Die Berankung von Gebäudeschauseiten stellt eine freundliche Zutat
der Bauwerke dar, die deshalb überall großen Beifall findet, weil
sie alten unansehnlichen Gebäudemauern und schmucklosen Hauswänden
ein schönes Aussehen verleiht. Der letzterwähnte Umstand wird ja
einstimmig anerkannt, dagegen ist man über den praktischen Wert ganz
verschiedener Meinung. Während nämlich von einer Seite behauptet
wird, durch die Berankung werde dem Bauwerk Feuchtigkeit zugeführt,
behauptet die andere Partei das Gegenteil, das heißt die Feuchtigkeit
würde dem Bauwerk durch die Wurzeln der klimmenden Pflanzen entzogen.
Je nach Lage des Falles können beide Parteien im Recht oder auch im
Unrecht sein. Praktisch betrachtet wird ein Bauwerk, das an sich
infolge unsachgemäßer Ausführung Feuchtigkeit besitzt, durch die
Berankung niemals trocken werden. Anderseits kann aber auch in ein
sonst gut trockenes Bauwerk durch die Berankung niemals Feuchtigkeit
hineingetragen werden. – Die Behauptung, Kletterpflanzen tragen
Feuchtigkeit in das Bauwerk, ist nur dann zutreffend, wenn es sich um
Mauerwerk aus minderwertigem Mörtel und aus wenig gebrannten Ziegeln
handelt beziehungsweise wenn der Putz auf seiner Oberfläche Spalten
und Risse aufweist. In letztere dringen nämlich die Wurzeln ein und
führen zuweilen eine Zerstörung des Putzes herbei. Bei sachgemäß
ausgeführtem, aus guten festen Baustoffen bestehendem Mauerwerk hat
die Berankung stets günstige Erfolge gezeitigt. Denn Efeu und andere
Schlinggewächse wuchern schon seit Jahrhunderten an den Gebäuden empor,
und nur selten sind Klagen laut geworden, die den Efeu als nachteilig
bezeichnen. Gerade die Efeublätter legen sich schuppen- beziehungsweise
dachziegelartig dergestalt übereinander, daß Regen und Schnee ohne
weiteres an das Bauwerk überhaupt nicht gelangen können. Erreicht die
Feuchtigkeit aber trotzdem das Mauerwerk, so wird sie vom Efeu sehr
bald wieder herausgezogen. – Wer besonders vorsichtig sein will, kann
bei vorhandenen, älteren, gut ausgetrockneten Bauwerken die Nord- und
Ostseite nur mit solchen Pflanzen beranken, die eine weniger dichte
Hülle darstellen; die West- und Südseite dagegen kann bedingungslos
eine dichte Berankung, unmittelbar am Erdboden beginnend, erhalten.
Bei neuen Gebäuden empfiehlt es sich, zunächst eine Berankung der
Süd- und Westfront vorzunehmen. Erst später, d. h. nach gründlicher
Austrocknung, kann man die nördliche und östliche Seite beranken,
und zwar in der Weise, daß die Belaubung etwa vierzig bis sechzig
Zentimeter über dem Erdreich beginnt, damit die Sonne und die Luft
ungehinderten Zutritt zu den Fundamenten des Gebäudes erhalten.
Zu den bei uns am meisten in Betracht kommenden Rankengewächsen gehört
Efeu, wilder Wein, Glyzina, Waldrebe (Klematis), Ampelopsis-Veitchi,
Ampelopsis-Engelmanni, Pfeifenkraut (Aristolochia), rankende Rosen,
Rosen von Jericho (Lunicera) und Hopfen.
Der Wanduntergrund, d. h. also der Putz beziehungsweise die Fugen
müssen recht widerstandsfähig sein, damit den Wurzeln nicht die
Möglichkeit zum Eindringen gegeben wird. Als Wandputz eignen sich feste
Putzmassen mit Quarz- oder Porphyrzusatz, hellfarbiger Edelsteinputz
wie Terrasit und dergleichen. Efeu bevorzugt übrigens den Kalk als
Nährboden, was ja bei seiner Abstammung aus der immergrünen Zone des
Mittelmeergebietes leicht verständlich erscheint.
Neben Efeu und wildem Wein verdient der Selbstklimmer
Ampelopsis-Veitchi insofern besondere Beachtung, als sich bei diesem
niemals abstehende Zweige entwickeln, vielmehr greifen dieselben
mitsamt den Blättern immer dachziegelartig übereinander und beschützen
somit das Gebäude gegen die Unbilden der Witterung. Die Blätter fallen
allerdings im Herbst ab, so daß die Wände nur mit dem Gerüst der jungen
Triebe bedeckt sind.
