Von _Rich. Schlegel_

Was für ein Vogel ist das? wird mancher Leser fragen, dem auf seinen

Wanderungen Kohl-, Blau-, Sumpf- und Schwanzmeisen im Waldesgrün

liebe Weggenossen waren und durch ihr lebhaftes Wesen im Gezweig, am

Nistkästchen des Gartens oder am winterlichen Futterplatz oftmals seine

Aufmerksamkeit lebhaft fesselten. Im vogelstimmenärmeren, schweigsamen

Nadelwalde begegneten uns zuweilen auch im Verbande der zutraulichen

kleinen Vogelknirpse Goldhähnchen, Tannen- und Haubenmeisen als

charakteristische Erscheinungen, aber die Weidenmeise? Ich will den

Schleier, der sie dem Nichtornithologen verbirgt, ein wenig lüften,

einen kurzen Blick auf die Geschicke ihrer Vergangenheit werfen und

sie dem Naturfreunde und Wanderern im Hügel- und Berglande soweit

vorstellen, damit auch er sie kennenlernt und unsere Lücken in der

Kenntnis ihrer vaterländischen Verbreitung mit zu schließen in die Lage

versetzt wird.

Unser großer Chr. L. Brehm, der vielbefehdete Artzersplitterer, der

mit scharfem Blick seinen Zeitgenossen weit vorausgeeilt, war es,

der dem Studium des Vogelkleides in seiner Veränderlichkeit sein

bestes Können widmete, aber, und das war sein Fehler, geographische

und individuelle Veränderlichkeit nicht scharf auseinanderhielt.

So konnte, um nur ein Beispiel anzuführen, seine Dorfhaubenlerche,

~Galerita cristata pagorum~, gleichzeitig »bei Leipzig, Klagenfurth,

Lübs in Mecklenburg und in Ungarn« auftreten. Unser Altmeister war

es, der auch die Weidenmeise wie den kurzkralligen Gartenbaumläufer

als ausgezeichnete Arten erkannte und erstere in der Isis 1828

beziehentlich im Handbuch der Naturgeschichte aller Vögel Deutschlands

1831 unter den Namen ~Parus salicarius~, die Weidenmeise, in die

ornithologische Wissenschaft einführte. Nach ihm lebt der Vogel

»besonders an den mit Weiden besetzten Bach-, Fluß- und Teichufern«.

