Irene Forbes-Mosse / Laubstreu
Irene Forbes-Mosse
Laubstreu
[Illustration]
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
Berlin und Leipzig
1923
Alle Rechte vorbehalten
Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart
Inhalt
Der Pelikan 7
Mitleid 21
Wie es die Kinder erlebten 45
Etüde 87
Die Waldschenke 127
Die Verirrten 145
Glückliche Zeiten 159
Zoologie 175
Laubstreu 189
Der Strauch erzittert,
Wenn ein Vöglein drüber flog,
Mein Herz erzittert,
Weil Erinn'rung es durchzog.
_Petöfi_
Der Pelikan
Zwei Menschen wanderten im toskanischen Lande. Sie hielten sich fern von
den großen Städten. Nicht aus Menschenscheu; denn große Liebe ist wie
der Panzer des Ritters ohne Furcht und ohne Tadel. Aber es war in der
Frühlingsvollendung ein Ermatten über sie gekommen, und in den kleinen,
grauen Nestern, wo das Land mit tausend blühenden Obstbäumen, die Hügel
hinan, gegen die alten Mauern zu Felde zog, ließen sich die letzten
Tropfen mit trägeren, tieferen Zügen trinken. Hier waren nur einfache
Menschen, die die Erde umgruben oder vor den Häusern saßen mit ihren
Handwebstühlen und Korbflechtereien: irgendein graues Steinwappen über
der Tür deutete wohl zurück in alte, streitsüchtige Zeiten, aber in
diesem gleichmütigen Sonnenschein dachte man nicht an sie, streichelte
ein Kätzchen, lächelte einem braunen Mädchen zu, das mit schönen
überfließenden Kupfergefäßen vom Brunnen kam; da war kein
Peitschenknallen, kein Menschengedräng, keine großen, weltberühmten
Bauten, die beiden aus ihrem Behagen aufzuschrecken, wenn sie durch
das silberne Land schlafwandelten, das sie anzublinzeln schien wie eine
heimlich Verbündete. Ohne Plan gingen sie, hügelan und hügelab, zwischen
Mauern auf engen gepflasterten Wegen, über die der Schattentanz der
Olbäume zitterte, oder die Mauern hörten auf, und man sah weit aus ins
Grau, ins Silber, von Mandel und Pfirsich und Kirsche weiß und rosig
getupft; feine Kirchtürme ragten, zart und erlesen, und immer neue Hügel
taten sich auf, breitschultrig und grau und gütig.
So kamen sie einmal zu einer kleinen Kirche, bei der ein paar verwitterte
Denksteine standen und lagen, von wildem Salbei umwuchert; seitwärts
eine niedere Mauer, das Gärtchen umschließend, wo eben der Pfarrer, mit
geschürztem Kleide, die Gießkanne in der Hand, zwischen Artischocken
und Brokkoli und süßduftendem Goldlack umherging. Als er die Fremden
erblickte, kam er herbei, trocknete sich die Hände und stellte seine
Führerdienste freundlich und selbstverständlich zur Verfügung. Denn in
dem Kirchlein war ein schönes Grabmal von berühmter Hand, das weiß und
unverletzt in der Verlassenheit ruhte, wie in Italien nicht selten, wo in
weltvergessenen Winkeln die zartesten Wunder leben, als sei die Schönheit
mit zerrissener Perlenschnur durchs Land gegangen, achtlos, wohin die
schimmernden Tropfen rollten.
Sie traten in die Dämmerung der Kirche. Überall schälte sich der Bewurf
von den Mauern, daß der zartrosa Ziegel und Überreste früher Fresken
sichtbar wurden: hier eine flehende Hand, ein Stück blauen Gewands, dort
ein runder Baumwipfel, mit Früchten und Vögeln beladen. Aber der Altar
glänzte in neuer Ölfarbe und vergoldetem Zierat, und an den Wänden
hingen die Stationen des Leidenswegs in grellbunten Bildern. Da -- in einer
Seitenkapelle -- blieb alles zurück, das Grabmal lag so rührend in seiner
wehrlosen Schönheit und hatte doch -- wie einst _eine_ reine Jungfrau ihre
Heimatstadt vor der Pest bewahrte -- die verwitterte Kapelle vor Kelle und
Kalktopf und schlimmerer Unbill bewahrt.
Eine Schwester hatte es ihrem Bruder errichtet in jener Zeit, da man durch
Werke selig und unselig wurde und es dafür wohl weniger Gedankensünden
gegeben hat. Die Furchen des hagern, nachdenklichen Gesichts waren leicht
bestaubt; in jeder Mantelfalte, zwischen den ums Schwert gefalteten Fingern
hatte sich Staub angesammelt; so war der Ausdruck, trotz des dämmerigen
Lichts, deutlich, gleichsam unterstrichen. Es lag freigebige, menschliche
Güte auf diesen Lippen, ja ein wenig gutmütiger Spott zuckte in der
Wange, schien hinüberzuwinken in eine spätere Zeit; aber die Stirn war
entschlossen und sorgenvoll, und die Hände, zum Halten wie zum Geben
tauglich, würden nicht lange die betende Stellung bewahrt haben, hätten
sie gefühlt, wie jemand den schönziselierten Schwertknauf berührte.
An der Mauer gegenüber war die Grabstelle der Schwester, eine lateinische
Inschrift an der Wand, und auf der Erde, da, wo ihr Sarg versenkt war, eine
Marmorplatte mit eingemeißeltem Wappen und Federgekräusel. Sie hatte nur
wenig Jahre nach dem Bruder gelebt, seinen Namen geehrt, sein Gut verwaltet
und hier, bei seiner Ruhestätte, in der spitzfindigen Demut jener Zeit als
Franziskanerin gekleidet, die ewige Ruhe gefunden, nachdem sie ihr Eigentum
verteilt und im Hofe ihres Landhauses täglich alle die Elenden, die
Bettler und Kranken und Krüppel gestärkt und verbunden hatte. Aus den
alten Scheiben fiel Regenbogenlicht wie ein Schmetterlingsschwarm über die
Ranken und Zacken des Wappenschilds. Ach, war es nicht schön und stolz,
nach stillen, nützlichen Jahren hier zu ruhen, dem einen nahe, dem ihr
ganzes Leben, wie selbstgesponnene und -gewobene Leinwand unter die Füße
gebreitet war? Was auch sonst ihre kleinen, verbrauchten Jungfrauenhände
geschafft und gewirkt, wieviel Wunden sie gewaschen, wieviel Brot sie
verteilt hatten, _diese_ Liebe war der Wein ihres Lebens gewesen ...
Die Frau trat zum Grabmal des Bruders zurück und legte ihre Hand in
die sanfte Mulde zwischen Schulter und Brustwölbung, erschaffen, um ein
schlafendes Haupt zu stützen, und bei Frauen eben groß genug, um ein
Kinderköpfchen aufzunehmen.
Und es ging ihr ein schmerzliches Entzücken durchs Herz, wie eine
Seligkeit, die man nicht nennen, nicht festhalten kann, kurz vor dem
Erwachen in der Frühe, wenn der Traumfaden immer feiner wird und abreißt
ohne Schluß.
