt. Jedenfalls bild' ich's

mir ein, und darum muß ich danach handeln. Sonst verlange ich nichts

für die Kinder. Es sind gute Jungens, nicht unbegabt, aber nichts

Außergewöhnliches. Vielleicht wären sie besser dran, wenn sie

Holzpantinen trügen, und so mancher Firlefanz, der ihnen einmal noch das

Herz schwer machen wird, träte gar nicht erst an sie heran.«

Sie war aufgestanden und hatte vor sich niedergesehen, mechanisch die

Schürze immer schmaler zusammenlegend; nun blickte sie auf; ihre Augen

waren warmdunkel geworden und der Klang der Stimme paßte zu den Augen:

»Eins aber,« sagte sie, »sollen die Kinder haben, ihr Leben soll auf

klarer Bahn beginnen, sie sollen mit harten Sehnen losgehen und an Wahrheit

gewöhnt sein; damit, wenn je die Stunde für sie käme, wo es schwer ist,

sich zur Wahrheit zu bekennen, sie auch dann ... nicht anders könnten. Was

sie an Hindernissen auf ihrem Weg finden werden, das verfügt unser Herr

und Gott, was von außen kommt, liegt nicht in unserer Macht. Wir können

nur den Willen bereiten. Das müssen wir. Denn ich meine, das _ganz_

Furchtbare, das, was nicht heil zu machen geht, ist, wenn der Hahn kräht

und einer einsieht, daß er seinen Mann nicht gestanden hat. Erkennen, was

die Hauptsache ist und was die Nebendinge sind, ja, wer das hat, was kann

ihm schaden, wer kann ihn besiegen? ...«

Dem Gatten waren solche Aussprachen -- die meistens als Monologe

verliefen --, wenn seine Frau ihr Veledagesicht aufsetzte und das Gesetz

verkündete, geradezu fürchterlich. Es fiel ihm ja gar nicht ein, gegen

ihren Wunsch Entscheidungen zu treffen; man konnte aber doch wohl seine

Ansicht sagen. Zum Glück kamen derartige Explosionen selten vor; für

gewöhnlich war Gerta sehr zurückhaltend. Aber er fühlte immer etwas

durch: Mißtrauen von vornherein und einen kindischen Eigensinn in Dingen,

über die er kein Wort verlor. Gouvernantenhaft, das drückte es am besten

aus. Seit der albernen Freundschaft mit den überspannten Livländerinnen

wurde es immer ärger. Er war gewiß für Religion; mein Gott, wohin

geriet man auch sonst, schon allein der unteren Klassen halber war sie ganz

unentbehrlich. Und eine Frau ohne Religion war ja ganz wider die Natur.

Aber diese Hyperfrommen hatten etwas direkt Aufwieglerisches an sich -- sie

konnten reden wie die rötesten Sozialdemokraten, geradezu bedenklich;

und taktlos waren sie auch alle, weil in ihren Augen der höhere Zweck

die ärgsten moralischen Anrempeleien rechtfertigte -- ja, sogar wenn sie

schwiegen, brachten sie's fertig, rechthaberisch zu sein.

Laubstreu · 第 2 / 10 段