Mir wenigstens will es scheinen, als habe Vater Brehm außer acht

gelassen, daß die bezeichneten Aufenthaltsgebiete nur von angrenzenden

Nadelholzschonungen aus, und zwar gern besucht, aber als ständiger und

Brutaufenthalt kaum gewählt worden sein dürften. Wenn man als Ideal

erstreben muß, daß im Namen des Tieres in dieser oder jener Hinsicht

eine kurze Diagnose liege, dann erscheint mir der Name, wenigstens

für vaterländische oder andere mitteldeutsche Verhältnisse, soweit

ich sie kenne, nicht besonders glücklich gewählt zu sein. Er mag

für manche Gegenden – nach Kleinschmidt auch für die Rheingegend –

zutreffend sein, im Niederungsgebiete des Vaterlandes aber wird man

in Weidenpflanzungen oder an Bach- und Flußufern vergeblich nach

unsrer Meise Umschau halten. Da man die »neuen Arten« Vater Brehms

mit Mißtrauen betrachtete und feinere morphologische und biologische

Unterschiede wenig Geneigtheit und Verständnis fanden, hielt man es

nicht der Mühe für wert, der neuen Art weitere Aufmerksamkeit und

kritische Prüfung zuteil werden zu lassen. Erst den Forschungen der

letzten Jahrzehnte, insbesondere den ausgezeichneten, erschöpfenden

Arbeiten eines O. Kleinschmidt blieb es vorbehalten, den Vogel dem

Interesse des Fachornithologen näher zu rücken und ihm zu einer

glänzenden Auferstehung zu verhelfen, ihn mit der Zeit aber auch in

eine Menge mehr oder minder leicht unterscheidbare geographische oder

klimatische Rassen zu spalten. Seit das Rad ins Rollen kam, haben

die Fachgenossen ausnahmslos gerade diesem interessanten Vogel, dem

»winzigen ornithologischen Edelwilde«, wie es Kleinschmidt einmal

voll Begeisterung nennt, ihre ungeteilteste Aufmerksamkeit und

fleißige Feder gewidmet. So ist heute, dem Fachornithologen, dem

Systematiker und Biologen gleichwichtig, die Weidenmeise eine bekannte

und ausnahmslos anerkannte Art, deren Schriftentum, gesammelt, dicke

Bände füllen würde. Aber auch im Kreise der Vogelkundigen, wollen

wir sie trotzdem nennen, dürfte doch mancher Fachgenosse sitzen, dem

das Freileben, die Kenntnis der Art überhaupt, ein Buch mit sieben

Siegeln blieb. Was mag der Grund hierfür sein? Man hielt Sumpf- und

Weidenmeise für ein und dieselbe Art. Ich darf wohl unsere Sumpfmeise

~Parus palustris communis Bald.~ im grauen Röckchen, mit dem glänzend

tiefschwarzen und sich über den Nacken herabziehenden Scheitelfleck

und den weißen Wangen als bekannten Vogel voraussetzen. Dieser Art nun

sieht unsere Weidenmeise außerordentlich ähnlich, aber die Kopfplatte

ist glanzlos und mattschwarz, mit einem Stich ins Bräunliche und

weich im Ton. Der Schwanz (Stoß) ist deutlich und tiefer gestuft, die

weißen Wangen mehr sich abhebend und weiter seitwärts ziehend. Die

Schwingen zweiter Ordnung sind mit breiten grauen Säumen ausgestattet,

auf dem zusammengelegten Flügel einen deutlichen schmalen Längsfleck

bildend. Das sind nur die am meisten hervortretenden Artunterschiede.

Wer »Glanz-« und »Mattkopfmeise«, die Vertreter zweier morphologisch

und biologisch streng geschiedener, ausgezeichneter Formengruppen

nur einmal nebeneinander verglichen, der wird sich schwerlich jemals

wieder in der Bestimmung eines Stückes irren können. Aber im Freileben,

im Dunkel oder Zwielicht des Gezweiges, im hastigen Vorwärtseilen

der flüchtigen, von Strichunruhe ergriffenen oder den Blick des

Beobachters scheuenden Vögel sind die Kennzeichen auch dem geschulten

Auge nicht immer einwandfrei erkennbar. Da hilft nun allein schon der

Lockton über alle Zweifel hinweg. Die Sumpfmeise sagt: tje tje, in der

Erregung wohl auch h’tje dededede. Die Weidenmeise ruft ein, auch dem

stimmlich weniger geschulten Beobachter sofort auffallendes gezogenes

und gepreßtes däh – dähdähdäh oder spizidähdähdäh. Dieser Laut ist es

immer, der mein ohne dies schon zu hastig pulsierendes Ornithologenblut

in noch raschere Wallung versetzt, da er mir immer die sicherste Gewähr

dafür bietet, daß ich meinen gesuchten Freund in sicherer Nähe weiß.

Im Interesse einer geneigten Mitarbeit zum Zwecke der Festlegung

weiterer vaterländischer Örtlichkeiten, wo die mattköpfige Meise

heimatet, will ich noch in aller Kürze der als Aufenthalt bevorzugten

Geländeart und bereits bekannten Fundorte gedenken. Ich kann mich

dabei um so kürzer fassen, als ich hierüber, sowie über weitere

Resultate meiner letztmaligen Erzgebirgsstreife, die ich ausschließlich

für diesen Zweck unternahm, in einer ornithologischen Fachzeitung

ausführlicher berichten werde. Sicher ist unsere Meise, eine

borealalpine Art, vom Hügellande bis zur Kammhöhe der sächsischen

Gebirgszüge herauf, falls geeignete pflanzliche Formationen vorhanden,

eine gewiß nicht seltene, aber immer nur mehr einzeln und zerstreut

auftretende Art, die an Nadelholzformationen, beziehentlich Mischwald

gebunden zu sein scheint. Ob Kiefernschonungen allein eine besondere

Anziehungskraft auf sie auszuüben vermögen, wie ein befreundeter

vaterländischer Forscher anzunehmen geneigt ist, glaube ich nicht.