Als sie nun wieder aus der Kirche herauskamen, sah die Frau, sich wendend,
um Abschied zu nehmen, zu einem kindlich in Stein geschnittenen Neste über
dem Türbogen empor, darin sich ein Pelikan für seine Jungen die Brust
zerfleischte.
»Das ist,« sprach der Pfarrer, ihrem Blicke folgend, »unsere
Heilige-Mutter-Kirche, die sich den Sündern und Verirrten hingibt und
die Traurigen und Mühseligen an ihr Herz nimmt wie der Pelikan seine
Kinder ...«
Wie katholisch, dachte die Frau. Dieser freundliche Mann will jedem, der
mit den Wellen kämpft, ein Ruder hinhalten, ihn daran zurückziehen in die
große Familienarche. Seine Religion hat so viel Winkel und Schnörkel und
Ruhepunkte wie die alten gotischen Dome, in deren Zacken und Simsen Tauben
nisten.
Dann schnitt der Pfarrer Goldlack für sie ab, und wie sie so dastand, halb
noch zurückgewendet, hätte sie in der Demut ihres Herzens am liebsten
still ein Kreuz geschlagen; auch tat es ihr leid, daß er gemerkt hatte,
daß sie nicht zu seiner Kirche gehörten, und so gütig und ausführlich
hatte er ihnen doch alles erklärt. Darum hätte sie das symbolische
Zeichen, das niemand schaden kann und dem alten Manne heilig war, gern
angebracht; aber sie war nicht allein und verpaßte den Augenblick,
und wenn man in Gefühlssachen nachdenkt, so unterläßt man Dinge, die
eigentlich so einfach sind.
Nach Jahren kam sie allein zurück. Sie bewohnte ein kleines Fremdenheim
am äußersten Gürtel der Stadt, wo sie in kurzer Zeit ins freie Land
gelangen konnte. Es war Sommer, und den ganzen Tag ging die Feile der
Zikaden von den Platanen der Ringstraße. Feigen gab es in Überfluß,
an jeder hing die reife Süßigkeit wie ein klarer Bernsteintropfen; aber
Rosen gab es nicht mehr. Die Erde war wie gebacken, die Hecken an den Wegen
staubgepudert und leblos; auf der Windseite hatten die Zypressen einen
grauen Überzug, und die Luft schmeckte nach Staub; es würde noch Wochen
dauern, bis Regen kam. Wenn sie dann am Abend ihr Fenster auftat und die
noch glühende Luft hereindrang, dachte sie manchesmal an jungen Buchenwald
in ihrer Heimat, wenn sich die Kronen nach einem Regenschauer dehnen, oder
an die Wiesen daheim, noch ungemäht, wo zwischen Erlen und Haseln der Bach
schlüpft, übervoll, durchsichtig braun mit goldenem Sonnengekringel; aber
doch sehnte sie sich nicht fort. Ihre Bekannten hatten längst die Stadt
verlassen, aber das Losreißen wurde ihr schwerer denn je, ach, überall
hatten sich Wurzeln ihres Herzens festgesaugt. Nun war die Zeit, da
die fliegenden Buden der Limonadenverkäufer aus der Erde schossen, mit
unzähligen, vielfarbigen Flaschen, mit Papiergirlanden und baumelnden
Zitronen geschmückt; arme Kinder gingen und kauften sich Eis, löffelweis,
für zwei Centesimi, und das winzige Schwesterchen, dem ein kleiner
Papierfächer am Ärmchen hing, leckte zuerst, und der große Bruder leckte
auch, aber eigentlich tat er nur so, damit das Schwesterchen alles bekäme.
Die Militärmusik spielte auf den Plätzen, und schöne sonnenbraune
Ammen, die mit ihren bunten, getollten Haarbändern wie eine Versammlung
königlicher Georginen breitschultrig auf allen Bänken saßen, die
Bambini mit den Samtaugen streichelnd und ihre braunen Brüste darreichend,
schwatzten mit heiseren toskanischen Kehllauten und wiesen beim Lachen ihre
kleinen, gesunden, feuchtglitzernden Zähne. Aber auch drinnen in der
Stadt verlegte sich das Leben mehr und mehr auf die Straße. Aus all
den Rembrandthöhlen der Schuster und Schreiner tauchten alte und junge
Gestalten und schafften vor offenen Türen; und bei offenen Türen auch
übte der Barbier seine Kunst aus, in seiner weißen Jacke geschmeidig wie
ein Hermelin. Als wäre man mitten in eine Komödie von Goldoni geraten,
oder als sollte im nächsten Augenblick die Musik zum »Liebestrank«
einsetzen und Doktor Dulcamaras Wunderkarren auf den Platz rollen. Nun war
die Zeit, daß die Statuen und Gemälde in den verlassenen Galerien ihr
zu winken schienen: »Wie, du willst gehen? Bleibe, wir sind allein, wir
wachen und reden, Heidengötter und Christengötter, alle hat uns die
Schönheit angehaucht mit ihrem unvergänglichen Kuß.« Und um sie alle
wob die Einsamkeit immer wieder jene feine, befremdende Luftschicht,
die erlesene Kunstwerke umgibt, anlockend und abwehrend und niemals ganz
bezwungen.
Aber das liebste von allem waren ihr die stillen Höfe der Kirchen, die
früher Klöster gewesen sind. Mit ihren großen, schläfrigen Katzen, dem
heißen sonnigen Fleck in der Mitte und darüber ein Stückchen tiefblauen
Himmels; plötzlich ein leuchtender Taubenflug, wie rauschte das durchs
Herz! In den Klosterhöfen schimmerten die fedrigen Sterne an den
Myrtenbüschen, bitter würzig; aber die Oleanderblüten lagen gebräunt
und verwundet auf den Steinplatten der Kreuzgänge; unaufhaltsam
destillierte die Sonne das flüchtige Öl aus Kräutern und Blättern.
Und stundenlang konnte sie da sitzen, auf einem Mäuerchen, einem
Säulentrümmer ... bis schließlich der freundliche Kustode kam und sagte,
es würde geschlossen ...
Es war gegen Abend, als der kleine Einspänner sie nach jenem Kirchlein
fuhr, das sie seit damals nie wiedergesehen hatte. Die grausamen,
quälenden Jahre waren nun vorbei, als sie Augen und Ohren zuhielt, nur um
nicht erinnert zu werden, als sie Ruhe nur fand an Stätten, wo sie früher
nie gewesen. Jetzt hatte sich etwas geändert. Denn es war so vieles
seither über sie hereingebraust, Dinge, von denen man weiß, daß sie
immer in der Welt waren, daß sie niemals unmöglich sind; aber am eigenen
Weg hatte man sie nie erwartet, und auf einmal sind sie da und legen einem
die Hand auf die Schulter -- wie wenn einer verhaftet wird, der sich sicher
fühlte im Menschengewühl. Ach, diese harten, einfachen, trostlosen Dinge,
die da gestanden hatten und gewartet ... Und jetzt, auf einmal, hatte sie
Heimweh nach jenem ersten brennenden Leid, heute schien es ihr kostbar,
denn es war ja so traumhaft verwoben mit Lebensdrang und Ungeduld und
Entzücken, und nun suchte sie in der Erinnerung, und siehe, der Schmerz
war dumpfer geworden, aber das Freundliche, das Entzückende jener Tage
lebte auf, und Stunden gingen an ihr vorüber und lächelten ihr zu, den
Finger an den Lippen.