Efeu gedeiht an der nördlichen Hauswand vortrefflich und stellt
auch an die Bodenbeschaffenheit keine besonderen Ansprüche. Bei
den alten Lehmhäusern kann man oft beobachten, wie gerade der Efeu
den Gebäudewänden und dem Dache einen Schutz und dem Ganzen ein
freundliches, heimisches Aussehen verleiht. Efeu bietet nicht nur
dem Wind und Wetter einen bedeutenden Widerstand, sondern auch der
Wärme und Kälte und sorgt somit für eine genügende Trockenhaltung
der Wände. Dadurch, daß die Efeublätter von der Sonne stark erwärmt
werden und diese von den Blättern aufgesaugte Wärme nach oben steigt,
sich also auch den Wänden mitteilt, werden letztere trocken und warm
gehalten. Wenn eine hell gestrichene oder geputzte Wand im Sommer die
Wärme zurückwirft, im Winter aber die Kälte und Feuchtigkeit an sich
zieht, so tritt auch hier wieder der Efeu vermittelnd ein, indem er
einen wohltätigen Einfluß auf die Mauern ausübt, damit diese nicht
dem vorzeitigen Verfalle anheimfallen. Die im Erdreich befindliche
Feuchtigkeit, die sich unter gewöhnlichen Umständen den Fundamentmauern
mitteilen würde, saugt der Efeu, der zu seiner Entwicklung selbst viel
Wasser benötigt, auf.
Wenn nun hier für die Berankung der Gebäudewandflächen eingetreten
wird, so soll damit nicht gesagt sein, daß dies für jedes Haus ohne
Ausnahme geschehen soll. Ein altes Sprichwort sagt: »Allzuviel
ist ungesund.« So auch hier. Bei weniger schönen Bauwerken ist die
Berankung deshalb sehr am Platze, weil die häßlichen Bauteile auf
diese Weise den Blicken entzogen werden, wodurch das Bauwerk an
Ansehen gewinnt. Dagegen wäre die Berankung schöner Architekturteile,
wie Ornamente, Pfeiler, Jahreszahlen, Schriften und dergleichen eine
ganz verfehlte Maßnahme, von der unbedingt abzuraten ist. – Für die
Berankung kommen nicht nur Wohnhäuser in Betracht, sondern auch die
kahlen Wandflächen von Scheunen, Schuppen, Fabrikgebäuden und Ställen
können auf diese Weise eine ganz bedeutende Verschönerung erfahren.
Natürlich bringt die Gebäudeberankung auch Nachteile mit sich, die
nicht verschwiegen werden dürfen. So kommt es nicht selten vor, daß
sich in dem dichten Gestrüpp und Blätterwerk das Ungeziefer, wie
Fliegen, Mücken, Spinnen, Mäuse, Spatzen und dergleichen einnistet, was
mitunter für die Bewohner insofern eine üble Plage bedeutet, als diese
Tiere sehr leicht in die Wohn- und Vorratsräume eindringen können.
Durch sachgemäße Vorkehrungen lassen sich indes derartige Übelstände
wirksam verhüten beziehungsweise vermindern.
Eine andere Verschönerung der Gebäudeflächen, mit der gleichzeitig ein
guter Nutzen verbunden ist, läßt sich durch Anlage von Spalierobst
erzielen. Als Spalierbäume kommen Apfel-, Birnen-, Pfirsich- und
Aprikosenbäume in Betracht. Die Früchte der Spalierobstbäume sind
schöner und schmackhafter als diejenigen der freistehenden Bäume.
Seitdem man allgemein die hohe volkswirtschaftliche Bedeutung des
Spalierobstbaues erkannte, hat derselbe in den letzten Jahren
eine gewaltige Erweiterung erfahren. Es ist festgestellt, das ein
Quadratmeter Spalierobst jährlich eine ansehnliche Summe Nutzen
abwirft. Die Befürchtung, daß die Wurzeln der Spalierbäume schädlich
für das Fundamentmauerwerk sind, ist deshalb grundlos, weil sich
dieselben nicht nach den Fundamenten zu, sondern in entgegengesetzter
Richtung entwickeln. Deshalb können auch gutgepflegte Hausspaliere
weder dem Bauwerk noch den Bewohnern irgendwelchen Schaden zufügen.
Da nun bei der Besprengung der Bäume das Wasser in die Mauer
eindringt, so empfiehlt es sich, letztere besonders zu schützen, was
unterhalb des Erdreiches durch Bestreichen mit Gudron und oberhalb
mittels hellfarbigen Pixols oder dergleichen erfolgen kann. – Die
Spaliergestelle bestehen aus tunlichst senkrecht angeordneten,
gehobelten und gefasten Latten, deren Entfernung untereinander etwa
dreißig Zentimeter beträgt. Das ganze Gestell soll man möglichst
abnehmbar einrichten und so anbringen, daß es etwa zehn Zentimeter von
der Wand entfernt ist. Die Anordnung von wagerechten Spalierlatten
ist nach Möglichkeit einzuschränken, weil auf deren oberer Fläche die
herabfallenden Blätter liegenbleiben und bei dem Hinzutreten von Regen
sich feuchte Stellen bilden, welch letztere immerhin schädlich auf das
Bauwerk einwirken können.
(Aus dem Zentralblatt für das Deutsche Baugewerbe.)