Soweit ich den »Bayrischen Wald« kenne, war dies, bei gänzlichem

Zurücktreten der Kiefer, hier ebenfalls nicht der Fall. Das Innere

geschlossener und gleichgearteter, besonders dichter, ungegliederter

und zusammenhängender Wälder meidet sie; das muß sie schon ihres

Namens wegen! Wo sich die Ränder solcher Bestände aber lichten und

in einzelne Baumgruppen verschiedenen Alters oder verschiedener

artlicher Zusammensetzung nach freiem Gelände hin auflösen, das mit

Buschwerk umrahmt ist, Laubbäume einzeln oder in Reihen bietet und

des Wassers nicht entbehrt, da darf man schon nach unserm Vogel

Erfolg versprechende Aus- und Umschau halten. Mittelhohe lichte

Schonungen und deren Ränder, gleichviel ob auf ebenem, hügeligem

Gelände oder steilem Hang, mit Laubholz- oder Buschwerkstreifen,

mit anschließenden oder eingreifenden Ufern und Rändern, Wiesen-

und Feldkulturflächen, also recht wechselvolles Gelände, wie es

Strecken mit Bauerwäldern verschiedener pflanzlicher und pfleglicher

Beschaffenheit und verschiedenen Alters zeigen, scheinen unserm Vogel

am meisten zuzusagen. Wenn die Erlkönigmeise, wie sie Kleinschmidt

in einer Monographie auch nennt, die Aufmerksamkeit des Menschen

auf sich gerichtet sieht, dann weiß sie sich meisterhaft nach den

schützenden Schonungen hin oder in die hohen Kronen zu drücken. Hier

hören wir wohl fortgesetzt oder auch mit längeren Unterbrechungen ihre

Lockrufe, aber immer versteht es der Vogel ausgezeichnet, sich vor

dem nach ihm ausspähenden Augen zu verbergen. Dabei ist die Eigenart

seines Wesens immer Unbeständigkeit und Unrast. Wenn man ihn einmal

aus den Augen verloren, und das geschieht nur zu oft bei einsetzender

Schweigsamkeit und im Verbande mit Goldhähnchen und anderem Meisenvolk,

dann kann man sich stundenlang im Suchen üben, findet aber den Vogel

nach dem Locktone immer wieder an bestimmten Stellen, wo man mit ihm

bereits einmal zusammentraf. Das sind immer Feierstunden eigener Art

für mich, wenn ich, mit mir und der Natur ganz allein im schweigsamen

Waldesdunkel, fern vom Treiben einer entsittlichten Welt, am Born

der Gottesnatur aus vollen Zügen schlürfen und an ihren Geschöpfen

erlauschen darf, was mir daheim am Arbeitstisch das Buch versagt. –

Wie die zwei Stücke der Dresdner Landessammlung beweisen, wurde die

Weidenmeise 1903 erstmalig für Sachsen nachgewiesen, und zwar für

die Gegend von Königsbrück. 1916 bis 1918 stellte ich ihr Vorkommen

mehrmalig für die Umgebung von Hohenstein-Ernsttal fest. 1918 konnte

sie ferner Heyder bei Rochlitz und Oederan beobachten. Nach Heyder wies

Mayhoff die Weidenmeise an drei verschiedenen Stellen der sächsischen

Lausitz nach. 1917 fanden sie Uttendörfer und Kramer um Herrnhut

und Niederoderwitz. 1919 machten Schelcher und Stresemann darauf

aufmerksam, daß unsere Meise in den Wäldern um Aue und Schneeberg

keine allzuseltene Erscheinung sei. Während der Michaeliswoche 1921

folgte ich zunächst den Pfaden Stresemanns und fand die Angaben

beider Forscher für die genannten Orte in jeder Hinsicht bestätigt.

Als weitere Orte ihres Vorkommens konnte ich, kammwärts wandernd, das

Floßgrabengebiet bei Albernau und Auerhammer meinen Aufzeichnungen

einfügen. Im Filzteichgebiet und den Wäldern vor Hundshübel und

Burkhardtsgrün konnte ich keinerlei Erfolge buchen. Nach zweitägigem

Suchen in den Wäldern zwischen Elterlein und Scheibenberg, sowie in

dem Waldbestande des Berges selbst, traf ich unsern »Mattkopf« auch

hier wieder an. Wie ein Blick auf die Karte Sachsens lehrt, klaffen

noch weite Lücken in der Kenntnis der Verbreitung der Weidenmeise

auf vaterländischem Boden. Ich möchte am Schlusse meiner kurzen

Ausführungen wandersfrohen Naturfreunden die Bitte ans Herz legen, bei

gegebenen Gelegenheiten dem interessanten Vertreter vaterländischer

Tierbesiedlung ihre Aufmerksamkeit nicht zu versagen, gewonnene

Resultate zu veröffentlichen oder dem Verfasser zum Zwecke einer

Gesamtbearbeitung zu überlassen. Ich darf heute schon die Versicherung

geben, daß eine diesbezügliche kleine Mühe und Unbequemlichkeit sicher

und reichlich die schönsten Früchte zeitigen werden.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 4-6 · 第 52 / 65 题