Ach damals, wie alles zu versinken schien, jung war damals ihr Herz;
jeder Nerv hatte sich kläglich gewunden und um Gnade gefleht, wie ein
verbranntes Kind das Händchen hinhält und nicht glauben will, daß das
je vorübergehen kann. Aber es hatte sich doch gewandelt; denn die
großen, harten Dinge waren gekommen und die Zeit war gegangen, grau und
unbekümmert, und nun war sie wieder hier und witterte und horchte und
suchte ihr erstes Leid in zitterndem Heimweh. Und fand es wieder an
abgeschrägten Straßenwinkeln, wo man zwischen Mauern hinuntersieht, und
ganz in der Ferne sind die unvergessenen Hügel, zart und karg und traurig
im Abendrot, die Straße führt hin, führt ins Paradies ... fand es
wieder, wenn sie ein Lorbeerblatt zwischen den Fingern rieb oder wenn am
Abend der Geruch von schwelendem Rebenholz durch die Luft zog ... fand
es wieder, wenn sie nachts, halb schon im Schlaf, die ächzenden Karren
hörte, den heiseren Gesang der Männer, die, einen Grashalm im Mund, auf
ihren Lasten ausgestreckt, die Pferde im Sternenlicht lenken.
Der Wagen hielt; an dieser Stelle ging das letzte Stückchen Wegs steil
aufwärts. Die Frau stieg aus; auch damals waren sie hier ausgestiegen,
um das kleine eifrige Pferd zu schonen. Der Himmel öffnete seine
Perlmutterschalen über der matt atmenden Welt. Der kleine Garten war leer,
der Pfarrer nicht zu sehen, aber drinnen in der Kirche putzte eine alte
Frau den Altar mit Papierlilien. Sie schritt nach der Seitenkapelle. Dort
war es beinah Nacht, das bunte Fensterglas schwarz, nun die Sonne es nicht
mehr durchglühte. Aber der stille Mann schimmerte treugeduldig in seiner
Einsamkeit, und auf seinem Antlitz fand sie das feine, sorgenvolle Lächeln
wieder, als warte er auf einen Ruf, auf eine Antwort und sähe ein, daß er
sich für heute bescheiden müsse; ja, noch lebendiger schien ihr der
Mund, schienen ihr die kraftvollen Hände, als ob das Herz noch immer,
stillgeschäftig, seine Eimer vollschöpfte und wieder ausgöße in das
Geäder des ruhenden Leibes. Ja, da war auch die Mulde zwischen Schulter
und Brust, groß genug, daß man den Kopf hineindrücken konnte, dort Stein
zu werden in tiefem, wunschlosen Schlaf. Sie fühlte Tränen in der Kehle
und biß sich auf die Lippen, denn Weinen war ihr keine Erlösung. Schritte
hallten durch die Kirche, es war die Frau, die zuschließen wollte für
die Nacht. Da wandte sie sich ab und ging, und hinter ihr blieb der
Schlummernde allein. Nun stand sie draußen, und die Luft war um sie wie
linder Atemzug. Über ihr leuchtete das Nest des Pelikans im letzten Licht.
Da schien ihr, als sei's das Sinnbild der Frauenliebe, die gern das Letzte
hingibt und ihr Glück bezahlen muß mit Geduld und mit Gefahr.
Ob es uns gutgeschrieben wird, daß wir Menschen alles so teuer erkaufen,
dachte sie. Wie heißt's doch immer, wenn die Richter mitleidig sind und
ein Einsehen haben: die Untersuchungshaft soll angerechnet werden ...
Bei uns daheim hing ein Knüttel am Stadttor, darunter stand: Wer seinen
Kindern gibt das Brot und leidet später selber Not, den schlag man mit der
Keule tot. Das war sehr alte, und doch ganz moderne Weisheit, viel moderner
als deine, alte Pelikanmutter! ... Bin ich meiner Mutter dankbar, daß sie
mich in dies Leben brachte? dachte sie wieder. Maskenfeste in Labyrinthen,
hier und da ein Umschlingen, bleibe, ach rede zu mir, dieselbe Sprache
reden wir ja. Oh, nur bis der Weg sich teilt, dann wieder allein, fremde
Zungen ... Und wenn man dann nicht mehr zu jemand sagen kann: es war alles
gut, Nacht und Licht, Süßigkeit und Bitterkeit, nur Dank fühle ich, Dank
sei dir heute und immer -- oder wenn man im Morgengrauen erwacht und an die
Augen von Schwerkranken denkt, wie auch sie den Tag erwarteten, der keine
Hoffnung brachte, und die Fensterscheiben fingen an hell zu werden ... o
das! Schöne, schöne Erde, warum wird es uns so schwer gemacht!
Der Tag war ganz geschwunden, das steinerne Nest über ihr sah grau und
geisterhaft in die Luft, wo die Fledermäuse anfingen hin und her zu
zucken. Unter ihr, im Dunst, erwachten viele Lichter; dort war Leben und
Lärm, hier oben war es totenstill. Sie dachte an den alten freundlichen
Pfarrer. Unsere Mutter Kirche, hatte er gesagt. Ob sie wirklich die
Menschen trösten konnte, wenn sie sich so hineinwühlten, wie Kinder in
das Kleid der Mutter? Versprach sie ihnen doch so vieles, hatte so schöne,
schauernde Worte der Verheißung; man _mußte_ ihnen glauben, so schön
waren sie. Und das eben war es wohl, was die Kirchen immer wieder stützte
und aufrecht hielt: die Sehnsucht nach den Toten.
Sie ging langsam den steinigen Weg zum Wagen hinunter, zwischen Mauern,
über denen dunkle Köpfe sichtbar wurden. Ein kleiner Spitz lief oben
entlang und gab ihr kläffend das Geleit. Das heiße Feilen der Zikaden
hatte längst aufgehört, aber aus allen Gräben und Mauerritzen zirpten
nun die Grillen, kühl und zart. Das war wie daheim auf den großen
Waldwiesen, wo jetzt die Glockenblumen standen und das Zittergras. Sie
horchte auf und schlug die Hände ineinander. Nun wollte sie heimreisen;
sie hatte gefunden, was sie suchte. Nur noch vereinzelt klang der
Grillenton, wurde immer weniger, je mehr sie sich der Stadt näherte. Es
war ganz dunkel geworden, hier dauerte die Dämmerung nur kurze Zeit. Sie
saß sehr aufrecht, mit weit offenen Augen. So fuhr sie zurück durch die
laue, windstille Nacht.
Mitleid
_La peine qu'on a n'est rien,
mais celle qu'on a faite aux autres
empêche de manger son pain._
_P. Claudel_
Sophie Barnekow hatte geklopft, ohne Antwort zu erhalten; nun öffnete
sie leise die Tür, um sie aber sofort wieder zu schließen, behutsam, wie
man's in der Krankenpflege erlernt.
Dort im halbdunkeln Raum, wo die Sonne durch die schräggestellten Läden
glitt und goldene Leitern auf die Dielen malte, wo der Geruch von Reseda
und nassem Kies und das leise Klirren von Gießkannen durch die offenen
Fenster eindrang, saß Meisi, ihre junge Herrin und Schutzbefohlene,
nicht allein. Neben ihr, die Hände um eine Stuhllehne geschlungen, stand
Rütten. Ohne die Frau zu berühren. Und doch, hätten sich beide in den
Armen gelegen, festgeklammert, Blick in Blick getaucht, nicht deutlicher
hätte es von letztem, bitterstem Abschied reden können.
Von Meisi war nichts zu sehen gewesen als der braune Hinterkopf und das
feine Genick, da, wo der Haaransatz in warmen goldenen Flaum überging;
tief auf den Tisch gebeugt. Wie oft befestigte Sophie das kinderweiche und
doch eigensinnige Haar, mit ganz wenig Nadeln, weil alles gleich Kopfweh
machte; immer wieder glitten die Zöpfe hinunter, dann mußte Sophie leise
erinnern: »Liebste, Ihre Haare.« Und auch eben hatte das Ende einer
Flechte über die Schulter gehangen. Kleine physische Eigentümlichkeiten
geliebter Menschen können einem ans Herz wachsen und es seltsam wehrlos
machen, mehr als die Tugenden, die sie besitzen oder die wir ihnen
andichten. So fuhr's ihr auch jetzt durchs Herz, und was erst Erschrecken
gewesen, empfand sie nun als tiefe, schmerzende Zärtlichkeit. Sie seufzte
auf und schlüpfte in ihr Zimmer gegenüber zurück.
Starke Leidenschaften, die ihr Ziel in offenem Aufruhr oder auch durch List
und Heimlichkeit und manche schmerzliche Selbsterniedrigung zu erreichen
wissen, waren Sophie fremd geblieben. Sie wußte, es gab dergleichen.
Aber doch nur so, wie man von Mormonen liest oder von den Bacchanalien
entarteter Cäsaren. In ihrem klaren, hilfreichen Wesen, ihrem Abscheu
vor jeder Unsauberkeit und Unordnung war kein Raum für Ungeregeltes; eine
verbotene Liebe lag ihr im Grunde ebenso fern wie Taschendiebstahl.
Dabei -- oder vielleicht gerade deshalb -- konnte sie von verblüffender
Parteilichkeit sein, wenn sich's um Menschen handelte, die sie liebte. Sie
war aus dem Holze geschnitzt, das gute Royalisten abgibt. Wen sie einmal
liebte, zu dem hielt sie auch, er mochte tun und lassen, was er wollte;
das war doch sehr einfach. Und dann -- bei näherem Zusehen müßten gewiß
Gründe genug zu finden sein, die alles erklären würden; wenn sie selbst
auch gar nicht danach suchte.
Auf ihrem Bett lag die eben abgelieferte Wäsche. Ihr Blick glitt an einem
grauen Leinwandkittel entlang, der in seiner knabenhaften Spärlichkeit
etwas von Meisis Umriß bewahrte. »O du Armes,« sagte sie vor sich hin,
und ihre Augen fingen an zu brennen. Dann begann sie mit ihren feinen,
verbrauchten Händen die Sachen zum Ausbessern zurechtzulegen.
Drüben in dem dämmrigen Zimmer war es sehr still. Die leise Stimme
des Mannes redete in abgebrochenen Sätzen, so von fernher, wie
Selbstgespräch. Die Frau hörte und hörte auch nicht. Denn ihr war, als
hätte sie's längst gewußt, daß er einmal so reden und handeln würde.
Es hing ja alles in ihm -- wie man es sonst nur bei Pflanzen findet -- ganz
selbstverständlich zusammen; so wie die äußersten Zweiglein einer
Eiche immer noch die Gewaltsamkeit der Äste, den Eigenwillen der Wurzeln
ausdrücken. Es waren in diesem Manne wenig Widersprüche, er mußte
handeln, wie er empfand, mußte dies lieben, weil ihm jenes widerstrebte,
selbstverständlich und unerbittlich in seinen Neigungen und Abneigungen
wie ein Tier, wie ein Künstler, wie ein kleines Kind.
Meisi drückte noch immer die Stirn auf den Arm, der sich um die Tischkante
krampfte; denn sie empfand es dumpf: solange sie nicht aufblickte,
würde er nicht fortgehen, erst mußte er ihr Einverstehen in ihren Augen
erzwingen, eher konnte er sie nicht allein lassen, nicht aufhören zu
reden, zu überzeugen. Und ob ihr auch das Blut in den Ohren rauschte
und sie kaum verstand, was er sprach: ach, er war doch immer noch da, sie
atmete den leisen Duft seiner Kleider; eins nur sollte er nicht, nicht
aus dem Zimmer gehen. Oh, solche Tür, die zufällt, nein, nur das
nicht. Dableiben, im Zimmer bleiben, er sollte sich auch gar nicht um sie
kümmern. Am allerseligsten war es doch immer gewesen, wenn sie still
im Zimmer saß und nur auf die kleinen Geräusche horchte, wenn er den
Bleistift hinlegte oder wieder ein paar Seiten aufschnitt in dem dicken,
verzweiflungsvollen Buch, das er las. Über Heimindustrien war's gewesen.
O Gott, die unglücklichen Menschen, von denen da erzählt wurde; welch
entsetzliche Winkel gab es in der Welt, warum durfte das sein! Wenn sie ein
König gewesen wäre, all die stillen, leeren Königsschlösser hätte sie
den Armen aufgetan, herrlich erwärmt im Winter und im Sommer kühl und
hallend inmitten heißer brütender Wiesen, mit grünen Schattengängen
und Nachtigallenschlag. Man dachte nicht genug an andere, wenn man selber
glücklich war, ach glücklich zum Sterben, als versänke und ertränke man
in einem riesenhaften Maiblumenstrauß und würde ohnmächtig vor lauter
Wonne. Ob so arme schmutzige Menschen jemals so etwas hatten? Immer nur
Ruß und Lärm oder zu Haus zusammengepfercht mit verklebten Fenstern. Und
alles so häßlich, auch die Kinder, und nichts, auf das sie sich freuen
konnten morgens beim Erwachen. Aber Gerhard würde etwas ersinnen, um ihnen
zu helfen, er schien Hilfe auszuströmen wie kluge Ärzte. Natürlich,
es brauchte alles Zeit, und einstweilen war es doch kein Unrecht, wenn
Glückliche ihr Glück genossen. Sie wollte niemand etwas wegnehmen, das
brachte sie gar nicht fertig, es hätte ihr alles vergällt, aber ihn --
ihn konnte sie nicht hergeben. Sie war abergläubisch geworden. Wenn
sie etwas Hübsches besaß und jemand bewunderte es, gleich hatte sie's
hergeschenkt. Hatte vielleicht Gott bestechen wollen mit Opfergaben, damit
er ihr das Eine, Einzige nicht wegnehme ... ja und nun nahm er es doch.
Immer fester drückte sie die Stirn auf den untergelegten Arm. Wie gern
hätte sie nach seiner Hand gegriffen, da, ganz nah; aber sie wußte, dann
würde er sie streicheln und emporziehen und sie mußte noch einmal sagen:
Nein, nein, ich kann nicht -- ja, und dann würde er gehen.
»Meisi,« sagte die Stimme über ihr, »was hilft das Hinausschieben, es
geht doch so nicht weiter. Du willst nicht mit mir gehen, und so wie du nun
einmal bist und wie die Dinge liegen, verstehe ich ja, daß du, der es so
hart ankommt, Schmerzen zu bereiten ... Und es ist auch begreiflich, daß
dir _mein_ Schmerz erträglicher scheint, eben weil du ihn teilst, während
du dort einen tiefen Schnitt tun mußt und deiner Wege gehen. Ja, und auch
darin hast du recht, wenn du auch sehr zornig warst, als du es sagtest,
ich sei nicht so schlimm dran wie du, ich hätte meine Freiheit und meine
Arbeit und mein Bergsteigen. Nun, das Bergsteigen wollen wir fürs erste
nicht zählen (er lächelte, o so traurig) -- diese Freuden, siehst du,
waren so eins mit dir, daß das alles zu -- anders wäre. Aber meine
Arbeit, ja, die wird mir helfen, darauf zähle ich auch. Zuerst wohl nur
als Betäubung ... aber man muß eben graben und graben, und wenn man nach
Jahren der Wahrheit um einen Kinderschritt näher gekommen ist, so ist das
ja wohl auch Glück. Und alles das sag' ich dir, Meisi, damit du ganz ruhig
seist, was mich angeht.«
Meisi hob ein wenig den Kopf. Sie hatte einen roten Fleck an der Stirn,
vom Tischrand; es sauste und sang in ihren Ohren. Ach Gott, es war zu Ende,
ganz und gar, er ging fort. Sein Gepäck, das sie so gut kannte, sie hatte
ihm ja manchesmal geholfen es auszupacken, die große Ledertasche, die
so gut roch, und der rauhe Mantel aus ungebleichter Wolle, alles
würde aufgeladen werden, und er würde dem Maulesel voran den Paß
hinunterlaufen, als ging es zu einer Bergpartie. Aber den nächsten
Tag käme er nicht zurück, braungebrannt und freundlich und still, den
Bergfrieden auf der Stirn und wie das Rieseln der kleinen Bergbäche in der
Stimme. Sie würde auf der Terrasse hinter dem Gasthaus auf und ab gehen,
wo der Pfarrer und der Wirt und der kleine italienische Schuster Boccia
spielten am Abend und auf dem Mäuerchen Kürbisse lagen zum Dörren. Die
lustigen bayerischen Malerinnen würden herauskommen, Schnaderhupfl und
Kugelhupfl, wie Gerhard sie nannte, und das junge englische Ehepaar mit dem
Kätzchen, und sie würden fragen: »Kommt Ihr Freund heut abend zurück?«
Nein, nicht heut, nicht morgen, nie wieder.
Sie hatte eine besondere, qualvolle Fähigkeit, kommende Trostlosigkeit zu
wittern, zu schmecken, ihre Kälte im voraus zwischen den Schulterblättern
zu fühlen. So konnte sie sich sein Zimmer, ach das liebe, liebe Zimmer,
vorstellen, wenn alles verpackt war und alles wieder fremd geworden,
schon abgewandt, Menschen und Dinge treulos geworden einander. Ja, dies
Zusammenschnüren in der Herzgrube, das den Zurückbleibenden schärfer
anfällt als den, der geht, sie spürte es schon jetzt. Wenn die Dinge
nachher eintrafen, war's wie ein Erkennen, als hätte man schon die
Generalprobe dazu erlebt. Dank dieser Fähigkeit konnte sie dann gefaßter
und umsichtiger sein, als man es ihrem raschen, wechselnden Temperament
zugetraut hätte.
»Meisi, mein Liebes,« sagte die Stimme, und sie verbarg die Augen wieder
auf dem Arm -- er sollte nicht darin lesen, nicht ihre Ergebung, ach,
sie war nicht ergeben, aber auch nicht ihre Hoffnungslosigkeit, die auf
dasselbe herauskam -- »ich will dich nicht betrüben und unruhig machen;
wie du geschaffen bist, muß dein Gefühl allein entscheiden. Zerbrechen
kann ich, will ich dich nicht. Aber denke an eins: es ist _ein_ Ding, für
einen anderen sterben, rasch, mit geschlossenen Augen ins Feuer hinein;
aber etwas anderes ist's, für einen anderen verdursten, verkümmern,
langsam an jedem Nerv den Tod erleiden, Tag für Tag. Da kann Opferfreude
zu Haß werden, und wo man reichlich geben wollte, gibt man schlechtes
Maß. Und dann ist nur Bitterkeit und Reue um jeden Sonnenstrahl, um den
man sich gebracht hat. Darum, wenn du doch den einen, tiefen Schritt tun
könntest, so sei nur immer gewiß, ich bin da. Aber warte nicht, denn
es wird immer schwerer und weniger reinlich. Du hast es manchmal hart
empfunden, daß ich so finster war, und hattest mir doch alles zu Liebe
getan. Und mußt den Grund doch geahnt haben; brauchst mich ja nur
anzusehen, so weißt du, was ich denke. Weil du's so gut verstanden hast,
alles aus dem Weg zu räumen, was dir hier ja nicht schwer wurde, denn wer
betet dich nicht an, ob es nun Sophie ist oder der alte Pfarrer oder die
anderen Gäste und der kleine Schuster, der dir Nägel in die Schuhsohlen
klopft ... Aber auch mit allem, was sich in uns selber gegen uns erhob,
wußtest du so gut fertig zu werden, immer hattest du ein gutes Wort
bereit. Wenn ich dich so herumtrippeln sah wie ein Bachstelzchen, besorgt
und doch triumphierend und immer ganz sicher durch tausend Windungen und
Verdrehungen deinen Weg findend, und mußte mir sagen, das ist nun die Spur
von meiner Hand in deinem Leben ... Meisi, laß es klar um uns werden! Ja,
ja, ich weiß, du hast ein Leben von Szenen und Aufregung gehabt und das
ewige Ausweichen ist dir Gewohnheit, ach und dein Verlangen nach Ruhe und
Harmonie wollte sich's auch einmal wohl sein lassen. Da bautest du ein
Labyrinth, in dem du jeden Ausweg kanntest, und hast unsere Liebe gehütet
und versteckt und getröstet mit deinen lieben schönen Händen. Aber nun
geht das nicht mehr, es kommt ein häßlicher Tropfen in unser Bestes.
Meisi, wie gestern Sophie den Brief hinlegte, ohne dich anzusehen, und du
stecktest ihn in die Tasche, ohne ein Wort ... ach, mich schüttelte der
Ekel. Was sag' ich dir da für harte Worte. Und du bist so weich und
so traurig. Aber ich muß es doch aussprechen, denn du allein mußt ja
entscheiden. Was brauch' ich dir zu sagen, was du mir bist! Wenn du ins
Zimmer kommst, ist alles gleich anders; immer ist Festtag um dich her. Wie
oft hab' ich wachgelegen, ganz früh, wenn du noch schliefst, und die reine
Morgenluft kam herein und schien eins zu sein mit dir -- und da habe ich
das Leben gesegnet, das mir so viel geschenkt. Und wenn ich las und schrieb
-- trockenes Zeug -- ach, wie ein süßer Unterton warst du doch immer
dabei; bei allem, was ich tat. Oft hab' ich über dich gelacht, wenn du bei
jeder Frage, jedem Fortschritt sagtest: ›Wem wird das nützen?‹ Aber
es war mir doch lieb an dir, wie deine Tränen der Empörung und deine Art,
Krankes und Kleines anzufassen und einfache Leute zutraulich zu machen.
Wenn du sie auch oft recht süß zu beschwindeln wußtest ... nun ja, aber
du hast sie glücklich gemacht. Und all das Liebe, das du anderen antatest,
das tatest du mir an, denn auch das machte dich mein, machte mich so
gänzlich dein, auch wenn ich in einer Gedankenwelt, die dir fremd blieb,
einherging und meine Erkenntnis ausprobte, einriß und wieder zu neuer
Überzeugung aufbaute, ohne zu wissen für wen, nur weil's mich trieb. Aber
du standest und hattest arme Kinder an der Hand und sagtest immer: ›Du
mußt helfen, du mußt helfen‹ ... Ach, wenn ich doch uns selber helfen
könnte!«
Seine Stimme wurde noch leiser, es war nur ein Flüstern über ihr, das sie
mehr fühlte als verstand; an ihrer Schläfe die weiche Haarwelle, alles
zitterte mit.
»Ich habe dich bewundert, Meisi, denn du bist sehr süß und kostbar, und
bist auch viel gescheiter, als du dich ausmachst, du Siebenschläfer. Und
hast mich auch namenlos erbarmt, weil du scheu und verlassen warst, wie
irgendein Waldtierchen, das eingefangen wurde und nur fortmöchte ins
Dunkel. Ach, du liebst nicht über dich zu reden, und wenn ich dich frug,
und war's auch noch so behutsam, da hast du nur gelächelt, wie gequält.
Aber ich habe dich besser verstanden, als du weißt, und du hast niemand
so angehört, wie du mein eigen warst. Und darum weiß ich, daß du
eine Eigenschaft hast, gegen die ich machtlos bin; es ist eine seltsame
Trägheit, wenn sich's um dein eigenes Glück handelt, und daß du nicht
kämpfen magst um irgend etwas. Lächelst hinauf und denkst: Ja, der
schöne Apfel, wenn er doch herunterfiele ... aber es wird ja doch nicht
geschehen! Nicht weh tun, warten, gegen alle freundlich sein -- ja,
Meisi, du brächtest es fertig, gegen den Henker freundlich zu sein. Und
unterdessen rinnt das Leben vorbei. Wenn ich wüßte, daß du irgend etwas
hättest, eine Arbeit, ein Ziel, etwas, das dich frei und mutig macht, und
müßt' ich dich dadurch erst recht verlieren, dennoch Meisi, dennoch ...
Aber ich weiß, daß dir nichts bleibt als Kälte und Leere, und wenn du
dich hineinfindest, das ist erst recht traurig. Aber eins hast du, haben
wir, unseren Schmerz, niemand darf die Hand dran legen, heut ist er noch
unser, gehört uns ganz allein, und darum müssen wir voneinander gehen, wo
alles noch ganz kostbar ist und es uns so furchtbar wehtut.«
Ein stärkerer Hauch trieb den Resedaduft ins Zimmer, man hörte fernes
Räderknirschen, ein Hund bellte irgendwo ... es war so still, wie
verzaubert. Der Mann fuhr sich über die Stirn und wandte sich zum Fenster;
denn es schluchzte etwas in ihm auf, und er mußte das erst zur Ruhe
bringen. Meisi kroch noch mehr zusammen, machte sich ganz klein wie ein
krankes Kätzchen. O wie grauenhaft alles doch war! Sie hatte nicht alles
verstanden, aber etwas Kaltes saß ihr in der Brust und dehnte sich, wurde
immer größer, und die Füße waren ihr wie zerschlagen. Wenn er sie doch
chloroformieren möchte und in einen Wagen packen, nichts fragen, nichts
sagen, und am nächsten Morgen würde sie an seinem Herzen aufwachen,
irgendwo über der italienischen Grenze, wo es ganz heiß war und die
weißen Häuser schliefen und die Zikaden in den Bäumen sägten! Wo man
den Tag verschlief. Wenn er sie doch ganz rasch nehmen wollte oder ihr
einen Schlag vor die Stirn geben, daß sie die Besinnung verlöre und gar
nicht sagen könnte: »Ich will«, oder »Ich will nicht«; wie man
Tiere betäubt vor dem Töten. Aber er war seit acht Tagen so anders,
nachdenklich und freudlos, seit sie ihm gesagt, Emmo käme her; es würde
wohl alles recht schwierig sein; besser, er machte zunächst eine Bergtour,
aber sie würde schon alles einrichten, auf keinen Fall dürfe er _ganz_
weg, das hielte sie nicht aus. Wie er sie da angesehen hatte -- ganz
fremd war sein Gesicht geworden. Und seitdem hatte er ein-, zweimal von
Entscheidung gesprochen, von Wahrheit, von einem tiefen Schnitt; und den
sollte sie tun. Und das konnte sie doch nicht. Lieber tausend Lügen als
eine solche Grausamkeit. Begriff er's denn nicht, wie nötig sie daheim
war? Ob er erwartete, daß sie ihm das erklären sollte? Sie konnte doch
von »dort« mit ihm nicht reden. Ach, warum verstand er sie nicht! War
denn in der Liebe immer ein Teil Tortur? Konnte man sich nie dehnen und
alles vergessen? Manche Namen, wie sollte sie die vor ihm aussprechen!
Vergaß sie doch am liebsten, daß es für sie ein Zuhause gab, jetzt, wo
dies kleine, hellgetünchte Zimmer ihr Heimat geworden. Aber nun sah sie
alles deutlich: den armen, jähzornigen Menschen, der es so gar nicht
verstand, mit anderen auf die Länge auszukommen, die Schwägerinnen,
zarte, verblühte Mädchen, die auf so viel verzichtet hatten ihm zuliebe
und auch ihr; und dann war da ihr eigenes Vermögen, es war im Gut
verbuttert worden während der letzten, schlechten Jahre; Emmo würde es
herauszahlen, »ihr vor die Füße werfen«, ja, so würde er sagen,
und dann brach alles zusammen. Das alte, einstöckige Haus, jetzt im
Spätsommer sah's so wohlwollend aus, wie eine alte Frau, die in der Sonne
sitzt und in allen Runzelchen lächelt. In den Lindengängen war es so
still, und im Blumenrondell duftete das Heliotrop einsam in der Sonne. Die
Blumen kamen dankbar in dem leichten, sandigen Boden; die Zimtnelken in den
Rabatten, in allen Farben, und Skabiosen, wie große Brombeeren; kleine,
stahlblaue Schmetterlinge flogen drüber hin in der klaren Septemberluft.
Am Haus die großen Fuchsienbüsche in den grünen Holzkübeln, sie waren
der Stolz der alten Frau gewesen. Ach Gott, ja, die Gräber im Park, in den
Birken ... der Wald fing gleich dahinter an mit seinen riesigen Föhren und
Ameishaufen. Manchmal saßen Eichkatzen auf den Grabsteinen. Ja, das war
Emmos Heimat, und auch Freda und Mariagnes waren dort aufgewachsen. Das
mußten sie doch behalten, den großen Saal oben, wo es so hallte, wo noch
die Efeulauben standen, in denen die Schwägerinnen ihre Puppenkaffees
gegeben hatten; Freda von kleinauf kränklich, und Mariagnes? So eine arme,
verbitterte Hofdamenexistenz, Gradnitz bedeutete ihre ganze Jugend, ihr
letzter Ehrgeiz, das Spalier, an das sich ihr blasses Wesen anklammerte.
Nein, nein, es war alles Unsinn; fast wallte Zorn in ihr auf, daß Gerhart
von dem tiefen Schnitt gesprochen, als sei es denkbar. Nur nicht grausam
sein, nur das nicht. Nachher kam das Mitleid, diese bohrende Qual, und
machte alles zunichte.
Aber er -- still und ernsthaft dort am Fenster; und »nicht lügen«
las sie auf seinem Gesicht. Ja, das war so seine Art. Er vertrug nichts
Schiefes in sich, ebensowenig wie ein schiefhängendes Bild an der Wand.
Die Tischdecke mit dem häßlichen Muster hatte er gleich hinausgeworfen,
als sei's ein Feind. So wollte er auch nichts, das ihm ihrer Seele Bild
verdarb. Ach, was ging sie ihre Seele an! Da war ja so ein Spruch, von der
Seele, an der man Schaden nimmt, und wenn man auch die Welt gewönne. Sie
wollte die Welt gewiß nicht gewinnen, aber um ihre Seele sorgte sie sich
nicht. Vielleicht hatte sie gar keine. Nur ein Herz, und das tat ihr weh.
Wie doch die Menschen verschieden liebten. Nicht besser, nicht schlechter,
nur _verschieden_. Ihr war alles so einerlei. In einem Keller, mitten
zwischen Kohlen und alten Fässern und Kisten würde sie ihn getroffen
haben und geküßt und gemeint, es sei das Paradies um sie her! Und ebenso
würde sie das andere ertragen haben und, wenn's nicht anders ging, auch
Lug und Trug. Aber er litt darunter, er wollte nichts Blindes, Unreines; so
oder so, da war kein Mittelweg. Und deshalb mußte er nun fort, mußte ihr
das antun, daß ihr ganzes Leben auf einmal schwer und grau wurde, viel
grauer als früher, ehe sie ihn gekannt. Ach, es _konnte_ ihm nicht so weh
tun wie ihr, sonst blieb er eben, oder er kam bald wieder, oder irgendwas
-- aber so -- auf Niewiedersehen? Nicht so weh? Nein, im selben Augenblick
bat sie ihm den Gedanken ab: der Ausdruck in seinen Augen ...
Morgen ganz früh ging er wohl, oder schon heute abend. Besser heute abend.
Wie wär' es auch zu ertragen, noch einmal, zum letztenmal, im Speisezimmer
zu sitzen, die Kehle voll Tränen, und sich Brot anbieten und die
Speisekarte weitergeben; das Bild von Wilhelm Tell im Kreise der Seinen,
über das sie so oft gelacht, an der Wand gegenüber, und das offene
Fenster mit der Aussicht auf die verglühenden Berge ... wie gräßlich
alles -- oh, zum Sterben ...
Wie sehr hatte sie dieses Land geliebt, ach, alles darin, an seiner
Hand. Gleich anfangs, als es noch neu und überraschend war, die Wege
wie Rätsel, so verlockend; immer höher hätte sie steigen mögen, an
schwierigen Stellen half er ihr und lachte, und sie wünschte sich heimlich
viel schwierige Stellen, weil er ihr dann die Hand gab, seine starke, warme
Hand. Wie wonnig war's, wenn dann nach dem Steigen der Pfad am Berggrat
eben entlang ging. Man schritt aus, so rasch und gesund, jede Sehne spannte
sich, jedes Gelenk freute sich, bei jeder Biegung des Wegs war es, als
trete man auf eine Brüstung mit neuem, verändertem Ausblick. Wie sich die
Wolken im Tal verfingen, wehende Reitermäntel! Die Herdenglocken läuteten
durch den Nebel. Durch verwitterte Dörfer kamen sie, so totenstill; die
Leute alle fort beim Heuen, nur einsame Katzen vor verschlossenen Türen.
Aber wo immer ein kleiner Platz war, da schattete ein Nußbaum, und
darunter war der Brunnen -- fließendes Bergwasser, stählern, eiskalt,
unerschöpflich. Wie frisch und wasserklar war auch ihre Liebe auf diesen
Wanderungen. Etwas Brüderliches war im Zusammenschreiten, Brudergefühl
mitten in all der heftigsten Zärtlichkeit; ein Verstehen, als hätte man
sich von Kind auf gekannt. Ja, sie brauchten einander nichts zu nennen, ein
Blick, ein Aufleuchten, und die Schönheit dieses geliebten Landes schien
sich zu weiten, sie zu umfangen und näher zusammen zu drängen mit froher,
zwingender Gewalt. Oh, du tiefe, himmlische Gesundheit erwiederter Liebe!
Aber einmal hatten sie sich doch gezankt. Damals, beim Photographieren.
Da war eine Bauernfrau, sie wollte ihre Kinder so schrecklich gern
photographiert haben, und Meisi stellte sie zusammen, auf den Stufen vor
der Haustür. Die Mutter band ihnen saubere Schürzen um und flocht
dem kleinen Mädchen die Zöpfe. Und sie freuten sich so und waren ganz
verschämt vor Stolz, und Meisi mußte ihnen versprechen, ein Bild zu
schicken, natürlich nur, wenn sie nicht gewackelt hätten -- und die Frau
diktierte umständlich Namen und Adresse. Dann aber, als sie weitergegangen
waren, hatte sie ihm eingestanden, der Film sei ja schon zu Ende gewesen,
aber sie hätte der Frau doch die Bitte nicht abschlagen können, und
die Freude hätte sie nun doch gehabt. Da lachte er, aber es hatte ihn
verdrossen, und er sagte etwas, das sie furchtbar ärgerte.
Doch solcher Streit war bald verflogen. Dazu war alles viel zu schön; das
Bergwasser, die prickelnde Luft und der Atem der Wiesen, tanzendes Licht
und tanzende Schatten! Und sie zwei, sie zwei, ganz allein mitten drin!
Blauer Enzian! Hochstengelig, am Waldrand gewachsen! Wenn man hineinsah in
die Kelche -- wurde man selbst zur Biene, zur wohlig saugenden. Ach, und
später dann, ein Stübchen, ein weißgetünchtes, dorthin gingen die
Gedanken, atemlos, und standen still ... da war ein tannener Tisch und der
Krug mit den scharf gezackten Blüten darauf; wie sie erst ertranken in der
Dämmerung und später dann, als das Licht brannte, ihr Schatten erwachte
auf der kahlen, reinen Wand!
An jenem Abend waren sie, nach stundenlanger Wanderung, in dem kleinen
Gasthaus eingekehrt, das sich mit seiner Front über dem Berghang erhob,
an dem das verwitterte Dorf hinunter kroch im Zickzack, an steiler,
gepflasterter Straße entlang: Häuser mit uralten Schindeldächern,
kleinen Terrassen und blumenbunten Altanen, Brunnen, wo Frauen Salat
wuschen und Kühe tranken, stöhnend vor Behagen. Am einzigen, ebenen
Platz lag die Posthalterei und, etwas erhöht, die kleine Kirche mit
ihrem Gräbergarten, wo die Toten in einer Wildnis von Rosenbüschen
und Butterblumen, zitterndem Hafer und flatterndem Mohn, beim Klang der
Posthörner eine frohmütige Ruhestatt hatten.
Aber Meisis Zimmer sah nicht auf das Dorf hinab, ihre Fenster waren auf der
Rückseite des Hauses. Dort lag eine weite Wiese, die sanft abwärts glitt
in ein anderes, unsichtbares Tal. Da war alles weiß von wildem Kümmel,
und wie dann der Mond hinter dem Lärchenwald aufging, glitzerten die
flachen Dolden wie Rauhreif; man hätte sich gescheut hinauszutreten,
diesen Zauber, diese Heiligkeit zu durchkreuzen.
Meisi hatte auf der Fensterbrüstung gesessen, er hinter ihr. Daran will
ich denken, wenn ich nicht aus und ein weiß, wenn mich der Kopf brennt,
dachte sie, und dann hatte sie sich zurückgelehnt und ihren Kopf in die
kleine Mulde gelegt, zwischen seiner Schulter und Brust; da lag sich's
still und sicher, und sein Herzschlag ging stark und ruhig. »Nun bin ich
ein kleines braunes Haus,« hatte sie gesagt, »und deine Schulter ist die
Bergwand, und deine Stirn ist der Gipfel, und nun sollst du sagen: Frieden
über dem kleinen Haus!« Wann war das gewesen? Vier Wochen, nicht mehr?
Wann hatte sie ihn denn _nicht_ gekannt? War's möglich, als sie ganz klein
war, mit einem Korallenkettchen und einer seidenen Masche im Haar, da ging
er schon irgendwo in die Schule, und später dann war er Student, und
eine Zeitlang lebten sie gar nicht weit voneinander und hatten doch nichts
voneinander gewußt. Und nun wußte sie nur noch von ihm und er war die
süße unbegreifliche Gegenwart; das Frühere ... ach, alles vergessen, so
ewig lang war das her!
Aber nun sollte es aus sein. Nie wollte sie die Berge wiedersehen. Ach, wie
furchtbar ist das in der Welt; mit dem Alter, muß man da immer mehr Umwege
machen, immer mehr Stätten meiden? Nein, wie ein Messer ins Herz würde
alles hier sein, wenn sie's je wieder sähe ... Auch Blumen gab es hier,
kleine braune Orchideen, die wie schwedische Handschuhe rochen und jetzt
eben, das Reseda, nach dem Gießen, und das Geräusch des eisernen Rechens
im Kies ... das war nun alles schon verloren, sie mußte es von sich tun,
sich nicht festklammern, nein, hergeben, hingeben, rasch, rasch. Sie wollte
nach Hause reisen gleich, morgen schon, irgendein Vorwand würde sich schon
finden. Denn Emmo durfte hier nicht her, nicht eine einzige Stunde. Wenn
sie es nun alles hergeben mußte, die Wege hier, die wollte sie allein mit
ihm gegangen sein, kein fremder Fuß, kein fremder Fuß ... Was hatte
er doch gesagt: »Unser Schmerz ist kostbar, niemand soll die Hand dran
legen.«
Ja, zu Haus würde es noch am besten sein. Pflichten sind ja auch ein
Schlafmittel. So eine Art Stundenplan wollte sie sich machen, Sophie sollte
ihr alles einteilen helfen. Morgens der Tee -- schrecklich -- aber es war
wohl am besten gleich von früh an; dann Emmo bei den Büchern helfen, es
war alles in Konfusion, und er dachte immer gleich, er würde betrogen.
Dann war Interview mit dem Vatikan (Herr und Frau Inspektor trugen diesen
Kollektivnamen), und da war auch zu begütigen, denn der Inspektor war
brummig und unfehlbar, aber er hatte schließlich doch immer recht, und
deshalb gerade konnte Emmo ihn nicht leiden. Dann ging sie wohl auch zur
Gemeindeschwester, die Kinder sangen so blöde Liedchen; es waren ein paar
dabei, die waren schön, mit langen Augenwimpern, aber sie durfte sich
ihre Vorliebe für sie nicht merken lassen, denn es waren die Kinder vom
polnischen Knecht, der immer betrunken war, und die Frau stahl wie
eine Elster ... Dann nachsehen, ob Freda alles hatte, was sie brauchte,
Mariagnes war versorgt, sie malte vormittags im Freien; ganz modern, lila
Ackergäule auf gelben Feldern, eigentlich paßte das gar nicht zu ihr ...
warum malte sie nicht all die süßen, stillen Blumen -- ganz genau,
wie sie waren -- meinte Meisi -- etwas Schöneres konnte man doch
nicht erfinden ... Mittagessen! O Gott, die Unterhaltung! Wie so ein
ausgeleiertes Dorfkarussell, man sieht denselben schäbigen Schimmel immer
schon von weitem kommen. Hinterher mußte Freda in der Veranda etabliert
werden, mit Memoirenliteratur, sie hatte eine Passion für Marie
Antoinette. Sophie machte den Kaffee mit ihren lieben, dünngearbeiteten
Händen. Später ausgehen mit Emmo oder fahren mit Mariagnes und Emmo, er
war bei allem dabei, was war zu machen; wie eine Stubenfliege, die sich
einem immer wieder auf die Nase setzt -- der arme Kerl. Zum Tee kamen
Pastors, und der Pastor redete über die Begehrlichkeit der unteren
Klassen, war dabei aber gutmütig und half ihr mit den Landstreichern, die
Emmo immer gleich dem Gendarmen ausliefern wollte. Die Pastorin war fein
und leise, sie sagte immer: »Mein lieber Mann«, aber sie hatte
ein Grübchen, wenn sie lächelte, wie herübergerettet aus ihrer
Jungmädchenzeit. Ihr kleines Töchterchen hatte sich so furchtbar
verbrüht und war gestorben unter entsetzlichen Qualen. Aber Sonntags saß
sie in der vordersten Bank und sah zur Kanzel auf und hörte all die Worte
mit blassem, geduldigem Gesicht ... Ob das wirklich ein Trost war? Manchmal
ging Emmo zum Förster, da brauchte sie nicht mit. Aber allein mochte
sie nicht sitzen. Sophie sollte kommen, ihr die Haare kämmen, das machte
schön schläfrig, oder sie wollten kramen, die Sachen der Schwiegermutter
waren noch immer nicht verteilt. Die Mahagonischränke seufzten beim
Öffnen, als sei's die alte Frau selbst ... Später am Abend saß man unten
im Gartensaal ... Nachtmotten schwirrten um die hohe Lampe, und Mariagnes
öffnete den alten Flügel und spielte das Frühlingslied von Grieg und
blieb im Mittelsatz stecken. Sie wollte lesen, sich Bücher kommen lassen,
über Chemie und Volksernährung, was hatte er doch gesagt: »Meine
Gedankenwelt, die dir fremd ist« -- Ja und dann, nachher ... Sophie sollte
bei ihr sitzen und von ihrer Kinderzeit erzählen, von der kleinen Stadt in
Friesland, bis sie einschlief ...